Aloha Heja He – Achim Reichel, eine deutsche Rocklegende

von Gerald Haertel

Aloha Heja He – Achim Reichel, eine deutsche Rocklegende

Mint + Die alternative Scheibenschau

In dieser Rubrik werden Tonträger sowohl aus meiner eigenen, umfangreichen Schallplattensammlung als auch Neuerscheinungen vorgestellt.

Die in der Überschrift verwandte Bezeichnung „Mint“ stammt aus dem Englischen und ist international unter Sammlern ein anerkanntes Qualitäts- und Gütesiegel

zum Zustand der Platte und der dazugehörigen Hülle bzw. Verpackung. Wenn Sie hinter einem Angebot die Bemerkung m/m lesen, dann können Sie davon ausgehen, dass der angegebene Titel im einwandfreien Zustand ist. Mit einem angehängten Minus- oder Pluszeichen lässt sich das Ganze noch ein wenig ausdifferenzieren.

Wenn ich, lieber Leser, Scheiben älteren Datums vorstelle, empfehle ich, falls sie den Titel käuflich erwerben wollen, vorher ein wenig im Netz zu recherchieren. Meist findet man ihn für schmales Geld im oft sehr guten Zustand. Bei Neuheiten empfiehlt es sich sowieso, ein halbes Jahr zu warten, dann purzeln die Preise wie von selbst. Die Veröffentlichungsflut lässt aus ökonomischen Gründen gar nichts anderes zu.

Achim Reichel, 2017

Aloha Heja He – Achim Reichel, eine deutsche Rocklegende

Was für eine Zahl: 62 Jahre währt nun die Karriere von Achim Reichel bereits. 1960 gründete er mit 16 Jahren seine Beatband „The Rattles“, die damals als deutsches Pendant zu den englischen „Beatles“ gehandelt wurde. In den 70er Jahren wandte er sich immer mehr dem deutsch-sprachigen Gesang zu, neben Seemannsliedern entdeckte er für sich auch immer wieder die klassische deutsche Lyrik. Auf seiner LP „Regenballade“ vertonte er 1978 etwa Texte von Theodor Fontane, Johann Wolfgang Goethe, Ina Seidel oder Else-Lasker Schüler glaubwürdig ins Rock-Idiom. Es gab sogar Deutsch-Lehrer, die das bekannte „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ in der rockigen Version von Achim Reichel ihren Schülern näherbrachten.

„Aloha Heja He – Achim Reichel, eine deutsche Rocklegende“ weiterlesen

Wirtschaftskollaps oder Klimatod? – Auswege aus einem gefährlichen Dilemma

von Dr. Jens Woitas

Wirtschaftskollaps oder Klimatod? – Auswege aus einem gefährlichen Dilemma

Die Stimmung der systemkritischen Opposition in Deutschland ist in diesen Tagen von einem berechtigten Entsetzen über eine Regierungspolitik geprägt, die angesichts eines vorhersagbaren wirtschaftlichen Zusammenbruchs praktisch nichts unternimmt, um die verhängnisvollen Entwicklungen noch aufzuhalten. Zum ersten Male seit der unmittelbaren Nachkriegszeit wird der kommende Winter zu einer existenziellen Bedrohung. Die Befriedigung des elementar menschlichen Bedürfnisses nach Wärme und Nahrung kann nicht mehr als sichere Erwartung angenommen werden. Selbst wenn an diesen Stellen vielleicht noch Abhilfe geschaffen werden kann, droht trotzdem ein durch Energiemangel erzwungener Stillstand der deutschen Industrie, was gleichbedeutend mit einer dramatischen Wirtschaftskrise wäre, die vielleicht noch jene der frühen 1930er Jahre übertreffen könnte.

„Wirtschaftskollaps oder Klimatod? – Auswege aus einem gefährlichen Dilemma“ weiterlesen

Für die Freiheit der Kunst – von Je t’aime… bis Layla

von Hanno Borchert

Für die Freiheit der Kunst – von Je t’aime… bis Layla

Vor 53 Jahren erschien das (vermeintliche) Skandal-Lied schlechthin, das schnell zum weltberühmten Song avancierte und damals die Hitparaden stürmte: „JE T’AIME … MOI NON PLUS“ von Serge Gainsbourg und Jane Birkin.

