Hervorgehoben

Freiheit bedingt Verantwortung

Bildquelle: »Genosse was hast du mit der roten Fahne gemacht?« Quelle: Sieghard Pohl, »extra muros«. Kurzprosa Grafik Malerei Objekte, erschienen im Verlag Siegfried Bublies, Koblenz 1990.

von Siegmar Faust

Freiheit bedingt Verantwortung

Dreißig Jahre nach dem Gottesgeschenk des Mauerfalls spitzt sich wieder etwas zu, und das nicht nur in Deutschland. Erleben wir eine Wiederkunft des Totalitären? Und das 30 Jahre nach der ersten Revolution, die zumindest den Mitteldeutschen gelungen war, und das sogar in einer völlig unerwarteten und neuen Qualität, nämlich in einer friedlichen Revolution? Waren wir Deutschen denn nicht am Tag nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 „das glücklichste Volk der Welt“, wie es der stets rotbeschalte Regierende SPD-Bürgermeister von Berlin-West, Walter Momper, damals in die Mikrofone rief?

Natürlich war das eine dumme Übertreibung, denn wie sollten die ehemaligen Profiteure und deren Handlanger über den Sturz oder Zusammenbruch ihres „ersten Arbeiter-und-Bauer-Staates auf deutschem Boden“ glücklich sein? Und nicht nur das, denn der ganze Ostblock mit der Hauptstadt Moskau brach in sich zusammen. Die linke „Intelligenzija“ des Westens war entsetzt. Wer wollte denn von denen gar noch die Wiedervereinigung? Herr Momper, Oskar Lafontaine, Nobelpreisträger Günter Grass, Willy Brandt und sein ehemaliger Staatssekretär und persönlicher Freund Egon Bahr wollten sie wie die meisten anderen Sozialdemokraten jedenfalls nicht. Noch im Spätherbst 1988 bezeichnete Bahr die Forderungen nach der Wiedervereinigung als „politische Umweltverschmutzung“. Selbst noch fünf Tage nach dem Fall der Mauer nannte er es eine „Lebenslüge, über Wiedervereinigung zu reden“. Brandt sagte im September 1988 in einem Vortrag der Friedrich-Ebert-Stiftung: „Durch den Kalten Krieg und seine Nachwirkungen ist die Hoffnung auf Wiedervereinigung geradezu zu einer spezifischen Lebenslüge der 2. Republik geworden“. Doch nur sein nachträglicher Satz, als die Einheit nicht mehr zu verhindern war, hat sich ins Gedächtnis der Nation eingebrannt: „Es wächst zusammen, was zusammengehört“. In diesem Stil der verwirrenden Widersprüche stolperten die ideologisch zumeist vernagelten Politiker in die ungewollte, aber von den demonstrierenden Massen vor allem in Leipzig, Dresden und Plauen erzwungene Einheit Deutschlands hinein. Wobei auch nicht vergessen werden darf, dass die meisten durchaus mutigen Bürgerrechtler, die später mit Orden und Ehrenzeichen dekoriert wurden, anfangs weder die Wiedervereinigung noch die Abschaffung des Sozialismus anstrebten, den sie lediglich im Sinne Rudolf Bahros oder Robert Havemanns reformieren wollten. Doch solche Halbheiten bilden in brenzligen Situationen oft eine Brücke zwischen den Extremen und können dadurch eine gewaltsame Eskalation verhindern.

Der „Zeit“-Journalist Theo Sommer sekundierte damals, als schon jeder Sensible das Ende der SED-Diktatur erahnen konnte: „Die Bürger des anderen deutschen Staates bringen ihm (Honecker) fast so etwas wie stille Verehrung entgegen“. Diesem Blödsinn von marxistisch verseuchten, doch großbürgerlich prassenden Gesinnungsjournalisten und den jakobinischen Tugendterroristen im „Kampf gegen rechts“ setzte Axel Springer mit Kurt Schumacher die simple Tatsache entgegen, dass Kommunisten überall, wo sie an die Macht gelangten, sich als „rotlackierte Nazis“ entlarvten. Der SED-Staat war demzufolge nicht nur für den Verleger Springer ein Verbrecherregime, sondern besonders für deren Widerständler und vielen Opfer, denen Springer gern Chancen in seinem Verlag einräumte, darunter Günter Zehm, Ulrich Schacht, Lutz-Peter Naumann oder den Perser Hossein Yazdi, der 16 Jahre als politischer Häftling einsaß und dann 36 Jahre für Springer als Journalist arbeitete. Jeder, der dort als Journalist arbeiten wollte, musste folgende vier Punkte unterschreiben:

  1. Das unbedingte Eintreten für die friedliche Wiederherstellung der Deutschen Einheit in Freiheit.
  2. Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes.
  3. Die Ablehnung jeglicher Art von politischem Totalitarismus.
  4. Die Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft.

In der Springer-Zeitschrift „Kontinent“, in der vor allem die osteuropäischen Dissidenten zu Wort kamen, veröffentlichte Springer 1977 wie ein Prophet das Folgende:

„Wenn es gelingt, die Völker Osteuropas, einschließlich der Sowjetunion, gegen die Lüge der Gewalthaber immun zu machen, indem wir die Wahrheit als Elixier der Freiheit auf allen Wegen über Mauern und durch Zäune schaffen, dann bereiten wir jene Revolution des Geistes vor, die noch immer die Lüge außer Kraft gesetzt und Diktatoren, Gewaltregime und Unterdrücker gestürzt hat. Das klingt heute wie ein Märchen. Ist es nur ein Märchen? Es gab einmal einen Mann namens Theodor Herzl. In scheinbar aussichtsloser Lage versprach er den Juden einen Staat, auf den sie seit 2000 Jahren tagtäglich – vergeblich – hofften. Herzl hämmerte den Juden ein: ,Wenn ihr es wollt, ist es kein Märchen.‘ Das heißt für uns: Wenn wir nur wollen, wenn wir alles wagen, dann ist die Freiheit kein Märchen. In Deutschland nicht. In Polen nicht. In Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei und den baltischen Staaten nicht. Und nicht in Russland.“

Schade, dass Axel C. Springer, der 1985 verstarb, das nicht mehr auf Erden erleben durfte, was er vorausgesehen hatte. Auch Matthias Walden und Franz Joseph Strauß hätte ich das sehr gegönnt.

In Osteuropa hat der Marxismus in seinen verschiedenen Auslegungen faktisch ausgedient, denn mit den marxistischen Altkadern, die noch überdurchschnittlich in allen möglichen Verwaltungen unterkamen, sogar in der Stasi-Unterlagen-Behörde, stirbt er nun größtenteils ab, weil diese Funktionäre selber wegsterben. Doch in den westeuropäischen und amerikanischen Hochschulen erfreut sich der Marxismus ansteigender Beliebtheit. Das alles dient dazu, die westliche „Wertegemeinschaft“ noch weiter zu spalten, was den nächsten Weltenbeglückern unter dem Ruf „Allahu Akbar!“ nur recht sein kann. Der westliche „Gutmensch“, vor allem in seiner Extremform als „Bessermensch“ verharmlost nicht nur die islamische Gefahr, sondern wird – bewusst oder unbewusst – zu ihrem Werkzeug. Die Grundlage, die sie verbindet, ist die totalitäre Deutungshoheit mit dem anknüpfenden Herrschaftsanspruch.

Doch ich möchte lieber nah an der mich umgebenden Gegenwart bleiben, denn geist- und gefühlsverwirrte Gefälligkeitskünstler und ebensolche Politiker und Wissenschaftler hatten ausgerechnet den SED-Juristen Gregor Gysi mit zum Festredner des 30. Jahrestages der friedlichen Revolution ausgerechnet in der ehemaligen „Heldenstadt“ Leipzig auserkoren, also jenen Mann, der die totalitäre SED und deren Vermögen gerettet hat, obwohl diese Partei verboten gehört hätte, wie 30 Jahre zu spät Theo Waigel, der ehemalige Spitzenfunktionär und spätere Ehrenvorsitzende der CSU, selbstkritisch zugab. Zum Glück haben sich viele ehemalige Bürgerrechtler und Dissidenten zu einem Protestschreiben aufgerafft, mit dem dieser Skandal gerade noch verhindert werden sollte.

Doch warum konnte niemand der Bundeskanzlerin und ihren Lakaien Einhalt gebieten? Würde man allein die völlig gegensätzlichen Aussagen der ersten deutschen Bundeskanzlerin aneinanderreihen, dann käme eine lange Litanei zustande. Hier nur ein Aspekt: Im Oktober 2000 sagte sie deutlich, dass „die multikulturelle Gesellschaft keine lebensfähige Form des Zusammenlebens ist, und das glaube ich auch.“ 2004 tritt sie entschlossen vorm Bundestag für die „Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung“ ein. Noch 2010 beteuert sie, dass der „Ansatz Multikulti … absolut gescheitert“ sei. Fünf Jahre später lässt sie gegen sämtliche Vernunft und alle bestehenden Gesetze, natürlich ohne den Willen des Souveräns einzuholen, 1,5 Millionen illegale Einwanderer, überwiegend junge Männer ohne Pass, aber mit modernen Handys ins Land und in die deutschen Sozialsysteme strömen. Schlepperbanden machen riesige Geschäfte, Hunderte ertrinken im Mittelmeer. Plötzlich werden Milliarden Euros locker gemacht, obwohl für die maroden Schulen, Straßen, Brücken, für die Wohnungsnot und Aufstockung erbärmlicher Renten bisher keine Gelder übrig waren.

Merkels politische Linie besteht lediglich darin, sich opportunistisch jedem anzubiedern, möglichst wenig zu ändern, denn eigene Ziele oder Entscheidungen zu vertreten, dazu hat sie kein Talent. Ihr Leitmotiv ist unter Politikern nur allzu bekannt: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“ Aber eins beherrscht sie bestens: in fast jede Aussage eine Einschränkung einzubauen, die es möglich macht, bei Bedarf genau die gegenseitige Position vertreten zu können. Katastrophal wird es, wenn grundsätzliche Entscheidungen verlangt werden, die nicht mit einer pro-forma-Konzession an Gegner in der Koalition zu bewältigen sind. Und für diese katastrophale Politik „verdient“ diese gewählte Frau täglich über 1.100 Euro, die immer weniger Rentner im Monat bekommen.

Zunehmend verstärkt sich bei vielen verantwortlich denkenden Menschen der Eindruck, in Absurdistan zu leben oder gar in einem Irrenhaus, dessen Ärzte sich zudem noch anschicken, sich einem neuen Totalitarismus zu ergeben, der als Religion daherkommt und eine brutale Welteroberungspolitik betreibt, sobald er sein Lehrbuch, den Koran, auch nur halbwegs ernst nimmt. Damit das nicht so auffällt, wird ein CO2-Gespenst aufgeblasen, welches die Welt retten soll und natürlich die Zukunft unserer Kinder, die sich dafür mit einem abnormen Schulmädchen an der Spitze den Freitag zum Schulstreiktag „erkämpft“ haben.

Freilich, diesem Jetztzustand gehen immer unkorrigierte Fehler und fehlgeleitete Ideologien voraus.

Diese alle aufzuzählen übersteigt die Kraft und Zeit eines Einzelnen. Doch es bleibt, um es noch ganz allgemein zu sagen, folgende Beobachtung im Raum: Wenn Menschen, die sich dem Allgemeinwohl verpflichtet fühlen und politische Ämter anstreben, nicht mehr prinzipiell denken und damit auch keinen Überblick über allgemeine Zusammenhänge erlangen können, dann ist es kein Wunder, dass sie Wesentliches nicht mehr von Unwesentlichem unterscheiden können. Sie wollen populär sein, um die mildeste Variante anzunehmen, stempeln zugleich selber jeden Kritiker als Populisten ab.

Unter solchen konturlos-unberechenbaren Regenten bildet sich immer auch eine konturlose Mehrheit von verschiedensten Mitläufern, die sich wie in jeder Diktatur rasch und billig auf Schlag-Worte einigen, mit denen nicht nur drohend herumgefuchtelt, sondern auch durch die Antifa-SA kräftig zugeschlagen wird. Das erhöht das Selbstwertgefühl minderwertiger Kreaturen, die nun im Herdengefühl unter jeder dummen Kuh den Kampf ausrufen, in allererster Linie natürlich „gegen Rechts“, deren Vertreter dadurch wiederum zum Gegenterror aufgerufen werden:

„Gegen Rechts hilft kein Sexismus, unsere Antwort: Feminismus“,

„Ob friedlich oder militant – wichtig ist der Widerstand!“, „Ob Ost, Ob West – nieder mit der Nazipest!“,

„Nazis gibts in jeder Stadt – bildet Banden macht sie platt!“,

„Grenzen von der Karte streichen – Staaten müssen Menschen weichen!“,

„Kein Mensch ist illegal – Bleiberecht überall!“,

„Was kotzt uns so richtig an? Einteilung in ›Frau‹ und ›Mann‹!“,

„Die Bullen üben fleißig für ein neues dreiunddreißig!“,

„Gegen das Konstrukt aus Rasse und Nation – Für die soziale Revolution!“,

„Lasst es krachen, lasst es knallen, Deutschland in den Rücken fallen!“,

„Kapitalismus, scheiße wie noch nie! Für den Kommunismus und die Anarchie!“,

„Alles für alle und zwar umsonst!“,

„Kein Gott, kein Staat, kein Vaterland – Schwarz, Rot, Gold wird abgebrannt!“,

„Ich war, ich bin, ich werde sein – Die Revolution wird die Menschheit befreien!“,

„Erst kommt das Essen, dann kommt die Moral – Wohlstand für alle – Kampf dem Kapital!“…

Nach der Auflösung der Roten Armee Fraktion (RAF) verschob sich die Aufmerksamkeit auf das Gefahrenpotenzial des braunen (NSU-Morde, Politikermord, antisemitischer Anschlagsversuch mit Schusswaffenmorden) und des islamischen Terrors. Brandanschläge auf die Stromversorgung, zerstörte Bahngleise, krankenhausreif geprügelte Politiker, Angriffe auf Polizisten und Rettungskräfte, Ehrenmorde, Messerattacken, Vergewaltigungen, Erpressungen, Sprengungen von Geldautomaten und dergleichen mehr überlasten nicht nur die Polizei sowie das gesamte Justizsystem, während die zunehmenden Übergriffe aus dem linksextremen Spektrum verharmlost werden und demzufolge kaum erforscht sind. Von den sich immer weiter ausbreitenden arabischen und kurdischen Gangster-Clans will ich gar nicht erst zu berichten beginnen.

Immerhin, Prof. Klaus Schroeder, der an FU Berlin über Linksextremismus forscht, weist nach, dass sich im Jahr 2017 1200 Gewalttaten von rechts fast doppelt so vielen Ausschreitungen von links gegenüberstehen. Doch in unseren Erziehungsmedien wird das genau andersherum dargestellt. Eine riesige Lobby-Gruppe mit der ehemaligen Stasi-Mitarbeiterin Anetta Kahane an der Spitze verdient sich dumm und dämlich im bewusst einseitigen und damit totalitären „Kampf gegen rechts“. In einem demokratischen Staat, für den ich mich wie jeder andere Konservative auch einsetze, müsste ein erbarmungsloser Kampf gegen alle Extremisten geführt werden, die kriminell, also revolutionär mit Terror und Gewalt den vernünftigen Ordnungsrahmen unseres Grundgesetzes bewusst zerstören oder außer Kraft setzen wollen.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass die Demokratie immer nur eine zum Durchschnitt neigende Diktatur der Mehrheit ist, wenn… Ja, wenn es keinen Verfassungsrahmen gäbe, der den Ordnungsrahmen aller Freiheiten bildet, damit keine Willkür oder Anarchie, also das primitive Recht des Stärkeren herrschen kann. Freiheit ohne Disziplin und Verantwortung führt ins Chaos und bereitet Terror vor. Es lässt sich auch verkürzt sagen: Chaos neigt dem weiblichen Wesen zu, Ordnung dem männlichen. Das provoziert und soll es auch. Es besteht durchaus die berechtigte Frage, ob vielleicht erst das Chaos das Denken nährt.

Wer sich als gemäßigter Linker nicht vom Kulturmarxismus abgrenzt, will die Grundlagen der westlichen Welt, die sich sowohl durch Freiheit als auch durch Wohlstand charakterisiert, unterminieren. Linke Utopisten laufen gegen jedes machbare System an, das irgendetwas mit Kapitalismus oder Marktwirtschaft zu tun hat. Was bleibt davon übrig, wenn die soziale Marktwirtschaft abgeschafft würde? Planwirtschaft, Diktatur der Bürokratie und ideologischer Machtterror. Das heißt Armut, Zerstörung der Umwelt, der Kultur und Tradition. Was blüht stattdessen auf? Angst, Misstrauen, Ideologie und Verlogenheit. Viele in Mitteldeutschland dachten, das hätten sie endlich hinter sich. Die Diktatur der Bürokratie hat hier und heute schon jede Dimension einer Diktatur überflügelt. Der freie Meinungsstreit wird besonders in den Medien, die sich von unseren Zwangsgebühren mästen, so eingeschränkt, dass der Weg zum Meinungsterror schon geebnet ist. Was folgt? Ein Bankencrash? Stromausfälle, überbordende Kriminalität? Das Abrutschen in die 3. Welt? Dorthin, wo unser Bildungssystem im Großen und Ganzen fast schon gelandet ist? Marxismus ist alternativlos. Da hat Frau Dr. Merkel völlig recht. Opportunisten haben immer recht.

Schon jahrelang erlaubte es sich Deutschlands erste Kanzlerin zu machen, was sie will. Doch das Schönste ist ja, sie weiß gar nicht, was sie will. Ideen? Prinzipien? Visionen? Lehren aus der Geschichte? Sie merkelt nur, dass ihr die Basis unter den Füßen wegschmilzt. Da weiß sie plötzlich wieder, was sie will: Macht haben, Recht haben, Ruhm haben. Nicht nur Verfassungsrechtlern der CDU stehen zu diesem Weiberregiment die Haare zu Berge. So dominiert (oder regiert?) heute vor allem eine Walküre-Willkür. Doch wenn sie gar noch wegen der ihr verhassten deutschen Nationalhymne auf- und stillstehen muss und sich nicht selber mit ihrer heiligen Raute präsentieren darf, bekommt sie das große Zittern. Doch fortschrittliche Professoren und Journalisten applaudieren. Der Beamten-Unwirtschaft unter Olaf, dem Steuereintreiber, kann es nur recht sein, den privilegierten Lakaien ohnehin, denn sie müssen ja nicht viel leisten, hauptsächlich zustimmen, abnicken, dann sieht man bald aus wie Peter Altm… Ach, und der süße Heiko Maa…Maa…. passt gut in die Handtasche unserer großen Vorsitzenden und hält deren Lippenstift frisch. Und der kleine verbiesterte Wolfgang Schäu… – schäumt er wieder? Der wird mitleidig in seinem Kinderwagen hin und her geschoben. Schlauheit bleibt dreist im Lande, Intelligenz wandert aus.

Keine Diktatur mit Planwirtschaft konnte bisher wirtschaftlich überleben. Nur die Despotie blüht in verschiedenen Größen wie Unkraut in solchen Ländern, sodass sich dieses sogar an den Klassenfeind exportieren lässt. Doch Individualismus ist jedem Kollektivismus haushoch überlegen. Ausnahmen waren Pinochets Diktatur und neuerdings diejenige Chinas oder die der feudalistischen Ölscheichmilliardäre, die sich mithilfe der besten Ingenieure, Architekten, Künstler und Wissenschaftler aus dem Westen Huxleys „Schöne neue Welt“ in die Wüste bauen lassen. Wer schon einmal Dubai besucht hat, der sieht, wie uns heute undemokratische, totalitär strukturierte Feudalsysteme mit unseren eigenen Waffen schlagen und zeigen, wie wir mit unserer verkommenen Bürokraten-Demokratien immer weiter zurückfallen, gewissermaßen abgehängt werden. Überall wollen bei uns demokratisch gewählte Politiker mit hineinreden, obwohl sie zumeist nur von einem viel verstehen – von nichts! So entstehen in jahrelanger Verspätung die teuersten Philharmonien oder Flugplätze der Welt auf niedrigem Niveau. Die Bundeswehr ist zur Lachnummer verkommen, regiert von einer eingeadelten Frau, die durchaus zur Familienministerin taugen würde. Doch selbst Blödsinn zu befehlen ist einfacher als den neuen „Goldstücken“ aus fremden Kulturkreisen Deutsch beizubringen. Nicht vergessen! Denn es war der ebenfalls wahrnehmungsgestörte SPD-Schulz, der 2016 gesagt hatte: „Was die Flüchtlinge uns bringen, ist wertvoller als Gold. Es ist der unbeirrte Glaube an den Traum von Europa.“ Glaube und Traum sind für mich zwei verschiedene Schuhe. Und was uns die Flüchtlinge bringen? Was könnte denn wertvoller als Gold sein? Platin?

Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks vor 30 Jahren kriechen immer mehr Neomarxisten aus ihren universitären Brutstätten und bedrohen mit „political correctness“ die größte Errungenschaft der westlichen Zivilisation: die Gedanken- und Redefreiheit. Sie wollen nicht nur den Studenten ihre marxistischen Geschichtsgesetze beibringen, nein, sie der ganzen Gesellschaft aufdrängen. Ist es schon völlig aus der Mode gekommen, auch Zeitgenossen von Marx/Engels zu lesen?

Friedrich Nietzsche wies nämlich schon 1878 unter der Überschrift „Der Sozialismus in Hinsicht auf seine Mittel“ darauf hin, dass der Sozialismus der jüngere Bruder des fast abgelebten Despotismus sei, den er beerben wolle. Er brauche eine Fülle an Staatsgewalt und strebe die Vernichtung des Individuums an. Der erwünschte Gewaltstaat brauche die untertänigste Niederwerfung aller Bürger und könne sich nur durch äußersten Terrorismus Hoffnung auf Existenz machen. Er bereite sich im Stillen auf eine Schreckensherrschaft vor und verwende missbräuchlich den Begriff der Gerechtigkeit. Der Sozialismus lehre lediglich die Gefahr der Anhäufung von Staatsgewalt und werde den Ruf nach so wenig Staat wie möglich provozieren.

Karl Poppers „offene Gesellschaft“ steht bekanntlich in der Tradition des Liberalismus und ist für Marxisten reaktionär, weil sie die kritischen Fähigkeiten der Bürger freisetzen will. Dazu soll auch noch die Gewalt des Staates geteilt werden, um Machtmissbrauch vorzubeugen. Wo käme man denn da hin, wenn man doch mit den Geschichtsgesetzen von Marx immer weiß, wo es langgeht? Da die Marxisten es zu wissen vorgeben, sollten wir ihre Ersatzreligion durchaus ernst nehmen, aber zugleich wissen, dass die Marx-Exegese und die Fundamentalkritik der „bürgerlicher Wissenschaft“ begleitet war von einem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust der Geisteswissenschaften. Gleichheit, Gleichheit über alles, über alles in der Welt. Immer wieder soll am nichtdeutschen Wesen die Welt genesen. Wer kann das so ausdauernd genießen?

Natürlich die deutschen Politiker der sogenannten Altparteien, die in der Regel einfach zu arrogant, ungebildet und ideologisch verblendet, aber auch total überfordert werden, um zur Wiedererweckung der einst vorbildlich funktionierenden Demokratie unter Adenauer und dem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard fähig zu sein. Als letzte Hoffnung bleibt nur die neue Oppositionspartei, deren Namen ich, so warnen mich gute Freunde, am liebsten nie wieder in den Mund nehmen sollte, um nicht noch weitere Einschränkungen meines ohnehin bescheidenen Lebensstils hinnehmen zu müssen. Doch wie heißt es im Psalm 18? Auf die heutige Zeit übertragen würde ich es so aussprechen:

„Es ist besser, Gott zu vertrauen als sich auf Menschen zu verlassen. Es ist besser Gott zu trauen als sich auf Politiker zu verlassen. Viele Parteien hatten mich umringt. Im Namen Gottes – ja, ich wehrte sie ab. Sie hatte mich umringt, ja, mich eingeschlossen. Im Namen Gottes – ja, ich wehrte sie ab. Die Stasi-Knechte hatten mich umringt wie Bienen. Sie sind erloschen wie Dornenfeuer. Im Namen Gottes – ja, ich wehrte sie ab. Hart hat man mich gestoßen, um mich zu Fall zu bringen.“

Und? Ich lebe noch – gesund und flexibel. Selbst mein Dreivierteljahrhundert sehen mir nur wenige an. Dass ich selber kein Parteien-Mensch bin, erfuhr ich erst, nachdem ich zweimal in den 80er und 90er Jahren der Berliner FDP beigetreten war, in deren Parteinamen mich vor allem das Attribut „frei“ faszinierte, aber vor allem, um den nationalliberalen Flügel um Alexander von Stahl, Hermann Oxfort, Heiner Kappel, Rainer Zitelmann und Klaus Rainer Röhl zu stärken. Ja, Röhl, der ehemalige linke Journalist und „konkret“-Herausgeber hatte sich ebenfalls gewandelt und publiziert nun selbst als hochbetagter Mann noch in so genannten „rechten“ Zeitungen, um über die „tiefgreifenden, zum Teil verheerenden Folgen der kommunistischen und links-utopischen Aktivitäten“, an denen er selber einst „als Herausgeber und Kommentator beteiligt gewesen war“, aufzuklären.

Ansonsten interessiert mich Macht- und Parteienpolitik kaum. Mir geht es vor allem um Erkenntnisse, die nicht immer leicht zu verdauen sind. Dazu muss der Mut aufgebracht werden, auch mit Menschen, die einem unsympathisch sind, oder mit politischen Gegnern oder sogar Feinden zu diskutieren. Vor dem Entscheiden kommt das Verstehenwollen, das Infragestellen eigener Klischees und Gewohnheiten, das Abwägen gegensätzlicher Auffassungen. Das kann durchaus zu neuen Kompromissen führen, auf alle Fälle zu einer begründeten Positionierung.

Doch Menschen, die unter dem Schild der guten Moral und des überheblichen Bewusstseins, etwas für die Zukunft der Menschheit zu leisten, sich totalitären Systemen und ihren Methoden zur Verfügung stellen, sind es der kurzen, wertvollen Lebenszeit nicht wert, sich mit ihnen einzulassen, bevor sie sich nicht selber ihren Irrtum eingestanden haben. Jeder kennt den August H. H. von Fallersleben zugeschriebenen Spruch „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant!“ Zu diesen Lumpen gehören auch die Relotius-Decker-Journalisten, die massenhaft herangezüchtet wurden, nachdem Matthias Walden, Heimo Schwilk, Günter Zehm, Ulrich Schacht und andere hervorragende Journalisten mit Charakter, Talent und Scharfsinn das Feld verlassen hatten. Sie konnten Wesentliches mit ihrem Erfahrungswissen durchschauen und wussten deshalb noch, welche Gefahren von der Verharmlosung des Marxismus-Leninismus und den verschiedenen Sozialismus/Kommunismus-Varianten ausgingen. Mit ihnen verband mich auch eine persönliche Freundschaft.

Matthias Walden (1927-1984, eigentlich Otto Baron von Saß) floh als junger Redakteur 1950 aus Dresden in den Westen, nachdem er als Gerichtsreporter mitbekam, wie brutal gegen Oppositionelle in der SBZ/DDR vorgegangen wurde und wie ihn schließlich selber FDJ-Kampfgruppen bedrohten. Sein Lebensziel war die Wiedervereinigung Deutschlands, die er selber nicht mehr erlebte. Ab 1980 war er Mitherausgeber der „Welt“ und war als Nachfolger in der Konzernleitung Springers vorgesehen, doch er starb noch ein Jahr vor Springer.

Günter Zehm (*1933) war Lieblingsschüler des Utopie-Philosophen Ernst Bloch in Leipzig, saß dann drei Jahre in Zuchthäusern, folgte Bloch in den Westen und wurde nach seiner Promotion über Sartre Feuilleton-Redakteur der „Welt“ und stieg bis zum stellvertretenden Chefredakteur auf. Nach dem Zusammenbruch der „DDR“ wurde er Honorarprofessor in Jena und schrieb viele Philosophiebücher und Kolumnen.

Ulrich Schacht (1951-2018) wurde sogar im Frauenzuchthaus Hoheneck geboren. Sein Vater war ein russischer Offizier. Schacht wurde selber wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren verurteilt, kam 1976 als Freigekaufter in den Westen und wurde Feuilleton-Redakteur und Chefreporter für Kultur der Zeitungen „Die Welt“ und „Welt am Sonntag“; trat auch als erfolgreicher Dichter und Schriftsteller hervor.

Heimo Schwilk (*1952) ist ein waschechter Schwabe und war bis Oktober 2015 Leitender Redakteur der „Welt am Sonntag“. Er lebt heute bei Berlin und schreibt Biografien. 2014 wurde ihm in Treviso/Italien der Premio Comisso für die beste Biografie verliehen. 2019 unterzeichnete er einen Aufruf zur Unterstützung der AfD.

Alle hier aufgezählten Journalisten und Autoren wurden von den ach so fortschrittlichen Linken im Westen diffamiert und zum Teil auch bedroht, jedoch vergebens.

Die Kommunisten, die während der Nazi-Zeit im Moskauer Hotel „Lux“ Quartier nahmen, mussten ihre Genossen, Freunde und Verwandten denunzieren, um selber überleben zu können. Völlig im Gegensatz zu den christlich geprägten Widerständlern der Weißen Rose in München. Solche vom Marxismus geprägten Denunzianten durften dann im Auftrag des Massenmörders Stalin, der mehr führende Kommunisten umbringen ließ als Hitler, die sowjetische Besatzungszone regieren, die sich dann dummfrech Deutsche Demokratische Republik nannte, wo kein Begriff der Wahrheit entsprach. Der Ex-Kommunist Prof. Hermann Weber fasste es exakt zusammen: „Mehr als sechzig Prozent der KPD-Funktionäre, die vor dem Zugriff der Gestapo in die Sowjetunion geflüchtet waren, sind von Stalins Schergen ermordet worden oder im Gulag umgekommen. Von den Mitgliedern des Politbüros der KPD hat Stalin mehr ermorden lassen als Hitler (…) Fünf Namen stehen auf dem Blutkonto der Gestapo, sieben auf dem des Tscheka-Nachfolgers GPU. Von den Familienangehörigen der Ermordeten sind mindestens 31 in der Sowjetunion gewaltsam umgekommen.“

Nur die Springer-Zeitungen setzten im Westen noch dieses stalinistische Gebilde „DDR“ wenigstens in Anführungszeichen, während die SPD sich soweit von ihrem ersten und mutigen SPD-Vorsitzenden nach dem Krieg, Kurt Schumacher, entfernt hatte, dass sie diese „DDR“ 1987 in dem SPD-SED-Papier gar auf Augenhöhe mit der Demokratie zu heben versuchte und Honecker für einen ehrenwerten Mann hielt. Diese Diktatur bestimmte sogar die Politik der Bundesrepublik mehr als es sich viele vorstellen konnten.

1972 wäre der CDU-Politiker Rainer Barzel beinahe Bundeskanzler geworden, nachdem Brandts SPD-FDP-Koalition Abgeordnete an die CDU/CSU-Fraktion verloren hatte. Doch beim entscheidenden Misstrauensvotum fehlten ihm plötzlich zwei Stimmen. Später kam heraus, dass zwei Abgeordnete von der Stasi bestochen worden waren. So blieb der von der SED bevorzugte Willy Brandt an der Macht, der den Zustrom von Jungmarxisten in die SPD zuließ. Auch der Bundespräsident Lübke wurde durch Stasi-Fälschungen zum Rücktritt veranlasst. Oder denken wir an den Ehrenpräsidenten der FDP, William Born, dessen Antrittsrede im neugewählten Deutschen Bundestag direkt aus der Feder des stellvertretenden Stasi-Ministers Markus Wolf stammte! Und wer erinnert sich noch an den „Krefelder Appell“, mitinitiiert von dem mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille ausgezeichneten General Gert Bastian, der dann auch mit anderen Generälen die Vereinigung „Generäle für den Frieden“ begründete? Auch dieses Projekt wurde von der Stasi angeregt und mitfinanziert. Dieser Verräter im Generalsrang, der sich 1992 und gleichzeitig seine Lebensgefährtin Petra Kelly erschoss, war von 1983 bis 1987 grünes Mitglied des Bundestages. Man stelle sich nur solch eine Gestalt in der heute einzigen Oppositionspartei vor. Da kämen die Medien überhaupt nicht mehr zur Ruhe.

Siegmar Faust

Siegmar Faust, geboren 1944, studierte Kunsterziehung und Geschichte in Leipzig. Seit Ende der 1980er Jahre ist Faust Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), heute als Kuratoriums-Mitglied. Von 1987 bis 1990 war er Chefredakteur der von der IGFM herausgegebenen Zeitschrift „DDR heute“ sowie Mitherausgeber der Zeitschrift des Brüsewitz-Zentrums, „Christen drüben“. Faust war zeitweise Geschäftsführer des Menschenrechtszentrums Cottbus e. V. und arbeitete dort auch als Besucherreferent, ebenso in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Er ist aus dem Vorstand des Menschenrechtszentrums ausgetreten und gehört nur noch der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik und der Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft an.

Die Pointe Laschet

von Matthias Matussek

Die Pointe Laschet

Er ging in diese Abstimmung als hoher Favorit, der Sauerländer Friedrich Merz, ja, er war die Hoffnung der Konservativen.

Was hatte man nicht alles in ihn gesetzt an Hoffnungen und hineingeheimnisst an Erwartungen auf eine Kurskorrektur, einen Rechtsschwenk, eine wieder sichtbar werdende konservative Kantigkeit der Partei in gesellschaftspolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fragen.

Er wäre die Absage gewesen an alle feuchten Träume einer sozialdemokratischen Utopie von bedingungslosem Grundeinkommen, ein neues Bekenntnis zum Leistungsprinzip, eventuell zu einer deregulierten Wirtschaft.

Ja, auch zur traditionellen Familie und damit zusammenhängend ein Bekenntnis zur Nation mit der klaren Absage an eine ungezügelte Immigration in unsere Sozialsysteme.

Vielleicht wäre mit ihm sogar ein Wahlkampf-Motto wie „Make Germany great again“ möglich gewesen nach einem Ausbluten der Marke Deutschland während der Merkelei, um nicht von einem Ausverkauf zu reden.

Doch schon letzteres wäre von dem forschen Mann mit der hohen Stirn kaum zu erwarten gewesen. Als Aufsichtsratsvorsitzender und Lobbyist für BlackRock, dem größten Vermögensverwalter der Welt, ist er naturgemäß überzeugter Globalist, für den nationale Souveränitäten und ihre Gesetze eher Ärgernis sind als in Marmor gemeißelte Vorschriften.

In den Umfragen der Parteibasis vor der Abstimmung war er haushoher Favorit. Er schien das verkörperte Gegengift zu Angela Merkel, die ihn einst aus Amt und Würden gekegelt hatte, weil er im Weg stand. So wachsen verlässliche Feindschaften, und Angela Merkel wäre nicht die, die sie ist, wenn sie auf die Interviews reingefallen wäre, in denen Merz vor dem Parteitag ihre „großen Leistungen“ gewürdigt hatte.

Und er wäre nicht Merz, wenn er sie ernst gemeint hätte.

So konnte es sich die große Vorsitzende nicht verkneifen, in ihrer Rede aufblitzen zu lassen, dass sie sich den anderen wünsche, den viele als ihren Klon empfanden, Armin Laschet.

Der nämlich war mit Jens Spahn als Team angetreten, und Spahn nutzte denn auch seine Redezeit, um seinen Teampartner Laschet mit Girlanden zu behängen.

Am Ende fehlten Merz unter den über 1000 Delegierten gerade mal 55 Stimmen zum Sieg.

Natürlich gingen die Konservativen enttäuscht in die Knie. Spahns Manöver wurde kritisiert. Hat der Typ mit der Zahnlücke und dem Puddinggesicht doch schon wieder getrickst! Überhaupt kann man sich mit seinen Wortbrüchen („Friseure zu schließen war ein Fehler, der sich nie widerholen wird“) das Zimmer tapezieren. Mal sehen, wie es mit seinem Veto einer  Impfpflicht aussehen wird.

Andere machten Merkel verantwortlich. Die wenigsten kamen auf die Idee, dass Armin Laschet einfach die bessere Rede gehalten hatte. Der Unterschied zu der von Merz, kalauerte Jan Fleischhauer, sei der gewesen, dass der eitle Merz seine Rede selber geschrieben habe.

Im Falle Laschets hatten die Redenschreiber Wert auf die persönliche Anrede der Delegierten gelegt. Da war die Bergmanns-Plakette des Vaters. Da war die Jovialität – gegen den schneidigen Casinoton von Friedrich Merz, der in einer Art Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede den Kampfgeist Churchills beschwor, allerdings ohne Churchills Statur und dünn vom Blatt gelesen.

Dass sich Merz gleich nach der Wahl für das bestehende Kabinett Merkel als Wirtschaftsminister anbot, machte klar, dass er auf Freunde in der Partei keinen Wert legt, nicht in dieser Losertruppe, die ihn, den geborenen Kommandeur, erneut in der zweiten Reihe abzustellen gedachte.

Einen Präsidiumssitz in der CDU, der tatsächlich Parteiarbeit bedeuten würde, schloss er für sich aus. Was noch einmal unterstrich: einer wie Friedrich Merz steht nicht für Klein-Klein zur Verfügung.

Nun also, das durfte er der FAZ entnehmen, wird die Kanzlerfrage zwischen Söder und Laschet entschieden, das ließ ihn Söder bei allem geheuchelten Respekt vor der Kompetenz des Friedrich Merz per Interview wissen. Im Klartext: Du bist raus, du darfst noch nicht mal mehr mitreden.

Allerdings hat Armin Laschet ausdrücklich als Versöhner gewonnen, als Einiger aller Flügel und Gruppierungen innerhalb der Partei. So wird er auch an dieser mächtigen Fast-Mehrheit für Merz, an dieser massiven Sehnsucht nach einem konservativen Kursschwenk nicht vorbeikommen und Merz einbinden müssen.

Eines aber dürfte klar sein. Armin Laschet wird sich auch von einem Markus Söder nun seinen Zugriff auf die Kanzlerkandidatur nicht nehmen lassen, auch wenn der neue CDU-Vorsitzende mit rund 30 Prozent in der Wählergunst den 53 Prozent für Markus Söder weit hinterher hinkt.

Doch nun kommt die Pointe: Die Konservativen in der CDU sollten über das Ergebnis verdammt froh sein, denn ein vermeintliche Klon Merkels kann von den Popularitätswerten der ewigen Mutti eher profitieren, als es ein Polarisierer wie Merz könnte. Womit eine rechnerisch durchaus mögliche Regierungs-Koalition aus zwei roten und der grünen Partei verhindert wäre, denn die würde das Land binnen kurzem in einen failed state abwirtschaften.

Zum Zweiten hat Laschet mit der Wahl seines Innnenministers Reul bewiesen, dass er durchaus an Law und Order insbesondere auch innerhalb der Immigrantenszene interessiert ist – Reul führt seinen Kampf gegen libanesische und türkische Clans äußerst humorlos und effektiv.

Zum Dritten aber ist Laschet, der überzeugte Katholik, durchaus ein Mann der Familie. Er hatte mich einst in seiner Eigenschaft als Familienminister in Nordrheinwestfalen zu einer Tagung einladen wollen, nachdem ich mit meinem Bestseller „Die Vaterlose Gesellschaft“ ein Plädoyer gegen die feministische Zerstörung der Normalfamilie auf den Markt gebracht hatte.

Auch wenn der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen nach Laschets Wahl eine nun wahrscheinliche Fortsetzung der „Merkelei“ beklagte – er sollte froh sein. Denn der schneidige Friedrich Merz wäre eine Konkurrenz auf dem rechten Flügel, die die AfD durchaus zu fürchten hätte.

Kurz gesagt: So wie es einst nur der Demokrat Bill Clinton sein konnte, der die härtesten Einschnitte im amerikanischen „welfare state“ über die Bühne bringen konnte, und wie es nur der Sozialdemokrat Gerhard Schröder sein konnte, der mit den Hartz-IV-Maßnahmen und dem Motto „fordern und fördern“ die Arbeitslosigkeit von knapp 5 Millionen beseitigen und die deutsche Wirtschaft wieder konkurrenzfähig machen konnte, so wird es vermutlich der Merkelianer Armin Laschet sein, der das Land am ehesten vom verhängnisvollen Kurs seiner Vorgängerin befreien und beidrehen kann.

