Hervorgehoben

Freiheit bedingt Verantwortung

Bildquelle: »Genosse was hast du mit der roten Fahne gemacht?« Quelle: Sieghard Pohl, »extra muros«. Kurzprosa Grafik Malerei Objekte, erschienen im Verlag Siegfried Bublies, Koblenz 1990.

von Siegmar Faust

Freiheit bedingt Verantwortung

Dreißig Jahre nach dem Gottesgeschenk des Mauerfalls spitzt sich wieder etwas zu, und das nicht nur in Deutschland. Erleben wir eine Wiederkunft des Totalitären? Und das 30 Jahre nach der ersten Revolution, die zumindest den Mitteldeutschen gelungen war, und das sogar in einer völlig unerwarteten und neuen Qualität, nämlich in einer friedlichen Revolution? Waren wir Deutschen denn nicht am Tag nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 „das glücklichste Volk der Welt“, wie es der stets rotbeschalte Regierende SPD-Bürgermeister von Berlin-West, Walter Momper, damals in die Mikrofone rief?

Natürlich war das eine dumme Übertreibung, denn wie sollten die ehemaligen Profiteure und deren Handlanger über den Sturz oder Zusammenbruch ihres „ersten Arbeiter-und-Bauer-Staates auf deutschem Boden“ glücklich sein? Und nicht nur das, denn der ganze Ostblock mit der Hauptstadt Moskau brach in sich zusammen. Die linke „Intelligenzija“ des Westens war entsetzt. Wer wollte denn von denen gar noch die Wiedervereinigung? Herr Momper, Oskar Lafontaine, Nobelpreisträger Günter Grass, Willy Brandt und sein ehemaliger Staatssekretär und persönlicher Freund Egon Bahr wollten sie wie die meisten anderen Sozialdemokraten jedenfalls nicht. Noch im Spätherbst 1988 bezeichnete Bahr die Forderungen nach der Wiedervereinigung als „politische Umweltverschmutzung“. Selbst noch fünf Tage nach dem Fall der Mauer nannte er es eine „Lebenslüge, über Wiedervereinigung zu reden“. Brandt sagte im September 1988 in einem Vortrag der Friedrich-Ebert-Stiftung: „Durch den Kalten Krieg und seine Nachwirkungen ist die Hoffnung auf Wiedervereinigung geradezu zu einer spezifischen Lebenslüge der 2. Republik geworden“. Doch nur sein nachträglicher Satz, als die Einheit nicht mehr zu verhindern war, hat sich ins Gedächtnis der Nation eingebrannt: „Es wächst zusammen, was zusammengehört“. In diesem Stil der verwirrenden Widersprüche stolperten die ideologisch zumeist vernagelten Politiker in die ungewollte, aber von den demonstrierenden Massen vor allem in Leipzig, Dresden und Plauen erzwungene Einheit Deutschlands hinein. Wobei auch nicht vergessen werden darf, dass die meisten durchaus mutigen Bürgerrechtler, die später mit Orden und Ehrenzeichen dekoriert wurden, anfangs weder die Wiedervereinigung noch die Abschaffung des Sozialismus anstrebten, den sie lediglich im Sinne Rudolf Bahros oder Robert Havemanns reformieren wollten. Doch solche Halbheiten bilden in brenzligen Situationen oft eine Brücke zwischen den Extremen und können dadurch eine gewaltsame Eskalation verhindern.

Der „Zeit“-Journalist Theo Sommer sekundierte damals, als schon jeder Sensible das Ende der SED-Diktatur erahnen konnte: „Die Bürger des anderen deutschen Staates bringen ihm (Honecker) fast so etwas wie stille Verehrung entgegen“. Diesem Blödsinn von marxistisch verseuchten, doch großbürgerlich prassenden Gesinnungsjournalisten und den jakobinischen Tugendterroristen im „Kampf gegen rechts“ setzte Axel Springer mit Kurt Schumacher die simple Tatsache entgegen, dass Kommunisten überall, wo sie an die Macht gelangten, sich als „rotlackierte Nazis“ entlarvten. Der SED-Staat war demzufolge nicht nur für den Verleger Springer ein Verbrecherregime, sondern besonders für deren Widerständler und vielen Opfer, denen Springer gern Chancen in seinem Verlag einräumte, darunter Günter Zehm, Ulrich Schacht, Lutz-Peter Naumann oder den Perser Hossein Yazdi, der 16 Jahre als politischer Häftling einsaß und dann 36 Jahre für Springer als Journalist arbeitete. Jeder, der dort als Journalist arbeiten wollte, musste folgende vier Punkte unterschreiben:

  1. Das unbedingte Eintreten für die friedliche Wiederherstellung der Deutschen Einheit in Freiheit.
  2. Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes.
  3. Die Ablehnung jeglicher Art von politischem Totalitarismus.
  4. Die Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft.

In der Springer-Zeitschrift „Kontinent“, in der vor allem die osteuropäischen Dissidenten zu Wort kamen, veröffentlichte Springer 1977 wie ein Prophet das Folgende:

„Wenn es gelingt, die Völker Osteuropas, einschließlich der Sowjetunion, gegen die Lüge der Gewalthaber immun zu machen, indem wir die Wahrheit als Elixier der Freiheit auf allen Wegen über Mauern und durch Zäune schaffen, dann bereiten wir jene Revolution des Geistes vor, die noch immer die Lüge außer Kraft gesetzt und Diktatoren, Gewaltregime und Unterdrücker gestürzt hat. Das klingt heute wie ein Märchen. Ist es nur ein Märchen? Es gab einmal einen Mann namens Theodor Herzl. In scheinbar aussichtsloser Lage versprach er den Juden einen Staat, auf den sie seit 2000 Jahren tagtäglich – vergeblich – hofften. Herzl hämmerte den Juden ein: ,Wenn ihr es wollt, ist es kein Märchen.‘ Das heißt für uns: Wenn wir nur wollen, wenn wir alles wagen, dann ist die Freiheit kein Märchen. In Deutschland nicht. In Polen nicht. In Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei und den baltischen Staaten nicht. Und nicht in Russland.“

Schade, dass Axel C. Springer, der 1985 verstarb, das nicht mehr auf Erden erleben durfte, was er vorausgesehen hatte. Auch Matthias Walden und Franz Joseph Strauß hätte ich das sehr gegönnt.

In Osteuropa hat der Marxismus in seinen verschiedenen Auslegungen faktisch ausgedient, denn mit den marxistischen Altkadern, die noch überdurchschnittlich in allen möglichen Verwaltungen unterkamen, sogar in der Stasi-Unterlagen-Behörde, stirbt er nun größtenteils ab, weil diese Funktionäre selber wegsterben. Doch in den westeuropäischen und amerikanischen Hochschulen erfreut sich der Marxismus ansteigender Beliebtheit. Das alles dient dazu, die westliche „Wertegemeinschaft“ noch weiter zu spalten, was den nächsten Weltenbeglückern unter dem Ruf „Allahu Akbar!“ nur recht sein kann. Der westliche „Gutmensch“, vor allem in seiner Extremform als „Bessermensch“ verharmlost nicht nur die islamische Gefahr, sondern wird – bewusst oder unbewusst – zu ihrem Werkzeug. Die Grundlage, die sie verbindet, ist die totalitäre Deutungshoheit mit dem anknüpfenden Herrschaftsanspruch.

Doch ich möchte lieber nah an der mich umgebenden Gegenwart bleiben, denn geist- und gefühlsverwirrte Gefälligkeitskünstler und ebensolche Politiker und Wissenschaftler hatten ausgerechnet den SED-Juristen Gregor Gysi mit zum Festredner des 30. Jahrestages der friedlichen Revolution ausgerechnet in der ehemaligen „Heldenstadt“ Leipzig auserkoren, also jenen Mann, der die totalitäre SED und deren Vermögen gerettet hat, obwohl diese Partei verboten gehört hätte, wie 30 Jahre zu spät Theo Waigel, der ehemalige Spitzenfunktionär und spätere Ehrenvorsitzende der CSU, selbstkritisch zugab. Zum Glück haben sich viele ehemalige Bürgerrechtler und Dissidenten zu einem Protestschreiben aufgerafft, mit dem dieser Skandal gerade noch verhindert werden sollte.

Doch warum konnte niemand der Bundeskanzlerin und ihren Lakaien Einhalt gebieten? Würde man allein die völlig gegensätzlichen Aussagen der ersten deutschen Bundeskanzlerin aneinanderreihen, dann käme eine lange Litanei zustande. Hier nur ein Aspekt: Im Oktober 2000 sagte sie deutlich, dass „die multikulturelle Gesellschaft keine lebensfähige Form des Zusammenlebens ist, und das glaube ich auch.“ 2004 tritt sie entschlossen vorm Bundestag für die „Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung“ ein. Noch 2010 beteuert sie, dass der „Ansatz Multikulti … absolut gescheitert“ sei. Fünf Jahre später lässt sie gegen sämtliche Vernunft und alle bestehenden Gesetze, natürlich ohne den Willen des Souveräns einzuholen, 1,5 Millionen illegale Einwanderer, überwiegend junge Männer ohne Pass, aber mit modernen Handys ins Land und in die deutschen Sozialsysteme strömen. Schlepperbanden machen riesige Geschäfte, Hunderte ertrinken im Mittelmeer. Plötzlich werden Milliarden Euros locker gemacht, obwohl für die maroden Schulen, Straßen, Brücken, für die Wohnungsnot und Aufstockung erbärmlicher Renten bisher keine Gelder übrig waren.

Merkels politische Linie besteht lediglich darin, sich opportunistisch jedem anzubiedern, möglichst wenig zu ändern, denn eigene Ziele oder Entscheidungen zu vertreten, dazu hat sie kein Talent. Ihr Leitmotiv ist unter Politikern nur allzu bekannt: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“ Aber eins beherrscht sie bestens: in fast jede Aussage eine Einschränkung einzubauen, die es möglich macht, bei Bedarf genau die gegenseitige Position vertreten zu können. Katastrophal wird es, wenn grundsätzliche Entscheidungen verlangt werden, die nicht mit einer pro-forma-Konzession an Gegner in der Koalition zu bewältigen sind. Und für diese katastrophale Politik „verdient“ diese gewählte Frau täglich über 1.100 Euro, die immer weniger Rentner im Monat bekommen.

Zunehmend verstärkt sich bei vielen verantwortlich denkenden Menschen der Eindruck, in Absurdistan zu leben oder gar in einem Irrenhaus, dessen Ärzte sich zudem noch anschicken, sich einem neuen Totalitarismus zu ergeben, der als Religion daherkommt und eine brutale Welteroberungspolitik betreibt, sobald er sein Lehrbuch, den Koran, auch nur halbwegs ernst nimmt. Damit das nicht so auffällt, wird ein CO2-Gespenst aufgeblasen, welches die Welt retten soll und natürlich die Zukunft unserer Kinder, die sich dafür mit einem abnormen Schulmädchen an der Spitze den Freitag zum Schulstreiktag „erkämpft“ haben.

Freilich, diesem Jetztzustand gehen immer unkorrigierte Fehler und fehlgeleitete Ideologien voraus.

Diese alle aufzuzählen übersteigt die Kraft und Zeit eines Einzelnen. Doch es bleibt, um es noch ganz allgemein zu sagen, folgende Beobachtung im Raum: Wenn Menschen, die sich dem Allgemeinwohl verpflichtet fühlen und politische Ämter anstreben, nicht mehr prinzipiell denken und damit auch keinen Überblick über allgemeine Zusammenhänge erlangen können, dann ist es kein Wunder, dass sie Wesentliches nicht mehr von Unwesentlichem unterscheiden können. Sie wollen populär sein, um die mildeste Variante anzunehmen, stempeln zugleich selber jeden Kritiker als Populisten ab.

Unter solchen konturlos-unberechenbaren Regenten bildet sich immer auch eine konturlose Mehrheit von verschiedensten Mitläufern, die sich wie in jeder Diktatur rasch und billig auf Schlag-Worte einigen, mit denen nicht nur drohend herumgefuchtelt, sondern auch durch die Antifa-SA kräftig zugeschlagen wird. Das erhöht das Selbstwertgefühl minderwertiger Kreaturen, die nun im Herdengefühl unter jeder dummen Kuh den Kampf ausrufen, in allererster Linie natürlich „gegen Rechts“, deren Vertreter dadurch wiederum zum Gegenterror aufgerufen werden:

„Gegen Rechts hilft kein Sexismus, unsere Antwort: Feminismus“,

„Ob friedlich oder militant – wichtig ist der Widerstand!“, „Ob Ost, Ob West – nieder mit der Nazipest!“,

„Nazis gibts in jeder Stadt – bildet Banden macht sie platt!“,

„Grenzen von der Karte streichen – Staaten müssen Menschen weichen!“,

„Kein Mensch ist illegal – Bleiberecht überall!“,

„Was kotzt uns so richtig an? Einteilung in ›Frau‹ und ›Mann‹!“,

„Die Bullen üben fleißig für ein neues dreiunddreißig!“,

„Gegen das Konstrukt aus Rasse und Nation – Für die soziale Revolution!“,

„Lasst es krachen, lasst es knallen, Deutschland in den Rücken fallen!“,

„Kapitalismus, scheiße wie noch nie! Für den Kommunismus und die Anarchie!“,

„Alles für alle und zwar umsonst!“,

„Kein Gott, kein Staat, kein Vaterland – Schwarz, Rot, Gold wird abgebrannt!“,

„Ich war, ich bin, ich werde sein – Die Revolution wird die Menschheit befreien!“,

„Erst kommt das Essen, dann kommt die Moral – Wohlstand für alle – Kampf dem Kapital!“…

Nach der Auflösung der Roten Armee Fraktion (RAF) verschob sich die Aufmerksamkeit auf das Gefahrenpotenzial des braunen (NSU-Morde, Politikermord, antisemitischer Anschlagsversuch mit Schusswaffenmorden) und des islamischen Terrors. Brandanschläge auf die Stromversorgung, zerstörte Bahngleise, krankenhausreif geprügelte Politiker, Angriffe auf Polizisten und Rettungskräfte, Ehrenmorde, Messerattacken, Vergewaltigungen, Erpressungen, Sprengungen von Geldautomaten und dergleichen mehr überlasten nicht nur die Polizei sowie das gesamte Justizsystem, während die zunehmenden Übergriffe aus dem linksextremen Spektrum verharmlost werden und demzufolge kaum erforscht sind. Von den sich immer weiter ausbreitenden arabischen und kurdischen Gangster-Clans will ich gar nicht erst zu berichten beginnen.

Immerhin, Prof. Klaus Schroeder, der an FU Berlin über Linksextremismus forscht, weist nach, dass sich im Jahr 2017 1200 Gewalttaten von rechts fast doppelt so vielen Ausschreitungen von links gegenüberstehen. Doch in unseren Erziehungsmedien wird das genau andersherum dargestellt. Eine riesige Lobby-Gruppe mit der ehemaligen Stasi-Mitarbeiterin Anetta Kahane an der Spitze verdient sich dumm und dämlich im bewusst einseitigen und damit totalitären „Kampf gegen rechts“. In einem demokratischen Staat, für den ich mich wie jeder andere Konservative auch einsetze, müsste ein erbarmungsloser Kampf gegen alle Extremisten geführt werden, die kriminell, also revolutionär mit Terror und Gewalt den vernünftigen Ordnungsrahmen unseres Grundgesetzes bewusst zerstören oder außer Kraft setzen wollen.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass die Demokratie immer nur eine zum Durchschnitt neigende Diktatur der Mehrheit ist, wenn… Ja, wenn es keinen Verfassungsrahmen gäbe, der den Ordnungsrahmen aller Freiheiten bildet, damit keine Willkür oder Anarchie, also das primitive Recht des Stärkeren herrschen kann. Freiheit ohne Disziplin und Verantwortung führt ins Chaos und bereitet Terror vor. Es lässt sich auch verkürzt sagen: Chaos neigt dem weiblichen Wesen zu, Ordnung dem männlichen. Das provoziert und soll es auch. Es besteht durchaus die berechtigte Frage, ob vielleicht erst das Chaos das Denken nährt.

Wer sich als gemäßigter Linker nicht vom Kulturmarxismus abgrenzt, will die Grundlagen der westlichen Welt, die sich sowohl durch Freiheit als auch durch Wohlstand charakterisiert, unterminieren. Linke Utopisten laufen gegen jedes machbare System an, das irgendetwas mit Kapitalismus oder Marktwirtschaft zu tun hat. Was bleibt davon übrig, wenn die soziale Marktwirtschaft abgeschafft würde? Planwirtschaft, Diktatur der Bürokratie und ideologischer Machtterror. Das heißt Armut, Zerstörung der Umwelt, der Kultur und Tradition. Was blüht stattdessen auf? Angst, Misstrauen, Ideologie und Verlogenheit. Viele in Mitteldeutschland dachten, das hätten sie endlich hinter sich. Die Diktatur der Bürokratie hat hier und heute schon jede Dimension einer Diktatur überflügelt. Der freie Meinungsstreit wird besonders in den Medien, die sich von unseren Zwangsgebühren mästen, so eingeschränkt, dass der Weg zum Meinungsterror schon geebnet ist. Was folgt? Ein Bankencrash? Stromausfälle, überbordende Kriminalität? Das Abrutschen in die 3. Welt? Dorthin, wo unser Bildungssystem im Großen und Ganzen fast schon gelandet ist? Marxismus ist alternativlos. Da hat Frau Dr. Merkel völlig recht. Opportunisten haben immer recht.

Schon jahrelang erlaubte es sich Deutschlands erste Kanzlerin zu machen, was sie will. Doch das Schönste ist ja, sie weiß gar nicht, was sie will. Ideen? Prinzipien? Visionen? Lehren aus der Geschichte? Sie merkelt nur, dass ihr die Basis unter den Füßen wegschmilzt. Da weiß sie plötzlich wieder, was sie will: Macht haben, Recht haben, Ruhm haben. Nicht nur Verfassungsrechtlern der CDU stehen zu diesem Weiberregiment die Haare zu Berge. So dominiert (oder regiert?) heute vor allem eine Walküre-Willkür. Doch wenn sie gar noch wegen der ihr verhassten deutschen Nationalhymne auf- und stillstehen muss und sich nicht selber mit ihrer heiligen Raute präsentieren darf, bekommt sie das große Zittern. Doch fortschrittliche Professoren und Journalisten applaudieren. Der Beamten-Unwirtschaft unter Olaf, dem Steuereintreiber, kann es nur recht sein, den privilegierten Lakaien ohnehin, denn sie müssen ja nicht viel leisten, hauptsächlich zustimmen, abnicken, dann sieht man bald aus wie Peter Altm… Ach, und der süße Heiko Maa…Maa…. passt gut in die Handtasche unserer großen Vorsitzenden und hält deren Lippenstift frisch. Und der kleine verbiesterte Wolfgang Schäu… – schäumt er wieder? Der wird mitleidig in seinem Kinderwagen hin und her geschoben. Schlauheit bleibt dreist im Lande, Intelligenz wandert aus.

Keine Diktatur mit Planwirtschaft konnte bisher wirtschaftlich überleben. Nur die Despotie blüht in verschiedenen Größen wie Unkraut in solchen Ländern, sodass sich dieses sogar an den Klassenfeind exportieren lässt. Doch Individualismus ist jedem Kollektivismus haushoch überlegen. Ausnahmen waren Pinochets Diktatur und neuerdings diejenige Chinas oder die der feudalistischen Ölscheichmilliardäre, die sich mithilfe der besten Ingenieure, Architekten, Künstler und Wissenschaftler aus dem Westen Huxleys „Schöne neue Welt“ in die Wüste bauen lassen. Wer schon einmal Dubai besucht hat, der sieht, wie uns heute undemokratische, totalitär strukturierte Feudalsysteme mit unseren eigenen Waffen schlagen und zeigen, wie wir mit unserer verkommenen Bürokraten-Demokratien immer weiter zurückfallen, gewissermaßen abgehängt werden. Überall wollen bei uns demokratisch gewählte Politiker mit hineinreden, obwohl sie zumeist nur von einem viel verstehen – von nichts! So entstehen in jahrelanger Verspätung die teuersten Philharmonien oder Flugplätze der Welt auf niedrigem Niveau. Die Bundeswehr ist zur Lachnummer verkommen, regiert von einer eingeadelten Frau, die durchaus zur Familienministerin taugen würde. Doch selbst Blödsinn zu befehlen ist einfacher als den neuen „Goldstücken“ aus fremden Kulturkreisen Deutsch beizubringen. Nicht vergessen! Denn es war der ebenfalls wahrnehmungsgestörte SPD-Schulz, der 2016 gesagt hatte: „Was die Flüchtlinge uns bringen, ist wertvoller als Gold. Es ist der unbeirrte Glaube an den Traum von Europa.“ Glaube und Traum sind für mich zwei verschiedene Schuhe. Und was uns die Flüchtlinge bringen? Was könnte denn wertvoller als Gold sein? Platin?

Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks vor 30 Jahren kriechen immer mehr Neomarxisten aus ihren universitären Brutstätten und bedrohen mit „political correctness“ die größte Errungenschaft der westlichen Zivilisation: die Gedanken- und Redefreiheit. Sie wollen nicht nur den Studenten ihre marxistischen Geschichtsgesetze beibringen, nein, sie der ganzen Gesellschaft aufdrängen. Ist es schon völlig aus der Mode gekommen, auch Zeitgenossen von Marx/Engels zu lesen?

Friedrich Nietzsche wies nämlich schon 1878 unter der Überschrift „Der Sozialismus in Hinsicht auf seine Mittel“ darauf hin, dass der Sozialismus der jüngere Bruder des fast abgelebten Despotismus sei, den er beerben wolle. Er brauche eine Fülle an Staatsgewalt und strebe die Vernichtung des Individuums an. Der erwünschte Gewaltstaat brauche die untertänigste Niederwerfung aller Bürger und könne sich nur durch äußersten Terrorismus Hoffnung auf Existenz machen. Er bereite sich im Stillen auf eine Schreckensherrschaft vor und verwende missbräuchlich den Begriff der Gerechtigkeit. Der Sozialismus lehre lediglich die Gefahr der Anhäufung von Staatsgewalt und werde den Ruf nach so wenig Staat wie möglich provozieren.

Karl Poppers „offene Gesellschaft“ steht bekanntlich in der Tradition des Liberalismus und ist für Marxisten reaktionär, weil sie die kritischen Fähigkeiten der Bürger freisetzen will. Dazu soll auch noch die Gewalt des Staates geteilt werden, um Machtmissbrauch vorzubeugen. Wo käme man denn da hin, wenn man doch mit den Geschichtsgesetzen von Marx immer weiß, wo es langgeht? Da die Marxisten es zu wissen vorgeben, sollten wir ihre Ersatzreligion durchaus ernst nehmen, aber zugleich wissen, dass die Marx-Exegese und die Fundamentalkritik der „bürgerlicher Wissenschaft“ begleitet war von einem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust der Geisteswissenschaften. Gleichheit, Gleichheit über alles, über alles in der Welt. Immer wieder soll am nichtdeutschen Wesen die Welt genesen. Wer kann das so ausdauernd genießen?

Natürlich die deutschen Politiker der sogenannten Altparteien, die in der Regel einfach zu arrogant, ungebildet und ideologisch verblendet, aber auch total überfordert werden, um zur Wiedererweckung der einst vorbildlich funktionierenden Demokratie unter Adenauer und dem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard fähig zu sein. Als letzte Hoffnung bleibt nur die neue Oppositionspartei, deren Namen ich, so warnen mich gute Freunde, am liebsten nie wieder in den Mund nehmen sollte, um nicht noch weitere Einschränkungen meines ohnehin bescheidenen Lebensstils hinnehmen zu müssen. Doch wie heißt es im Psalm 18? Auf die heutige Zeit übertragen würde ich es so aussprechen:

„Es ist besser, Gott zu vertrauen als sich auf Menschen zu verlassen. Es ist besser Gott zu trauen als sich auf Politiker zu verlassen. Viele Parteien hatten mich umringt. Im Namen Gottes – ja, ich wehrte sie ab. Sie hatte mich umringt, ja, mich eingeschlossen. Im Namen Gottes – ja, ich wehrte sie ab. Die Stasi-Knechte hatten mich umringt wie Bienen. Sie sind erloschen wie Dornenfeuer. Im Namen Gottes – ja, ich wehrte sie ab. Hart hat man mich gestoßen, um mich zu Fall zu bringen.“

Und? Ich lebe noch – gesund und flexibel. Selbst mein Dreivierteljahrhundert sehen mir nur wenige an. Dass ich selber kein Parteien-Mensch bin, erfuhr ich erst, nachdem ich zweimal in den 80er und 90er Jahren der Berliner FDP beigetreten war, in deren Parteinamen mich vor allem das Attribut „frei“ faszinierte, aber vor allem, um den nationalliberalen Flügel um Alexander von Stahl, Hermann Oxfort, Heiner Kappel, Rainer Zitelmann und Klaus Rainer Röhl zu stärken. Ja, Röhl, der ehemalige linke Journalist und „konkret“-Herausgeber hatte sich ebenfalls gewandelt und publiziert nun selbst als hochbetagter Mann noch in so genannten „rechten“ Zeitungen, um über die „tiefgreifenden, zum Teil verheerenden Folgen der kommunistischen und links-utopischen Aktivitäten“, an denen er selber einst „als Herausgeber und Kommentator beteiligt gewesen war“, aufzuklären.

Ansonsten interessiert mich Macht- und Parteienpolitik kaum. Mir geht es vor allem um Erkenntnisse, die nicht immer leicht zu verdauen sind. Dazu muss der Mut aufgebracht werden, auch mit Menschen, die einem unsympathisch sind, oder mit politischen Gegnern oder sogar Feinden zu diskutieren. Vor dem Entscheiden kommt das Verstehenwollen, das Infragestellen eigener Klischees und Gewohnheiten, das Abwägen gegensätzlicher Auffassungen. Das kann durchaus zu neuen Kompromissen führen, auf alle Fälle zu einer begründeten Positionierung.

