Der kulturelle Genozid an den Tibetern

von Dr. Florian Sander


Der kulturelle Genozid an den Tibetern

Chinas „Gesetz zur Förderung der ethnischen Einheit und des Fortschritts“

Am 1. Juli ist in der Volksrepublik China ein Gesetz in Kraft getreten, das das Leben und Zusammenleben von Millionen von Menschen auf deren Territorium gravierend beeinflussen wird. Das „Gesetz zur Förderung der ethnischen Einheit und des Fortschritts“ formalisiert Zustände, die (unter anderem) in Tibet schon seit längerem zu beobachten waren und immer wieder von exiltibetischen NGOs thematisiert und problematisiert worden sind, und verschärft bereits vorhandene Repressionen deutlich.

Zwangsinternate, Umerziehung und Siniserung

Nach den Verheerungen von Maos Kulturrevolution und den Reformen und Liberalisierungen unter Deng Xiaoping wurden die Zügel unter Xi Jinping nun wieder mächtig angezogen. Ein wesentliches Element dieser Entwicklung ist das Zwangsinternatssystem, das mittlerweile schätzungsweise eine Million tibetische Kinder vereinnahmt hat und systematisch chinesisch umerzieht (sog. Sinisierung). Es wird Mandarin gesprochen, es werden chinesische Lieder gesungen und chinesische Bücher gelesen. Die tibetische Kultur und Sprache wird den Kindern gezielt „aberzogen“. Die Verehrung des Dalai Lama ist verboten und unter Strafe gestellt. Wer tibetische Kultur unterrichtet oder verbreitet, riskiert, verhaftet zu werden und mindestens für längere Zeit zu „verschwinden“.

„Der kulturelle Genozid an den Tibetern“ weiterlesen

Vor 60 Jahren begann in China die Kulturrevolution – der lange Marsch zur Erneuerung

von Dr. Florian Sander

Vor 60 Jahren begann in China die Kulturrevolution – der lange Marsch zur Erneuerung

Der Weg einer Zivilisation von der kolonialen Demütigung und extremer Armut hin zu einer globalen Supermacht ist niemals gradlinig. Wenn wir heute auf die moderne Geschichte Chinas blicken, sehen wir ein Land, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von imperialistischen Mächten zerrissen, von Warlords ausgeblutet und vom Bürgerkrieg traumatisiert war. Die Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 war ein Wendepunkt. Das chinesische Volk hatte sich erhoben – doch das Erheben allein reichte nicht; es galt, ein riesiges, rückständiges Agrarland in Rekordzeit zu modernisieren, um die hart erkämpfte Souveränität gegen feindliche Mächte im In- und Ausland zu verteidigen.

China: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von imperialistischen Mächten zerrissen, heute eine globale Supermacht!

Aus chinesischer Sicht waren der sogenannte Große Sprung nach vorne und die Kulturrevolution nicht – wie heute wahrgenommen – böswillige Zerstörungsakte, sondern kühne, von tiefem Idealismus getragene Versuche, die Ketten der Vergangenheit zu sprengen. Dass diese Phasen von schweren Fehlern, Fehleinschätzungen und unermesslichen Härten geprägt waren, ist unbestreitbar und wird heute auch in China offen anerkannt. Doch um diese Epochen wirklich zu verstehen, gilt es den glühenden Wunsch nach nationaler Stärke und sozialer Gerechtigkeit zu betrachten, der sie einst antrieb.

„Vor 60 Jahren begann in China die Kulturrevolution – der lange Marsch zur Erneuerung“ weiterlesen