Viele Radiosender boykottierten damals das Lied, wie beispielsweise die BBC in England oder „Radio Vatikan“. Man sprach vom „vertonten Orgasmus“ und insbesondere die damals noch gesellschaftsrelevanten bigotten bürgerlichen Konservativen bekamen schon bei der Erwähnung des Songs Schnappatmung und Pickel im Gesicht. Auch viele deutsche Radiostationen weigerten sich, das „Sexgeflüster“ über den Äther zu bringen. Gut, daß es da Radio Luxemburg gab, der bald als „fortschrittlicher“ Sender galt und mit „JE T’AIME“ keine Probleme hatte.

Für uns, die wir noch Kinder waren und etwas später so in die Pubertät rutschten, war der Song natürlich eine Offenbarung und Aufklärung zugleich: So also hörte sich «Liebemachen» an. Und vor dem inneren Auge spielten sich so allerhand wilde Phantasien ab. …

„Für die Freiheit der Kunst – von Je t’aime… bis Layla“ weiterlesen

Der Ukrainekrieg und die bundesrepublikanische Schafherde

von Dr. Winfried Knörzer

Der Ukrainekrieg und die bundesrepublikanische Schafherde

In seltener Einmütigkeit erklären sich lagerübergreifend alle Bundesrepublikaner mit der Ukraine solidarisch. So gut wie niemand ergreift Partei für Rußland. Zwar bringen einige Verständnis für Putins Lage auf, sich der westlicherseits betriebenen Einkreisungspolitik zu entziehen, aber seinen Entschluß zum Einmarsch in die Ukraine billigen sie nicht. Frühere Kriege tangierten nicht grundsätzlich die Befindlichkeit der Bevölkerung. War die BRD in diese Kriege, wie auf dem Balkan oder in Afghanistan, direkt involviert, blieb man dennoch gelassen. Die finanziellen Kosten fielen nicht weiter ins Gewicht; sie verschwanden gewissermaßen im großen Weltbeglückungsbudget, an dessen Finanzierung man sich gewöhnt hatte. Die Todesopfer unter den Soldaten wurden als die zwar bedauerlichen, aber letztlich unvermeidlichen Auswirkungen eines gefährlichen Jobs verbucht. Diese Kriege lagen außerhalb des Horizonts bundesrepublikanischer Weltwahrnehmung. Dagegen ist der Ukrainekrieg sowohl räumlich wie mental in unmittelbare Nähe gerückt. Die Kosten des Solidaritätsengagements sind direkt spürbar – in horrender Inflation, Verknappung zahlreicher Güter und vor allem in der Ankündigung einer drohenden Energierationierung. Zwar mögen diese unerfreulichen Folgen andere Ursachen haben als der Krieg, die katastrophale Geldpolitik der EU, die Energiewende, die selbstverschuldete Abhängigkeit von einem globalistisch eingrenzten Weltmarkt, entscheidend ist freilich, daß sie im Bewußtsein der Bevölkerung mit dem Ukrainekrieg in Verbindung gebracht werden.

„Der Ukrainekrieg und die bundesrepublikanische Schafherde“ weiterlesen

Krieg in der Ukraine: Europa ist der große Verlierer, wirtschaftlich und geopolitisch

von Daniele Perra

Krieg in der Ukraine: Europa ist der große Verlierer, wirtschaftlich und geopolitisch

Anfang Juni veröffentlichte das in Washington ansässige Center for Strategic and International Studies (ein Think-Tank, der dem US-Verteidigungsministerium und der US-Rüstungsindustrie, von der er reichlich finanziert wird, sehr nahe steht) einen Artikel von Antony H. Cordesman mit dem Titel „Die längerfristigen Auswirkungen des Ukraine-Konflikts und die wachsende Bedeutung der zivilen Seite des Krieges“, der den neuen nordamerikanischen Ansatz zum Konflikt in Osteuropa gut beschreibt.

Darin heißt es: „Es scheint nun möglich, dass die Ukraine ihre Gebiete im Osten nicht zurückerobern kann und nicht so schnell die Hilfe erhält, die sie für den Wiederaufbau benötigt“. Eine Hilfe, die sehr optimistisch auf 500 Milliarden Dollar geschätzt wird (eine Zahl, die den territorialen Verlust seiner reichsten Region nicht berücksichtigt). Darüber hinaus muss die Ukraine mit einer anhaltenden russischen Bedrohung rechnen, die ihre Fähigkeit zum Wiederaufbau ihrer Industriegebiete einschränken wird und die, insbesondere angesichts der erwähnten Gebietsverluste, nicht wenige Probleme im Seehandel mit sich bringen wird (das Risiko, dass Russland, sobald die Operationen im Donbass beendet sind, Odessa ansteuert und Kiew vollständig vom Schwarzen Meer ausschließt, bleibt real).

