Hervorgehoben

Freiheit bedingt Verantwortung

Bildquelle: »Genosse was hast du mit der roten Fahne gemacht?« Quelle: Sieghard Pohl, »extra muros«. Kurzprosa Grafik Malerei Objekte, erschienen im Verlag Siegfried Bublies, Koblenz 1990.

von Siegmar Faust

Freiheit bedingt Verantwortung

Dreißig Jahre nach dem Gottesgeschenk des Mauerfalls spitzt sich wieder etwas zu, und das nicht nur in Deutschland. Erleben wir eine Wiederkunft des Totalitären? Und das 30 Jahre nach der ersten Revolution, die zumindest den Mitteldeutschen gelungen war, und das sogar in einer völlig unerwarteten und neuen Qualität, nämlich in einer friedlichen Revolution? Waren wir Deutschen denn nicht am Tag nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 „das glücklichste Volk der Welt“, wie es der stets rotbeschalte Regierende SPD-Bürgermeister von Berlin-West, Walter Momper, damals in die Mikrofone rief?

Natürlich war das eine dumme Übertreibung, denn wie sollten die ehemaligen Profiteure und deren Handlanger über den Sturz oder Zusammenbruch ihres „ersten Arbeiter-und-Bauer-Staates auf deutschem Boden“ glücklich sein? Und nicht nur das, denn der ganze Ostblock mit der Hauptstadt Moskau brach in sich zusammen. Die linke „Intelligenzija“ des Westens war entsetzt. Wer wollte denn von denen gar noch die Wiedervereinigung? Herr Momper, Oskar Lafontaine, Nobelpreisträger Günter Grass, Willy Brandt und sein ehemaliger Staatssekretär und persönlicher Freund Egon Bahr wollten sie wie die meisten anderen Sozialdemokraten jedenfalls nicht. Noch im Spätherbst 1988 bezeichnete Bahr die Forderungen nach der Wiedervereinigung als „politische Umweltverschmutzung“. Selbst noch fünf Tage nach dem Fall der Mauer nannte er es eine „Lebenslüge, über Wiedervereinigung zu reden“. Brandt sagte im September 1988 in einem Vortrag der Friedrich-Ebert-Stiftung: „Durch den Kalten Krieg und seine Nachwirkungen ist die Hoffnung auf Wiedervereinigung geradezu zu einer spezifischen Lebenslüge der 2. Republik geworden“. Doch nur sein nachträglicher Satz, als die Einheit nicht mehr zu verhindern war, hat sich ins Gedächtnis der Nation eingebrannt: „Es wächst zusammen, was zusammengehört“. In diesem Stil der verwirrenden Widersprüche stolperten die ideologisch zumeist vernagelten Politiker in die ungewollte, aber von den demonstrierenden Massen vor allem in Leipzig, Dresden und Plauen erzwungene Einheit Deutschlands hinein. Wobei auch nicht vergessen werden darf, dass die meisten durchaus mutigen Bürgerrechtler, die später mit Orden und Ehrenzeichen dekoriert wurden, anfangs weder die Wiedervereinigung noch die Abschaffung des Sozialismus anstrebten, den sie lediglich im Sinne Rudolf Bahros oder Robert Havemanns reformieren wollten. Doch solche Halbheiten bilden in brenzligen Situationen oft eine Brücke zwischen den Extremen und können dadurch eine gewaltsame Eskalation verhindern.

Der „Zeit“-Journalist Theo Sommer sekundierte damals, als schon jeder Sensible das Ende der SED-Diktatur erahnen konnte: „Die Bürger des anderen deutschen Staates bringen ihm (Honecker) fast so etwas wie stille Verehrung entgegen“. Diesem Blödsinn von marxistisch verseuchten, doch großbürgerlich prassenden Gesinnungsjournalisten und den jakobinischen Tugendterroristen im „Kampf gegen rechts“ setzte Axel Springer mit Kurt Schumacher die simple Tatsache entgegen, dass Kommunisten überall, wo sie an die Macht gelangten, sich als „rotlackierte Nazis“ entlarvten. Der SED-Staat war demzufolge nicht nur für den Verleger Springer ein Verbrecherregime, sondern besonders für deren Widerständler und vielen Opfer, denen Springer gern Chancen in seinem Verlag einräumte, darunter Günter Zehm, Ulrich Schacht, Lutz-Peter Naumann oder den Perser Hossein Yazdi, der 16 Jahre als politischer Häftling einsaß und dann 36 Jahre für Springer als Journalist arbeitete. Jeder, der dort als Journalist arbeiten wollte, musste folgende vier Punkte unterschreiben:

  1. Das unbedingte Eintreten für die friedliche Wiederherstellung der Deutschen Einheit in Freiheit.
  2. Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes.
  3. Die Ablehnung jeglicher Art von politischem Totalitarismus.
  4. Die Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft.

In der Springer-Zeitschrift „Kontinent“, in der vor allem die osteuropäischen Dissidenten zu Wort kamen, veröffentlichte Springer 1977 wie ein Prophet das Folgende:

„Wenn es gelingt, die Völker Osteuropas, einschließlich der Sowjetunion, gegen die Lüge der Gewalthaber immun zu machen, indem wir die Wahrheit als Elixier der Freiheit auf allen Wegen über Mauern und durch Zäune schaffen, dann bereiten wir jene Revolution des Geistes vor, die noch immer die Lüge außer Kraft gesetzt und Diktatoren, Gewaltregime und Unterdrücker gestürzt hat. Das klingt heute wie ein Märchen. Ist es nur ein Märchen? Es gab einmal einen Mann namens Theodor Herzl. In scheinbar aussichtsloser Lage versprach er den Juden einen Staat, auf den sie seit 2000 Jahren tagtäglich – vergeblich – hofften. Herzl hämmerte den Juden ein: ,Wenn ihr es wollt, ist es kein Märchen.‘ Das heißt für uns: Wenn wir nur wollen, wenn wir alles wagen, dann ist die Freiheit kein Märchen. In Deutschland nicht. In Polen nicht. In Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei und den baltischen Staaten nicht. Und nicht in Russland.“

Schade, dass Axel C. Springer, der 1985 verstarb, das nicht mehr auf Erden erleben durfte, was er vorausgesehen hatte. Auch Matthias Walden und Franz Joseph Strauß hätte ich das sehr gegönnt.

In Osteuropa hat der Marxismus in seinen verschiedenen Auslegungen faktisch ausgedient, denn mit den marxistischen Altkadern, die noch überdurchschnittlich in allen möglichen Verwaltungen unterkamen, sogar in der Stasi-Unterlagen-Behörde, stirbt er nun größtenteils ab, weil diese Funktionäre selber wegsterben. Doch in den westeuropäischen und amerikanischen Hochschulen erfreut sich der Marxismus ansteigender Beliebtheit. Das alles dient dazu, die westliche „Wertegemeinschaft“ noch weiter zu spalten, was den nächsten Weltenbeglückern unter dem Ruf „Allahu Akbar!“ nur recht sein kann. Der westliche „Gutmensch“, vor allem in seiner Extremform als „Bessermensch“ verharmlost nicht nur die islamische Gefahr, sondern wird – bewusst oder unbewusst – zu ihrem Werkzeug. Die Grundlage, die sie verbindet, ist die totalitäre Deutungshoheit mit dem anknüpfenden Herrschaftsanspruch.

Doch ich möchte lieber nah an der mich umgebenden Gegenwart bleiben, denn geist- und gefühlsverwirrte Gefälligkeitskünstler und ebensolche Politiker und Wissenschaftler hatten ausgerechnet den SED-Juristen Gregor Gysi mit zum Festredner des 30. Jahrestages der friedlichen Revolution ausgerechnet in der ehemaligen „Heldenstadt“ Leipzig auserkoren, also jenen Mann, der die totalitäre SED und deren Vermögen gerettet hat, obwohl diese Partei verboten gehört hätte, wie 30 Jahre zu spät Theo Waigel, der ehemalige Spitzenfunktionär und spätere Ehrenvorsitzende der CSU, selbstkritisch zugab. Zum Glück haben sich viele ehemalige Bürgerrechtler und Dissidenten zu einem Protestschreiben aufgerafft, mit dem dieser Skandal gerade noch verhindert werden sollte.

Doch warum konnte niemand der Bundeskanzlerin und ihren Lakaien Einhalt gebieten? Würde man allein die völlig gegensätzlichen Aussagen der ersten deutschen Bundeskanzlerin aneinanderreihen, dann käme eine lange Litanei zustande. Hier nur ein Aspekt: Im Oktober 2000 sagte sie deutlich, dass „die multikulturelle Gesellschaft keine lebensfähige Form des Zusammenlebens ist, und das glaube ich auch.“ 2004 tritt sie entschlossen vorm Bundestag für die „Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung“ ein. Noch 2010 beteuert sie, dass der „Ansatz Multikulti … absolut gescheitert“ sei. Fünf Jahre später lässt sie gegen sämtliche Vernunft und alle bestehenden Gesetze, natürlich ohne den Willen des Souveräns einzuholen, 1,5 Millionen illegale Einwanderer, überwiegend junge Männer ohne Pass, aber mit modernen Handys ins Land und in die deutschen Sozialsysteme strömen. Schlepperbanden machen riesige Geschäfte, Hunderte ertrinken im Mittelmeer. Plötzlich werden Milliarden Euros locker gemacht, obwohl für die maroden Schulen, Straßen, Brücken, für die Wohnungsnot und Aufstockung erbärmlicher Renten bisher keine Gelder übrig waren.

Merkels politische Linie besteht lediglich darin, sich opportunistisch jedem anzubiedern, möglichst wenig zu ändern, denn eigene Ziele oder Entscheidungen zu vertreten, dazu hat sie kein Talent. Ihr Leitmotiv ist unter Politikern nur allzu bekannt: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“ Aber eins beherrscht sie bestens: in fast jede Aussage eine Einschränkung einzubauen, die es möglich macht, bei Bedarf genau die gegenseitige Position vertreten zu können. Katastrophal wird es, wenn grundsätzliche Entscheidungen verlangt werden, die nicht mit einer pro-forma-Konzession an Gegner in der Koalition zu bewältigen sind. Und für diese katastrophale Politik „verdient“ diese gewählte Frau täglich über 1.100 Euro, die immer weniger Rentner im Monat bekommen.

Zunehmend verstärkt sich bei vielen verantwortlich denkenden Menschen der Eindruck, in Absurdistan zu leben oder gar in einem Irrenhaus, dessen Ärzte sich zudem noch anschicken, sich einem neuen Totalitarismus zu ergeben, der als Religion daherkommt und eine brutale Welteroberungspolitik betreibt, sobald er sein Lehrbuch, den Koran, auch nur halbwegs ernst nimmt. Damit das nicht so auffällt, wird ein CO2-Gespenst aufgeblasen, welches die Welt retten soll und natürlich die Zukunft unserer Kinder, die sich dafür mit einem abnormen Schulmädchen an der Spitze den Freitag zum Schulstreiktag „erkämpft“ haben.

Freilich, diesem Jetztzustand gehen immer unkorrigierte Fehler und fehlgeleitete Ideologien voraus.

Diese alle aufzuzählen übersteigt die Kraft und Zeit eines Einzelnen. Doch es bleibt, um es noch ganz allgemein zu sagen, folgende Beobachtung im Raum: Wenn Menschen, die sich dem Allgemeinwohl verpflichtet fühlen und politische Ämter anstreben, nicht mehr prinzipiell denken und damit auch keinen Überblick über allgemeine Zusammenhänge erlangen können, dann ist es kein Wunder, dass sie Wesentliches nicht mehr von Unwesentlichem unterscheiden können. Sie wollen populär sein, um die mildeste Variante anzunehmen, stempeln zugleich selber jeden Kritiker als Populisten ab.

Unter solchen konturlos-unberechenbaren Regenten bildet sich immer auch eine konturlose Mehrheit von verschiedensten Mitläufern, die sich wie in jeder Diktatur rasch und billig auf Schlag-Worte einigen, mit denen nicht nur drohend herumgefuchtelt, sondern auch durch die Antifa-SA kräftig zugeschlagen wird. Das erhöht das Selbstwertgefühl minderwertiger Kreaturen, die nun im Herdengefühl unter jeder dummen Kuh den Kampf ausrufen, in allererster Linie natürlich „gegen Rechts“, deren Vertreter dadurch wiederum zum Gegenterror aufgerufen werden:

„Gegen Rechts hilft kein Sexismus, unsere Antwort: Feminismus“,

„Ob friedlich oder militant – wichtig ist der Widerstand!“, „Ob Ost, Ob West – nieder mit der Nazipest!“,

„Nazis gibts in jeder Stadt – bildet Banden macht sie platt!“,

„Grenzen von der Karte streichen – Staaten müssen Menschen weichen!“,

„Kein Mensch ist illegal – Bleiberecht überall!“,

„Was kotzt uns so richtig an? Einteilung in ›Frau‹ und ›Mann‹!“,

„Die Bullen üben fleißig für ein neues dreiunddreißig!“,

„Gegen das Konstrukt aus Rasse und Nation – Für die soziale Revolution!“,

„Lasst es krachen, lasst es knallen, Deutschland in den Rücken fallen!“,

„Kapitalismus, scheiße wie noch nie! Für den Kommunismus und die Anarchie!“,

„Alles für alle und zwar umsonst!“,

„Kein Gott, kein Staat, kein Vaterland – Schwarz, Rot, Gold wird abgebrannt!“,

„Ich war, ich bin, ich werde sein – Die Revolution wird die Menschheit befreien!“,

„Erst kommt das Essen, dann kommt die Moral – Wohlstand für alle – Kampf dem Kapital!“…

Nach der Auflösung der Roten Armee Fraktion (RAF) verschob sich die Aufmerksamkeit auf das Gefahrenpotenzial des braunen (NSU-Morde, Politikermord, antisemitischer Anschlagsversuch mit Schusswaffenmorden) und des islamischen Terrors. Brandanschläge auf die Stromversorgung, zerstörte Bahngleise, krankenhausreif geprügelte Politiker, Angriffe auf Polizisten und Rettungskräfte, Ehrenmorde, Messerattacken, Vergewaltigungen, Erpressungen, Sprengungen von Geldautomaten und dergleichen mehr überlasten nicht nur die Polizei sowie das gesamte Justizsystem, während die zunehmenden Übergriffe aus dem linksextremen Spektrum verharmlost werden und demzufolge kaum erforscht sind. Von den sich immer weiter ausbreitenden arabischen und kurdischen Gangster-Clans will ich gar nicht erst zu berichten beginnen.

Immerhin, Prof. Klaus Schroeder, der an FU Berlin über Linksextremismus forscht, weist nach, dass sich im Jahr 2017 1200 Gewalttaten von rechts fast doppelt so vielen Ausschreitungen von links gegenüberstehen. Doch in unseren Erziehungsmedien wird das genau andersherum dargestellt. Eine riesige Lobby-Gruppe mit der ehemaligen Stasi-Mitarbeiterin Anetta Kahane an der Spitze verdient sich dumm und dämlich im bewusst einseitigen und damit totalitären „Kampf gegen rechts“. In einem demokratischen Staat, für den ich mich wie jeder andere Konservative auch einsetze, müsste ein erbarmungsloser Kampf gegen alle Extremisten geführt werden, die kriminell, also revolutionär mit Terror und Gewalt den vernünftigen Ordnungsrahmen unseres Grundgesetzes bewusst zerstören oder außer Kraft setzen wollen.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass die Demokratie immer nur eine zum Durchschnitt neigende Diktatur der Mehrheit ist, wenn… Ja, wenn es keinen Verfassungsrahmen gäbe, der den Ordnungsrahmen aller Freiheiten bildet, damit keine Willkür oder Anarchie, also das primitive Recht des Stärkeren herrschen kann. Freiheit ohne Disziplin und Verantwortung führt ins Chaos und bereitet Terror vor. Es lässt sich auch verkürzt sagen: Chaos neigt dem weiblichen Wesen zu, Ordnung dem männlichen. Das provoziert und soll es auch. Es besteht durchaus die berechtigte Frage, ob vielleicht erst das Chaos das Denken nährt.

Wer sich als gemäßigter Linker nicht vom Kulturmarxismus abgrenzt, will die Grundlagen der westlichen Welt, die sich sowohl durch Freiheit als auch durch Wohlstand charakterisiert, unterminieren. Linke Utopisten laufen gegen jedes machbare System an, das irgendetwas mit Kapitalismus oder Marktwirtschaft zu tun hat. Was bleibt davon übrig, wenn die soziale Marktwirtschaft abgeschafft würde? Planwirtschaft, Diktatur der Bürokratie und ideologischer Machtterror. Das heißt Armut, Zerstörung der Umwelt, der Kultur und Tradition. Was blüht stattdessen auf? Angst, Misstrauen, Ideologie und Verlogenheit. Viele in Mitteldeutschland dachten, das hätten sie endlich hinter sich. Die Diktatur der Bürokratie hat hier und heute schon jede Dimension einer Diktatur überflügelt. Der freie Meinungsstreit wird besonders in den Medien, die sich von unseren Zwangsgebühren mästen, so eingeschränkt, dass der Weg zum Meinungsterror schon geebnet ist. Was folgt? Ein Bankencrash? Stromausfälle, überbordende Kriminalität? Das Abrutschen in die 3. Welt? Dorthin, wo unser Bildungssystem im Großen und Ganzen fast schon gelandet ist? Marxismus ist alternativlos. Da hat Frau Dr. Merkel völlig recht. Opportunisten haben immer recht.

Schon jahrelang erlaubte es sich Deutschlands erste Kanzlerin zu machen, was sie will. Doch das Schönste ist ja, sie weiß gar nicht, was sie will. Ideen? Prinzipien? Visionen? Lehren aus der Geschichte? Sie merkelt nur, dass ihr die Basis unter den Füßen wegschmilzt. Da weiß sie plötzlich wieder, was sie will: Macht haben, Recht haben, Ruhm haben. Nicht nur Verfassungsrechtlern der CDU stehen zu diesem Weiberregiment die Haare zu Berge. So dominiert (oder regiert?) heute vor allem eine Walküre-Willkür. Doch wenn sie gar noch wegen der ihr verhassten deutschen Nationalhymne auf- und stillstehen muss und sich nicht selber mit ihrer heiligen Raute präsentieren darf, bekommt sie das große Zittern. Doch fortschrittliche Professoren und Journalisten applaudieren. Der Beamten-Unwirtschaft unter Olaf, dem Steuereintreiber, kann es nur recht sein, den privilegierten Lakaien ohnehin, denn sie müssen ja nicht viel leisten, hauptsächlich zustimmen, abnicken, dann sieht man bald aus wie Peter Altm… Ach, und der süße Heiko Maa…Maa…. passt gut in die Handtasche unserer großen Vorsitzenden und hält deren Lippenstift frisch. Und der kleine verbiesterte Wolfgang Schäu… – schäumt er wieder? Der wird mitleidig in seinem Kinderwagen hin und her geschoben. Schlauheit bleibt dreist im Lande, Intelligenz wandert aus.

Keine Diktatur mit Planwirtschaft konnte bisher wirtschaftlich überleben. Nur die Despotie blüht in verschiedenen Größen wie Unkraut in solchen Ländern, sodass sich dieses sogar an den Klassenfeind exportieren lässt. Doch Individualismus ist jedem Kollektivismus haushoch überlegen. Ausnahmen waren Pinochets Diktatur und neuerdings diejenige Chinas oder die der feudalistischen Ölscheichmilliardäre, die sich mithilfe der besten Ingenieure, Architekten, Künstler und Wissenschaftler aus dem Westen Huxleys „Schöne neue Welt“ in die Wüste bauen lassen. Wer schon einmal Dubai besucht hat, der sieht, wie uns heute undemokratische, totalitär strukturierte Feudalsysteme mit unseren eigenen Waffen schlagen und zeigen, wie wir mit unserer verkommenen Bürokraten-Demokratien immer weiter zurückfallen, gewissermaßen abgehängt werden. Überall wollen bei uns demokratisch gewählte Politiker mit hineinreden, obwohl sie zumeist nur von einem viel verstehen – von nichts! So entstehen in jahrelanger Verspätung die teuersten Philharmonien oder Flugplätze der Welt auf niedrigem Niveau. Die Bundeswehr ist zur Lachnummer verkommen, regiert von einer eingeadelten Frau, die durchaus zur Familienministerin taugen würde. Doch selbst Blödsinn zu befehlen ist einfacher als den neuen „Goldstücken“ aus fremden Kulturkreisen Deutsch beizubringen. Nicht vergessen! Denn es war der ebenfalls wahrnehmungsgestörte SPD-Schulz, der 2016 gesagt hatte: „Was die Flüchtlinge uns bringen, ist wertvoller als Gold. Es ist der unbeirrte Glaube an den Traum von Europa.“ Glaube und Traum sind für mich zwei verschiedene Schuhe. Und was uns die Flüchtlinge bringen? Was könnte denn wertvoller als Gold sein? Platin?

Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks vor 30 Jahren kriechen immer mehr Neomarxisten aus ihren universitären Brutstätten und bedrohen mit „political correctness“ die größte Errungenschaft der westlichen Zivilisation: die Gedanken- und Redefreiheit. Sie wollen nicht nur den Studenten ihre marxistischen Geschichtsgesetze beibringen, nein, sie der ganzen Gesellschaft aufdrängen. Ist es schon völlig aus der Mode gekommen, auch Zeitgenossen von Marx/Engels zu lesen?

Friedrich Nietzsche wies nämlich schon 1878 unter der Überschrift „Der Sozialismus in Hinsicht auf seine Mittel“ darauf hin, dass der Sozialismus der jüngere Bruder des fast abgelebten Despotismus sei, den er beerben wolle. Er brauche eine Fülle an Staatsgewalt und strebe die Vernichtung des Individuums an. Der erwünschte Gewaltstaat brauche die untertänigste Niederwerfung aller Bürger und könne sich nur durch äußersten Terrorismus Hoffnung auf Existenz machen. Er bereite sich im Stillen auf eine Schreckensherrschaft vor und verwende missbräuchlich den Begriff der Gerechtigkeit. Der Sozialismus lehre lediglich die Gefahr der Anhäufung von Staatsgewalt und werde den Ruf nach so wenig Staat wie möglich provozieren.

Karl Poppers „offene Gesellschaft“ steht bekanntlich in der Tradition des Liberalismus und ist für Marxisten reaktionär, weil sie die kritischen Fähigkeiten der Bürger freisetzen will. Dazu soll auch noch die Gewalt des Staates geteilt werden, um Machtmissbrauch vorzubeugen. Wo käme man denn da hin, wenn man doch mit den Geschichtsgesetzen von Marx immer weiß, wo es langgeht? Da die Marxisten es zu wissen vorgeben, sollten wir ihre Ersatzreligion durchaus ernst nehmen, aber zugleich wissen, dass die Marx-Exegese und die Fundamentalkritik der „bürgerlicher Wissenschaft“ begleitet war von einem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust der Geisteswissenschaften. Gleichheit, Gleichheit über alles, über alles in der Welt. Immer wieder soll am nichtdeutschen Wesen die Welt genesen. Wer kann das so ausdauernd genießen?

Natürlich die deutschen Politiker der sogenannten Altparteien, die in der Regel einfach zu arrogant, ungebildet und ideologisch verblendet, aber auch total überfordert werden, um zur Wiedererweckung der einst vorbildlich funktionierenden Demokratie unter Adenauer und dem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard fähig zu sein. Als letzte Hoffnung bleibt nur die neue Oppositionspartei, deren Namen ich, so warnen mich gute Freunde, am liebsten nie wieder in den Mund nehmen sollte, um nicht noch weitere Einschränkungen meines ohnehin bescheidenen Lebensstils hinnehmen zu müssen. Doch wie heißt es im Psalm 18? Auf die heutige Zeit übertragen würde ich es so aussprechen:

„Es ist besser, Gott zu vertrauen als sich auf Menschen zu verlassen. Es ist besser Gott zu trauen als sich auf Politiker zu verlassen. Viele Parteien hatten mich umringt. Im Namen Gottes – ja, ich wehrte sie ab. Sie hatte mich umringt, ja, mich eingeschlossen. Im Namen Gottes – ja, ich wehrte sie ab. Die Stasi-Knechte hatten mich umringt wie Bienen. Sie sind erloschen wie Dornenfeuer. Im Namen Gottes – ja, ich wehrte sie ab. Hart hat man mich gestoßen, um mich zu Fall zu bringen.“

Und? Ich lebe noch – gesund und flexibel. Selbst mein Dreivierteljahrhundert sehen mir nur wenige an. Dass ich selber kein Parteien-Mensch bin, erfuhr ich erst, nachdem ich zweimal in den 80er und 90er Jahren der Berliner FDP beigetreten war, in deren Parteinamen mich vor allem das Attribut „frei“ faszinierte, aber vor allem, um den nationalliberalen Flügel um Alexander von Stahl, Hermann Oxfort, Heiner Kappel, Rainer Zitelmann und Klaus Rainer Röhl zu stärken. Ja, Röhl, der ehemalige linke Journalist und „konkret“-Herausgeber hatte sich ebenfalls gewandelt und publiziert nun selbst als hochbetagter Mann noch in so genannten „rechten“ Zeitungen, um über die „tiefgreifenden, zum Teil verheerenden Folgen der kommunistischen und links-utopischen Aktivitäten“, an denen er selber einst „als Herausgeber und Kommentator beteiligt gewesen war“, aufzuklären.

Ansonsten interessiert mich Macht- und Parteienpolitik kaum. Mir geht es vor allem um Erkenntnisse, die nicht immer leicht zu verdauen sind. Dazu muss der Mut aufgebracht werden, auch mit Menschen, die einem unsympathisch sind, oder mit politischen Gegnern oder sogar Feinden zu diskutieren. Vor dem Entscheiden kommt das Verstehenwollen, das Infragestellen eigener Klischees und Gewohnheiten, das Abwägen gegensätzlicher Auffassungen. Das kann durchaus zu neuen Kompromissen führen, auf alle Fälle zu einer begründeten Positionierung.

Doch Menschen, die unter dem Schild der guten Moral und des überheblichen Bewusstseins, etwas für die Zukunft der Menschheit zu leisten, sich totalitären Systemen und ihren Methoden zur Verfügung stellen, sind es der kurzen, wertvollen Lebenszeit nicht wert, sich mit ihnen einzulassen, bevor sie sich nicht selber ihren Irrtum eingestanden haben. Jeder kennt den August H. H. von Fallersleben zugeschriebenen Spruch „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant!“ Zu diesen Lumpen gehören auch die Relotius-Decker-Journalisten, die massenhaft herangezüchtet wurden, nachdem Matthias Walden, Heimo Schwilk, Günter Zehm, Ulrich Schacht und andere hervorragende Journalisten mit Charakter, Talent und Scharfsinn das Feld verlassen hatten. Sie konnten Wesentliches mit ihrem Erfahrungswissen durchschauen und wussten deshalb noch, welche Gefahren von der Verharmlosung des Marxismus-Leninismus und den verschiedenen Sozialismus/Kommunismus-Varianten ausgingen. Mit ihnen verband mich auch eine persönliche Freundschaft.

Matthias Walden (1927-1984, eigentlich Otto Baron von Saß) floh als junger Redakteur 1950 aus Dresden in den Westen, nachdem er als Gerichtsreporter mitbekam, wie brutal gegen Oppositionelle in der SBZ/DDR vorgegangen wurde und wie ihn schließlich selber FDJ-Kampfgruppen bedrohten. Sein Lebensziel war die Wiedervereinigung Deutschlands, die er selber nicht mehr erlebte. Ab 1980 war er Mitherausgeber der „Welt“ und war als Nachfolger in der Konzernleitung Springers vorgesehen, doch er starb noch ein Jahr vor Springer.

Günter Zehm (*1933) war Lieblingsschüler des Utopie-Philosophen Ernst Bloch in Leipzig, saß dann drei Jahre in Zuchthäusern, folgte Bloch in den Westen und wurde nach seiner Promotion über Sartre Feuilleton-Redakteur der „Welt“ und stieg bis zum stellvertretenden Chefredakteur auf. Nach dem Zusammenbruch der „DDR“ wurde er Honorarprofessor in Jena und schrieb viele Philosophiebücher und Kolumnen.

Ulrich Schacht (1951-2018) wurde sogar im Frauenzuchthaus Hoheneck geboren. Sein Vater war ein russischer Offizier. Schacht wurde selber wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren verurteilt, kam 1976 als Freigekaufter in den Westen und wurde Feuilleton-Redakteur und Chefreporter für Kultur der Zeitungen „Die Welt“ und „Welt am Sonntag“; trat auch als erfolgreicher Dichter und Schriftsteller hervor.

Heimo Schwilk (*1952) ist ein waschechter Schwabe und war bis Oktober 2015 Leitender Redakteur der „Welt am Sonntag“. Er lebt heute bei Berlin und schreibt Biografien. 2014 wurde ihm in Treviso/Italien der Premio Comisso für die beste Biografie verliehen. 2019 unterzeichnete er einen Aufruf zur Unterstützung der AfD.

Alle hier aufgezählten Journalisten und Autoren wurden von den ach so fortschrittlichen Linken im Westen diffamiert und zum Teil auch bedroht, jedoch vergebens.

Die Kommunisten, die während der Nazi-Zeit im Moskauer Hotel „Lux“ Quartier nahmen, mussten ihre Genossen, Freunde und Verwandten denunzieren, um selber überleben zu können. Völlig im Gegensatz zu den christlich geprägten Widerständlern der Weißen Rose in München. Solche vom Marxismus geprägten Denunzianten durften dann im Auftrag des Massenmörders Stalin, der mehr führende Kommunisten umbringen ließ als Hitler, die sowjetische Besatzungszone regieren, die sich dann dummfrech Deutsche Demokratische Republik nannte, wo kein Begriff der Wahrheit entsprach. Der Ex-Kommunist Prof. Hermann Weber fasste es exakt zusammen: „Mehr als sechzig Prozent der KPD-Funktionäre, die vor dem Zugriff der Gestapo in die Sowjetunion geflüchtet waren, sind von Stalins Schergen ermordet worden oder im Gulag umgekommen. Von den Mitgliedern des Politbüros der KPD hat Stalin mehr ermorden lassen als Hitler (…) Fünf Namen stehen auf dem Blutkonto der Gestapo, sieben auf dem des Tscheka-Nachfolgers GPU. Von den Familienangehörigen der Ermordeten sind mindestens 31 in der Sowjetunion gewaltsam umgekommen.“

Nur die Springer-Zeitungen setzten im Westen noch dieses stalinistische Gebilde „DDR“ wenigstens in Anführungszeichen, während die SPD sich soweit von ihrem ersten und mutigen SPD-Vorsitzenden nach dem Krieg, Kurt Schumacher, entfernt hatte, dass sie diese „DDR“ 1987 in dem SPD-SED-Papier gar auf Augenhöhe mit der Demokratie zu heben versuchte und Honecker für einen ehrenwerten Mann hielt. Diese Diktatur bestimmte sogar die Politik der Bundesrepublik mehr als es sich viele vorstellen konnten.

1972 wäre der CDU-Politiker Rainer Barzel beinahe Bundeskanzler geworden, nachdem Brandts SPD-FDP-Koalition Abgeordnete an die CDU/CSU-Fraktion verloren hatte. Doch beim entscheidenden Misstrauensvotum fehlten ihm plötzlich zwei Stimmen. Später kam heraus, dass zwei Abgeordnete von der Stasi bestochen worden waren. So blieb der von der SED bevorzugte Willy Brandt an der Macht, der den Zustrom von Jungmarxisten in die SPD zuließ. Auch der Bundespräsident Lübke wurde durch Stasi-Fälschungen zum Rücktritt veranlasst. Oder denken wir an den Ehrenpräsidenten der FDP, William Born, dessen Antrittsrede im neugewählten Deutschen Bundestag direkt aus der Feder des stellvertretenden Stasi-Ministers Markus Wolf stammte! Und wer erinnert sich noch an den „Krefelder Appell“, mitinitiiert von dem mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille ausgezeichneten General Gert Bastian, der dann auch mit anderen Generälen die Vereinigung „Generäle für den Frieden“ begründete? Auch dieses Projekt wurde von der Stasi angeregt und mitfinanziert. Dieser Verräter im Generalsrang, der sich 1992 und gleichzeitig seine Lebensgefährtin Petra Kelly erschoss, war von 1983 bis 1987 grünes Mitglied des Bundestages. Man stelle sich nur solch eine Gestalt in der heute einzigen Oppositionspartei vor. Da kämen die Medien überhaupt nicht mehr zur Ruhe.

Siegmar Faust

Siegmar Faust, geboren 1944, studierte Kunsterziehung und Geschichte in Leipzig. Seit Ende der 1980er Jahre ist Faust Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), heute als Kuratoriums-Mitglied. Von 1987 bis 1990 war er Chefredakteur der von der IGFM herausgegebenen Zeitschrift „DDR heute“ sowie Mitherausgeber der Zeitschrift des Brüsewitz-Zentrums, „Christen drüben“. Faust war zeitweise Geschäftsführer des Menschenrechtszentrums Cottbus e. V. und arbeitete dort auch als Besucherreferent, ebenso in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Er ist aus dem Vorstand des Menschenrechtszentrums ausgetreten und gehört nur noch der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik und der Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft an.

Völker oder Imperien? Der antiimperialistische Charakter des Nationalen

von Hans Becker von Sothen

Völker oder Imperien?

Der antiimperialistische Charakter des Nationalen

Von der totalitären Versuchung des Weltstaats und der Weltkulturen

Ein Empire, das ist seine Definition, ist ein universales Gebilde. Ein Imperialismus beruht auf dem universalen Prinzip.(1) Der Universalismus andererseits ist eine Denkform der Intervention. Denn wo gegen sein Prinzip verstoßen wird, muß er eingreifen, wenn sein Gedankengebäude nicht unglaubwürdig werden soll. Und da sein Gedankengebäude alles umfaßt, hat er auch das Recht im Sinne seines universalen Ordnungsprinzips, überall einzugreifen. Deshalb sind sie untrennbar miteinander verbunden.

Die Selbstreflexion des westlichen Menschen betont spätestens seit den Ideen der Aufklärung und der französischen Revolution, auf die sich vor allem Linke und Liberale gleichmäßig berufen, die menschliche Universalität. Die Rechte stellt seit der Romantik „das Besondere, sprich die kulturellen Eigenarten in den Vordergrund“.(2) Was die Vernunft für gültig erklärt, ist immer und überall gültig. Die Freiheit beginnt jedoch mit der Differenz, der Möglichkeit, nicht nur als Individuum, sondern auch als Kollektiv fundamental anders zu sein. Dieser Unterschied ist unaufhebbar.

Der Universalismus setzt eine Rangordnung zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen. Er behauptet, das Besondere bestehe lediglich als ein Derivat des Allgemeinen, von ihm logisch abhängig, ihm in allem untergeordnet. Das Menschenbild des Universalismus heißt also: Der Mensch ist eine Unterform der Menschheit. Die Menschheit definiert den Menschen, nicht umgekehrt. Der Universalist spricht von „dem“ Menschen in Wahrheit als moralisches Kollektiv, ganz so wie man früher von „dem“ Russen, „dem“ Franzmann, „dem“ Hunnen, „dem“ perfiden Albion gesprochen hat. In Wahrheit spricht er also, wenn er „Mensch“ sagt, nicht von einem Individuum, sondern von der kleinsten Untereinheit des Kollektivs Menschheit.

Der Universalist hat dieser Menschheit seine Gesetze formuliert, von denen er sagt: Diese Gesetze sind, da sie einmal als Essenz alles allgemein Menschlichen erkannt worden sind, als die Gesetze der Menschheit, sie gelten also für jedermann. Alle Besonderheiten haben sich hier unterzuordnen, oder wir können sie nicht mehr als allgemein menschlich akzeptieren.

Der letzte Kampf der Azteken auf dem Tempel von Tenochtitlán – nach Emanuel Leutze

Der Universalismus ist als Ideengebäude tief in der europäisch-orientalischen Tradition verwurzelt. Das Ziel beispielsweise aller monotheistischen Religionen ist die einheitliche, also universale Welt. Die universale Welt erscheint gleichzeitig als eine ganzheitliche, eine integrale Welt: Der perfekte Ausgleich aller Gegensätze in der realen Welt. Ein System verschiedener Völker, Kulturen und Religionen aber erzeugt Spannungen, deren völlige Beseitigung die Voraussetzung für eine harmonische, aufeinander abgestimmte, spannungsfreie Welt ist. Integralismus nennt sich diese restlose Aufeinander-Abgestimmtheit aller gesellschaftlichen Bauelemente, so daß jedes Element von jedem anderen Element abhängt, und keines entfernt werden kann, ohne daß der Aufbau des Ganzen zerstört würde.(3) In der Theorie mag ein solches System leicht herzustellen sein. In der Praxis liefe es zwangsläufig auf einen politischen Totalitarismus hinaus. Denn ein solcher Zustand kann nur geschaffen werden, wenn es einen einstimmigen, harmonischen Chor gibt, der alles eliminiert, was diesen endzeitlichen Weltfrieden stören könnte.

Das Ziel aller monotheistischen Religionen ist die einheitliche, also universale Welt: die ersten Taufen in Kalifornien durch Mönche des Franziskaner-Ordens, 1769

Die Sehnsucht nach universaler Einheit ist das Gegenbild der in der Geschichte immer wieder erlebten Zustände der Wirren und der Unübersichtlichkeit. Harmonie und endzeitliche Einheit konnte es aber in der monotheistisch-religiösen Vorstellung nur im Reich Gottes geben. Solche endzeitlichen, chiliastischen Vorstellungen sind das Kennzeichen dieser ewigen Friedenszustände: Tausendjähriges Reich, Kommunismus, das irdische Paradies der Zeugen Jehovas, das (liberale) Ende der Geschichte. Also ein Austritt aus der Weltgeschichte in eine Welt des endgültigen Glücks oder der göttlichen Gerechtigkeit, die keine zeitliche Kategorie mehr kennt. (Die Aussetzung der Zeitschiene, der Übergang aus einer geschichtlichen in die ungeschichtliche Zeit ist übrigens fast immer ein Hinweis für den Übergang aus einer weltlichen in die religiöse Sphäre). Sie alle sind ewige Friedensreiche, deren Voraussetzung die „Befriedung“ unbotmäßiger Randgruppen ist, also eine interventionistische, ja kriegerische Handlung.

Vor dem Beginn eines „ewigen Friedensreiches“ steht also immer notwendigerweise der Krieg oder, freundlicher ausgedrückt, die Befriedung. Denn Weltfrieden ist nur möglich aufgrund einheitlicher Weltherrschaft. Dieser Weltfriede war für die Völker des Alten Orients das Heil schlechthin. Die umfassende Einherrschaft wurde von ihnen mit der Alleinherrschaft Gottes gleichgesetzt, der einzig möglichen Grundlage eines solchen Weltfriedens. Die jüdische Religion übernimmt dieses orientalische Motiv und von ihr die Christen. Die Puritaner bringen es nach Amerika, die Zeit nach den Founding Fathers säkularisiert es. Nicht zufällig ist es deshalb, daß solche universalen Gebilde wie Imperien es sind, auch universale Friedensordnungen zu etablieren suchen. Wir kennen die Pax Romana, die Pax Britannica und seit einiger Zeit die Pax Americana. Ein Zeitalter der Pazifikationen, der Kreuzzüge gegen das Böse bricht an.

