KISS sagen Ade

von Oleksander Petrov

KISS sagen Ade

Ein 9-jähriger Junge mit Zahnlücke und Kassengestell steht an einem heißen Sommertag in einem Mannheimer Arbeiterviertel an einer Ladenkasse und kauft sich aus seinem Angesparten – ein paar Münzen Deutsche Mark – eine Kassette.

Nicht nur irgendeine Kassette, sondern die erste Kassette seines noch jungen Lebens. Nicht, dass er bereits einen bewussten Musikgeschmack hätte, nein. Er ist musikalisch ja noch nicht im geringsten sozialisiert. Aber diese Kassette hat es ihm irgendwie angetan. Diese kontrastreiche Farbgebung, die merkwürdigen, geheimnisvoll-gefährlich, aber auch irgendwie anziehend aussehenden Maskengestalten, die aufregende Schrift, dieser kurze, prägnante Name… KISS!

Zu Hause in seinem kleinen Dachzimmerchen schiebt der Dreikäsehoch die Kassette in seinen brandneuen roten Nordmende Kassettenrekorder. Gespannt drückt er auf „Start“ – und es ertönen die ersten Takte einer komplett neuen Welt, die sein Leben verändern sollte: „I’m a legend tonight“.

„I’m a legend tonight“

Er kann die Worte dieser fremden Sprache noch nicht verstehen, aber der Klang des Gesangs und der Musik resoniert und fasziniert. Sofort ist der Junge Feuer und Flamme für diese neue Sinnes- und Gefühlserfahrung. Ohne es zu verstehen, transportiert diese Musik Selbstvertrauen, Kraft und Rebellion in ihn, diesem Gastarbeiterkind, das nicht wenig unter der cholerischen Fuchtel seines dominanten und narzisstischen Balkanvaters steckt.

Und so war KISS der Zündfunke der Entwicklung zur nach und nach jugendlichen Persönlichkeit, die rebellierte, sich selbst behauptete, die Masse mied und hinterfragte, sich an stupiden Regeln und Ungerechtigkeiten rieb, sich in Musik und Bücher stürzte und sie verschlang, und mit jedem Familienurlaub die fremden Welten im Balkan, in Österreich, Frankreich und Italien mit großen Augen aufsog.

So war das also, Anfang der 1980er Jahre.

KISS-Abschiedstournee

Heute, genau 40 Jahre nach dem Kauf dieser Kassette, sah ich KISS zum ersten und zum letzten Mal in meinem Leben live. Es ist ihre Abschiedstournee, nach über einem halben Jahrhundert im Musikbusiness, die Masterminds Gene Simmons (mein damaliges Idol) und Paul Stanley gut in ihren 70ern. Natürlich gab es Feuer und Explosionen, Blut wurde gespuckt, jeder bekam sein Solo und die Gitarren wurden ständig gewechselt, wie es sich für richtige Rockstars gehört.

Für mich war es aber eher ein nostalgischer Akt, eine Art Reverenz erweisen und Abschied nehmen, denn eine bierselige Party zum Abrocken. Man merkt der Band ihr Alter an, die vielen Jahre mit den immer gleichen Songs und Bühnenbewegungen. Im Grunde stehen da vier geschminkte Opis in 20 Kilogramm schweren Stiefeln im heißen Scheinwerferlicht und werden von rechts und links mit Flammen traktiert während sie versuchen, die jüngere Version ihrer selbst wiederzukauen. Es sah… müde aus. Und ich meine sogar hier und da Backing-Track support gemerkt zu haben, z.B. wenn der Gitarrensound sich nicht veränderte obwohl Paul kurz aussetzte.

Aber darum geht es ja auch nicht. KISS ist eine Legende und ein DNA-Bestandteil des 20. Jahrhunderts, und sie verabschieden sich nun. Ehrensache, dabei zu sein und den Kreis zu schließen.

Die Kassette gibt es noch, den kleinen Jungen nicht mehr, der ist jetzt fast 50, bekommt graue Haare und hat selbst seit langem Kinder. Der 6-jährige Junge mit Zahnlücke, aber ohne Kassengestell fand KISS interessant, aber auch „gruselig“, als ich ihm gestern ein paar Konzertausschnitte auf Youtube gezeigt habe. Immerhin. Aber er wird schon selbst zu seinem eigenen Musikgeschmack und seiner eigenen Rebellion finden.