Im Übrigen hat die Rolle als Merkles Sykophant bis in die Sphäre des unerträglich Lächerlichen ja nun Markus Söder freiwillig übernommen – da kann Armin Laschet also getrost, wie er es auf dem Parteitag verkündet hat, Armin Laschet sein.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Internetseite von Matthias Matussek mit vielen hochinteressanten Artikeln und Kommentaren: https://www.matthias-matussek.de/

Wir danken Matthias Matussek für die Veröffentlichungsgenehmigung.

Matthias Matussek

Matthias Matussek, geboren 1954, wollte Missionar oder Bundesliga-Spieler werden. Er schloss einen Kompromiss und wurde Maoist. (Paul Breitner!) Nach dem Abitur trieb er sich ziellos in der Welt herum (Griechenland, Balkanstaaten, Indien). Ein ebenso zielloses Studium (Theaterwissenschaften, Amerikanistik, Komparatistik, Publizistik, Schauspiel) wurde erstaunlicherweise relativ zügig mit einem Zwischendiplom in Anglistik und Germanistik beendet. Danach wechselte er auf die Journalistenschule in München, wo es Zuspruch von erfahrenen Journalisten gab, sowie eine Abmahnung seitens der Schulleitung aufgrund mangelnder Disziplin. Nach Praktika beim Bayrischen Fernsehen und der Münchner tz wechselte er zum Berliner Abend, danach zum TIP. Die Zeit: RAF-Wahnsinn, besetzte Häuser, Herointote.

Als er 1983 zum STERN nach Hamburg wechselte, hatte er das Gefühl, endlich in der Bundesliga angekommen zu sein. Allerdings purzelte ein paar Monate später das gesamte Staresemble des STERN über die gefälschten Hitlertagebücher und war fortan stark abstiegsgefährdet. Dennoch lernte Matussek – gemeinsam mit den großen STERN-Fotografen (Bob Lebeck) – die Kunst der Reportage, die zu einem nicht geringen Teil auf der Kunst besteht, im entscheidenden Moment unverschämt zu sein. Weshalb Disziplinlosigkeit durchaus Teil des Berufes sein kann.

1987 machte ihm der SPIEGEL ein Angebot, das er nicht zurückweisen konnte. Chefredakteure und Ressortleiter gingen und kamen. 1989 konnte er seine theoretischen Kenntnisse des Maoismus nutzbringend anwenden, als er in die kollabierende DDR zog und dort ins Palasthotel. Die Lehre: kein Umweg, den wir nehmen ist unbrauchbar.Schriftsteller Thomas Brussig, der im Palast-Hotel als Etagenkellner arbeitete, und Matussek zur Hauptfigur seines Romans „Wie es leuchtet“ machte, schrieb:“ Für Matthias Matussek hatte ich die meiste Bewunderung. Er schrieb eine glänzende Reportage nach der anderen. Sie lasen sich wie Rezensionen des laufenden Geschehens…Zum Reporter muss man geboren sein – und Matthias Matussek ist es“. (Natürlich hatte er Brussig dafür ganz groß in eine Pizzeria ausgeführt.) Für eine seiner Ost-Reportagen erhielt Matussek 1991 den Kisch-Preis.

Seine Frau lernte Matussek 1990 im Roten Rathaus kennen, wo sie, von Sprachstudien aus Moskau kommend, ein Praktikum absolvierte. Zwei Jahre später zogen sie um nach New York, was damals in etwa gleich weit von Ost- wie West-Berlin lag, also durchaus neutraler Boden war. In New York entstanden nicht nur der gemeinsame Sohn sondern auch ausgedehnte Reportagen und Artikel für amerikanische Zeitungen, sowie Kurzgeschichten und ein Roman. Harold Brodkey nannte Matussek „den besten seiner Generation“.

Zurück in Deutschland zog Matussek kreuz und quer durch die Nation und schrieb eine zweiteilige Bestandsaufnahme der deutschen Einheit, die wiederum für den Kischpreis nominiert wurde. Dann nahm er Stellung im Geschlechterkampf. Mit seinem Buch „Die Vaterlose Gesellschaft“ verärgerte er den Großteil deutscher Frauen und wurde von der Zeitschrift „Emma“ zum „Pascha des Monats“ ernannt. Aus seinem Buch entstand das Spielfilm-Projekt „Väter“ (Regie: Dany Levi), zu dem Matussek das Drehbuch schrieb. Mittlerweile, hat er den Eindruck, hat man ihm beides verziehen.

Im Jahr 1999 trat Matussek die Korrespondentenstelle in Rio de Janeiro an. Er bereiste den Kontinent, erlebte Putschversuche und Katastrophen, recherchierte in Favelas, unter Drogenbanden und unter den Eliten der Länder. Für eine 2-teilige Serie zog er wochenlang durch den Amazonas, und veröffentliche das Ergebnis in Buchform unter dem Titel „Im magischen Dickicht des Regenwaldes“.

Im Jahr 2003 übernahm er die Korrespondentenstelle des SPIEGEL in London, wo er sich ehrenhafte Kämpfe mit der blutrünstigen, Deutschen-hassenden Fleetstreet lieferte, was in seinem Buch „Wir Deutschen – warum uns die anderen gerne haben können“, auf das schönste dokumentiert ist. Das Buch war 13 Wochen lang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, und lieferte den Beleg dafür, dass man patriotische Gefühle nicht den Knallköpfen von rechts überlassen muss.

2003 übernahm er das Kulturressort in der Hamburger Spiegel-Zentrale. Die Presse meinte, dort sei nun „Rock n Roll im Laden“. Gleichzeitig hatte er für den SWR das TV-Format „Matusseks Reisen“ entwickelt und einen wöchentlichen Video-Blog etabliert, der 2007 mit dem Goldenen Prometheus ausgezeichnet wurde. Im gleichen Jahr entstand sein Buch „Als wir jung und schön waren“ (Fischer-Verlag).

Schon 2007 hatte Matussek seine Funktion als Ressortchef wieder abgegeben und widmete sich den Sachen, die er am besten kann: dem Schreiben und der Disziplinlosigkeit. „Matusseks Reisen“ wurde unter dem Titel „Matussek trifft“ noch ein paar Folgen fortgesetzt und fiel dann dem Sparzwang zum Opfer. Seinen wöchentlichen Videoblog betrieb er weiter und publizierte mit „Das Katholische Abenteuer“ eine „Provokation“, die es ebenfalls in die Bestellerliste schaffte.

Nach mehr als 25 Jahren beendete er seine Zeit beim Spiegel und stellte sich als Kolumnist für den Springer-Konzern zur Verfügung, eine Zusammenarbeit, die bereits nach erfüllten und produktiven 17 Monaten beendet wurde.

Fortan arbeitet er als freier Autor für die „Weltwoche“ und den „Focus“ und andere und widmet sich erneut seinen Stärken: dem Schreiben und der Disziplinlosigkeit.

150 Jahre Reichseinheit – hier scheiden sich die Böcke von den Schafen

von Klaus Kunze

150 Jahre Reichseinheit – hier scheiden sich die Böcke von den Schafen

Am 18. Januar 1871 wurde in Versailles das Reich neu gegründet.

Früher machten Männer Geschichte.

Deren große Entscheidungen fallen, einem Wort Bismarcks zufolge, nicht in Reden und Parlamentsdebatten, sondern durch Blut und Eisen. Damit machte sich der Kanzler der deutschen Einheit von 1871 bei Parlamentariern und ihren Redenschreibern bis heute unbeliebt.

Sie lieben auch Bismarcks Staat bis heute nicht. Unter dem Namen Deutsches Reich wurde er am 18. Januar 1871 proklamiert. Staatsrechtlich wird er aber am 18.1.2021 nicht erst 150 Jahre alt, denn das neue Reich ist rechtsidentisch mit dem am 1.7.1867 durch eine Bundesverfassung gegründeten Norddeutschen Bund. Es ist staatsrechtlich derselbe Staat, in dem wir heute leben und der sich jetzt Bundesrepublik Deutschland nennt. So hat es das Bundesverfassungsgericht entschieden.

Sie können diesen Staat nicht lieben, weil er allen ihren Prinzipien Hohn sprach. Vereinfacht gesagt war er 1871 angetreten als Gegenentwurf zum Weltbild der „Schwarzen“ und der „Roten“: Ultramontane und Sozialisten waren mehrheitlich reichsfeindlich eingestellt. Es folgte nicht ihren ideologischen Prinzipien, sondern seinen eigenen Notwendigkeiten der Macht.

Eugen Adam (1817-1880), München, 1878, Öl/Leinwand
Einen Tag nach der Kapitulation der französischen Hauptstadt hissten deutsche Belagerer vor Paris auf der Festung Fort Vanves die schwarz-weiß-rote Fahne des jungen deutschen Kaiserreichs, das am 18. Januar 1871 gegründet worden war.

Diese mußte das Reich nicht nur gegen separatistische Gelüste im Innern, sondern auch gegen die Deutschland umgebenden etablierten Großmächte verteidigen. Sie alle liebten das deutsche Land so sehr, daß jeder ein Stück davon haben wollte. Sich alle paar Jahrzehnte ein Stück einzuverleiben, war in Frankreich schon fast Tradition. Sie weiter zu pflegen wurde seit der Wiederbegründung  des Reiches 1871 schwieriger.

Das Gesetz, wonach du angetreten

Das Reich mußte 1871 nach dem Gesetz existieren, nach dem es angetreten war. Es mußte sich behaupten oder wieder untergehen. Zahlenmäßig war es bis 1914 geringer militarisiert als etwa Frankreich. Mental stellten sich die Deutschen aber auf permanente Abwehrbereitschaft ein.

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt Du sein, du kannst dir nicht entfliehen.

Johann Wolfgang von Goethe, Urworte, Orphisch, Dämon, in: Gott und die Welt,
(Goethes Werke Band 2, Stuttgart 1902, S.284)

Es waren die Imperative des Machterhaltes: das Gesetz der Stärke, nach dem das Reich antreten mußte. Goethe wendet sein „Gesetz, wonach du angetreten“, ausdrücklich auch auf Nationen an:

„Zufällig ist es jedoch nicht, daß einer aus dieser oder jener Nation, Stamm oder Familie sein Herkommen ableite: denn die auf der Erde verbreiteten Nationen sind so wie ihre mannigfaltigen Verzweigungen als Individuen anzusehen.“

Goethe

Geschichtlich geworden

Wir können unseren eigenen Staat bis heute nur als etwas geschichtlich Gewordenes verstehen. Wir mußten ihn einst stark machen. Das war unser Schicksal. Mitten in Europa gehörten wir nie zu den glücklichen Völkern, die – weitab vom Strom der Völker und der Weltgeschichte – in Ruhe gelassen und vergessen werden können. So führte unser starker Staat uns durch die Epochen zu größter Machtentfaltung und in tiefste Niederlagen. Er folgte damit dem Gesetz, nach dem er angetreten – hatte antreten müssen.

Er war immer umso stärker, je mehr auch seine Bürger nach diesem Gesetz lebten. Es war ein männliches Gesetz – setzte auf Stärke, Macht, Disziplin, Gehorsam, Dienst und Pflichterfüllung. Die preußischen Tugenden waren nicht für „Weiberröcke“ konzipiert, wie sich Friedrich der Große ausgedrückt hätte. Die weiblichen Gegentugenden bestehen in Weichheit, Güte, liebevollem Umsorgen, Ausgleich und Harmonie.

Die eher Frauen eigenen Verhaltensstrategien bewähren sich im Innern von Familie und Volk: Friedlichkeit, Solidarität und liebevolles Umsorgen. Der Mann aber „muß hinaus ins feindliche Leben“, wußte Friedrich Schiller, und dort sind männliche Verhaltensweisen erprobt. Je nach Situation hat beides sein Eigenrecht. Das Männliche und das Weibliche ergänzen sich und benötigen sich wechselseitig.

Umkehr der Parameter

Es war das männliche Gesetz, nach dem das Reich 1871 antreten mußte. 2021 haben die Parameter sich umgekehrt. Darum ist es unseren Zeitgeistigen so verhaßt. Daß sie das Gegenteil verkörpern, ist ihnen bewußt und war schon vor 100 Jahren aufmerksamen Analytikern wie Ernst Niekisch klar:

Das Heldische ist das spezifisch Männliche; eben das ist es, was den Mann gegenüber dem Weibe abhebt, was ihm seine Überlegenheit über das Weib schenkt. Wo der Mann aufhört, Held zu sein, da emanzipiert sich die Frau.

Ernst Niekisch, Gedanken über deutsche Politik, 1929, S.295 f.

Kulturmarxisten und Feministen verfolgen darum eine Strategie der allgemeinen Entmännlichung. Die Maximen männlichen Handelns und ihre historischen Vorbilder gilt es zu dekonstruieren. Das ist im Deutschland der letzten Jahrzehnte vom Kindergarten bis in die Hörsäle gelungen.

Kritische Pädagogik, wie das Ergebnis genannt wurde, war viel mehr daran interessiert, die nationalen Metanarrativen zu untergraben, wenn man so will, und die Schüler dazu zu bringen, auf eine Weise “erzogen” zu werden, die sie dazu bringt, ihre eigene nationale Geschichte und Kultur zu kritisieren und Staatsbürgerkunde – oder genauer gesagt, um sie dazu zu bringen, zu lernen, ihre Heimatnationen als bedrückende schlechte Akteure zu sehen, anstatt als unvollkommene Führer, die eine liberale Ordnung in der ganzen Welt verbreiten und sie so bezweifeln oder sogar hassen.

James A. Lindsay, The complex relationship between Marxism and Wokeness, 28.7.2020
Ferdinand Keller: Apotheose auf Wilhelm I.: Das Deutsche Reich mußte durch Blut und Eisen erkämpft werden:
Hinter dem Kaiser und dem Kronprinzen: Bismarck, Moltke, Roon und ganz links Ernst Moritz Arndt.

Der zentrale Meta-Narrativ des Deutschen Reiches war eine Geschichtserzählung, wie sie sich in der Apotheose Kaiser Wilhelm I., einem Gemälde von Ferdinand Keller, ausdrückt. Die Reichsgründung mußte miltärisch gegen heftigen Widerstand erkämpft werden. Dieser „männliche“ Narrativ sperrt sich gegen jede Form „weiblicher“ Diplomatie, List, Schmeichelei und Diskurs. Läßt sich der Mann darauf ein, arwöhnte Ernst Niekisch, bestätigt er ihr

„die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt“; er gewährt ihr gleiche bügerliche, gleiche politische Rechte; er stimmt in ihre Entrüstung über die bisherige „Knechtung des Weibes“ ein.“

Ernst Niekisch, Gedanken über deutsche Politik, 1929, S.296 f.

Hier hausen Haustiermenschen

Niekisch verachtete jede Art von Bürgerlichkeit als Schwäche, als ängstlichen Versuch, ein risikoloses Dasein zu führen. Er sah das bürgerliche Denken als Inbegriff weiblicher Verhaltensweisen:

Der Feminismus ist Begleiterscheinung, Ausfluß, Urgrund und am Ende überhaupt seelischer Gehalt der Bürgerlichkeit, Man kann den Gegensatz zwischen dem heldischen und dem bürgerlichen Menschen so bezeichnen: jener will gefährlich sein, dieser will sicher leben. Die Unsicherheit der Verhältnisse ist dem bürgerlichen Menschen der schrecklichste der Schrecken; wenn die Erde bebt, ist es für ihn niemals „eine Lust zu leben“. Er will Frieden, „um seinen Geschäften nachgehen zu können“. Er ist der Haustiermensch – der Mensch also mit dem Lebensgefühl des Weibes; er ist weibisch, weil er bürgerlich ist.

Ernst Niekisch

Als bürgerlicher Haustiermensch freue ich mich – eingeschneit und staatlich daungelockt, über meinen heimischen Herd und seine Hüterin, bourgeoise Errungenschaften, die ich mir trotz glänzender Rhetorik Niekischs nicht vermiesen lassen möchte und auch gegen feministische Gelüste tapfer verteidige.

Der Staat mit seinen strengen, herben und harten Anforderungen war noch niemals eine Angelegenheit des Weibes: darum liberalisiert, ethisiert, humanisiert auch der Bürger den Staat. Widerstandslos läßt der Bürger es geschehen, daß das Weib mit seiner Gefühlsseligkeit, seinem egozentrischen Horizont sich in das politische Handwerk mischt und damit verhindert, daß noch Politik gemacht wird. Weiblicher Rede, die am heimischen Herd süß und innig klingt, haftet ein widerwärtiger Geruch nach Kinderwindeln, Speisekammer und Kleiderschrank an, wenn sie von der Parlamentstribüne ertönt.

Ernst Niekisch, Gedanken über deutsche Politik, 1929, S.297 f.

Wir sehen unseren Staat mit klarerem Blick, wenn wir das Gesetz betrachten, nach dem er angetreten, und was aus diesem Gesetz 150 Jahre später geworden ist. Solche Gesetzmäßigkeiten ergeben sich aus konkreten historischen Lagen, mit denen sich Völker und Staaten konfrontiert sehen. Die deutsche Umkehr der Parameter vom heroisch-männlichen zum moralisierenden weiblichen Prinzip bildet keine „Höherentwicklung“ im Sinne einer Art zwangsläufigen Geschichtsmetaphysik. Sie stellt eine Anpassung an geänderte Verhältnisse und den Versuch dar, aus einer anderen historischen Lage das Beste zu machen.

Die Ideologen unseres politischen Establishments haben für Historismus und Verständnis von geschichtlich Gewordenem keinen Blick. Den Sieg von 1871 verklärten seine Zeitgenossen auch zu einem Triumph des heroischen Prinzips über das diskutierende. Heute möchte die diskutierende Klasse ihn instinktsicher dem Vergessen überantworten. Sie empfindet ihn zu Recht als Niederlage ihrer eigenen Prinzipien.

Wer den 18. Januar als Tag unserer Staats- und Reichsgründung feiert und wer ihn nicht feiert – hier scheiden sich die Böcke von den Schafen.

Dieser Beitrag ist auch unter dem Titel „150 Jahre Reichseinheit – und die Umkehr der Parameter“ auf Klaus Kunzes Blog erschienen

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Klaus Kunze

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

Und das neue Werk von Klaus Kunze ist nun auch lieferbar: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

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Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

Klaus Kunze: Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen. Von der Vormundschaft zum Genderismus. Hier erhältlich!

Die solidarische Nation

Eine Buchbesprechung von Dr. Uwe Sauermann

Die solidarische Nation

Wer oder was ist ein Konservativer? Ein Soziologe, der hundertfünfzig Jahre oder weiter zurückblickt, kann diese Frage ohne Zweifel beantworten. Aber in der Gegenwart? Kremlastrologen witterten „Konservative“ in der Führung der KPdSU. In den USA griffen Neocons zur Macht, die einen „Mitfühlenden Konservatismus“ propagierten und entlegene Erdteile mit Kriegen überzogen. „Konservative“ gibt es in der CDU, wenn auch auf dem Abstellgleis.

Wer oder was ist ein Rechter? In der Presse liest man vom „rechten Seeheimer Kreis“ der SPD, von „Parteirechten“ selbst bei den Linken. Das rechte Lager bildete sich ursprünglich in den Abgeordneten ab, die in den Parlamenten auf der rechten Seite saßen. Waren das nicht die Konservativen? Aber bis 2013 saß im Bundestag die FDP rechtsaußen. Was als „rechts“ zu gelten hat, scheint also nicht klar zu sein. Doch jetzt gibt es ein Buch von Klaus Kunze, das in Zukunft als Maß dafür gelten kann, wer mit Recht als „Rechter“ zu gelten hat und wer nicht. Sein Buch „Die solidarische Nation“ ist, obwohl der Titel darauf hindeuten könnte, nicht etwa ein weiterer Versuch der „Linken Leute von Rechts“; Kunze unternimmt es nicht, sich anschlussfähig an den Zeitgeist heranzuschreiben, sondern sein Buch ist das Manifest eines genuin Rechten.

Die Neuerscheinung im Lindenbaum Verlag:
Die solidarische Nation von Klaus Kunze

Hier kann man das Buch „Die solidarische Nation“ versandkostenfrei bestellen!

Klaus Kunze bekennt sich so wie Yoram Hazoni zum Nationalismus als Gegenentwurf zum Imperialismus. Er eiert nicht herum mit schwammigen Begriffen wie „Patriotismus“, die für Untertanen eines „Landesvaters“ noch einen Sinn gehabt haben mögen. Wir lernen daraus: ein Rechter ist erstens ein Nationalist. Und zweitens? Nationalgefühl ist gelebte Solidarität, sagt Kunze, und da gerät neben der Nation und dem Staat das leibhaftige Volk ins Spiel. Kunze ist kein Schwärmer: als Jurist beurteilt er das Volk nüchtern und weiß, dass es auch wie eine Hammelherde mit Masken vor Mund und Nase herumtraben kann. Dennoch fühlt er sich auch dem Schwächsten zugehörig und verbunden. Der Nationalstaat hat die Aufgabe, für die Menschen da zu sein und ihre Institutionen in Form zu halten. Tut er das nicht, hat er seine Aufgabe verfehlt und löst sich schließlich auf.

