Freilich: Magazin für Selbstdenker – Zeitschriftenkritik

von Werner Olles

„Freilich“, das zweimonatlich erscheinende „Magazin für Selbstdenker“ befaßt sich in seiner aktuellen Ausgabe (Nr. 16, April 2022) mit dem Ukraine-Rußland-Konflikt als Schwerpunkt. In diesem Zusammenhang zitiert Chefredakteur Ulrich Novak in seinem Vorwort in Bezug auf unsere „classe politique“ den italienischen Wirtschaftshistoriker Carlo Cipella über die Gesetze der menschlichen Dummheit. Dieser unterscheidet zwischen hilflosen, dummen, intelligenten Menschen und den „Banditen“. Letztere seien gesellschaftlich besonders relevant, weil sie egoistisch handelten und dabei die negativen Nettofolgen für eine Gesellschaft, mit der sie sich nicht ehrlich identifizierten, in Kauf nehmen würden. Dumme Menschen hält er dagegen für gefährlich, weil sie freiwillig und wissentlich Entscheidungen zum Nachteil aller fällten. Novak findet, daß diese Klassifizierung nicht nur die personelle Besetzung der regierenden Gesinnungsethiker im deutschsprachigen Raum abbilde, sondern auch das Wahlverhalten eines Großteils der Deutschen und Österreicher.

Der ehemalige FPÖ-Bundesrat Hans-Georg Jenewein beschreibt in seinem Beitrag „Wir Putin-Versteher“ den Krieg in der Ukraine als „Ergebnis einer Politik, der Rußland durch das Setzen militärischer Tatsachen entkommen will.“ Angesichts der sich überschlagenden Ereignisse versucht er eine Erklärung zu finden, warum sich durch Rußland vor allem jene „Putin-Versteher“ repräsentiert fühlen, „die an konservative Heimat- und Familienwerte glauben“. Doch sei Rußland eben nicht mit Westeuropa zu vergleichen, dessen politische Sympathien im anglo-amerikanischen Raum lägen und dort wiederum im eher linken oder liberalen Spektrum. Putin sei hingegen so etwas wie die „Antithese“ zum westlichen Zeitgeist, das Gegenteil von stromlinienförmig, und seine gesellschaftspolitische Ausrichtung passe so gar nicht zum „Gender-Zeitgeist“ und den „Problemchen der westlichen Welt“, die sich in den letzten Jahren zwischen Lastenfahrrad, Greta Thunberg, metoo-Bewegung und Diversitätsdebatten verloren hätten. An Putin sei die westliche Identitätspolitik vorbeigegangen, und der westeuropäische Zeitgeist könnte sich daher fantastisch an ihm reiben. Der Autor kritisiert auch die Verlogenheit im Westen, die bei Menschenrechtsverletzungen mit zweierlei Maß messe. Wenn in Rußland ein paar hundert Demonstranten festgenommen würden, fülle dies ganze Nachrichtenblöcke, aber niemand spreche über die grausamen Repressionen der Chinesen gegenüber den Uiguren. Bei Staatsbesuchen aus China würden pro-tibetische Demonstrationen in die hinterste Ecke verbannt, denn mit den Chinesen wolle man ja gute Geschäfte machen. Auch die dicke Freundschaft der USA mit Saudi-Arabien sei bei uns keine Empörung wert, wenn jedoch in Moskau die Punk-Band „Pussy Riots“ in der Christ-Erlöser Kathedrale randaliere und dann festgenommen werde, hagele es Solidaritätsadressen aus Westeuropa. Jenewein sieht die Entfremdung Rußlands und des Westens seit dem „Sündenfall“ Krim jedoch nicht als „kurzzeitige Laune eines verrückt gewordenen Politikers“, vielmehr sei der Bruch kaum noch zu kitten. Am großen Bissen Ukraine scheine sich Putin freilich verschluckt zu haben.

Thomas Fasbender sieht für die Ursachen und Hintergründe des Krieges „ein ganzes Bündel an Motiven“. Die russische Wahrnehmung der europäischen Friedensordnung habe sich in den letzten 30 Jahren grundlegend gewandelt: „von den Illusionen eines europäischen Hauses zum Zerrbild eines russischen Versailles.“ Ob mit oder ohne Putin werde es jedoch kein russischer Staatschef zulassen, daß sich ein fremdes Militärbündnis, das ganz Europa beherrsche, bis unmittelbar an die russische Grenze erstrecke. Dies werde im Westen leider nicht verstanden, weil man „die NATO für eine harmlose Verteidigungsallianz liberaler Demokraten hält.“ Zudem hätten die USA deutlich mehr völkerrechtswidrige Kriege geführt als Rußland, so wurde 1999 Serbien von der NATO bombardiert. Demographisch und wirtschaftlich sieht Fasbender den Westen auf dem Rückzug, woran auch ein durch Sanktionen geschwächtes Rußland nichts ändern werde. Der eigentliche „Gamechanger“ sei China, während die Ukraine nur „eine Arena geopolitischer Rivalitäten“ darstelle.

Weitere Beiträge befassen sich mit der sogenannten „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (Niklas E. Hartmann), dem Bildbericht der Redaktion zu einer „Reise nach Kiew“, einem Auszug aus dem Buch von Alain de Benoist „Gegen den Liberalismus“ und dem Essay „Gegen das Leben oder dafür“, in dem der Literaturwissenschaftler Günter Scholdt vier Filme zum Thema Abtreibung vorstellt.

Kontakt: Freilich Medien, Mandellstr. 7, A.8010 Graz. Das Einzelheft kostet 13 Euro, das Jahresabo 94 Euro. www. freilich-magazin.at

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Werner Olles

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor der Bücher:

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Grenzgänger des Geistes. Vergessene, verkannte und verfemte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

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Feindberührungen – Wider den linken Totalitarismus!

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