Vorbild China: neuer Totalitarismus, Menschen ohne Eigenschaften und technokratischer Funktionalismus

von Dr. Winfried Knörzer

Vorbild China: neuer Totalitarismus, Menschen ohne Eigenschaften und technokratischer Funktionalismus

Nach dem Tode Maos hatte unter Teng Hsiao Ping und Hua Guofeng eine Entideologisierung und relative Liberalisierung eingesetzt. Nicht nur wurde durch die Einführung marktwirtschaftlicher Prinzipien ein echtes Wirtschaftswunder ermöglicht, sondern es wurden auch in gewissem Umfang bürgerliche Freiheitsrechte zugelassen. Insbesondere konnten die Chinesen sich in der Privatsphäre nahezu ungehindert frei entfalten, sofern damit nicht unmittelbar politsch relevante Sachverhalte berührt wurden. Eine ähnliche Entwicklung fand auch in Rußland statt.

Nach diesem Tauwetter ist das Klima unter Xi Jinping wieder eisiger geworden. Auch wenn sich hinsichtlich der Wirtschaft und im Bereich des privaten hedonistischen Konsums nichts geändert hat, so hat sich das Ausmaß sozialer Kontrolle beträchtlich verschärft. Paradigmatisch hierfür steht das geplante und in Teilen bereits realisierte bigbrotherartige elektronische Kontrollsystem. Sieht man von den Details der technischem Umsetzung ab, so besteht es inhaltlich in einem Kanon erwünschten Verhaltens, der eingehalten werden muß, um sozial akzeptiert zu werden. So neutral formuliert, hört sich dies nicht besonders bedenklich an, da ja auch formale Gesetze im Grunde nichts anders sind als ein Kanon erwünschten Verhaltens. Der Unterschied besteht in folgendem:

1. Die Regulierungen betreffen nicht nur nach allgemeinem Verständnis strafwürdiges Verhalten, sondern greifen weit in den vorjustiziellen Bereich des Sittlichen hinein. Mit anderen Worten: es werden Verhaltensweisen sanktioniert, die üblicherweise als unschicklich aber nicht strafwürdig gelten. An die Stelle informeller sozialer Ächtung durch die unmittelbar persönliche Umwelt tritt formelle Bestrafung.

2. Strafwürdiges Verhalten wird im nachhinein sanktioniert. Durch das System einer umfassenden Überwachung soll dagegen bereits der Ansatz zu strafwürdigem Verhalten beseitigt werden. Es soll also präventiv verhindert werden, daß es überhaupt zu sozial unerwünschtem Verhalten kommt.

Auch unter Putin in Rußland ist die ursprünglich im Rahmen von Perestroika erfolgte Ausdehnung des Freiheitsspielraums sukzessive zurückgenommen worden. Die Parallele zur Lage in der BRD drängt sich auf. In allen drei Ländern, China, Rußland, BRD, läßt sich eine Zunahme sozialer Kontrolle und damit einhergehend von Freiheitsverlusten beobachten.

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Der Liedermacher Hannes Wader wurde gestern 80!

von Hanno Borchert

Der Liedermacher Hannes Wader wurde gestern 80!

Hannes Wader, der „nationalrevolutionäre“ Liedermacher, der fast 15 Jahre der DKP angehörte, sich dann aber Mitte bis Ende der achtziger Jahre vom „real existierenden Sozialismus“ entfremdete und schließlich abwandte, ist für mich seit den siebziger Jahren einer der großartigsten Musiker in diesem Lande. Kaum ein anderer hat soviel für das traditionelle deutsche und plattdeutsche Volksliedgut, die 48er-Revolutionslieder und die Arbeiterlieder getan wie er. Was von vielen Konservativen und Rechten leider nicht erkannt wird. Aber bis heute haben weder Konservative noch Rechte aller Couleur es vermocht, einen entsprechenden Liedermacher, ein Duo oder eine Band hervorzubringen, die Wader auch nur ansatzweise das Wasser reichen können.