Alle Entwicklungen zu einer einheitlichen Weltherrschaft, sei es mit dem Ziel der Herrschaft eines Landes über die Welt oder eines universalen Weltstaats, führen notwendig zum Empire. Ein Empire definiert alles Fremde durch sich selbst. Dort, wo es kompatibel gemacht werden kann, läßt man es möglicherweise bestehen. Wo nicht, wird es eliminiert. Es ist bestenfalls als unterschiedlichfarbige Garnitur zum gewohnten Gericht erträglich, nicht aber als etwas grundsätzlich anderes. Wenn Rom ein Land eroberte, ordnete es die einheimischen Götter dem römischen Götterkosmos zu und machte es so zum Teil des imperialen Systems. Wohin ein Imperium auch kommt, nichts bleibt unberührt, denn alle Wege führen nach Rom. Keine Deutung bleibt autonom, denn alles bezieht sich auf das Zentrum und erhält von dort seinen Sinn zurück. Das Mittel dieser Einordnung ist der Universalismus. Wohin das Besondere auch flieht, der Universalist ist schon da. Er schafft das einheitliche Bezugssystem, die Nomenklatur, die einheitliche Benennung, die den unterschiedslosen Zugriff auf alles ermöglicht; nichts, was sich der Macht eines Universalisten entziehen könnte. Das Besondere, das sich sein Besonderes außerhalb dieses Systems bewahren will, hat keine Wahl, außer der Unterwerfung oder der Vernichtung.

Ein Empire hat stets die Tendenz, alles Besondere auszulöschen, die Besonderheit der Völker, der Nationen. Volk und Nation tragen Linke, Liberale wie Rechte, sogar viele kommunistische Partisanen im Mund. Was verbindet diese Begriffe? Kurz gesprochen ist die Nation die transzendentale Einheit eines Volkes. Das, was ein Volk von gestern mit dem von morgen verbindet. Die Sprache, die Kultur, die gemeinsame politische und kulturelle Identität, die Geschichte, das kollektive Gedächtnis. Dinge, die zwar ständig in Bewegung sind, die sich aber aus naheliegenden Gründen nicht jeden Tag neu definieren und erfinden lassen.

Der Neomarxist (nicht etwa Marx oder Lenin) will die Völker zugunsten der Menschheit auslöschen, Hitler wollte das Volk zugunsten der arischen Rasse ablösen. Für beide ist der Gedanke unerträglich, daß es für verschiedene Völker dauerhaft bestehende besondere Bedürfnisse geben soll. Der frühe Nationalismus eines Johann Gottfried Herder verteidigt die „Reize von Volkskulturen“ gegen den arroganten und anmaßenden Imperialismus des französischen Hofes, des englischer Kommerzialismus oder des blutleeren Universalismus der Aufklärung.(4)

Johann Gottfried Herder: verteidigt die „Reize von Volkskulturen“ gegen den arroganten und anmaßenden Imperialismus des französischen Hofes, des englischer Kommerzialismus oder des blutleerer Universalismus der Aufklärung.

Der politische Bündnispartner der Aufklärung ist die Republik. Derjenige des Nationalismus ist die Nation. Republik beschreibt eine Staatsform, die kulturell verstandene Nation umschreibt eine Identität. Dieses ursprünglich deutsche, kulturelle Verständnis der Nation, von der hier ausgegangen wird, unterscheidet sich klar von dem westlichen Nationenverständnis, das diese traditionell an den Staat bindet (Frankreich, England, USA). In Deutschland war die Kulturnation vor der Staatsbildung von 1871 vorhanden. Auch der bis Anfang des 19. Jahrhunderts vorhandene Begriff „Heiliges Römisches Reich deutscher Nation“ ist fast immer in der Weise mißverstanden worden, als ob es sich um eine Identität von Reich und deutscher Nation gehandelt habe. Das Gegenteil ist der Fall: Neben der deutschen Nation gab es in diesem Reich nämlich auch eine französische (arelatische bzw. burgundische) und eine italienische Nation mit eigenen Kanzleien und drei Erzkanzlern für jede (nationale) Kanzlei. Die Nation in der deutschen Auffassung ist also (respektlos ausgedrückt) eine Art Gewerkschaft des kulturell Besonderen gegenüber den Allmachtsansprüchen des universal Herrschenden oder wie in der Universität des Mittelalters und der Renaissance die Repräsentanz des Lokalen und des Besonderen im Allgemeinen, der Universitas litterarum, die nicht in diesem Allgemeinen untergehen sollte, sondern es durch seine Besonderheiten bereichern und die Interessen nach kultureller und geographischer Herkunft zu vertreten.

Dieser Nationenbegriff war prägend auch für alle Nationen, die jahrhundertelang Kulturnationen ohne Staat waren, als Untertanen der Kronen Österreich-Ungarns, der Türkei oder Rußlands. Auch in der Sowjetunion hatte man dieses deutsche Nationenverständnis. Wer in die sowjetischen Pässe schaute (das heutige Rußland handelt nach dem selben Prinzip), der sah dort geschrieben: Staatsangehörigkeit: Sowjetisch, Nationalität: Russisch, Tadschikisch, Jüdisch, Deutsch, etc.. In Deutschland lief die Sache umgekehrt, aber nach demselben Prinzip: Bis zum Staatsangehörigkeitsgesetz von 1934 gab es in Deutschland die preußische, bayerische, sächsische, oldenburgische (etc.) Staatsangehörigkeit. Das heißt, in allen von der deutschen Kultur beeinflußten Ländern von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer fielen Staats- und Nationsbegriff auseinander. Die Volkszugehörigkeit war wieder etwas anderes: Sie umfaßte auch die Deutschen in Wolhynien, an der Wolga, in Siebenbürgen oder Moldawien. Daß erst mit dem Staatsangehörigkeitsgesetz von 1934 die westliche Identität von Staat und Nation von Hitler hergestellt wurde, ist kaum ein Zufall. Die deutsche Länder-Staatsangehörigkeit wurde erst (übrigens zeitgleich mit der Einführung der Arier-Gesetze) durch die Änderung des Staatsangehörigkeitsgesetzes mit Wirkung vom 7. Februar 1934 aufgehoben. Erst damit war die vollständige juristische Identität von Staat und Nation durch Hitler hergestellt. Das jakobinisch-zentralistische Staatsverständnis der Nationalsozialisten konnte eine Differenz zwischen Nationsbegriff und dem de facto faschistischen Staatsbegriff nicht zulassen. Erst jetzt befand sich die Nation auch in ihrer Macht.

Ein weiteres instruktives Beispiel für das staatsferne Verhältnis von nationaler, kultureller, sprachlicher Identität ist das der arabischen Welt.(5) Wir haben verschiedene Staaten, aber auch eine überstaatliche arabische Identität, die sich von anderen Identitäten, wie etwa den Türken oder Persern scharf abhebt. Wir haben eine starke arabisch-islamische Identität: Arabisch ist die heilige, einzig authentische Sprache des Koran, die Sprache des Propheten. Dennoch gibt es beispielsweise im Libanon oder in Palästina starke christliche Gruppen, die großen Wert darauf legen, daß sie Araber sind. Andererseits gibt es marokkanische oder algerische Nationalisten, die Wert darauflegen, keine Araber zu sein, wie die Berber. Auch hier ist beispielsweise der arabische Nationalismus zunächst eine Antwort auf fremde kulturelle Unterdrückung, teils auf die türkisch-osmanische, teils auf den britischen und französischen Imperialismus. Das Gefühl, eine Nation zu sein, das Wissen um eine arabische Identität, ist jahrhundertealt. Auch sie war natürlich keineswegs staatsgebunden.

Der libysch-arabische Freiheitskämpfer Omar Mukthar in Ketten. Er wurde von den Italienern 1931 hingerichtet.

Die Herdersche Form eines Nationalismus, der in der Differenz etwas Zentrales sieht, das eben den Charme eines jeder Volkes, jeder Kultur, ausmacht, wird in Deutschland seit 1789 mit der Französischen Revolution von einem harten, politisierten, „verstaatlichten“ Nationalbegriff abgelöst. An diesem etatistisch-jakobinischen Nationsbegriff, nicht an Herder, orientierte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die von deutschen Liberalismus getragene deutsche Nationalbewegung.

Es ist kein Zufall, daß sich Daniel Cohn-Bendit, der sich klar an die westlich-französisch-jakobinische Tradition gebunden fühlt, bereits Ende 1993 im „Spiegel“ als Vorreiter für eine später tatsächlich durchgeführte Grundgesetzänderung vehement dafür einsetzt, daß „jegliche völkische und ethnische Definition der Nation aus der Verfassung herausgedrängt“ werde.

Wobei, wie gesagt, die Definition des Volkes von Cohn-Bendit wiederum fälschlicherweise mit Ethnie gleichgesetzt wird, der Nationsbegriff aber auf Staatsebene neutralisiert und universalistisch in den Massen- bzw. Bevölkerungsbegriff aufgelöst werden soll, dem selber ein kollektiver politischer Subjektsbegriff nicht mehr zukommen kann. Hier ging es auch nicht zunächst darum, einzuräumen, ob die Bundesrepublik nun in der Realität längst ein Einwanderungsland sei oder nicht, dafür haben längst die Großkonzerne und ihre fortdauernden Anforderungen nach billigem Nachschub für Arbeitskräfte auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten, gesorgt. Es geht darum, auf Dauer den Begriff Volk und Nation aus dem Vokabular der Demokratie zu tilgen, für die diese Begriffe seit Jahrhunderten ein unverzichtbarer Bestandteil waren. Volk (demos) als Subjekt der Demokratie, des kollektiven Mitbestimmungsrechts, die Nation als Haus dieser Demokratie. Die auch von Herder mitgeprägte Wissenschaft der Anthropologie war bis vor einigen Jahrzehnten stolz darauf, ethnozentristische Überheblichkeit zu kritisieren und die kulturellen Besonderheiten im Sinne Herders zu verteidigen. Sie verstand sich in diesem Sinne ursprünglich als antikolonialistisch.

Doch hier geht es nicht nur um Staats- und Volksbegriff, sondern um etwas viel allgemeineres: es geht um die Frage, ob es jenseits vom einzelnen Menschen und seiner kulturellen Eingebundenheit in seine Gemeinschaft, seine Kultur, etwas allgemeineres gibt: die Menschheit. Und damit Rechte, die einem solchen Konstrukt eigen wären: die Menschenrechte. Wir haben gesehen, daß sowohl die Europäer als auch die Amerikaner die Menschenrechte als ein universal gültiges Naturgesetz ansehen, wenn auch mit leicht unterschiedlichem Interpretationsbereich, da die Amerikaner keinerlei auswärtige Einmischung dulden, weil sie niemanden außer sich selbst für eine genuine Interpretation dieser Rechte als ausreichend kompetent ansehen. Diese Rechte sind self evident, wie es in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung heißt: also aus eigener Kraft und Logik gültig wie ein Naturgesetz, unhinterfragbar wie die Zehn Gebote Gottes.

Wenn George W. Bush fragt: „Why do they hate us?“ und die Antwort nur lautet: Sie hassen unsere demokratischen Institutionen und unsere Freiheit, dann ist diese Erklärung nicht dazu angetan, die Ursache für diesen „Krieg“ zu finden, der entbrennen und furchtbar eskalieren wird und zu deren Löschung vielleicht alles Wasser der Welt nicht ausreichen wird. Die Frage, die der Präsident stellte, war sehr berechtigt. Doch die Antwort fällt nicht aus, als ob sie tiefer bedacht wurde als eine rhetorische Frage. Was bekannte Autoren zum Teil schon lange vor dem 11. September vorausgesehen hatten, nämlich, daß die imperiale Form der internationalen Politik, die der überwältigenden Überlegenheit, auch ein Gefühl der überwältigten Ohnmacht hinterläßt, die, je nach der Konstitution des Opfers in Ergebung oder Widerstand mündet. Das, was der frühere CIA-Berater Chalmers Johnson als „Rückstoß“ (blow back) bezeichnet, die Arroganz als eine notwendige und unausbleibliche Folge der imperialen Allmacht und damit lediglich sagt, „daß ein Land erntet, was es sät“.(6) Ist das so schwierig zu begreifen? Autoren wie Susan Sontag, Noam Chomsky oder Arundhati Roy haben unmittelbar nach dem 11. September 2001 ähnlich argumentiert. Auf sie gehört hat in den USA fast niemand. Die Ohnmachtsgefühle und die damit verbundene Wut über dieses Verhalten wächst in der Dritten Welt, insbesondere in den arabischen Ländern. In den veröffentlichten politischen Analysen des Westens dagegen merkt man davon kaum etwas. Und es entsteht der Eindruck, als beginne man der eigenen Propaganda zu glauben. Das aber war noch stets ein untrügliches Zeichen für den beginnenden Abstieg.

Ist der Erdball tatsächlich die extrapolierte Projektionsfläche der westlichen Zivilisation? Hassen „uns“ die Terroristen, weil sie unsere Werte hassen? Vielleicht. Doch wie steht es mit uns? Hassen wir nicht auch die Werte der anderen Weltteile oder ignorieren sie bestenfalls? Haben wir den Arabern, Indern, Chinesen, Afrikanern nicht gesagt, daß sie ihre eigenen „Werte“ über Bord werfen müssen, um die unsrigen anzunehmen? Haben auch sie sich nicht einmal gefragt: „Why do they hate us?“ Und haben wir diese Frage gehört? Wenn ja, wie lautete unsere Antwort? Hat unsere Antwort Gleichberechtigung gelautet oder lautete sie Unterwerfung und Weltherrschaft? Was waren die Terroristen, bevor sie Terroristen wurden?

Dabei hat man sich in den Vereinigten Staaten über dieses Problem durchaus Gedanken gemacht. Und zwar an hoher Stelle. Galt es nicht, nach dem Fall der Sowjetunion, des Reiches des Bösen, nun an die Verwirklichung des alten Jeffersonschen Reiches des ewigen irdischen Friedens zu gehen? Nach dem Fall des Kommunismus blieben als Haupthindernis die Kulturen. Was hieß: die verschiedenen Religionen der Welt und dagegen die als dialektisches Endstadium der Weltgeschichte sich gerierende und universale Gültigkeit beanspruchende amerikanische Zivilreligion. Samuel Huntington machte sich bereits Anfang der 90er Jahre Gedanken über einen globalen Zusammenprall der Kulturen und seine Folgen für die USA und die westliche Zivilisation.(7)

Doch die Kulturen sind nicht alle gleich bedrohlich, gibt es doch neben dem Islam und Christentum nur die amerikanische Zivilreligion, die von allen Kulturen eine universale Gültigkeit beansprucht. Da die amerikanische Zivilreligion in den vergangenen 200 Jahren durch seine Verfassung das Christentum bereits erfolgreich aus dem staatlichen Leben ausgeschlossen hat, bleibt global vor allem der Islam. Amerikanische Zivilreligion und Islam sind beide in sich bereits als imperial, das heißt auf Weltherrschaft angelegt. Dem System des globalen Amerikanismus und dem System des politischen Islam. Beide sind im höchsten Maße universalistisch, beide erheben einen Absolutheitsanspruch, der ein Nebeneinander der Werte ausschließt. Beide sind religiös oder religiös verbrämt, also gibt es keine Möglichkeit, eines der beiden Denksysteme auch nur teilweise in Frage zu stellen.

Huntington hat unrecht, wenn er auch die heutige Orthodoxie und den chinesischen Konfuzianismus in diese Reihe stellt. Diese sind für die Amerikaner nur deshalb störend, weil sie sich nicht problemlos in das westliche System einpassen lassen, nicht aber, weil diese darauf angelegt sind, die Welt in ihrem Sinne zu missionieren und zu unterwerfen, wie dies jede imperiale Ideologie versucht. Insofern fügt das in Teilen mißverständliche Werk Huntingtons in seinem deutschen Titel noch ein weiteres Mißverständnis hinzu: Es spricht vom „Kampf der Kulturen“, anstatt, wie im Original („The Clash of Civilizations“), von Zivilisationen. Jeder, der die Geschichte der soziologischen Begriffe kennt, weiß, daß Kultur und Zivilisation keine Synonyme, sondern Gegensätze sind. Sie spielten insbesondere im ideologischen Kampf zwischen der angloamerikanischen Welt gegen Deutschland während des Ersten Weltkriegs eine zentrale Rolle. Nämlich im Sinne des Kampfes zwischen der westlich-universalistischen Zivilisation und dem barbarisch-deutschen Kultur-Begriff, der unbedingt zugunsten der Zivilisation gelöst werden müsse, wenn nicht die Welt in der Barbarei versinken solle (in den weiteren Zusammenhang dieses ideologischen Kampfs gehören beispielsweise auch die Begriffsgegensätze von Gemeinschaft und Gesellschaft). Die Vermischung dieser Begriffe in der deutschen Übersetzung Huntingtons ist also ein faux-pas in der denkbar zentralsten Kategorie seines Themas. Denn im Fall der amerikanischen Zivilreligion und des Islam (beide mit dem Anspruch universaler Gültigkeit), spricht man besser von Zivilisation, im Falle des Konfuzianismus oder des Hinduismus von Kultur.

Samuel Huntingtons „The Clash of Civilizations“ ist kein Kampf der Kulturen

Immerhin ist das System Huntingtons in seiner ursprünglichen Fassung kein genuin imperialistisches. Sein Buch war zunächst eine wütende Reaktion auf die Feststellung Francis Fukuyamas von 1992, auf den Fall des Kommunismus folge nunmehr die ewige globale Herrschaft liberaler Werte. Huntington mit einem Seitenhieb auf Fukuyama: „Es ist ungeheuer arrogant und sogar fahrlässig, so zu tun, als sei der Liberalismus durchgesetzt, wenn die Leute in Afghanistan Coca-Cola trinken. Das kann nur jemand sagen, der sich immer nur in den Kreisen bewegt, die ich Davos-Kultur nenne, also einer Elite, die sich auf Weltwirtschaftsforen trifft und mit international kompatiblen Daten und Zahlen hantiert.“(8) Im Gegensatz zu Fukuyama lag dem Weltbild Huntingtons zunächst nicht der Wille zur globalen Unterwerfung der Welt unter die amerikanische Kultur wie bei Fukuyama zugrunde. Der Big Mac solle eben nicht in die Magna Charta eingewickelt werden: „Im Gegenteil“, so Huntington: „Ich bin ja gerade der Meinung, daß der Westen nicht das Recht hat, anderen Kulturen seine Werte aufzuzwingen.“ Aber nach dem Ende des Kalten Krieges könne man überall auf der Welt eine Rückbesinnung der Völker auf ihre eigenen Sprachen, Kulturen, Bräuche usw, also auf ihre eigenen Identitäten, beobachten. Und diese Tatsache werde sich auf die Form künftiger Konflikte auswirken. (Liberaler) „Multikulturalismus bei uns“ gefährde „die USA und den Westen als Ganzes“, der „Universalismus im Ausland“ werde unweigerlich „als Imperialismus erlebt und wird entsprechende Gegenreaktionen provozieren“. Huntingtons Fazit: „Es ist falsch die Welt Amerika gleichmachen zu wollen, aber ebenso falsch ist es Amerika der Welt gleichmachen zu wollen.“(9) So weit, so richtig. Zumindest im Ansatz.

Zwei Dinge bleiben bemerkenswert. Einerseits die Perspektivlosigkeit des Huntingtonschen Blickwinkels. Andererseits das Konstrukt „Westen“, das Rußland, Asien und die arabische Welt ausschließt, Westeuropa aber umso härter in den amerikanischen kulturellen Einflußbereich zwingt. Es beinhaltet die kulturelle (und damit letztlich politische) Identität der USA und Westeuropas. Denn nichts anderes bedeutet der Begriff „Westen“ für Huntington, als die Ausdehnung der Monroe-Doktrin bzw. des Schmittschen Großraumbegriffs der USA auf Westeuropa. Dies scheint man in Europa, trotz einiger existierender Widerstände,(10) immer wieder gern zu übersehen, wenn vom „Westen“ gesprochen wird.