Doch Menschen, die unter dem Schild der guten Moral und des überheblichen Bewusstseins, etwas für die Zukunft der Menschheit zu leisten, sich totalitären Systemen und ihren Methoden zur Verfügung stellen, sind es der kurzen, wertvollen Lebenszeit nicht wert, sich mit ihnen einzulassen, bevor sie sich nicht selber ihren Irrtum eingestanden haben. Jeder kennt den August H. H. von Fallersleben zugeschriebenen Spruch „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant!“ Zu diesen Lumpen gehören auch die Relotius-Decker-Journalisten, die massenhaft herangezüchtet wurden, nachdem Matthias Walden, Heimo Schwilk, Günter Zehm, Ulrich Schacht und andere hervorragende Journalisten mit Charakter, Talent und Scharfsinn das Feld verlassen hatten. Sie konnten Wesentliches mit ihrem Erfahrungswissen durchschauen und wussten deshalb noch, welche Gefahren von der Verharmlosung des Marxismus-Leninismus und den verschiedenen Sozialismus/Kommunismus-Varianten ausgingen. Mit ihnen verband mich auch eine persönliche Freundschaft.

Matthias Walden (1927-1984, eigentlich Otto Baron von Saß) floh als junger Redakteur 1950 aus Dresden in den Westen, nachdem er als Gerichtsreporter mitbekam, wie brutal gegen Oppositionelle in der SBZ/DDR vorgegangen wurde und wie ihn schließlich selber FDJ-Kampfgruppen bedrohten. Sein Lebensziel war die Wiedervereinigung Deutschlands, die er selber nicht mehr erlebte. Ab 1980 war er Mitherausgeber der „Welt“ und war als Nachfolger in der Konzernleitung Springers vorgesehen, doch er starb noch ein Jahr vor Springer.

Günter Zehm (*1933) war Lieblingsschüler des Utopie-Philosophen Ernst Bloch in Leipzig, saß dann drei Jahre in Zuchthäusern, folgte Bloch in den Westen und wurde nach seiner Promotion über Sartre Feuilleton-Redakteur der „Welt“ und stieg bis zum stellvertretenden Chefredakteur auf. Nach dem Zusammenbruch der „DDR“ wurde er Honorarprofessor in Jena und schrieb viele Philosophiebücher und Kolumnen.

Ulrich Schacht (1951-2018) wurde sogar im Frauenzuchthaus Hoheneck geboren. Sein Vater war ein russischer Offizier. Schacht wurde selber wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren verurteilt, kam 1976 als Freigekaufter in den Westen und wurde Feuilleton-Redakteur und Chefreporter für Kultur der Zeitungen „Die Welt“ und „Welt am Sonntag“; trat auch als erfolgreicher Dichter und Schriftsteller hervor.

Heimo Schwilk (*1952) ist ein waschechter Schwabe und war bis Oktober 2015 Leitender Redakteur der „Welt am Sonntag“. Er lebt heute bei Berlin und schreibt Biografien. 2014 wurde ihm in Treviso/Italien der Premio Comisso für die beste Biografie verliehen. 2019 unterzeichnete er einen Aufruf zur Unterstützung der AfD.

Alle hier aufgezählten Journalisten und Autoren wurden von den ach so fortschrittlichen Linken im Westen diffamiert und zum Teil auch bedroht, jedoch vergebens.

Die Kommunisten, die während der Nazi-Zeit im Moskauer Hotel „Lux“ Quartier nahmen, mussten ihre Genossen, Freunde und Verwandten denunzieren, um selber überleben zu können. Völlig im Gegensatz zu den christlich geprägten Widerständlern der Weißen Rose in München. Solche vom Marxismus geprägten Denunzianten durften dann im Auftrag des Massenmörders Stalin, der mehr führende Kommunisten umbringen ließ als Hitler, die sowjetische Besatzungszone regieren, die sich dann dummfrech Deutsche Demokratische Republik nannte, wo kein Begriff der Wahrheit entsprach. Der Ex-Kommunist Prof. Hermann Weber fasste es exakt zusammen: „Mehr als sechzig Prozent der KPD-Funktionäre, die vor dem Zugriff der Gestapo in die Sowjetunion geflüchtet waren, sind von Stalins Schergen ermordet worden oder im Gulag umgekommen. Von den Mitgliedern des Politbüros der KPD hat Stalin mehr ermorden lassen als Hitler (…) Fünf Namen stehen auf dem Blutkonto der Gestapo, sieben auf dem des Tscheka-Nachfolgers GPU. Von den Familienangehörigen der Ermordeten sind mindestens 31 in der Sowjetunion gewaltsam umgekommen.“

Nur die Springer-Zeitungen setzten im Westen noch dieses stalinistische Gebilde „DDR“ wenigstens in Anführungszeichen, während die SPD sich soweit von ihrem ersten und mutigen SPD-Vorsitzenden nach dem Krieg, Kurt Schumacher, entfernt hatte, dass sie diese „DDR“ 1987 in dem SPD-SED-Papier gar auf Augenhöhe mit der Demokratie zu heben versuchte und Honecker für einen ehrenwerten Mann hielt. Diese Diktatur bestimmte sogar die Politik der Bundesrepublik mehr als es sich viele vorstellen konnten.

1972 wäre der CDU-Politiker Rainer Barzel beinahe Bundeskanzler geworden, nachdem Brandts SPD-FDP-Koalition Abgeordnete an die CDU/CSU-Fraktion verloren hatte. Doch beim entscheidenden Misstrauensvotum fehlten ihm plötzlich zwei Stimmen. Später kam heraus, dass zwei Abgeordnete von der Stasi bestochen worden waren. So blieb der von der SED bevorzugte Willy Brandt an der Macht, der den Zustrom von Jungmarxisten in die SPD zuließ. Auch der Bundespräsident Lübke wurde durch Stasi-Fälschungen zum Rücktritt veranlasst. Oder denken wir an den Ehrenpräsidenten der FDP, William Born, dessen Antrittsrede im neugewählten Deutschen Bundestag direkt aus der Feder des stellvertretenden Stasi-Ministers Markus Wolf stammte! Und wer erinnert sich noch an den „Krefelder Appell“, mitinitiiert von dem mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille ausgezeichneten General Gert Bastian, der dann auch mit anderen Generälen die Vereinigung „Generäle für den Frieden“ begründete? Auch dieses Projekt wurde von der Stasi angeregt und mitfinanziert. Dieser Verräter im Generalsrang, der sich 1992 und gleichzeitig seine Lebensgefährtin Petra Kelly erschoss, war von 1983 bis 1987 grünes Mitglied des Bundestages. Man stelle sich nur solch eine Gestalt in der heute einzigen Oppositionspartei vor. Da kämen die Medien überhaupt nicht mehr zur Ruhe.

Siegmar Faust

Siegmar Faust, geboren 1944, studierte Kunsterziehung und Geschichte in Leipzig. Seit Ende der 1980er Jahre ist Faust Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), heute als Kuratoriums-Mitglied. Von 1987 bis 1990 war er Chefredakteur der von der IGFM herausgegebenen Zeitschrift „DDR heute“ sowie Mitherausgeber der Zeitschrift des Brüsewitz-Zentrums, „Christen drüben“. Faust war zeitweise Geschäftsführer des Menschenrechtszentrums Cottbus e. V. und arbeitete dort auch als Besucherreferent, ebenso in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Er ist aus dem Vorstand des Menschenrechtszentrums ausgetreten und gehört nur noch der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik und der Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft an.

Johann Gottfried Herder – Das Volk ist der Weg

Johann Gottfried Herder

Das Volk ist der Weg

von Henning Eichberg

„Der geworfene Ball.
Wenn dem guten Menschen ein Leid unschuldig begegnet,
Ist er in Schicksals Hand wie ein geworfener Ball;
Nieder prallt er zu Boden, damit er über sich steige,
Da, wie ein Erdenkloß starrend der Böse zerfällt.“

Als Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) diesen Vers aus den „Gedanken einiger Brahmanen“ übersetzte und neudichtete, markierte er zugleich ein kulturelles und gesellschaftliches Spannungsfeld von epochaler Bedeutung. Am schlichten Bild vom federnden Ball wurde ein Bündel von Widersprüchen sichtbar, aus denen Herders geistige Tat bestand. Es war der Schritt in die (industrielle) Moderne hinein und zugleich die Begründung eines Gegenbildes.

Drei Spannungsfelder

Erstens: Ost und West. Das brahmanische Bild vom guten Menschen als Ball war ein Teil der Entdeckung Indiens, mit der sich am Ausgang des 18. Jahrhunderts der Blick Europas weitete. Die Bedeutung des Sanskrit für die abendländischen Sprachen wurde enthüllt: das „Indoeuropäische“. Ost und West begegneten einander. Und dies nicht nur auf der Ebene hoher Literatur und ferner Reisen: Auf der bloßen Haut gerade der Unterschichten Europas – Seeleute, Plebejer, „Lum­penproletariat“ – erschienen die von den Südseekulturen angeregten Bilder der Tätowierung. Das war eine Revolution in der westlichen Menschengeschichte.

Begegnungen mit dem Fremden: tätowierter Südsee-Krieger

Und doch: der Begriff Begegnung verbirgt etwas anderes, Brutaleres. Zugleich brach in jenen Jahren die industrielle Moderne an mit ihrer kolonialen Gewalt. Sie brachte die völlige Unterwerfung der nichtweißen Welt durch Europa, Genozid und Ethnozid, den Tod ganzer indianischer Völker und die Errichtung des modernen kolonialen Weltsystems. In der asiatischen Weisheitsparabel erzählte Herder – schon vor dem Sichtbarwerden jener mörderischen Konsequenzen – dem kolonialen Europa eine Gegen-Geschichte.

Eine andere Ebene: Volk und Einzelmensch. Herder war es, der den Begriff des Volkes in der europäischen Bewußtseinsgeschichte verankerte und mit neuen Inhalten füllte. Insofern war ihm die Geschichte vom springenden Ball ein Ausdruck der volklichen Weisheit Indiens, zusammen mit anderen brahmanischen Gedanken, aber Seite an Seite mit grönländischem Totenlied und nordischer Göttersage, mit arabischen und hebräischen Dichtungen, mit altenglischen Balladen und altdeutschen Tanzliedern. In der Poesie spricht das Volk als schöpferisches Kollektiv. – Aber wovon spricht es? Es spricht vom Menschen, vom einzelnen Menschen, von seinem Leben und Tod. Die Parabel erzählt vom guten Menschen, der in Unschuld federnd über sich hinausspringt, und von der Starrheit, die aufprallt und zerschellt, unfähig sich zu verändern.

Das Volk, die kollektive Existenz des Menschen in seiner Vergesellschaftung, ist also nicht außerhalb – oder gar oberhalb – des Menschen. Volk und Einzelmensch hängen zusammen. Die Moderne wird sie trennen, in Gesellschaft und Individuum. Sie wird die Soziologie neben die Psychologie stellen, als wären sie nicht eines. Sie wird die Einzelmenschen reglementieren, einsperren, im Extremfall in Konzentrationslagern konzentrieren, damit dem Kollektiv Staat Genüge getan wird. Wieder ist Herders indische Geschichte ein Widerspruch, die Subversion der industriellen Moderne noch vor ihrem Erscheinen.

Eine dritte Ebene: das Besondere und das Universelle. Herder gilt als der Vater des modernen Nationalismus. Indem er „das Volk“ als lebendige Kraft in der Geschichte sichtbar machte, bildlich in seinen Erzählungen, hörbar in seinen Liedern, erhielt das „nationale Erwachen“ der Völker Stoff und Farbe und Klang. Besonders die slawischen Völker Osteuropas erkannten sich in dem Bild wieder, das Herder aus ihrer Literatur und Geschichte entworfen hatte.

Volkstrachten in Litauen um 1870 – nationales Erwachen der Völker im Osten Europas

Der Nationalismus wurde aber nicht nur ein kulturschöpferisches, sondern auch ein blutiges Unternehmen. Im Osteuropa unserer Tage sehen wir Zeichen davon, aber auch in jenem Indien, das das Bild vom federnden und über sich selbst hinaussteigenden Ball hervorbrachte. Darum ist es angebracht – vielleicht heute angebrachter denn je –, den spannungsvollen Zusammenhang wahrzunehmen, den Herder zwischen dem Volklich-Nationalen und dem Universellen sah bzw. stiftete, zwischen dem Speziellen und dem Allgemeinen. Wieder macht der Ball es sichtbar.

Wir können den Ball nur auf eine spezielle Art spielen, nach Regeln unserer konkreten Übereinkunft, entweder als (britischen) Fußballsport oder als (irisches, antibritisches) Hurling, als (bretonisches) Soule oder als (malaiisches) Sepak raga, als (indianisches) Hüftballspiel oder als Badminton, als Tennissport oder als (indianisches) Lacrosse. Das allgemeine Ballspiel können wir nicht spielen; es ist eine Abstraktion. Aber der Ball ist zugleich universell. Was nicht bedeutet, daß es ihn in allen Kulturen gegeben habe, keineswegs. Aber: Wirf ihn einem Menschen welcher Kultur auch immer, aus welchem Regelsystem auch immer, zu, und er wird damit ein Spiel beginnen können.

So gesehen, ist da kein Widerspruch zwischen dem Speziellen und dem Allgemeinen, zwischen dem Allgemeinmenschlichen und dem Unterschied. Sie hängen zusammen. Provozierend gesagt: im Herderschen Sinne sind Nationalismus („das ist mein Spiel“) und das Universelle („dies ist ein Ball“) eine Sache. Keine nationale Besonderheit ohne ein Allgemeines, keine Universalität ohne Nationalismus. Ihr Widerspruch mit allen seinen blutigen Konsequenzen war und ist gesellschaftlich produziert, ein Produkt der industriellen Moderne. Herder, einer ihrer Gründerväter, sang ihr zugleich ein Gegen-Lied vor.

Solche vielfältigen Spannungen – Ost versus West, Volk versus Individuum, das Besondere versus das Universelle – sollten Grund genug sein, sich Herder, dieser merkwürdigen Gestalt an den Anfängen der Moderne, wieder und mit neuen Fragen zuzuwenden. Sind es die Fragen einer (Post- oder besser:) Transmoderne, die wir über zwei Jahrhunderte industrieller Moderne zu ihm zurücksenden? Oder ist vielmehr mit den osteuropäischen Revolutionen seit 1989, mit dem neuen na­tionalen Erwachen, der Nationalismus der frühen Moderne re-aktualisiert? Oder erhält jene subversive Unterströmung der Moderne eine neue Bedeutung: das Volk als Gegenbild (zum Staat)? Wovon Herder sprach: das Volkliche als alternativer Reichtum?

Ein Leben in Widersprüchen

Wer war dieser Johann Gottfried Herder? Sein äußerer Lebenslauf, wie ihn die deutsche Literaturgeschichte überliefert, wirkt eher dürr und einlinig und steht damit im Gegensatz zur Bedeutung und zur farbigen Widersprüchlichkeit des kultur­ philosophischen Schriftstellers Herder. Geboren wurde er 1744 in Ostpreußen als Sohn eines pietistischen Kantors und Volksschullehrers. Er studierte Medizin, Theologie und Philosophie an der Universität Königsberg, wo Immanuel Kant und Johann Georg Hamann stark auf ihn wirkten. Ab 1764 arbeitete er als Lehrer an der Domschule Riga und bald auch als Prediger am selben Ort. 1769 gab er diese Ämter auf, da seine ersten Schriftstellereien ihm Autorenruhm und Streit gebracht hatten. Eine Reise nach Frankreich brachte ihm die Wendung von der Aufklärung zum Sturm und Drang. Ab 1771 wirkte er als lippischer Hofprediger und Konsistorialrat in Bückeburg, wo er heiratete und Superintendent wurde. Auf Goethes Veranlassung wechselte er 1776 als Hofprediger, Oberkonsistorialrat und Generalsuperintendent nach Weimar. 1788/89 reist er noch einmal nach Italien. 1802 wurde er geadelt. Im Alter krank, mißverstanden, verbittert und vereinsamt, starb er im Jahre 1803.

Der recht lineare Gang dieses äußeren Lebens – die Biographie eines Pädagogen und Theologen – fügte sich also in das Bild jener Bildungsklasse, die die politische und kulturelle Revolution von 1770/1820 so stark geprägt hat: weder bür­ gerlich (im Sinne ökonomischer Bourgeoisie), noch adlig, noch zur Unterschicht gehörig. Mit der neuen Bildungsklasse teilte er auch deren Widersprüche: Revolutionsbegeisterung angesichts der Französischen Revolution 1789, aber Be­ mühung um den persönlichen Adel 1801. Hinzukamen die widersprüchlichen Schwingungen mit den geistesgeschichtlichen Strömungen. Herder begann als Aufklärer (und legte den aufklärerischen Impuls auch nie ab), wurde dann ein maßgeblicher Auslöser des Sturm und Drang, wandte sich aber zuletzt auch Gedanken der Klassik zu; zudem gilt er als Wegbereiter der Romantik, der er jedoch selbst nie zugehörte.

Seine Hauptbedeutung bekam Herder als Schriftsteller des Sturm und Drang, dieses Aufstands der Jungen gegen die Alten, des Gefühls und der Wildheit gegen die Scheinlogik des aufklärerisch-mathematischen und mechanistischen Weltbilds, Revolte der „Freiheit“ gegen die Macht im Absolutismus. „Zurück zu den Quellen“ – rief Herder, parallel zu Jean Jacques Rousseau in Frankreich. Denn in den Quellen liege die „Natur“, das „Originale“, das „Genie“ der Völker. Herder war es, der den jungen Goethe auf das Volkslied stieß. Ossian, Edda, Shakespeare, Homer – die „Wildheit“ der Alten stellte er gegen die neue Künstlichkeit der bürgerlich­adelig-akademischen Kultur. Leben und Werden statt kristalliner Form. Rührung und Empfindung statt der geometrischen Ordnung im Weltbild des Absolutismus. Vielfalt der Völker und Kulturen – was wesentlich ist, ist immer unübersetzbar (und dennoch ist jede Übersetzung den Versuch wert).

Theobald von Oer: Der Weimarer Musenhof. Ölgemälde, 1860. Friedrich Schiller deklamiert im Tiefurter Park. Unter den Zuhörern zweite Person ganz links (sitzend mit Blick zu Schiller) Herder, in der Bildmitte (sitzend mit Kappe) Wieland und rechts (stehend) Goethe.

Das konnte nur in Widersprüche führen. Und darum war Herders geistige Begriffswelt ein passender Überbau über dem, was er in Sprache und Stil ausdrückte: ständige Bewegung und Widersprüche allerorten, wilde Exklamation und ange­ strengtes Philosophieren, unsteter Wechsel und schroffer Zusammenprall, Kampf mit und gegen Kant, mit und gegen Goethe, christliche Theologie und neuheidnische, germanische Glaubenshoffnungen, innere Erregung und Launenhaftigkeit, – keine Ordnung nirgendwo. Kurz: Herder dachte als Chaot.

Und das mag nun auch zurückführen zu seiner Biographie, aber seiner „anderen“ (von der die Literaturlexika eher schweigen). Das ärmliche Elternhaus im ostpreußischen Dorf, aus dem eher ein glücklicher Zufall denn eine lineare Leistungskarriere hinaus in die akademische Bildungslandschaft führte. Die Ohnmacht beim anatomischen Leichenzerschneiden, die ihn zum medizinischen Beruf untauglich machte. Das Ausweichen vor dem preußischen Militärdienst. Riga als Begegnung mit der Vielfalt baltischer Völkerwelt – Letten, Juden, Deutsche, Russen … – eine Art Balkanisierung des geordneten Bewußtseins. Das Reisen in Frankreich und im Elsaß als eine erneut verwirrende und andere Begegnung mit dem Volklichen …

Also doch ein „Wirrkopf“? In der Tat, so konnten oder mußten ihn die Spätaufklärer seiner Zeit sehen, ebenso wie die Spät-Spätaufklärer unserer Tage. Und ein gefährlicher Wirrkopf obendrein: War er doch ein Ausgangspunkt für die „satanische deutsche Romantik“ (Hans Heigert 1967) und für jene „schwarze Linie“, die sich durch die Neuzeit ziehe und die den einen Gott, die eine Zivilisation, den einen Fortschritt nicht anerkennen wolle (Alain Finkielkraut 1987). Aber da­mit ist schon mehr gesagt als nur das Abfällige über den wirren Dichter. Die Widersprüchlichkeiten hatte Herder ja mit anderen gemeinsam: mit Hamann und Rousseau, mit dem „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn und dem Begründer der dänischen Folkehajskole N.F.S. Grundtvig, mit dem Glücksspieler Fjodor Dostojewskij und dem Berufsrevolutionäre Michail Bakunin. Und obendrein knüpften diese letzteren direkt oder indirekt an Herders subversiven Volksbegriff an. Und nach ihnen die russische Narodniki (narod – Volk) und die deutsche Jugendbewegung, die amerikanisch-englische Woodcraft-Bewegung (Woodcraft Folk) und die Ethnopsychoanalyse, die ungarischen „Populisten“ und die afrikanische Negritude …

Turnvater Jahn: beeinflußt von Herders subversivem Volksbegriff

Es stellt sich also eine Frage gesellschaftlicher Art: Wodurch wurde das „wilde“ Denken und Dichten Herders so bedeutsam?

Der „Chaot“ auf dem Konfigurationsbruch

Dazu muß ein Blick auf die gesellschaftliche Lage von 1770/1800 geworfen werden. Hier vollzog sich ein epochaler Bruch, der die alte Ordnung des aristokratischen und patrizischen Ständestaats zu Fall und die industrielle Gesellschaft her­ vorbrachte. Das geschah nicht nur als politische Revolution (1789 Paris – oder genauer: Korsika 1755/68, Bretagne 1788, Irland 1791/98 …). Sondern die Veränderung war von weit grundlegenderer Art, eine Veränderung der räumlichen und zeitlichen Verhaltensmuster der Gesellschaft. Bis dahin galt eine „Ordnung der Dinge“, die man als „klassische Repräsentation“ gekennzeichnet hat (Michel Foucault). Das Zeitalter von Absolutismus und Aufklärung repräsentierte sein Wissen in der Konfiguration einer universellen mathematischen Ordnung, eines Tableaus, in dem alles seinen Platz hatte, die Stände ebenso wie die Tiere, Pflanzen und Kristalle (z.B. Linnes Universalsystem). Das bildete wiederum ab, wie die Menschen der herrschenden Klassen sich bewegten und zu bewegen hatten, die Disziplinierungen der adelsständischen Exerzitien (Leibesübungen) und des Exerzierens, den höfischen Tanz und das Dressurreiten, das zierliche Fechten und das zirkulierende Spazieren in geometrisch hergerichteten Gärten französischen Stils.

Höfischer Tanz im 18. Jahrhundert: Das geometrisch choreographierte Menuett wurde nun vom stürmischen Walzer davongefegt

Im 18. Jahrhundert, zuerst in England, brach diese Konfiguration um. Der englische Garten, eine künstliche Wildnis, löste den französischen Garten ab. (Und die altenglische Literatur wurde zu einer Hauptinspirationsquelle für Herder.) Das geometrisch choreographierte Menuett wurde vom stürmischen Walzer davongefegt. Die Exerzitien verschwanden oder verfielen, und an ihre Stelle traten neue Formen von Sport, Gymnastik und Turnen mit neuen Leistungsmustern und neuer Zeitdynamik, mit neuer „Energie“. Darin wurde sichtbar, was jetzt als „Fortschritt“ und „Produktion“ zu Leitbegriffen einer neuen industriellen Moderne wurde. Fabriksystem, industrieller Kapitalismus und Urbanisierung bauten darauf auf und schufen neue Rahmenbedingungen.

Herders Biographie lag quer über diesem epochalen Bruch. Herder erlebte bereits die ersten Ansätze neuer Bewegungsmuster und neuer Konfigurationen des Denkens, aber noch vor dem Take-off der industriellen Revolution in Deutschland. Seine Grundbegriffe bildeten, obwohl er unter dem Ancien Regime lebte, häufig das Neue ab: „die Kraft“, „das Werden“, „die Fortschritte der Humanität“. Aber ein industrieller Denker war er eben doch nicht; er entwickelte weder eine Evolutions- noch eine Produktionstheorie. Er war ein sensibler Übergangsmensch, unzeitgemäß auf dem Zeitbruch aufsitzend.

Solche in bezug auf die Epochen exzentrische Position kann besonders fruchtbar sein. (Sie ist im übrigen vergleichbar dem Sitz der Hexe, haga zussa, auf dem Hag zwischen den Welten, auf dem Zaun zwischen „Zivilisation“ und „Wildnis“.) Nicht mehr das eine und noch nicht das andere. Hier ist die historische Chance des „Chaoten“. Laurence Sterne mit seinem „Tristram Shandy“ ist ein Beispiel, Grundtvig mit seiner Volkshochschule ein anderes. Weder modern (in jenem zwang­ haften und kolonialistischen Sinne) noch vormodern. Gerade aus dem Zeitbruch heraus wurden oft Bilder geschaffen, die die Epoche überdauerten und an deren Ende erneut aktuell werden. Hierher gehört Herder mit seinem Volksbegriff.

Volk als Basis, Ursprung und Widerstand

Volk – das war vor der Moderne, im Zeitalter klassischer Repräsentation: der plebs, der Pöbel, der Tölpel (Dörfler). Volk war die gelebte Unordnung, also das abfällige Gegenbild gegen die universelle Mathesis. Volk war Unaufgeklärtheit und Vagabondage, ein Störelement im System territorialstaatlicher Ordnung.

Volk in der Moderne – das wurde später aber etwas ganz anderes: eine Stufe auf dem Wege des Fortschritts. Das konnte zwar nostalgisch romantisiert werden, aber es blieb untergeordnet, nun in einem Zeitmuster: eine Stufe auf der Leiter der „einen“ Geschichte. Aufgabe des Volkes war es, sich in die volkslose Zukunft hinein aufzulösen – über das vereinigte „Europa“ in den Weltstaat hinein, in die reine Produktion und Konsumtion. So empfahl Karl Marx den Juden die Auflösung in den Kapitalismus hinein und den „reaktionären Völkern“ (Südslawen, Dänen) das Verschwinden von der Landkarte. So konzipierte der Nazismus die Auflösung des deutschen (und des dänischen, des niederländischen …) Volkes in die „produktive arische Rasse“ hinein – und die physische Vernichtung der Juden, Zigeuner, Wenden und anderer. So arbeitete die amerikanische Demokratie sich ab an der Auslöschung der indianischen Völker und der Herstellung eines „Schmelztiegels“.