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Die Gruppe Ougenweide – Tanderadei, tanderadei, schon sang die Nachtigall

von Gerald Haertel

Die Gruppe Ougenweide – Tanderadei, tanderadei, schon sang die Nachtigall

Mint + Die alternative Scheibenschau

In dieser Rubrik werden Tonträger sowohl aus meiner eigenen, umfangreichen Schallplattensammlung als auch Neuerscheinungen vorgestellt.

Die in der Überschrift verwandte Bezeichnung „Mint“ stammt aus dem Englischen und ist international unter Sammlern ein anerkanntes Qualitäts- und Gütesiegel

zum Zustand der Platte und der dazugehörigen Hülle bzw. Verpackung. Wenn Sie hinter einem Angebot die Bemerkung m/m lesen, dann können Sie davon ausgehen, dass der angegebene Titel im einwandfreien Zustand ist. Mit einem angehängten Minus- oder Pluszeichen lässt sich das Ganze noch ein wenig ausdifferenzieren.

Wenn ich, lieber Leser, Scheiben älteren Datums vorstelle, empfehle ich, falls sie den Titel käuflich erwerben wollen, vorher ein wenig im Netz zu recherchieren. Meist findet man ihn für schmales Geld im oft sehr guten Zustand. Bei Neuheiten empfiehlt es sich sowieso, ein halbes Jahr zu warten, dann purzeln die Preise wie von selbst. Die Veröffentlichungsflut lässt aus ökonomischen Gründen gar nichts anderes zu.

Die Gruppe Ougenweide: Tanderadei, tanderadei, schon sang die Nachtigall

„Tanderadei, tanderadei, schon sang die Nachtigall“. Diese Textzeile ist mir immer noch im Ohr, wenn ich an die legendäre Volksmusikgruppe „Ougenweide“ denke. Obwohl sich die Gruppe vor über 30 Jahren aufgelöst hat, gilt sie immer noch als „Erfinderin“ des Minne-Rock und damit als Vorreiterin des heute üblichen Pagan-/ Mittelalterrocks von Bands wie etwa „In Extremo“ oder „Feuerschwanz“.

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Die kriegerischen Pazifisten: linke Lebenslügen und der entfesselte Bellizismus

von Dr. Winfried Knörzer

Die kriegerischen Pazifisten: linke Lebenslügen und der entfesselte Bellizismus

Obwohl ich durchschnittliche Filme schon nach wenigen Monaten völlig vergessen habe, was auch dazu führt, daß ich sie ein zweites Mal anschaue, was ich leider erst nach einiger Zeit mitbekomme, ist mir ein eher schlechter Kriegsfilm wegen seines ideologischen Hintergrunds in Erinnerung geblieben. In diesem spielt Robert Mitchum einen pazifizistischen Kriegsberichterstatter, der sich standhaft weigert, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Obwohl er dadurch öfters Konflikte heraufbeschwört, bleibt er seiner Gesinnung treu. Eines Tages gerät die Einheit, der er sich zum Zwecke seiner Reportagetätigkeit angeschlossen hat, unter den Beschuß zweier deutscher Scharfschützen, die sich in einem Kirchturm verschanzt haben, was, nebenbei bemerkt, wirkliche Scharfschützen niemals tun würden, da sie sich in einer solchen Stellung exponieren und sich von einer Rückzugsmöglichkeit abschneiden. Nachdem einige Kameraden getroffen wurden, schnappt er sich eine MPi, schleicht sich an den Kirchturm heran und tötet die beiden Deutschen.

Robert Mitchum: von pazifistischer Gewaltlosigkeit zu heldenhaftem Kampfeswillen – oder: die Parabel von den bundesrepublikanischen Grünen