Habent sua fata libelli: Bücher haben ihre Schicksale. Und das Schicksal des Buches vom „Kampf der Zivilisationen“ scheint noch kein abgeschlossenes Kapitel zu sein. Denn Huntingtons Schüler haben kürzlich (mit einem Vorwort von Huntington selbst) ein weiteres Werk herausgegeben, das den imperialismuskrischen Ansatz ihres Mentors geradezu auf den Kopf stellt. Denn es ist bemerkenswert, wie in diesem jüngsten Werk Huntington und sein Harvard-Schüler Lawrence E. Harrison versuchen, diesen Kampf der Kulturen, in die neue imperiale Strategie der USA nach dem 11. September 2001 einzupassen und damit dem Huntingtonschen Zentralwerk, „Kampf der Kulturen“, nachträglich einen neuen Sinn verleihen: Harrison versucht nämlich nun, die Kulturen der Welt moralisch zu gewichten. Er unterscheidet zwischen „fortschrittsgeneigten“ Kulturen und solchen, von denen man dies nicht sagen kann (11) und beruft sich auf Gunnar Myrdals Buch „Asian Drama“ von 1968, in dem dieser zu dem Schluß kam, kulturelle Faktoren, stark beeinflußt von Religion, seien die Haupthindernisse für eine Modernisierung.(12) Nicht der Imperialismus, so Harrison, sei für die wirtschaftliche Unterentwicklung der Welt verantwortlich (dies sei eine insbesondere bei den Lateinamerikanern gern geglaubte Verschwörungstheorie), sondern die „traditionelle Kultur“ bilde das eigentliche Haupthindernis für einen universellen Fortschritt der Menschheit: „[…] traditionelle kulturelle Werte [bilden] die Wurzel von Armut, Autoritarismus und Ungerechtigkeit in Afrika bzw. Lateinamerika […]“(13)

Fortschrittshemmende Faktoren (14) seien beispielsweise die Orientierung an Gemeinschaft und Familie statt an Gesellschaft und Individuum, Genügsamkeit statt dem Wunsch nach materiellem Wohlergehen, Einfluß von Religionen statt Säkularisierung und Belohnung im Diesseits, Orientierung an Vergangenheit und Gegenwart, statt an der Zukunft und so fort. Eine an der Arbeitsethik des Protestantismus orientierte Zivilreligion erscheint selbstverständlich fortschrittsgeneigter als der Katholizismus oder gar der Hinduismus oder der Islam. Kulturelle Differenzen gefährdeten auf Dauer nicht nur den materiellen Fortschritt, sondern auch den Weltfrieden. Und hier wird die Sache interessant: Um hier Abhilfe zu schaffen, bedürfe es nämlich, so Harrison, einer „Veränderung mentaler Modelle“, mithin einer „Veränderung der traditionellen Kultur“. Bislang hätten Weltbank oder Entwicklungshilfeorganisationen wie USAID es versäumt, diese Ursachen der Rückständigkeit zu eliminieren. Bislang habe es Einflußnahme vor allem auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet gegeben. Es werde Zeit, daß internationale Organisationen durch „Interventionen“ auch den kulturellen Wandel förderten und umsetzten.(15) Faktisch bedeutet das: Die UNO und ihre Unterorganisationen, amerikanische und europäische staatliche und nichtstaatliche Entwicklungsorganisationen sowie international operierende NGOs sollen sich zukünftig dafür mit Druck, notfalls mit Interventionen [sic!] dafür einsetzen, daß nur solche autochthonen Kulturen vor Ort überleben, die man in Washington für „fortschrittsgeneigt“, sprich: für ökonomisch mit den Interessen der USA für kompatibel und nützlich hält. Denn, so der französische Regierungsbeamte Pierre Conesa: „Geopolitisch zerfällt die unipolare Welt in einen nützlichen und einen unnützen Teil“.(16) Und genau an dieser Stelle wird der ursprünglich vernünftige Teil des Ansatzes von Huntington, nämlich, daß keine Kultur eine globale Gültigkeit beanspruchen solle, in ihr genaues Gegenteil verkehrt (ganz im Sinne Fukuyamas): Er wird imperialistisch, genauer gesagt, er wird zum generalstabsmäßig geplanten Kulturimperialismus. Die Forderung Harrisons nach Intervention gegenüber nicht fortschrittsgeneigten Kulturen ist nicht ganz neu. Schon Theodore Roosevelt meinte 1904 feststellen zu müssen, daß die Bewohner von Santo Domingo (der heutigen Dominikanischen Republik) zwar auf eine hundertjährige Unabhängigkeit zurückblicken könnten, diese aber einen schlechten und unvernünftigen Gebrauch von ihrer Freiheit gemacht hätten, so daß eine US-Intervention für die Sicherheit von Santo Domingo und die ganze Hemisphäre erforderlich sei.(17) Auch von Hoovers Außenminister Stimson ist bekannt, daß er intern des öfteren die Unfähigkeit vieler lateinamerikanischer Länder beanstandete, sich selbst nach vernünftigen (US-amerikanischen) Maßstäben zu organisieren, was ein amerikanisches Eingreifen notwendig mache.(18) Die Liste amerikanischer Politiker, die eine Intervention zugunsten des Fortschrittsgedankens befürworteten, ließe sich bis in die heutige Zeit fortsetzen. Und, wie das Buch von Huntington und Harrison zeigt, wird diese Argumentationsfigur künftig wohl eher an Bedeutung gewinnen.

Auch Francis Fukuyama („Das Ende der Geschichte“) gehört zu denen, die in der USA das Thema einer universalistischen Weltgesellschaft öffentlichkeitswirksam diskutieren. Sein wahrhaft imperialer Entwurf ewiger globaler amerikanischer Herrschaft bildete, wie erwähnt, seinerzeit den Anlaß für Huntingtons „Clash of Civilizations“. Wobei es sich offenbar bei beiden um die Exponenten zweier verschiedener Richtungen künftiger amerikanischer Außenpolitik handelt. Fukuyama hat diesen Fehdehandschuh Huntingtons aufgenommen und er wirft ihm Halbherzigkeit vor: Er habe den Universalismus der westlichen Werte nicht offensiv genug vertreten. Ja, anderen kulturellen Werten theoretisch sogar eine selbständige Existenzmöglichkeit zugesprochen. Dabei seien die westlichen Werte „kulturübergreifend anwendbar“.(19)

Fukuyama: „Universalität ist auch auf breiter Basis möglich, da die treibende Kraft in der Menschheitsgeschichte und der Weltpolitik nicht kulturelle Vielfalt, sondern der allgemeine Fortschritt der Modernisierung ist, der durch liberale Demokratie und freie Marktwirtschaft seinen institutionellen Ausdruck findet. Der gegenwärtige Konflikt ist keineswegs ein Krieg der Kulturen, in dem sich gleichrangige Kulturkreise gegenüberstehen. Vielmehr handelt es sich um ein symptomatisches Nachhutgefecht derjenigen, die von dieser Modernisierung und daher auch von ihrer moralischen Komponente, dem Respekt vor den Menschenrechten, bedroht sind. […] Wenn wir beispielsweise sagen, daß Rasse, ethnische Zugehörigkeit, Wohlstand und Geschlecht keine wesentlichen Charakteristika des Menschen sind, folgt daraus, daß wir an die Existenz eines gewissen Grundprinzips des Menschseins glauben, das uns alle gleichermaßen vor Verhaltensweisen anderer Gruppen oder Staaten berechtigt. Diese Sichtweise ist die ultimative Begründung, um Argumente zu widerlegen, die die Diskriminierung […] rechtfertigen.“(20)

Francis Fukuyama: In seinen Thesen enttarnt sich die totalitäre Seite des universalen Liberalismus.

Fukuyama kann sich kulturelle Vielfalt und Differenz offenbar niemals als Bereicherung, sondern immer nur als Begründung von Diskriminierung denken. Umgekehrt kann man sich die Überlebensberechtigung kultureller Vielfalt nur in einem Rahmen vorstellen, der sich komplett der liberalen Weltordnung unterordnet, gewissermaßen als polynesischer Ketchup im universalen Hamburger. Oder wie es in seinem Buch „Das Ende der Geschichte“(21) heißt:

„Es ist gar nicht nötig, daß alle Gesellschaften gelungene liberale Gesellschaften werden; es genügt, wenn sie auf ihren Anspruch verzichten, verschiedenartige oder gar höhere Formen menschlicher Organisation zu sein. Die liberale Idee ist drauf und dran, im Weltmaßstab psychologisch zu einem fait accompli zu werden […]“

In kürzerer und schönerer Form hat sich die totalitäre Seite des universalen Liberalismus selten enttarnt. Eine Form des Liberalismus, der sich in den USA inzwischen selbst fälschlicherweise als eine Form des Konservatismus, nämlich als „neokonservativ“ bezeichnet. Und daß Fukuyama auch in Europa seine Anhänger hat, zeigt ein kurzer Blick auf den liberalen „Klassiker“, Sir Ralf Dahrendorf, der, etwas weniger brutal im Ton, meint: „Die liberale Ordnung ist die Ordnung für alle Bürger. Erst wenn diese hergestellt ist, kann man von einer freien Gesellschaft sprechen.“(22)

Fukuyamas Vorwurf an Huntington, er behaupte zwar die Feindschaft der verschiedenen Kulturen, halte aber unsinnigerweise immer noch an deren Gleichrangigkeit fest, hat sich durch das neueste Buch Huntingtons relativiert. Inzwischen scheint es, hat sich im Streit zwischt Huntington und Fukuyama die Waage zugunsten der universalen und imperialen Ideen Fukuyamas geneigt und Huntingtons Schüler frisieren sein Werk nur noch etwas auf die neue neokonservative Linie um, ohne ihren Meister allzusehr in der Öffentlichkeit bloßzustellen. Harrison hat Huntington mit Fukuyama „versöhnt“, indem er klar den unterschiedlichen Wert der Kulturen postuliert und „festlegt“, die niedrigerwertige (um nicht das grammatisch eigentlich korrekte Wort minderwertig zu gebrauchen) müsse zugunsten der höherwertigen, eben der „fortschrittsgeneigteren“ Kulturen, eliminiert werden. Erschreckend ist, mit welcher Vehemenz inzwischen jeder Ansatz verurteilt und in die Ecke barbarischer Menschenfeindlichkeit gestellt wird, der überhaupt die Möglichkeit des Weiterbestandes grundsätzlicher kultureller Besonderheiten ins Auge faßt, auch wenn diese einmal nicht zur Maximierung des ökonomischen Gewinns beitragen.

Doch wie sieht es aus mit den Menschenrechten als Fundament dieser westlichen Wertegemeinschaft? Dagegen werde sich doch nun kaum etwas sagen lassen können, es sei denn, man setzte sich allen Ernstes für die straflose Möglichkeit von Rassenhaß, Völkermord, Witwenverbrennung, Klitorisbeschneidung usw. ein. Oder liegen die Dinge doch etwas diffiziler?

Als die UNO 1947 die „Erklärung der Menschenrechte“ verabschiedete: “Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person[…]. Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit […] Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied Anspruch auf den gleichen Schutz durch das Gesetz […] Jeder Mensch hat das Recht an der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter teilzunehmen […] Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Lebenshaltung, die seine und seiner Familie Gesundheit und Wohlbefinden einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztlicher Betreuung und der notwendigen Leistungen der sozialen Fürsorge gewährleistet […] Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung“, beschloß die „American Anthropological Association“ diese Erklärung nicht zu unterschreiben, mit dem Hinweis, dieses Dokument sei ethnozentrisch. Nun ist den amerikanischen Anthropologen von 1947 vorgehalten worden, daß gerade diese Erklärung zeige, daß es eben doch allgemein- und universalgültige Dinge gebe. Schließlich sei es klar, daß die überwältigende Mehrheit aller Menschen folgenden Behauptungen zustimmen würden:

  • Leben ist besser als Tod.
  • Gesundheit ist besser als Krankheit.
  • Freiheit ist besser als Knechtschaft.
  • Wohlstand ist besser als Armut.
  • Bildung ist besser als Unwissenheit.
  • Gerechtigkeit ist besser als Ungerechtigkeit.

Doch gerade dieser Einwand von Lawrence Harrison,(23) einem Mitarbeiter von Samuel Huntington, zeigt, wie wenig die Wissenschaft sich heute überhaupt der Problematik bewußt ist, über die sie redet, wie wenig sie ihre eigene imperiale Arroganz überhaupt noch bemerkt. Denn wenn wir über Gesundheit, Freiheit, Wohlstand, Bildung oder Gerechtigkeit reden, was meinen wir damit? Heißt Freiheit in Mali oder Neuguinea notwendigerweise dasselbe wie im isländischen Althing? Heißt Gesundheit für den Medizinmann der Yanomami-Indianer dasselbe wie für den Arzt an einer deutschen Universitätsklinik? Heißt Wohlstand im Himalaya-Land Bhutan dasselbe wie in Schweden? Bedeutet Gerechtigkeit für John Rawls dasselbe wie für einen Hindu? Bedeutet Bildung für einen buddhistischen Mönch dasselbe wie für einen Eton-Absolventen? Bedeutet der Tod für einen gläubigen Muslim dasselbe wie für einen atheistischen Harvard-Professor? Das sind Dinge, über die man reden sollte. Rechnen wir diesen Begriffen und Forderungen also nur eine Bedeutungsmöglichkeit zu, dann ist diese Bedeutung im Zweifelsfall stets von der westlichen Werteordnung, von der Vorstellung des „pursuit of happiness“ bestimmt. Wer bestimmt aber, welche dieser Bedeutungen schließlich die ausschlaggebende für die ganze „Menschheit“ sein soll, und welche, wie Fukuyama meint, im Sinne des allgemeinen Fortschritts und der Entwicklung zu eliminieren sei, wenn nicht die schieren Machtverhältnisse?

In der Dritten Welt gibt es mittlerweile eine breite Bewegung, die die Form der westlichen Werte und der Menschenrechte, wie wir sie heute verstehen, und wie sie von westlichen Philosophen und Juristen kanonisiert worden ist, in Frage stellen. Und dies geschieht bei weitem nicht nur, wie immer wieder behauptet wird von Drittwelt-Diktatoren, die ein naheliegendes Interesse haben, daß man ihre Verbrechen nicht bestraft, sondern zunehmend auch von Intellektuellen aus Afrika, Asien und den arabischen Ländern. Schauen wir auf eine frühe Kritik der Dritten Welt, so stößt man auf die Banjul-Charta von 1981.(24) Menschenrechte, so seinerzeit die Afrikaner, seien nicht nur Individualrechte, sondern auch Gemeinschaftsrechte. Und, noch schrecklicher für westliche Ohren: Menschenrechten müßten auch Pflichten gegenüberstehen, Pflichten wiederum gegenüber der Gemeinschaft und der Familie. Der kamerunische Bioethiker Godfrey Tangwa,(25) der dem Rätsel der westlichen Auffassung von Ethik in der amerikanischen John Hopkins-Universität auf die Spur kommen möchte, macht auf fundamentale kulturelle Unterschiede in der Wahrnehmung des Menschen aufmerksam, die sich natürlich notwendigerweise auch in unterschiedlichen Auffassungen seiner „Rechte“ widerspiegeln. In Afrika stehe „das Zusammengehörigkeitsgefühl im Zentrum […], nicht wie im Westen das Individuum.“ Dem Westen müsse klar gemacht werden, daß er „seine Ich-Kultur nicht wie ein Teekannenwärmer der Wir-Kultur“ überstülpen könne. Das abstrahierend-universalistische Denken des Westens äußere sich auch in seiner Manie, Dinge ständig einzuordnen und zu thematisieren, kurzum, in seiner Unfähigkeit, die Dinge ganzheitlich ansehen zu können, wie es sich in einem zentralen Merkmal der westlich-universalen Ethik äußere, zu glauben, die Ethik „funktioniere losgelöst von den Glaubenssätzen und Bräuchen ihrer Gesellschaft“. Tangwa bezeichnet es als „eine Obsession des Westens, ethische Prinzipien als universell gültig zu deklarieren, zu denken, daß Richtiges im Westen auch anderswo auf der Welt richtig sein soll. „Die westliche Kultur“, so Tangwa, „hat ein großes Maul und kleine Ohren“. Seine Forderung, „daß der Westen nicht immer rede, sondern auch mal zuhöre“, wird wohl von den meisten Menschen der Dritten Welt geteilt. Und sollten ethnologische Studien von Wissenschaftlern der Dritten Welt in den Ländern des Westens einmal die Regel werden, dann kann sich dieser Westen darauf einstellen, daß auch der Mensch mit seinen Rechten anders definiert werden wird als zur Zeit.

Godfrey Tangwa: In Afrika stehe „das Zusammengehörigkeitsgefühl im Zentrum […], nicht wie im Westen das Individuum.“

Frantz Fanon hat auf die Dialektik von Kolonisation und Selbstkolonisation hingewiesen; das heißt, der Kolonisierte empfindet seinen eigenen kulturellen Zusammenhang als minderwertig und schafft so selbst die Voraussetzung für eine Kolonisation von außen. Diese Selbstkolonisation hat nicht nur in den von Fanon beschriebenen parasitären Oberschichten der Dritten Welt stattgefunden, sie findet bis heute in der antinationalen Linken Westeuropas statt. Dies wäre nicht besonders bemerkenswert, wenn diese Linke selbst nicht wiederum dieses, ihr Minderwertigkeitsgefühl ständig als Kulturfortschritt exportieren wollte. Ein Export, der zumindest in den Ländern der Dritten Welt ebenso befremdlich wie bevormundend wirkt.

Der deutsch-dänische Kulturkritiker Henning Eichberg hat das (am west-deutschen Beispiel) bereits 1984 so beschrieben: „[…] Der westdeutsche Imperialismus hat eine Mission, eine Lehre. Er belehrt die Völker darüber, daß es die nationale Identität – die ihm Widerstand leisten könnte – gar nicht gebe. Daß sie nur eine Fiktion sei. Schaut her auf uns (West-)Deutsche; wir brauchen dergleichen auch nicht.“(26) Dieser antinationale Herrenmenschen-Blickwinkel trifft aber genauso auf andere europäische und nordamerikanische Linke zu. Gerade das Vorwort des französischen Philosophen Jean Paul Sartre zum Standardwerk des Antikolonialismus „Die Verdammten dieser Erde“ von Frantz Fanon ist ein Paradebeispiel für diesen bisweilen ins Pathetisch-Würdelose oszillierenden Selbsthaß. Daß übrigens die nationale Frage in der Dritten Welt, die für Fanon in diesem Buch eine zentrale Rolle spielt, von Sartre dort nur einmal angesprochen wird und dann auch noch grandios in ihr Gegenteil verkehrt wird, versteht sich fast von selbst: „Man findet [die Nation] dort, wohin er geht, niemals weiter weg – sie wird eins mit seiner [universalistischen] Freiheit“.(27) Heißt: Nation ist identisch mit der (individuellen) Freiheit, eine sonstige Bedeutung hat sie eigentlich nicht. Sie ist, glaubt man dem typisch westlich-europäischen, geistig nomadisierenden und heimatlosen Intellektuellen Sartre, lediglich eine Frage der Immanenz, aber nicht das, was sie nach Fanon eigentlich ausmacht, eine Frage der Transzendenz: der Geschichte, der Kultur.(28) Fanon dagegen: „Dieser [antikolonialistische] Kampf für die Demokratie und gegen die Unterdrückung des Menschen wird Schritt für Schritt die universalistische neoliberale Konfusion aufgeben, um, manchmal auf mühsamen Wegen, bei dem Anspruch auf Eigennationalität anzulangen.“(29) Allerdings nur, und hier zeigt sich der linke Fanon, um später, nach der vollzogenen Befreiung, wieder „innerhalb des Nationalbewußtseins“ ein „internationales Bewußtsein“ zu entwickeln.(30) Das Nationale dürfe freilich nicht mit dem lediglich Ethnischen und einer Stammestümelei verwechselt werden(31) (hier bemerkt man den immer noch vorhandenen französisch-jakobinischen Nationsbegriff Fanons) und nicht mit den Interessen der in Wahrheit antinationalen „nationalen Bourgeoisie“. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang Fanons Überlegungen über die nationalen Kulturen in der Dritten Welt. Sie sind der Kern der früher antikolonialen, heute antiimperialen Rolle des Nationalen:

Frantz Fanon (1925-1961)

„[…] Ich gebe zu, daß die Tatsache einer ehemaligen aztekischen Kultur nicht viel an der Ernährungsweise des heutigen mexikanischen Bauern ändert. Ich gebe zu, daß alle Beweise, die für die Existenz einer reichen Songhai-Kultur erbracht werden könnten, nichts daran ändern, daß die Songhais heute unterernährt, analphabetisch und, zwischen Himmel und Erde geworfen, mit leerem Kopf und leeren Augen dahinleben. Aber es ist mehrfach gesagt worden, daß diese leidenschaftliche Suche nach einer nationalen Kultur vor der kolonialen Ära durch das Bestreben der kolonisierten Intellektuellen legitimiert ist, gegenüber der westlichen Kultur, in der sie zu versinken drohen, Abstand zu gewinnen. Weil sie sich bewußt werden, daß sie im Begriff sind, sich zu verlieren, also für ihr Volk verloren zu sein, machen sich diese Menschen verbissen und besessen daran, wieder Kontakt zu finden zur ältesten, extrem vorkolonialen Quelle ihres Volkes. […] Da die kolonisierten Intellektuellen die gegenwärtige Geschichte ihres unterdrückten Volkes nicht lieben können, für die augenblicklichen Barbareien keine Begeisterung empfinden, haben sie vielleicht unbewußt beschlossen, weiter zurückzugehen, tiefer hinabzusteigen, und ohne Zweifel haben sie mit großem Jubel entdeckt, daß die Vergangenheit nicht voller Schande, sondern voller Würde, Ruhm und Feierlichkeit war. Der Anspruch auf eine vergangene nationale Kultur rechtfertigt nicht nur eine zukünftige nationale Kultur. Er bewirkt auch, auf der Ebene des psychoaffektiven Gleichgewichts, eine Wandlung von entscheidender Bedeutung. Es ist vielleicht noch nicht genügend darauf hingewiesen worden, daß der Kolonialismus sich nicht damit begnügt, der Gegenwart und der Zukunft des beherrschten Landes sein Gesetz aufzuzwingen. Er gibt sich nicht damit zufrieden, das Volk in Ketten zu legen, jede Form und jeden Inhalt aus dem Gehirn des Kolonisierten zu vertreiben. Er kehrt die Logik gleichsam um und richtet sein Interesse auch auf die Vergangenheit des unterdrückten Volkes, um sie zu verzerren, zu entstellen und auszulöschen[…].“(32)

Es ist kein Zufall, daß der Antiimperialismus der 68er, der sich an Che Guevara, Mao und Frantz Fanon orientierte, den „Befreiungskampf der Völker“ unterstützte. Völker waren die Subjekte dieses Geschehens.