Wie kommt es aber, dass diese Forderung nicht Gemeingut geworden ist, dass „Rechte“ mit libertären Ideen liebäugeln, dass sie sich als „Konservative“ oder gar „Liberalkonservative“ bezeichnen? Die Antwort könnte kurzweg lauten: diese Leute sind eben keine Rechten. Aber so einfach macht es sich Kunze nicht. Er begibt sich auf die Suche nach dem Ursprung des Irrwegs, auf dem sich viele Rechte derzeit befinden. Wie können sie die „soziale Frage“ (und nebenbei: die Ökologie) für linkes Gewäsch halten? Die Antwort klingt kompliziert, ist aber wohl in sich stimmig. Die deutsche Rechte hat sich in der Nachkriegszeit, von Ausnahmen abgesehen, erst spät aus der Deckung gewagt. Sie hat stattdessen den Tarnnamen „Konservatismus“ gewählt. Armin Mohler hat zum Beispiel seine Dissertation „Die Konservative Revolution in Deutschland“ genannt, obwohl diese Umschreibung für die meisten der Akteure während der Weimarer Republik nicht zutraf. Die empfanden sich als Rechte, gelegentlich als „Linke Leute von Rechts“ oder als Vertreter einen „Neuen Nationalismus“. Erst 1974 hat sich Armin Mohler (zum Unbehagen vieler seiner Freunde) in seinem Buch „Von rechts gesehen“ unumwunden zu seinem Rechtssein bekannt. Diese jahrzehntelange Tarnung hat (wenn auch nicht bei Mohler) schließlich zu einer Vermischung der Begriffe „rechts“ und „konservativ“ geführt, und dies mit höchst bedauerlichen Folgen für die „Rechte“.

Was ist Konservatismus? Es war der Kampf der alten Eliten gegen die Ideen der Französischen Revolution und gegen den Wegfall ihrer in der ständischen Gesellschaft erworbenen Privilegien. Dieser Kampf war spätestens mit dem Ende des Kaiserreichs 1918 beendet. Seitdem gibt es keinen soziologisch begründeten Konservatismus mehr. Wer sich danach und bis heute „konservativ“ nannte, hatte einen mehr oder weniger geschickt versteckten liberalistischen Giftstachel.

Echte Konservative gab es also nicht mehr. Ideengeschichtlich hat sich die Weiterentwicklung des entleerten „Konservatismus“ Klaus Kunze zufolge so abgespielt: Der deutsche Liberalismus war im 19. Jahrhundert „fortschrittlich“, nationalistisch, denn die Einigung des Reiches schuf wirtschaftlich ungeahnte Möglichkeiten der Häufung von Reichtum. Von den besitz- und bildungsbürgerlichen Altliberalen trennten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber die eher linksstehenden Liberalen, die den „Liberalismus“ allmählich zu ihrem eigenen Markennamen machten, während sie die zurückgebliebenen Altliberalen zu „Konservativen“ erklärten, eine Bezeichnung, mit der die Altliberalen sich schließlich versöhnten. Aber diese „Konservativen“ blieben Liberale, Wirtschaftsliberale, und sie blieben es bis heute. „Für solche, jetzt konservativ genannten Liberale konnte es nicht im Ansatz eine ‚soziale Frage‘ geben“, schreibt Kunze. Das rächte sich am Ende der zwanziger Jahre. Der Sieg des Nationalsozialismus ist sicher auch damit zu erklären, dass das Volk instinktiv erfasst hatte, dass die ursprünglich überwältigend starke konservative Deutschnationale Volkspartei, gemessen an der die NSDAP Hilters eine Splitterpartei war, eben eine wirtschaftsliberale, keine Volkspartei war.

Auch „konservativ“ lackierte Liberale folgen ihrer Ideologie, und die führt heute zwangsläufig zum Neoliberalismus. Würden Liberale vor dieser Extremform ihres Glaubens zurückschrecken, würden sie ihre Ideale verraten. Dazu schreibt Kunze:

Der Neoliberalismus wünscht sich einen Staat, der den Kapitaleignern gegenüber schwach, aber auf der anderen Seite so stark ist, daß er die finanziell nicht so begünstigte Mehrheit der Bevölkerung wirksam davon abhalten kann, auf dumme Gedanken zu kommen.“

Auch ein Neoliberaler ist also zur Absicherung seiner Interessen für einen starken Staat und könnte sich zeitweise für eine „rechte“ Partei begeistern. Eine echte Rechtspartei würde sich allerdings davor hüten, einen Staatsgedanken zu vertreten, der dem Schutz von Finanzhaien dient, bevor die mit ihrem Neoliberalismus den Staat zugrunde richten. Der Staat ist um der Menschen willen da, und deshalb hat der Staat, wie ein Rechter ihn sich denkt, ein Sozialstaat (aber: kein Wohlfahrtsstaat) zu sein. Er soll Leistende fördern und Bedürftige schützen. Klaus Kunze ist nicht sentimental, wenn er dies fordert, sondern es sind rationale Gedanken, die ihn zu der Erkenntnis bringen, dass „Soziales und Nationales ineinandergreifen“, wie es im Untertitel der „Solidarischen Nation“ heißt. Das bedeutet für einen Rechten aktuell: ein „weiter so“ darf es nicht geben angesichts einer dilettantischen Politik, des Vormarschs des Neoliberalismus, des Überbordens des bürokratischen Sozialstaats und der unkontrollierten Masseneinwanderung. Gefragt ist nicht weniger als die Neuformierung oder Wiedererweckung des auf nationaler Solidarität gegründeten Staates. Wiedererweckung? Tatsächlich schweben Kunze die Soziale Marktwirtschaft und der Sozialstaatsgedanke der frühen Bonner Republik vor. Aber bis dahin muss Aufräumungsarbeit geleistet werden. In der Frühzeit des westdeutschen Staates gab es noch traditionsbewusste und am Wohl der Nation orientierte Politiker, Ökonomen und Sozialpolitiker. Mit denen wäre eine fast bedingungslose Öffnung des Staates für den alle Grenzen niederreißenden Neoliberalismus nicht zu machen gewesen. Heute haben wir Parteipolitiker, für die der Neoliberalismus Glaubensbekenntnis ist, die nicht mehr mit dem „einfachen Volk“ fühlen, die in ihrem abgeschotteten Raum aufwachsen: Parteijugendfunktionär – Ellenbogenkampf bis zum Abgeordnetenmandat – Staatssekretär – als Krönung vielleicht Richter beim Bundesverfassungsgericht. Und wir haben Massen von staatlich alimentierten Vorfeldorganisationen der Parteien, die fast alle neoliberalistisch orientiert sind. Klaus Kunze ist es sicherlich bewusst, dass selbst sein eigentlich bescheidener Rückgriff auf die Soziale Marktwirtschaft und den ursprünglichen Sozialstaatsgedanken Titanenkämpfe erfordern wird. Aber er vertraut, für einen Juristen naheliegend, auf das Grundgesetz: haben nicht dessen „Väter“ genau das gewollt, was in der frühen Bonner Republik sich verfassungsgetreu manifestiert hat? Wollten sie das, was sich heute tut, gerade nicht? Nur ein Staat, der Energien genug hat, den Neoliberalismus mitsamt seiner zwangsläufigen Begleiterscheinungen wie Bevölkerungsumschichtung, Lohndumping, Monopolbildungen oder Privatisierungen abzuweisen, kann als Nationalstaat mit einer solidarischen Verfassung überleben. Die derzeitige BRD gehört nicht dazu. Klaus Kunze ruft seine Leser auf, dies nicht nur zu erkennen und damit vielleicht alle Zukunftshoffnungen fahren zu lassen, sondern sich einzumischen. Das Grundgesetz gilt schließlich immer noch, und es ist in Kunzes Augen sehr gut brauchbar als Fundament einer wiedererweckten Solidarischen Nation.

Wer ein wirklicher Rechter ist, dem die „Konservativen“ in seiner Umgebung schon immer ein schwer erklärliches Unbehagen bereitet haben, findet in diesem Buch handfeste Argumente. Es ist ein Manifest der aktuellen Rechten, an dem sich die Geister scheiden werden, und das ist gut so und vom Autor sicher so gewollt. Genuine Rechte werden sich darin wiedererkennen und das Buch nicht nur mit stillem Vergnügen lesen, sondern es in ihrem Umfeld verbreiten.

Dr. Uwe Sauermann

Uwe Sauermann studierte in München und Augsburg Politische Wissenschaften, Neueste Geschichte und Völkerrecht. Seine Dissertation ist das hier vorgestellte Werk. Obwohl es danach mehrere Veröffentlichungen zu Niekisch gab, ist Sauermanns Werk bis heute die materialreichste und gelungenste Analyse von Ernst Niekischs Zeitschrift „Widerstand“. Uwe Sauermann war später für das öffentlich-rechtliche Fernsehen tätig, war schon vor dem Ende der DDR Korrespondent in Ost-Berlin und Leipzig, produzierte zeitgeschichtliche Filme und berichtete danach für die ARD u.a. aus Indien, Irak und Afghanistan. Er lebt heute in Berlin.

Die Unfreiheit ist ein Meister aus Amerika

von Klaus Kunze

Die Unfreiheit ist ein Meister aus Amerika

Nur nette Amerikaner

Ich kenne persönlich nur nette Amerikaner. Meine ersten lernte ich auf dem Science-Fiction Weltkongreß in Heidelberg 1970 kennen: Ruhig, neugierig, aufgeschlossen – einfach freundliche Menschen. Sie sind nicht meine Feinde.

Carl Schmitt hat den Unterschied zwischen einem individuellen Feind (lateinisch inimicus) und dem potentiellen Feind einer menschlichen Gesamtheit (hostis) herausgearbeitet: Feindschaft ist die seinsmäßige Negierung eines anderen Seins.(1) Wie Feuer und Wasser nicht zugleich bestehen können, kann manche Existenzform nicht neben der anderen zugleich Bestand haben.

Die Existenzform der USA ist der Amerikanismus. Als bleibende Verlockung des Besitzbürgertums verspricht er ein risikolos unpolitisches Dasein (2), den endgültigen Abschied von all dem bösen Politischen. Die ganze One World werde einer glücklichen Epoche entgegengehen, wenn sie einmal safe for democracy geworden sei – das Ende der Geschichte und die Auflösung aller Konflikte in einer Weltgesellschaft reiner Ökonomie.

Vom obrigkeitlichen Regen in die ökonomische Traufe

Im Nirwana der reinen Ökonomie lösen sich freilich zwar die einen Machtverhältnisse auf. Andere festigen sich aber umso stärker. Den feudalen Fesseln kaum entronnen, fanden sich die Menschen in einer Massengesellschaft wieder und wurden zu Untertanen von Obrigkeitsstaaten. Die sind vergangen, mit ihnen aber auch der Staat als ein potentieller Schutzpatron unserer Freiheit vor gesellschaftlichen Mächten und Übermächten:

Globale Konzerne gaukeln uns in ihrer Eigenwerbung vor, wie frei wir doch sind, ihre Produkte zu kaufen. Sie fordern immer mehr Freiheit, globale Freiheit, vor allem für sich selbst. Aus dem staatlichen normierten Untertanen werden wir zu ökonomisch normierten Einheitsverbrauchern. Viele Menschen haben in ihrer Konsumlust nichts dagegen. Schließlich sind sie Individualisten und als Kunden frei in ihrer Wahl – oder?

Worin aber besteht die Freiheit des zum Verbraucher denaturierten Bürgers, sobald eine globale AG, die ihn entlohnt, ihr deutsches Werk schließt? Worin besteht sie, wenn er im Supermarkt nur zu kaufen bekommt, was man ihm ins Regal stellt? Worin besteht sie, wenn globale Konzerne wie Twitter oder Facebook ihn aussperren? Was Trump widerfuhr, gehört für unzählige kritische Stimmen seit Jahren zum Alltag.

Die Höhepunkte der großen Politik sind zugleich die Augenblicke, in denen der Feind in konkreter Deutlichkeit als Feind erblickt wird.“(3)

Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, S.67.

Wir ahnen, daß wir wieder eine Instanz benötigen, die globalen Datenkraken zu bändigen und ihnen unsere freiheitlichen Regeln aufzuzwingen. Eine solche Institution war einst unser Staat, als er noch als neutral über den gesellschaftlichen Kräften stehend handeln sollte. Er sollte wieder dazu berufen werden, unsere Bürgerrechte durchzusetzen. Zu ihnen gehört, daß uns der Kneipenwirt an der Ecke einlassen muß, ohne nach unserer Gesinnung zu fragen, daß wir das Anrecht gewinnen, ein Stück Butter zu kaufen, ohne daß die Ladenkette uns aussperren darf, weil ihr unsere Meinung nicht paßt, und daß wir auf jedermann zugänglichen Internetplattformen ebenso frei meinen können, was wir wollen, ohne ausgesperrt zu werden. Meinungsfreiheit ist keine reine Privatsache.

Individualismus auf dem Rückzug

Als freie Bürger, die wir sind und bleiben wollen, fühlen wir uns als Individualisten. Die waren früher jeder Staatsmacht verdächtig und sind es heute den selbsternannten Tugendwächtern vom Silicon Valley. Sie bilden heute faktische Meinungsmonopole: Wer etwas Unkorrektes sagt, ist weg vom Fenster. Trump hat das bitter erfahren. Jetzt wissen es alle. Niekisch ahnte es schon 1929:

In der Entwicklung des Konkurrenzkapitalismus zum Monopolkapitalismus kündigte sich das Umsichgreifen des Antiindividualismus an. Noch sieht man nicht ab,  welche spzialen und politischen Bindungen die neue Sachlage unvermeidlich der Menschheit aufzwingen will. (4)

Ernst Niekisch, Gedanken über deutsche Politik, 1929, S.301 f.

Inzwischen fällt es immer mehr Menschen auf. Sie sind aber weitgehend machtlos. Dushan Wegener erkennt die drohende Machtübernahme durch Konzerne, deren Firmenideologie zum Maßstab dafür wird, was wir noch frei verbreiten können:

Man nehme den Puritanismus, der nach »Reinheit« strebt (und in seinem Übereifer zu Ergebnissen gelangen kann, die von außen sehr »unrein« wirken), dazu die moderne ultravernetzte Kommunikationstechnologie, sowie eine menschliche Entwicklungsstufe, welche in mancher Hinsicht derart »effektive« Methoden hervorgebracht hat, dass sie bereits wieder das Gegenteil der angegebenen Absicht erreichen (Essen, das uns mangelernährt; Schule, die unsere Kinder dümmer macht; Unterhaltung, die uns zu Tode langweilt; Information, die uns desinformiert; Armutsbekämpfung, die Armut schafft; Toleranz, die Intoleranz fördert; Demokratie, die das Volk entmachtet, et cetera) – all die anderen Entwicklungen, ob von den vorgeblichen »Anti-Rassisten« geschürte Rassenunruhen, oder der »gute« Mob, der mit ideeller Rückendeckung der Konzerne die Geschäfte der Einzelhändler plündert, oder natürlich vorerst final die Machtübernahme durch Konzerne und konzernartige Staaten, all das ist »nur« Konsequenz, Folge und Epiphänomen der zugrundeliegenden »Denkschulen-DNA«, eines Puritanismus, der sich durch moderne Technologie und eigene Über-Effektivität gegen sich selbst wendet.

Dushan Wegener, Andere Geschichte, andere Bücher, 13.1.2021

Amerikanismus heißt heute für uns mehr denn je, uns amerikanischer Marktmacht und zugleich ihrer Denkweise widerstandslos zu unterwerfen. Diese Denkweise ist im Kern Religion. Der wirtschaftlich Erfolgreiche ist von Gott besonders gesegnet. Europa hatte seine fanatischsten Sekten scheinbar ausgeschwitzt. Sie schifften sich ein und beherrschen nun die USA. Erst als militärische und dann als geistige Wiedergänger haben sie uns bereits infiziert. Ein Teil unseres politischen Establishments ist durch und durch amerikanisiert.

Ein gewisser Widerspruch zwischen Menschenrechts- und Freiheitspathos und dem realen Verhalten der USA ist schon vielen Karikaturisten aufgefallen. Manche Menschen bemerken ihn früher, andere erst, wenn Bomben fallen.

Ihnen ist nur eins heilig: Geld zu „machen“ eine quasi sakrale Handlung. Dabei darf niemand stören: kein Staat, keine Grenzen. Ihr “Konservatismus” beschränkt sich darauf, die bestehenden ökonomischen Verhältnisse zu konservieren. Die Hypertrophie des Ökonomischen hat sich lange in den USA ausgetobt und Millionen fleißiger Menschen hinter sich gelassen, die nach Standortschließungen und Firmenpleiten verarmt sind. Zu Recht oder zu Unrecht: Trump war ihre Hoffnung. Er beabsichtigte, die Tentakel mit staatlichen Gesetzen zu stutzen.

Die Datenkraken und Gesinnungswächter sind jetzt mitten unter uns. „Jetzt sind sie eben da.“ Wer unternimmt etwas gegen sie?

Gewinnt der Amerikanismus, so wird er in 150 Jahren die Menschheit zugrunderichten, und die Erde wird als erstorbener Mars im Weltall weiterkreisen. Gewinnt die neue Religion, so wird die Menschheit 150 Jahre lang in großer Not leben, und dann wird wieder das Jahr Eins kommen und alles wieder von vorne beginnen.

Joachim Fernau, Halleluja, Die Geschichte der USA, 1977, XXI, S.319.

Die Varianten der Unfreiheit

Lassen wir uns von den Schwarz-Weiß-Klischees unserer öffentlich-rechtlichen Medien und den Zeitungen nicht täuschen. Wir haben in puncto USA nicht Partei zu ergreifen zwischen zwei Varianten desselben Ungeistes. Trump wurde bevorzugt von fundamentalistischen Wählern, die in ihm den gottgesandten Retter vor den bösen Lefties sahen. Für unser Verständnis von Freiheit, gerade auch von der Freiheit, unsere Meinung zu vertreten, sind sie nicht kommoder als ihre linken Kontrahenten. Sie sind Brüder im Ungeiste:

Die einen US-Puritaner sind gegen Abtreibung (ein »reiner«, kompromißloser Schutz des Lebens), einige sind gegen gefährliche Einflüsse aus fremden Kulturen, und selbst die angeblich anti-konservativen, »woken« »Liberals« sind im Kern die härtesten der Puritaner (nebenbei: und betrachten also auch ihren Erfolg als Ausdruck göttlichen Segens, müssen  sich also zum Erfolg zwingen), und sie wollen die Sprache und das Denken der Menschen weit strenger und bald noch drakonischer kontrollieren als es Zwingli in Zürich tat (nur daß ihre Scheiterhaufen und Bücherverbrennungen eben heute digital und damit auch einfacher zu bewerkstelligen sind).

Dushan Wegener, Andere Geschichte, andere Bücher, 13.1.2021

Es ist auch demokratisch ein “Ungeist”, der uns heimzusuchen droht. Wir haben gelernt, alle ausgeübte Macht demokratisch zu kontrollieren und an den Willen derer rückzubinden, die dieser Macht unterworfen sind. Davon kann bei der Macht der Internet-Globalisten keine Rede sein. Niemand kontrolliert sie, wenn sie uns mit ihrer Zensur den Mund verbieten: niemand in den USA und hier erst recht niemand. Im Gegenteil: Unser Staat richtet geradezu unsittliche Aufforderungen an die Konzerne, unsere Meinungsfreiheit einzuschränken und damit unsere Gesinnung zu steuern: Sonst kommt nämlich das Netzwerkdurchsetzungsgesetz über sie.

„Das, reden wir nicht um den heißen Brei herum, nennt man Zensur. Die sozialen Medien verbannen Stimmen, die nicht in den politisch korrekten Kosmos der Tech-Oligarchen des Silicon Valley passen. Die amerikanischen Oligarchen dominieren jetzt den politischen Diskurs in Amerika und sehr bald auch im Rest der Welt. Sie sind niemandem Rechenschaft schuldig, sie verwandeln ihre sozialen Medien in Meinungsmonopole. Das linksliberale Amerika dominiert die Medien, Hollywood, die Universitäten, die obersten Schichten des Großkapitals und jetzt auch die sozialen Medien. Donald Trump wurde von den Stimmlosen des ‚Middle America‘ gewählt, das die Hälfte der Bevölkerung ausmacht, aber dieser Teil Amerikas hat nun seine Onlinestimmen durch die Intervention der Tech-Unternehmen verloren.

Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten mundtot gemacht werden kann, wenn er mithilfe der Techniken des 21. Jahrhunderts nicht mehr mit seinen Anhängern kommunizieren kann, dann kann das jedem passieren.“

Leon de Winter, 13.1.2021, zitiert nach Renovatio.

Uns wird niemand zu Hilfe kommen. Wir müssen uns auf uns selbst besinnen. Unsere Geistesfreiheit ist unsere eigene, mühsam errungene Tradition. Hüter unserer Traditionen und unserer Freiheit kann nur ein auch geistig selbstbestimmter deutscher Staat sein.

Ausgerechnet das Silicon Valley kann uns nicht Mores lehren.


(1) Carl Schmitt, der Begriff des Politischen, 1932.

(2) Definition des bourgeois nach Hegel, vgl. C.Schmitt, 1932, Fn.18.

(3) Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, S.67.

(4) Ernst Niekisch, Gedanken über deutsche Politik, 1929, S.301 f.

Dieser Beitrag ist auch unter dem Titel „Die Unfreiheit ist ein Meister aus Amerika“ auf Klaus Kunzes Blog erschienen: http://klauskunze.com/blog/2021/01/13/die-unfreiheit-ist-ein-meister-aus-amerika/

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Klaus Kunze

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

Und das neue Werk von Klaus Kunze ist nun auch lieferbar: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

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Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

Klaus Kunze: Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen. Von der Vormundschaft zum Genderismus. Hier erhältlich!

Es gibt keinen Islamismus

von Dr. Winfried Knörzer

Es gibt keinen Islamismus

Wer diese Überschrift liest, wird sich wundern, wird sich vielleicht fragen: wovon redet der Mann da? Ist der irre oder gar von der gegnerischen Seite? Zur Beruhigung der Gemüter möchte ich an den Ausspruch Margaret Thatchers erinnern: „So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht“. Mit solchen Paradoxen soll dem Einrasten von zu Worthülsen verkommenen Begriffen Einhalt geboten werden, die das Denken in vorgefertigte Bahnen lenken und damit verhindern.

Die Rede vom Islamismus kam auf, als der Traum von der multikulturellen Gesellschaft im nationalen Maßstab und von der Einen Welt im planetarischen Maßstab ausgeträumt war. Was hatte man von einer multikulturellen Gesellschaft eigentlich erwartet? Man hatte sich diese als ein ins Unendliche verlängertes Stadtteilfest oder eher noch als ein Semesterabschlußfest vorgestellt, da die Propagandisten der multikulturellen Gesellschaft von ihrer studentischen Herkunft geprägt waren: ein Fest mit Kebab, Bongotrommelei, exotischen Gewändern und Sirtakitanz, usw. Ich will nicht abstreiten, daß so eine bunte und harmonische Feier tatsächlich funktioniert, obwohl ich mich zu erinnern glaube, daß solche Veranstaltungen eher öde Angelegenheiten waren, bei denen die ethnischen Grüppchen unter sich blieben und die angepriesenen kulinarischen Köstlichkeiten sich als dilettantisch zubereiteter Stampf entpuppten. Aus solchen einigermaßen positiven Erfahrungen aber aufs große Ganze zu schließen ist aus zwei Gründen falsch. Zum einen ist das Fest eine Ausnahme, dazu bestimmt, rituell die Regeln des Alltags aufzuheben. Es verbietet sich also, von einer Ausnahme eine Regel abzuleiten. Zum anderen repräsentieren ausländische Studenten nicht den Durchschnittsmenschen ihrer Herkunftsländer. Um an einer westlichen Universität zu reüssieren oder zumindest ein halbwegs nutzbringendes Studium zu absolvieren, müssen diese Studenten ein Maß an Disziplin, Intelligenz, Gesittung und Identifikation mit westlichen Denkweisen besitzen, die von dem genannten Durchschnittsmenschen nicht vorausgesetzt werden kann.

Der Menschentyp dagegen, wie er in den Ausländerghettos europäischer Großstädte anzutreffen ist, ist ein ganz anderer, einer, der eher unter dem Niveau des genannten Durchschnittsmenschen einzuordnen wäre. Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob dieser Menschentyp primär ist, d.h. ob er sich aus aggressiven Glücksrittern, die in der Fremde das schnelle Geld machen wollen, und aus den in der Heimat Gescheiterten zusammensetzt, oder ob er sich sekundär gebildet hat, als Folge von Enttäuschung, Perspektivlosigkeit und Wohlstandsverwahrlosung. Jedenfalls hat sich eine soziale Formation herausgebildet, die sich durch allerlei unerwünschte Eigenschaften auszeichnet: massives Bildungsdefizit und dadurch auch berufliche Chancenlosigkeit, Kriminalität, aggressives Machotum, Unterdrückung der Frau, Haß auf Schwule, eine rigide und archaische Stammesmoral innerhalb der Familie und Anomie nach außen. Zwar versucht man nach wie vor, diese Problematik im traditionellen Rahmen der Sozialtechnokratie zu deuten und zu beheben. Doch jeder Progressive, der sich aus seinem angestammten Wohnviertel, das sich durch massiven Ausländerzuzug merklich verändert hatte, spätestens dann verabschiedete, als die schulischen Leistungen der Kinder nachließen, er in der U-Bahn belästigt oder dessen Tochter rüde angemacht wurde, mußte sich irgendwann der Einsicht stellen, daß das alles nicht so läuft, wie gedacht. Es mußte also ein neues Deutungsschema entwickelt werden.

Auch in den moslemischen Gemeinschaften hatten sich die ursprünglichen Wunschvorstellungen nicht erfüllt. Die neue Heimat war nicht das Paradies, wo einem die Tauben anstrengungslos in den Mund fallen. Von Sozialfürsorge oder Hiwi-jobs zu leben, mag zwar bequem sein, kann aber auf Dauer nicht befriedigen. Worauf sollten sich Selbstwertgefühl und Selbstachtung gründen? Mehr und mehr übernahm die Religion diese Rolle der Identifikationsstiftung. Mochte man materiell den Westlern unterlegen sein, so garantierte doch die Zugehörigkeit zum Islam eine spirituelle Überlegenheit gegenüber dem religiös ausgezehrten, dekadenten Westen. Sobald der moslemische Ausländer nicht länger als passives Objekt der Sozialfürsorge in Erscheinung tritt, sondern sich als selbstbewußtes Subjekt artikuliert, geschieht dies in religiösem Rahmen. Um einen politischen Anspruch zu formulieren, bedarf es eines Diskurssystems, welches die Welt erklärt und die eigenen Forderungen allgemeinverständlich transportiert. So beriefen sich die Bauern im Bauernkrieg auf das alte germanische Recht und ebenfalls die Religion, die französischen Bürger im 18. Jahrhundert auf die Aufklärungsphilosophie, 100 Jahre später die Arbeiter auf den Marxismus. Man hat sich daran gewöhnt, diese politische Funktionalisierung der Religion als Islamismus zu bezeichnen.

Also gibt es nun doch einen Islamismus, wird sich der verdutzte Leser fragen. Gemach! Man muß einen Begriff dahingehend untersuchen, wie es um den Sachverhalt steht, den er zu bezeichnen behauptet. Zunächst einmal – und das erscheint mir ziemlich wichtig – ist der Islamismus eine Fremdbezeichnung, eine von westlichen Diskursheroen geprägte Formel. Radikale moslemische Aktivisten bezeichnen sich selbst nicht auf diese Weise: sie sind Salafisten, Wahabiten, Taliban oder Al Qaida-Leute, etc. Sie zeigen auch keine Neigung, diesen gegnerischen Begriff zur Selbstcharakterisierung zu übernehmen, wie dies beispielsweise die Geusen (holländische Rebellen) einst getan hatten. Der Islamismus ist mithin nichts anderes als eine Konstruktion, um ein neuartiges und beunruhigendes Phänomen geistig handhabbar zu machen. Da aber alles irgendwie konstruiert ist, nämlich einer symbolischen Überformung unterliegt, darf eine Konstruktion nicht mit etwas Erkünsteltem oder Fiktivem verwechselt werden. Um Plausibilität und Wirkungsmächtigkeit zu entfalten, muß eine Konstruktion einen realen Kern besitzen. Dieser reale Kern des Begriffs des Islamismus ist genau diese durch bestimmte Gruppierungen vorgenommene politische Funktionalisierung des Islam. Aber der reale Kern ist nicht alles. Von einem Aspekt aufs Ganze zu schließen, also vom Islamismus auf die Beziehung moslemischer Einwanderer zu den westlichen Gesellschaften, wäre genau so unsinnig, als wollte man das gesellschaftliche System der BRD vom Feminismus oder vom Straßenverkehr aus ableiten.

Die Diskussion um den Islamismus läuft darum in die Irre, weil man dessen Charakter als Konstruktion verkennt. Man untersucht, wie viele Moslems für die radikalen Botschaften der Haßprediger empfänglich sind, man fragt, ob die politische Radikalisierung nicht im Wesen des Islam begründet liegt, da dieser nicht die abendländische Trennung von politischer und religiöser Sphäre kennt, sondern einen die gesamte Lebenswelt überspannenden Zusammenhang bildet. Da der Islamismus ein von westlichen Meinungsführern geprägter Begriff ist, muß man vielmehr fragen, welche Funktion diese diskursive Konstruktion für das westliche Weltbild beinhaltet.

Nehmen wir einmal an, es gäbe keine Einwanderer aus moslemischen Ländern, sondern nur einen gewissen Prozentsatz von Deutschen, die aus religiöser Überzeugung zum Islam konvertiert wären. Würden diese ihren religiösen Pflichten wie tägliche Gebetsrituale, Ramadanfasten, Speisetabus, Mekkafahrt, Almosenverteilung usw. ordnungsgemäß nachkommen, so würden diese Verrichtungen zwar gelegentliches Kopfschütteln bewirken, aber keineswegs mehr verstören als den „Wachturm“ anpreisende Zeugen Jehovas. Sieht man von diesen partiellen Einsprengseln einer für Europäer fremden Welt ab, würden die sonstigen Sozialbeziehungen sich genau so gestalten wie zu anderen Deutschen auch. Man könnte diese moslemischen Deutschen wie sonstige Bekannte auch zu Grillparties einladen, wobei man ihnen eben Rindswürste und Apfelsaftschorle anbietet, ansonsten aber ganz unbefangen über Fußball, Beruf und das Fernsehprogramm sprechen kann. Man teilt also, mit Ausnahme der direkt religiös durchtränkten Bezirke, die selbe Lebenswelt. Exakt diese Vorstellung haben sich die Multikulturalisten von der Beziehung der Einwanderer zur Mehrheitsgesellschaft gemacht.

Diese Vorstellung ist natürlich falsch. Der Unterschied zwischen Deutschen und moslemischen Einwanderern beschränkt sich nämlich nicht auf den religiösen Bereich, sondern er ist total: anderes Aussehen, andere Musik, andere Nahrung, andere Sprache, andere Werte, andere Verhaltensweisen. Im moslemischen Ausländer begegnet dem Deutschen nicht ein Mensch mit anderen religiösen Auffassungen, sondern eine völlig andere Art des Seins.

Der Unterschied zwischen Deutschen und moslemischen Einwanderern beschränkt sich nämlich nicht auf den religiösen Bereich, sondern er ist total: anderes Aussehen, andere Musik, andere Nahrung, andere Sprache, andere Werte, andere Verhaltensweisen. Im moslemischen Ausländer begegnet dem Deutschen nicht ein Mensch mit anderen religiösen Auffassungen, sondern eine völlig andere Art des Seins.

Die Rede vom Islamismus versucht diesen fundamentalen Unterschied auf ein politisch-religiöses Problem einzuengen und dadurch zu minimieren – ungefähr nach dem Motto: wenn es diese wenigen Fanatiker nicht gäbe, wäre alles bestens. Die Beziehung zwischen Ausländern und Autochthonen wird so auf ein von der eigentlichen Problematik weit entferntes Nebengleis verschoben. Wie eingangs erwähnt, ist das Scheitern der multi­kulturalistischen Utopie auch an den Meinungsführern nicht spurlos vorübergegangen. Durch das Konstrukt des Islamismus, dem die Rolle des unvorhergesehenen Störenfriedes zugewiesen wird, soll die Substanz des multikulturalistischen Projektes wieder eingefangen werden.

Im westlichen Islamismusdiskurs wird die Besonderheit des moslemischen Ausländers auf die Religion reduziert. Er wird im Grunde als eine Art Deutscher nur mit einer andersartigen religiösen Ausrichtung betrachtet. Darum werden auch im offiziellen Politikbetrieb Islamkonferenzen initiiert, zu denen ausschließlich Vertreter religiöser Gemeinschaften eingeladen werden, wobei ironischerweise genau diejenigen Personenkreise außen vor bleiben, wie etwa arabische Frauenrechtlerinnen oder türkische Atheisten, die für echte Integrationsbemühungen am ehesten ansprechbar wären, weil sie selbst schon westlichen Denkweisen anhängen. Es ist schlichtweg grotesk, daß ausgerechnet jene, die vor der religiös motivierten Repression in ihren Heimatländern in den vermeintlichen Hort moderner Liberalität geflüchtet sind, von den Agenten genau dieses repressiven Systems vertreten werden sollen. Das wäre ungefähr so, als müßte sich 1950 ein ehemaliger KZ-Häftling bei einem Entschädigungsprozeß von einem NS-Juristen vertreten lassen. Bezeichnend ist auch, daß man den Kreis der Eingeladenen nach religiöser Orientierung und nicht nach ethnischer Herkunft (also nach Türken, Arabern, Bosniern usw.) strukturiert.

Das Konstrukt des Islamismus beruht auf zwei Säulen: religiöse Orientierung und politischer Extremismus. Beides sind von der Warte der herrschenden Ideologie aus betrachtet, unerwünschte Verhaltensweisen. Religion wird nur insofern akzeptiert, als sie der individuellen Sinnstiftung und als vager verhaltensorientierender Moralkodex dient, mithin also im Rahmen privater Lebensausgestaltung verbleibt. Sobald sie aber mit konkreten und rigiden Forderungen in gesellschaftliche Zusammenhänge eingreift, wie etwa die katholische Sexualmoral, wird sie angefeindet. Daß ein die persönliche Sicherheit gefährdender politischer Extremismus nicht toleriert werden kann, steht immerhin noch außer Frage. Der islamistische Extremismus kann wie jeder andere politische Extremismus auch mit polizeilichen Mitteln unter Kontrolle gebracht werden. Indem das Ausländerproblem auf das Islamismusproblem reduziert wird, kann das daran Verstörende außer Kraft gesetzt werden: die Terroristen werden von der Polizei bekämpft, und die fanatischen Prediger werden in das Schema aufklärerischer Religionskritik gepreßt und als archaische Relikte wegerklärt. Das Islamismuskonstrukt bildet also den Interpretationsrahmen, um ideologiekonform einerseits die unmittelbar drängendsten Aspekte der Ausländerproblematik politisch-praktisch zu bewältigen und mental kompatibel zu machen und andererseits diese Problematik weiterhin verdrängen zu können. Des weiteren kann einer zunehmend skeptischer werdenden Öffentlichkeit suggeriert werden, daß man ihre Sorgen ernst nimmt und etwas unternimmt.

Wenden wir uns nun der anderen Seite zu, der breiten Masse des deutschen Volkes. Unter der Fuchtel der political correctness und des Volksverhetzungsparagraphen stehend, haben die „normalen“ Deutschen kaum eine Möglichkeit, ihre Ängste und Nöte zu artikulieren. Die Verdrängung aus angestammten Wohnvierteln, die permanente Konfrontation mit einer fremden Lebenswelt, alltägliche Erfahrungen von Belästigung (von lauter Musik über Knoblauchschwaden im Mietshaus und Beleidigungen bis hin zu manifester Kriminalität), die durch das Überangebot an Arbeitskräften verschärfte Konkurrenz um Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich – all das kann nicht direkt zur Sprache gebracht werden. Allein die Islamismusformel erlaubt es, zumindest einen Ausschnitt der bedrückenden Wirklichkeit systemkonform zum Ausdruck zu bringen, weshalb auch der Durchschnittsdeutsche mangels Besserem diese bedient.

Das eigentliche Problem ist nicht der Islam, denn am Faktum der Orientalisierung Deutschlands würde sich nichts ändern, wenn die Einwanderer noch an ihre Götter der vormohammedanischen Zeit glauben würden. Das eigentliche Problem ist auch nicht der islamische Terrorismus, denn dieser wird hinreichend erfolgreich von den Sicherheitsorganen bekämpft. Das Problem ist vielmehr die Umwandlung Deutschlands in einen Vielvölkerstaat, in dem über kurz oder lang die autochthonen Deutschen zu einer Minderheit unter vielen werden. Der Islamismusdiskurs ist das Ventil, um den Leidensdruck durch Eröffnung einer Artikulationsmöglichkeit zu reduzieren. Er kanalisiert die Problematik, indem er sie ins Fahrwasser eines rein religiösen Problems umleitet und verengt, dabei aber die Aspekte des Sozialen, Politischen und Ethnischen ausblendet. Indem er einen Teil für das Ganze ausgibt, entwirft er ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Wenn man aber erst einmal ins falsche Fahrwasser hineingeraten ist, fällt es schwer, wieder zum richtigen Kurs zurückzufinden.

Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Das Stigma des Rassismus

von Dr. Winfried Knörzer

Das Stigma des Rassismus

Der atavistische Rausch, den eigenen, linken Machtwillen auszukosten

Die Stigmatisierung des Gegners als wahlweise Rassist, Faschist, Diskriminierer, Sexist usw. ist die mit Abstand weitverbreitetste Form des politischen Kampfes in der heutigen Zeit.

All diejenigen, die bis dahin noch der Illusion anhingen, in einem liberalen, demokratischen Rechtsstaat zu leben, in einem freien Land, wo jeder frei seine Meinung äußern kann, reagieren außerordentlich verstört, wenn sie erstmals mit solchen Vorwürfen konfrontiert werden, wenn sie sich unversehens in einen Ring geworfen wiederfinden, in dem die Hetzmeute tobt. Sie fragen sich: was habe ich getan? Ja, was haben sie getan? Sie haben vielleicht eine schöne Frau eine schöne Frau genannt, sie haben eventuell geäußert, daß sie manchmal ein mulmiges Gefühl beschleicht, wenn sie durch ein Ausländerviertel gehen, oder sie haben unter Umständen verkündet, daß sie niemanden einstellen würden, der die deutsche Sprache nicht beherrscht. Die erste naheliegende Reaktion mag sein, diese Vorwürfe als unbegründet zurückzuweisen, indem sie betonen, daß mit diesen Aussagen überhaupt keine frauen- oder ausländerfeindliche Intention beabsichtigt gewesen sei, daß sie im Gegenteil Frauen oder Ausländer besonders hoch schätzen. Allein, solchen Versicherungen wird kein Glauben geschenkt.

Der wesentliche Irrtum dieser bedauernswerten Tröpfe besteht darin, die genannten Vorwürfe für bare Münze, wortwörtlich zu nehmen. Sie glauben, Faschist genannt zu werden, verdiene nur derjenige, der über seinem Schreibtisch ein Hitlerbild aufhängt und den Nationalsozialismus gut findet. Den Schmähungen auf der Sachebene begegnen zu wollen, wäre völlig verfehlt. Wollte man sich aus dem Anklagestrudel herauswinden, indem man umständlich begründet, warum man auf gar keinen Fall ein Faschist sein könne, geriete man nur immer tiefer in den Strudel hinein. Denn wortreiche Verteidigungsreden haben es so an sich, daß unweigerlich einige ungeschickte Formulierungen fallen, die bei einigem bösen Willen, der auf der Gegenseite freilich stets vorausgesetzt werden kann, zuungunsten des Angeklagten ausgelegt werden können.

Rechte wissen um die Begrenztheit der Vernunft und kennen die dunklen Seiten der menschlichen Natur

Rechte sind keine Esoteriker, also pure Irrationalisten. Sie begegnen der Aufklärung aber mit Skepsis, sie kennen die dunklen Seiten der menschlichen Natur und wissen um die Begrenztheiten der Vernunft. Es gehört zu den bislang ungelösten Rätseln der Weltgeschichte, daß diese in der Theorie so vernunftkritischen Leute in der Praxis des politischen Diskurses einer geradezu naiv zu nennenden Vernunftgläubigkeit anheimfallen. Sie glauben, mit guten, richtigen Argumenten die Gegenseite überzeugen zu können. Sie bleiben der Sachebene verhaftet und verkennen dadurch die Funktionsweise des Kommunikations-/Handlungszusammenhangs.