„Krieg in der Ukraine: Europa ist der große Verlierer, wirtschaftlich und geopolitisch“ weiterlesen

Akif Pirincci: Davor habe ich wirklich Angst

Ein Kommentar von Akif Pirincci

Akif Pirincci: Davor habe ich wirklich Angst

Nein, ich befürchte nicht, daß im Herbst oder Winter hier alles zusammenkrachen wird. Daß die Leute sich in „Wärmestuben“ wärmen werden, daß der Euro implodiert, daß große Teile der Industrie wegen Energieknappheit stillgelegt werden müssen und Millionen Menschen auf der Straße stehen, daß es zu gewaltsamen Aufständen kommen wird, weil die galoppierende Inflation die sprichwörtliche Butter vom Brot nimmt, alles andere sowieso, daß bestimmte Gruppen, die vom Staat leben, Mikro-Bürgerkriege entfesseln werden, weil ihr Geld nicht mehr pünktlich auf das Konto kommt, daß es größere Blackouts geben wird, daß Familien ihre Kinder nicht mehr richtig ernähren werden können und deshalb dann das ganze Scheißsystem schließlich kollabieren wird.

„Akif Pirincci: Davor habe ich wirklich Angst“ weiterlesen

Von der Kulturrevolution zum Kulturkampf: Linksextremisten an der Macht

von Klaus Kunze

Von der Kulturrevolution zum Kulturkampf: Linksextremisten an der Macht

Nach der linken Machtergreifung

Die Kulturrevolution der 1968er Linksextremisten hat rund 50 Jahre später zu ihrer Machtergreifung geführt. Zahlenmäßig in der Minderheit, zwingen sie der Mehrheitsgesellschaft einen Kulturkampf auf, der alle hergebrachten Werte zerstören und die verwurzelten Einstellungen der Deutschen umkrempeln soll. Er wird mit den Mitteln der Massenmedien, der moralisierenden Einschüchterung und jetzt auch der Regierung und Gesetzgebung geführt.

Vorbild der Kulturkämpfer war Mao Tse Tung:

„Die Große Proletarische Kulturrevolution ist eine Revolution, die die Seelen der Menschen erfaßt hat. Sie trifft die grundsätzliche Position der Menschen, bestimmt ihre Weltanschauung, bestimmt den Weg, den sie bereits gegangen sind oder noch gehen werden und erfaßt die gesamte Revolutiongeschichte Chinas. Dies ist die größte, in der Geschichte der Menschheit noch nie dagewesene, Umwälzung der Gesellschaft. Sie wird eine ganze Generation von standhaften Kommunisten heranbilden.“

Mao Tse Tung, zit nach Changshan Li: Die chinesische Kulturrevolution (1966–1976) im Spiegel der deutschen und chinesischen wissenschaftlichen Literatur (1966–2008). Diss. Bonn 2010, urn:nbn:de:hbz:5-19812. S. 99 (Wikipedia).

In meiner Schülerzeit kursierten kleine, lila „Mao-Bibeln“, von Agitatoren kostenlos verteilt. Sie hetzten die junge Generation gegen die alte und ihre Wertvorstellungen auf. Die Aussaat war fruchtbar. Sie erfaßte „die Seelen“, wie Mao forderte.

Die „Seelen“ verstand der Atheist Mao nicht wörtlich und nicht im religiösen Sinn, sondern als Metapher. Sie steht für die tiefsten, nicht weiter hinterfragten Grundanschauungen der Menschen von gutem und richtigem Zusammenleben. Sie werden überliefert und wie Wahrheiten geglaubt. Traditionell legen Gesellschaften sie ihren Göttern und deren Geboten in den Mund. Wer gegen die heiligsten Tabus oder göttliche Gebote verstößt, verläßt den gesellschaftlich akzeptierten Rahmen.