Aber Nationen entstanden für Marx in einem bestimmten historischen und ökonomischen Zusammenhang, in denen ihre Existenz „notwendig“, fortschrittlich, war. „Geschichtslose Völker“ waren für ihn weder fähig, eine Bourgeoisie noch eine handelnde Arbeiterklasse hervorzubringen, die einen solchen Prozeß beschleunigen könnten. Für Rudi Dutschke war daher noch die nationale Befreiung die Voraussetzung für eine sozialistische Vereinigung Deutschlands.(33) Man darf allerdings nicht vergessen: sie war auch für ihn nur ein Durchgangsstadium zur dialektischen „Aufhebung“ der Nation. Erst die Aufhebung der kapitalistischen Globalisierung durch die „produktive Einsetzung“, also Instrumentalisierung der nationalen Frage im Befreiungskampf kann also für den Marxisten zu einer „Aufhebung“ der nationalen Frage führen. Die vorherige „Abschaffung“ der nationalen Frage durch die revolutionäre Linke würde sie selbst nach dieser Logik direkt auf die Gleise der liberalen Globalisierung führen.

Nun sollen gewisse Vorstellungen Fanons von Kollektivismus oder Einparteienherrschaft, die in jener Zeit in allen Ländern der Dritten Welt en vogue waren, nicht glorifiziert werden, dennoch scheint es sinnvoll, einmal die unterschiedlichen Denkrichtungen zu beleuchten, die seit den antikolonialen Anfängen bis heute zwischen der antinationalen westlichen Linken und der eher nationalen Bewegungen der Dritten Welt existieren. Und die Rolle der selbsternannten westlichen Theorie-Vormünder in Sachen „nationale Frage“.

Der westliche Intellektuelle belehrt diejenigen der Dritten Welt gern über „die Konstruktion“ des Nationalen oder der Identität – zwei Begriffe, die er zutiefst haßt. Er schwadroniert von der „Ethnisierung des Sozialen“. All diese Begriffsgruppen haben den Vorteil, daß sie ein Phänomen, das erst zu begründen wäre, bereits hinreichend geklärt bzw. disqualifiziert zu haben glauben. Diese Etikettierungen suggerieren: Es gibt keine Nation, es gibt keine Identität, kein Volk, außer einem von uns selbst künstlich konstruierten. Und da diese Konstruktionen uns angeblich am wahren Menschsein hindern, sei es besser, sie ebenso schnell postmodern wieder zu dekonstruieren(34) oder zu eliminieren.

Inzwischen hat sich die neomarxistische Theorie fast völlig von ihren marxistischen Grundlagen verabschiedet. Sie hat sich der Begriffe von Volk und Nation als Trägerinnen des „Fortschritts“ vollkommen entledigt. Sie bleiben übrig als eine veraltete, verrostete Maschine, die, einmal angeworfen, lediglich Faschismus, Rassismus und Krieg produzieren. Wie jede Maschine ist sie nichts Organisches, sondern „konstruiert“. Die Konstrukteure dieser Höllenmaschine waren die Kapitalisten des 19. und 20. Jahrhunderts, und sie hatte lediglich dazu zu dienen, die Arbeiterschaft in Unwissenheit und Abhängigkeit zu halten. Nach dieser sonderbaren Theorie sind also Volk, Nation, Ethnizität, Identität, Konstruktionen,(35) wobei diese Begriffe, je nach Bedarf, munter miteinander identifiziert oder wahlweise auch einmal unterschieden werden, wie es eben gerade in den Kram paßt.(36)

Die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt wissen es in der Regel besser: Wer ihnen ihre nationale Identität nehmen wollte, nähme ihnen das Subjekt des antiimperialistischen Kampfes, der eben dadurch, daß er antiimperial ist, das Soziale mit dem Nationalen verbinden muß, wenn er dem Imperialen etwas Eigenes entgegensetzen will. Denn das universalistische Subjekt Menschheit genügt ihm als Subjekt der Befreiung zunächst nicht, weil er in das Ziel die Befreiung desjenigen mit zur Voraussetzung macht, von dem er sich emanzipieren will. Im übrigen spürt der Unterdrückte in der Dritten Welt, daß ihm da über die Hintertür wieder ein Unterdrückungsmechanismus implantiert werden soll. Die abstrakte „Menschheit“ ist daher angesichts der Not, die ihn umgibt, nicht sein Ziel. Sie ermöglicht lediglich zu einem günstigen Preis die umgekehrte Identifikation des europäischen und nordamerikanischen Linken mit seiner Sache. Aber der europäische und nordamerikanische Linke kommt, wenn er denn kommt, schon wieder als wohlmeinender Imperialist, als jemand, der im angeblich wahren Wissen um die Mechanismen der politischen Ökonomie und als Teil einer selbstentdeckten Avantgarde wieder erzählt, wo es langzugehen hat, nämlich nicht auf dem nationalen oder identitären Weg.

Das ehemals so unkompliziert-positive Verhältnis der Antiimperialisten zu den Befreiungsbewegungen hat freilich einen Riß bekommen, seitdem diese Bewegungen, zumindest diejenigen in der Dritten Welt, seit den 80er, 90er Jahren ihre Waffeneinkäufe immer mehr mit dem Drogenhandel, bestenfalls mit der „Besteuerung“ dieses Handels finanzieren. Auch ernsthafte linke Beobachter der Widerstands-Bewegungen der Dritten Welt bezweifeln inzwischen nicht mehr, daß beispielsweise „das antiimperialistische Programm in Lateinamerika […] heute national-regional“ ist, bestenfalls „mit strategischer sozialistischer Perspektive“, wobei es für die Linke nicht mehr um die Kritik eines Bündnisses mit einer örtlichen Bourgeoisie [im Sinne von Frantz Fanon antinationalen einheimischen Bourgeoisie] gehe, sondern im Falle von Südamerika um die Stützung einer regionalen und leistungsfähigen südamerikanischen Wirtschaft, die sich zwar regional grenzüberschreitend, aber relativ unabhängig von den Bedürfnissen amerikanischer Großkonzerne und Finanzgruppen, entwickeln könne, also: „kleine und mittlere Unternehmen, Kooperativen, strategische Staatsunternehmen und transnationale lateinamerikanische Konzerne“. Die „Washington verbundenen Eliten“ versuchten, die Spielräume für [soziale] Bewegungen, seien sie demokratisierender Art oder auf die Verteidigung nationaler Souveränität ausgerichtet, zu verengen. Diejenigen, die das Weltsystem beherrschen, geben ein für allemal die Regeln vor. […].“(37) Auf dieser Basis scheint ein taktischer antiimperialistischer Konsens von rechts und links durchaus möglich zu sein. Aber auch hier zeigt sich durch die Trennung von „demokratisierenden“ und „nationalen“ Bewegungen in Alternativform, daß die untrennbare Einheit von nationalem und sozialem Kampf in der Dritten Welt weiterhin auch von den gutwilligen, aber stark antinational geprägten europäischen und amerikanischen Linken der Ersten Welt nicht verstanden oder nicht ernstgenommen wird. Und da für die Mainstream-Linke das Postulat der universalistischen einheitlichen Menschheit auf absehbare Zeit vorherrschend bleiben wird, kann eine Zusammenarbeit sowohl für freisinnige Rechte als auch für Linksnationale immer nur punktuell und zeitweilig sein.

Auch in der Dritten Welt gibt es eine schmale Elite, die in der Regel mit Washington verbunden ist oder die ihr Gehalt von einer Unterorganisationen der Vereinten Nationen beziehen, die bislang als vehementeste Vertreter einer Globalisierung in der Dritten Welt aufgetreten sind. Der Druck, der nicht nur wirtschaftlich sondern auch geistig auf die Elite der Dritten Welt ausgeübt wird ist viel größer und umfassender, als man in der Regel in Nordamerika oder Westeuropa weiß, von wo aus dieser Druck ausgeübt wird. „Der Druck“, so schreibt Gamal Nkrumah wenige Tage vor der Katastrophe des 11. September 2001 in der ägyptischen Zeitung Al-Ahram, „der [vom Westen unter der Führung der USA] auf die afrikanischen Regierungen ausgeübt wird, um die westliche Hegemonie zu akzeptieren, ist riesig. Westlich finanzierte think tanks und Forschungsinstitute, verteilt über ganz Afrika, sind auf diesen Zug aufgesprungen und verteidigen verbissen die schlimmsten Exzesse des Neoliberalismus“.(38) Man mag den Wertungen Nkrumahs zustimmen oder nicht, richtig ist, daß über diese think tanks, Forschungsinstitute, von den von nördlichen Ländern subventionierten NGOs Druck nicht nur auf die regierende Elite, sondern auch auf die Intellektuellen ausgeübt wird. Und die Zustimmung, die dem Westen von diesen Personen, zurückfließt, sollte dieser im eigenen Interesse besser nicht für bare Münze nehmen oder für die repräsentative Stimmung in diesen Ländern halten. Wenn etwa der argentinische Jurist Mariano Grondona, der in dem neuesten von S. Huntington herausgegebenen Buch die lateinamerikanische Wirtschaftsmisere einer Mischung aus typisch lateinamerikanischem anti-US-amerikanischem Verschwörungsglauben und kultureller Unterentwicklung zuschreibt oder auch der frühere kamerunische Berater bei der Weltbank, Daniel Etounga-Manguelle das westliche System vehement verteidigt, dürften sie die Stimmung in ihren Ländern wohl kaum vertreten. Daß gerade sie als Vertreter der Dritten Welt in dem neuesten Buch von Harrison und Huntington sprechen, sollte eher verlegen stimmen.

Der Begriff „Armut“ ist durch die Globalisten zu einem scheinbar ganz einfachen Begriff geworden. Man schaut sich das Bruttosozialprodukt, ausgedrückt in Dollar pro Kopf, eines Landes an und schon weiß man, dieses Land ist arm oder reich. Und wenn es mal trotzdem nicht so gut ausschaut, ist der Rest Umverteilung; punktum.

Wie schnell ein solches Denken an die Grenzen führt, mag ein von der Globalisierung noch kaum berührtes Land, der Zwergstaat Sikkim im Himalaya zeigen. Die Bevölkerung dort gehört laut UN-Statistik zu den ärmsten der Welt. Die wenigen Westler, denen es vergönnt war, dieses Land zu besuchen erhielten jedoch ein ganz anderes Bild. Niemand hungert. Die Menschen scheinen glücklich und ausgeglichen. Kultur und traditionelle Kunst werden durch jedermann gepflegt. Jährliche Aufenthalte der Bevölkerung in den Klöstern sorgen für geistige Ausbildung. Das Geld spielt in diesem kleinen Land nämlich nur eine sehr untergeordnete Rolle, weil fast alles auf Tauschhandel beruht. Von Armut ist in diesem Land keine Spur, allerdings auch nicht von Überfluß. Noch nicht. Noch ruht diese Kultur ganz in sich selbst. Erst seit kurzem, nach den ersten Kontakten mit der westlichen Zivilisation, mit den ersten Radios, die man sich für Geld kaufen muß, beginnen sich erste Anzeichen sozialer Unruhe zu zeigen. Ein Fall für Entwicklungshilfe? Ja, vielleicht eine für den Westen. Doch für fast alle Länder der Dritten Welt ist es dafür längst zu spät. Kolonialismus und später Entwicklungshilfe, beides mit dem glühenden Wunsch der Universalisten, ihnen die Zivilisation zu bringen, hat ihnen ihre Logik und ihre Art zu denken, ihr Wertesystem, aufgezwungen. Sie hat ein Wirtschaftssystem geschaffen, das die Kultur und die Geschichte der Länder fast immer ignoriert hat, zunächst weil es ihnen minderwertig erschien, später, weil es ihnen nicht „entwickelt“ und schließlich, weil es ihnen nicht ökonomisch genug erschien.

Was also zeigen diese UN-Statistiken? Sie zeigen, daß ihre wohlmeinenden westlichen Urheber noch immer nichts verstanden haben und daß sie nicht ruhen werden, bis dieses westliche Einheitssystem die Welt umspannt. Die Konsequenzen werden nicht auf sich warten lassen.

Anmerkungen:

1 Dies gilt selbst für Julius Evola, Heidnischer Imperialismus, Leipzig 1933, S. 102 f.

2 Ernest Gellner, Nationalismus. Kultur und Macht, Berlin 1999, S. 144.

3 Zum folgenden: Wilhelm E. Mühlmann, Chiliasmus und Nativismus. Studien zur Psychologie, Soziologie und historischen Kasuistik der Umsturzbewegungen, Berlin 1961, S.281-284.

4 Ernest Gellner, Bedingungen der Freiheit. Die Zivilgesellschaft und ihre Rivalen, Stuttgart 1995, S. 119 f.

5 vgl. dazu neuerdings: Khaled Al-Massalmeh, Nationalismus im arabischen Raum, Hamburg 1999.

6 Chalmers Johnson, Ein Imperium verfällt, München 2001, S. 35.

7 Samuel Huntington: The Clash of Civilizations, New York: Simon and Schuster, 1996; deutsch: Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München/Wien 1996. Dieses Buch erschien zuerst in Kurzform eines Artikels „The Clash of Civilization?“ In: Foreign Affairs, Summer 1993, S. 22-47; deutsch: Kampf der Kulturen. In: Zeit-Punkte. Nach uns die Asiaten? Die pazifische Herausforderung, Hamburg 1995.

8 „Einen Melting Pot hat es nie gegeben“. Interview mit Samuel Huntington. In: taz vom 23. 12. 1996.

9 Ebd., Hervorhebung von mir. Bemerkenswert erscheint heute rückblickend, mit welcher Phantasielosigkeit die Linke in Deutschland das Buch Huntingtons aufgegriffen hat und es in einen geradezu monströs-provinziellen Beitrag zur deutschen Asyldebatte umgebacken hat, statt auf den eigentlich revolutionären Ansatz Huntingtons zu verweisen, nämlich seinen Verzicht auf die Grundlagen des amerikanischen Imperialismus, dem Verzicht auf den kämpferischen Universalismus (vgl. etwa die Reaktion auf das taz-Interview Huntingtons. Vgl. etwa Andrea Böhm, „Rassismus light“. In: taz, Weihnachten 1996. Dasselbe gilt mutatis mut-andis für die deutsche Rechte, die aus dem Buch nicht anders herauszulesen vermochte, als seine Absage an den Multikulturalismus.

10 Für die 50er und 60er Jahre vgl. Harold van B. Cleveland, The Atlantic Ideal and Its European Rivals, New York: McGraw-Hill, 1966.

11 Lawrence E. Harrison, Zur Förderung eines fortschrittlichen kulturellen Wandels. In: Samuel P. Huntington und L. R. Harrison (Hrsg.), Streit um Werte. Wie Kulturen den Fortschritt prägen, Hamburg/Wien 2002, S. 311-326.

12 Gunnar Myrdal, Asian Drama: An Inquiry into the Poverty of Nations (1968); deutsch: Asiatisches Drama: Eine Untersuchung über die Armut der Nationen, Frankfurt am Main 1973.

13 Lawrence E. Harrison, Einführung: Warum Kultur wichtig ist. In: Samuel P. Huntington und L. E. Harrison (Hrsg.), Streit um Werte, S.13-34 (25).

14 Vgl. die zehn von Harrison (Streit um Werte) aufgestellten Kriterien für eine fortschrittliche Kultur, in: ebd. S. 315 f.

15 Ebd., S. 29.

16 Pierre Conesa, Gezielte Gleichgültigkeit. Die Welt-Nutzen-Ordnung. In: Le Monde Diplomatique (deutsche Ausgabe) vom 1. 3- 2001. Hervorhebung von mir.

17 David H. Burton, Theodore Roosevelts Social Darwinism and Views on Imperialism. In: Journal of the History of Ideas (New York) 26 (1965), S. 103-118 ( 114 f.).

18 David F. Schmitz, Henry L. Stimson: The First Wise Man, Wilmington, Del.: Scholarly Resources, 2001. Hier sind auch höchst aufschlußreiche Gespräche von Stimson über die Einsetzung lateinamerikanischer Diktatoren, etwa der Familie Somoza in Nicaragua, dokumentiert. Noch bemerkenswerter ist dabei die gleichzeitige komplette Unwissenheit Stimsons über die Verhältnisse in den jeweiligen Ländern, deren Sprache er nicht verstand.

19 Francis Fukuyama, Naipaul statt Huntington. In: Die Welt vom 24. 11. 01.

20 Ebd.

21 Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir? München 1992.

22 Ralf Dahrendorf, Auf der Suche nach einer neuen Ordnung. Eine Politik für das 21. Jahrhundert, München 2003.

23 Harrison/Huntington, Streit um Werte, S. 24 f.

24 http://heiwww.unige.ch/humanrts/ instree/z 1 fchar.htm

25 zu den folgenden Zitaten: Gabrielle Schweizer, Oko-Bio-Kommunitarist. Der afrikanische Bio-Ethiker Godfrey Tangwa kritisiert das westliche Denken. Es sei besessen von dem Drang, seine Werte weltweit durchzusetzen. In: Die Zeit Nr. 6 vom 31. 1.2002, S. 28.

26 Henning Eichberg, Entkolonisierung der Deutschen, in: ders., Die Geschichte macht Sprünge. Fragen und Fragmente, Koblenz 1996, S. 141-145 (144). Erstabdruck in: „wir selbst“, Januar 1984.

