KISS sagen Ade

von Oleksander Petrov

KISS sagen Ade

Ein 9-jähriger Junge mit Zahnlücke und Kassengestell steht an einem heißen Sommertag in einem Mannheimer Arbeiterviertel an einer Ladenkasse und kauft sich aus seinem Angesparten – ein paar Münzen Deutsche Mark – eine Kassette.

Nicht nur irgendeine Kassette, sondern die erste Kassette seines noch jungen Lebens. Nicht, dass er bereits einen bewussten Musikgeschmack hätte, nein. Er ist musikalisch ja noch nicht im geringsten sozialisiert. Aber diese Kassette hat es ihm irgendwie angetan. Diese kontrastreiche Farbgebung, die merkwürdigen, geheimnisvoll-gefährlich, aber auch irgendwie anziehend aussehenden Maskengestalten, die aufregende Schrift, dieser kurze, prägnante Name… KISS!

Zu Hause in seinem kleinen Dachzimmerchen schiebt der Dreikäsehoch die Kassette in seinen brandneuen roten Nordmende Kassettenrekorder. Gespannt drückt er auf „Start“ – und es ertönen die ersten Takte einer komplett neuen Welt, die sein Leben verändern sollte: „I’m a legend tonight“.

„I’m a legend tonight“

Er kann die Worte dieser fremden Sprache noch nicht verstehen, aber der Klang des Gesangs und der Musik resoniert und fasziniert. Sofort ist der Junge Feuer und Flamme für diese neue Sinnes- und Gefühlserfahrung. Ohne es zu verstehen, transportiert diese Musik Selbstvertrauen, Kraft und Rebellion in ihn, diesem Gastarbeiterkind, das nicht wenig unter der cholerischen Fuchtel seines dominanten und narzisstischen Balkanvaters steckt.

Und so war KISS der Zündfunke der Entwicklung zur nach und nach jugendlichen Persönlichkeit, die rebellierte, sich selbst behauptete, die Masse mied und hinterfragte, sich an stupiden Regeln und Ungerechtigkeiten rieb, sich in Musik und Bücher stürzte und sie verschlang, und mit jedem Familienurlaub die fremden Welten im Balkan, in Österreich, Frankreich und Italien mit großen Augen aufsog.

So war das also, Anfang der 1980er Jahre.

KISS-Abschiedstournee

Heute, genau 40 Jahre nach dem Kauf dieser Kassette, sah ich KISS zum ersten und zum letzten Mal in meinem Leben live. Es ist ihre Abschiedstournee, nach über einem halben Jahrhundert im Musikbusiness, die Masterminds Gene Simmons (mein damaliges Idol) und Paul Stanley gut in ihren 70ern. Natürlich gab es Feuer und Explosionen, Blut wurde gespuckt, jeder bekam sein Solo und die Gitarren wurden ständig gewechselt, wie es sich für richtige Rockstars gehört.

Für mich war es aber eher ein nostalgischer Akt, eine Art Reverenz erweisen und Abschied nehmen, denn eine bierselige Party zum Abrocken. Man merkt der Band ihr Alter an, die vielen Jahre mit den immer gleichen Songs und Bühnenbewegungen. Im Grunde stehen da vier geschminkte Opis in 20 Kilogramm schweren Stiefeln im heißen Scheinwerferlicht und werden von rechts und links mit Flammen traktiert während sie versuchen, die jüngere Version ihrer selbst wiederzukauen. Es sah… müde aus. Und ich meine sogar hier und da Backing-Track support gemerkt zu haben, z.B. wenn der Gitarrensound sich nicht veränderte obwohl Paul kurz aussetzte.

Aber darum geht es ja auch nicht. KISS ist eine Legende und ein DNA-Bestandteil des 20. Jahrhunderts, und sie verabschieden sich nun. Ehrensache, dabei zu sein und den Kreis zu schließen.

Die Kassette gibt es noch, den kleinen Jungen nicht mehr, der ist jetzt fast 50, bekommt graue Haare und hat selbst seit langem Kinder. Der 6-jährige Junge mit Zahnlücke, aber ohne Kassengestell fand KISS interessant, aber auch „gruselig“, als ich ihm gestern ein paar Konzertausschnitte auf Youtube gezeigt habe. Immerhin. Aber er wird schon selbst zu seinem eigenen Musikgeschmack und seiner eigenen Rebellion finden.

Ein Kommentar zu “KISS sagen Ade

  1. Nostalgie schön und gut, es sind eben Kindheitserinnerungen. Aber was ich wirklich interessant gefunden hätte, wäre eine Meta-Perspektive hierzu einzunehmen. Bsp.1: Kiss, die „Rebellen“, welche die mRNA-Spritze zur Bedingung eines Konzertbesuchs machten. Bsp.2: Was bedeutet Beheimatung in einer Konsumwelt, die vermeintlich individuell wirkt, aber die in leicht abgewandelter Form auch jmd. aus St. Louis mir erzählen könnte. Wie ersetzbar sind diese? Wie prägend waren sie wirklich?

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