Zeitschriftenkritik: TUMULT

von Werner Olles

Zeitschriftenkritik: TUMULT

Der Politikwissenschaftler Jan A. Karon, dessen provokant-originelles Buch „Bastardmoderne“ gerade Furore macht, packt mit seinem Beitrag „Die Trennung der Geschlechter – Wenn eine Generation in zwei Welten verfällt“ ein heißes Eisen an. Zwar hat man schon seit langem gewußt, daß „junge Männer immer weiter nach rechts rücken, während sich junge Frauen mit einer Geschwindigkeit und Schärfe nach links bewegen, die frühere Generationen nicht kannten“, aber so analytisch und klar hat es bisher noch niemand ausgedrückt. Am Beispiel einer Demonstration queerer Aktivistinnen in der mitteldeutschen Kleinstadt Bautzen schildert er eindrücklich den Zusammenprall mit einer Gegendemonstration, darunter auffallend viele junge Männer, die Transparente hochhalten: mit den Aufschriften „Unsere Stadt bleibt hetero“ und „Mann und Frau – das wahre Fundament des Lebens“. In Bautzen haben bei der letzten Bundestagwahl fast 46 Prozent der Bürger die AfD gewählt, und die Stadt ist das Zentrum der sorbischen Minderheit. Doch an jenem Tag wurde sie zum Schauplatz eines Konflikts, der Größeres symbolisiert: die wachsende Kluft zwischen den beiden Geschlechtern und die daraus entstehenden unwägbaren gesellschaftlichen Konsequenzen.

„Zeitschriftenkritik: TUMULT“ weiterlesen

Russophobie – wie ein Feindbild über Jahrhunderte entstand

von Jeanne Delahaye

Russophobie – wie ein Feindbild über Jahrhunderte entstand

Die Ablehnung Russlands ist kein neues Phänomen. Sie entstand nicht erst mit Vladimir Putin, nicht erst mit dem Kalten Krieg und auch nicht erst mit der Ukraine-Krise.

Viele Historiker und Politologen sehen darin vielmehr ein jahrhundertealtes Muster westlicher Wahrnehmung.

Der Schweizer Journalist Guy Mettan schreibt in seinem Werk Creating Russophobia, dass Russland bereits seit dem Mittelalter als „der fremde Osten“ Europas dargestellt wurde – als etwas Halbasiatisches, Unberechenbares und potenziell Gefährliches.

Doch woher kommt das konkret?

„Russophobie – wie ein Feindbild über Jahrhunderte entstand“ weiterlesen

Das Wiedererwachen des Drachen – Chinas nationalrevolutionärer Befreiungskampf

von Dr. Florian Sander

Das Wiedererwachen des Drachen – Chinas nationalrevolutionärer Befreiungskampf

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand China, das einst stolze „Reich der Mitte“, am Abgrund. Was heute oft als der chinesische Befreiungskampf bezeichnet wird, war keine bloße Abfolge von Unruhen, sondern ein existenzieller Überlebenskampf einer der ältesten Zivilisationen der Welt gegen den kolonialen Zugriff und den inneren Zerfall. Für einen patriotischen Betrachter ist diese Ära nicht nur eine Zeit des Leids, sondern vor allem die Geburtsstunde des modernen, souveränen China. Ein Wiedererwachen, in dem sich ein über Jahrzehnte hinweg gedemütigtes und kolonialistisch entmündigtes Volk seine Würde zurückholte. Die Außenpolitik der heutigen Volksrepublik kann letztlich nicht verstanden werden, ohne diese Ära im Hinterkopf zu haben.

„Das Wiedererwachen des Drachen – Chinas nationalrevolutionärer Befreiungskampf“ weiterlesen

Soldaten – Helden, Mörder oder Opfer?

von Sven Schiszler

Soldaten – Helden, Mörder oder Opfer?

Es liegt im Wesen des Menschen zu verallgemeinern und im Sinne einer Kategorienbildung zu vereinfachen. Die Weise, in der es geschieht, unterliegt in Abhängigkeit vom herrschenden Zeitgeist konjunkturellen Schwankungen. Die Einordnung des Soldaten – als Held oder Mörder – macht da keine Ausnahme. Die allzu holzschnittartige Vereinfachung verstellt den Blick auf ein differenziertes Bild, das es wert wäre, diskutiert zu werden. Man landet dann vielleicht – gleichsam als Näherungswert – am ehesten bei der dritten Lesart, die in der Überschrift genannt wird: beim Opfer.