27 Sartre im Vorwort zu Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt am Main 1966, S. 18.

28 Dies ist der Grund, warum die meisten westlich sozialisierten Linken ihre Schwierigkeiten mit dem Nationsbegriff haben, sie akzeptieren als befreiende Kategorien nur solche, die sich aus der Immanenz ableiten lassen (unmittelbare wirtschaftliche Bedürfnisse etwa), nicht aber solche der Transzendenz (Geschichte, Kultur, etc.). Vgl. dazu etwa Hardt/ Negri, S. 83 ff. Auf den Nationsbegriff von Hardt/Negri (ebd. S. 107 ff.) lohnt es nicht besonders einzugehen, weil er sich nahezu komplett in der westlichen (in der absolutistisch-jakobinischen Tradition befindlichen) Identifikation von Staat und Nation (Nationalstaat) erschöpft, der hier bestritten wird und der in unserem Zusammenhang nichts zur Klärung des Nationsbegriffs beiträgt.

29 Fanon, Die Verdammten, S. 115.

30 Fanon, Die Verdammten, S. 189.

31 Fanon, Die Verdammten, S. 141.

32 Fanon, Die Verdammten, S. 160 f.

33 Rabehl, Dutschke, S. 112.

34 vgl. beispielsweise: Robin D. C. Kelley, Notes on Deconstructing „The Folk“. In: The American Historical Review 97 (1992), S. 1400-1408.

35 Immanuel Wallerstein, Die Konstruktion von Völkern – Rassismus, Nationalismus, Ethnizität. In: Etienne Balibar, Immanuel Wallerstein, Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten, Hamburg 1998, S. 87-106. (Zuerst erschienen als: The Construction of Peoplehooc Racism, Nationalism, Ethnicity. In: Sociological Forum, II, 2, 1987, S. 37; 387).

36 So versucht Wallerstein (ebd., S. 8 ff.) beispielsweise am Beispiel der im Südafrika des Apartheid-Systems in der Tat konstruierten Identitäten „Weiße“ „Coloureds“, „Schwarze“, ,Asiaten“, die allgemeine Konstruiertheit der Völker nachzuweisen, was jedoch schon daran scheitert, daß ja eine Identitätsfindung immer nur von der betreffenden Gruppe selbst ausgehen kann. Daß es sich hierbei nicht um „Völker“, sondern um definierte „Rassen“ handelt, vermag die Autoren auch kaum zu stören, da sie die: Entitäten sowieso im Endeffekt nicht unterscheiden und sie als Formen des „Überbaus“ samt und sonders als Produkt von Klasseninteressen und als Form der Unterdrückung beschreiben, auch wen sie andererseits wiederum zugeben, man könne den Befreiungsnationalismus der Völker der Dritten Welt nicht mit dem Unterdrückungsnationalismus der Imperialmächte identifizieren. Und so geht es munter fort, bis die Begrifflichkeit schließlich so verworren ist, daß das ganze Knäuel nur noch mit dem Schwerthieb geteilt werden kann, daß man das „Volk“ als „historisches Produkt der kapitalistische Weltwirtschaft“ (ebd., S. 106) denunziert. Was sowohl historisch wie ökonomisch schiefer und absurder kaum sein könnte.

37 „Rückkehr zur Machtlogik des 19. Jahrhunderts“. Interview mit Prof. Heinz Dieterich über „Krieg gegen Terror“ und linke Bewegung, Karl Marx und den Sozialismus im 21. Jahrhundert, die Offensive der USA und die nötigen Strategie der Linken. In: Jungle World vom 27.4.2002.

38 Gamal Nkrumah, Mammon Mad: Western behaviour in Durban made it all so horribly clear. All the rich world cares for is wealth and power. In: Al-Ahram Weekly (Kairo), Nr. 551 vom 13. 9. 2001.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der Zeitschrift Volkslust, August 2004, S. 15-29.

Hans Becker von Sothen

Hans Becker von Sothen (1959–2014) studierte Rechtswissenschaften und Geschichte in Göttingen. Nach beruflichen Zwischenstationen als Buchhändler, Lektor, Ressortleiter bei mehreren deutschen Wochenzeitungen und Gründungsgeschäftsführer der „Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung“ wirkte Becker von Sothen 2005 federführend beim Aufbau des Ares Verlags und prägte dessen Programm.

Die falsche Bescheidenheit

von Dr. Hans-Thomas Tillschneider / MdL (Gastautor)

Die falsche Bescheidenheit

Sie sind gegeben unter hundert Quäler

und, angeschrien von jeder Stunde Schlag,

kreisen sie einsam um die Hospitäler

und warten angstvoll auf den Einlaßtag.

R.M.Rilke, Von der Armut und vom Tode

In den Kreisen der konservativen Opposition, die über die aktuelle Lage nachdenken, hat sich eine Deutung der Corona-Krise eingeschlichen, die in den Beschränkungen des öffentlichen – und nicht nur öffentlichen – Lebens eine Bestätigung der eigenen Ansichten erkennt. Jüngstes Beispiel: Heino Bosselmann verfällt in der Sezession in ein Lob der Bescheidenheit und des „Mimimum(s) im Verbrauch“ (https://sezession.de/62996/wumms). Haben wir nicht die Entgrenzungsideologien als die reinste Form der Ideologie unserer Feinde ausgemacht, und was widerspricht einer Entgrenzung mehr als die vielfältigen Begrenzungen, niederlegt in den Corona-Verordnungen der Exekutive? Maßhalten, Bescheidenheit, Sich-Zurücknehmen, sind das nicht alles genuin konservative Haltungen? Weshalb also nicht mitmachen oder zumindest das Beste draus machen? Die Antwort ist einfach: Es wäre der Versuch, eine Bewegung, die gegen uns gerichtet ist, in unsere Bewegung umzudeuten. Ein Selbstbetrug, der Maßhalten mit Verkümmerung verwechselt und Sich-Zurücknehmen mit Betrogen-Werden. Es sind schlechte Zeiten, das Mimimum im Verbrauch zu loben.

Legen wir ruhig einmal die offizielle Corona-Version zugrunde, also die Erzählung vom exponentiellen Anstieg der Infizierten und der dann drohenden Überlastung der Behandlungskapazitäten mit den dann notwendigen Entscheidungen, wer weiterleben darf und wer nicht, die so menschenwürdewidrig sein sollen, daß jedes materielle Opfer gerechtfertigt sein soll, wenn es gilt, dergleichen zu vermeiden, was dann als die Letztbegründung für das ganze System der Corona-Verordnungen herhalten muß. Schon in der Welt dieser Erzählung ließe sich anmerken, daß genau genommen nicht das Virus die tiefere Ursache der Krise ist, sondern der Umstand, daß an unseren Krankenhäusern kaum noch freie Kapazitäten vorhanden sind. Was ist das für ein Gesundheitssystem, das unter einer etwas heftigeren Grippewelle oder vielleicht einer doch etwas (aber nicht viel) gefährlicheren Welle als nur einer Grippewelle zusammenzubrechen droht?

Die Zeiten, in denen längst genesene Patienten, die eher an Langeweile als an sonst etwas zu sterben drohten, von übervorsichtigen Onkel-Doktor-Typen überredet werden mußten, zur Sicherheit noch ein paar Tage im Krankhaus zu bleiben, sind vorbei. Heute torkeln eilig vernähte und verbundene Kranke, die noch im Krankenhausbett hätten bleiben müssen, benommen nach Hause. Jeder kennt Geschichten von verfrüht Entlassenen, die als Notfälle mit Entzündungen, nicht heilen wollenden Wunden und aufgeplatzten Nähten wieder eingeliefert werden mußten. Selbst in den Lazaretten während der Weltkriege hat man sich mehr Zeit gelassen. Die Betriebswirtschaftslehre triumphiert über die Medizin. Der Betrieb strebt nicht nach Heilung, sondern nach Auslastung. Das Heilen ist nur noch Mittel zum Zweck, Zweck ist die optimale Nutzung der Kapazitäten. Maximaler Gewinn mit minimalem Einsatz ist die Maxime, die alles regiert. So wird klar: Die Corona-Verordnungen geben nur vor, ihr Zweck bestünde darin, Menschen zu schützen. In Wahrheit schützen sie ein System, das auf der restlosen Verwertung des Menschen, auf der Reduktion jedes Reibungsverlustes, der Optimierung jedes Ablaufs und der Maximierung der Auslastung jeder Kapazität beruht.

Ein Gesundheitssystem, das noch ein Gesundheitssystem ist, dient nicht dem Profit, sondern der Volksgesundheit und hält für alle Fälle, seien es Naturkatastrophen, Terroranschläge oder Epidemien, freie Kapazitäten vor. Ein Krankenhaus ist kein Charterflug, der bis auf den letzten Sitz ausgebucht sein muß. Genau dazu aber ist es unter der Diktatur eines globalen Investitionssystem geworden, und genau das ist der eigentliche Sinn der offiziellen Corona-Erzählung. Zu viele dürfen sich nicht erlauben, auf einmal zu sterben. Die Masse mit Mundschutz soll Extrarunden vor den Hospitälern drehen und artig auf den Einlaßtag warten. Die Intensität der Ausbeutung hat eine Stufe erreicht, wo Zeit und Raum auf immer engere Kreise schrumpfen. Die Reduktion des Radius geht einher mit dem Verlust der Spontanität. Jeder Gruppenspaziergang muß angemeldet werden. Wir müssen auf Schritt und Tritt berechenbarer werden, weil sich so das Maximum an Profit kalkulieren und aus uns herausberechnen läßt. Das ist nichts, was mit dem Corona-Verordnungen in die Welt kam, sondern etwas, was sich in der longue durée vollzieht und sich an den Verschärfungen aller Ordnungsbestimmungen über Jahrzehnte hinweg ablesen läßt.

Wir müssen, bevor wir einen Ofen in unser Haus setzen, um Erlaubnis bitten, brauchen Waffenscheine für Spielzeugpistolen, dürfen nirgendwo mehr rauchen, und wenn wir mehr als 20 Kilometer pro Stunde zu schnell fahren, verlieren wir sofort den Führerschein. Was vor 30 Jahren ein Dummer-Jungen-Streich war, ist nun eine mehrfache Straftat. Jede Lebensäußerung wird auf ein Minimum reduziert. Alles muß im voraus gebucht, reserviert, beantragt, geplant werden.

Die Korona-Verordnungen sind eine Einübung in eine neue Dimension und neue Qualität des Profitsystems, ein Kapitalismus der Unfreiheit. Wir sollen lernen, mit weniger zufrieden sein: Weniger Freiheit, weniger Geld, weniger Leben. Der Anlaß ist beliebig, weshalb alle neuen Nachweise geringer Sterblichkeit und mäßiger Gefährlichkeit des Virus die Exekutive nicht anfechten und an den Verantwortlichen abperlen. Das Ganze ist eine Trockenübung. Wir exerzieren die Reduktion unserer Lebensäußerungen. Dieses Weniger bringt uns aber auf der anderen Seite kein Mehr, der reduzierte Konsum bringt keine Entlastung, im Gegenteil. Wir müssen lernen, noch mehr Profit abzuwerfen, indem wir bei reduzierten Ansprüchen das Gleiche leisten. Einfacher gesagt: Die Preise werden steigen, nicht aber die Werte.

Die Verhausschweinung des Menschen wäre der falsche Begriff, denn ein Schwein, auch ein Hausschwein, ist eine verschwenderische Lebensäußerung. Von stattlicher Leibesfülle vertilgt es Unmengen, hinterläßt Unmengen und erzeugt einen bestialischen Gestank. Wir haben es dagegen eher mit einer Verameisung zu tun. Leben ist Verschwendung und Reibungsverlust. So ist es nur folgerichtig, daß der Maximierung des Profits die Minimierung des Lebens entspricht. Wir werden auf Miniaturformate reduziert, abgespeist mit winzigen und abgeschwächten Rationen, die uns abgewöhnen sollen, was echtes Leben bedeutet. Das ist auch der Sinn des Mundschutzes: Er verhindert ein vitales, sauerstofftankendes Durchatmen, und zwingt uns, im eigenen Atmen zu hecheln, so lange, bis es irgendwann vorbei ist.

Der Beitrag ist zuerst hier erschienen.

Dr. Hans-Thomas Tillschneider

Priv.-Doz. Dr. Hans-Thomas Tillschneider (geb. 1978) ist ein deutscher Orientalist und Politiker der AfD. Er lehrt an der Universität Bayreuth Islamisches Recht, sitzt für die AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt und fungiert als Sprecher der AfD-Landtagsfraktion für Bildung, Kultur und Wissenschaft. Gelegentlich ist er publizistisch tätig. Die Orientalistik ist die Wissenschaft von der fremden Kultur. Als solche setzt sie die Differenz zwischen der eigenen und fremden Kultur voraus und richtet sich gegen die vielfältigen Tendenzen der Aufhebung dieser Differenz. Die Orientalistik pflegt die Vielfalt der Kulturen und respektiert jede Kultur in ihrer unvergleichbaren Eigentümlichkeit. Damit hat die Orientalistik das Potential, eine Widerstandswissenschaft gegen den Globalismus zu sein. Als solche wird sie von Tillschneider betrieben.

Mikroaggressionen – die neue Opfersemantik

von Florian Sander

Mikroaggressionen – die neue Opfersemantik

Ein Appell an die Mimosengesellschaft

Nach dem Tod von George Floyd und im Zuge der von „Black Lives Matter“ und der Antifa ausgehenden Krawallen in den USA dürfte es nun wieder so weit sein: Die Rassismus-Debatte wird wieder befeuert. Zahlreiche Gruppen und Minderheiten – längst nicht nur die der Afroamerikaner – werden sich sowohl in Nordamerika als auch in Europa wieder bemüßigt fühlen, all ihre vermeintlich erlebten Diskriminierungen zu thematisieren und dafür wahlweise die Weißen, die Männer, die Heteros, die jeweilige nationale Mehrheitsgesellschaft oder – nicht unwahrscheinlich – alles zusammen verantwortlich zu machen. Begleitet werden wird dies durch „Shitstorms“ in sozialen Netzwerken, durch Hashtags, durch „Aktionen“ und „Aktionstage“, durch staatstragend vorgetragene Kommentare in den linksliberalisierten Massenmedien, durch hörige linke Wissenschaftler, die schon jetzt an neuen Studien über „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ und derlei mehr arbeiten dürften, um die bunte „Zivilgesellschaft“ in ihrem Kampf für die „Diversität“ zu unterstützen und hierfür die metapolitischen Grundlagen zu schaffen.

Soweit zunächst einmal nichts Neues. Neu, jedenfalls relativ neu, sind jedoch die Dimensionen, die die allgegenwärtigen Klagelieder über „Diskriminierung“, „Rassismus“ etc. mittlerweile annehmen. Ein wichtiges Stichwort in diesen neuen Entwicklungen ist hierbei das der „Mikroaggressionen“ – ein Konzept, das vor allem von den universitären Eliten der linksliberalen US-Ostküste geprägt wurde. Was hat es damit auf sich?

Wie man’s auch dreht und wendet…

Der eigentlich schon ältere, aus der Sozialpsychologie stammende Begriff beschreibt eher kurze Momente der Kommunikation bzw. der Interaktion, in denen eine vermeintliche Abwertung einer Seite erfolgt, die vorzugsweise einer gesellschaftlichen Minderheit angehört. Typisch für Mikroaggressionen sind aus der linksliberalen Sicht heraus vor allem angebliche „subtilere“ Abwertungen, etwa wenn eine Person mit offensichtlichem Migrationshintergrund anerkennend zu hören bekommt, sie spreche aber gut Deutsch.

Das Beispiel macht bereits deutlich, wohin hier die Reise geht: Mikroaggressionen sind demnach ein sehr diffuses Phänomen und ermöglichen es, in so gut wie jede Handlung, jede Kommunikation, jede nonverbale Geste Rassismus oder andere Abwertungen hineinzuinterpretieren, egal, ob derlei vom Sender der Botschaft tatsächlich so intendiert war oder nicht. Ein Weißer sagt zu einer dunkelhäutigen Frau, dass Rasse für ihn keine Rolle spiele? In dem Fall werden deren ethnische Identität bestritten und ihr ihre damit verbundenen Erfahrungen abgesprochen. Er sagt hingegen, dass Rasse für ihn ein entscheidendes Merkmal sei? In diesem Fall wird natürlich implizite Kategorisierung aufgrund der Hautfarbe ausgesprochen, was die Frau auf diese „reduziert“ und daher rassistisch ist. Er thematisiert es einfach gar nicht? In dem Fall wiederum liegt eine Mikroaggression vor, weil der besagte weiße Mann versucht, einen identitätspolitischen Diskurs zu unterdrücken. Er fragt, woher sie ursprünglich stammt? Mikroaggression, da implizite, unausgesprochene Exklusion aus dem Aufenthaltsland. Er fragt nicht danach, sondern erklärt sie für „deutsch“? Mikroaggression, da implizite Assimilation; maskuliner, ethnisch-hegemonialer Kommunikationsstil!

Instrumente der Selbstviktimisierung

Und so weiter und so fort. Die Beispiele ließen sich endlos, mit verschiedensten Randgruppen und verschiedensten Kommunikationsthemen, fortführen. Nur eine Seite bleibt immer gleich: Die des „Aggressors“ – der ist stets weiß, hetero, zumeist männlich und nicht-behindert. Das Konzept ermöglicht es zuverlässig, aus jeglicher Situation heraus eine Diskriminierung zu basteln, welche heutzutage, schreit man nur laut genug auf, ein ebenso zuverlässiger Generator moralischer Autorität ist. Eine bekannte Persiflage dessen bietet das Meme „Der Zentralrat der Fliesentischbesitzer ist empört“: Wer eine formalisierte Moralisierungsinstanz gründen kann, der hat es geschafft. Der beständigen Selbstviktimisierung steht nichts mehr im Wege. Wer Opfer ist, dem wird zugehört; koste es, was es wolle.

Im Mittelpunkt dieser Logik steht abermals der heute übliche psychologische Grundsatz „Mein Gefühl hat immer recht“: Sie fühlen sich diskriminiert? Egal, wie begründet dieser Eindruck sachlich betrachtet sein mag? Egal – Sie sind im Recht, wenn Sie dabei nur einer gesellschaftlichen Minderheit angehören. Solange Sie kein Vertreter der (vermeintlich) herrschenden Mehrheit sind, haben Sie grundsätzlich das Recht, sich über alles zu empören.

Nur allzu gern aufgegriffen wird derlei freilich von einem Personenkreis, der Aufmerksamkeit sucht – und dabei gar nicht merkt, wie er das, was er der schweigenden Mehrheit vorwirft, dadurch mittelbar wieder selbst forciert. Anders gesagt: Wer sich in seiner Kommunikation ständig selbst zum Opfer macht, wer sein eigenes Anderssein ständig wieder neu kommuniziert (und dies dann auch noch anklagend und larmoyant), der wird ganz automatisch auch immer mehr darauf reduziert werden, weil die soziale Umwelt irgendwann eben jene Thematik mit ihm oder ihr assoziativ verknüpft. Begleitet wird dieser Teufelskreis nicht selten von einer ausgemachten Mimosenhaftigkeit, im Zuge derer jeder flapsige Spruch eines Senioren an der Supermarktkasse sofort zu einem massiven Drama aufgebauscht wird. Doch anstatt zu versuchen, dazu eine lässige, dickfellige Haltung zu entwickeln, wie es schon allein aus Gründen der psychischen Gesundheit geboten wäre, richtet man den anklagenden Zeigefinger auf die vermeintlich „latent“ und „strukturell“ rassistische / ableistische / heteronormative (etc.) Gesellschaft, die einen tagtäglich wieder neu mikroattackiert.