Herders Volksbegriff plazierte sich exzentrisch zwischen diese beiden epochalen Muster: weder geometrische Diskriminierung noch progressive Stromlinienförmigkeit. Volk war ihm gewissermaßen das Grundmaterial der Geschichte und Ausgangspunkt der kulturellen Schöpferkraft. Es war die produktive Basis, die den Überbau der Literatur und der Ideen hervorbrachte. (Von Karl Marx’ Basis-Überbau-Modell war das nicht so weit entfernt.) Volk war der Ursprung, von dem die Bewegung ihren Ausgang nahm. Und es war ein Element des Widerstands: Volk als das Natürliche gegen das Künstliche, das Lied gegen die Plapperei, der Wilde gegen „das römische Joch“.

Um den gesellschaftlichen Zusammenhang ganz deutlich zu machen, bediente Herder sich auch des Bildes von Kopf und Körper. „Unsere ganze mittlere Geschichte ist Pathologie, und meistens nur Pathologie des Kopfes, d.i. des Kaisers und einiger Reichsstände. Physiologie des ganzen Nationalkörpers – was für ein ander Ding! Und wie sich hierzu Denkart, Bildung, Sitte, Vortrag, Sprache verhielt, welch ein Meer ist da noch zu beschiffen und wie schöne Inseln und unbekannte Flecke hier und da zu finden!“ (Von Ähnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst, 1777).

Damit ist ein politischer und metaphorischer Grundwiderspruch ausformuliert:
Kopf – Körper
oben: Ständeherrschaft – unten: das Volk
Pathologie – Physiologie
d.h. Feststellung – d.h. Wissenschaft
von Krankheit – von Denken, Verhalten und Sprache

So konnte nur ein revolutionärer Denker denken. Das darin liegende Programm – eine kritische Kultursoziologie des Volkes als Gegenbild zur Macht – zieht sich zwar als Unterstrom durch die Geschichte der Moderne (Marx, kritische Volkskunde, Frankfurter Schule, Foucault). Es ist aber bis heute nicht eingelöst.

Zugleich spricht es zu uns – 200 Jahre danach – auf neue Weise. Ist dies das Gespräch zwischen den Zeitbrüchen – vor und nach der (industriellen) Moderne? Sitzen wir, wieder im Hexensitz so wie Herder, nun also auf dem Hag zwischen alter (moderner) Ordnung und neuer („postmoderner“) Hyperordnung?

Jedenfalls stellt sich die Frage jetzt konkreter und fruchtbarer, welchen Gewinn wir heute – und insbesondere nach den Revolutionen von 1989 – aus Herders Anstößen ziehen können. Und insbesondere aus seinem widerständig-unzeitgemä­ ßen Volksbegriff. Fünf Komplexe mögen dabei von Bedeutung sein: (1.) Identität und Entfremdung, (2.) das volkliche Relativitätsprinzip, (3.) Poesie und Körperlichkeit, (4.) das „Innere“ des Nationalismus und (5.) die antikoloniale Dimension.

Entfremdung und Identität

Gerade weil die siegreiche industriell-kapitalistische Moderne im Namen von Individuum und Gesellschaft das Volk denunziert und auch nach dem Aufstand der Völker in Osteuropa denunzieren wird, spricht Herder eine aktuelle Sprache zu uns. Denn was ist ihm das Volk? Es ist ein Problembegriff, etwas was eben nicht einfach da ist, und ein sich daraus ergebender Suchbegriff. „ Wir armen Deutschen sind von jeher bestimmt gewesen, nie unser zu bleiben; immer die Gesetzgeber und Diener fremder Nationen, ihre Schicksalsentscheider und ihre verkaufen, blutenden, ausgesognen Sklaven.“ „Doch bleibt’s immer und ewig, daß, wenn wir kein Volk haben, wir kein Publikum, keine Nation, keine Sprache und Dichtkunst haben, die unser sei, die in uns lebe und wirke“ (Von Ähnlichkeit… 1777).

Nicht wir selbst sein – das ist der klassische Ausdruck für Entfremdung, der Gegenbegriff zur Identität. Damit stiftete Herder zugleich den sozialpsychologischen Identitätsbegriff, wie ihn Erik H. Erikson 150 Jahre später in die Psychoanalyse einführte. (Und Erikson bezog sich damit nicht nur auf Sigmund Freud zurück, sondern auch andererseits – als Däne – auf Grundtvig und damit auf eine unmittelbar Herdersche Denklinie.)

Volk ist also nicht etwas, worauf man naiv „stolz“ sein kann, sondern eher eine Verlustanzeige, ein Ausdruck von Kulturkritik als Entfremdungskritik – hierin argumentiert Herder wiederum parallel zu Rousseau. Entfremdung ist Leiden. „Volk“ bezeichnet einen Weg: die Suche nach etwas, worauf man stolz sein kann, oder besser: womit man sich identifizieren kann. Identitätsverlust tritt ein, wenn man fremder Nationen Diener ist, aber auch – und das kann noch bedeutsamer sein – wenn man über Fremde Herr ist. Macht ist ein Entfremdungsfaktor. Insofern enthält Herders Volksbegriff ein Stück anarchistischer Machtkritik.

Wenn es nicht Stolz und Selbstgewißheit sind, die zum Volksbegriff führen, welches positive Gefühl ist es dann? Es ist die Liebe. Wer „Volk“ sagt, sagt liebevoll „du“ zum Eigenen – und damit, wie gerade Herder zeigte, auch „du“ zum Fremden. Herders Schrift „Vom Geist der hebräischen Poesie“ (1782) ist dafür beispielhaft. Da spricht zunächst ein Aufklärer einleitend und kenntnisreich seine Verachtung aus für „diese arme barbarische Sprache“ des Hebräischen. Ihm wird geantwortet: „Es scheint, Sie haben sich mit der Sprache bekanntgemacht, aber nicht aus Liebe. „ Und die Liebe, die dialogische Zuneigung ist es dann, aus der heraus Herder das positive Bild der altjüdischen Dichtung und ihrer Sinnlichkeit entfaltet.

„Licht, Liebe, Leben „ – war Herders Leitmotiv. Die Worte sind heute immer noch und wieder auf seiner Büste in Riga zu lesen.

Das volkliche Relativitätsprinzip

Der Begriff Volk hat zugleich epistemologischen Charakter, er bezeichnet eine grundlegende Relativität. Nichts im Leben des Einzelmenschen kann für sich genommen werden, nichts ist ohne Zusammenhang. Nichts in der Wahrnehmung ist „objektiv“, nichts können wir sagen, „wie es wirklich ist“. Denn stets spricht der Mensch mit seiner Sprache zugleich deren spezifischen Zusammenhang aus – und damit nicht denjenigen einer anderen Sprache. Jeder Text kann nur aus seinen eigenen – sprachlichen, kategorialen, kulturellen – Voraussetzungen heraus verstanden werden – und ist damit grundlegend relativ.

Im 20. Jahrhundert wurde dieser Gedanke von Benjamin Lee Whorf weiterentwickelt zum linguistischen Relativitätsprinzip, der sogenannten Whorf-Sapir-These. Auch hier erwuchs die Einsicht aus der verständnisvollen Zuneigung zum Anderen. An der Begegnung mit den Hopiindianern und ihrer Sprache wurde Whorf die Begrenzung des Standard Average European (SAE) deutlich. Joshua A. Fishman, der Soziologe des jüdischen Amerika und des „Ethnie Revival“, hat darum Whorf in die Tradition des Herderschen und des „östlichen“ Denkens gestellt.

Von dem, der Texte verstehen will, verlangt das viel. Die direkte Aussage nur für sich nehmen zu wollen, ist naiv und simpel. Es übersieht das Dialogische im Verständnis: daß da ein kulturelles Subjekt ist, das den Text produziert hat, und ein anderes kulturelles Subjekt, das zu verstehen glaubt. Konkret: so sehr Herder auch für Homers Dichtung schwärmte, er mußte sie in ihrer Relativität erfahren. Der Kontrast zu Shakespeare machte ihm das deutlich, denn ich bin Shakespeare näher als dem Griechen. […] Und wenn jener Griechen vorstellt und lehrt und rührt und bildet, so lehrt, rührt und bildet Shakespeare nordische Menschen. „Und doch: beide sind „Vertraute einer Gottheit“ (Shakespeare, 1773).

Das war für Herder der universelle Bezugspunkt im allumfassenden Relativen: die Völker sind direkt zu Gott. Alle Völker. Jedes Volk. Weltgeschichte ist eine Vision: „Gang Gottes über die Nationen“. Daher ist es dem Menschen eben nicht möglich, Weltgeschichte objektiv zu schreiben.

Dennoch versucht man es immer wieder, und nicht zuletzt Herder versuchte sich daran. Aber: „Niemand in der Welt fühlt die Schwäche des allgemeinen Charakterisierens mehr als ich. Man malet ein ganzes Volk, Zeitalter, Erdreich – Wen hat man gemalt? […] Endlich man faßt sie doch in nichts, als ein allgemeines Wort zusammen, wo jeder vielleicht denkt und fühlt, was er will – unvollkommenes Mittel der Schilderung!“ {Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit, 1774).

Poesie und Körperlichkeit

Herders Grundmaterial zur Rekonstruktion des Volklichen war die Literatur. Aus Texten, aus Sprache, trat ihm der „Volksgeist“ entgegen, die „Volksseele“, der „Nationalcharakter“. Nur aus Texten? Die Frage mit all ihrer Skepsis stellt sich gerade heute, da Textwissenschaften sich in „Kommunikation“ und „Semiologie“ auflösen, bis das ganze Leben nur noch aus abstrakten Zeichen besteht.

Dagegen Herder: „Natur hat den Menschen frei, lustig, singend gemacht; Kunst und Zunft macht ihn eingeschlossen, mißtrauisch und stumm. „ Die Völker offenbaren sich in „Sprache, Ton, Bewegung, Schilderung, Proportion, Tanz: und was alles also allein zusammenband, – Lied“ (Ausweg zu Liedern fremder Völker, 1774). Hier ist also mehr im Spiel als nur Zeichen und gedrucktes Wort. Herders Aufmerksamkeit richtete sich auf die Körperlichkeit und Sinnlichkeit des Volkskulturellen – und damit auch der Poesie. Ohr und Lippe, Cymbeln und Pauken, Tanz und Rhythmus gehen durch seine Schriften. Das Volk hat Körper, ist Körper. Das Volk tanzt. Sprache, das Zentrum des Herderschen Volksbegriffs, ist Tanz. Eine lebendige Körperwissenschaft konnte daraus jedoch zunächst noch nicht werden. Das industriebürgerliche Zeitalter ließ allenfalls Literatur und das literaturwissenschaftliche Räsonnement zu. Immerhin: Friedrich Ludwig Jahn begründete auf Herderschen Impulsen, die er „deutsches Volkstum“ nannte, sein Turnen. Aber auch dieses verkam im späteren 19. Jahrhundert wieder zur systematischen Disziplinierung.

Ein ähnliches Schicksal prägte die dänische Folkehojskole. Grundtvig gab ihr – im Herderschen Geiste – die Vision einer „historisch-poetischen Wissenschaft“ mit auf den Weg. Das begann zwar als lebendige Mythologie und Gesang, geriet aber bald in die Gefahr, zu Vortrag und Belehrung abzusinken. Die Gymnastikbewegung veränderte später dieses Bild und folgte insofern Herders Spuren.

Was die soziale Sinnlichkeit betrifft, so befindet sich die gegenwärtige Gesellschaft noch tief in der „körperlosen“ Moderne. Doch es gibt Gegensignale. Die Trommeln der Rockmusik sprechen eine andere Sprache. Was hat es damit auf sich, daß Alain Finkielkraut, bei seiner fanatischen Verteidigung der alten kolonialen Moderne, jüngst zwei Hauptfeinde der einen Vernunft ausmachte: Herder und die Rockmusik? Neue Fragen richten sich an Herder.

Das „Innere“ des Nationalismus

Indem Herder über die Poesie den Einzelmenschen und das Volkliche in Zusammenhang brachte, das Universelle und das Besondere, den Ball und das Indische stiftete er eine neue Aufklärung. In ihr wirkte das Bewußtsein des Nationalen gewissermaßen nach innen, in Kontrast gegen den nach außen gewandten Nationalismus des späteren industriellen Europa. „Volk“ bei Herder hatte nichts mit Grenzen und Hauptstadt, mit Staat und Ökonomie zu tun, sondern mit Psychologie. Wer sind „wir“? Wer bist du? Wer bin ich? Wo kommen wir her, und wo gehen wir hin?

Herder geriet dicht an den Punkt heran, wo dies zum Konzept einer neuen Bildung als einer alternativen Nationalbildung hätte werden können, zur Volkshochschule. 1768 legte er die „Idee zum ersten patriotischen Institut fiir den Allgemein­geist Deutschlands“ vor. Er dachte damit – angesichts der staatlich geteilten Nation – an eine Art deutscher Akademie, in die Gelehrte aller deutschen Länder entsandt werden sollten, um sich mit deutscher Sprache, deutscher Geschichte und „tätiger Philosophie der Nationalbildung“ (Gesellschafts- und Wirtschaftslehre) zu befassen. Dieser Entwurf entstand noch vor Herders Wende zum Sturm und Drang und war entsprechend „von oben her“ gedacht. Den weiterführenden Schritt hin zu einer volklichen Bildung „von unten“ vollzog er nicht mehr. Noch nicht.

Das geschah erst ein halbes Jahrhundert später bei Grundtvig und mit der dänischen Folkehojskole. Hier wurde zusammengedacht und in der pädagogischen Praxis zusammengeführt, was den „inneren“ Nationalismus ausmachte – unübersetzbar Folkeoplysning (Volksaufklärung) und Livsoplysning (Lebensaufklärung des einzelnen). Licht, Liebe, Leben.

N.F.S. Grundtvig, 1843

So war es nicht zufällig, daß die stürmische Gründerzeit der meisten dänischen Folkehojskoler in die Jahre nach 1864 fiel, als Dänemark einen Krieg und weite Landstriche an Preußen-Deutschland verlor. Revanchismus, die Projektion allen Übels nach außen, war eine naheliegende Möglichkeit. Aber statt dessen: Hvad udad tabes, skal indad vindes – hieß es nun. „Was nach außen verlorenging, soll im Inneren wiedergewonnen werden.“ Es gelang, den drohenden Chauvinismus durch den nach innen gewandten Nationalismus im Herderschen Sinne zu umgehen.

Die antikoloniale Dimension

Heißt der „innere“ Nationalismus nun, daß das Gesellschaftliche entpolitisiert wird? Wird der äußere Konflikt gewissermaßen verinnerlicht (und damit verdrängt)?

Das dänische Beispiel spricht dagegen. 1920 stimmten sich die preußisch besetzten Gebiete zurück nach Dänemark. (Aber Dänemark trug zugleich einen anderen Gewinn davon: mittels der Folkehojskole den Revanchismus vermieden zu haben.) – Doch auch Herders Volksbegriff selbst war keineswegs durch falsche Innerlichkeit entschärft. Denn er war in seinem Kern antikolonial. Das Gegenbild zum Volk bei Herder hieß nämlich „Rom“.

Das Gegenbild zum Volkslied war für Herder die „klassische“ französische Literatur. Was im einen Land lebendig und auf eigene Traditionen bezogen sein kann, wirkt im anderen Land dürr und tot. Corneille, Racine, Voltaire in Deutschland, das war „Empfindung von dritter, fremder Hand“. Statt Leben also: Künstelei, tote Gedanken, zu Tode geregelte Sprache. Herders Volks- (und Natur-)begriff enthielt hier eine politische Spitze: die Kritik der kulturellen Kolonialisierung.

Dasselbe war im Begriff „Rom“ enthalten: Das römische Reich stand ihm gegen die „freien deutschen Stämme“, die römische Kirche mit ihrem Totalitätsanspruch gegen die menschliche Freiheit. Dabei unterschied Herder sehr genau zwi­ schen der römischen Größe, der er das Lob nicht vorenthielt, und dem „römischen Joch“. Das war genau derjenige Rom-Begriff, den Grundtvig als Gegenbild für den dänischen volklichen Nationalismus verwandte: Das „deutsch-römische Reich“ stand für Grundtvig gegen die Volklichkeit. Das bot also keineswegs einen freundlichen Ausblick auf alle jene Reiche, die auf das römische folgten: auf die europäischen Kolonialreiche der Moderne, auf die faschistischen Reichsversuche, auf das Sowjetreich, auf das Imperium US-Amerika.

Aber – und das war die eigentliche politische Pointe bei Herder – „Rom“ liegt nicht nur (und vielleicht nicht einmal primär) „da draußen“. Rom ist die Macht, der gerade auch die „freien Deutschen“ verfallen können. Wir alle haben ein römisches Problem.
Der deutsche Faschismus illustrierte dann, wovor die Herdersche Kritik 150 Jahre zuvor gewarnt hatte. Bis hin zu Gruß und Standarte wurde da das römisch­ imperiale Modell kopiert.
„Vor dem bösen Deutschen flieh’ ich,
Vor dem schrecklich bösen Herren“,

hieß es in Herders Nachdichtung eines estnischen Liedes, „Klage über die Tyrannen der Leibeigenen“.

„Feurig Brot ißt man am Hofe,
Winselnd trinkt man seinen Becher (…)
Wenn ich los vom Hofe komme,
Komm ich aus der Hölle wieder.“

Von dieser Problematik her wird auch verständlich, warum Herder in Deutschland nur schwerlich verstanden werden konnte. Zwar wurde sein revolutionärer Volksgedanke zunächst – noch im Zeitbruch zwischen den Konfigurationen – aufgegriffen und fruchtbar gemacht: von Goethe im Volkslied, von Fichte in den „Reden an die deutsche Nation“, von Jahn im „volkstümlichen“ Turnen, von Arndt, den Brüdern Grimm und der Nationalromantik. Aber dann wurde es still um ihn, und gerade das laute Tönen oberflächlicher „Herder“-Reden im Bismarck-Reich und im NS-Deutschland machten ohrenfällig, wie weit man sich von Herders „Hexensitz“ entfernt hatte. Jetzt hatte die Stromlinienform der Moderne gesiegt. Nur im Marginalen, im Ex-zentrischen des weiteren Europa war die Dynamik von Herders Volksbegriff zu spüren: bei den slawischen Völkern, bei kleinen Völkern und ethnischen Minderheiten. Nicht zuletzt im Judentum, das mit Martin Buber den bedeutsamsten Herderschen Philosophen des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat: Volk sagen heißt „du“ sagen.

Die antikoloniale Dimension in ihrem vollem Umfang macht es auch verständlich, warum nun in unserer Zeit in der Dritten Welt die Aufmerksamkeit für den Herderschen Volksbegriff gewachsen ist. „Heritage or , Volksgeist’?“ – unter dieser Überschrift zog z.B. 1983 auf einem Kongreß in Libyen B.A. Hussainmiya, ein Kulturwissenschaftler aus Sri Lanka, die Linie von „Herder, dem deutschen Nationalisten“, zu den antikolonialen Kulturkämpfen in der Dritten Welt von heute. Herders „Volksgeist“ und Fichtes „Reden an die deutsche Nation“ seien die Quellen, aus denen der Widerstand Afrikas, Asiens und Lateinamerikas gegen die neokoloniale Gewalt seine philosophischen Anregungen beziehen können – bis hin zu Muammar al-Gaddafi.

In solchem Sinne war Herder also nicht nur „der Vater des modernen Nationalismus“. Sondern er war zugleich der Vater des modernen Internationalismus – aber eben nicht eines formellen Internationalismus, wie er sich auf den Kongressen der hohen Politik abspielt, sondern eines substanziellen volklichen Internationalismus. Oder treffender gesagt: jenseits von Nationalismus und Internationalismus (und vor beiden) dachte er konkret einen dritten Weg. Das Volkliche und das Universelle als Einheit.

„Trauet den Weißen nicht“ hieß ein Lied aus Madagaskar, das Herder unter seinen Volksliedern übersetzte.
„Trauet den Weißen nicht, ihr Bewohner des Ufers!
In den Zeiten unserer Väter landeten die Weißen auf dieser Insel. Man sagte zu ihnen: da ist das Land, eure Frauen mögen es bauen, seid gerecht, seid gut und werdet unsere Brüder.

Die Weißen versprachen, und dennoch warfen sie Schanzen auf. Eine drohende Festung erhob sich; der Donner ward in eherne Schlünde gesperrt; ihre Priester wollten uns einen Gott geben, den wir nicht kennen; sie sprachen endlich von Gehorsam und Sklaverei.

Eher den Tod! – Lang und schrecklich war das Gemetzel; aber trotz den Donnern, die sie ausströmten, die ganze Heere zermalmten, wurden sie alle vernichtet. Trauet den Weißen nicht.

Neue, stärkere und zahlreichere Tyrannen haben wir ihre Fahne am Ufer pflanzen gesehen. Der Himmel hat für uns gefochten. Regengüsse, Ungewitter und vergiftete Winde sandt’ er über sie, sie sind nicht mehr, und wir leben und leben frei.
Trauet den Weißen nicht, ihr Bewohner des Ufers!“

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im Buch:

„Die Geschichte macht Sprünge“ von Henning Eichberg.

Henning Eichberg

Henning Eichberg (1942 – 2017), Kultursoziologe und Historiker, der seit 1982 in Dänemark lehrte, war bereits seit den ersten Ausgaben der Zeitschrift wir selbst (Gründung im Jahre 1979) der inspirierende Kopf. Sein intellektuelles Fluktuieren zwischen rechten und linken Denkströmungen, seine linksnationale, ethnoplurale Kritik am rechten Etatismus und seine radikale ökologische Orientierung wurden für uns programmatisch wegweisend, jedoch nie zu Dogmen.

Autor der Bücher:

Nächstenliebe zwischen christlichem Glauben und Zeitgeist

von Pius Geissel

Nächstenliebe zwischen christlichem Glauben und Zeitgeist

Was meint Nächstenliebe tatsächlich und wie wird der Begriff heute interpretiert und auch missbraucht?

Das zentrale Problem Europas, quasi die europäische Frage, ist heute die Frage nach der Identität. Sowohl nach der nationalen bzw. den nationalen Identitäten als auch einer europäischen Identität im Banne der Globalisierung.

In den letzten Jahrzehnten haben ganze Generationen scheinbar vergessen, wer sie eigentlich als Volk, als Völker, wirklich sind, wo sie herkommen und was in diesem Zusammenhang eigentlich Identität bedeutet. Nachkommenden Generationen wurde dann nicht mehr erzählt, worum es sich bei den Begriffen Volk, Nation und Europa handelt.

„Keine Gemeinschaft, keine Gesellschaft, auch kein Staat kann ohne Gedächtnis und ohne Erinnerung leben. Ohne Erinnerung zu leben bedeutet ja, ohne Identität und damit ohne Orientierung zu leben.“, formulierte einmal unser ehemaliger Bundespräsident Roman Herzog. Doch auch er hat den den Verlust der deutschen und ebenso der europäischen Identität nicht aufhalten können.

Essenziell für diesen Identitätsverfall ist das Abkommen vom Glauben. Das Christentum hat sich aus den Städten zurückgezogen, aus den Theatern, den Kirchen, den Wohnzimmern – es war klar, dass es sich auch aus den Herzen der Menschen zurückziehen würde. Und so kam es, dass das Christentum zu einer moralischen Sekundärinstanz wurde. Es teilt sich seinen Platz mit Bürgerrechten und Verfassungstexten. Passt es einer Seite gut in die eigene Argumentation, benutzt man es als Rechtfertigung. Natürlich ohne ein Problem damit zu haben, es bei der nächsten Gelegenheit wieder zu verschreien. Darum ist es maßgeblich für den Europäer, aber auch für den Teilnehmer politischer Diskussionen, das Christentum zu verstehen.

Missverstandene Nächstenliebe

Eine der wesentlichen Inhalte des Christentums ist die Nächstenliebe. Dennoch wird kaum ein Glaubensinhalt in der breiten Öffentlichkeit so falsch verstanden wie sie. Oft begegnet einem in Debatten Empörung über christliche Staaten wie Polen und Ungarn und ihre Einstellung zur Aufnahme von Flüchtlingen. Oft bekommt man als Christ zu hören, dass man für die Akzeptanz aller Ansichten, Religionen, Weltanschauungen und Lebensweisen sein müsse – Jesus habe doch Nächstenliebe gepredigt. Die Leute, die das denken, haben das Konzept der Nächstenliebe nicht verstanden. In ihren Köpfen verkommt das Christentum zu einem humanitären Verein. Umso schlimmer, dass sich seine öffentlichen Vertreter selbst immer mehr in diese Richtung bewegen.

Das Christentum ist unbedingt transzendent zu verstehen. Streicht man Gott heraus, bricht das gesamte Konzept zusammen. Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass die christliche Lehre ohne Gott keinen inhärenten Wert besitzt. Ebenso verhält es sich mit der Nächstenliebe. Sie ist ohne Gott nicht denkbar.

Doppelgebot und Altgriechisch

Die Nächstenliebe wird an mehreren Stellen der Heiligen Schrift formuliert. Fundamental ist jedoch, wie Jesus sich über sie äußert. Im Markusevangelium verfasst er sie als zweiten Teil des Doppelgebots der Liebe. Den ersten Teil bildet das Gebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft“ (Mk 12, 30). Diese beiden Gebote nennt Christus nicht zufällig gemeinsam, als man ihn nach dem wichtigsten Gebot fragt. Sie können nicht getrennt werden. Im Bezug auf die Nächstenliebe heißt das: Wir können unseren Nächsten nur durch Gott und um Gottes Willen lieben. Nächstenliebe ist kein Selbstzweck. Wir sollen unseren Nächsten lieben, weil wir Gott lieben sollen und weil „jeder Mensch Sein Ebenbild ist“ (Der große Katechismus, 905).