Bemerkenswert ist nicht nur der abrupte Wandel von pazifistischer Gewaltlosigkeit zu heldenhaftem Kampfeswillen, sondern auch die erstaunliche Emanation einer militärischen Befähigung, dank derer ein des Kampfes ungewohnter Zivilist zwei Elitesoldaten auszuschalten vermag. Mitchum verkörpert den typischen guten Amerikaner, der den Krieg verabscheut, weil er sich an humanistischen und demokratischen Idealen orientiert. Der gute Amerikaner will keinen Krieg, aber zuweilen wird er durch die Bosheit des Feindes dazu gezwungen, zu den Waffen zu greifen. Weil er nur sich und seine Werte verteidigt, ist sein Kampf gut und gerecht. Anscheinend korreliert nun auch militärisches Können mit sittlichem Wollen, denn anders ist es nicht zu erklären, wie des Waffenhandwerks ungeübte Menschen plötzlich zu Meistern des Kampfes mutieren. Der an sich Friedfertige ist aufgrund seiner sittlichen Größe zum Kampf nicht nur bereit, sondern auch befähigt. Man kann es sich leisten, sich friedfertig zu zeigen, weil man die im Inneren verborgene Kampfesfähigkeit jederzeit, wenn es erforderlich ist, abrufen kann. Ist die Gesinnung gut, wird sich alles Weitere fügen.

Vermutlich wird man bereits erahnen, was die parabelhafte Einleitung zeigen will. Der von Mitchum dargestellte Reporter gleicht den bundesrepublikanischen Grünen, die anläßlich des Ukrainekrieges ihren Pazifismus über Bord geworfen haben und nun vehement den Widerstand der Ukrainer unterstützen, ja sogar bedenkenlos nicht vor einer Eskalation zum Weltkrieg zurückschrecken. Was ist von einem Pazifismus zu halten, der, sobald die Probe aufs Exempel gemacht wird, fallengelassen wird wie ein nasses Handtuch?

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Rammstein in Stuttgart – eine Nachlese

von Oleksander Petrov

Rammstein in Stuttgart – eine Nachlese

Zunächst: Das war ein gigantisches Konzert im wahrsten Sinne des Wortes. Die Cannstatter Wasen ist eine enorme Fläche, 50.000 Menschen waren dort zugange, auf Tribünen und im großen Gedränge unten, eine riesige Menschenmasse. Das Äquivalent eines Siebtels meiner Heimatstadt Mannheim oder viermal so viele Menschen auf einmal wie es Einwohner in meinem Stadtteil gibt. Für mich als tendenziellen Misanthropen und naserümpfenden Meider der Massen eigentlich zum Verdruss, der nie einem Stadionkonzert beigewohnt hat und für den schon die 14.500 Metallica-Fans in der vergleichsweise winzigen SAP-Arena zu viel waren.

Rammstein-Konzert in Stuttgart: dem Turm Saurons ähnelnd
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Merkels Intervention verfassungswidrig: Gefahr für die Demokratie

von Klaus Kunze

Merkels Intervention verfassungswidrig: Gefahr für die Demokratie

Das BVerfG hat durchgegriffen

Das Bundesverfassungsgericht hat mit Urteil vom 15. Juni 2022 – 2 BvE 4/20, 2 BvE 5/20 – entschieden, daß Merkels dreiste Intervention gegen die Wahl des FDP-Abgeordneten Kemmerich zum Thüringer Ministerpräsidenten verfassungswidrig war:

„Meine Damen und Herren, ich hatte dem Präsidenten schon gesagt, dass ich aus innenpolitischen Gründen eine Vorbemerkung machen möchte, und zwar bezogen auf den gestrigen Tag, an dem ein Ministerpräsident in Thüringen gewählt wurde. Die Wahl dieses Ministerpräsidenten war ein einzigartiger Vorgang, der mit einer Grundüberzeugung für die CDU und auch für mich gebrochen hat, dass nämlich keine Mehrheiten mit Hilfe der AfD gewonnen werden sollen. Da dies in der Konstellation, in der im dritten Wahlgang gewählt wurde, absehbar war, muss man sagen, dass dieser Vorgang unverzeihlich ist und deshalb das Ergebnis rückgängig gemacht werden muss. Zumindest gilt für die CDU, dass sich die CDU nicht an einer Regierung unter dem gewählten Ministerpräsidenten beteiligen darf. Es war ein schlechter Tag für die Demokratie.“

Angela Merkel

Maßgeblich der Freiburger Verfassungsrechtler Prof. Dietrich Murswiek hat seit Jahrzehnten eine Rechtsfortbildung befördert: Der Staat darf sich nicht mit behördlicher Autorität einmischen, wo er rechtlich nichts zu suchen hat. Dabei ging es ursprünglich um Staatshaftung, wenn Behörden öffentlich vor Produkten warnten, die sich im nachhinein als harmlos herausstellten und um ähnliche Fragen. Seitdem haben immer häufiger Gerichte einem übergriffigen Staat auf die Finger geklopft, wenn er seine Autorität in Anspruch nahm und sich dreist einmischte, wo es ihm nicht erlaubt war. Im politischen Raum neigt er dazu besonders.