Die Bezeichnung einer Person als Faschist zielt überhaupt nicht darauf ab, eine wissenschaftlich-objektive Aussage über die politische Positionierung des Betreffenden zu sein. Es geht nur darum, diese Person zu beleidigen, um nichts anderes. Deshalb sind die einschlägigen Schmähformeln (Rassist, Faschist, Antisemit, Ausländerfeind, etc.) auch genauso untereinander austauschbar wie straßenübliche Beleidigungen (Dummkopf, Drecksack, Sau). Sie unterscheiden sich von diesen nur durch ihre Stellung im semantischen Feld der Politik. Allerdings käme bei gewöhnlichen Beleidigungen niemand auf die Idee, der Verunglimpfung als Dummkopf durch Beweise der eigenen Klugheit zu entgegen. Vielmehr wird man eher zurückschimpfen. Hier tut sich nun aber doch ein wesentlicher Unterschied zwischend der gewöhnlichen und der politischen Invektive auf. In der gewöhnlichen Beleidungssituation sind beide Seiten tendenziell gleich stark, in der politischen nicht. Diese Asymmetrie zeigt sich nicht nur dadurch, daß hier einer gegen viele steht, sondern auch dadurch, daß gar kein Vokabular zum Konterschimpf zur Verfügung steht. Die Antwort „du Bolschewik“ auf den Anwurf „du Faschist“ läuft ins Leere, weil angesichts der Legitimität des linken Spektrums die Bezeichnung „Bolschewik“ keine schmähende Wirkung entfalten kann. Der Angegriffene ist mithin sprachlos und hilflos.

Diese Hilflosmachung des Opfers ist die eigentliche Intention des Kommunikationsaktes. Es soll einsehen, daß es bar jeder Machtmittel, allein, chancenlos und ausgestoßen ist.

Wir haben bisher diesen Vorgang mehr oder weniger ausschließlich von der Warte des Angegriffenen aus betrachtet, was insofern naheliegt, als sowohl der Schreiber als auch die Leser dieser Zeilen potentiell zur Gruppe der Angegriffenen gehören. Interessanter ist freilich die Perspektive der Angreifer. Was veranlaßt diese Menschen so vorzugehen?

Das schützende Dach der Rechtsordnung ist dünn und löchrig

So wenig wie an die alles überwindende Kraft der Vernunft glaubt der Rechte an die natürliche Güte des Menschen. Auch wenn die Frage nach der genauen Qualität der moralischen Natur des Menschen umstritten ist und hier auch nicht erörtert werden kann, so dürfte doch weithin der Konsens bestehen, daß der Mensch unter Umständen zum Bösen geneigt ist. Mit anderen Worten: befreit von den Zwängen der Rechtsordnung ist es sehr wahrscheinlich, daß zumindest einige Menschen ihren Trieben und ihren egoisitischen Interessen freien Lauf lassen. Auch wenn in der BRD Nationalisten und Konservative nicht völlig rechtlos und im mittelalterlichen Sinne wirklich vogelfrei sind, so ist doch bei ihnen das schützende Dach der Rechtsordnung dünn und löchrig. Konkret heißt dies, daß kleinere Angriffe auf sie (auf ihre Ehre und berufliche Stellung) überhaupt nicht und größere (auf Gesundheit und Leben) nur mit vergleichsweise laxen Strafen geahndet werden. Dieses zwar begrenzte, aber doch recht ausgedehnte rechtliche Niemandsland eröffnet einen Spielraum für Handlungen, die anderswo nicht möglich sind.

Anpassungsdruck durch Triebunterdrückung im Zivilisationsprozeß und lizenzierte Freiräume als Ventile im Kampf gegen Rechts

Jede Gesellschaft regelt durch eine Fülle von Verfahren, Verordnungen, impliziten Zwängen und Rücksichtnahmen das Miteinander ihrer Mitglieder. Je moderner eine Gesellschaft ist, desto ausdifferenzierter, komplexer und damit auch fragiler wird der soziale Mechanismus, was auch den Regelungsdruck verschärft. Schon kleinste Abweichungen können das Räderwerk aus dem Takt bringen. Deshalb muß die Gesellschaft ihre Mitglieder zur Anpassung zwingen. Anpassung aber heißt nichts anderes als Triebunterdrückung. Diese ist der Preis, der für ein friedliches und reibungslos funktionierendes Miteinander zu entrichten ist. Aber wie jeder Preis wird auch dieser nur ungern bezahlt. Die Anpassungsleistung, welche der Zivilisationsprozeß verlangt, wird als ständig drückende Last empfunden, weshalb man jede Chance nutzt (Freizeit, Fasching, Urlaub), um diese abzuwerfen und „die Sau rauszulassen“. Die gerade genannten Beispiele sind lizenzierte Freiräume, die als Ventile dienen, um den Anpassungsdruck ablassen zu können. Diese lizenzierten Freiräume sind in ihrer Ventilfunktion integraler Bestandteil des zivilisatorischen Systems. Sie sind zeitlich und örtlich begrenzt und regulieren durchaus auch – wenn auch auf niedriger Triebunterdrückungsstufe – nach den Maßgaben des jeweiligen Feldes das Verhalten.

Der Kampf gegen Rechts hat sich in den vergangenen Jahren als ein solcher Freiraum etabliert. Möglicherweise ist dieser neue Freiraum das dialektische Gegenstück zur Verschärfung des Zivilisationsdrucks durch die political correctness, da diese – formal betrachtet – durch die Einführung eines neuen Subsystems auf verstärkte Rücksichtnahme abzielende Verhaltensregeln nichts anderes ist als eine erneute Drehung an der Schraube des Zivilisationsprozesses. Man mag an dieser formalen Betrachtung vielleicht bemängeln, daß sie von den politischen Inhalten abstrahiert. Aber allein schon die Austauschbarkeit der völlig unterschiedlichen Zusammenhängen entstammenden und daher heterogenen Beleidigungsformeln zeigt, daß es auf den konkreten politischen Inhalt überhaupt nicht ankommt. Ausschlaggebend ist vielmehr, daß diese das subsumieren, was der Beleidiger unter keinen Umständen sein will, sie bezeichnen das Verworfene. Der Begriff des Verworfenen hat eine doppelte Bedeutung: zum einen eine psychoanalytische und zum anderen eine moralisch-gesellschaftliche. In psychoanalytischer Hinsicht bezeichnet dieser Begriff die vergegenständlichende Ausstoßung eines in die psychische Struktur nicht integrierbaren Elements, in moralisch-gesellschaftlicher Hinsicht verabscheuungswürdige Individuen, die aus der Gesellschaft ausgestoßen sind. Die Ursache der Verworfenheit ist nicht so wichtig wie ihre soziale Funktion, die darin besteht, den Verworfenen als das perfekte Opfer zu markieren. Das Opfer ist dazu prädestiniert, in einem lizenzierten Freiraum den Machtwillen des Stärkeren in einer sonst nicht mehr möglichen Reinheit ausleben lassen zu können. Es ist ein großartiges, erhebendes Gefühl, den anderen die eigene Macht spüren zu lassen, ihn zu demütigen, ihn wimmernd, um Gnade flehend, im Staube kriechen zu sehen. Das Auskosten eines solchen Triumphes ist dem heutigen Menschen im allgemeinen verwehrt. Auch der Starke darf seine Stärke nicht gegenüber dem Schwächeren (der Chef gegenüber dem Mitarbeiter, die Eltern gegenüber dem Kind) zeigen; hier aber besteht die einmalige Möglichkeit, in einem atavistischen Rausch den eigenen Machtwillen auszukosten. Der Wille zur Macht ist das Primäre; seine Einkleidung in die Sprache der Politik ist allein der Tatsache geschuldet, daß die Politik die bestimmende soziale Verkehrsform ist und man nur in der Sprache der Politik die legitimierende Lizenz erhalten kann. In einer religiösen Epoche sind die Verworfenen Ketzer und Hexen. Die Gesellschaft braucht zur Aufrechterhaltung der Homöostase ein Ventil für die aggressiven Machttriebe und dementsprechend Opfer.

Die Opfermarkierung und Haßmobilisierung: der politisch Andersartige, der Rechte ist der Frevler, der das Heilige beschmutzt

Nicht jede beliebige soziale Gruppe eignet sich zum Opfer. Unabdingbare Voraussetzung ist deren Machtlosigkeit, denn der Aggressor kann das Gefühl seiner Machtvollkommenheit nur genießen, wenn der Andere wehrlos ist. Die Anstrengungen einer längeren Auseinandersetzung würden den Genuß beeinträchtigen. Darum kommen alle sozialen Gruppen, die leidlich groß sind und über relevante Machtmittel (Medien, Geld, Verknüpfung mit großen, etablierten Organisationen) nicht in Betracht. Dennoch gäbe es außer der Rechten noch manch andere Gruppen, die nicht der BRD-Norm entsprechen und in die Opferstruktur passen: Scientologyanhänger, Sekten wie die Zeugen Jehovas, Rocker. Diese tangieren aber nicht das politische Selbstverständnis des BRD-mainstreams. Die von solchen Gruppierungen eventuell ausgelösten Friktionen können problemlos durch Polizei und Justiz beseitigt werden, sie bedürfen nicht einer allgemeinen Haßmobilisierung. Der politische Kontext muß also durchaus beachtet werden. Ich hatte dessen Würdigung deshalb aufgeschoben, um zunächst die Einsicht zu vermitteln, daß es überhaupt nicht um konkrete politische Inhalte geht. Wie bereits erwähnt, zeigt allein schon die Austauschbarkeit der Schmähformeln, daß nicht die Benennung politischer Sachverhalte intendiert ist, sondern die Markierung eines zu verwerfenden Anderen als Opfer. Angesichts des Primats des Politischen kommt dafür nur der politisch Andersartige in Betracht.

Eine der erstaunlichsten Eigenheiten der aktuellen politischen Lage in der BRD ist deren Homogenität. In allen grundsätzlichen Fragen herrscht von Die Linke bis zur CDU Konsens. Das war nicht immer so. Bis in die 80er Jahre hinein gab es über Grundsatzfragen wie Wiederbewaffnung, Ostverträge, erweiterte Mitbestimmung, Raketennachrüstung leidenschaftliche Debatten zwischen zwei klar gegensätzlichen Lagern. Die „Verbürgerlichung“ der Arbeiterklasse durch steigenden Wohlstand und die diese Entwicklung nachvollziehende Preisgabe der marxistischen Grundhaltung der SPD durch das Godesberger Programm hat das sozialdemokratische Milieu nach rechts verschoben. Im kleineren Maßstab hat sich eine solche Entwicklung auch bei den sogenannten „Neuen Sozialen Bewegungen“ vollzogen. Die Einsicht in die Aussichtslosigkeit eines wie auch immer gearteten revolutionären Kampfes und die Etablierung in bürgerlichen Berufswelten haben auch die 68er verbürgerlicht, wobei sie allerdings eine nunmehr freilich diffus gewordene linke Grundhaltung bewahrten. Auf der anderen Seite hat die Erosion traditoneller Milieus (Bauern, praktizierende Katholiken, Honoratioren usw.) die CDU nach links verschoben und zur Anpassung an moderne, „großstädtische“ Lebenswelten gezwungen. So ist also von beiden Seiten eine kompakte Masse zusammengewachsen, die aufgrund lebensweltlicher Homogenität auch entsprechend ähnliche Mentalitäten und politische Dispositionen herausgebildet hat. Sobald diese Masse eine bestimmte kritische Größe erreicht hat, entwickelt sie einen Sog, der auch Widerstrebende hineinzieht, da niemand, der Wert auf eine Anerkennung als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft legt, sich diesem entgegenstellen kann. Außerhalb des mainstreams gibt es keine legitime Alternative mehr.

Fassen wir die Ergebnisse der Untersuchung zusammen:

1. Jede Gesellschaft braucht als Ventil für den nicht dauerhaft ertragbaren Zivilisationsdruck einen legitimen Freiraum. Dieser ermöglicht es, die ansonsten verpönten primitiven Triebregungen, insbesondere aggressiver Art, auszuagieren.

2. Diese Triebregungen richten sich auf ein machtloses, marginalisiertes Objekt. Nur ein solches eignet sich, um den Rausch der eigenen Übermacht zu genießen.

3. Die meisten modernen Gesellschaften definieren sich politisch, also nicht etwa religiös oder ethnisch. Deshalb wird auch die Opfergruppe politisch codiert, wodurch sich auch die Eignung der machtlosen und marginalisierten Rechten als Opferobjekt erklärt. Bemerkenswerterweise korreliert auch die Verschärfung des Kampfes gegen Rechts mit dem fortschreitenden Machtverlust der Rechten.

Die Homogenisierung des politischen Feldes bedeutet auch, daß die Rechte aus dem Bereich legitimer politischer Diskussion ausgeschlossen wird. Es gibt kein Kontinuum politischer Haltungen von ganz links bis ganz rechts, vielmehr tut sich knapp rechts der Mitte ein Abgrund auf, jenseits dessen die Gefilde des unsagbaren Schreckens liegen. Es gibt darum auch keine politische Auseinandersetzung, die immer auch ein Mindestmaß an Rationalität besitzt. Ist erst einmal erkannt, daß eine bestimmte politische Haltung Anzeichen des Rechten aufweist, setzt die Abstoßung oder Verwerfung ein. Man schaut nicht mehr genau hin, um zu prüfen, was der Betreffende gemeint haben könnte, sondern man spult nur noch das Repertoire der Bannflüche ab, was insofern verständlich ist, als man nur mit magischen Formeln dem Ungeheuer begegnen kann. Wer einmal das Entsetzen in den Gesichtern der Wohlmeinenden gesehen hat, wenn man sich als Rechter outet, wird diesen Hinweis auf archaisch-magische Zusammenhänge nicht für ironisch überzeichnete Metaphorik halten. Derjenige, der bisher gedacht hatte, Rechte seien irgendwelche grölenden Glatzen in fernen sächsischen Kleinstädten und nun feststellen muß, daß ein solcher Unmensch, den man jahrelang für einen Freund gehalten hat, direkt neben einem sitzt, wird von einem Gefühl des Unheimlichen ergriffen, denn unheimlich ist es, wenn das Vertraute unvertraut wird, wenn unter der harmlosen Gestalt die Fratze des Abscheulichen sichtbar wird.

Diese Einsicht in den Atavismus solcher Verhaltensweisen muß vertieft werden. In Schimpansenhorden werden manifeste „Abweichler“, Humpler, sonstwie Verkrüppelte und Mißgestaltete entweder komplett ausgestoßen oder nur eben so als randständige, verachtete Mitläufer geduldet. So grausam ein solches Verhalten auch sein mag, so nachvollziehbar ist es auch, da die Rücksichtnahme auf einen solchen Minderleister den Fortbestand der Gruppe gefährden würde. Es ist, als würde ein solches Wesen eine Infektion in die Gruppe hineintragen. Die Ausstoßung des Unkonformen ist darum für den Zusammenhalt der Gruppe unerläßlich.

Die zumeist ohne weiteres Nachdenken gebrauchte Formel der Stigmatiserung ist insofern unscharf, als sie Ursache und Wirkung verwechselt. Der Rechte wird nicht sigmatisiert, sondern er trägt durch sein Rechtssein bereits das Stigma an sich. Indem er an den politischen Glaubensgrundlagen (Gleichheit aller Menschen, Nutzen der Einwanderung, Schädlichkeit des Nationalen), die aus der Summe von Individuen ein politisches Kollektiv machen, rührt, bricht er ein Tabu und macht sich unrein. Er ist der Frevler, der das Heilige beschmutzt.

Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Der Antiquar im Niemandsland

von Hans-Ulrich Kopp

Der Antiquar im Niemandsland – eine Ortsbestimmung

Das Antiquariat Historica in Dresden feiert sein 30jähriges Bestehen

Nicht nur in literarisch versierten Kreisen ist eine Sentenz bekannt, die Ernst Jünger in seiner Dankrede zur Verleihung des Literaturpreises der Freien und Hansestadt Bremen 1956 formulierte: „Ich habe die Erfahrung gemacht, daß man im Niemandslande die besten Kameraden trifft“. Er sprach damals von einem „undankbaren Bereich, nämlich dem eines deutschen Autors“ und davon, daß er dennoch „zufrieden gewesen“ sei. Zwei Jahre später schreibt er an Alfred Andersch, mit dem er eine von gegenseitigem Verständnis getragene, die weltanschaulichen Linien überbrückende Korrespondenz führte: „Das Niemandsland ist einer der wenigen Orte der Initiation in unserer Welt, und obwohl dort jeder etwas anderes sieht, sieht er doch Bedeutsames“. Jahrzehnte danach, in den Tagebüchern „Siebzig verweht V“, leuchtet der einst dem Militärischen entlehnte Begriff eines Landstriches, über den keiner die Herrschaft besitzt, erneut auf, nunmehr bei der Betrachtung von Wolkenschleiern: „Der Schreck darüber, daß etwas da ist und verschwindet, so daß nichts mehr da ist, wird durch die Einsicht gemildert, daß die Erscheinung Stufen der Sichtbarkeit durchläuft. Im Niemandsland harren die Abenteuer.“ Weitere Belegstellen ließen sich finden, die Literaturwissenschaft hat sich ihrer angenommen und deutet sie als Chiffre für einen geistigen Ort, „unmarkiert, unbekannt, aus allen gewohnten Erfahrungsbildern, eingeübten Wahrnehmungen und gültigen Bestimmungen herausgehoben“ (Cornelia Vismann).

Am 13. Dezember 1990 öffnete die „Historica“ im Dresdner Norden, heute findet sich das Antiquariat im Barockviertel Innere Neustadt. Viel hat sich in den zurückliegenden 30 Jahren verändert, doch der kürzeste Weg zu den Abenteuern der Vergangenheit bleibt noch immer das Buch …

Es war kein Zufall, daß in den geisteshungrigen Nachwendejahren immer auch einige Jüngeriana im Zimelienschrank des Antiquariats Historica Platz fanden, die auf Nachfrage meist adoleszenter Sammler nicht ohne Stolz herausgegeben wurden. Damals schon konnte man den Eindruck gewinnen, man befinde sich in einer Sphäre, wo übliche Abgrenzungen wenig galten. In der Historica verschrieb man sich nicht dem Öde-Eindeutigen und der Parole, es immer schon gewußt zu haben, hier war man weder naiv begeistert vom Neuen, noch weinte man selbstgerecht dem Altvertrauten nach. Zwischen durchaus wohlbedacht, nicht aber appellmäßig stramm aufgestellten Bücherreihen und manch anderen Objekten im noch spärlich ausgeleuchteten Lokal ergab sich wie von selbst eine Aura, die nicht nur dem seiner Bedrängnis entronnenen Ex-DDR-Bürger wohltat, sondern auch dem Besucher aus der westlichen Hemisphäre, der glaubte, er könne hier nur wenig Überraschendes erleben.

Historica – Bücherlandschaft

Doch das „wie von selbst“ hatte seinen Grund in der Person des Antiquars. Der war schon als Rockmusiker keiner der Mausgrauen gewesen und verstand es jetzt, seine Umsicht – die Fähigkeit, in mehr als eine Richtung zu sehen – ins Werk zu setzen. Alfred Polgars Beschreibung der Bibliothek – „Kasten und Schränke voller geistiger Nahrung, Schweres und Leichtes, Süßes und Saures, Hausbrot und Delikatessen“ – traf es auch hier, und keine Beschränkung auf die literarischen Einheitsbreie à la mode konnte das Angebot verkürzen. Was ihm süß oder sauer vorkam, darüber hatte der Kunde schon selbst zu befinden! Bald bildeten sich illustre Runden, in denen die über die Zeit aufgehäufte Perspektivenfülle gleichsam anwesender Autoren in vitalen Gesprächen aufleben sollte.