Das Griechische kennt drei Wörter für Liebe. Das sind Eros – die sinnliche Liebe, Philia – die freundschaftliche Liebe und Agape – die göttliche Liebe. Spricht die Bibel von Nächstenliebe, spricht sie von Agape. Dadurch kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Nächstenliebe bedeutet, den Nächsten wie Gott zu lieben. Dadurch bekommt Nächstenliebe einen unbedingt transzendentalen Charakter. Sie bedeutet, den Nächsten wegen Gott, durch Gott und auf die Weise zu lieben, wie Gott die Menschen liebt. Ich soll den Anderen „nicht mehr bloß mit meinen Augen und Gefühlen ansehen, sondern aus der Perspektive Jesu Christi heraus.“ (Benedikt PP. XVI., Deus caritas est)

Einige würden eventuell einwenden, dass es anmaßend wäre, die Menschen so lieben zu wollen, wie Gott es tut. Das wäre es auch, wenn es aus eigener Kraft geschehen würde. Tatsächlich wird jeder Christ aber durch die Taufe Teil des Leib Christi und kann somit Teil haben an der göttlichen Liebe.

Der heilige Franz von Sales beschreibt dies sehr treffend: „So gilt die gleiche Liebe Gott und unserem Nächsten; durch sie werden wir zur Vereinigung mit der Gottheit emporgehoben und steigen zum Menschen herab, um in Gemeinschaft mit ihm zu leben. So jedenfalls lieben wir den Nächsten als Bild und Gleichnis Gottes, geschaffen, um mit der Güte Gottes verbunden zu sein, an seiner Gnade teilzunehmen und sich seiner Herrlichkeit zu erfreuen. Den Nächsten lieben heißt Gott lieben im Menschen oder den Menschen in Gott; es heißt Gott um seiner selbst willen lieben und das Geschöpf um der Liebe Gottes willen.“ (Traktat über die Gottesliebe)

Augustinus von Hippo (354 – 430 n. Chr.)

Nächstenliebe als alltagstaugliches Konzept

Was aber bedeuten diese Erkenntnisse über die Nächstenliebe nun für ihre reale Ausübung? Dilige, et quod vis fac (lat.: Liebe und tu, was du willst). Dazu ruft der heilige Augustinus auf. Ergänzt wird diese Botschaft wunderbar durch ein Wort Aquinas‘: Amare est velle bonum alicui (lat.: Lieben heißt: jemandem Gutes tun wollen). Die Nächstenliebe gebietet uns also, dem Nächsten ernsthaft liebevoll Gutes tun zu wollen. Daher ist es fatal falsch, Nächstenliebe mit Toleranz oder Akzeptanz gleichzusetzen. Denn liebe ich meinen Nächsten wirklich, dann kann ich sein schlechtes Verhalten nicht mit ansehen. Wird Sünde sichtbar, wird es zur Pflicht jedes Christen, seine Stimme dagegen zu erheben. So ist es ein geistliches Werk der Barmherzigkeit, die Sünder zurechtzuweisen. Jemandem Gutes tun wollen, meint für einen Christen auf lange Sicht immer, an der Erlösung des Nächsten mitzuarbeiten.

Ist das denen klar, die Polen und Ungarn fehlende Nächstenliebe im Umgang mit Flüchtlingen vorwerfen? Ist das denen klar, die unter dem Deckmantel der Nächstenliebe für die Akzeptanz moralisch verwerflicher Handlungen einstehen?

Die Charakterisierung der Nächstenliebe, die die Heilige Schrift trifft, nämlich den Nächsten so zu lieben, wie sich selbst, zeigt wie falsch so etwas wäre. Auch wenn es en vogue ist, sich so zu lieben wie man sei und self appreciation im Trend liegt, ist christliche Selbstliebe anders. Ihr liegt nicht zu Grunde, mit sich selbst und vor allem den eigenen Fehlern zufrieden zu sein, sondern emsig an sich zu arbeiten. Christen sollen sich bemühen, Gott immer besser zu dienen und ihr Glück nur in Ihm zu suchen (vgl. Der große Katechismus, 908). Dieses Verhalten auch auf andere zu übertragen, ist wahre Nächstenliebe.

Nächstenliebe als Politikum

Man beobachtet tagtäglich, wie Organisationen, die sich als christlich bezeichnen, scheinbar vergessen haben, was Nächstenliebe bedeutet. So teilte das Referat Kinder und Jugend des Erzbistums Hamburg unlängst ein Bild, auf dem The Genderbread Person abgebildet war und pseudowissenschaftlich über Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck und sexuelle Orientierung berichtet wurde, auf Instagram. Auch an anderen Stellen werben offizielle Vertreter der katholischen und evangelischen Bistümer für die Akzeptanz von Homosexualität nebst anderen Verwirrungen. Es ist klar, dass dies mit der christlichen Botschaft im Allgemeinen und mit der Nächstenliebe nichts zu tun hat. Angebracht wäre ein liebevoller, doch bestimmter Umgang, dessen Ziel die Bewältigung dieser Unordnung ist.

Auch, wer meint, die Nächstenliebe gebiete, massenhaft Menschen in das eigene Land zu lassen, zusätzlich aus Kulturräumen, die dem eigenen konträr gegenüberstehen, irrt. Nächstenliebe bedeutet nie Selbstvernichtung. Betroffenen in Krisengebieten Hilfe leisten, das ist Nächstenliebe. Aber Menschen aufnehmen und versorgen, deren einziges Ziel es ist, sich auf Kosten anderer zu bereichern, hat nichts mit Nächstenliebe zu tun. Der afrikanische Kurienkardinal Robert Sarah sagte dazu: „Besser ist es, Menschen dabei zu helfen, in ihrer eigenen Kultur aufzublühen, als sie dabei zu unterstützten, in ein völlig dekadentes Europa zu kommen.“

Kurienkardinal Robert Sarah

Zur politischen Dimension der Nächstenliebe und insbesondere der damit verbundenen Feindesliebe weist Carl Schmitt in Der Begriff des Politischen auf die Wortwahl der Bibel hin. Das Deutsche kennt nur ein Wort für Feind. Im Lateinischen gibt es allerdings zwei Vokabeln: inimicus für den privaten Feind und hostes für den politischen Feind. Jesus spricht in der Bergpredigt vom inimico, dem privaten Feind. Was für den gesunden Menschenverstand klar ist, wird also bestätigt: Seinen Feind zu lieben, bedeutet nicht, als Staat oder Kirche vor ihm zu kapitulieren. Das feindliche Individuum soll geliebt werden, nicht jedoch die feindliche Macht und das, wofür der Feind steht. Schmitt fügt hinzu: „Auch ist in dem tausendjährigen Kampf zwischen Christentum und Islam niemals ein Christ auf den Gedanken gekommen, man müsse aus Liebe zu den Sarazenen oder den Türken Europa, statt zu verteidigen, dem Islam ausliefern.“ Inzwischen sind Christen zwar auf diese Idee gekommen, das macht seine Aussage aber nicht unwahr. Feindesliebe kann sich immer nur auf den privaten Bereich beziehen. Ebenso verhält es sich mit dem Hinhalten der anderen Wange – auch einem Inhalt der Bergpredigt.

Das heißt nun nicht, dass Nächstenliebe kein Argument in einer politischen Diskussion sein darf. Sie muss jedoch richtig begriffen werden. Es handelt sich bei ihr um göttliches Wirken. Sie entspringt aus Gott, wird durch Gott und führt zu Gott. Ohne Glauben fehlt ihr das Fundament. Sie ist kein Selbstzweck. Sie darf außerdem niemals als Deckmantel falscher Toleranz missbraucht werden. Ihr Wesen ist strebend, nicht statisch. Sie gibt sich nicht mit Mittelmäßigem zufrieden oder akzeptiert schlechte Umstände. Sie ist nicht wehrlos.

von Pius Geissel, angehender Student, korporiert, katholisch, Hanseat, als @gottvaterland auf Twitter aktiv.

“Internationale Solidarität” in der Corona-Not?

von Klaus Kunze

“Internationale Solidarität” in der Corona-Not?

Nationale Solidarität ist das Gebot der Stunde

In der Not ist sich bekanntlich jeder selbst der Nächste. In meiner Studentenzeit erschollen des öfteren in der Kölner Universität rhythmische Sprechchöre kommunistischer Studentengruppen: “Hoch – die – internationale – Solidarität!”

Von internationaler Solidarität sehe ich weltwelt nichts. Ich sehe auch in Deutschland keine Anzeichen dafür, daß unsere Regierung sich nicht um uns sorgte, sondern um Infizierte aus anderen Ländern. In Venezuela etwa gäbe es viel zu helfen. Dieses Land hat seine sozialistische Regierung so abgewirtschaftet, daß die Gesundheitsversorgung schon vor Corona vor dem Zusammenbruch stand. Landesweit gibt es dort 100 Intensivbetten mit Beatmungsgeräten.

Alles kommunistische Wortgeklingel von internationaler Solidarität dient nur der eigenen Ideologie
(UZ 21.2.2019)

Niemand hilft, natürlich nicht. Wenn alle in Not sind, bildet die Nation den Rahmen, in dem Solidarität sich entfaltet und außerhalb dessen sie endet. Plötzlich reden in Deutschland alle von Solidarität. Was verstehen Liberale unter dem Begriff? Der wirtschaftsliberale CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz beschimpfte noch vor ein paar Wochen die Anhänger der Oppositionspartei AfD als “Gesindel”. Heute schreibt er auf Twitter:

“Die Corona-Krise stellt uns vor eine der größten Herausforderungen in der Geschichte unseres Landes. Es ist wichtig zu verstehen, warum es jetzt auf die Solidarität aller ankommt.”

Friedrich Merz auf Twitter

Solidarität aller, wirklich aller? Bittet Herr Merz heute auch um die Solidarität derer, die er als Gesindel beschimpft hatte? Eine Erfolgsvoraussetzung für Politiker scheint zu sein, jederzeit bereit zu sein, die passende Gesinnung nach außen zu kehren. Schon Konrad Adenauer hatte sinniert: “Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?”

Und was verstehen Kommunisten unter dem schönen Kampfbegriff Solidarität? Einem Witz zufolge kommt die Ehefrau aus dem Urlaub und findet den Papagei tot im Käfig. “Ich habe dir doch gesagt,”, schimpft sie mit ihrem Mann, “du sollst an ihn denken! Und, hast du ihn gefüttert?” – “Nein.” – Hast Du ihm Wasser gegeben?” – “Auch nicht.” – “Ja, was hast du denn gemacht?”

“An ihn gedacht,” gesteht verlegen der Ehemann. So dachten häufig in “internationaler Solidarität” deutsche Kommunisten an Venezuela. Bestimmt denken sie heute auch manchmal und wenden das Wort Solidarität verlegen im Mund hin und her. Sie begreifen nicht, daß die Nagelprobe für jede Solidaritätsparole erst in wirklicher Not ansteht. Und in solcher Not hilft sich erst einmal jeder selbst und dann den Seinen.

Solidarisches Handeln beginnt in der Familie, in der sich einer notfalls für den anderen aufzuopfern bereit ist. Nationale Solidarität stellt sich die Nation wie eine große Familie vor und überträgt die fürsorglichen Gefühle in einen größeren, kollektiv handlungsfähigen Rahmen. Für die Familie und unsere Nation als Bezugspunkt unserer Hilfsbereitschaft in höchster Not gibt es keinen Ersatz.

Die funktionsfähigen Solidargemeinschaften sind Familie und Volk

Auf die­se bestehenden Solidargemeinschaften muß und kann allein sich so­zia­les Han­deln ausrichten. Andere Solidargemeinschaften wie religiöse haben sich historisch nicht als dauerhaft und darum als ungeeignet erwiesen. Solidarität erfordert differenzierendes Denken in Kategorien menschlicher Ungleichheit, denn die Solidargemeinschaft ist, nach den Worten des Kölner Verfassungsrechtlers Otto Depenheuer,

„wesentlich und legitimerweise Abstammungs­gemeinschaft, insoweit sie diejenigen ausgrenzt, die außerhalb der Gemeinschaft stehen, weil sie an deren Gemeinsamkeit nicht teilhaben: die Angehörigen einer Solidargemeinschaft stehen sich einander näher als den Menschen im übrigen, d.h., sie sind im Verhältnis zueinander gleicher als im Verhältnis zu anderen.“

Otto Depenheuer, Solidarität im Verfassungsstaat, 2.Aufl. 2016, S.309 f.

Eine typisch juristische Vorstellung besteht darin, eine rechtliche Verpflichtung als unsichtbares Band zu symbolisieren, das einen Menschen mit einem anderen verbindet. So kann man sich vorstellen, daß die realen Angehörigen eines Volkes durch ihr tägliches Handeln eine Art Bund unter sich aufrechterhalten, der wie ein ideelles Band alle Einzelnen miteinander verbindet, berechtigt und verpflichtet.

Überall auf der Welt gab es diese Solidargemeinschaften bereits vor der Geburt jedes heute Lebenden. Man wird in eine Abstammungsgemeinschaft hineingeboren. Niemand kann sich frei aussuchen, mit welchen anderen Menschen er sich staatlich organisieren und ihnen solidarisch sein soll. Eltern und Vorfahren sind bereits da, bevor das Kind in die unkündbare Solidargemeinschaft hineingeboren wird.

„Die Unkündbarkeit des Bundesschlusses verbindet viele Generationen miteinander. Die bündische Gemeinschaft verfügt dadurch über Vergangenheit und Zukunft und ermöglicht dadurch die Statuierung einer Verantwortung des Einzelnen vor der Nachwelt.“

Depenheuer (2016), S.313 f.

Die Gemeinschaft miteinander solidarischer und untereinander verpflichteter Menschen ist der einzige rechtfertigende Anlaß für den Einzelnen, gegebenenfalls für andere Menschen große Opfer zu bringen. Das gilt auch für Menschen, die er gar nicht persönlich kennt. Warum akzeptiert ein egoistischer Einzelner, den Ertrag seiner Hände Arbeit durch staatliche Umverteilung zu Bedürftigen wandern zu lassen, die nicht arbeiten? Auf rein persönlicher Ebene wecken die Gefühle der familiären Liebe und Fürsorge solche Bereitschaft. Auf überpersönlicher Ebene kann man sich den Staat als Solidargemeinschaft wie eine große Familie denken. Er institutionalisiert und regelt die Hilfsbereitschaft und Fürsorge in analoger Weise.

Wir akzeptieren das, wenn wir den Gedanken familiärer Solidarität auf unser ganzes Volk übertragen. Sie besagt, daß jeder für den anderen, notfalls mit seinem Leben, einzustehen hat. Diese anderen gelten ihm als seine Angehörigen im weitesten Sinne, mit denen er sich emotional verbunden fühlt aufgrund gleicher Abstammung, gleicher Geschichte und gleichen Schicksals. Der Staat kann nicht sinnvoll nur als unpersönliche Verteilungsanstalt materieller Güter verstanden werden, sonst würde er keine Opferbereitschaft wecken. Er muß darum

„als personenbezogenes Gebilde gedacht werden, dessen Substrat nur das Volk sein kann. Tatsächlich liegt im Begriff des Volkes der Schlüssel zur Beantwortung der Frage nach dem materiellen Grund der staatsbürgerlichen Solidarität. Diese findet ihre Grundlage  in der substantiell durch Volkszugehörigkeit, rechtlich durch Staatsangehörigkeit vermittelten Gemeinsamkeit der Staatsbürger.“

Depenheuer (2016), S.324.

Die Solidarität der Mitglieder einer solchen Solidargemeinschaft untereinander erfordert ein Denken in Gleichheits- und Ungleichheitskategorien. Untereinander gelten sie als gleich. Wer nicht dazu gehört, ist Ausländer und damit ungleich. Ihm wird nicht das Maß an Solidarität geschuldet, das einem Inländer zukommt. Schließlich ist er auch seinerseits nicht verpflichtet, notfalls mit seiner ganzen Existenz für einen Staat einzustehen, der für ihn Ausland ist. Es existieren kein Weltstaat und keine globale Solidargemeinschaft. Für radikal kosmopolitisches Denken ist das schrecklich. Es möchte von der Ebene des Individuums die des Staates überspringen und unmittelbare Solidaritätspflichten zwischen allen Menschen begründen.

Kosmopolitisches Denken kann dabei die Frage nicht beantworten, warum ich mich jemandem gegenüber solidarisch fühlen und Opfer bringen soll, der mir nicht angehört und den ich nicht liebe, vielleicht aufgrund seines Verhaltens, seiner Kultur und anderer Eigenheiten auch gar nicht lieben möchte. Wenn ich mich mit jemandem schlechterdings nicht identifizieren kann, mag ich mich auch nicht für ihn aufzuopfern. Je ferner er mir steht, je weniger er mir und den Meinen ähnelt, desto weniger fühle ich mich ihm solidarisch. Ich empfinde zwischen ihm und mir keine substanzielle Gleichheit.

„Die staatsbürgerliche Solidarität, d.h. die Identifikation mit der Nation über alle sonstigen Unterschiede und Gegensätze hinweg, ist fundiert durch die unverfügbare  Zugehörigkeit zu einer konkreten Volksgemeinschaft. Der Begriff des Volkes im substantiellen Sinne vermag jene Basis substantieller Gleichheit  der Staatsbürger zur Sprache zu bringen. Im Zentrum des substantiellen Volksbegriffs steht das Volk als ethnische oder kulturelle Größe.
In ihm gründet die politische Einheit des Volkes. Dieser Nationenbegriff ist objektiv: er garantiert die nationale Identität, ohne sie von subjektiven Willensbekundungen  bestimmen zu lassen.“

Depenheuer (2016), S.333.

Kosmopolitisches Denken übersieht aber auch, daß die verschiedenen Solidargemeinschaften nicht nur den Zweck haben, im Sozialleben untereinander solidarisch zu sein. Sie haben auch die Funktion, die Art und Weise des Zusammenlebens gegenüber Bedrohungen von außen zu garantieren. Diese droht potentiell aus Ländern, die im Innern ebenfalls Solidargemeinschaften bilden, aber völlig andere Vorstellungen von gutem Zusammenleben haben. So kann man die Solidargemeinschaft unseres Staates auch betrachten als staatliche Gemeinschaft derjenigen, die in einer freiheitlichen demokratischen Grundordnung und nicht in einem islamischen Kalifat oder einer asiatischen Autokratie leben wollen.

„Denn jede Gemeinschaft muß eine Grenze zur sozialen Umwelt setzen, sonst kann sie keine kraftspendende Identität gewinnen.“

Udo Di Fabio , Die Kultur der Freiheit, 2005, S.103.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf Klaus Kunzes Blog: http://klauskunze.com/blog/2020/03/19/internationale-solidaritaet-in-der-corona-not/

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor des Buches:

Corona als Globalisierungsfolge

von Florian Sander

Corona als Globalisierungsfolge

Eine risikosoziologische Betrachtung

Das Corona-Virus erhitzt nicht nur den betroffenen Körper, sondern auch Gemüter, Emotionen und Debatten. Bei allen zumeist durchaus berechtigten staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie ist es doch durchaus nicht falsch, auch von einer Massenhysterie zu sprechen: Wo Leute (teils unsinnige) Hamsterkäufe tätigen, wo Leute kein anderes Thema mehr kennen, wo Leute schon beim Anblick eines hustenden Menschen zusammenfahren, als hätten sie eine fleischfressende Riesenspinne erblickt, da hat eine Gesellschaft einen neurotischen Zustand erreicht (von dem zumindest Teile von ihr auch schon vorher, mit Blick auf ganz andere Themen, nicht allzu weit entfernt waren). Die etablierten Massenmedien, auch in anderen Themenfeldern schon seit langem kein Garant mehr für sachlich-nüchterne Berichterstattung, spielen das Spiel nicht nur munter mit, sondern befeuern die Panik in teils unverantwortlicher Weise. Reißerische Überschriften, bedrohliche Wissenschaftler- und Politikerzitate, düstere Musik und grelle Bilder, teils geradezu apokalyptische Stimmungsmache à la „Wir werden alle sterben!!!“ sind keine Seltenheit. Das Geschäft mit der Angst blüht – Einschaltquoten, Leserzahlen und Klicks bedeuten Geld.

Gleichwohl gilt: Anlass zur Sorglosigkeit gibt es ebenso wenig. Was für den Einzelnen, für den gesunden Mittzwanziger bis Mittvierziger nur als eine ca. zweiwöchige Erkältungskrankheit daherkommen mag, vermag für Menschen in hohem Alter oder mit chronischer Erkrankung bzw. geschwächtem Immunsystem eine tödliche Gefahr zu werden (was aber eben auch, so viel sollte man stets dazu sagen, in der Vergangenheit und in der Gegenwart genauso auch für die Grippe galt und gilt – über die allerdings derzeit kaum jemand redet). Die Gefahr für diese Bevölkerungsgruppe ist real, ebenso damit auch für das Gesundheitssystem als Ganzes, welchem die Überlastung droht, was dann wiederum dramatische Kettenreaktionen auszulösen vermag. Vor diesem Hintergrund haben teils auch drastische Infektionsschutzmaßnahmen durchaus ihre Berechtigung – selbst wenn der gesunde Normalbürger im Zuge einer Corona-Infektion womöglich mit einem leichten Husten davonkommt.

Ein vernachlässigtes Thema

Soweit nichts Neues. Und doch birgt die jüngste, ohne Übertreibung als global zu bezeichnende Pandemie Eigenschaften in sich, die geeignet sind, vermeintlich sicher gewordene Überzeugungen zu erschüttern und bisher eher im Abseits stehende politische Schlussfolgerungen der Allgemeinheit plausibel zu machen. Eine davon formulierte vor einiger Zeit im Landtag von Nordrhein-Westfalen der gesundheitspolitische Sprecher der dortigen AfD-Landtagsfraktion, der Arzt Martin Vincentz, als er in einer Rede, die derzeit als eine der wenigen besonnen-durchdachten Wortbeiträge zum Thema gewertet werden kann, als Fazit aus der Corona-Krise die Forderung nach Deglobalisierung erhob.

In der Tat: Nicht die zunächst regional begrenzte Corona-Epidemie, wohl aber die globale Corona-Pandemie kann als eine direkte Folge gerade auch der Globalisierung gesehen werden – und damit als Folge eines gesellschaftlichen Wandels, den selbst konservative Kreise bisher noch nicht in ausreichendem Maße problematisiert haben. Problematisiert werden wenn, dann zumeist nur (andere) Folgen eben dieser: Massenmigration, die Transformation Europas zum EU-Superstaat. Die Kritik an der Globalisierung als Ganzes überlässt man unverständlicherweise allzu oft noch der politischen Linken, da man teilweise vor der (auch mit Blick auf globale Finanzkrisen und deren Dynamiken und Kettenreaktionen!) dringend notwendigen Kapitalismuskritik zurückschreckt.

Corona lehrt uns, was uns auch schon die Finanzkrise vor über einem Jahrzehnt hätte lehren sollen: Globalisierung ist ein Problem. Sie ist mit Blick auf Migrationsströme ein Problem, sie ist mit Blick auf das globale Finanzsystem und den globalisierten Kapitalismus ein Problem und sie ist eben auch ein Problem für die Gesundheit der Völker, da sie neue Übertragungs- und Infektionswege herstellt, sie begünstigt, sie beschleunigt. Die endlose Vernetzung und endlose Interdependenz von allem mit allem, die globale, postmoderne Grenzenlosigkeit sowohl in politisch-nationalstaatlichem als auch in technischem Sinne bringt uns in vielen Lebensbereichen handfeste negative bis regelrecht katastrophale Folgen, die die partiellen Vorteile in materieller Hinsicht (günstige Preise für Kleidung und manch andere Dekadenzsymptome der westlichen Konsumgesellschaft) nicht aufwiegen.

In was für einer Gesellschaft leben wir?

Die Makrosoziologie kennt verschiedene theoretische Ansätze, die sich dem Problemkomplex nähern und sich in einer Beschreibung dessen, das da mit uns, unserer Welt und ihren Gesellschaften passiert, versucht. Und da fängt das Problem auch schon an: Gesellschaften – oder Gesellschaft, also Weltgesellschaft? Leben wir in national umgrenzten Territorialgesellschaften oder in einer großen globalen, nur durch unsere „Planetenbindung“ begrenzten Weltgesellschaft? Man muss kein Soziologe sein, um die politische Brisanz zu erkennen, die in derlei (nicht nur) terminologischen Unterschieden steckt. Je nach Definition des Gesellschaftsbegriffes muss die Frage unterschiedlich beantwortet werden: Definiert man ihn traditionell, d. h. staatsrechtlich bzw. politisch, bleibt Gesellschaft etwas territorial, national und staatlich begrenztes. Sieht man Gesellschaft wie etwa der Soziologe Niklas Luhmann als „Gesamtheit aller Kommunikationen“ an, so ist sie nur als Weltgesellschaft denkbar. Aus der hier und an dieser Stelle dezidiert postulierten politischen Perspektive schließen wir uns der ersteren Stoßrichtung an.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass bestimmte Diagnosen, die aus weltgesellschaftlichen Theorieperspektiven resultieren, deswegen falsch sein müssen. Es war der Soziologe Ulrich Beck, der Mitte der 80er Jahre erstmals das Konzept der Risikogesellschaft präsentiert hat, welches unter dem Eindruck der Tschernobyl-Katastrophe 1986 nochmal besonders gesteigerte Aufmerksamkeit erfuhr. Beck vertrat in diesem Zusammenhang die These, dass wir uns auf „dem Weg in eine andere Moderne“ befinden, die dadurch gekennzeichnet ist, dass wir im Zuge von Aufklärung und technisch-wissenschaftlichem Fortschritt nicht mehr Gott bzw. menschliche Sünden für Katastrophen verantwortlich machen, sondern diese uns selbst zuschreiben und somit die Menschheit selbst in der Verantwortung sehen. Das erst gebiert Risiken und somit Politik, die sich der Minimierung bzw. Eliminierung dieser zu widmen hat, basierend auf eigens dadurch und dafür geschaffenen wissenschaftlichen (Unter-)Disziplinen wie etwa der Statistik.