Doch ist es tatsächlich der Staat, wenn ein Minister öffentlich über eine Konkurrenzpartei lästert? Was ist dem Staatshandeln zuzurechnen, wenn seine Vertreter alles in einer Person sind: Regierungsmitglied, Parteimitglied und Privatperson? Hatte sich da die Privatfrau Angela Merkel angemaßt, die Wahl zum Thüringer Ministerpräsidenten rückgängig zu machen, war es vielleicht die CDU-Vertreterin, oder war es die Bundeskanzlerin als Staatsorgan? Das BVerfG hat diesen Fall richtig entschieden, weil die verfassungswidrige Intervention auch auf den Webseiten der Bundesregierung zu lesen war. Das BVerfG entschied korrekt:

Die streitgegenständliche Äußerung wurde in amtlicher Funktion getätigt. Sie fiel im ausschließlich amtsbezogenen Rahmen einer Regierungspressekonferenz, deren Anlaß sowie vorgesehener Gegenstand Gespräche waren, welche die Antragsgegnerin zu I. in ihrer Eigenschaft als Bundeskanzlerin im Rahmen eines Staatsbesuchs in Südafrika geführt hatte.

BVerfG Pressemitteilung Nr. 53/2022 vom 15. Juni 2022

Strukturproblem unserer Verfassung

Der Streitfall verdeutlicht ein bekanntes Strukturproblem unserer Verfassung: Die politischen Parteien erwachsen aus dem Boden der Gesellschaft und sind Vereine. Sie verstehen sich als parteiisch, das ist ihnen in die Wiege gelegt. Darum heißen sie schließlich Partei. Sie sind alles andere als gesellschaftlich neutral.

Staatsorgane sind aber dazu verpflichtet, gegenüber allen gesellschaftlichen Kräften Neutralität zu wahren.

Um die verfassungsrechtlich gebotene Offenheit des Prozesses der politischen Willensbildung zu gewährleisten, ist es unerlässlich, dass die Parteien, soweit irgend möglich, gleichberechtigt am politischen Wettbewerb teilnehmen. Dies macht es erforderlich, dass Staatsorgane im politischen Wettbewerb der Parteien Neutralität wahren. Das Recht, gleichberechtigt am Prozess der Meinungs- und Willensbildung teilzunehmen, wird regelmäßig verletzt, wenn Staatsorgane als solche zugunsten oder zulasten einer politischen Partei oder von Wahlbewerbern auf den Wahlkampf einwirken.

BVerfG Pressemitteilung Nr. 53/2022 vom 15. Juni 2022

Wo aber Staat und Gesellschaft unauflöslich ineinander verwoben sind, ist staatliche Neutralität unmöglich. Wer als Bürger einer bei der Wahl unterlegenen Partei anhängt, blickt auf eine Regierung und sieht da genau die Nasen, die er von den Wahlplakaten seiner Parteienkonkurrenz satt hat. Die jeweils siegenden Parteien fläzen sich dann auf Regierungssesseln herum und erzählen ihren unterlegenen Konkurrenten, warum diese über Nacht Staatsfeinde geworden seien: “Der Staat sind wir! Wer uns kritisiert, ist ein Feind von Staat und Verfassung!”

Wer unterscheidet noch Staat und Gesellschaft?

