Die Romantik des Untergangs: Wenn die Sehnsucht nach Stille zum Wunsch nach Stillstand wird.

von Hanno Borchert

Die Romantik des Untergangs: Wenn die Sehnsucht nach Stille zum Wunsch nach Stillstand wird.

Eine Antwort auf Götz Kubitscheks Artikel „Das Eigene“

Götz Kubitschek, Herausgeber des Verlags „Antaios“ und des seit gut 23 Jahren erscheinenden Magazins „Sezession“, hat auf dessen Webseite kürzlich den Artikel „Das Eigentliche“ veröffentlicht. ( https://sezession.de/71236/das-eigentliche) Darin beschreibt er seine Reaktion auf eine Kunstinstallation, die offenbar die Qualen, den Schmutz und den Lärm moderner Maschinen und des Stadtlebens darstellen soll.
Der Text zeichnet ein rauschhaftes, düsteres Bild: die Sehnsucht nach totalem Stillstand, das Verstummen der eigenen Sinne und schließlich das Ende einer modernen Welt, die als unerträgliche Zumutung erscheint. Was der Autor als „einzig wahre Revolution“ bezeichnet, ist bei näherem Hinsehen aber keine politische Befreiung. Es ist die ästhetische Kapitulation vor einer Wirklichkeit, die er nur noch als Zumutung wahrnimmt. Ein Kulturpessimismus, der die Ruhe des Friedhofs mit Erlösung verwechselt.
So radikal sich der Text gibt: Neu ist diese Haltung nicht. Der Autor greift auf einen alten kulturkritischen Fundus zurück. Seine Tradition reicht im deutschen Sprachraum mehr als hundert Jahre zurück und war schon immer von tiefem Mißtrauen gegenüber dem zivilisatorischen Fortschritt geprägt.

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Systemkollaps

von Klaus Kunze

Systemkollaps

Das oligarchische System kollabiert. Ein Modewort der Klimajünger und anderer Propheten ist das Wort Kippunkt. Die Wahl in Sachsen-Anhalt läßt aus soziologischer Sicht einen echten Kippunkt erwarten. In meinem Buch „Der totale Parteienstaat“ hatte ich 1994 prophezeit, daß nur durch plebiszitäre Abstimmungen das oligarchische System aus CDUCSUSPDFDP aufgebrochen werden kann, das sich den Staat schon damals zur Beute gemacht hatte.

Der Kippunkt ist nicht mit dem vollständigen Umsturz eines Systems zu verwechseln. Er bezeichnet den Punkt, an dem eine geringe weitere Veränderung genügt, um eine sich selbst verstärkende Entwicklung in Gang zu setzen. Genau diesen Punkt hat Sachsen-Anhalt erreicht.

Als einziges „Gegenmittel gegen oligarchische Giftdämpfe“ hatte ich Volksabstimmungen bezeichnet, als „Nadel, mit der allein der ganze aufgeblasene Luftballon des Bonner Parteienfeudalismus zum Platzen gebracht werden kann“. Der „einzig gangbare Weg aus der Misere“ führe über eine möglichst umfassende Durchlöcherung des selbstreferentiellen Repräsentativsystems durch Instrumente direkter Demokratie.

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Grundübel Parteienstaat: Am Beispiel Sachsen-Anhalt

von Wolfgang Hübner

Grundübel Parteienstaat: Am Beispiel Sachsen-Anhalt

Am Sonntag hat die AfD in Sachsen-Anhalt die Landtagswahl mit weitem Vorsprung vor fünf konkurrierenden Parteien gewonnen. Zur absoluten Mehrheit hat es jedoch nicht für Ulrich Siegmund und seine Partei gereicht. Verbunden mit dem Wahlsieg ist der automatische Auftrag an die AfD, mit den anderen Parteien ins Gespräch zu kommen um auch Möglichkeiten für Koalitionen auszuloten. Was könnte selbstverständlicher sein in einer funktionierenden parlamentarischen Demokratie?

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Arminius und der Wald, den nicht jeder sieht

von Muhammed Sabbah

Arminius und der Wald, den nicht jeder sieht

Im Herbst des Jahres 9 n. Chr. marschierten drei römische Legionen unter dem Kommando des Publius Quinctilius Varus nach Germanien. Arminius, der einst im römischen Heer gedient hatte, dessen Sprache und Kriegskunst kannte und mit der Macht Roms aus eigener Erfahrung vertraut war, führte in den Wäldern des Teutoburger Waldes germanische Stämme gegen die Römer. Die Schlacht endete in einer Katastrophe für Rom.