Die Entgrenzung von Risiken

In einem weiteren Schritt verband Beck diesen Ansatz noch stärker mit der Globalisierungsthematik und postulierte (durchaus treffend) eine Weltrisikogesellschaft, die sich eben auch durch die explizite Globalisierung von Risiken auszeichnet. Heutige globale Risiken sind entgrenzt, also von Nationalstaaten unabhängig geworden. Nicht selten sind sie auch unkontrollierbar, da eben eine globale politische Steuerungsinstanz – also ein (freilich alles andere als wünschenswerter) Weltstaat – fehlt, von einigen wenigen Elementen der Global Governance und der globalen Regulierung durch Weltorganisationen wie etwa UN und WHO abgesehen. Zudem sind sie durch Nichtwissen geprägt: Rasante und schnelle technische Entwicklung schafft eben auch so schnell neue Risiken, dass die Erforschung eben dieser kaum hinterherkommt und auch nicht global koordiniert werden kann. Neues Wissen ist niemals nur neues Wissen, sondern immer auch neues Nichtwissen. Neue Antworten generieren immer auch neue Fragen. Der Mensch wird niemals allwissend sein.

Derjenige Leser, der schnell von Begriff ist, wird hier – neben so manchen anderen echten oder imaginierten globalen Risiken – die Corona-Pandemie plastisch wiedererkennen können. Sie stellt dank Globalisierung nicht nur ein entgrenztes „Weltrisiko“ dar, sondern ist auch nur eingeschränkt kontrollierbar. Zugleich ist das mit ihr noch verbundene Nichtwissen beträchtlich – auch bei den Experten, erst recht aber beim Laien, der nun einmal die gesellschaftliche Mehrheit bildet, aber an der Ausbreitung wie auch an der Betroffenheit durch den Virus den Löwenanteil trägt.

Von Beck stammt das ebenso treffende Bonmot: „Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch.“ Will heißen: Globale Risiken betreffen alle sozialen Schichten fast gleichermaßen. Sicherlich kann, wer Geld hat, sich besser vor den Auswirkungen so mancher Risiken schützen, aber Radioaktivität, Umweltschäden und eben auch Epidemien manchen eben nicht vor gut betuchten Menschen halt. Bei Corona könnte man womöglich sogar noch weiter gehen und vermuten, dass der Virus eventuell eher noch die kosmopolitisch-elitären, im Wohlstand lebenden, viel reisenden Anywheres trifft als die Somewheres, also den bodenständigen, regional verwurzelten „kleinen Mann“. Es ist kein Zufall, dass die Krankheit in nicht geringem Ausmaß auch schon prominente Politiker getroffen hat, die viel reisen, viele Hände schütteln, viele Weltregionen besuchen.

Kollektive Neurose durch massenmediale Überreizung

Und noch etwas generiert die Welt(risiko)gesellschaft: Eine massenmediale Globalisierung, welche Kommunikationswege massiv verkürzt und mediale Kommunikation extrem beschleunigt. Und das hat (kollektiv-)psychologische Folgen! Wo Menschen ihre Neuigkeiten nicht mehr maßgeblich aus der gedruckten Zeitung oder der abendlichen Tagesschau erfahren, sondern wo die mal mehr, mal weniger seriösen Informationen – so gut wie unabhängig von der jeweiligen Lokalität – fast in Live-Geschwindigkeit auf „News-Tickern“ online hereintrudeln und diese ebenso in Live-Geschwindigkeit auf (manchmal erzwungenermaßen) omnipräsenten Smartphones rezipiert werden können, da wird nicht nur Aufmerksamkeit und Problembewusstsein gesteigert (das allein wäre ja noch nicht negativ), sondern auch die damit verknüpften Emotionen.

Kollektive Ängste, Panik, Hysterie, auch Hypochondrie, allgemeines Sich-Hineinsteigern in Themen, die, wenn sie akut sind, nahezu 24 Stunden lang die eigene Lebenswelt beherrschen, einem kontinuierlich, wo es nur geht, um die Ohren gehauen werden – all das wirkt auf die Weltrisikogesellschaft geradezu neurotisierend. Es nährt die allgemein wahrgenommene Meinung, mit der Menschheit gehe es im 21. Jahrhundert wieder steil bergab, obwohl so manche Missstände des 20. Jahrhunderts (z. B. die Gefahr eines globalen Atomkrieges) deutlich verringert worden sind und wir in manchen Bereichen durchaus Grund hätten, mehr Optimismus zu wagen. Doch wer sich den ganzen Tag über mit ängstigenden Nachrichten und Aufregern „zuballern“ lässt, wird eben abends nicht als psychisch rundum gesunder, ausgeglichener Mensch ins Bett gehen. Wir befinden uns insofern heutzutage in der skurrilen Situation, dass wir uns vor den selbstgeschaffenen, modernisierungs- und globalisierungsbedingten Risiken aufgrund eben jener Globalisierung noch deutlich mehr ängstigen als wir es womöglich sonst täten. Ein Missstand, an dem wiederum ganz andere Akteure nahezu zeitgleich gut verdienen – neben der Pharmaindustrie insbesondere die Medienkonzerne.

Globalisierungskritik von rechts

In der Gesamtsicht wird deutlich, dass Globalisierung ein Thema ist, das wir in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt haben – gerade auch auf Seiten der politischen Rechten. Dies zu korrigieren wird eine der kommenden Herausforderungen auch für die AfD sein, die momentan in der nicht unerheblichen Gefahr operiert, selbst ein indirektes Opfer der Pandemie zu werden: In Kriegs- wie in Krisenzeiten neigen die Menschen dazu, nach Sicherheit zu streben und die Regierenden zu stützen. Veränderung ist in derlei Phasen tendenziell unerwünscht. Derartige Grundstimmungen werden der politischen Rechten in Deutschland eher schaden als nützen. Hier gilt es vorzusorgen, indem man eigene Alternativen und Lösungen aufzeigt – und indem man die eigene Problemdiagnose artikuliert, deren Inhalt die Altparteien aller Wahrscheinlichkeit nach eifrig kleinreden werden. Die Devise heißt nun: Wir brauchen eine Globalisierungskritik von rechts!

Florian Sander

Florian Sander, M. A., hatte zunächst einen nebenamtlichen Lehrauftrag (2013 – 2015), danach eine hauptamtliche Dozentur (2016 – 2019) an einer Fachhochschule inne, lehrte dort Sozialpsychologie, Soziologie und Politikwissenschaft und arbeitete auch als Verhaltenstrainer. Er ist aktuell Doktorand an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS), Universität Bielefeld.
Von 2009 bis 2014 war er Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Seit 2018 betätigt er sich als Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD NRW sowie als Leiter des Arbeitskreises Kommunalpolitik der AfD Bielefeld, deren stellvertretender Kreissprecher er seit 2019 ist. Er war Autor für den Blog Le Bohémien (2010 – 2017), für das Online-Magazin Rubikon (2017 – 2018) und für die Linke Zeitung (2017 – 2018) und schreibt seit 2018 für das Kultur- und Lifestyle-Magazin Arcadi sowie seit 2019 auch für den Blog des Jungeuropa-Verlags, für die rechtsintellektuelle, vom Institut für Staatspolitik (IfS) herausgegebene Zeitschrift Sezession und für das Zentralorgan des Bundes Deutscher Unitarier e. V., Glauben und Wirken.

Otto Strasser – Der linke Nationalsozialist

Günter Bartsch

Otto Strasser – Der linke Nationalsozialist

Auszug

Es gehört zu den einmaligen Besonderheiten Otto Strassers, sowohl gegen die Bayerische Räterepublik als auch gegen den Kapp-Putsch von 1920 gekämpft zu haben. Er war ein Rechter von links und ein Linker von rechts. Wollten sich diese entgegengesetzten Pole in seiner Person versuchsweise ausbalan­cieren?

Otto Strasser war ein Konservativer, aber auch ein Revolutionär. Die bis dahin abstrakte Formel der Konservativen Revolution füllte sich erst durch ihn mit Leben und Spannung.

Er war Nationalist, aber auch Sozialist. So lag es nahe, daß er früher oder später auf den Nationalsozialismus stoßen würde. Allerdings verstand er dar­unter von Anbeginn etwas anderes als Adolf Hitler, nämlich die Nationwerdung des deutschen Volkes auf sozialem Grunde.

Otto Strasser gehörte im Laufe seines politischen Lebens drei verschiede­nen Bewegungen an: der jungkonservativen, in die er durch Moeller van den Bruck eingeführt worden ist; der sozialistischen über die zeitweilige Mitglied­schaft in der SPD; und der nationalsozialistischen, in die er erst durch seinen Bruder Gregor kam.

Aber keiner dieser drei Bewegungen verschrieb er sich ganz. Bei den Jung­konservativen mißfielen ihm die Herrenklubmanieren, bei den Sozialdemo­kraten ihre politische Unentschlossenheit und vermeintliche Vaterlandsblind­heit, bei den Nationalsozialisten eine seltsame Verschwommenheit des sozia­listischen Wollens und der byzantinische Führerkult, schließlich auch der An­tisemitismus.

So wurde Otto Strasser in allen drei Bewegungen zum Außenseiter. Er saß zwischen drei Stühlen und konnte nirgends eine politische Heimat finden. Daraus ist in seinen Charakter ein unsteter Zug eingeflossen. Dem Versuch, sich nach allen Enttäuschungen selbst eine politische Heimat zu schaffen – durch die Kampfgemeinschaft, durch die Schwarze Front und nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich durch die Deutsch-Soziale Union – war jeweils nur für einige Jahre ein gewisser Erfolg beschieden. Deshalb ist es im Grunde kein Verrat gewesen, als er die Deutsch-Soziale Union verließ und wieder auf die Suche ging. Der Tod fand ihn bezeichnenderweise auf einem Kranken­hausflur. Auch als Deutscher hatte er seine Heimat verloren. Luftwurzeln reichten nicht aus, sie wiederzugewinnen.

Doch trotz seiner Randposition war sein Schicksal für viele Menschen re­präsentativ. Für jene, die sich zwar politisch betätigen wollten, aber in kei­ner Partei ganz zu Hause fühlten. Außerdem spiegelten sich in seinem Tun und Denken alle Illusionen, die Hunderttausende und schließlich Millionen Deutsche der NSDAP zuströmen ließen. Doch Otto Strasser sprang schon 1930 ab, als ihm endgültig klar war, welchen Kurs Hitler steuerte. Nun setzte er Freiheit und Leben aufs Spiel, um den Krieg und die voraussehbare Auf­teilung Deutschlands abzuwenden. Mit der Schwarzen Front hat er eine der stärksten und aktivsten Widerstandsorganisationen aufgebaut. Wenn er scheiterte, so sicher auch deshalb, weil seine autoritäre Konzeption der Er­neuerung Deutschlands keine echte Alternative zum NS-Staat enthielt und gegen die Zeitströmung schwamm.

Die Schwarze Front war in ihrem Kern weitgehend identisch mit der Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten. Otto Strasser hat im Nationalsozialismus zeitweilig die Trägerbewegung der deutschen und abend­ländischen Revolution zur Erneuerung überlebter Lebensformen gesehen. Seine Theorie der dreieinigen Bipolarität ist unter allen Revolutionstheorien die außenseiterischste.

In den 70er Jahren gab es eine gewisse Strasser-Nachfolge. Zuerst haben sich Nationalrevolutionäre mit seinem Programm befaßt. Ihnen sind andere Gruppen gefolgt. In Frankreich, England und den Niederlanden bestanden Zirkel, die Otto Strassers Theorie der dreieinigen Bipolarität aufgreifen und weiterdenken wollen. [Aber auch diese Versuche einer linksnationalistischen Neuformierung sind heute bereits Geschichte, Anmerkung des Verlages.]

Rezension von Hermine Brandenburger

Otto Strasser

Hitlers Feind Nr. 1 zwischen Selbst-Stilisierung und Realität

Otto Strasser, der sich in seinen autobiographischen Aufzeichnungen ein bißchen zu sehr als idealistischer Gegenspieler Hitlers, als „Hitlers Feind Nr. 1“ (ebd., S. 374) stilisiert, als Begründer eines Strasserismus gegen den Hitlerismus, ist trotz dieser Vorwürfe eine ungemindert wichtige Persönlichkeit, deren Leben und Wirken einen Einblick in die Zeit des Nationalsozialismus, seines Entstehens und seiner Verwerfungen bietet.

Bei der kritischen Lektüre kommt der aufmerksame Leser nicht umhin zu bemerken, daß viele von Strassers Lebenserinnerungen eines kritischen Blickes bedürfen: „Wenn ich für alle Lügen Otto Strassers 10 Mark bekommen hätte, wäre ich ein reicher Mann!“, sagte ein alter Schwarz-Front-Kämpfer zum Autor der Biographie (vgl. ebd. S. 258). Insbesondere Strassers Erinnerungen an das Zerwürfnis mit Hitler und die von ihm wiedergegebenen Hitler-Gespräche wirken in Teilen unglaubwürdig. Doch gerade angesichts der Anfeindungen nach Kriegsende, die Strasser erleben musste, der Beschimpfungen als Nazi und tätlichen Angriffe mögen seine Bestrebungen, sich als Idealist gegen Hitler darzustellen, verständlich, ja nachvollziehbar erscheinen.

Dies schmälert jedoch nicht den Wert der Biographie, die einen hervorragenden Einblick in das Leben und Wirken des sicherlich gefährlichsten Gegners Hitlers aus den Reihen des Nationalsozialismus bietet. Allein die Vielzahl von Attentatsversuchen auf Otto Strasser, die Ermordung seines Bruders Gregor – möglicherweise als „Stellvertretermord“, weil nur Gregor in greifbarer Nähe, Otto hingegen untergetaucht war – und die Risiken, die Otto Strasser auf sich nahm, um aus dem Ausland heraus weiter gegen Hitler zu opponieren, mögen genügen, um in ihm einen der bedeutendsten nationalen Widerstandskämpfer gegen das Hitler-Regime zu erkennen.

Darüber hinaus vermag das Buch, das das Werk Otto Strassers, seine Theorien und Überzeugungen, detailliert darstellt und in seine Biographie einbindet, ein Verständnis dieser heute so unverständlichen, fernen Zeit vermitteln. Ein Verständnis davon, dass der Nationalsozialismus nicht mit Adolf Hitler gleichzusetzen ist, dass es andere Strömungen gab, die sich nicht durchzusetzen vermochten. „Die Sozialisten verlassen die NSDAP!“, lautete bereits 1930 Strassers Aufruf. Die Verbindung der nationalen mit der sozialen Frage – das war Strassers Anliegen, mit besonderem Augenmerk auf dem Sozialen wohlgemerkt, während der Sozialismus für Hitler programmatisch nie von Bedeutung, sondern nur Mittel zum Zweck auf dem Weg zur Macht war.

Alles in allem ist Günter Bartschs Strasser-Biographie höchst lesenswert – ein kritischer Blick auf Strassers eigene Erinnerungen bleibt jedoch dringend geboten.

Hermine Brandenburger

Martin Buber – der Philosoph des dialogischen Nationalismus

von Henning Eichberg

Martin Buber – der Philosoph des dialogischen Nationalismus

„Als ich ein Kind war, las ich eine alte jüdische Sage, die ich nicht verstehen konnte. Sie erzählte nichts weiter als dies: , Vor den Toren Roms sitzt ein aussätziger Bettler und wartet. Es ist der Messias.‘ Damals kam ich zu einem alten Manne und fragte ihn: ,Worauf wartet erV Und der alte Mann antwortete mir etwas, was ich damals nicht verstand und erst später verstehen gelernt habe; er sagte: ,Auf dich.‘“

Die nationale Frage in der Umbruchszeit

Als Martin Buber (1878 – 1965) die Bettlergeschichte im Jahre 1910 erzählte, fiel dies in eine Zeit neuen nationalen Aufbruchs, insbesondere in Osteuropa. Als Parabel von der jüdischen Identität war Bubers Erzählung ein Teil dieser Umwälzungen. Und doch legte sie sich zugleich quer dazu. Wie das?

Erinnern wir uns: Jahrhundertwende und Vorfeld des Ersten Weltkriegs. Es rührte sich auf dem Balkan, wo sich das osmanische Reich im Rückzug befand. Im Ilinden-Aufstand in Makedonien 1903 vereinigte sich zum ersten Mal das nationalrevolutionäre Projekt – makedonische Selbstbestimmung gegen türkische Fremd­ herrschaft – mit sozialrevolutionären und anarchistischen Visionen. Auch andere südslawische Völker und die Albaner waren dabei, sich von den türkischen bzw. habsburgischen Reichsstrukturen abzukoppeln. Im Habsburgerreich war die Sozialdemokratie – mit ihrer multinationalen Ideologie, aber deutschen Dominanz – seit den 1890er Jahren im Zerfall begriffen, und „nationale Sozialisten“ tauchten allerorten auf, unter Tschechen, Polen, Juden … 1905 hatten sich erste Signale des revolutionären Umbruchs auch in Rußland gezeigt, und unter den Einwirkungen des imperialistischen Kriegs (1914 – 18) sollte sich dies zu einem allgemeinen Auf­ruhr der Völker gegen das Zarenreich ausweiten. In der Folge dessen machten sich Finnen und Georgier, Armenier, Ukrainer, Polen, Esten, Letten und Litauer so­ wie verschiedene asiatische Völker selbständig.
(Ja, wir sprechen hier nicht von der Wende 1989/90. Oder doch?)

Am Westrand Europas erhoben zur gleichen Zeit erstmals Bretonen Forderungen gegen die französisch-zentralstaatliche Unterdrückung. In Irland befanden sich nationalistische Republikaner, gälische Kulturaktivisten und syndikalistische Gewerkschafter in gemeinsamer Auseinandersetzung mit der britischen Kolonialherrschaft, und zu Ostern 1916 versuchte man den bewaffneten Aufstand. Der Gewerkschaftsführer James Connolly, der eine gleichzeitig nationalrevolutionäre und syndikalistische Sicht der irischen Frage entwickelt hatte, wurde als Führer des Aufstands von britischen Truppen hingerichtet – und zum Nationalhelden.
Die nationale Frage stand in Europa auf der Tagesordnung. Die Völker forderten, zum Subjekt der Geschichte zu werden.

James Connolly – 1916 hingerichtet
Eine nationalrevolutionäre und syndikalistische Perspektive:
Die nationale Frage auf der Tagesordnung in Europa!

Damals – wie heute – stellte der revolutionäre Umbruch die Geglaubtheiten des bürgerlichen (und also auch des sozialdemokratischen und marxistischen) Weltbilds in Frage. Die Theorien über das Nationale als Übergangsphase im gesetzmäßigen Streben nach dem größeren Markt fielen in sich zusammen. Denn die Völker erschienen ja nun als die kleineren Einheiten an der Oberfläche. Und keinesfalls nur als bürgerliche Zwischenstufen. Die neuen Realitäten waren weder nur als luftige „Ideen“ noch nur von den ökonomischen „Interessen“ her zu verstehen – und schon gar nicht als „Verschwörungen“ (obwohl die paranoiden Deutungen damals wie heute blühten). Sondern sie waren politisch-gesellschaftlicher Ausdruck menschlicher Grundbedingungen. Eine spätere Zeit fand dafür das Stichwort: volkliche Identität.

Vom Zionismus zur Mystik

Martin Buber war der Philosoph der Identität, noch bevor das Wort in diesem Sinne – nationale Identität, kulturelle Identität – gefunden worden war. Er entwickelte die umfassendste Volklichkeitstheorie des 20. Jahrhunderts mit ihrem Mittelpunkt im „dialogischen Prinzip“. Von der Identität handelte auch seine Bettler­geschichte.

Judentum – das war Bubers Ausgangspunkt – ist nicht einfach objektiv da wie eine Sache – obwohl das reale jüdische Volk mit seinem materiellen Leben und seinen inneren Widersprüchen die Voraussetzung der jüdischen Identität ist. Judentum ist aber andererseits auch nicht nur ein subjektives Bekenntnis, die bewußte Identifikation mit einer Idee, einer Bewegung – obwohl Buber mit großem Einsatz für die zionistische Idee arbeitete. Sondern die „innere jüdische Frage“ ist mehr, und Bubers ganzes Lebenswerk kreiste um dieses „Mehr“. Das hatte etwas mit dem Messias zu tun. Doch gerade nicht mit dessen großartigem Reich, denn der Messias ist ein Bettler. Aussätzig sitzt er vor den Toren der großen Stadt. Die jüdische Frage hat mit diesem Ort zu tun, draußen vor. Und vor allem mit dem Warten „auf dich“. Das ist der Kern.

Das unschuldige „Du“ enthält die eigentliche volklich-nationale Pointe. Und so harmlos es wirken mag – was heißt schon „du“? –, es schließt die sozialistische und die religiöse Dimension mit ein. Von dieser Basis her erschließt sich erst die Bedeutung dessen, was es heißt, ein Volk zu sein. Es geht um „dich“.

Welche biographischen Erfahrungen lagen dieser Entdeckung zugrunde?
Martin Buber wurde 1878 in Wien geboren. Da seine Eltern kurz darauf geschieden wurden, verschwand seine Mutter aus seinem Leben, kaum daß er drei Jahre alt war. Der Mutterverlust trug gewiß dazu bei, daß ihm das „Du“ zu einem Problem werden konnte – zu einem Problem, das er ins Schöpferische wandte.

Buber wuchs dann bei seinen Großeltern in Lemberg auf. Seine Umwelt war geprägt vom wohlhabenden Großbürgertum, von jüdischer Gemeinde und volklicher Vielfalt. Um ihn herum sprach man deutsch, jiddisch, hebräisch, ukrainisch und polnisch.

Ab 1896 studierte Buber Philosophie und Kunstgeschichte in Wien, später auch in Leipzig und Zürich. Er beschäftigte sich mit der Neuromantik, mit Nietzsche und mit der deutschen Mystik – Nicolaus Cusanus, Paracelsus, Jakob Böhme, Meister Eckhart. Zugleich wurde er aktiv im jüdisch-nationalen Studentenmilieu und nahm an den ersten Diskussionen des aufkommenden Zionismus teil: Gibt es so etwas wie ein jüdisches „Volk“?

Die Jahre 1904 – 12 brachten jedoch einen grundlegenden Einbruch in Martin Bubers Leben. Er zog sich vom politischen Zionismus zurück und entdeckte – wohl aufgrund einer Lebenskrise und eigener visionärer Erlebnisse – die chassidische Mystik wieder. Während er seine Doktorarbeit über die deutsche Mystik abschloß, begann er, chassidische Legenden nachzuerzählen und herauszugeben. Das Chassidentum war eine spirituelle Bewegung, die mit Rabbi Israel, genannt Baal-Schem-Tow, im 18. Jahrhundert begann. Daß dieser Teil aus der reichen Kultur des Ostjudentums als literarische Erinnerung bewahrt worden ist – vor den Völkermorden des Stalinismus und des Nazismus –, ist Bubers Sammlerarbeit zu verdanken.

Rabbi Israel, gennat Baal-Schem-Tow
Begründer des Chassidentums im 18. Jahrhundert.

Die Wiedererzählung war jedoch mehr denn nur eine Reproduktion. Sie führte zu Bubers philosophischem Hauptwerk: „Ich und Du“, 1923.

Volklichkeit, Genossenschaftssozialismus und Volkshochschule

Als Martin Buber nunmehr zum Zionismus zurückkehrte, geschah das auf einer neuen Grundlage. Nun war es ihm möglich, klar zwischen zwei Formen des Nationalismus zu unterschieden. Den einen sah er als Signal, als einen notwendigen Hilferuf aus der Einsamkeit des Menschen und aus der gesellschaftlichen Entfremdung heraus, wie sie sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gezeigt hatte. Der andere repräsentierte diese Entfremdung selbst, es war die Hybris gegenüber den anderen Völkern.

Seinen eigenen Kulturzionismus bezog Buber auf den ersteren: Volklicher Nationalismus ist die Transzendenz der neuen Zeit. Das enthält eine permanente Auseinandersetzung mit dem anderen Nationalismus, der im Falle des Zionismus bedeutete, die Araber aus Palästina zu vertreiben und den „rein“ jüdischen Staat zu errichten. Der volkliche Nationalismus, für den Buber vergeblich warb, sollte dagegen das binationale Palästina ansteuern, jüdisch und arabisch zugleich, eine dialogische Kultur zwischen europäischer und asiatischer Spiritualität.

Das war insbesondere für das bürgerlich angepaßte Wohlstandsjudentum Westeuropas eine Provokation. Wenn wir das „Morgen in Jerusalem“ wirklich ernst meinen – so Buber –, dann bedeutet das die Re-Asiatisierung (oder eher: eine neue Asiatisierung) des Judentums. Für den jüdischen Bourgeois, der mit Abscheu auf den chassidischen „Kaftanjuden“ ebenso wie auf die Araber herunterschaute, war das ein harter Brocken.

Damit deutete sich schon die soziale, die sozialistische und gesellschaftskritische Dimension von Martin Bubers Beitrag an. Und sie bezog sich nicht nur auf die Juden. Entfremdung in der Industriegesellschaft ist nicht etwas, das durch staatliche Eingriffe oder parteipolitische Strategien abgeschafft werden kann. Sondern sie fordert permanent heraus zum alternativen Experiment. Sozialismus ist eine andauernde Anstrengung, kein System. Gustav Landauer, Bubers Freund aus der Münchener Boheme, entwickelte die Idee vom „Dorfsozialismus“. In der Genossenschaft – ein anarchistisches Projekt – läßt sich gemeinschaftlich der kapitalistischen Entfremdung entgegenarbeiten.

Die Genossenschaftsidee kam auf diese Weise – nicht zuletzt durch Martin Bubers Mitwirken – nach Palästina und wurde dort zu realer Praxis: als Kibbuz. Im Kibbuz vereinten sich die Ansätze des Sozialismus aus dem osteuropäischen Judentum und die Genossenschafts- und Siedlungsidee der deutschen Jugendbewegung (zu der Buber auch gehörte). Oder, um es in all seiner Paradoxie deutlich zu machen: Während die neuromantischen Siedlungsgenossenschaften der deutschen Jugendbewegung in Deutschland selbst scheiterten, hatten sie an einer ganz anderen Stelle Erfolg und Kontinuität – in Palästina. Und dies mit Martin Bubers philosophischer Vermittlung. Denn genossenschaftliche Arbeit heißt: „du“ sagen in der Praxis der Produktion und des Zusammenlebens. Sozialismus ist kein System und schon gar kein staatliches (er ist dem Staat eher entgegengesetzt). Sondern er ist das dialogische Prinzip in der gesellschaftlichen Praxis.