Die Staatsorgane und Behörden mutieren dann zu Agenturen der Parteien, die sie sich zur Beute gemacht haben. Anschaulich wird das an der Person des derzeitigen Verfassungsschutzpräsidenten Haldenwang. Für ihn ist es verfassungsfeindlich etwa, die Corona-Maßnahmen der Regierung und ihrer weisungsgebundenen Behörden zu kritisieren. Im neuen Verfassungsschutzbericht für 2021 heißt es:

Das BfV hat daher im April 2021 den neuen Phänomen­bereich „Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“ eingerichtet. Die Akteure dieses Phänomenbereichs zielen dabei darauf ab, we­sentliche Verfassungsgrundsätze außer Geltung zu setzen oder die Funktionsfähigkeit des Staates oder seiner Einrichtungen er­heblich zu beeinträchtigen. Sie machen demokratische Entschei­dungsprozesse und Institutionen von Legislative, Exekutive und Judikative verächtlich, sprechen ihnen öffentlich die Legitimität ab und rufen zum Ignorieren behördlicher oder gerichtlicher An­ordnungen und Entscheidungen auf. Diese Form der Delegitimie­rung erfolgt meist nicht durch eine unmittelbare Infragestellung der Demokratie als solche, sondern über eine ständige Agitation gegen und Verächtlichmachung von demokratisch legitimierten Repräsentantinnen und Repräsentanten sowie Institutionen des Staates und ihrer Entscheidungen. Hierdurch kann das Vertrauen in das staatliche System insgesamt erschüttert und dessen Funkti­onsfähigkeit beeinträchtigt werden. Eine derartige Agitation steht im Widerspruch zu elementaren Verfassungsgrundsätzen wie dem Demokratieprinzip oder dem Rechtsstaatsprinzip.

VS-Bericht 2021, S.112.

Er sieht großzügig darüber hinweg, daß man fragwürdige Parteivertreter wie Herrn Lauterbach und ihre Einfälle nicht von ihrem amtlichen Walten trennen kann. Wer ihn für unfähig und seine Maßnahmen für falsch hält, kann sie gar nicht kritisieren, ohne zugleich einen Repräsentanten des Staates anzugreifen. Es ist das gute verfassungsmäßige Recht jedes Bürger, seine Regierung zu kritisieren. Darum heißt die ganze Veranstaltung ja auch Demokratie.

Die Möglichkeit zur Kritik, bestehe sie selbst in einem Verächtlichmachen eines Ministers, ist kein Angriff auf die Demokratie, sondern eine Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Sie als amtlich als verfassungsfeindlich zu brandmarken, ist wiederum ein verfassungswidriger Angriff auf ein Wesensmerkmal der freiheitlichen demokratischen Grundordnung: der freien Willenbildung vom Volk hin zu den Staatsorganen. In autoritären Staaten wie Weißrußland hingegen bilden Machthaber den Willen des Volkes von oben herab durch Staatsmedien und Staatsschutz.

Daß sich das deutsche Wahlvolk so etwas gefallen läßt, ist erstaunlich. Es deutet darauf hin, nicht nur in Weißrußland könnte das Volk mittlerweile mehrheitlich denken, was die hohe Behörde ihm zu denken erlaubt und durch ihre Staatsmedien Tag für Tag einbleut.

Machtergreifung einer gesellschaftlichen Kraft über den Staat (Hamburger Senat 23.7.2021, offizielle Webseite)

Die totale Machtergreifung der Gesellschaft über den Staat wird überall dort augenfällig, wo Parteivertreter die Macht ergreifen und sich mit dem Staat identifizieren. Jeden Angriff auf sich nennen sie dann staats- oder verfassungsfeindlich. Im 20. Jahrhundert sahen wir mehrfach die totale Machtergreifung eines gesellschaftlichen Partei über den Staat. Sie wird erkennbar daran, daß ihre Parteifahnen oder die Fahnen ihrer Bewegung anstelle der Staatsfahnen treten.

So wurde die russische Fahne nach der Oktoberrevolution ersetzt durch die rote Fahne der kommunistischen Partei und die schwarz-rot-goldene Reichsfahne 1933 ersetzt durch die Hakenkreuzfahne. Wir sollten dem Aufziehen neuer, bunter Fahnen an öffentlichen Gebäuden mit demokratischer Wachsamkeit gegenüberstehen.

Titelbild von Gerd Altmann auf Pixabay

Dieser Artikel von Klaus Kunze erschien auch auf seinem stets lesenswerten Blog: http://klauskunze.com/blog/2022/06/15/merkels-intervention-verfassungswidrig/

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Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

Klaus Kunze: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

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Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

Klaus Kunze: Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen. Von der Vormundschaft zum Genderismus. Hier erhältlich!

