Volkliche Musik dieser Welt

von Gerald Haertel

Volkliche Musik dieser Welt

Afrobeat

Leider versterben immer wieder großartige Musiker, die jeweils zu den Pionieren ihres Genres gezählt wurden. Vor gut zwei Jahren traf es den Schlagzeuger Tony Allen, der neben dem legendären Gene Krupa wohl zu den besten seines Faches gehörte. Der 1940 in Lagos geborene Nigerianer spielte 30 Jahre in der Band von Fela Kuti und entwickelte in dieser Zeit maßgeblich das, was wir heute „Afrobeat“ nennen, die Verschmelzung aus Jazz, westafrikanischen Rhythmen und Funk. Selbst ein Soundcheck klang bei Tony Allen wie Musik, die Basstrommel war so warm und weich, als spiele jemand Kontrabass. Besonders seine Fähigkeit, verschiedene Rhythmen über- und gegeneinander zu spielen, faszinierte mich immer wieder.

Überhaupt sind „Afrobeat“-Konzerte ein Erlebnis für alle unsere Sinne. Nicht nur die Ohren, auch die Augen kommen angesichts des afrikanischen Bühnenspektakels auf ihre Kosten. Kurz vor Tony Allens Ableben erschien noch eine lang erwartete Scheibe von ihm, die er bereits 2009 mit dem in der Zwischenzeit ebenfalls verstorbenen südafrikanischen Trompeter Hugh Masekela eingespielt hatte, und die von Nick Gold, dem Produzenten des „Buena Vista Social Club“ abgemischt und unter dem Titel „Rejorice“ auf World Circuit-Records ls CD oder LP veröffentlicht wurde.

Le Mystère des Voix-Bulgares

Mitte der 80er Jahre tauchte im „Westen“ ein bisher nur in ihrer Heimat Bulgarien bekannter Frauenchor in der Musikwelt auf. „Le Mystère des Voix-Bulgares“ nannten sich die meist älteren Damen, die bisher nur im heimischen Fernsehprogramm zu bewundern waren. Entdeckt hatte sie der Schweizer Unternehmer und Musikforscher Marcel Cellier (1925 – 2014), der damals als wichtiger Vermittler und Förderer osteuropäischer Volksmusik innerhalb des neu entstandenen Genres „Weltmusik“ galt. Cellier verschaffte den Damen mit ihren glockenhellen Stimmen und volkstümlichen Gewändern einen Vertrag beim edlen englischen Indie-Label „4AD“, und die traditionellen Lieder der Bulgaren fanden international Einzug in Handel, Charts und Konzertsäle. Mit der Zeit erlosch das Interesse an dieser Chormusik wieder, bis Lisa Gerrard, Teil des Gothic-Duos „Dead Can Dance“, auf den Plan trat und 2018 mit den „Bulgarischen Stimmen“ abermals auf Tour ging. Ausschnitte davon sind auf dem Album „The Mystery of the Bulgarien Voices ft. Lisa Gerrard“, das im April beim Label „Prophecy“ erschien, zu hören. Die Kraft dieser Stimmen sind auch heute noch unvergleichbar, Gerrards Sopran verleiht dem Ganzen aber noch eine zusätzliche magische Intensität. Mein Fazit: Himmlisch!

Tautumeitas

Obwohl die baltische Musikwelt eine lange Tradition hat, das Baltikum über Jahrhunderte hinweg durch die balten-deutschen Familien mit dem Reich kulturell verbunden war, sind die drei östlichen Anrainer des baltischen Meeres für viele Menschen hierzulande kulturelles Niemandsland. Dabei spielt das traditionelle Liedgut bei den Esten, Letten und Litauern auch im täglichen Leben eine große Rolle, man denke nur an die singenden Menschenketten während der nationalrevolutionären Umwälzungen zum Ende des vorherigen Jahrhunderts, als die drei kleinen tapferen Völker ihre Unabhängigkeit vom russischen Riesenreich erkämpften.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf ein lettisches Gesangsensemble hinweisen, dass sich „Tautumeitas“ nennt, und aus sechs auch optisch ansehnlichen jungen Lettinnen besteht. Auf ihrem zweiten Album „Dziesmas no aulejas: Songs from Auleja“ begibt sich das Sextett auf Spurensuche in der eigenen Heimat. Ziel ist der Ort Auleja, wo sich in den 40er Jahren ein vierköpfiges Frauenensemble gründete, das sich dem Erhalt eines archaischen Gesangsstils namens Bolsi verschrieben hatte. Die Bolsis – das lettische Wort für Stimmen – sind Teile von heidnischen Fruchtbarkeitsritualen, die fast ausschließlich in diesem südöstlich von Riga gelegenen Örtchen praktiziert wurden und wieder werden. „Tautumeitas“ nehmen sich dieser Tradition an und modernisieren sie vorsichtig. Wie auf ihrem selbstbetitelten Debut von 2018 ist ihr Ansatz vor allen ein musikethnologischer. Manchen Hörern werden die Lieder zu kitschig, der in ihren Videos gezeigte Paganismus-Stil zu aufgesetzt sein, trotzdem lohnt es sich, mit der Musik und der dahinter stehenden lettischen Kultur auseinander zu setzen. Bevor man sich zum Kauf einer der beiden Alben entschließen sollte, die bei CPL-Music sowohl als CD als auch als Vinyl erschienen sind, sei eine Kostprobe bei You Tube oder bei Spotify zu empfehlen.

Leopold Kraus Wellenkapelle

Zum Schluß noch ein kleines Schmankerl aus dem südlichen Schwarzwald. Die „Leopold Kraus Wellenkapelle“ meldete sich 2019 nach langen Jahren mit einer neuen Platte zurück. „So geht Musik“ heißt sie und macht Laune ohne Ende.

Die Musik schwingt zwischen Surf, Sixties-Beat und Easy Listening hin und her, trägt Titel wie „Plattfuß am Texaspass“ oder „Für eine Handvoll Hafer“ und lässt mal die tief- und hintergründigen Themen zuhause. Mein heimlicher Hit auf diese Platte heißt „Dufte“ und erinnert mich ein wenig an „Die Aeronauten“, einer Schweizer Rockband aus Schaffhausen, die auch in unseren Breiten nicht ganz unbekannt ist. Auch die neue LP der „Leopold Kraus Wellenkapelle“ ist beim Freiburger Label „Flight13“ erschienen, die Vinylausgabe ist im Gegensatz zur CD nur (!) über deren eigenen Hausversand erhältlich.

Gerald Haertel

Gerald Haertel ist 64 Jahre alt, gelernter Verlagsbuchhändler, war 33 Jahre in der Musikbranche tätig, u.a. bei Firmen Ariola und Virgin-Records. Lebt in Süddeutschland.

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