Die Ideen von Volklichkeit und Genossenschaft berührten nun das, was ein Hauptbeitrag Bubers zur Praxis des Zionismus wurde: die Bildungsidee.
Das volklich-nationale Handeln – so Buber – bliebe ohne Kontinuität, wenn es nicht gelänge, Brücken zwischen den Generationen zu bauen, institutionelle Brücken. Wie könnte das aussehen? Hier bezog sich Buber direkt auf den dänischen Dichter und Volksbildner Grundtvig und stellte die dänische Folkehüjskole (Volkshochschule) den Jungzionisten als Vorbild vor Augen. In der Folkehßjskole entfaltet sich – zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Jungen und Alten – das Lernen als Zusammenleben, bei Tag und Nacht, im Reden und Schweigen. Die dänische Volkshochschule sollte jedoch – so Buber – eine Erweiterung erfahren durch das, was die deutsche Jugendbewegung als Entdeckung und Gewinn gebracht hatte: körperliche Arbeit, Spiel und Tanz, Naturerlebnis und Bewegung – das gemeinsame Schweigen, abends, am Waldrand.

Buber selbst gründete 1919 das „Freie Jüdische Lehrhaus“ in Frankfurt am Main und widmete sich von nun an völlig der jüdischen Erwachsenenbildung. Sein Hauptprojekt wurde die Übersetzung der Bibel aus dem Hebräischen ins Deutsche.

Martin Bubers Tragödie bestand darin, daß, als diese große jüdisch-deutsche Übersetzung abgeschlossen war, das deutsch-jüdische Volk ausgerottet war.

Als die NS-Antisemiten 1933 zur Macht kamen, legte Buber selbst seine religionswissenschaftliche Professur an der Frankfurter Universität nieder. 1935 wurde ihm öffentliches Auftreten verboten. 1938 wanderte er nach Palästina aus, wo er Professor für Sozialphilosophie an der Hebräischen Universität Jerusalem wurde.

Von nun an wurde Buber zur weltweit bekanntesten Kulturpersönlichkeit des neuen Israel – aber auch zu einer umstrittenen Gestalt aufgrund der proarabischen Orientierung seines Kulturzionismus. Orthodoxen Theologen erschien er geradezu als Ketzer. Und 1965, bei seinem Begräbnis, legten arabische Studenten Blumen auf seinen Sarg, der (und obwohl er) mit einer israelischen Fahne bedeckt war.

Bubers große Vision von einem dialogischen Verständnis der volklichen Identität hatte keine Chance in Israel. Sie war zutiefst ungleichzeitig.

Auch in Deutschland wurde Buber systematisch mißverstanden. Da hielt man von offizieller Seite her zwar seinen Namen hoch, weil er sich trotz der Schreckenstaten des deutschen NS-Staats nicht gegen das deutsche Volk aufbringen ließ. Die deutsch-jüdische Symbiose, so hatte er zwar schon nach der Kristallnacht fest­ gestellt, ist zerbrochen, und sie ist nicht wiederherstellbar. Aber was bleibt, sind die Völker – das jüdische und das deutsche, die zueinander „du“ sagen können und müssen.

Die Herausforderung wurde aber von den Nachkriegsregimes in den Deutschländern nicht aufgenommen, sondern Bubers menschliche Haltung wurde bei der Etablierung des westdeutschen Staates als Alibi mißbraucht. Zugleich verdünnte man seine humanistische Philosophie bis zur Unkenntlichkeit zu einem abstrakten Existentialismus. Ich selbst erinnere mich, in meinen Schulbüchern der fünfziger Jahre diesem Buber als einem zahnlosen, verwaschenen Allerweltsphilosophen begegnet zu sein. „Der Mensch an sich“ und ein langer Bart – ein Inbegriff von bürgerlicher Harmlosig- und Unschädlichkeit. Der große Mystiker des Judentums, der Theoretiker des Nationalismus und der Anarchie wurde uns damit ferngehalten. Erst hatte man sein Volk nach Auschwitz gesandt. Nun löschte man auch noch das Wissen um den revolutionären Denker aus. Deutlicher konnte sich die Schande des westdeutschen Staates kaum ausdrücken.

Viel mußte geschehen, damit diese Stagnation – ja, „Stagnation“ sollte man sie nicht nur in Rußland nennen – überwunden wurde. 1968 mußte kommen – und doch, der Jammer setzte sich fort. Der Jugendaufruhr entdeckte trotz seines subjektiven Antinazismus den antiautoritären Revolutionär Buber eben nicht wieder. Erst die Revolution von 1989 in Osteuropa hat unüberhörbar die nationale Frage neu auf die Tagesordnung gesetzt. Nun wird man um Martin Bubers Dialog- und Volklichkeitsphilosophie nicht mehr herumkommen – ein Licht, das aus dem Osten kam.

„Du Baum“

In seinem kleinen Buch „Ich und Du“, seinem philosophischen Hauptwerk, formulierte Martin Buber 1923, was man „die kopernikanische Tat des modernen Denkens“ genannt hat: die Entdeckung des Du.

In poetischen Wendungen geht Buber dabei aus von der Frage, was es bedeute, „du“ oder „es“ zu einem anderen Wesen zu sagen. Sage ich „es“ („er“) über einen Baum, so erscheint mir der Baum als Gegenstand der Erfahrung oder der Verwendung. Ich kann den Baum als ein Bild betrachten, ich kann ihn in das System der Arten einordnen, ich kann ihn von den Naturgesetzmäßigkeiten – Energieumwandlung, Evolution, Statik – her analysieren, ich kann ihn vermessen, ich kann ihn zersägen. Auch wenn ich ihn im Gedicht beschreibe nach Farbe und Duft, bleibt er doch ein „Es“, mir gegenüber das Andere, von mir getrennt.

Aber: ich kann auch „du“ sagen zum Baum. Mit einem Schlage verändert er sich für mich, und damit wälzt sich zugleich das ganze Verhältnis um. Es wird zur Relation. „Du Baum“. Du Baum enthältst zwar all das andere auch, das dich als ein „Es“ charakterisiert: Farbe und Chemie, Harzduft und Rauschen, biologischen Kreislauf und Gebrauchswert, Maß und Bild. Aber zum einen ist es deine Ganzheit, die mir im Du entgegentritt. Und zum anderen: „Beziehung ist Gegenseitigkeit. „ Es ist also nicht dein Stoff und auch nicht deine, des Baumes „Seele“ oder „Idee“, die mir im Du begegnet. Sondern du bist es als Baums selbst – und als das Andere in der Beziehung.

Der Unterschied zwischen Es und Du läßt also letztlich das Ich nicht unberührt. Das Ich, das „es“ („er“) sagt zum Baum, ist ein anderes als dasjenige, das „du“ sagt. Das Ich für sich genommen gibt es nicht. Das Ich wird vom Du bestimmt.

Unter dem Aspekt der Entwicklung ist Bubers Pointe, daß nicht das Ich den Ursprung und Ausgangspunkt bildet, weder in der Entwicklung des einzelnen Menschen noch in der Geschichte der Menschheit. Damit wendet sich Buber frontal gegen die Annahmen des westlichen Ego-Zentrismus. Nein, nicht als Ich beginnen wir unseren Weg, sondern als Kind in der Du-Welt, im Leib der Mutter und auch noch nach der Geburt. Erst später entdeckt das Kind die Objektivierung des Es und das Subjektive des Ich.

Historisch gesehen bedeutet das, daß eine – tragische – Notwendigkeit die Transformation vom Du zum Ich und zum Es antreibt. Der geschichtliche Prozeß führt zur Verdinglichung von Beziehungen. „Jedem Du in der Welt ist seinem Wesen nach verhängt, Ding zu werden. „ Es führt kein Weg zurück in den Schoß der Gro­ ßen Mutter. Das „Zurück zum Du“ wäre Schwärmerei.

Aber das ist noch kein Grund, die ,,Zwingherrschaft des wuchernden Es“ widerstandslos hinzunehmen. Buber hielt hier die kulturkritische und sozialistische Perspektive fest und nannte dies „das dialogische Prinzip“. Es ist und bleibt eben doch das Du, das uns als die dritte Art der Weltbegegnung herausfordert, jenseits von Ich und Es. Also: zwar keine Illusion über die Herstellung einer heilen Welt des Du. Aber andererseits: nie vergessen, worin unsere Menschlichkeit besteht. Ihr Kern liegt im Verhältnis zum Du. Der Dialog ist möglich, trotz der Expansion des Es – also im Trotz – und zugleich als die tiefste Aufgabe des Menschen. In der Liebe.

Im letzten Teil seines Buches näherte sich Buber der theologischen Pointe des Du. Was die Menschen „Gott“ nennen, ist nichts anderes als ein großes Du, das ewige Du. Wie sollten wir sonst zueinander „du“ sagen können, wenn es nicht die Bedingung der Möglichkeit gäbe, „du“ zu sagen? Gebet und Opfer sind konkrete Formen, sich dem großen Du in Worten und Handlungen zuzuwenden. Gott ist also nicht etwas, das wir als „Es“ (oder „Er“) beschreiben, deuten, erklären, theologisch dogmatisieren, katechisieren oder auch nur benennen können. Zu Gott kann der Mensch nur „Du“ sagen. – Aber auch hier schlägt der Verdinglichungsprozeß durch. „Glaube“ und Theologen machen Gott zu einem Wesen, über das man Sprechen könne, zu einem Gegenstand, zu einem monologischen Er. Der Gott als Glaubensinhalt und als Kultobjekt wird zum Es. Aber Meditation und mystische Erfahrung öffnen den Weg erneut zum Dialog.

All dies ist mehr denn nur abstrakte Philosophie, mehr als ein trialektisches Gedankenspiel. Die Philosophie des Du enthält Politik, Gesellschafts- und Kulturkritik und nicht zuletzt eine praktische Pädagogik (oder: Antipädagogik).

Dialogische Bildung im Sinne Bubers bedeutet: Hören geht vor Lesen, Lernen geht vor Wissen. Oder was Grundtvig „das lebendige Wort“ genannt hat, das sich nicht im – „toten“ – Buch und Buchstaben verfestigt, sondern zwischen lebenden Menschen dialogisch ausgetauscht wird. So daß nicht zuletzt der Lehrer vom Schüler lernt. Das Wort ist ein Hauptmedium der pädagogischen Begegnung, doch nicht als Grammatik, sondern als Rhythmus und Ton, als Mantra, als – so Buber – „Sprachleiblichkeit“. Der Körper im Ganzen ist die Basis des Dialogs. Wie Baal-Schem-Tow es ausdrückte: „Sehen lernen, daß in aller Leiblichkeit ein heiliges Leben ist und daß man alles zu dieser ihrer Wurzel zurückführen und heiligen kann.

Die Trialektik des Nationalismus

Von der Philosophie des Du her wird nun deutlich, daß Martin Bubers konkrete Stellungnahmen zu nationalen Fragen, zum Zionismus, zum binationalen Palästina, zum deutschen Volk (unter und nach dem Nazismus) usw. weit mehr waren als nur Ausdruck allgemein humanistischer oder individuell toleranter Haltungen. Sie hatten einen inneren Zusammenhang. Sie waren verbunden mit und in einer revolutionären Philosophie des Lebens, die das Dialogische in den Mittelpunkt stellte.

Die Philosophie kann daher zu einer differenzierten theoretischen Auffas­ sung vom Nationalen führen, von Nationalismus und nationaler Identität. Sie enthält im Kern eine alternative Identitätstheorie.

Normalerweise faßt man nationale und kulturelle Identitäten als etwas auf, worüber man spricht. Wer oder was sind „die Deutschen“, „die Juden“ …? Wie definiert man sie, wie grenzt man sie ab? Die extremste Form solcher Objektivierung brachte der Rassismus. Er mißt „die anderen“ (und die eigenen!) in Zentimetern – „Gehirnindex“ – und in Punkten – „Intelligenzquotient“. Aber er ist bei weitem nicht die einzige Ausprägung des „wuchernden Es“.

Die Identifikation mit Staat und Verfassung – „Verfassungspatriotismus“ – ist ein anderer Ausdruck solchen Nationalitätsmodells. Im Sport verläuft die Identifikation über die meßbare Leistung, kristallisiert in den internationalen Rangtabellen des Olympismus – Albertville: „Deutschland erfolgreichste Nation“ (F.A.Z.). Die Identifikation mit Wachstum und Produktivität – einschließlich der neuen „EG- Identität“ entspricht dem, was man in der einstigen Sowjetunion ironisch „Tonnenideologie“ genannt hat.

Diesem Objektivismus gegenüber steht das Individuum als Subjekt mit seinem Identitätssuchen: Wer bin ich? Die Ich-Identität enthält subjektive Erfahrung und Betroffenheit, die in der Thematisierung des Es-Identität zu verschwinden droht.

Das Verhältnis zwischen Es- und Ich-Identität wird anschaulich beschrieben in einer chassidischen Legende, die Martin Buber erzählt hat:

Rabbi Chanoch erzählte: „Es gab einmal einen Toren, den man den Golem nannte, so töricht war er. Am Morgen beim Aufstehn fiel es ihm immer so schwer, seine Kleider zusammenzusuchen, daß er am Abend, dran denkend, oft Scheu trug, schlafen zu gehn. Eines Abends faßte er sich schließlich ein Herz, nahm Zettel und Stift zur Hand und verzeichnete beim Auskleiden, wo er jedes Stück hinlegte. Am Morgen zog er wohlgemut den Zettel hervor und las: ,Die Mütze“ – hier war sie, er setzte sie auf, ,Die Hosen“, da lagen sie, er fuhr hinein, und so fort, bis er alles anhatte. ,Ja, aber wo bin ich denn?“ fragte er sich nun bang, ,wo bin ich geblieben?’ Umsonst suchte und suchte er, er konnte sich nicht finden.“ – „So geht es uns“, sagte der Rabbi.

Aber auch das Ich-Sagen – so sehr es den Horizont des „Golem“ und seiner Zettelwirtschaft erweitert – ergibt nur einen beschränkten Diskurs. Wo die Objektivierung – mit Bleistift und Papier – festschreibt, da macht die Subjektivität es schwer, wenn nicht gar unmöglich, intersubjektiv zu kommunizieren. Wer „ich“ bin – was kann ich davon „dem anderen“ vermitteln? Und was geht es ihn eigentlich an? Dasselbe gilt für die Problematik der zwischenvolklichen Verständigung.

Darum ist die Du-Identität die wesentliche Dimension des Nationalitätsdiskurses. Aber sie ist auch die vergessene Dimension. Bubers Geschichte vom aussätzigen Bettler erzählt von einigen solcher Du-Aspekte: Dialog zwischen „mir“ und dem alten Manne, Beziehung zwischen dem Messias und dem Volk, Anrede zwischen Gott und „dir“.

„Der Bund ist mir nicht aufgekündigt“

Der dritte Weg, der im Du-Nationalismus liegt, führt über die Liebe, nicht über den Haß. Ein lebendiges Bild davon gab Martin Buber 1933:

Ich lebe nicht fern von der Stadt Worms, an die mich eine Tradition meiner Ahnen bindet; und ich fahre von Zeit zu Zeit hinüber. Wenn ich hinüberfahre, gehe ich immer zuerst zum Dom. Das ist eine sichtbar gewordene Harmonie der Glieder, eine Ganzheit, in der kein Teil aus der Vollkommenheit wankt. Ich umwandle schauend den Dom mit einer vollkommenen Freude. Dann gehe ich zum jüdischen Friedhof hinüber. Der besteht aus schiefen, zerspellten, formlosen, richtungslosen Steinen. Ich stelle mich darein, blicke von diesem Friedhofsgewirr zu der herrlichen Harmonie empor, und mir ist, als sähe ich von Israel zur Kirche auf. Da unten hat man nicht ein Quentchen Gestalt; man hat nur die Steine und die Asche unter den Steinen. Man hat die Asche, wenn sie sich auch noch so verflüchtigt hat. Man hat die Leiblichkeit des Menschen, die dazu geworden sind. Man hat sie. Ich habe sie. Ich habe sie nicht als Leiblichkeit im Raum dieses Planeten, aber als Leiblichkeit meiner eigenen Erinnerung bis in die Tiefe der Geschichte, bis in den Sinai hin. – Ich habe da gestanden, war verbunden mit der Asche und quer durch sie mit den Urvätern. Das ist die Erinnerung an das Geschehen mit Gott, die allen Juden gegeben ist. Davon kann mich die Vollkommenheit des christlichen Gottesraumes nicht abbringen, nichts kann mich abbringen von der Gotteszeit Israels. – Ich habe da gestanden und habe alles selber erfahren, mir ist aller Tod widerfahren: all die Asche, all die Zerspelltheit, all der lautlose Jammer ist mein; aber der Bund ist mir nicht aufgekündigt worden. Ich liege am Boden, hingestürzt wie diese Steine. Aber gekündigt ist mir nicht.

Meine eigene Identität setzt also das Vorhandensein einer anderen Identität voraus, das ist eine existentielle Bedingung. Das Eigene kann nur sichtbar gemacht werden durch eine Beziehung, durch eine Relation. Das führt eine fundamentale Relativität mit sich, der das Du-Verhältnis unterliegt. Was ich in bezug auf „dich“ erlebe – nicht zuletzt: durch dich an mir selbst erlebe –, ist ein ganz anderes als das, was ich in bezug auf ein anderes Du erlebe – und somit „bin“. Diese tiefgehende Relativität gilt als Kulturrelativität auch zwischen den Völkern. Insofern gibt es „die“ Identität der Deutschen so wenig wie diejenige „der Franzosen“, „der Juden“, „der Bayern“, „der Homosexuellen“ …, sondern stets nur die Identität in bezug auf …

Und: Liebe zu den Eigenen und zur Welt der Anderen schließen einander nicht aus. Im Gegenteil, sie bedingen einander.

Damit nahm Buber Gedanken von Herder und Grundtvig wieder auf. Durch den Dialog der Liebe zwischen Volk und Volk spricht der Mensch zum ewigen Du. Insofern ist Nationalismus Gottesdienst. Und nur insofern.

Dennoch Demokratie wagen?

Es war kein historischer Zufall, daß Erfahrungen, wie sie Martin Buber ausdrückte, zum Begriff der volklichen Identität führten. Die „Identität“ als Beziehung eines kulturellen, also kollektiven Zusammenhangs trat mit Erik H. Erikson in den Diskurs der Sozialpsychologie, entwickelt vor einem jüdischen – deutschen, dänischen – Erfahrungshorizont (Schwartz 1989). Entsprechende Kulturerfahrungen bildeten den Grund für das, was man im Westen als „ethnic revival“ bezeichnet (vom Jiddischen her: Fishman 1984). Und in Mittel- und Osteuropa sind die treffendsten Beobachtungen zur nationalen Frage aus ähnlich gelagerter Sensibilität heraus entstanden, bei György Konrad und Günther Nenning zum Beispiel.

Was bei Herder als deutsche Romantik begann, befindet sich im 20. Jahrhundert also „in jüdischen Händen“. Das hat seine gute Logik, aber es ist auch zugleich die Geschichte eines deutschen Versagens, eines Versagens der „anderen Deutschen“. Die Geschichte hat eine paradoxe Antwort auf die „Kristallnacht“ gegeben. – Aber das geht nicht nur diese beiden Völker an.

Und damit sind wir wieder beim Umbruch von 1989 angelangt, bei dem, was nicht eine „neue Weltordnung“ wurde, sondern eine neue „Weltunordnung“ (Willy Brandt). Eine neue Vielfalt wurde sichtbar (die durchaus auch eine alte war – oder wurde?): Georgier, Osseten, Ukrainer, Weißrussen, Moldawier, Armenier, Aserbaidschaner, Wolgadeutsche, Letten, Litauer, Esten, Karelier, Krimtataren, Tschetschenen, Kroaten, Slowenen, Bosnier, Makedonier, Bretonen, Schotten, Waliser, Basken, Katalanen, Friesen, Sorben, Usbeken, Kasachen, Tadschiken, Kirgisen, Turkmenen, Mongolen, Tibeter, Kurden, Inuit in Sibirien, US-Alaska, Kanada und Grönland, Sami in den nordischen Staaten … Und wer will nun behaupten, an diesem Punkte sei Schluß? Welche Völker werden noch aus dem „Dunkel der Geschichte“ auftauchen, das nichts anderes ist als die Verdunkelung eines westlichen Bewußtseins? Aus dem Dunkel der Moderne ins Licht der Transmoderne mit ihrer neuen Mannigfaltigkeit und „neuen Unübersichtlichkeit“ (Habermas)? Vielfalt ist ein Gewinn für die Demokratie, für Demokratie als Lebensform. Volk ist die Basis von Selbstbestimmung.

Aber das ist nur die eine Seite. Auf der anderen vervielfältigen sich auch die Konfliktflächen und Spannungsfelder. Aserbaidschaner gegen Armenier, Polen gegen Juden und Deutsche, Bulgaren gegen Türken, Rumänen gegen Ungarn, Ungarn gegen Juden, Serben gegen Albaner, Deutsche gegen Polen, Russen gegen Juden, Georgier gegen Osseten …

Die großen Reiche der Moderne – Sowjetunion, USA, EG – pfleg(t)en ihre Zentralmachtbildung und die Aufhebung demokratischer Rechte von solchen Konflikten her zu rechtfertigen. Und sie schufen damit neue Konflikte und Massaker. Aber tatsächlich: Demokratie ist nicht ohne Kosten.

Gerade darum stellt sich die Aufgabe, das Phänomen des Nationalismus bis in seine sozio-psychologischen Voraussetzungen und Tiefendimensionen hinein zu durchdenken. Nationalistische Aggression oder imperial-multinationale Repression – das ist nicht die einzige Alternative. Wir leben nicht mehr in der Zeit von 1939-89. Die volkliche Selbstbestimmung steht auf der Tagesordnung. Aber nationale Demokratie kann ohne das Du-Sagen nicht wirken. Was heißt das praktisch?

Martin Bubers dialogische Auffassung von Nation blieb unverstanden und war ungleichzeitig zu seiner Zeit. Heute ist unüberhörbar, daß der Bettler „auf dich“ wartet.

Literatur:

Martin BUBER: Ich und Du. 1923. Nachdruck in: Das dialogische Prinzip. Hei­delberg 1973.
—: Der Jude und sein Judentum. Köln 1963.
—: Die Erzählungen der Chassidim. Zürich, 10. Aufl. 1987.
Henning EICHBERG: „Eingegrabene Spuren“. Oder: Die deutsche Identität ge­gen den westlichen Strich gebürstet. In: Niemandsland Nr. 8/9 (1989), 78-85.
Poul ENGBERG / Henning EICHBERG: Folkenes Europa. Odder 1989. Joshua FISHMAN et al.: The Rise and Fall of the Ethnie Revival. Berlin 1984. György KONRÄD: Mein Traum von Europa. In: Kursbuch Nr. 81 (1985), 175-13.
Gustav LANDAUER: Staat und Geist. Anarchistische Texte. Berlin 1978. Güther NENNING: Grenzenlos deutsch. München 1988.
Jonathan Mathew SCHWARTZ: In Defense of Homesickness. Kopenhagen 1989. Gerhard WEHR: Martin Buber. Reinbek 1968.

Henning Eichberg

Henning Eichberg (1942 – 2017), Kultursoziologe und Historiker, der seit 1982 in Dänemark lehrte, war bereits seit den ersten Ausgaben der Zeitschrift wir selbst (Gründung im Jahre 1979) der inspirierende Kopf. Sein intellektuelles Fluktuieren zwischen rechten und linken Denkströmungen, seine linksnationale, ethnoplurale Kritik am rechten Etatismus und seine radikale ökologische Orientierung wurden für uns programmatisch wegweisend, jedoch nie zu Dogmen.

Autor der Bücher:

Albtraum der globalistisch-neoliberalen Eliten in den USA: Tulsi Gabbard

von Florian Sander

Albtraum der globalistisch-neoliberalen Eliten in den USA: Tulsi Gabbard

Hillary Clinton und so manch anderer aus dem Establishment der Demokratischen Partei der USA dürfte in diesen Tagen wieder schlecht schlafen. So bewirbt sich derzeit, neben dem doch schon recht alten Sozialisten Bernie Sanders, noch eine andere Politikerin für die US-Präsidentschaftskandidatur, die inhaltlich und biografisch den globalistisch-neoliberalen Eliten ihrer Partei alles andere als genehm sein dürfte: Tulsi Gabbard – ehemalige Militärangehörige und Veteranin im Majorsrang, praktizierende Hindu, Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus aus dem Bundesstaat Hawaii. Hillary Clinton verstieg sich vor einiger Zeit gar zu der (wohl implizit gegen Gabbard gerichteten) Behauptung, auch 2020 würde Russland wieder eine Kandidatin fördern. Wer ist diese unorthodoxe Politikerin, die „Killary“ zum Einsatz dieser rhetorischen Atomwaffe (für die Gabbard sie übrigens im Januar dieses Jahres verklagt hat) veranlasst hat?

Gabbard, die religiös in einer Art Splittergruppe der Hare-Krishna-Bewegung sozialisiert wurde, wurde erstmals 2013 als erste Hindu in den US-Kongress gewählt, wo sie seitdem schwerpunktmäßig mit außen- und sicherheitspolitischen Themen befasst ist. Zuvor saß sie seit 2002 im Repräsentantenhaus ihres Bundesstaates Hawaii, meldete sich aber 2004 freiwillig zum Einsatz im Irak. 2008 bis 2009 bildete sie als Zugführerin der Militärpolizei in Kuwait dortige Militärangehörige in Terrorismusbekämpfung aus. 2013 wurde sie zur Vize-Chefin des Democratic National Committee (DNC) gewählt, geriet aber ab 2015 in Konflikte mit deren Vorsitzenden Debbie Wasserman Schultz und trat schließlich 2016 von diesem Parteiamt zurück, um ohne Verstoß gegen Neutralitätspflichten den demokratischen Kandidaten Bernie Sanders unterstützen zu können. Diese Unterstützung begründete sie mit Verweis auf ihre Gegnerschaft gegen interventionistische Kriege, die sie mit dem klassischen Linken Sanders teilt.