„Von der Kulturrevolution zum Kulturkampf: Linksextremisten an der Macht“ weiterlesen

Ein alter Hut – „Konzertierte Aktion“: Olaf Scholz, Arbeitgeber und Gewerkschaften stimmen Bürger auf Krise ein

von Peter Backfisch

Ein alter Hut – „Konzertierte Aktion“: Olaf Scholz, Arbeitgeber und Gewerkschaften stimmen Bürger auf Krise ein

Bundesregierung, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften wollen im Schulterschluss einen drohenden Abschwung in Deutschland verhindern. „Die aktuelle Krise wird nicht in wenigen Monaten vorübergehen“, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nach dem Auftakt der „Konzertierten Aktion“ im Kanzleramt in Berlin. Unterstützung erhält er dabei sofort von Arbeitgeberpräsident Dulger: „Vor uns liegen schwierige Jahre“! Sein Counterpart, die DGB Chefin Yasmin Fahimin, fällt zustimmend in den gemeinsamen Tenor ein: „Es geht darum, eine Rezession zu verhindern.“

Als Begründung müssen Russlands Krieg in der Ukraine und die Corona-Pandemie herhalten. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass sich diese Lage auf absehbare Zeit nicht ändern wird. Wir stehen vor einer historischen Herausforderung“, so Scholz.

Auf den ersten Blick will eine derartige Rhetorik weismachen, dass es hierbei um gemeinsames Interesse gehe und dass die Beschäftigten die unangenehmen Entscheidungen mittragen sollen. In Wirklichkeit handelt es sich bei der sogenannten „Konzertierten Aktion“ aus sozialpatriotischer Sicht um einen weiteren Sündenfall deutscher Lohnpolitik zulasten der Arbeitnehmer und Beschäftigten. Die Älteren unter uns wissen, dass der Vorstoß nicht neu ist und in der Vergangenheit mit ähnlicher Zielsetzung versucht wurde.

„Ein alter Hut – „Konzertierte Aktion“: Olaf Scholz, Arbeitgeber und Gewerkschaften stimmen Bürger auf Krise ein“ weiterlesen

KISS sagen Ade

von Oleksander Petrov

KISS sagen Ade

Ein 9-jähriger Junge mit Zahnlücke und Kassengestell steht an einem heißen Sommertag in einem Mannheimer Arbeiterviertel an einer Ladenkasse und kauft sich aus seinem Angesparten – ein paar Münzen Deutsche Mark – eine Kassette.

Nicht nur irgendeine Kassette, sondern die erste Kassette seines noch jungen Lebens. Nicht, dass er bereits einen bewussten Musikgeschmack hätte, nein. Er ist musikalisch ja noch nicht im geringsten sozialisiert. Aber diese Kassette hat es ihm irgendwie angetan. Diese kontrastreiche Farbgebung, die merkwürdigen, geheimnisvoll-gefährlich, aber auch irgendwie anziehend aussehenden Maskengestalten, die aufregende Schrift, dieser kurze, prägnante Name… KISS!

Zu Hause in seinem kleinen Dachzimmerchen schiebt der Dreikäsehoch die Kassette in seinen brandneuen roten Nordmende Kassettenrekorder. Gespannt drückt er auf „Start“ – und es ertönen die ersten Takte einer komplett neuen Welt, die sein Leben verändern sollte: „I’m a legend tonight“.

„I’m a legend tonight“

Er kann die Worte dieser fremden Sprache noch nicht verstehen, aber der Klang des Gesangs und der Musik resoniert und fasziniert. Sofort ist der Junge Feuer und Flamme für diese neue Sinnes- und Gefühlserfahrung. Ohne es zu verstehen, transportiert diese Musik Selbstvertrauen, Kraft und Rebellion in ihn, diesem Gastarbeiterkind, das nicht wenig unter der cholerischen Fuchtel seines dominanten und narzisstischen Balkanvaters steckt.

Und so war KISS der Zündfunke der Entwicklung zur nach und nach jugendlichen Persönlichkeit, die rebellierte, sich selbst behauptete, die Masse mied und hinterfragte, sich an stupiden Regeln und Ungerechtigkeiten rieb, sich in Musik und Bücher stürzte und sie verschlang, und mit jedem Familienurlaub die fremden Welten im Balkan, in Österreich, Frankreich und Italien mit großen Augen aufsog.

So war das also, Anfang der 1980er Jahre.

KISS-Abschiedstournee

Heute, genau 40 Jahre nach dem Kauf dieser Kassette, sah ich KISS zum ersten und zum letzten Mal in meinem Leben live. Es ist ihre Abschiedstournee, nach über einem halben Jahrhundert im Musikbusiness, die Masterminds Gene Simmons (mein damaliges Idol) und Paul Stanley gut in ihren 70ern. Natürlich gab es Feuer und Explosionen, Blut wurde gespuckt, jeder bekam sein Solo und die Gitarren wurden ständig gewechselt, wie es sich für richtige Rockstars gehört.