So spiegelt das Antiquariat Historica, das nun sein 30jähriges Bestehen vermeldet, die Abenteuerlichkeit des Niemandslandes selbst zweifach wider: Ein Abenteuer war und ist das Leben des Hausherrn Bert Wawrzinek, das nicht so sehr auf weichen Daunen gebettet war, als gewissermaßen auf zähledernen Buchdeckeln Platz finden mußte, da es den Verlockungen sanft-diktatorischen Zeitgeistes selten entsprach. Auf Abenteuer aber geht vor allem aus, wer nicht nur als eifriger Erwerber das kleine Reich betritt, vielmehr dem Wunsche folgend, sich dem Erwartbaren einer Alltagsexistenz zu entziehen, um Unerwartetem im besten Sinne – dem von nichts und niemandem Beherrschten – Gelegenheit und neuen Raum zu geben.

Das Unbehagen am Konformismus: über die Auflösung aller Dinge, Deserteure und Waldgänger

von Klaus Kunze

Das Unbehagen am Konformismus: über die Auflösung aller Dinge, Deserteure und Waldgänger

Die Bilder des polnischen Malers Tomasz Alen Kopera

Der Mann ohne Eigenschaften

Während aus den Fabriken gleichförmige Produkte industrieller Massenfertigung strömen, tendiert die Massengesellschaft auch zur Vereinheitlichung ihrer Menschen. Machen wir uns nichts vor: Ob wir mit rot-weiße Fanschals des einen oder mit blau-weißen eines anderen Vereins ins Stadion gehen, macht uns nicht zu unterschiedlichen Menschen. Die Moden und Versatzstücke scheinbar verschiedener Trends können nicht überdecken, daß die Menschen der Massengesellschaft in wesentlichen Fragen gleich geprägt sind.

Die meisten möchten auch gar nicht aus der gesellschaftlich anerkannten Rolle fallen. Das Bedürfnis nach Anerkennung ist ein psychisches Grundbedürfnis. Wer möchte schon Außenseiter sein? Dazu wird man schnell, wenn man sich nicht anpaßt. Also geht man lieber konform mit den üblichen oder den zu erwartenden unhinterfragten Gewohnheiten, den in Gesprächen geäußerten Meinungen über Gott und die Welt und den vielen kleinen und großen kulturellen Details.

Auf Effizienz und Profit maximierte Spielregeln belohnen den mit jedem anderen beliebig austauschbaren „Mann ohne Eigenschaften“, geografisch flexibel, anpassungsbereit an alles, bindungslos oder jederzeit willig, vorhandene Bindungen zu lösen. Nicht nur im Arbeitsleben wird Angepaßtsein belohnt. Auch als „Verbraucher“ und selbst als Bürger sind wir bei denen da oben umso beliebter, je konformistischer wir uns verhalten und keinen Ärger machen. Wer 2,20 m groß ist und im Kaufhaus eine Hose kaufen möchte, hat es ebenso schwer wie jemand, der drei Frauen heiraten oder seinen Kaiser wiederhaben möchte. Für Nonkonformisten gibt es keinen gesellschaftlichen Bonus.

Tomasz Alen Kopera, Der Deserteur, 2020.

Dem Unbehagen am Konformismus hat der polnische Maler Tomasz Alen Kopera immer wieder bildliche Gestalt gegeben. Texte wie diesen lesen nur intelligente Minderheiten. Ein Bild dagegen spricht jeden unmittelbar an und wirkt viel tiefer. Am Anfang war nicht das Wort. Am Anfang war das Bild. Die Wirkungsmacht eines einprägsamen Bildes übersteigt die jedes Textes. Die Gemälde des in Breslau lebenden Malers Kopera sprechen unmittelbar das Gemüt an und sind jedermann verständlich. Das bedeutet nicht, daß jeder Betrachter genau dasselbe assoziiert.

Aus dem Gehäuse entkommen

Koperas wiederkehrendes Motiv ist der gesichtslose, vereinheitlichte Massenmensch. Wie ein mythischer Golem nur aus Ton besteht, so umhüllt den Massenmenschen der Massengesellschaft eine Art Tonhülle, in die nichts dringt und aus der nichts dringt. Aus ihr gilt es auszubrechen, gerade so wie sich Max und Moritz in Wilhelm Buschs Bildererzählung aus der Teighülle hinausknabberten.

Wilhelm Busch, Max und Moritz knabbern sich aus der Hülle frei.

Der Ausbruch der Person aus der grauen Masse ist Koperas wiederkehrendes Thema, gleichsam seine Revolte gegen die moderne Welt.

Wir sehen sie beispielhaft in seinem neuesten Gemälde. Der Künstler selbst hat es „Der Deserteur“ genannt. Es ist aber jeder ein „Deserteur“, der sich einem Konformitätsdruck innerlich nicht beugt. Ernst Jünger hat diesem Typus des “Waldgängers” ein literarisches Denkmal gesetzt. Solche freien Geister stehen immer im Konflikt mit den Zumutungen gesellschaftlicher Normierungen:

Konformitätslust und -druck

Eine Gruppe quittiert jeden Verstoß gegen ihren Comment mit Stirnrunzeln oder gar einem sozialen Platzverweis. Für Deserteure gibt es keine Belobigungen. Selbst Gutmenschen können sich zu Marschkolonnen formieren. Wer aus dem Glied tritt, hat es schwer. Im Oktober 2020 kündigte der S. Fischer Verlag an, die 40-jährige Zusammenarbeit mit Monika Maron zu beenden. Sie war nicht mehr linientreu. Wer aus den miefigen Echokammern unserer Kulturszene ausbricht, wird gemobbt. Das in Kauf zu nehmen, ist der Preis der Freiheit, eine eigene, nonkonforme Meinung zu publizieren.

Der Evolutionsbiologe und Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt warnte schon 1988 vor dem „Meutesyndrom“: „Man reagiert seine eigenen Aggressionen am Prügelknaben ab.“ Bereits „Schimpansen stürzen im Kollektiv über Gruppenmitglieder her, die sich von der Norm abweichend verhalten.“ (1) Machen wir uns als Menschen nichts vor. Je nach Situation sind wir „noch immer“, wie Erich Kästner in einem Gedicht spöttelte, „die alten Affen“. Am 4. Oktober 2020 zogen 60 Vermummte lautstark durch Konstanz vor das Elternhaus eines 26jährigen, der Mitglied der Identitären Bewegung gewesen sein soll. Dieser war nicht zuhause.

Die Junge Freiheit berichtet, die „Randalierer hätten zahlreiche Eier und Farbbeutel mit rotem Lack gegen die gelbe Hausfassade geworfen und den Briefkasten mit Bauschaum gefüllt. Zudem sei auf den Eingangsbereich vor dem Haus der Schriftzug „Nazi“ gesprüht worden.“. Der „Stiefvater habe sich dem Antifa-Mob gestellt, der daraufhin auf ihn losgegangen sei. Die Angreifer hätten den 49 Jahre alten Mann gegen den Kopf geschlagen. Währenddessen soll einer der Vermummten versucht haben, ihm sein Mobiltelefon zu entreißen. Als sich immer mehr Anwohner einschalteten, seien die Linksextremen geflüchtet.“ (2)

Eibl-Eibesfeldt kennzeichnet den Konformitätsdruck der Gruppe als „normierende Aggression“: „Die Bereitschaft des einzelnen, sich der Gruppennorm anzugleichen, ist sehr stark. In ihrem Bedürfnis, der Mehrheit zu folgen, handeln Menschen sogar wider alle Vernunft.“ (3) Das entspricht bis heute dem anthropologischen Forschungsstand. „Individuen streben“ darum „danach, anderen Mitgliedern ihrer Gesellschaft so weit zu gleichen, daß sie deren Respekt gewinnen,“ und gleichzeitig möchten sie doch so „unterschiedlich sein, daß sie sich als etwas Besonderes fühlen.“ (4) Aber niemand möchte Opfer des „Schwarze-Schaf-Effekts“ werden: „Menschen werden feindselig gegenüber jedem Mitglied, dessen empörende Verhaltensweisen wie ein Affront gegen ihre Vorstellungen von ihrer Gesellschaft wirken.“ (5)

Bereits traditionelle „Kleinverbände, die einander gut kennen, nehmen Anstoß an deutlich abweichendem Aussehen oder Verhalten eines Gruppenmitgliedes. Individualität ist nur innerhalb einer bestimmten Schwankungsbreite erlaubt. Wer von ihr abweicht, wird Objekt kollektiver Aggressionen.“ (6)

Darum gehört Zivilcourage dazu, die eigene Meinung gegen eine Mehrheit zu vertreten. Wir neigen dazu, mit dem Strom zu schwimmen, ohne erst kritisch zu prüfen, ob die Mehrheit wirklich vernünftig handel. Unter den objektiven Bedingungen der Massengesellschaft ist es schwer genug, einen nonkonformen Lebensstil zu pflegen. Unzählige durch Kindergarten, Schule und Universitären normierte geistige Einheitsmenschen kennen heute gar nichts anderes mehr als denselben zähen Brei aus ideologischem Moralismus und ausgrenzendem Gutmenschentum. Tag für Tag wird es ihnen von den öffentlich-rechtlichen Medien erneut eingelöffelt, damit sie bloß nicht auf andere Gedanken kommen.

Wir freien Geister

Es gehört erst viel Verstand und dann viel Kraft dazu, sich davon zu befreien und, wie in Koperas Gemälden immer wieder zu sehen ist, die Verkrustungen zu sprengen. Jenseits der staatlich geförderten sogenannten abstrakten Kunst hat sich ein neues, surrealistisches Genre gebildet, das zur Gegenständlichkeit zurückgekehrt ist. Es verbindet sie aber mit einem tiefen Symbolgehalt.

Und wenn die Gesichtslosen mit der Fahne auch alle nach links marschieren, kann man doch ausbrechen und nach rechts entkommen.
Gemälde von T.A.Kopera

Koperas Gemälde machen Mut. Wer sie betrachtet, weiß sich in seinem verzweifelten Sehnen nach geistiger Freiheit gegen den zähen Schleim des etablierten Kunstbetriebes nicht länger allein. Dieser Betrieb ist heute zutiefst ideologisch befrachtet. Er gefällt sich darin, das Häßliche gegen das Schöne zu bevorzugen, das Perverse gegen das Gesunde, alles Zersplitterte, Fragmentierte und Gescheiterte gegenüber dem Vollendeten.

Kopera dreht diese Tendenz um. Die Auflösung jeder Form war Merkmal der künstlerischen Moderne. Sie entsprach damit der Auflösung aller strukturierten Vorstellungen gesellschaftlichen Zusammenlebens: Wie in der Kunst die ästhetische Formgebung zerbrach, zerbrach in der Moderne auch jede gesellschaftliche Form und Institution: Ehe, Familie, Staat. In Koperas Gemälden sehen wir hinter und unter den aufgesprengten Hüllen des Konformismus dagegen wieder ästhetische Formgebung, reine Schönheit und Hoffnung.

Unter den normierenden Verkrustungen wohnt der Persönlichkeitskern.
Gemälde von T.A. Kopera

Koperas Gemälde wecken diese Hoffnung. Die Auflösung aller Dinge mußte ihrerseits gesprengt werden, um den gesunden Kern wieder freizugeben: freien den Menschen und seine individuelle Persönlichkeit.


(1) Eibl-Eibesfeldt, Irenäus, Der Mensch – das riskierte Wesen, 1988, S.116.

(2) Tipold JF 6.10.2020.

(3) Eibl-Eibesfeldt (1988), S.117.

(4) Moffett, Mark W., Was uns zusammenhält, Eine Naturgeschichte der Gesellschaft, 1. Auflage 2019, S.356.

(5) Moffett (2019) S.390.

(6) Eibl-Eibesfeldt, Wider die Mißtrauensgesellschaft, 1994, S.114.

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Die Freiheit unter der Maske“ auf Klaus Kunzes Blog erschienen: http://klauskunze.com/blog/2020/12/09/die-freiheit-unter-der-gesichtslosen-maske/

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Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

Und das neue Werk von Klaus Kunze ist nun auch lieferbar: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

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Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

Klaus Kunze: Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen. Von der Vormundschaft zum Genderismus. Hier erhältlich!

Van Cleef, 1555: Dresdens älteste erhaltene Stadtansicht

von Bert Wawrzinek

Van Cleef, 1555: Dresdens älteste erhaltene Stadtansicht

Noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hielt die Fachwelt Franz Hogenbergs Dresden-Kupferstich in Georg Brauns Städtebuch „Civitates orbis terrarum“ (1572) für die älteste erhaltene Ansicht Dresdens. Zwei frühere Prospekte von 1529 und 1547 fanden noch um 1800 Erwähnung; und – wenn sie überhaupt je existierten – galten schon damals als verlorengegangen. Im Jahre 1906 erschien in den Dresdner Geschichtsblättern ein Beitrag des Ratsarchivars Otto Richter (1852-1922), worin diese bisherige Auffassung revidiert und der Blick auf den Maler Hendrick (Heinrich) van Cleef (Henricus a Cleve) gelenkt wurde. Richter verwies zunächst auf einen Eintrag im „Verzeichnis der Landkarten und vornehmsten topographischen Blätter der Sächsischen Lande“ (Meißen 1796) des kurfürstlichen Oberbibliothekars Johann Christian Adelung.

Auf Seite 65 hatte dieser auch einen Prospekt von Dresden verzeichnet, „enthalten in Henrici a Cleve: ‚Ruinarum ruriumque aliquot delineationes‘, 1587“ (abweichend: Ruinarum varii Prospectus, ruriumque aliquot delineationes, 1604). Genau diese gestochene Ansicht also war 1906 vom Stadtmuseum Dresden erworben worden. Sie entstammt dem genannten, in Antwerpen erschienenen Werk mit insgesamt 38, nach Cleefs Zeichnungen von Philipp Galle gestochenen und gedruckten Ansichten. Adelung aber könne das von ihm genannte Blatt (Nr. 27 der Collection) selbst nicht gesehen haben, so Richter, da jenes seltene Buch zu dieser Zeit in keiner sächsischen Bibliothek vorhanden war, was sich auch bis heute nicht geändert hat.

Von Antwerpen nach Italien, über Dresden zurück

Heinrich van Cleef, um 1525 in Antwerpen geboren, soll nach einer Ausbildung bei dem Maler Frans Floris nach Italien gereist und 1555 in seine Heimatstadt zurückgekehrt sein. Im gleichen Jahr heiratete er Paschasia Suys. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, die wie Vater Cleef Maler wurden. Nach 1590 soll der Künstler in Antwerpen gestorben sein. Bilder des Landschaftsmalers Cleef sind offenbar nicht erhalten, wohl aber zahlreiche Stiche und Landschaftszeichnungen. Doch wann genau nun ist Cleef in Dresden gewesen, um nichts weniger als die Stadtsilhouette – in einem vorweggenommenen „Canaletto-Blick“ – vom gegenüberliegenden Elbufer aus für die Nachwelt festzuhalten?

Mit Bestimmtheit nennt Otto Richter das Jahr 1555 als Entstehungsdatum, da Cleef den Schössereiturm des Residenzschlosses schon in der 1553 erhaltenen Form darstellt und weiter anzunehmen ist, daß der Abstecher des Künstlers nach Dresden erst auf seiner Rückreise erfolgte. Allerdings zeigen die Ansichten im genannten Buch fast ausschließlich römische oder griechische Altertümer südlich der Ewigen Stadt. Ausnahmen bilden das Aquädukt von Segovia (Kastilien), eine toskanische Brücke und eben Dresden, was den Reiseplan des Flamen kaum plausibler macht. Nicht weniger interessant aber ist die Frage, was genau wir auf der stimmungsvollen Vedute, die Richter als eine „gute Ansicht der Stadt“ charakterisiert, überhaupt betrachten können.

Im Detail

Besonders jene wichtigsten beiden Bauwerke, die mächtige Elbrücke und das Schloß, seien, so der Ratsarchivar, mit einer für diese Zeit „nicht gewöhnlichen Genauigkeit“ gezeichnet. Ganz links auf der Brücke fällt das große Tor mit Gatter ins Auge, daneben das Zollhaus. Auf dem übernächsten Brückenbogen glaubte Otto Richter die bereits 1305 erwähnte Alexiuskapelle mit spitzem Dach und gotischen Erkern zu erkennen, deren Abbild allerdings unbekannt war. Jene Kapelle aber mußte 1541 der Errichtung genannten Zollhauses weichen, Van Cleef kann sie nicht gesehen haben. Am Ende meint die Spitze doch den Turm der (perspektivisch verfehlten) alten Frauenkirche, wie auch Fritz Löffler in seiner Baugeschichte Dresdens schreibt. Rechts davon ragt ein, von Richter nicht näher bezeichnetes, großes Haus mit Giebel auf, anschließend, wohl dem Anschein nach, die alte Frauenkirche. Oder besser doch die Kreuzkirche, wie Löffler und auch Günther Rehschuh später darstellen werden.

Hinter dem gewaltigen Dach, welches der Ratsarchivar dem „alten Judenhause und Gewandhause“ zuordnet (abgerissen 1591), kann man links die Turmspitze der Rathaus-Kapelle erkennen, rechts davon ein Stück alter Stadtmauer. Der „sonderbar geformte Turm“ über dem Georgentor indes, markiert für Richter „der Lage nach“ die Kreuzkirche, dazu sei der alles überragende Hausmannsturm in der Mitte „nicht ganz richtig wiedergegeben“. Hier irrte Richter offensichtlich, und nicht allein des östlicher gelegenen Kirchenbaues wegen, auch der Schloßturm zeigt durchaus seine damalige Gestalt (vgl. M. Merians „Prospect. Der Brücken. zu. Dresden“, 1650) und wird seine spätere (heutige) Form erst 1674 – 1678 durch W. C. von Klengel erhalten. Rätselhaft bleibt allein der über dem Georgentor dargestellte Turm.

Rechterhand findet sich der bereits genannte Schössereiturm mit markantem („Flasche“ genannten) Abschluß. Die sich im Hintergrund des Hausmannsturmes gen Himmel reckenden Spitzen bezeichnen die Enden dreier Ecktürme, ein vierter, der Südost-Wendelstein, wird erst später (1683) hinzukommen. Insofern muß die Zuschreibung der rechts neben der „Flasche“ aufragenden Turmspitze offen bleiben, weshalb das Diktum des Dresdner Ratsarchivars, die Wiedergabe von Türmen sei „die schwache Seite Cleefs wie aller Architekten seiner Zeit“, den Perfektionisten trösten mag. Zu guter Letzt: Die trutzigen Mauern, die das Schloß zur Elbe hin abschirmen, sind militärische Befestigungsanlagen, die durch Festungsbaumeister Voigt von Wierandt gerade errichtet worden waren.

An der Schwelle einer neuen Zeit

Bei aller Entdeckerfreude muß Richter übersehen haben, daß Cleefs Dresden-Prospekt erst 1863 im Bildteil der „Geschichte der Haupt- und Residenzstadt Dresden von der frühesten bis auf die gegenwärtige Zeit“, von Martin Bernhard Lindau (der das Blatt besessen haben könnte) zutreffend als „älteste Ansicht von Dresden“ bezeichnet, abgedruckt worden war. In jedem Falle aber bleibt die Cleefsche Ansicht ein schönes Dokument Dresdens auf dem Weg zur glanzvollen Renaissancestadt. Erst wenige Jahre zuvor (1539) war in Sachsen die Reformation eingeführt worden, hatte Herzog Moritz 1547 die Kurwürde an die albertinischen Wettiner gebracht, war Dresden kurfürstliche Residenz geworden!

Noch im gleichen Jahr ordnete Kurfürst Moritz den Umbau seiner Dresdner Burg an, die sich zum repräsentativen Schloß und einem Gründungsbau deutscher Renaissance entwickeln sollte. Unter seinem Bruder, Kurfürst August von Sachsen (1526-1586) setzte sich der wirtschaftliche und kulturelle Aufstieg fort. 1549 vereinigte sich die Stadt, die damals 6500 Einwohner und 490 Häuser zählte, mit dem rechtselbischem Altendresden. Die Weichen waren nunmehr gestellt für jene großartige Entwicklung, die Dresden schon bald zu einer der schönsten Städte Deutschlands erheben würde. Ein Künstler aus Antwerpen hat den Beginn jener Aufbruchstimmung festgehalten – als „Schnappschuß“ aus dem Jahre 1555 – auf Dresdens ältester erhaltener Ansicht!

Literatur: Johann Conrad Knauth: Als beym Ausgange des Alten und Eintritt des Neuen Jahres M. DCC. VIII. auf Königl. Maj. und Churfl. Durchl. zu Sachsen hohe Verordnung, das alte Rath-Hauß in Neu-Dreßden translociret ward, wolte dessen Neuen Bau glückwünschend beehren, Dresden 1708. Fritz Löffler: Das alte Dresden. Geschichte seiner Bauten, 7. Auflage, Leipzig 1984. Günther R. Rehschuh: Die ersten Ansichten der Stadt Dresden, in: Sächsische Heimatblätter 6/1969, S. 28-32. Otto Richter: Die älteste Ansicht der Stadt Dresden, in: Dresdner Geschichtsblätter Nr. 2 (1906), S. 89-91 (alle Zitate ebd.) Ulrich Becker und Felix Thieme: Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Band 7, Leipzig 1912, S. 96 f.

Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land. Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 30 Jahren das Historica Antiquariat im Dresdner Barockviertel und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur sächsischen Geschichte und Kultur.

Autonomie für die Afrikaanse Nation! Ein Superethnos in Südafrika

Der Ethnologe Dr. Christian Böttger im Interview

Autonomie für die Afrikaanse Nation! Ein Superethnos in Südafrika

Im Oktober 2020 erschien das Buch: „Autonomie für die Afrikaanse Nation! Ein Superethnos in Südafrika“. Der Verfasser ist Dr. Christian Böttgers, ein Ethnologe aus Berlin, der im Lindenbaum Verlag bereits 2014 mit „Ethnos“ ein Buch über den Volksbegriff veröffentlicht hat. Im Interview mit unserer Internetzeitschrift erklärt der Autor, was es nun mit seinem neuen Buch auf sich hat.

Wir selbst: Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, ein Buch ausgerechnet über das südliche Afrika zu schreiben? Das ist doch sehr ungewöhnlich, wenn man nicht gerade über familiäre Beziehungen nach Südafrika verfügt.

Tja, auch das ist eine sehr, sehr lange Geschichte. Wer glaubt, ich hätte mit dem hier vorliegenden Werk mal soeben ein Buch über Südafrika zusammengezimmert, der irrt. Inspirationen und Vorarbeiten dazu liegen teilweise Jahrzehnte zurück. Wie ein roter Faden durchzog fast mein ganzes Leben das Interesse am südlichen Afrika. Das erschien mir im Nachhinein manchmal wie geistige Führung.

Den ersten Impuls dazu erhielt ich ca. um 1970. Damals entdeckte ich in den Unterlagen meines Großvaters Aufzeichnungen über das Missionswesen in Deutsch-Südwestafrika, sorgfältig in Sütterlin verfaßt, die wohl noch aus seiner Studentenzeit stammten. Bei meinem Großvater handelte es sich um Kurt Rietzsch (1884 – 1957), jenem legendären evangelisch-lutherischen Pfarrer von Hohenstein-Ernstthal (bei Chemnitz), der sich u. a. nebenberuflich als Mitarbeiter beim Karl-May-Verlag einen Namen gemacht hat. Als Pfarrer der Bekennenden Kirche war er oft Vorladungen der Gestapo ausgesetzt und galt als Antifaschist. Dabei war er durchaus national-liberal orientiert. Ich war drei Jahre als er starb, kann mich aber noch genau an ihn erinnern, auch wenn ich die Details erst durch meine Mutter erfahren habe.

In dieser besagten Schrift meines Großvaters lernte ich zum ersten Mal den Begriff „Heu auf dem Halm“ kennen, denn die dortigen Eingeborenen und Farmer ernten kein Heu für die winterliche Trockenzeit, sondern lassen die Tiere im Winter das vertrocknete „Heu auf dem Halm“ fressen.

Sofort nahm ich einen alten Atlas zur Hand und suchte unsere ehemalige Kolonie Südwestafrika auf. Ich staunte nicht schlecht, hier eine Fülle deutscher Ortsnamen zu finden, wie Lüderitz, Swakopmund, Warmbad, Mariental, Salzbrunn, Seeheim, Hornkranz usw. Ich war ein typischer DDR-Teenager und es handelte sich gerade um jene Zeit, als im „West-Fernsehen“ eine unendliche Zahl von amerikanischen Western lief. Ich stellte mir sofort vor, Südwestafrika muß unser „Wilder Westen“, unser „Wilder Südwesten“, gewesen sein. Südwestafrika wurde damals von Südafrika verwaltet und galt als die 5. Provinz des Burenstaates. Was lag also näher, als über Informationen aus Südafrika an solche aus dem damaligen Südwestafrika heranzukommen. Zuerst interessierte mich nur, was aus den Deutschen geworden war, die in der Kaiserzeit dahin ausgewandert sind.

Irgendwann hörte ich von einem Kurzwellensender, der damals aus Südafrika mit einem deutschsprachigen Programm nach Mitteleuropa ausstrahlte. Und tatsächlich – ich fand ihn. Im 19-Meter-Band sendete Radio RSA, die Stimme Südafrikas aus Johannesburg, mit seinem markanten Bokmakiri-Gezwitscher im Pausenzeichen. Hier fand ich natürlich die Sendungen über Südwestafrika, die ich suchte: Brief aus Windhoek von und mit Kurt Dahlmann, Südwester Leute gestern und heute von Lisa Kunze usw. Unvergessen bleibt die damalige Chef-Sprecherin Elvira Widmann mit ihrer ausdrucksvollen Sprechweise und ihrem leichten österreichischen Akzent. Ich besitze heute noch Tondokumente davon und habe mir schon überlegt, ob ich nicht etwas davon digitalisiere und in YouTube einstellen sollte. Eine Unzahl interessanter Programme informierte über Land und Leute von Süd- und Südwestafrika und auch zwei Afrikaans-Sprachkurse gab es da, die bei dem oft schlechten Empfang schwer zu verstehen waren. Fast jeden Abend von 19. – 20.00 Uhr hing ich also am Radio – eine Brücke zu einer für uns DDR-Bürger damals unerreichbaren westlichen Welt.

Wir selbst: Hatte der auch in Namibia bekannte Sender nicht auch hauptsächlich eine propagandistische Aufgabe, indem er die Politik der Apartheid rechtfertigen sollte?

Natürlich versuchte der Sender auch die damalige Regierungspolitik unter Johannes Balthazar Vorster an den Mann zu bringen. Die Rassenkonflikte wurden aus den Unterschieden der Kulturen und der Unvereinbarkeit ihrer kulturellen Werte erklärt. Als Lösung dieses Problems propagierte der Sender die „Politik der getrennten Entwicklung“ für die verschiedenen Volksgruppen. Eine solche Auffassung nannte man damals bereits „Kulturalismus“ und bald schon wurde eine solche Sichtweise von linken Ideologen als „kultureller Rassismus“ gebrandmarkt. An die Stelle einer kulturpsychologischen Analyse orientierten die sog. „antiimperialistischen Kräfte“ auf eine politische und historische Gesellschaftsanalyse und verwiesen auf die sozialökonomischen Wurzeln des Rassismus.

Daß dieser „Antiimperialismus“ im Ost-West-Konflikt Schlagseite hatte, also einseitig war und nicht die Widerspieglung der Wirklichkeit darstellte, war mir damals bereits völlig klar. Es waren ja keineswegs alle Argumente dieses Kulturalismus aus der Luft gegriffen, wie es linke Ideologen in Ost und West gerne glauben machen wollten. Daß es zwangsläufig zu Konflikten kommen muß, wenn in einem Land Erste und Dritte Welt aufeinanderprallen, leuchtete mir durchaus ein. Diese Fragen begannen mich brennend zu interessieren und ich wollte ihnen auf den Grund gehen. Die Motive für mein Ethnographiestudium ab 1983 haben hier ihre tieferen Wurzeln. Daß ich heute Ethnologe und Volkskundler bin, verdanke ich also zu einem guten Teil auch der Auseinandersetzung mir Radio RSA.

Wir selbst: Ihr Spezialgebiet im Studium war aber Deutsche Volkskunde. Konnten Sie denn diese Kenntnisse für ihr Interesse an Südafrika überhaupt nutzen?

Aber sicher. Obwohl ich mich schon frühzeitig für die ethnographische Fachrichtung Volkskunde entschieden hatte, interessierten mich ganz besonders theoretische Fragen zum Ethnos, auch um entsprechende Erkenntnisse auf Südafrika anwenden zu können. Im Studienfach Ethnographie Afrikas übernahm ich zahlreiche Vorträge zur Geschichte und Kultur der südafrikanischen Völker von denen ich auch bei dem hier vorliegenden Buch profitieren konnte.

Während der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR mußten die Interessen für das südliche Afrika natürlich zurücktreten. Anderes trat jetzt in den Vordergrund. Existenzielle Fragen begannen Gestalt anzunehmen. Der Kampf um die Wiedervereinigung Deutschlands entbrannte. Dennoch nahm ich in dieser Zeit Kontakt zur südafrikanischen Botschaft in Bonn auf, um mir umfangreiches Informationsmaterial über Südafrika schicken zu lassen. Radio RSA spielte keine Rolle mehr und stellte 1992 seine Sendungen ein. Leider habe ich die letzte Sendung nicht mehr mitbekommen.

Wir selbst: In der Zwischenzeit hatte sich auch im südlichen Afrika eine politische Wende vollzogen. Was haben Sie dabei empfunden?

Mir war sofort klar, daß nach dieser politischen Wende in Südafrika die neuen Regierungen von SWAPO und ANC ihre Staaten nach zentralistischen Gesichtspunkten aufbauen würden. Hier wurde eine große Chance vertan. Die Befreiungsbewegungen des südlichen Afrikas waren von ihren kommunistischen Lehrern auf Machterwerb und -erhalt trainiert worden. Das kann nur der zentralistisch geführte Staat leisten. Das kannte ich schon aus der DDR. Aber ausgerechnet von Lenins Nationalitätenpolitik mit ihren Autonomierechten für die einzelnen Volksgruppen hat man nichts übernommen. Man braucht sich da nur die völlig unorganische Gebietseinteilung in Namibia mit ihren künstlichen Regionen ansehen, die sogar das Rehobother Gebiet zerschneiden.

Wir selbst: Und dennoch haben Sie ja irgendwann wieder ein Interesse an Südafrika entdeckt, oder neu entdeckt?

Ja. Der Beschluß der FIFA, die Fußballweltmeisterschaft 2010 nach Südafrika zu vergeben, fiel bereits 2004. Südafrika geriet wieder stärker ins Blickfeld des allgemeinen, aber auch meines Interesses. Im Vorfeld der Fußball-WM erarbeitete ich für einen Interessentenkreis einen Vortrag zur Geschichte Südafrikas, dessen Kern heute das Zweite Kapitel meines Buches bildet. Inzwischen hatte auch ich Internet und konnte mir selbst ein Urteil bilden. Auf YouTube lernte ich den südafrikanischen identitären Sänger Bok van Blerk kennen und versuchte seine Lieder zu übersetzen. Daraus entwickelte sich schließlich ein kleiner afrikaanser Sprachkurs – learning by teaching. Ich besorgte mir dazu einen Sprachführer und aus Südafrika ein großes, dickes Wörterbuch.

Ethnos – Der Nebel um den Volksbegriff

2014 erschien mein Buch Ethnos. Mir war klar, daß das nächste Projekt nur das südafrikanische Thema sein könnte. Vorarbeiten dazu hatte ich ja schon. Aber mir fehlte noch die zündende Idee. Da kam mir wieder der „Zufall“ zu Hilfe. Am 5. Juni 2015 berichtete das afrikaanssprachige Nachrichtenportal Netwerk 24 darüber, daß auf der Webseite des beliebten südafrikanischen Liedermachers Bok van Blerk sein neues Musikvideo mit dem Titel “Sing Afrikaner Sing” veröffentlicht wurde. In diesem neuen Lied wurde der Begriff „Afrikaner“ erstmalig in einer Form präsentiert, wie man das im Land am Hoffnungskap so noch nicht erleben konnte. Der Begriff „Afrikaner“ war eigentlich immer eine Selbstbezeichnung der Buren, wird aber in diesem Video wesentlich umfassender verstanden. Alle knapp 7 Millionen Menschen Südafrikas, die Afrikaans zur Muttersprache haben und die die Mehrheit in den Provinzen Westkap und Nordkap ausmachen, werden mit diesem Lied angesprochen. Die Mehrheit jener Menschen, die Afrikaans als Muttersprache haben, sind aber gar nicht weiß, denn Afrikaans ist nicht einfach die Sprache der Buren, wie man es sooft hört. Die Mehrheit der Afrikaanssprachigen sind heute die Bruinmense, was auf Afrikaans braune Menschen bedeutet und ganz verschiedene Volksgruppen umfaßt. Dieser Terminus beginnt sich gegenüber dem Begriff „Coloured People“ als Selbstbezeichnung der afrikaansen Farbigen immer mehr durchzusetzen.

Wir selbst: Und Sie haben zu diesem Lied jetzt praktisch das dazu passende Buch geschrieben?

Ja sozusagen. Aber es geht im Kern doch um die Frage, was die Gesamtheit der afrikaanssprachigen Völker eigentlich darstellt. Schließlich gliedern sich die Afrikaanssprecher in verschiedene Ethnien bzw. Subethnien auf. Handelt es sich dabei um eine Nation? Dazu fehlt noch ein ausgeprägtes gemeinsames Nationalbewußtsein, das dem ethnischen Selbstbewußtsein dieser verschiedenen Ethnien und Subethnien übergeordnet sein müßte. Diese durch verschiedene Faktoren behinderte Nationsbildung beruht auch nicht auf einer gemeinsamen einheitlichen Abstammung, die ja häufig mit dem Nationalbewußtsein einhergeht. Um den Prozeßcharakter der Nationsbildung deutlich zu machen, mußte ein anderer Begriff für die Afrikaanssprecher gefunden werden. Im Buch wird von mir dazu der Begriff „Superethnos“ zur Diskussion gestellt.

Wir selbst: Wie kommen Sie denn auf so einen eigenartigen Begriff? Das erweckt Assoziationen zu „Superman“ und hört sich deshalb etwas ulkig an.

Der Begriff stammt aus der Ethnos-Theorie des 1992 verstorbenen russischen Ethnologen Lew Gumiljow. Damit beschreibt dieser eine mehrere Ethnien übergreifende Ganzheit, die rein äußerlich betrachtet als „Kulturgemeinschaft“ in Erscheinung tritt, tatsächlich aber durch ein gemeinsames Verhaltensstereotyp gekennzeichnet ist. Das Frankenreich Karls des Großen ist für ihn eine solche Einheit, überhaupt das christliche Abendland des Mittelalters, oder die islamische Welt.

Die Ethnogeneselehre Gumiljows dabei mit einzubeziehen ergab sich schon allein aus der Tatsache, daß in Südafrika die Bedeutung der von ihm hervorgehobenen geographischen Faktoren geradezu ins Auge springt. Ein Blick auf die verschiedenen thematischen Karten Südafrikas läßt das deutlich werden. Es war die 400-mm-Niederschlagsgrenze, die im vorkolonialen Südafrika auch die Grenze zwischen Bantu- und Khoisanvölkern gezogen hat. Sie hat Südafrika in eine südwestliche und eine nordöstliche Landeshälfte geteilt. Während die alteingesessenen Stämme der Khoi (Hottentotten) in der südwestlichen Landeshälfte lediglich Viehzucht betrieben, pflegten die eingewanderten Bantu-Stämme in der nordöstlichen Landeshälfte den Anbau von Hirse und Mais. Dieser erfordert aber mindestens 400 mm reine Sommerniederschläge. Treten die Niederschläge ganzjährig auf, wie etwa an der Südküste, funktioniert ein solcher Feldbau nicht. Die Niederschlagsgrenze bildete so eine natürliche Barriere für die Viehzucht und Feldbau (Hirse, Mais) treibenden Bantu. Heute gibt es aber fast keine reinen Khoi in unvermischter Form mehr in Südafrika. Es sind jetzt die Afrikaanssprecher, die den Bantuvölkern gegenüberstehen. Doch allein das Vorhandensein einer Sprachgemeinschaft sagt noch nicht viel aus. Die Volksgruppen, die heute mehr oder weniger zufällig Afrikaans sprechen, bilden keine bloße Addition. Da muß also mehr sein, was sie verbindet und eine Autonomieforderung für diese Völker begründet.

Die vorherrschenden Sprachen Südafrikas

Wir selbst: Und was begründet nun diese von Ihnen aufgestellte Autonomieforderung? Wie würden Sie den Kerngedanken Ihres Buches zusammenfassen, welchen Erkenntnisse kann der Leser daraus gewinnen?

Der Kerngedanke dieses Buches ist der südafrikanische Dualismus. Dieser „Dualismus“ ist eben nicht mit dem Gegensatz von Schwarz und Weiß zu verwechseln, sondern viel komplexerer Natur. Heute stellt sich diese Zweigliedrigkeit als Dualismus zweier historisch entstandener überethnischer Ganzheitssysteme dar. Ganz grob betrachtet ist der ganze Subkontinent nämlich zweigeteilt und das hinsichtlich des Klimas, der Landschaft, der Vegetationstopographie, der Geschichte, der Sprache und Kultur, des Verhaltensstereotyps und schließlich der politischen Präferenz. Und da haben wir auch schon fast alle Elemente der Systeme, denn bei diesem Dualismus handelt es sich nicht nur um eine Zweigliedrigkeit, sondern um komplexe Systeme, deren jeweilige Elemente sich wechselseitig bedingen. Diese Systeme erschließen sich vielleicht noch am ehesten dem kartenkundigen Geographen, der über einen gewissen Überblick über den ganz verschiedenen Stoff verfügt. Sie sind zu vergleichen mit zwei verschiedenen Mosaikbildern, deren Konturen sich erst aus einem gewissen Abstand offenbaren. Die dem Buch beigefügten Karten werden das verdeutlichen. Und da haben wir bei diesen Systemen genau das, was Gumiljow mit dem Begriff der Superethnien beschreibt. Doch diese Überethnien sind u. a. aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte einen speziellen Weg gegangen. Sie haben keine Großkulturen mehr herausgebildet, sondern sich über komplizierte Ethnogeneseprozesse im 18. Und 19. Jh. getrennt auf den Weg zur Nationsbildung begeben.

Wir selbst: Genau das wird jetzt interessant, denn im Klappentext zum Buch kann man lesen, daß sich Ihr Buch als Kampfansage gegen die konstruktivistische Ideologie versteht, die keine Völker und Nationen mehr kennt. Ist das nicht etwas dick aufgetragen?

Nein durchaus nicht. Anstelle einer Ethnogeneseforschung hat sich nämlich in der gesamten westlichen Welt und zwar nur dort, der sog. Konstruktivismus durchgesetzt. Der Konstruktivismus geht davon aus, daß die Völker nicht einfach vorgefunden werden, sondern das Ergebnis eines Erfindens sind. Gerade aber anhand er südafrikanischen Völker, deren Ethnogenese sich erst recht spät und für uns heute gut nachprüfbar vollzogen hat, läßt sich ziemlich erfolgreich belegen, daß diese Auffassung von Völkern als „Erfindungen“ unwissenschaftlicher Nonsens ist. Der Konstruktivismus arbeitet hier subjektivistisch und damit selektiv. Er erfaßt nie das gesamte Phänomen. Er sieht den Volksbegriff nur ideologiekritisch unter dem Aspekt seiner Instrumentalisierung. Damit wird die objektive Seite völlig ausgeklammert. Forschungen zur Ethnogenese finden demzufolge nicht mehr statt. Das habe ich geändert.

Wir selbst: Könnte nicht auch die Gefahr bestehen, daß Sie mit Ihrem Buch die territoriale Integrität Namibias infrage stellen, denn Sie ordnen Teile der Bevölkerung Namibias der afrikaansen Nation zu?

Nein, dieser Zug ist spätestens 1990 abgefahren. Es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Südafrika und Namibia und der besteht in ihren jeweiligen Verfassungen. In Südafrika gibt es einen Verfassungsartikel, ich glaube es ist 235, der jeder Gemeinschaft mit einem gemeinsamen sprachlichen und kulturellen Erbe das Recht auf Selbstbestimmung in einer bestimmten Region zubilligt. So etwas gibt es in Namibia nicht. In Namibia muß es darum gehen, die Stellung von Afrikaans in der Gesamtgesellschaft zu festigen und die unsinnige Aufteilung des Rehobother Gebietes auf zwei Regionen rückgängig zu machen. Internationaler Druck ist allerdings auch nötig, um die Rückgabe des enteigneten Kommunaleigentums zu erwirken. Es war grundbuchlich auf die frühere Rehobother Homelandregierung eingetragen und wurde aus ideologischen Gründen 1990 enteignet und verstaatlicht.

Wir selbst: Herr Dr. Böttger, wie bedanken uns für das Gespräch!

Titelbild: Charles Davidson Bell, Jan van Riebeecks Ankunft am Kap.

Bücher von Dr. Christian Böttger:

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