Eine Gegnerin des US-Interventionismus

Und da haben wir ihn auch schon, den Hauptanlass für die Unbeliebtheit beim Parteiestablishment und für die Verleumdungen Clintons, die man seit 2016 auch schon im Falle Trumps zu hören bekam. Wer sich in der US-Politik nicht für Interventionskriege – also für US-Hegemonialpolitik – begeistern kann, gefährdet ernsthaft seine innerparteilichen Karrierechancen – bei den neoliberalen Demokraten ebenso wie bei den neokonservativen Republikanern. Gabbard jedoch spielte hier seit jeher mit erfrischend offenen Karten. So plädiert sie für einen Abzug amerikanischer Soldaten aus dem Ausland, will die US-Truppen aus Afghanistan abziehen und will der US-Regierung gesetzlich untersagen, aufständische Kräfte gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu unterstützen, den sie 2017 zweimal selbst traf. Stattdessen solle man sich endlich auf die Bekämpfung der islamistischen Terrororganisationen und Terrornetzwerke wie IS und Nusra-Front konzentrieren. Zum Vorwurf an Assad, Chemiewaffen eingesetzt zu haben, bekundete sie Skepsis.

Die US-Unterstützung für Saudi-Arabien – einer der größten Terrorförderer der Region und dennoch enger US-Verbündeter sowie immer wieder Empfänger auch deutscher (!) Waffenlieferungen – solle aus Gabbards Sicht enden. Im Nahostkonflikt tritt sie für eine Zwei-Staaten-Lösung und damit für die Errichtung eines souveränen Staates Palästina ein. Den US-geförderten venezolanischen Politiker Juan Guaidó wollte sie nicht als Interimspräsidenten seines Landes anerkennen lassen. Zuletzt kritisierte sie in scharfer Form die Ermordung des iranischen Generals Soleimani: Aus ihrer Sicht war dies ein kriegerischer und illegitimer Akt der Trump-Administration. Den türkischen Machthaber Erdogan bezeichnet sie als „islamistischen, expansionistischen Diktator“, als „sogenannten Alliierten“, der „nicht unser Freund“ ist, und kritisierte die langjährige türkische Unterstützung von islamistischem Terror. Eine Konfrontation mit Russland müsse unter allen Umständen vermieden werden.

Die 38-jährige Gabbard vertritt damit außen- und sicherheitspolitisch letztendlich eben jene souveränistischen, anti-interventionistischen „America-First“-Positionen, die zu realisieren der Realpolitiker Trump in seinem Wahlkampf versprochen, die er aber – wohl unter dem Druck seines eigenen Parteiestablishments und des US-eigenen „tiefen Staates“ – nicht umgesetzt hat. Und dies tut sie durchaus glaubwürdig: Als dekorierte Veteranin und Anti-Terror-Ausbilderin kann sie auf glaubwürdige eigene praktische Erfahrungen verweisen und muss sich von den Washingtoner Falken, von denen selbst nur allzu wenige einen Militärdienst abgeleistet haben, keine Feigheit vorwerfen lassen. Gabbard, die eine Zeit lang als Kampfsport-Trainerin arbeitete und Karma Yoga betreibt, ist die authentische, erfahrene Kämpferin aus der Praxis, die sich von den Kriegshetzern nichts mehr sagen lassen muss.

Eine konservative Demokratin

Dass ihre Haltung durchaus nicht links-naivem Pazifismus oder Gutmenschentum entspringt, sondern einem gesundem und vernünftigen Patriotismus, macht jedoch nicht nur ihre überzeugende Biografie deutlich, sondern auch ein näherer Blick auf ihre innen- und gesellschaftspolitischen Positionen, die aufzeigen, dass Gabbard durchaus nicht zum linken, sondern eher zum (in den letzten Jahren arg geschrumpften) konservativen Flügel ihrer Partei zu zählen ist.

So hat sich Gabbard, die gute Kontakte zu indischen Nationalisten unterhält, zwar einen Ruf als Gegnerin einer neokonservativen „Regime-Change“-Außenpolitik erworben, gilt aber dennoch als klare Befürworterin des Kriegs gegen den Terror, die für falsche politische Korrektheit nicht viel übrig hat. In diesem Zusammenhang kritisierte sie u. a. den damaligen demokratischen US-Präsidenten Barack Obama und seine frühere Außenministerin Hillary Clinton dafür, angesichts von IS und Al-Qaida nicht mehr von „radikalem islamischen Terror“ zu sprechen, nur um die Muslime nicht zu verärgern. Zudem trat sie für eine von Obama bekämpfte republikanische Gesetzesvorlage ein, die erhebliche Verschärfungen bei der Einwanderung von Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak vorsah.

Gesellschaftspolitisch bekämpfte sie über mehrere Jahre die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe, arbeitete sogar bei einer konservativen Organisation, die ihr Vater gegründet hatte und die sich diesem Ziel widmete, verteidigte damit das klassische Modell der Familie und äußerte dazu im Jahr 2004: „As Democrats we should be representing the views of the people, not a small number of homosexual extremists.“ Politisch setzte sie sich mehrfach für verwundete Veteranen ein. In sozialen und ökonomischen Fragen vertritt sie wohlfahrtsstaatliche Positionen (CNN bezeichnete sie – Achtung – als „populistisch“, was man wohl als europäischer Patriot im Zweifel eher als Auszeichnung verstehen sollte): Gabbard fordert die Erhöhung des Mindestlohns, befürwortet die Ausweitung der staatlichen Krankenversicherung, will Offshore-Steuervorteile abschaffen und die übermächtigen Social-Media-Großkonzerne – immerhin Hauptakteure des Globalismus – zerschlagen.

Gut für ihr Land und die Welt

Betrachtet man Tulsi Gabbards Positionen, Äußerungen und Wirken im Gesamtbild, nicht zuletzt auch unter Wertschätzung der damit verbundenen biografischen Authentizität, so kann man europäischen Konservativen eigentlich nur zurufen: Löst euch von der Fixierung auf den (ziemlich unberechenbaren) Trump. Ob er nun selbst „Establishment“ ist oder nicht, ob er nun die interventionistischen Schritte seiner Administration selbst forciert hat oder nicht, ob dies nun eigenen Intentionen entsprang oder dem „tiefen Staat“ des militärisch-industriellen Komplexes bzw. dem übermächtigen republikanischen Establishment – fest steht, dass er allzu viele realpolitische Versprechen seines Wahlkampfes, in dem die Devise „America First“ dominierte, nicht eingelöst hat. Zumindest den solidarisch ausgerichteten Konservativen hierzulande, die eine soziale und zugleich konservative Politik ebenso befürworten wie ein souveränes Deutschland, ein identitätsbewusstes Europa und ein nicht-hegemoniales Amerika, muss man dringend ans Herz legen, Tulsi Gabbard die Präsidentschaft zu wünschen. Sie ist die eigentliche Alternative. Die Alternative zur neokonservativ-interventionistischen Kriegshetze des GOP-Establishments ebenso wie die Alternative zum neoliberalen Globalismus der Demokraten-Spitze.

Dieser Beitrag ist zuerst auf Florian Sanders Blog erschienen: http://konservative-revolution.blogspot.com/2020/02/clintons-albtraum-tulsi-gabbard.html

Florian Sander

Florian Sander, M. A., hatte zunächst einen nebenamtlichen Lehrauftrag (2013 – 2015), danach eine hauptamtliche Dozentur (2016 – 2019) an einer Fachhochschule inne, lehrte dort Sozialpsychologie, Soziologie und Politikwissenschaft und arbeitete auch als Verhaltenstrainer. Er ist aktuell Doktorand an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS), Universität Bielefeld.
Von 2009 bis 2014 war er Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Seit 2018 betätigt er sich als Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD NRW sowie als Leiter des Arbeitskreises Kommunalpolitik der AfD Bielefeld, deren stellvertretender Kreissprecher er seit 2019 ist. Er war Autor für den Blog Le Bohémien (2010 – 2017), für das Online-Magazin Rubikon (2017 – 2018) und für die Linke Zeitung (2017 – 2018) und schreibt seit 2018 für das Kultur- und Lifestyle-Magazin Arcadi sowie seit 2019 auch für den Blog des Jungeuropa-Verlags, für die rechtsintellektuelle, vom Institut für Staatspolitik (IfS) herausgegebene Zeitschrift Sezession und für das Zentralorgan des Bundes Deutscher Unitarier e. V., Glauben und Wirken.

Angela Merkel: psychopathologischer Cäsarenwahn oder herzenskalter Zynismus der Macht?

Tausende wollen von der Türkei aus mit Gewalt die griechische Grenze stürmen

von Klaus Kunze

Angela Merkel: psychopathologischer Cäsarenwahn oder herzenskalter Zynismus der Macht?

Seit Tagen wartet die Öffentlichkeit darauf, wie die Bundeskanzlerin auf die Corona-Seuche reagiert. Welche Antwort findet Berlin auf Ankara, wo Erdogan alle Verträge bricht und seine Grenzen zur EU unkontrolliert geöffnet hat? Ist sie solidarisch mit unseren griechischen Freunden, die mit vielleicht letzter Kraft ihre Grenze verteidigen? Wird Merkel ihnen helfen?

Und wer würde wohl, nach unseren Erfahrungen von 2015, an unseren eigenen Grenzen zurückgewiesen? Würde eine Einreise Erkrankter verhindert?

Das möchten viele gern von Angela Merkel wissen.

Unsere Wirtschaft wird durch die Seuche noch stärker bedroht als die Menschen, die oft mit Erkältungssymptomen davonkommen. Der Dax bricht ein.

Wie reagiert Merkel?

Im Karneval gab es in der Kölner Neustadt Hetzjagden ausländischer Jugendlicher ohne Karnevalshintergrund auf feiernde junge Deutsche, zumal wenn diese sich kampfunfähig getrunken hatten.

Wie reagiert Merkel darauf?

Sie reagierte tatsächlich. In ihrem wöchentlichen „Postcast“ meldete sie sich endlich zu Wort: Sie warnte vor Rechtsextremismus. In Ihrer Pressemitteilung dazu läßt sie schreiben:

Nach den Morden in Hanau müsse man konstatieren, daß es Gruppen in unserer Gesellschaft gebe, die sich im Augenblick nicht sicher fühlen. “Die Sicherheit aller Menschen in Deutschland zu gewährleisten, ist unsere oberste Aufgabe”, sagt die Kanzlerin. Die Bundesregierung habe ein Gesetzespaket zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Haßkriminalität auf den Weg gebracht. Darüber hinaus sei die Präventionsarbeit verstärkt worden, allein in diesem Jahr stelle die Bundesregierung dafür 125 Millionen Euro zur Verfügung.

Merkels Presseerklärung vom 29.2.2020

Will uns die Frau veralbern, hält sie uns für dämlich, oder lebt sie nur noch in ihrer eigenen Welt?

Für sie, so betet Merkel ihr Credo herunter, sei wichtig, daß in Deutschland alle Gruppen ohne Angst leben können. Ob sie dabei auch an ihr eigenes Volk gedacht hat? Gibt es vielleicht nichts, was uns Sorgen bereitet?

Kann es nicht jedem passieren, plötzlich von einer dunklen Horde abgepaßt, verhauen und beraubt zu werden? Kann nicht jedermann von einem Geisteskranken umgeballert werden wie erst in Halle und neulich in Hanau? Hat sich das Bundeskriminalamt vielleicht den Amtsarzt geschickt, als Tobias Rathjen dreimal an das Amt schrieb und seinen paranoiden Wahn erkennen ließ?

Nein, da warnt man nicht vor Paranoikern und verbessert nichts im BKA, man warnt lieber vor Rechtsextremismus. Der schizophrene Tobias Rathjen aus Hanau hatte in der Wahnwelt seiner geistigen Umnachtung phantasiert, ganze Völker, unter anderem zur Hälfte das deutsche Volk, auszurotten. “Der innere Feind, kann man selbst sein oder eben das eigene Volk,” phantasierte er in seinem Manifest.

Und so ein Geisteskranker wird uns jetzt als „Rechter“ verkauft? Ein Rechter, der die Hälfte seines eigenen Volkes ausrotten wollte und als neuntes Opfer seine eigene Mutter umbrachte? Eine lange Reihe ausländischer Straftäter, zum Beispiel der einen kleinen Jungen in Frankfurt vor einen ICE geschubst hatte, wurde auch als geisteskrank schnell aus dem Verkehr gezogen und eingewiesen. Zurecht: Er war wohl auch geisteskrank und kein Beleg für islamischen Terror. Der geisteskranke Deutsche Rathjen aber soll plötzlich ein Beweis für „rechtsextreme Gefahr“ sein? Noch so ein deutscher Geisteskranker wollte in Halle eine Synagoge stürmen, und weil er dazu zu ungeschickt war, erschoß er mal eben ein paar Deutsche? Und solche Geisteskranken sollen „rechts“ sein? Wer das ernsthaft vertritt, hat sich selbst die Eintrittskarte in die Wahnwelt jener Schizophrenen schon gekauft.

Wie mag es in Merkels Welt aussehen? Ihre persönliche Eigenwelt hat jedenfalls nicht mehr mit der Realität zu tun, die wir Bürger hier im Lande tagtäglich erleben. Wenn sich bei Schizophrenen die Persönlichkeit fragmentiert und den Kontakt zur Wirklichkeit verliert, ziehen sich die Kranken auch in ihre persönliche Scheinrealität zurück. In dieser hören sie Stimmen und durchleben panische Ängste vor Mächten wie Geheimdiensten, Nazis, Juden, Mossad, je nach dem, was sich als angstauslösend so anbietet. Ich glaube aber nur an eine Parallele zu Merkel, nicht an eine Erkrankung.

Ist es vielleicht Cäsarenwahn? Dieses psychopathische Phänomen hat nicht unbedingt Krankheitswert. Es führet dazu, daß sich der betroffene Herrscher als weit abgehoben von der Masse seiner Untertanen fühlt. Gleichzeitig erfüllt ihn tiefes Mißtrauen selbst gegen seine engsten Freunde und Berater. Ich glaube, daß Merkel auch das nicht hat, auch wenn sie erfolgreich den Eindruck erweckt.

Herzenskalter Zynismus der Macht

Tatsächlich ist Merkel eine Zynikerin der Macht. Die größte politische Bedrohung für sie und ihre Partei besteht dieser Tage in demokratischen rechten Strömungen, die genau das vertreten, was früher programmatisch die Positionen der CDU selbst waren. Diese finden sich zum Beispiel in der Werte-Union und in der AfD. Alle verbalen Rundumschläge Merkels dienen nur dem Zweck, demokratische rechte Positionen als rechtsextremistisch zu verunglimpfen und mit Terroristen und Mördern in Verbindung zu bringen.

Darum nennen plötzlich die Staatsmedien fast in einem Atemzug die AfD „rechtsextremistisch“ und die paranoiden Morde von Hanau und Halle ebenfalls „rechtsextremistisch motiviert“. Beides ist aber reine Propaganda. Niccolò Machiavelli schrieb 1513:

Man muß eine solche Fuchsnatur zu verschleiern wissen und ein großer Lügner und Heuchler sein: Die Menschen sind so einfältig und gehorchen so sehr den Bedürfnissen des Augenblicks, daß derjenige, welcher betrügt, stets jmanden finden wird, der sich betrügen läßt.

Niccolò Machiavelli, Il Principe, 1513/1532, Kap. XVIII, = Der Fürst, Hrg. Philipp Rippel, 1986, Reclam, S.137.

Merkel und unsere Regierenden täuschen bewußt und schüren bei Ausländern Ängste, indem sie paranoide Taten wie die von Hanau als rechtsextremistisch motiviert verkaufen. Diese Ängste benutzen sie dann wieder als Vorwand, gegen die Opposition vorzugehen und wieder mal irgendwelche Gesetzesverschärfungen durchzubringen.

Um seine Macht zu erhalten, so der große Renaissance-Denker Machiavelli weiter,

muß er eine Gesinnung haben, aufgrund deren er bereit ist, sich nach dem Wind des Glücks und dem Wechsel der Umstände zu drehen und vom Guten so lange nicht abzulassen, wie es möglich ist, aber sich zum Bösen zu wenden, sobald es nötig ist.

Niccolò Machiavelli, ebenda S.139.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heuchelt Merkel im aktuellen Potcast als treue Leserin Machiavellis: Ein Herrscher muß sich nach außen immer als Verteidiger des Guten präsentieren. Niemand widerspricht ihm, wenn er das Gute anruft und beschwört. Zugleich muß er aber „das Böse“ tun, soweit es „nötig“ ist, um seine Macht zu sichern.

Merkel hatte einst geschworen, das Wohl des deutschen Volkes zu mehren und Schaden von ihm zu wenden.

Ein kluger Herrscher kann und darf sein Wort nicht halten, wenn ihm dies zum Nachteil gereicht und wenn die Gründe fortgefallen sind, die ihn veranlaßt hatten, sein Versprechen zu geben.

Niccolò Machiavelli, ebenda S.137.

Merkel hat dem deutschen Volk seit 2015 massiv geschadet und scheint die Restbestände der „schon länger hier Lebenden“ als eine zu vernachlässigende Größe in ihrem Machtkalkül zu halten.

Aber es finden sich ja immer viele, die sich gern, mit den Worten Machiavellis, „betrügen lassen.“ Wir Deutsche haben seit der Entstehung des Nibelungenliedes schon des öfteren bewiesen, daß wir gern Führern bis in unseren eigenen Untergang folgen.

Merkel hat aber keine Gefolgschaft mehr verdient. Sie bricht dem ihr anvertrauten Volk täglich die Treue. Darum verdient sie auch unsere Folgsamkeit als Bürger nicht mehr.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf Klaus Kunzes Blog: http://klauskunze.com/blog/2020/02/18/sag-mir-wo-die-buerger-sind-wo-sind-sie-geblieben/

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor des Buches:

Der Kapitalismus ist kein Verein für Heimat- und Naturschutz

BASF-Werk Ludwigshafen 1881

von Werner Olles

Der Kapitalismus ist kein Verein für Heimat- und Naturschutz

Die Linke hat in jeder Beziehung, vor allem intellektuell und als Anwalt der kleinen Leute, abgedankt. Das begann ja schon 1968, als die Arbeiterklasse sich standhaft
weigerte, unseren geschwollenen Parolen zu folgen. Ich erinnere mich noch
ganz gut an unsere Parole „Was wir wollen? Arbeiterkontrollen!“ Die Antwort
kam prompt: „Ihr wollte uns kontrollieren, haut bloß ab!“ Zwar war das ein
Mißverständnis, aber es war auch ein Symptom. So verlegten wir uns eben auf
das sogenannte Lumpenproletariat, das für eine echte Revolution sicher gut
geeignet ist, denn für eine Revolution braucht man in der Tat Schläger,
Gauner etc., aber die Arbeiterklasse interessierte sich nicht für uns und
wir uns nicht mehr für sie.

Irgendwie hat die heutige Linke daran angeknüpft, ihr Lumpenproletariat sind
die Flüchtlinge, Asylanten, Drogenhändler etc., während sie für den Rest,
der noch von der Arbeiterklasse übrig geblieben ist, nichts als Verachtung
hat, weil die Leute halt ihr Häuschen brav abbezahlen und mit ihrem Diesel
nach Spanien in Urlaub fahren wollen. Und warum auch nicht?

Der AfD-Flügel um Höcke hat das wohl verstanden, und das ist nun wirklich
eine große Chance. Auch Alain de Benoist und die französische Rechte sieht
das ähnlich. Klar muß das noch weiter diskutiert werden, aber Kunze (siehe den Kommentar von Klaus Kunze auf meinen Artikel „Die Rechte – eine Stütze der kapitalistischen und globalismushörigen Gesellschaft?“) denkt da
wirklich zu verkürzt. Es wäre ja sehr dumm von der Rechten, die Krise des
Kapitalismus und Globalismus, der keinerlei zivilisatorische Mission mehr
hat, sondern bereit ist, bis zur drohenden Weltvernichtung zu gehen, nicht
auszunutzen. Verstehen Rechte wie Kunze denn nicht, daß hier Stück für Stück
der „neue Mensch“ der Warengesellschaft entsteht, schließlich selbst zur
Ware wird, und es kein Zurück mehr gibt? Das Versprechen der Biotechnologie,
Schwulen das Kinderkriegen zu ermöglichen, hat nichts Menschenfreundliches
an sich, sondern ist nur ein weiterer Schritt zum vollautomatischen Subjekt.

„Recht in seiner Unmittelbarkeit ist Eigentum“, schreibt Hegel. Doch eben
dieses löst sich mit fortschreitendem Kapitalismus und grenzenloser
Globalisierung auf, sei es durch fortwährende Monopolbildung, sei es durch
Kurzlebigkeit der Waren. Was wir erleben, ist eine Sozialisierung ohne
Sozialismus, bei der Normalität und Legalität immer weiter
auseinanderfallen. Das Spiel zwischen Regulierung und Deregulierung wirkt
zusehends ausgereizt. Regulierung ist jedoch, wie das Wort ja nahe legt,
niemals als gesellschaftliche Planung mißzuverstehen, wie die Rechte dies
vielfach leider tut, sondern soll gerade verhindern, daß wir in die staats-
und rechtsfreie Gesellschaft steuern. Nichts anderes passiert aber im
Moment. Das Recht spürt erstmals seinen beschränkten historischen Charakter,
spürt erstmals sein dämmerndes Ende. Was danach kommt, ist augenblicklich
jenseits unseres Erkenntnishorizonts, weil wir uns nicht vorstellen können,
wie diese nachrechtlichen Ordnungsprinzipien aussehen könnten. Es ist mit
der Begrifflichkeit von Staat und Demokratie, Recht und Gesetz jedenfalls
nicht zu fassen.

Karl Marx

Die historische Groteske sei so formuliert: Wer das zivilisatorische Niveau,
die Errungenschaften des Abendlandes retten will, und hier gilt es im besten
Sinne des Wortes gar manches zu bewahren, der muß sich auf die Überwindung
der westlichen Formprinzipien des Kapitalismus und Globalismus  einstellen.
Die Beseitigung der Krise der Linken zu überlassen ist sinnlos,
weil diese instinktiv die Krise von Demokratie, Sozial- und Rechtstaat
erkannt hat und sie immer offener für diktatorische Konzepte ausnützen will,
siehe die MP-Wahl in Thüringen. Dumm sind aber jene, die dem in
demokratischer Bescheidenheit nur defensiv begegnen und sich hinter den
bürgerlich-demokratischen Werten vergraben, denn diese gehen auf jeden Fall
den Bach runter. Die neue Qualität der kapitalistischen und ökologischen
Krise als gesellschaftliche Naturkatastrophe zu verstehen muß nicht
unbedingt in der Sackgasse des Kulturpessimismus enden, auch wenn das
durchaus verständlich ist. Der Aschermittwoch des Marxismus, der Abgesang
der Linken und die Krise der politischen Ökonomie, die Verkleinbürgerung der
Neo-Sozialdemokratie im Zeitalter des Neo-Liberalismus und globaler
Kulturkämpfe, das Outsourcing des Staates, Bauernaufstände und eine linke
„Globalisierungskritik“, die ihr eigenes Prinzip verleugnet, sind genau
genommen Steilvorlagen für eine Rechte, die endlich ihre Scheuklappen ablegt, Marx von rechts liest, und erkennt, daß der Wolf nicht zum Veganer und der
Kapitalismus nicht zum Verein für Heimat- und Naturschutz  und zum
Verteidiger der nationalen Souveränität wird. Ist das globale Marktsystem
erst in Dreckwasser und Schlamm abgesoffen, ist es jedoch für eine
vernünftige Organisation der Gesellschaft, die nur von rechts
kommen kann, wahrscheinlich zu spät.

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor des Buches:

Warum wir die Natur lieben und dennoch zerstören

von Irenäus Eibl-Eibesfeldt

Lebensgefährdende Grenz-Verletzungen als Folge menschlicher Kurzzeitstrategie

Warum wir die Natur lieben und dennoch zerstören

Wir sind eine überaus erfolgreiche Art. Als Volltreffer der Evolution charakterisierte uns Hubert Markl (1986). Wir haben den Erdball bis in die entlegensten Winkel bevölkert und werden dennoch immer mehr. Zugleich schufen wir uns mit der technischen Zivilisation ein Instrumentarium, das uns Macht über Natur und Mitmenschen in die Hand gibt, mit der wir nicht so recht umzugehen wissen. Wohlge­merkt, ich spreche von einer Geschichte des Erfolges, denn ohne die anonymen Großgesellschaften, ohne die technische Zivilisation und ohne die Ballung von Menschen in großen Städten gäbe es nicht die Hochkulturleistungen, an denen wir uns erfreuen, keine Universitäten, keine Forschung, kein Theater, keine Bibliotheken, Konzertveranstaltungen, keine technische Zivilisation, die uns vielleicht den Aufbruch ins All ermöglicht, und keine weltweite Kommunikation über Satelliten. Wir haben es in knapp hundert Jahren geschafft, uns von den ersten unbeholfenen Automobilen zur Raumfahrt vorzuarbeiten, vom mechanischen Zeitalter ins elektronische. Kaum auszudenken, was unsere Spezies alles in weiteren tausend, ja zehntausend Jahren erreichen könnte, wenn, ja wenn da nicht einige Probleme wären.

Irenäus Eibl-Eibesfeld (2005), Quelle: Von Peter Korneffel, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38654673

Früher vorteilhafte Überlebensstrategien erweisen sich heute als überlebensgefährdend

Diese Probleme ergeben sich aus der Tatsache, daß unsere Vorfahren über die längste Zeit ihrer Geschichte mit der einfachen Technologie des altsteinzeitlichen Jägers und Sammlers in Kleingesellschaften lebten, in denen jeder jeden kannte. In ihr erwiesen sich bestimmte Überlebensstrategien als vorteilhaft, die auch heute noch zu der uns angeborenen Aktions- und Reaktionsausstattung gehören und die sich in dieser neuen Situation allerdings als Problemanlagen erweisen, indem sie sich in bestimmten Situationen schädlich, das heißt überlebensgefährdend auswirken. Das gilt unter anderem für unsere Programmierung auf den Wettlauf im Jetzt und für unser ausgeprägtes Machtstreben.