Eine persönliche Empfehlung

Dabei kann das Leben so entspannt sein, wenn man es anders macht. Ein paar persönliche Bemerkungen in diesem Kontext: Der Autor dieser Zeilen erlebt als (recht aktiver) Rollstuhlfahrer mindestens wöchentlich Situationen, die die liberale US-Ostküste wohl zumindest zu einem hohen Anteil als „mikroaggressiv“ titulieren würde. Beginnend bei Mülltonnen, die den Bürgersteig versperren, über nicht barrierefreie Zugänge und öffentlichen Fernverkehr, institutionelle Unflexibilitäten, neugierige Nachfragen und Blicke, einen manchmal ungefragt und plötzlich schiebende Leute, im Weg stehende Menschen, starrende Kinder, teils mitleidige Blicke oder Sätze, durchaus (zu 99 % nicht böse gemeinte) Vorurteile (z. B. von Leuten, die glauben, als Rollstuhlfahrer müsse man zwingend den ganzen Tag depressiv zuhause sitzen), manchmal auch allzu intime Nachfragen.

Ja – manches findet man dumm oder auch nervig. Wirklich ärgerlich macht es mich jedoch höchst selten. Die meisten Erfahrungen finde ich amüsant und / oder soziologisch spannend, oder ich nehme sie kaum noch zur Kenntnis und vergesse sie nach ein paar Minuten wieder, weil mir meine Zeit und meine Nerven zu kostbar sind, mich noch länger damit auseinanderzusetzen. Doch oft frage ich mich wieder: Was für ein Nervenbündel muss man eigentlich sein, um derlei zum Anlass zu nehmen, deswegen ganze klageliedartige Bücher zu veröffentlichen, Kulturkämpfe auszurufen, absurdeste „wissenschaftliche“ Nischen-Ansätze zu konstruieren („Critical Whiteness“ etc.) und mehr?

Hat man sich dagegen beigebracht, im richtigen Moment einfach mit den Schultern zu zucken, zu lächeln, abzuwinken und mit dem weiterzumachen, was man zuvor getan hat, kann vieles so harmlos sein. Liebe Opfergemeinde der Mikroaggressionen: Ihr glaubt gar nicht, wie zufrieden ihr durchs Leben gehen (oder *rollen) werdet, wenn ihr an eurer inneren Stärke, eurer Charakterfestigkeit und eurem Selbstbewusstsein arbeitet, anstatt immer nur auf andere zu zeigen und auf ein Mitleid zu hoffen, das ihr dann im nächsten Moment ohnehin wieder melodramatisch als die nächste Mikroaggression abtun würdet. Wer sich aus sich selbst heraus definiert anstatt immer nur aus den Fremdbeschreibungen anderer, erlangt eine innere Kraft, die niemand kleinkriegt.

Florian Sander

Florian Sander, M. A., hatte zunächst einen nebenamtlichen Lehrauftrag (2013 – 2015), danach eine hauptamtliche Dozentur (2016 – 2019) an einer Fachhochschule inne, lehrte dort Sozialpsychologie, Soziologie und Politikwissenschaft und arbeitete auch als Verhaltenstrainer. Er ist aktuell Doktorand an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS), Universität Bielefeld.
Von 2009 bis 2014 war er Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Seit 2018 betätigt er sich als Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD NRW sowie als Leiter des Arbeitskreises Kommunalpolitik der AfD Bielefeld, deren stellvertretender Kreissprecher er seit 2019 ist. Er war Autor für den Blog Le Bohémien (2010 – 2017), für das Online-Magazin Rubikon (2017 – 2018) und für die Linke Zeitung (2017 – 2018) und schreibt seit 2018 für das Kultur- und Lifestyle-Magazin Arcadi sowie seit 2019 auch für den Blog des Jungeuropa-Verlags, für die rechtsintellektuelle, vom Institut für Staatspolitik (IfS) herausgegebene Zeitschrift Sezession und für das Zentralorgan des Bundes Deutscher Unitarier e. V., Glauben und Wirken.

Volk oder Willensnation?

von Klaus Kunze

Volk oder Willensnation?

Die Krise der Nationalstaatlichkeit

Das deutsche Volk ist nicht danach gefagt worden, ob es zugunsten einer multikulturellen Gesellschaft abgeschafft werden möchte. In einer Demokratie, in der das Volk über die sein Schicksal wesentlich berührenden Fragen durch Volksabstimmung entscheidet, wäre das zu erwarten gewesen.

Doch selbst wenn man dem Parlamentarismus unserer Verfassung zugesteht, sich mit dem Adjektiv demokratisch zu schmücken, gelangt man zu keinem besseren Ergebnis. Eine Entscheidung des Bundestages zur Etablierung einer multikulturellen Gesellschaft gibt es nämlich auch nicht.

Das wirft die grundsätzliche Frage nach der Legitimität der vollendeten Tatsachen auf, vor die man uns stellt. „Man“ – das ist eine geschlossene Fronde der üblichen Verdächtigen: Linksextremisten möchten das deutsche Volk abschaffen, Kirchen predigen, den Heiden aller Herren Länder die Einreise zu erlauben, Wirtschaftskreise sorgen sich um Arbeitskräfte und das Bruttosozialprodukt. Jedes Jahr wird eine sechsstellige Zahl von Ausländern eingebürgert.

Zugleich werden die herkömmlichen Konzepte von Volk, Nation und Staat grundsätzlich in Frage gestellt. Ein noch nicht staatlich verfaßtes Volk, erläutert der Kölner Staatsrechtler Otto Depenheuer,

„erwächst aus einer geschichtlich gewachsenen, substantiellen Gemeinsamkeit einer Gruppe von Menschen. Sie verweist und findet ihren Grund in der subjektiv unverfügbaren Vergangenheit: aus gemeinsamer Geschichte, Schicksal, Sprache, Kultur erwächst solidarische Verbundenheit. Ihre aus geschichtlicher Kontingenz geprägte Gestaltung widerstrebt rationaler Erklärbarkeit.“

Otto Depenheuer, Solidarität im Verfassungsstaat, 2.Auf. (2016), S.318.

Die Angehörigen eines Volkes sind gewöhnlich miteinander mehr oder weniger eng verwandt. Darum bilden sie eine Solidargemeinschaft, denn diese

„ist wesentlich und legitimerweise Abstammungs­gemeinschaft, insoweit sie diejenigen ausgrenzt, die außerhalb der Gemeinschaft stehen, weil sie an deren Gemeinsamkeit nicht teilhaben: die Angehörigen einer Solidargemeinschaft stehen sich einander näher als den Menschen im übrigen, d.h., sie sind im Verhältnis zueinander gleicher als im Verhältnis zu anderen.“

Depenheuer, am angegebenen Ort S.309 f.

Wenn im Grundgesetz steht, das deutsche Volk habe sich diese Verfassung gegeben, ist mit Volk genau diese, sich als zusammengehörig verstehende Menschengemeinschaft gemeint. Als rechtlich verfaßte Nation bilden sie sich aufgrund ihres Selbstbestimmungsrechts einen Staat, der seine Staatsbürgerschaft auch Fremden verleihen und diese damit in das Volk aufnehmen kann.

Die Vertreter multikultureller Ideen träumen dagegen von einem grenzenlosen Weltstaat. Der Schweizer Philosoph Georg Kohler sieht das in größerem Zusammenhang:

„Die Krise der Nationalstaatlichkeit ist schon lange keine nationale Angelegenheit mehr, sondern eigentlich nichts anderes als die Form- und Selbstgestaltungsunsicherheit der modernen westlichen Massengesellschaft.“

Georg Kohler,Bürgertugend und Willensnation, Zürich 2010, NZZ-Verlag, S.72.

Auch in anderen Ländern stoße man auf die „Entbindung der Bevölkerung aus dem Volk.“ Das führt vielfach zu Unbehagen, die der Philosoph Peter Sloterdijk so begründete:

 Es war, wie man im Rückblick deutlicher erkennt, die Kulturleistung des modernen Nationalstaats gewesen, für die Mehrheit seiner Bewohner eine Art von Häuslichkeit, jene zugleich imaginäre und reale Immunstruktur, bereitzustellen, die als Konvergenz von Ort und Selbst oder als regionale Identität, im günstigen Sinn des Wortes, erlebt werden konnte. Diese Leistung wurde am eindrucksvollsten dort erbracht, wo die wohlfahrtsstaatliche Zähmung des Machtstaates am besten gelungen war. Durch die Globalisierung wird dieser politisch-kulturelle Häuslichkeitseffekt angetastet – mit dem Ergebnis, daß zahllose Bürger moderner Nationalstaaten sich auch zu Hause nicht mehr bei sich selbst und auch bei sich selbst sich nicht mehr zu Hause fühlen.

Peter Sloterdijk, Der gesprengte Behälter, in: DER SPIEGEL 1.9.1999

Wenn die Heimat zur Fremde wird

Nicht mehr zuhause fühlen sich viele Deutsche, weil ihnen die Heimat zur Fremde gemacht wurde. In einer Demokratie wie der Schweiz werden Existenzfragen der Nation zur Abstimmung gestellt. Hier fragt man sich besonders kritisch, auf welchen Ideen die Schweizer Demokratie beruht, weil sie aus Vertretern verschiedener Völker gebildet wird. Eignet sie sich als Modell für ein Deutschland der Zukunft, das nur noch eine Zeitlang dem Namen nach deutsch sein wird? Läßt sich aus völlig Heterogenem ein Zusammenhalt schmieden? Wie schlecht dies noch Jahrhunderte nach den Einwanderungen klappt, sehen wir dieser Tage in den USA und ihren teils bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Die Volksgruppen stehen sich in großen Teilen mißtrauisch und gewaltbereit gegenüber.

Die historische Antwort des Nationalstaats hatte dagegen gelautet: Gebt jedem Volk und Völkchen seinen eigenen Staat, ja sogar ein Menschenrecht auf einen Staat, und laßt es dort selbstbestimmt machen, was es will. Trotz aller verkrampften Versuche, die deutschen Staatsbürger durch einen „Verfassungspatriotismus“ zusammenzuschweißen, gibt es weltweit keine überzeugenden Beispiele, daß eine Transformation eines Nationalstaats in eine Art multinationalen Distrikt jemals friedlich gelungen sei und reibungslos funktionierte.

Bleibt also doch nur das Modell der Schweiz? Betrachten wir seine Funktionsvoraussetzungen einmal aus Sicht des eidgenössischen Philosophen Georg Kohler:

Womit ich endlich bei der Bedeutung von Nation als der realgeschichtlichen Antwort auf die Grundfrage nach der Möglichkeitsbedingung von demokratischer politischer Ordnung angelangt bin: Funktionierende Demokratien verlangen das Bestehen von Gemeinsamkeitsfaktoren, die den demokratischen Souverän in wirksamer Weise als „Wir, der Demos“ erfahrbar und damit auch aus der Innenperspektive des Einzelnen verbindlich machen; ein Erfordernis, das ein wiederum funktional, aus den Möglichkeitsprämissen von Demokratie ableitbares Postulat ist.

Georg Kohler, am angebenen Ort S.56.

Diese Gemeinsamkeitsfaktoren scheitern nicht daran, daß die Schweiz mehrheitlich deutsch, in wesentlich Teilen aber welsch ist. Die übereinstimmenden Antworten auf die wesentlichen Fragen, die das friedliche Zusammenleben ausmachen, also die spezifisch demokratische Kultur und der gleiche zivilisatorische Stand, ermöglichen das.

Die Willensnation

Ähnlich könnten wir mit den Flamen friedlich in einer Demokratie zusammenleben, von unseren Landsleuten in Österreich ganz zu schweigen. Die Schweiz betrachtet sich dagegen zurecht nicht als Abstammungsgemeinschaft, sondern als Willensnation mit

nicht nationalistischem Nationalbewußtsein, das auch zwischen „Wir“ und „Ihr“ friedlich zu unterscheiden weiß, indem es vor allem auf seine spezifischen Verfahren der Willens- und Entscheidungsbildung vertraut.

Georg Kohler, S.64.

Die engen Grenzen des Modells einer Willensnation liegen, wo ein Teil seiner potentiellen Bürger mit dem anderen definitiv keine Gemeinsamkeit empfindet und darum keine Gemeinschaftlichkeit will. Eine Willensnation ohne Willen zu ihr funktioniert nicht.

Die deutsche Vergangenheit hat uns gelehrt, daß es grundsätzlich assimilationsbereite und -fähige Völker in unmittelbarer Nachbarschaft gibt. Zwischen deutschen und Polen entsteht Integration in einer Generation. Andere, von weiter her kommende Volksgruppen können Deutschland oder andere Länder jahrhundertelang bewohnen, ohne ihre Identität einzubüßen. Es gibt viele Bürger, die nicht die mindeste Lust haben, mit Leuten dauerhaft in einem Staat zusammenzuleben, wie sie jetzt massenhaft ins Land geholt werden. Sie wollen sie nicht, und sie wollen schon gar nicht, daß jene immer mehr werden.

Ein Staat hebt die wechselseitige Solidarität auf eine rechtlich verpflichtende Ebene. Er verlangt von jedem, notfalls auch in letzter Konsequenz, sein Hab und Gut, notfalls auch sein Leben, für die Solidargemeinschaft aller Bürger in die Waagschale zu werfen. Die Bereitschaft, für andere einzustehen, nimmt aber mit dessen kultureller Distanz ab. Es gibt viele Menschen, die gar keine Lust haben, mit jedwedem Fremden solidarisch zu sein, wenn das persönliche Opfer erfordert.

Auf der anderen Seite wächst eine neue soziale Unterschicht rasant an, die keinerlei Neigung dazu verspürt, deutsch zu werden, deutsch zu sprechen, ihre oft fanatisch vertretene Religion zu mäßigen, und vor allem: unsere Demokratie, unseren Rechtsstaat und damit unsere Vorstellung eines guten Miteinanders zu verinnerlichen. Viele halten uns für verdammte Ungläubige und verachten uns. “»Es ist unmöglich,«” zitiert der Rechtsphilosoph Johann Braun aus dem ‘Gesell­schafts­vertrag’ von Rousseau,

“»mit Leuten, die man für verdammt hält, in Frieden zu leben.« Wo ein Teil der Bürger in einem Teil der anderen … nicht Rechtsgenossen, son­dern Feinde er­blickt, die den Lebensentwurf, den man für sich selbst hegt, gefährden,” kann “existentielle Feind­schaf­t auch auf dem Boden des Rechts­­staates jederzeit aufbrechen.”

Johannes Braun, Recht und Moral im pluralistischen Staat, Juristische Schulung (JuS) 1994, 727, (730).

Einen gemeinsamen Staatswillen, erfüllt von derselben Hochschätzung von Demokratie, Menschenrechten und Verfassungsstaatlichkeit, können wir mit Leuten nicht bilden, die uns für Verdammte halten. Überdies fragte sich, warum wir das wollen sollten. Wenn man unter der Prämisse des friedlichen menschlichen Zusammenlebens ein allgemeines Gesetz aufzustellen hätte, ob Menschen mit diametral entgegengesetztem Glauben in einem Staat zusammenleben sollten, müßten wir das klar verneinen. Wir glauben an die Demokratie aufrechter Bürger, andere dienen auf Knien alten Götzen.

Georg Kohler meint,

daß sich die Notwendigkeit subjektiv erfahrbarer Gemeinschaftlichkeit unmittelbar mit den geschichtlich-kulturellen Vorgaben und Differenzen verbindet, in denen sich die menschliche Sozialnatur allemal verwirklicht. Wenn das aber gilt, dann ist die Wirklichkeit nationaler Zusammengehörigkeit notwendigerweise auch mit der Differenz zwischen dem Eigenen und dem Fremden verknüpft. Jede politische und demokratische Wir-Einheit benötigt, um sein zu können, was sie sein soll, Identität.

Georg Kohler, a.a.O. S.56.

Als Deutsche mit unseren einmaligen und unwiederholbaren historischen Erfahrungen haben wir eine Identität, die sich wesentlich von der anderer Völker unterscheidet. Diese nationale Identität ließe sich in einem multikulturellen Bevölkerungsgemisch der Zukunft nicht aufrechterhalten, womit auch die freiheitliche demokratische Grundordnung als unsere historisch jüngste nationale Lebensform ihre Grundlage einbüßen würde.

Die Auflösung aller Dinge

Wer meint, die Millionenscharen von Orientalen oder Afrikanern, die hier hineingelassen werden, würden sich in 20, 50 oder 100 Jahren nebst ihren Nachkommen auch nur im mindesten um Frauenrechte, Glaubensfreiheit oder demokratische Toleranz scheren, dürfte grenzenlos naiv sein.

Ohne eine gewisse Abgrenzung nach innen und außen kann es keine Selbstbehauptung des kulturell Eigenen geben. Es würde im Wind der Geschichte verwehen und vergehen. Das „moderne Verständnis von Nation“ trägt

„in sich die Idee kultureller Selbstbehauptung einer sich abgrenzenden Gruppe. Rings um Sprache und erlebtes, historisch erinnertes Schicksal, rings um gemeinsame Werte und Sitten, rings um einen Kanon der Weltinterpretation, von Würde, Anstand und Alltagsvernunft wächst die Idee der Nation. Jede Nation ist auch eine bloß geistige Konstruktion, eine paradoxe Erfindung von sich selbst, in Bildern, Fahnen, Hymnen und großen Erzählungen zum Gegenstand gemacht und sich in dieser Spiegelung selbst erst erschaffend.“

formuliert der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio, Die Kultur der Freiheit, 2005, S.187.

Zu diesen gemeinsamen Werten dieser Weltinterpretation, gehört im heutigen Deutschland der Kernbestand an Normen, der sich in der freiheitlichen demokratischen Grundordnung manifestiert. Der aufklärerische Ideenbestand von der Freiheit und Selbstbestimmung des Einzelnen, seiner selbstgewählten Bindung an seine Solidargemeinschaft, von Meinungsfreiheit und so fort hat sich seit Jahrhunderten auch in Deutschland herausgebildet und gehört heute zum Kern unserer kulturellen Identität.  Eine solche

„offene Gesellschaft kann aber nur Gemeinschaft bleiben, wenn sie ganz entschieden ihre Identität pflegt und Mechanismen entwickelt, ihre Identität zu bekräftigen.“

Udo Di Fabio, Die Kultur der Freiheit, 2005, S.183.

Wenn die Mitglieder einer Solidargemeinschaft sich von ihr entfremden, weil sie sich mit Neubürgern nicht mehr identifizieren können, treibt sie der Auflösung entgegen.

Diese Auflösung ist das Ziel wesentlicher innerer Kräfte und äußerer Mächte.

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

NEU:

Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

Klaus Kunze: Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen. Von der Vormundschaft zum Genderismus. Hier erhältlich!

Das ganz normale Miteinander hat keine Lobby…

Ein Kommentar von Hanno Borchert

Das ganz normale Miteinander hat keine Lobby…

Die emotionalen Debatten um die Ereignisse um George Floyd, die BlackLivesMatter-Bewegung und die sogenannten Anti-Rassimus-Demos, die häufig mit hemmungsloser Gewalt daherkommen, halten derzeit vor allem die USA, aber mittlerweile auch Deutschland und Teile Europas in Atem. Das allumfassende Narrativ lautet: „Struktureller Rassimus“ in der amerikanischen wie auch in der deutschen Gesellschaft gegen Schwarze, ja allen mehrheitlich weißen Gesellschaften.

Aber was ist eigentlich mit den „Person of color“ (POC), die hier in Deutschland, Europa oder den USA keinen „strukturellen Rassismus“, keine Benachteiligungen konstatieren? Die sich hier im Lande oder in den USA nicht diskriminiert fühlen, keinesfalls diskriminiert werden, wie sie sagen, mit ihren „weißen“ Ehepartnern; Partnern und anderen Freunden, Bekannten oder auch Berufskollegen ein ganz normales Miteinander führen? Problem: Sie haben keine Lobby, trauen sich ob der aggressiven Stimmung kaum, die Stimme zu erheben, ihre Sicht der Dinge zu erzählen. Aber sie leben hier einträchtig mit uns. Doch das scheint dem Juste Milieu keine Silbe wert zu sein. Warum eigentlich nicht? …

Hanno Borchert

Hanno Borchert, Cuxhavener Jung von der Elbmündung, Redakteur der alten wie neuen „wir selbst“, zwischendurch Redakteur der „Volkslust“. Ausgebildeter Handwerker mit abgeschlossenem Studium der Wirtschaftswissenschaften, der gerne liest, wandert, musiziert, malt und sich mit der Kunst des Graphik-Designs beschäftigt. Aktiver „Alter Herr“ der „Landsmannschaft Mecklenburgia-Rostock im CC zu Hamburg. Parteilos. Ist häufig auf Konzerten quer durch fast alle Genres unterwegs. Hört besonders gerne Bluegrass, Country und Irish Folk und darüber hinaus derzeit u.a. Gerhard Gundermann, Herbert Pixner Projekt, Andreas Gabalier, Rammstein, Delvon Lamarr Organ Trio, Jefferson Airplane, Velvet Underground, Hannes Wader, Jimmy Rosenberg und den Nachwuchskünstler Tom Mouse Smith.