Doch die eigentlich interessante Frage lautet nicht nur: Wer hat gesiegt? Sondern: Was war Arminius?

Für Rom war er ein Aufständischer und Verräter, für jene, die mit ihm kämpften, ein Anführer des Widerstands gegen eine fremde Macht. Jahrhunderte später wurde Arminius als «Hermann» zu einer Figur des deutschen kulturellen Gedächtnisses. Der Teutoburger Wald war nun nicht mehr nur Schauplatz einer militärischen Niederlage, sondern Teil einer Erzählung über Widerstand und nationale Zugehörigkeit.

Das Ereignis ist dasselbe geblieben. Seine Bedeutung hat sich verändert.

Hier beginnt das philosophische Problem. Wir leben nicht in einer Welt bloßer Tatsachen, sondern in einer Welt von Bedeutungen, durch die Tatsachen geordnet und gedeutet werden. Der Mensch steht nicht außerhalb der Geschichte. Er wird in eine Sprache hineingeboren, wächst in einer Kultur auf, erbt Erinnerungen und übernimmt Vorstellungen vom Menschen, von Gesellschaft, Herrschaft, Gut und Böse, lange bevor er beginnt, sie kritisch zu hinterfragen.

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„Uns wird die Souveränität geraubt, dagegen zu sein“

von Hanno Borchert

„Uns wird die Souveränität geraubt, dagegen zu sein“

Der Satz „Uns wird die Souveränität geraubt, dagegen zu sein“ stammt aus der vielbeachteten Glosse „Der letzte Deutsche“ des Schriftstellers Botho Strauß, die im Oktober 2015 im Nachrichtenmagazin Der Spiegel veröffentlicht wurde. Strauß äußerte sich darin kritisch über eine herrschsüchtig werdende politisch-moralische Konformität und einen gesellschaftlichen Druck bei Themen wie der Flüchtlingspolitik und dem gesellschaftlichen Wandel. Er argumentierte, daß eine ablehnende Haltung oder nur das bloße Formulieren von Zweifeln gegenüber herrschenden Mainstream-Meinungen schnell als unmoralisch oder ausgrenzend abgestempelt werde. Doch dies trifft mittlerweile nicht nur in Bezug auf die Flüchtlingspolitik zu, sondern betrifft auch die Corona-Zeit und heute aktuell auch auf abweichende Meinungen bezüglich der herrschenden Meinung zum Krieg in der Ukraine oder ebenso auf den Krieg Israels gegen die Palästinenser zu. 

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Tibet im Spannungsfeld zwischen Ost und West – chinesische Repression und westliche Instrumentalisierung

von Dr. Florian Sander

Tibet im Spannungsfeld zwischen Ost und West – chinesische Repression und westliche Instrumentalisierung

Nicht selten passiert es, dass die chinesisch verschuldeten Missstände in Tibet von den Propagandisten des westlich-liberalen Gesellschaftsmodells – von europäischen linksliberalen Grünen bis hin zu US-amerikanischen NeoCons – indirekt zu vermeintlichen Belegen dafür angeführt werden, dass der Westen historisch im Recht sei. Im Nachgang zur bis heute andauernden chinesischen Besetzung Tibets haben sich vor allem US-Politiker die Sache der Freiheit Tibets zu eigen gemacht – bis hin sogar zu Hollywoodstars wie Richard Gere. Tibet „eignet“ sich im geopolitischen Wettbewerb zwischen Ost und West hervorragend, um innerhalb des Informationskrieges der Volksrepublik China einen astreinen Sündenfall nachzuweisen, der das antiimperialistische Paradigma der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) unzweifelhaft Lügen straft. Da lässt sich nicht drum herumreden: Tibet ist in der Tat der ultimative Sündenfall der chinesischen Regierung, und nichts, was China bis heute getan hat, um diesen Eindruck zu zerstreuen, hat diese Diagnose bisher annähernd widerlegt.

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Die Geschichte der Deutschen in Kirgistan – unterwegs nach Rotfront

von Christian Witt

Die Geschichte der Deutschen in Kirgistan – unterwegs nach Rotfront

Auf der Marschrutka 317 steht es schwarz auf weiß, in kyrillischen Lettern auf einem Schild hinter der Windschutzscheibe: Kant, Iwanowka, Station Ak-Sai, Rotfront. Eine unscheinbare Fahrt durchs Tschüi-Tal, gut eine Stunde von Bischkek entfernt. Doch der letzte Name auf dem Schild trägt ein Stück deutsche Geschichte in sich, die kaum jemand in Europa noch kennt.