Für mich war es aber eher ein nostalgischer Akt, eine Art Reverenz erweisen und Abschied nehmen, denn eine bierselige Party zum Abrocken. Man merkt der Band ihr Alter an, die vielen Jahre mit den immer gleichen Songs und Bühnenbewegungen. Im Grunde stehen da vier geschminkte Opis in 20 Kilogramm schweren Stiefeln im heißen Scheinwerferlicht und werden von rechts und links mit Flammen traktiert während sie versuchen, die jüngere Version ihrer selbst wiederzukauen. Es sah… müde aus. Und ich meine sogar hier und da Backing-Track support gemerkt zu haben, z.B. wenn der Gitarrensound sich nicht veränderte obwohl Paul kurz aussetzte.

Aber darum geht es ja auch nicht. KISS ist eine Legende und ein DNA-Bestandteil des 20. Jahrhunderts, und sie verabschieden sich nun. Ehrensache, dabei zu sein und den Kreis zu schließen.

Die Kassette gibt es noch, den kleinen Jungen nicht mehr, der ist jetzt fast 50, bekommt graue Haare und hat selbst seit langem Kinder. Der 6-jährige Junge mit Zahnlücke, aber ohne Kassengestell fand KISS interessant, aber auch „gruselig“, als ich ihm gestern ein paar Konzertausschnitte auf Youtube gezeigt habe. Immerhin. Aber er wird schon selbst zu seinem eigenen Musikgeschmack und seiner eigenen Rebellion finden.

Vorbild China: neuer Totalitarismus, Menschen ohne Eigenschaften und technokratischer Funktionalismus

von Dr. Winfried Knörzer

Vorbild China: neuer Totalitarismus, Menschen ohne Eigenschaften und technokratischer Funktionalismus

Nach dem Tode Maos hatte unter Teng Hsiao Ping und Hua Guofeng eine Entideologisierung und relative Liberalisierung eingesetzt. Nicht nur wurde durch die Einführung marktwirtschaftlicher Prinzipien ein echtes Wirtschaftswunder ermöglicht, sondern es wurden auch in gewissem Umfang bürgerliche Freiheitsrechte zugelassen. Insbesondere konnten die Chinesen sich in der Privatsphäre nahezu ungehindert frei entfalten, sofern damit nicht unmittelbar politsch relevante Sachverhalte berührt wurden. Eine ähnliche Entwicklung fand auch in Rußland statt.

Nach diesem Tauwetter ist das Klima unter Xi Jinping wieder eisiger geworden. Auch wenn sich hinsichtlich der Wirtschaft und im Bereich des privaten hedonistischen Konsums nichts geändert hat, so hat sich das Ausmaß sozialer Kontrolle beträchtlich verschärft. Paradigmatisch hierfür steht das geplante und in Teilen bereits realisierte bigbrotherartige elektronische Kontrollsystem. Sieht man von den Details der technischem Umsetzung ab, so besteht es inhaltlich in einem Kanon erwünschten Verhaltens, der eingehalten werden muß, um sozial akzeptiert zu werden. So neutral formuliert, hört sich dies nicht besonders bedenklich an, da ja auch formale Gesetze im Grunde nichts anders sind als ein Kanon erwünschten Verhaltens. Der Unterschied besteht in folgendem:

1. Die Regulierungen betreffen nicht nur nach allgemeinem Verständnis strafwürdiges Verhalten, sondern greifen weit in den vorjustiziellen Bereich des Sittlichen hinein. Mit anderen Worten: es werden Verhaltensweisen sanktioniert, die üblicherweise als unschicklich aber nicht strafwürdig gelten. An die Stelle informeller sozialer Ächtung durch die unmittelbar persönliche Umwelt tritt formelle Bestrafung.

2. Strafwürdiges Verhalten wird im nachhinein sanktioniert. Durch das System einer umfassenden Überwachung soll dagegen bereits der Ansatz zu strafwürdigem Verhalten beseitigt werden. Es soll also präventiv verhindert werden, daß es überhaupt zu sozial unerwünschtem Verhalten kommt.

Auch unter Putin in Rußland ist die ursprünglich im Rahmen von Perestroika erfolgte Ausdehnung des Freiheitsspielraums sukzessive zurückgenommen worden. Die Parallele zur Lage in der BRD drängt sich auf. In allen drei Ländern, China, Rußland, BRD, läßt sich eine Zunahme sozialer Kontrolle und damit einhergehend von Freiheitsverlusten beobachten.

„Vorbild China: neuer Totalitarismus, Menschen ohne Eigenschaften und technokratischer Funktionalismus“ weiterlesen