„Soldaten sind Mörder“, stellte Kurt Tucholsky in einem Beitrag in der Weltbühne 1931 entschieden und verallgemeinernd fest und handelte damit der Redaktion einen Strafprozeß wegen Beleidigung der Reichswehr ein – der allerdings mit einem Freispruch endete, da man eine „unbestimmte Gesamtheit“ schlechterdings nicht beleidigen könne. Die Losung „Soldaten sind Mörder“ war auch in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts unter den Friedensaktivisten populär. Und nicht nur in der Weimarer Republik, sondern auch in der BRD wurden deswegen Prozesse geführt; auch sie endeten mit einem Freispruch, da die Aussage solange vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sei, solange nicht eine bestimmte Gruppe von Soldaten oder spezifisch die Bundeswehr gemeint sei. Diese Urteile sorgten für einiges Rauschen im Blätterwald – sowohl in der Publikums- als auch in der Fachpresse wurde dieses Urteil heftig kritisiert.

„Soldaten – Helden, Mörder oder Opfer?“ weiterlesen

China und Taiwan: der große und der kleine Bruder

von Dr. Florian Sander

China und Taiwan: der große und der kleine Bruder

Taiwan aus chinesischer Perspektive

Stellen Sie sich vor, Erich Honecker oder Egon Krenz wären nach der deutschen sogenannten Wiedervereinigung nach Schleswig-Holstein geflüchtet. In den Jahren und Jahrzehnten nach der Flucht hätte einer der beiden dort mit beträchtlicher Waffengewalt durch eigene Anhänger ein neues autokratisches Regime errichtet und Schleswig-Holstein zur „Republik Deutschland“ erklärt, die das eigentliche Deutschland repräsentiere und die Bundesrepublik nicht als Staat anerkenne. Obwohl es sich ganz eindeutig um einen Akt gegen die territoriale Integrität der Bundesrepublik handelt, unternimmt diese militärisch über Jahrzehnte lang nichts gegen den separatistischen Staat, weil sie die Einheit mit friedlichen Mitteln erreichen will.

Doch das Ausland beginnt schrittweise, die in Schleswig-Holstein ansässige „Republik Deutschland“ zumindest informell als Staat zu akzeptieren, auch wenn es formal von einer „Ein-Deutschland-Politik“ spricht. Eine befreundete Supermacht geht sogar so weit, der Bundesrepublik mit dem Dritten Weltkrieg zu drohen, würde sie sich wieder auf ihr eigenes nördlichstes Territorium begeben. Sie errichtet Militärbasen in Dänemark und arbeitet mit mehreren Nachbarn an Waffenstationierungen in direkter Nachbarschaft. Wenn die Bundesrepublik in Reaktion darauf dann ihrerseits militärische Macht demonstriert und Truppen an den Grenzen stationiert, wird das in ausländischen Medien als „Säbelrasseln“ und als „Drohkulisse“ bezeichnet, während die ausländischen Basen in Dänemark als freundschaftlicher Akt der „Solidarität mit Schleswig-Holstein“ geframed werden.

Taiwan ist seit jeher chinesisch

Verlagern Sie das Szenario einige tausend Kilometer weiter Richtung Osten, vergrößern Sie die jeweiligen Territorien und Sie haben im Grunde den China-Taiwan-Konflikt. Eine Insel spaltet sich ab, erklärt sich unter sehr blutigen Umständen zum eigenen Staat und – nicht nur das – bezeichnet sich in ihrem Namen auch noch als das einzig wahre China, spricht damit also der Volksrepublik China implizit die Existenzberechtigung und die Legitimation ab, für das chinesische Volk zu sprechen. Eigentlich sollte angesichts der komplexen, aber nichtsdestotrotz völkerrechtlich sehr eindeutigen Lage allen beteiligten Akteuren auch im Ausland klar sein, dass es sich bei dem separatistischen Gebilde auf der taiwanesischen Insel zu keinem Zeitpunkt um einen rechtmäßigen Nationalstaat gehandelt hat.

„China und Taiwan: der große und der kleine Bruder“ weiterlesen

Ewiger Kriegsverlierer Deutschland

von Wolfgang Hübner


Ewiger Kriegsverlierer Deutschland

Jeder weitere Tag der Sperrung der Straße von Hormuz, jeder weitere Tag ohne Beendigung des amerikanisch-israelischen Krieges gegen den Iran ist ein Tag, der die negativen Folgen und Kosten für Deutschland höher treibt. Einmal mehr ist unser Land Verlierer eines Krieges seines Hauptverbündeten. Das ist in der Ukraine so, das war in Afghanistan so, in Libyen, Irak oder Syrien nicht anders. Und das wird so bleiben, solange sich Deutschland nicht aus der Umklammerung und faktischen Besatzung der USA befreit. Allerdings deutet nichts auf diese notwendige Veränderung hin.