Bergtal, nicht Rotfront

Die Geschichte des Dorfes reicht zurück zu deutschen Siedlern, überwiegend Mennoniten, die seit Ende des 19. Jahrhunderts in Zentralasien siedelten. Seit 1882 lebten Mennoniten im Talas-Tal. Als dort das Land knapp wurde, zogen Familien weiter ins Tschüi-Tal. 1925 entstand zunächst Grünfeld, das spätere Dorf Thälmann. 1927 gründeten weitere Familien aus dem Talas-Tal Bergtal, das spätere Rotfront. Wenig später entstanden beziehungsweise entwickelten sich in der Region weitere deutsche Siedlungen wie Luxemburg und Friedenfeld.

Politische Karte Zentralasiens mit fünf ehemaligen Unionsrepubliken [Foto: Abteilung für Kartographie der Vereinten Nationen, modifiziert durch Furfur, Wikimedia Commons].

1931 wurde Bergtal im Zuge der sowjetischen Umgestaltung und Kollektivierung in Rot-Front umbenannt. Der Name passte zur politischen Sprache der Zeit und erinnert an den kommunistischen Kampfruf „Rot Front!“, der auch durch den deutschen Roten Frontkämpferbund bekannt war.

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Chinas „Sozialistische Marktwirtschaft“

von Dr. Florian Sander


Chinas „Sozialistische Marktwirtschaft“

Versuch einer (Er-)Klärung

Es gehört zu einem der am meisten wiederholten Missverständnisse aktueller Kapitalismus-Debatten: Die Einordnung von Chinas Wirtschaftsordnung ins ökonomische und politische Koordinatensystem. In den meisten Fällen ist es eher ein Gegenstand verschiedener Feindmarkierungen: Deutsche DDR-nostalgische Steinzeitkommunisten brandmarken sie als „kapitalistisch“, weil sie am freien Welthandel partizipiert, während Kalte-Kriegs-Betonköpfe aus dem liberalkonservativen Spektrum die Volksrepublik in eine Kategorie mit der UdSSR setzen. Besonders beliebt sind in diesem Zusammenhang die üblichen Boomer-Phrasen wie „Sozialismus hat noch nie irgendwo funktioniert!“. Wer die Debatte reflektiert führen will, müsste hier jedoch als erstes einmal fragen: Was ist denn „Sozialismus“ überhaupt – und wo fängt er an, wo hört er auf?

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Abdul Ballout: Die verdrängte Verantwortungskette der Union

von Andreas Schnebel

Abdul Ballout: Die verdrängte Verantwortungskette der Union

NIUS fragt zu Recht: „Warum war Abdul Ballout nicht in Haft? Unions-Politiker kritisieren Umgang mit mutmaßlichem Terrorfahrer.“

Nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day richtet sich die Empörung besonders gegen die Justiz. Das ist verständlich. Abdul B. war als Gewalttäter und Anhänger des „Islamischen Staates“ bekannt. Er hatte IS-Propaganda verbreitet und mehrfach versucht, sich dem bewaffneten Kampf der Terrororganisation anzuschließen. Im Libanon wurde er festgenommen, zu einer Haftstrafe verurteilt und anschließend nach Deutschland zurückgeführt. Nach seiner Ankunft am Flughafen BER wurde er erneut festgenommen und später wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat verurteilt.

Trotzdem hob das Amtsgericht Tiergarten den Haftbefehl auf. Die Generalstaatsanwaltschaft hatte eine höhere, nicht mehr bewährungsfähige Jugendstrafe und die Fortdauer der Haft verlangt. Wenige Wochen später verübte Abdul B. den Anschlag auf den Berliner CSD, bei dem er eine Frau tötete und 29 weitere Menschen verletzte.

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Der Angriff auf die Ehe – wie der Staat seine Ordnung verrät

von Andreas Schnebel

Der Angriff auf die Ehe – wie der Staat seine Ordnung verrät

Es gibt politische Schritte, die als technische Reformen verkauft werden, tatsächlich aber tektonische Brüche sind. Die geplante Abschaffung des Ehegattensplittings durch die SPD gehört genau in diese Kategorie. Es ist kein schlichter Eingriff ins Steuerrecht, sondern eine bewusste Attacke auf die Grundordnung der Gesellschaft: Ehe, Familie, Hausstand.

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