Der Volksbegriff im Wandel der abendländischen Tradition

von Prof. Dr. Felix Dirsch

Der Volksbegriff im Wandel der abendländischen Tradition

I. Der Umbruch des Volksbegriffes in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

Wenn man die Entitäten Volk und Konservatismus in Zusammenhang bringt, so muss man sich darüber klar sein, dass beide Begriffe sehr unterschiedlich verwendet werden. Bleiben wir vorerst bei dem, was man mit Volk umschreibt: Noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts überwiegt die ältere Vorstellung, nach der man unter Volk „gemeiniglich […] Pöbel und Canaille“ („arme liute“) verstehen kann, als primäre Unterschichten. Aus früheren Jahrhunderten ist aber gleichfalls ein anderer Begriff überliefert: derjenige, der auf ethnische, kulturelle und politische Gemeinschaft abzielt. Der Gebrauch dieser Begriffe ist selbstredend lange Zeit verschieden. Man durfte annehmen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hatte.

Der „Pöbel“ ist auch ein nicht unwichtiges Thema in Hegels „Rechtsphilosophie“. Bereits Kant hatte schon gesprochen von „der wilden Menge eines Volkes, die sich von Gesetzen ausnimmt“. Hegel umschreibt jene Schicht, für die die „niedrigste Weise der Subsistenz“ charakteristisch ist. Gleichzeitig ist für Hegel aber schon evident, dass „Armuth an sich Keinen zum Pöbel“ macht. Im Begriff schwingt eine politische Wertung mit. Es sei vielmehr eine „mit der Armuth sich verknüpfende Gesinnung, […] die innere Empörung gegen die Reichen, gegen die Gesellschaft, die Regierung usw.“ Hegel sieht hier ein wichtiges Problem moderner Staatlichkeit. Wie kann Subversion verhindert werden? Wenn sich Armut im Pöbel mit revolutionärer Gesinnung verbindet, ist die Frage, wie hier vorzugehen ist.

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Volkliche Musik dieser Welt

von Gerald Haertel

Volkliche Musik dieser Welt

Afrobeat

Leider versterben immer wieder großartige Musiker, die jeweils zu den Pionieren ihres Genres gezählt wurden. Vor gut zwei Jahren traf es den Schlagzeuger Tony Allen, der neben dem legendären Gene Krupa wohl zu den besten seines Faches gehörte. Der 1940 in Lagos geborene Nigerianer spielte 30 Jahre in der Band von Fela Kuti und entwickelte in dieser Zeit maßgeblich das, was wir heute „Afrobeat“ nennen, die Verschmelzung aus Jazz, westafrikanischen Rhythmen und Funk. Selbst ein Soundcheck klang bei Tony Allen wie Musik, die Basstrommel war so warm und weich, als spiele jemand Kontrabass. Besonders seine Fähigkeit, verschiedene Rhythmen über- und gegeneinander zu spielen, faszinierte mich immer wieder.

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Freilich: Magazin für Selbstdenker – Zeitschriftenkritik

von Werner Olles

„Freilich“, das zweimonatlich erscheinende „Magazin für Selbstdenker“ befaßt sich in seiner aktuellen Ausgabe (Nr. 16, April 2022) mit dem Ukraine-Rußland-Konflikt als Schwerpunkt. In diesem Zusammenhang zitiert Chefredakteur Ulrich Novak in seinem Vorwort in Bezug auf unsere „classe politique“ den italienischen Wirtschaftshistoriker Carlo Cipella über die Gesetze der menschlichen Dummheit. Dieser unterscheidet zwischen hilflosen, dummen, intelligenten Menschen und den „Banditen“. Letztere seien gesellschaftlich besonders relevant, weil sie egoistisch handelten und dabei die negativen Nettofolgen für eine Gesellschaft, mit der sie sich nicht ehrlich identifizierten, in Kauf nehmen würden. Dumme Menschen hält er dagegen für gefährlich, weil sie freiwillig und wissentlich Entscheidungen zum Nachteil aller fällten. Novak findet, daß diese Klassifizierung nicht nur die personelle Besetzung der regierenden Gesinnungsethiker im deutschsprachigen Raum abbilde, sondern auch das Wahlverhalten eines Großteils der Deutschen und Österreicher.

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