„Ewiger Kriegsverlierer Deutschland“ weiterlesen

Die Rache des Philosophen

Eine Buchbesprechung von Boris Blaha

Die Rache des Philosophen

Meyer, Thomas: Hannah Arendt, Erweiterte und aktualisierte Taschenbuchausgabe, Piper Verlag, München, November 2025, 525 Seiten

Im November 2025 kommt zwei Jahre nach der Hardcover-Version die Taschenbuchausgabe einer neuen Arendt-Biografie von Thomas Meyer auf den deutschen Büchermarkt. Der Autor ist außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Universität München und beschäftigt sich laut eigenen Angaben mit der Ideen- und Philosophiegeschichte der griechischen Antike und des 20. Jahrhunderts. Der Piper-Verlag hat ihn mit der Herausgabe der Studienausgabe von Hannah Arendt betraut, ein Experte also. In die Neugier mischt sich eine erste Irritation: auf dem Umschlag prangt ein roter Aufkleber „SPIEGEL Bestseller“. Zwar ist Hannah Arendt nicht so schwierig zu lesen wie Kant, Hegel oder Schelling, aber ein Bestseller und das zu einer Sache, mit der man sich nach dem Lübbe Wort vom „kommunikativen Beschweigen“ besser nicht beschäftigt? Der Klappentext verheißt einen ‚radikal‘ neuen Zugang zum ‚revolutionären Denken‘ Hannah Arendts, der eine Neubewertung notwendig mache. Auch ein Buch will verkauft und konsumiert werden. Die Rezensenten der klassischen Medien zeigen sich begeistert: „absolut sensationell“ (SZ), „völlig überraschende Biografie“ (DIE ZEIT), der Rezensent der H-Soz-Kult zeigt sich schon skeptischer, das Buch habe Längen und Lücken, aber den Geschmack des Publikums getroffen. Der Rezensent der Jüdischen Allgemeinen ist zwar mit der Fokussierung Arendts auf eine öffentliche Intellektuelle und politische Aktivistin nicht ganz einverstanden, geht aber diesem Eindruck nicht weiter nach und reiht, wie die meisten anderen auch, die üblichen nichtssagenden Textbausteine aneinander.

„Die Rache des Philosophen“ weiterlesen

Die Höllenfahrt der Republik

Eine Buchbesprechung von Werner Olles

Die Höllenfahrt der Republik

(Björn Clemens – Die Höllenfahrt der Republik. MetaPol-Verlag, Berlin 2025, 360 Seiten, Festeinband, 23,00 €.)

Spätestens seit Günter Maschkes luzidem Essay „Die Verschwörung der Flakhelfer“ (1985) wissen wir, daß die Geschichte der Bundesrepublik eine Geschichte der schiefen Ebene ist. An die Stelle der Nation trat der sakralisierte Kernbestand ihrer Verfassung in Gestalt eines sogenannten „Verfassungspatriotismus“. Längst gilt nicht mehr Friedrich Eberts eindrucksvoller Satz von 1919: „Und wenn wir vor der Frage stehen: Deutschland oder die Verfassung, dann werden wir Deutschland nicht wegen der Verfassung zugrunde gehen lassen!“ Dieser Satz erhellt die Lage, in der sich „Unsere Demokratie“ heute befindet, zwar nur rudimentär, trägt jedoch immer noch den Keim von Staatlichkeit, Souveränität und Nation in sich.

Er verweist damit zugleich auf die tiefe Problematik des bundesrepublikanischen Gebildes. Carlo Schmid, einer der Väter des Grundgesetzes, bezeichnete es völlig zutreffend als „Besatzungsstatut“ und die Bundesrepublik als „Organisationsform der Modalität einer Fremdherrschaft“. Dieses Gebilde wird bis heute von einem politisch-medialen Establishment beherrscht, das in hohem Maße fremdbestimmt wirkt und von einer weitgehend entpolitisierten, konformistischen Zivilgesellschaft getragen wird, einer Gesellschaft, die mit einem selbstbewußten Staatsvolk wenig gemeinsam hat.

„Die Höllenfahrt der Republik“ weiterlesen