Beiden Programmierungen verdanken wir einerseits unseren Erfolg, aber beide erweisen sich in ihrer unbewußten Dynamik heute als höchst gefährlich. Wir Europäer haben an dieser Entwicklung entscheidenden Anteil. Wir haben der Menschheit die Naturwissenschaft und damit die technische Zivilisation beschert, den Gedanken des Weltbürgertums entwickelt und damit Entwicklungen angestoßen, die einer vernünftigen ebenso wie humanitär engagierten Steuerung bedürfen, damit sie sich weiterhin segensreich auswirken können. Dazu müssen wir uns der uns unbewußten Motive unseres Handelns bewußt werden.

Wettlauf im Jetzt

Eine der stammesgeschichtlich ältesten Problemanlagen ist unsere Programmierung auf den Wettlauf im Jetzt. Seit die ersten Organismen vor vielleicht zwei Milliarden Jahren um begrenzte Ressourcen konkurrierten, zählte, wer in diesem Wettlauf im Jetzt schneller war. Die Algen, die andere schneller überwucherten und ihnen so das Licht raubten, die Organismen, die anderen schneller die Nahrung nahmen, kurz, die im Jetzt erfolgreicher waren, machten das Rennen und überlebten in Nachkommen. Dieser Wettlauf im Jetzt formte auch uns. Er bewirkte eine opportuni­stische Grundhaltung, die dazu drängt, sich bietende Chancen ohne Rücksicht auf Spätfolgen maximal zu nützen. Wir befolgen daher ausbeuterische, gewinnmaximierende Kurzzeitstrategien, die uns heute zur Falle werden können und vor denen wir uns daher hüten müssen.

Für unsere altsteinzeitlichen Vorfahren bewährte sich diese opportunistische Grundhaltung. Sie bevölkerten diesen Planeten in dünner Besiedlung und konnten mit ihrer einfachen Technologie auf die Lebensgemeinschaften, die ihre Existenzgrundlage bildeten, keinen auf Dauer zerstörerischen Einfluß ausüben. Daher hat uns die natürliche Auslese für den Umgang mit der Natur keine Bremsen angezüchtet. Man liest oft, der Mensch der Vorzeit hätte in Harmonie mit der Natur gelebt und sich umweltfreundlich verhalten. Das ist eine romantische Vorstellung. Der Mensch hat bereits als steinzeitlicher Wildbeuter manche Tierarten ausgerottet, und er hat Feuer gelegt, damit sich auf den neu begrünenden Flächen das Jagdwild konzentrierte. Im großen und ganzen hielten sich jedoch seine Einwirkungen in ökologisch verkraftbaren Grenzen.

Die exploitative Grundhaltung konnte man bis vor kurzem noch an den verbliebenen Jäger- und Sammlervölkern beobachten. Solange sie ihre eigene traditionelle Gerätekultur verwendeten, hielt sich der Schaden in Grenzen. Aber als die Prärieindianer Nordamerikas gelernt hatten, die Bisons auf Pferden mit Feuerwaffen zu erjagen, unterschieden sie sich in ihrem Jagdrausch wenig von ihren weißen Vorbildern. Als die Eskimos Feuergewehre bekamen, gefährdeten sie mit ihrem Jagdeifer ihre eigene Subsistenz­ basis, so daß die dänische Regierung Schutzgesetze für Walrosse erlassen mußte, die wegen ihrer Zähne besonders begehrt waren.

Die riesigen Büffelherden wurden fast ausgerottet. Das Foto zeigt eine Pyramide aus Schädeln der Tiere
Quelle: Wikipedia/Public Domain

Machtstreben

Für dieses Konkurrenzverhalten hat uns die Natur mit einem Dominanzstreben begabt. Es wurde ursprünglich sicher für die innerartliche Auseinandersetzung entwickelt, für den Wettstreit um begrenzte Güter wie Territorien oder Geschlechtspartner. Beim Menschen erwies es sich auch bei der Auseinandersetzung mit der Natur dienlich. Wir kämpfen mit den Naturgewalten, wir machen uns die Natur untertan, verbeißen uns in Aufgaben und attackieren Pro­ bleme. Und das ist ja nicht grundsätzlich schlecht. Aber die aggressive Terminologie weist auf den Ursprung dieser Motivation zum „Sieg“ über die Natur hin und damit auf ein Problem. Das Streben nach Dominanz und Macht ist nämlich gegen Eskalation nicht abgesichert. Während Hunger, Durst und andere Triebe über das Erreichen einer abschaltenden Endsituation oder interne abschaltende, physiologische Mechanismen gegen ein Zuviel und damit auch gegen den Mißbrauch der mit ihnen verbundenen Lustmechanismen abgesichert sind, wird das Streben nach Macht beim Mann bei Erfolg durch einen Hormonreflex in positiver Rückkoppelung bekräftigt. Gewinnen Tennisspieler ein Match, dann steigt ihr Bluttestosteronspiegel innerhalb von 24 Stunden signifikant an; verlieren sie, dann sinkt er deutlich ab. Das gleiche Phänomen beobachtet man auch bei Erfolg in anderen Bereichen. Bestehen Medizinstudenten eine Prüfung mit Erfolg, dann steigt ihr Bluttestosteronspiegel ebenfalls an, und er sinkt ab, wenn einer durchfällt. Dieser Hormonreflex belohnt also jeden Erfolg, über ihn wird das Selbstwertgefühl bekräftigt. Diese positive Rückkoppelung führt dann allerdings auch dazu, daß unser Streben nach Macht und Ansehen von Erfolg zu Erfolg angeheizt wird, daher neigt es zur Eskalation.

So angetrieben haben wir unsere Erde erobert wie keine Wirbeltierart zuvor. Zu dieser Dynamik kommt noch der Umstand, daß wir sprach- und damit kulturbegabte Generalisten mit einer Werkzeugkultur sind, die uns mit ablegbaren Organen ausstattete und uns damit zu vielseitiger Spezialisierung befähigte. Ein Maulwurf ist mit seiner Grabschaufel zeitlebens verhaftet. Wir können sie ergreifen, wenn wir sie gerade benötigen, aber auch wieder ablegen, um uns mit einer Axt vorübergehend eine neue Spezialisierung anzueignen. Hans Hass prägte für uns die treffende Bezeichnung des „Spezialisten für vielseitige Spezialisierung“ (Hans Hass 1994).

Wir können überdies die Folgen unseres Handelns über längere Zeit im voraus abschätzen und wissen daher, daß der gegenwärtig mit archaischen Kurzzeitstrategien aufgetragene Konkurrenzkampf die Ressourcen und damit die Lebensgrundlagen künftiger Generationen gefährdet. Dieses Wissen sollte uns in verantwortlicher Weise zu einem generationenübergreifenden Überlebensethos verpflichten lassen, das die Zukunft auch uns nachfolgender Generationen absichert. Wir sind immerhin die ersten Wesen auf diesem Planeten, die sich Ziele dieser Art setzen können, und wenn sich in dieser Zielsetzung Vernunft und fürsorgliches Engagement in ausgewogener Weise verbinden und wenn wir überdies zur rechtzeitigen Fehlerkorrektur bereit bleiben, sollte sich der beschrittene Weg als Irrweg erweisen, dann eröffnen sich, wie schon eingangs angedeutet, ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten. Dogmatische Zielsetzung kann sich als höchst gefährlich erweisen. Es würde den Rahmen dieser Ausführung sprengen, wollte ich auf die Falle des Dogmatismus hier näher eingehen. Ich möchte aber ausdrücklich auf sie verweisen (Näheres dazu in Eibl- Eibesfeldt 1988, 1994).

Bäuerlich-fürsorgliche Kultur als Bezugspunkt für generationenübergreifendes Handeln

Für die Entwicklung eines solchen generationenübergreifenden Überlebensethos ist unsere in ihren Wurzeln auf einer bäuerlichen Ethik basierende Kultur in gewisser Hinsicht vorbereitet. Wir leben nicht in den Tag. In verschiedenen Regionen unserer Erde, vor allem in jenen, die klimatisch weniger begünstigt sind, haben Menschen, die vom Ackerbau und von der Viehzucht leben, das Haushalten gelernt ebenso wie das pflegliche Behandeln ihrer Ressourcen und das Planen für die weitere Zukunft. Sie haben gelernt, Bäume zu pflanzen, die erst nachfolgenden Generationen von Nutzen sind, und sie pflegen das Land, das sie bestellen und mit dem sie geradezu affektiv verbunden sind.

Ich fahre täglich von meinem Heim im bayerischen Söcking zu meinem Institut in Andechs durch eine bäuerliche Kulturlandschaft, die seit gut 2.000 Jahren bewirtschaftet wird. Kelten und Römer lebten von diesem Land, und viele Generationen von Bayern bis zum heutigen Tag. Und es zeigt keinerlei Zeichen von Zerstörung. Auf den bronzezeitlichen Hügelgräbern weiden Kühe, mittelgroße Felder und Wiesen wechseln mit kleineren Wäldern. Dazwischen eingestreut kleine Ortschaften mit Wohlstand verkündenden Höfen. Die auf pflegliche Art erwirtschafteten Produkte waren von hoher Qualität, und sie reichten aus, die Bevölkerung dieses Landes mit gesunden Produkten zu versorgen und den Produzenten einen gewissen Wohlstand zu sichern.

Dies änderte sich in den letzten zwei Jahrzehnten durch die industrielle Feldbestellung und durch die Massentierhaltung in dramatischer Weise. Beides gefährdet nunmehr das bisher Erreichte. In bestimmten Gebieten Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Spaniens werden heute sehr große Flächen mit schweren Maschinen bestellt, die den Boden verdichten. Die intensive Düngung tötet zwei Drittel der Bodenorganismen, die ihn wieder lockern würden. Daher dringt das Regenwasser nicht schnell genug ein, und das wirkt sich vor allem nach der Ernte verhängnisvoll aus. Denn dann liegen die Felder viele Monate ohne schützende Pflanzendecke. Regen wäscht das Erdreich weg, und bei Trockenheit verbläst es der Wind. Glaubt man so weitere zweitausend Jahre wirtschaften zu können? Keineswegs, aber das schert wenige. Im Augenblick erwirtschaftet man auf diese Weise die Produkte billiger als auf die traditionelle Art, da man Arbeitskräfte spart. Und nur die Gegenwart zählt. Man pflegt das Land nicht mehr, man beutet es aus und läßt es verkommen. Einige werden dabei reich, aber viele zugleich arbeitslos.

Ähnliches gilt für die Massentierhaltung. In manchen Gegenden des europäischen Nordens werden Hunderte von Schweinen und Rindern in Ställen gehalten. Massentierhaltung verdrängt die bewährten bäuerlichen Methoden der Viehhaltung. Auch hier werden einige wenige wohlha­ bend, während viele der kleineren und mittelgroßen bäuerlichen Betriebe zugrundegehen. Daß die Produkte vom seuchenhygienischen Standpunkt nicht unbedenklich sind und überdies von minderer Qualität und daß die Methoden der Tierhaltung gegen unsere Ethik verstoßen, wird ebenso verdrängt wie die sozialen Probleme. Es zählt der Wettlauf im Jetzt. Wirtschaftlich funktioniert dies nur, weil die durch die Arbeitslosigkeit verursachten Soziallasten dem Staat und damit der Gemeinschaft aufgebürdet werden, während der Nutzen allein den rücksichtslos Wirtschaftenden zufällt. Das alte Problem der Allmende in neuer Form. Würde man diese Soziallasten in die Kosten-Nutzen-Rechnung miteinbeziehen, die so erwirtschafteten Produkte dürften ziemlich teuer kommen. Ganz abgesehen davon ist eine solche Kurzzeitstrategie höchst riskant. Wir haben immerhin bereits zwei Ölkrisen erlebt, aber in unserem Kurzzeitdenken auch schnell vergessen.

Lebensqualität contra Gewinnmaximierung

Im industriellen Bereich bahnen sich ähnliche Entwicklungen an. Wir hatten in den Ländern der Europäischen Gemeinschaft in Industrie und Landwirtschaft bereits einen hohen Standard umweltfreundlichen und zugleich sozial verantwortlichen Wirtschaftens erreicht. „Soziale Marktwirtschaft“ hieß die von Ludwig Erhard in die Welt gesetzte Parole. Sie zivilisierte den Kapitalismus, indem sie umweltfreundliches und sozial verantwortliches Wirtschaften mit freiem Wettbewerb verband. Schnelligkeit der Leistungserfüllung, Qualität des Angebots und der Dienst­ leistungen, Innovation und Geschicklichkeit der Märkteerschließung unter anderem durch kundenorientiertes und daher nicht notwendigerweise gewinnmaximierendes Verhalten waren dabei die Konkurrenzfaktoren, während dem ökologischen und sozialen Unterbieten durch Auflagen Grenzen gesetzt wurden. An diesem System gibt es sicherlich mancherlei zu korrigieren. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müßten in Vereinbarungen symbiotische Beziehungen erwirtschaften zu beiderseitigem Vorteil, in denen sich beide bereitfinden sollten, sich an die jeweilige Wirtschaftslage anzupassen und sowohl der Ausbeutung wie dem Mißbrauch von Sozialleistungen entgegenzusteuem. Hier befinden wir uns in der Experimentierphase, aber mit der sozialen Marktwirtschaft sicherlich auf einem guten Weg.

Gelingt es, die richtige Balance zu finden, dann sichern wir unsere Zukunft durch Erhaltung des inneren Friedens. Was nützt die schönste Villa, wenn ich sie wie in manchen Ländern der neuen Welt mit stacheldrahtbewehrten Mauern umgeben muß, wenn ich nachts nicht ungefährdet die Straßen der Großstädte betreten darf und wenn mein Gewissen durch den Anblick krasser Armut bedrückt wird, von Menschen, die im Winter in Kartons in Kaufhauseingängen übernachten oder über Entlüftungsschächten, aus denen warme Luft strömt. Es gehört eine gewisse soziale Blindheit dazu, wenn ein Land sich des höchsten allgemeinen Lebensstandards brüstet, in dem soziales Elend dieser Art zum Alltag gehört. Mag sein, daß es sich so statistisch errechnet, aber einem Optimum an Lebensqualität ist das gewiß nicht gleichzusetzen.

Ökologische und soziale Grenzen der Globalisierung

Wir müssen befürchten, daß sich eine ähnliche Entwicklung bei uns in Europa anbahnt. Unter dem Stichwort „Globalismus“ fordert man den weltweiten Abbau der Zollschranken. Wir sollen uns der Welt öffnen. Aber man kann nicht umweltfreundlich wirtschaften und seine Arbeitnehmer angemessen bezahlen, wenn man zuläßt, daß Billigprodukte aus Ländern, denen es an sozialer und ökologischer Verantwortung mangelt, importiert werden. Die Wirtschaft neigt dazu, sich die Natur beziehungsweise deren über die natürliche Auslese gesteuerten Konkurrenzkampf zum Vorbild zu nehmen. Aber die Natur ist rücksichtslos. Sie kennt keine Moral und keine langfristige Zukunftsperspektive. Wir können aus ihr zwar viel lernen, aber auch, wie wir es nicht machen sollten. Kurzfristig mag eine am natürlichen Vorbild orientierte Marktwirtschaft Vorteile bringen, langfristig zerstört sie eine Gemeinschaft. Der freie Verkehr von Menschen und Waren würde zu einem sozialen und ökologischen Dumping führen. Nicht die Nivellierung der Menschheit auf ein Niveau der allgemeinen Armut kann das Ziel sein, sondern die allmähliche Angleichung nach oben. Die kann man aber aus einer Reihe von Gründen nicht mehr global erreichen. Jene Philanthropen, die unentwegt laut „Wir, die Reichen müssen…“ rufen, sind wirklichkeitsblind. Ganz abgesehen davon, daß wir so reich nicht sind – junge Akademiker können sich in den seltensten Fällen in München eine Wohnung leisten, die es ihnen erlauben würde, zwei oder drei Kinder ohne erhebliche Einschränkungen aufzuziehen –, würde die Wirtschaftleistung der gesamten Industriestaaten der nördlichen Erdhalbkugel nicht ausreichen, die dritte Welt zu sanieren, die jährlich 2 bis 3 Prozent wächst, so daß sich die Weltbevölkerung vor allem durch den Zuwachs in diesen Regionen alle drei bis vier Jahre um die Bevölkerung der Europäischen Union vermehrt. Da ist guter Rat teuer, zumal die Industriestaaten ihre Entwicklungshilfe bereits über eine Verschuldung künftiger Generationen finanzieren.

Auch mit der Aufnahme von Menschen aus den Armutsländern wäre nicht geholfen. Wir könnten jährlich aus diesen Regionen 1 Millionen in Europa einwandern lassen, und es würde, wie Hubert Markl vorrechnet, nichts in den notleidenden Regionen ändern, denn dies ist der dortige Geburtenzuwachs einer einzigen Woche. Wir würden uns allerdings mit Problemen belasten, die den inneren Frieden und die dringend gebotene Sanierung unseres Naturhaushaltes ernsthaft gefährden.

Ich sehe in der gegenwärtigen Situation nur den Weg der schrittweisen Sanierung, wobei wir zunächst den eigenen Haushalt in Ordnung bringen sollten. Das gilt für die einzelnen Staaten Europas ebenso wie für die Europäische Union, die so zu einer Zone ökologischen und sozialen Friedens heranwachsen könnte. Von solchen gesundeten Regionen könnte über Nachbarschaftshilfe eine Anhebung ärmerer Regionen erfolgen, wobei die erzieherische Modellwirkung über die wirtschaftliche und ausbildungsmäßige Hilfe hinaus zusätzlicher Ansporn sein könnte. Zwischen Wirtschaftsregionen, die einen vergleichbaren ökologischen und sozialen Standard pflegen, könnte ein freier Handel statt­finden, so daß der frische Wind des Wettbewerbs als belebender Ansporn wirkte. Die Marktwirtschaft darf dabei nicht das Soziale und dieses nicht die Marktwirtschaft fressen. In einem höchst bemerkenswerten Beitrag zur Debatte über die Globalisierung schreibt Josef Schmid (Josef Schmid. Unausweichlich, aber kein Fortschritt. Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 185 (22.8.1996). S. 11): „Globalisierung ist nicht nur Schicksal oder Ausgeliefertsein, demgegenüber nichts als Anpassung gefragt wäre. Sie zwingt dazu, sich über die eigenen Vorlieben klarzuwerden und darüber, was gegenüber Weltbewegungen als erhaltenswert erscheint.“

Dazu gehört für uns die Pflege unserer eigenen abendländischen und nationalen Identität als Beitrag Europas zur multikulturellen Weltgemeinschaft. Und in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung eines verantwortlichen generationenübergreifenden Überlebensethos, das dem Wohlergehen unserer Enkel Rechnung trägt. Den egalisierten Weltstaat mit einer homogenisierten Weltbevölkerung wird es wohl nie geben. Er müßte extrem repressiv sein, denn Leben drängt nach Vielfalt und zwar nicht nur auf der Ebene der Tier- und Pflanzenarten, sondern auch auf der der menschlichen Populationen und Kulturen, denn nur so kann Leben sich im Strom der Zeit behaupten.

Auf das Wirtschaftliche bezogen, meint Schmid: „Eine Wirtschaftspolitik, die den Menschen dient und nicht nur den Betriebseinheiten, wird in gewissem Umfange Nationalökonomie bleiben müssen. Die verzweifelte Suche nach dem „patriotischen Unternehmer“, der nicht auslagert, dem unverdrossenen Biologen, der nicht nach Asien geht, nach dem Arbeiter, der nicht pausiert, kann beginnen“.

Welche angeborenen Verhaltensdispositionen können ein generationenübergreifendes Lebensethos stützen?

Hilft Einsicht allein, mit unseren Problemanlagen zurechtzukommen und etwa die Falle der Kurzzeitstrategie oder des Machtstrebens zu vermeiden? Daran habe ich meine begründeten Zweifel, kann man doch an vielen Beispielen, wie etwa an unserem Umgang mit den nichtersetzbaren Ressourcen – ich denke hier zum Beispiel an die fossilen Energieträger – erkennen, daß das rational sicher als notwendig Erkannte uns kalt läßt, wenn die negativen Folgen unseres Tuns erst zwei Generationen später spürbar werden“. ,Nach uns die Sintflut’ ist eine Haltung, die der Entwicklung eines generationenübergreifenden Überlebensethos entgegenwirkt. Den stark affektiv besetzten Hindernissen, die einer einsichtigen Verhaltenssteuerung entgegenstehen, müssen wir außer unserer Einsicht auch ein starkes affektives Engagement entgegensetzen. Welche der uns ebenfalls angeborenen Verhaltensdispositionen können wir nutzen? Es sind im wesentlichen drei: unsere Natur­ liebe, unser starkes fürsorgliches Engagement für Kinder und unser auf der universalen Regel der Reziprozität basierendes Gefühl für Verpflichtung. Alle drei basieren auf uns angeborenen Dispositionen, die wir bewußt kultivieren können.

Die Liebe zur Natur speist sich aus verschiedenen Wurzeln. So zeichnet uns Menschen eine ausgesprochene „Phytophilie“ aus, eine Vorliebe für Pflanzen. Hier dürfte es sich um eine archetypische Biotopprägung handeln. Pflanzen charakterisieren einen Lebensraum, der fruchtbar ist und in dem es sich gut leben läßt. Der altsteinzeitliche Jäger und Sammler lebte naturnah, in einem Habitat, das etwa der afrikanischen Savanne entspricht, mit reichlichem Pflanzenwuchs und reichlichem Tierleben. Und daß wir ein ästhetisches Bedürfnis nach einer solchen Umgebung haben, zeigt sich dann, wenn Menschen naturfern leben. Dann nämlich zeigen sie eine Reihe von Ersatzhandlungen: Sie dekorieren ihre Wohnung zum Beispiel mit Farnen, Gummibäumen und anderen Grünpflanzen, die keinem anderen Zweck dienen als dem Auge Ersatznatur zu bieten. Wir lieben Natur, was allerdings nicht verhindert, daß wir sie ausbeuten. Wir erwähnten schon, daß es ursprünglich keine Notwendigkeit gab, uns da Einschränkungen aufzuerlegen. Aber das ästhetische Bedürfnis nach Natur setzt der Zerstörung Grenzen, wenn wir sie unmittelbar betroffen erleben. Wir lieben ferner Gewässer und wir lieben Tiere, denn auch sie sind Indikatoren einer gesunden Umwelt.

Bei der Tierliebe kommt noch eine weitere affektive Komponente dazu. Jungtiere sprechen uns an, wenn sie Merkmale des Menschenkindes aufweisen und damit Betreuungsreaktionen auslösen. Ich habe über viele Jahre die Yanomami-lndianer des Oberen Orinoko besucht.

Diese Bewohner des Regenwaldes halten als Haustier nur den Hund. Sie sind Jäger, aber wenn sie einen Affen abschießen, der ein Junges trägt, oder ein Aguti oder einen Vogel mit Jungen, dann pflegen sie die Jungtiere aufzuziehen. Eine Ansiedlung der Yanomami gleicht oft einem kleinen Zoo. Da laufen Agutis herum, kleine Tukane, Waldhühner, Papageien, Äffchen, und die Tiere werden gehegt und geliebt. Kein Yanomami würde daran denken, sie später einmal zu verspeisen. Diese Anteilnahme an der Kreatur hat sicher ihre affektive Begründung in unserer Disposition zur Kindesfürsorge, die über bestimmte Kindsignale ausgelöst wird. Konrad Lorenz (1943) sprach von eigenen Auslösern, auf die wir dank uns angeborener zentraler Referenzmuster, dem Kindchenschema, reagieren. Die Anteilnahme wird heute durch die Einsicht vertieft, daß es sich beim Leben um ein erstaunliches, einmaliges Phänomen handelt und daß wir selbst nur in einer gesunden Lebensgemeinschaft gedeihen können. Letztlich dient ein pfleglicher Umgang mit der Natur und den durch sie zur Verfügung gestellten Ressourcen unserem eigenen Interesse, das lautet: das größtmögliche Lebensglück für alle, und das nicht nur in der Gegenwart, sondern auch für künftige Generationen.

Dem „Nach uns die Sintflut“ kann ferner unser affektiv betontes Interesse am Schicksal unserer Kinder abhelfen. So wie es uns gelungen ist, das familiale Kleingruppenethos auf die Großgruppe auszudehnen und uns über Symbole und andere Gemeinsamkeiten auch mit Menschen zu identifizieren, die wir gar nicht kennen und die wir dennoch über die Verwendung von Verwandtschaftsbegriffen quasi-familial in unsere Solidargemeinschaft einbeziehen (wir sprechen bekanntlich von unseren Brüdern und Schwestern, von einem Vaterland und von Nationen), so sollte es auch gelingen, über eine affektive Ankoppelung nicht nur ein Engagement für unsere Kinder und Enkel, sondern auch für danach folgende Generationen zu entwickeln. Dazu mag schließlich das verpflichtende Bewußtsein beitragen, daß wir den ungezählten Generationen unserer Vorfahren das kulturelle Erbe verdanken, auf dem wir weiter aufbauen – ein Bewußtsein, das uns eine moralische Verpflichtung auferlegt, so zu handeln, daß auch künftige Generationen Lebensglück erfahren können.

Dazu kommt, daß wir Gefahren, die nach statistischer Wahrscheinlichkeit nicht in einem Lebensalter eintreten, nicht als bedrohlich erleben, auch wenn wir sie rational erkennen. So siedeln wir immer wieder an Vulkanabhängen, auch wenn die Dörfer alle paar hundert Jahre verschüttet werden. Die Selektion konnte in solchen Fällen keine Meidereaktionen anzüchten. Nur was mit Wahrscheinlichkeit in einem Menschenleben eintritt, wird gemieden.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der wir selbst-Druckausgabe „Grenzen“ 1/1998. Die Ausgabe ist im Bublies Verlag erhältlich: Zu den wir selbst-Druckausgaben

Prof. Dr. Dr.h.c. Irenäus Eibl-Eibesfeldt

geboren am 15.06.1928 in Wien, ehemaliger Leiter der Forschungsstelle für Humanethologie in der Max-Planck-Gesellschaft (bis Juni 1996), später Prof. Emeritus am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie, Humanethologie sowie Leiter des Humanethologischen Filmarchivs; apl. Prof. für Zoologie an der Universität München; Direktor des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Stadtethologie in Wien. Eibl-Eibesfeldt war seit 1950 verheiratet und hatte zwei Kinder. Prof. Eibl-Eibesfeldt ist am 2. Juni 2018 verstorben.

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