Andreas Kalbitz, Barbara Borchardt und die CDU

Ein Kommentar von Hanno Borchert

Andreas Kalbitz, Barbara Borchardt und die CDU

Ich kenne so diverse Leute in der Union, auch unter meinen FB-Freunden, die immer wieder darauf hinweisen und hinwirken, daß es solange unmöglich wäre, mit der AfD zu kooperieren, geschweige denn zu koalieren, solange „so Leute wie Andreas Kalbitz oder Björn Höcke“ in der Partei ihr Unwesen treiben könnten. Bei Herrn Kalbitz wird dann gerne mit gerümpfter Nase auf seine früheren Kontakte und Mitgliedschaften in Organisationen hingewiesen, die auch einmal vom VS beobachtet wurden.

Doch im selben Atemzug kommt dann eine ausgewiesene Linksextremistin in Mecklenburg-Vorpommern in das Amt einer Verfassungsrichterin! Jemand, der die vom Verfassungsschutz beobachtete Antikapitalistische Linke (AKL) mitgegründet hat, welche u.a. einen „grundsätzlichen Systemwechsel“ fordert, dort nach wie vor Mitglied ist und das Studium an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften der DDR, eine damalige Kaderschmiede per excellence, absolviert hat und kein Problem in der Mitgliedschaft in der AKL sieht und zu dieser steht.

Doch der wirklich unappetitliche Witz an der ganzen Sache ist, sie kommt einzig und allein mit Hilfe der CDU in dieses Amt. Nach Bodo Ramelow ist es also der zweite Fall, in dem die CDU das entsprechende Zünglein an der Waage ist und der Linken als Steigbügelhalter dient. Wenn sich jetzt Stimmen aus der CDU über die Wahl Barbara Borchardts zur Verfassungsrichterin empören, dann kann man da nur noch Realitätsverweigerung und Schizophrenie konstatieren (wenngleich die meisten wohl aus gutem Grund schweigen werden). Aber auch jegliche despektierliche und besserwisserische Kommentare in Richtung AfD in der Causa Kalbitz oder auch Höcke sind spätestens von nun an nicht mehr ernst zu nehmen. …

Hanno Borchert

Hanno Borchert, Cuxhavener Jung von der Elbmündung, Redakteur der alten wie neuen „wir selbst“, zwischendurch Redakteur der „Volkslust“. Ausgebildeter Handwerker mit abgeschlossenem Studium der Wirtschaftswissenschaften, der gerne liest, wandert, musiziert, malt und sich mit der Kunst des Graphik-Designs beschäftigt. Aktiver „Alter Herr“ der „Landsmannschaft Mecklenburgia-Rostock im CC zu Hamburg. Parteilos. Ist häufig auf Konzerten quer durch fast alle Genres unterwegs. Hört besonders gerne Bluegrass, Country und Irish Folk und darüber hinaus derzeit u.a. Gerhard Gundermann, Herbert Pixner Projekt, Andreas Gabalier, Rammstein, Delvon Lamarr Organ Trio, Jefferson Airplane, Velvet Underground, Hannes Wader, Jimmy Rosenberg und den Nachwuchskünstler Tom Mouse Smith.

Die Theorie des Volkes ist Teil einer Philosophie des Unterschieds.

von Henning Eichberg

Die Theorie des Volkes ist Teil einer Philosophie des Unterschieds.

Arbeitsthesen zu einer humanwissenschaftlichen Volkstheorie

Es gibt zahlreiche Staats- und Markttheorien, aber so gut wie keine Volkstheorie. Die Vernachlässigung dieses dritten Bereichs muß einen tieferen Sinn haben – und ist dennoch nicht hinzunehmen.

Das Volk ist ein – oder das – Grundwort der Demokratie. „Die Staatsgewalt geht vom Volke aus“ (Deutsche Verfassung 1919, Art. l).

„Volksstimme“, „Volkswille“, „Volkszeitung“, „Volksstaat“, „Volkspresse“ und „Volksfreund“ oder auch einfach „Das Volk“ – so hießen klassische Zeitungen der Linken. Haus des Volkes, Volksfront, Volksdemokratie, Volkssolidarität, Volkskammer, „Dem Volke dienen“, „Sieg im Volkskrieg“, people’s liberation – „Volksgesundheit“, „Volkssport“ –…

Volk war stets ein Grundbegriff der Linken. Socialistisk Folkeparti nennt sich die dänische Linkspartei, „Danmark for folket“ („Dänemark dem Volke“) heißt ein Kampflied der Sozialdemokratie, und „Land og folk“ war die Zeitung der dänischen kommunistischen Partei. Aber Sozialisten entwickelten bislang allenfalls Klassentheorien, keine Volkstheorie. In lichtesten Augenblicken sprach man vom „eigenen Weg jeden Volkes zum Sozialismus“.

„Für König, Volk und Vaterland“, Österreichische Volkspartei und Partito Popolare – „Völkischer Beobachter“, „Ein Volk, ein Reich ein Führer“, „Volksgerichtshof“ und „völkisches Turnen“ – auch die Rechte bezog sich immer wieder auf das Volk. Das gilt sowohl für den konservativen Teil (in Dänemark Konservativt Folkeparti und Kristeligt Folkeparti) als auch für völkische Extremisten, Populisten und fremdenfeindliche Bewegungen (Dansk Folkeparti). Aber die theoretische Anstrengung richtete die Rechte eher auf anderes, insbesondere auf Staatstheorien. Auch auf Elitetheorien oder im problematischeren Fall auf Rassentheorien.

Der Volksbegriff ist unbequem. Wiederholt hat man versucht, den Volksbegriff zu ersetzen durch „Bevölkerung“. Das ist mehr als sprachliche Kosmetik. Das Subjekt gesellschaftlichen Handelns – „wir“ – wird unsichtbar gemacht zugunsten einer Kategorie administrativer Beherrschung und Beschreibung: „die da“.

Künstler Hans Haacke entwickelte aus der Inschriftsdebatte um die Schrift am Reichstag
„Dem deutschen Volke“ die Bodenskulptur „Die Bevölkerung“

Es gibt Versuche, das Volk der Demokratie zu ersetzen durch „den Bürger“. Damit wird das kollektive Subjekt politischen Handelns ersetzt durch die Konstruktion des Einzelnen. Das paßt in die neoliberale Individualisierungsstrategie. Wo „wir“ sind, soll „ich“ werden: das Ich, das kauft. Solcher Mitbürgerismus wendet sich nicht zuletzt gegen die unbürgerlichen oder gar antibürgerlichen Untertöne des Volksbegriffs.

Das moderne „Volk“ und die Demokratie entstanden parallel und waren im historischen Prozeß miteinander verbunden. Der Demokratiebegriff setzt einen Volksbegriff voraus. Demokratietheorie wurde jedoch stets der Staatstheorie untergeordnet, als ob es die Notwendigkeit einer Abklärung hinsichtlich des „Volkes“ nicht gebe. Demokratie – „Volksherrschaft“ – ohne Volk, das ist Herrschaft. Es ist nichts als Herrschaft. …

Volkstheorien scheinen, wenn überhaupt, dann zu solchen Zeitpunkten aufzutauchen, da die Herrschaft dazu ansetzt, das Volk als politisches Subjekt abzuschaffen. Vereinzelte völkisch-konservative Theorieansätze wurden in der Zwischenkriegszeit entworfen, als der machtgestützte Rassismus daran ging, das Volk der Demokratie durch die biologische „Rasse“ zu ersetzen. Aktuelle juridische Theorieversuche begleiten den Versuch, die Völker der Demokratie durch die Konstruktion eines machtdefinierten „Europabürgers“ zu ersetzen.

Das Volk ist nicht harmlos. Die Geschichte der Moderne ist eine Geschichte von Völkermord, Genozid und Ethnozid. Man mag das „Volk“ tabuisieren oder sprachlich wegretuschieren, die Bedrohung von Völkern bleibt – oder verschärft sich. Tibet, Tschetschenien, Indianervölker, das Volk von Darfur. Das Wort „Volk“ ist sowohl auf der Seite derer, die im Namen des eigenen Volkes andere Menschen abwerten, als auch auf der Seite der Solidarität, der Gesellschaft für bedrohte Völker, Society for Threatened Peoples, Association pour les peuples menaces, Associazione per i popoli minacciati, Lia por i popui manaces, Iwerlewen fir bedreete Volleker…

Zahllose religiöse Würdenträger, wie hier Ribur Ngawang Gyatso Rinpoche, wurden während der Kulturrevolution mit bemalten Gesichtern und Schandhüten durch die Gassen getrieben, beschimpft, geschlagen und erniedrigt. Foto: Tsering Dorjee

Zur Soziologie des Volkes – Vielfalt, Widerspruch, Konflikt

Das Volk ist zivilgesellschaftlich, d.h. ein Drittes neben Staat und Markt. Es gehört zu einer Welt von Selbstorganisation und Freiwilligkeit. Aus der Zivilgesellschaft ergibt sich eine Soziologie des Volkes.

Das Volk ist nicht von einer wie auch immer zu definierenden Substanz her zu denken, sondern vom Widerspruch. Das Volksleben besteht aus Vielfalt und Konflikten. Im Kern des Volkes findet man nicht „die Gemeinschaft“, sondern Gemeinschaften.

Der Volksbegriff bezeichnet zwei Formen politischer Spannungsverhältnisse. Einerseits steht das Volk gegenüber den Herren: wir hier unten – die da oben. Und andererseits steht „mein“ Volk gegenüber den anderen: wir hier drinnen – die da draußen. Diese politischen Positionierungen sind oft auf linke oder rechte Weise vereinseitigt worden, sie sind jedoch nicht deskriptiv erschöpfend: Volk ist nicht zuletzt auch, wo man lacht.
Volk und Völker sind nicht zu trennen. Die Geschichte des Volkes besteht aus Sonderwegen. Jedes Volk bringt seine eigenen Probleme und Widersprüche hervor.

Volk ist auch da, wo man lacht und tanzt, es hat mit Rhythmus und Sprachkörperlichkeit zu tun:
Bison-Tanz der Mandan (Zeichnung von Karl Bodmer, um 1832-1834),
ein klassischer Tanz von Prärieindianern für eine gute Jagd

Die Nation ist das Volk der Moderne in Bewußtsein und Aktion – wo es sich als Staat organisiert oder organisieren will. Die Nation bildete sich seit dem 18. Jahrhundert im Wechselspiel zwischen Revolution, Demokratie und Staatsbildung heraus – zwischen „täglichem Plebiszit“ und Klassenkampf.

Das moderne „Volk“ ist durch einen Widerspruch im Verhältnis zum Staat charakterisiert. Das Volk der Moderne will seinen eigenen Staat – erst dadurch erscheint das Volk als politisches Subjekt. Aber zugleich kolonisiert der Staat das zivilgesellschaftliche Volk. Gegenüber dem exklusiven Nationalstaat ebenso wie gegenüber dem multinationalen Staat entwickelt das Volk anarchistische Qualitäten.

Wo das Volk der Nation gar zu schnell als Einheit gesehen wird, da stößt man indessen auf die innere Vielfalt der Zivilgesellschaft – auf Milieus, Klassen und Lebensformen, auf Lebensstile, Szenen und Öffentlichkeiten, darin eingeschlossen Lebensstilenklaven, Nischen, Subkulturen… Auch diese sozialen Zusammenhänge kann man wie „das Volk“ reifizieren, verdinglichen und als Quasi-Substanzen hantieren, aber das entstellt ihre Dynamik. Tatsächlich öffnen sie den Blick auf das Volk als ein Feld von inneren Widersprüchen.

Zur Psychologie des Volkes – Identität, Feind, Neurose

Volk hat mit der Identität der konkreten Menschen zu tun, mit ihrer Personalität und Vergesellschaftung. Daraus ergibt sich eine Psychologie des Volkes, genauer: Psychologien des Volkes. Sie eröffnen den Blick auf eine Psychoanalyse der Demokratie.
Die Frage nach der Identität richtet sich nicht primär auf ein einzelnes Ich – Selbst, Ego, Ipse, Persönlichkeit, Individualität. Sondern es geht um Nostrifikation, um ein Du-Wir-Verhältnis: Wer sind wir eigentlich, daß wir „du“ zueinander sagen können. Und wer bin also ich?

Die Psychologie des Volkes führt auf Historisch-Gesellschaftliches, auf das Spannungsverhältnis von Identität und Entfremdung hin. Als die Moderne vom „Volk“ zu sprechen begann – in der Zeit von Rousseau, Herder, Grundvig und Marx – kam zum Ausdruck, daß die Menschen sich als „fremd“ in der Welt erlebten.

Identität bezeichnet keine Idylle. Wer von (nationaler) Identität spricht, muß auch bereit sein, von (nationalen) Neurosen zu sprechen. Und von der Angst.
Wo das „gute“ Volk nicht gedacht werden darf, zeigt das Volk sich von der häßlichen Seite. Wo die Liebe nicht sein darf, da erscheint der Feind. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Angst und der Konstruktion des Anderen als des Feindes. Und zwischen dieser Ausschlußlogik und der Reifizierung „der anderen“.
„Das Volk“ bewegt sich nicht in einem geschlechtspsychologisch neutralen Raum. Wenn wir von Vaterland und Patriotismus einerseits, von Mutterland und Muttersprache andererseits sprechen, so bezeichnen wir damit Unterschiedliches.

Das Vaterland hat eine Affinität zu Staat und Führer, zu Hauptstadt und Zentralität, zu Grenzen und deren Sicherung durch Militär und Polizei, zu Administration und Planung, zu ökonomischen Ressourcen und Produktivität, zu Einheit und Fortschritt. Das Mutterland hingegen lebt im unübersichtlichen Volk und seiner Muttersprache, es hat mit Rhythmus und Sprachkörperlichkeit zu tun. Die Muttersprache ist nicht einheitlich, sondern vielfaltig geschichtet in Dialekten und Soziolekten. Sie macht an vaterländischen Grenzen nicht halt und wandert mit dem Vertriebenen mit ins Exil. Sie kennt keine Hauptstadt und macht sogar die Metropole zur Provinz, wo man berlinert oder Amager mål spricht. Zwei- und Mehrsprachigkeit stehen nicht im Widerspruch zur Muttersprache, und dennoch ist sie unverwechselbar sie selbst. Aber vielleicht gibt es noch ein Drittes.
Das Volk stehe, sozialpsychologisch gesehen, dem einzelnen nicht gegenüber. Die Gegenüberstellung – gar als Widerspruch – ist eher eine Konstruktion, die vom identitären Inhalt des Volksbegriffs absieht. Die duale Konstruktion hat ihre ideologischen Wurzeln im Liberalismus einerseits und im Faschismus und ähnlichen Formen totalitären Denkens andererseits.

Zur Praxeologie des Volkes – Fest, Krieg, Revolution

Das Volk ist nicht nur ein Überbau von Ideen, Meinungen und Ideologien, sondern hat seine Basis in gesellschaftlicher, körperlicher Praxis. Daraus ergibt sich eine Praxeologie des Volkes. Die körperliche Praxis ist die Grundlage für einen materialistischen Volksbegriff.

Volk kann nicht nur als Struktur oder Prozeß, sondern muß auch vom Situativen her verstanden werden, vom uniken Hier-und-Jetzt des Ereignisses. Situativ sind das Fest und die Katastrophe. Wird Fest verstanden als eine Hoch-Zeit des Selbst-Tuns, so kommt der Sport ins Bild. Der Sport ist ein praktisches Ritual der Nostrifikation: ,,Das hier ist unser Fest.“

Ein Ereignis katastrophaler Art ist der Krieg. Die national-demokratische Moderne hat den Krieg als „Volkskrieg“ neu erfunden und festlich aufgeladen. Aber seine Traumata werden von Generation zu Generation weitergereicht.

Die politische (Selbst-)Erfahrung des Volkes leitet sich in hohem Maße von der Revolution her. Revolution ist ein Ereignis zwischen Fest und Katastrophe. Die revolutionäre als eine praktisch-festliche Erfahrung besagt: „Wir können selbst“ – „Wir sind das Volk.“

Die revolutionäre als eine praktisch-festliche Erfahrung besagt: „Wir können selbst“:
„Kampf zwischen Bürger u. Soldaten in der Straße Frankfurter Linden in Berlin, am 18ten und 19ten März 1848“

„Volk“ im Kontext der Revolution war damit ein Kampfbegriff. Es ist wohl der Widerspruchsbegriff par excellence der modernen Demokratie.
Und „Volk“ ist ein Bewegungsbegriff. Das demokratische „Wir sind das Volk“ markiert primär weder eine Substanz: „Wir sind das Blut“, „Wir sind die Bevölkerung“ … Noch meint es eine Konstruktion: „Wir sind eine Idee“, „Wir stellen uns uns vor“… Sondern es bezeichnet eine Bewegung: „Wir, das Volk, sind in Bewegung“.

Die Demokratie der Moderne begann damit, daß das Volk die Revolution machte. Aber auch umgekehrt: Die Revolution schuf das Volk. (Da die erste erfolgreiche Revolution in Deutschland erst 1989 und nur in Teilen des Landes stattfand, eröffnet das unbequeme Aussichten auf das Verhältnis zwischen dem mitteldeutschen und dem westdeutschen Volk und damit auf die Deutschländer der Zukunft.)

Es ist allerdings fraglich, ob der Zusammenhang zwischen Demokratie und revolutionärer Explosion, der die klassische Moderne und ihren Volksbegriff einst prägte, auch weiterhin gültig ist. Der Revolutionsgestus des Aufruhrs von 1968 – Barrikaden, Massenaufmärschen und selbsternannte ,,Avantgarden“ – wirkte eher wie eine Karikatur, die Erwartung einer Explosion wurde enttäuscht und statt einer Umwälzung trug der Aufruhr auf unerwartete Weise zur Erhöhung der Effizienz von Staatsmacht und Markt bei. Als die Revolution als Basisveränderung dann wirklich eintrat – 1989/91 in Osteuropa – geschah sie in neuen Praxisformen. Die Staatsmacht trat, wenngleich unwillig, beiseite und kollabierte. Vielleicht ist die revolutionäre Explosion der Moderne also durch die Implosion ersetzt worden, gefolgt von den Implosionen des südafrikanischen Apartheidstaates, den Implosionen mächtiger transnationaler Konzerne etc. Es ist offen, welche Folgen die Ablösung der Ex- durch die Implosion für Volk und Demokratie haben mag.

Volk und Demokratie – wenn der Aufruhr die Stärkung der Staatsmacht zur Folge hat: bereits 1848 im März in Berlin.
Aufbahrung der Märzgefallenen
Adolph Menzel, 1848

Dazwischen – und ein paar aktuelle Probleme

Ethnos und Demos befinden sich nicht nur im Widerspruch zueinander, sondern bilden den Zusammenhang der modernen Demokratie. Das Volk der Demokratie sind die, die miteinander sprechen können. Obwohl damit auch die Bedeutung der gesprochenen Sprache hervortritt, geht es primär nicht um eine Linguistik der Demokratie, sondern um die Kultur der Demokratie. Kultur der Demokratie heißt: miteinander sprechen wollen.

Die Globalisierung ist ein Vorstoß der Marktlogik gegen die Völker. In ihr verlängert sich, wenngleich diskontinuierlich, die westliche Kolonialisierung, die aus einer Allianz von Markt- und Staatslogik entsprang. Aber an der Rückseite der Globalisierung erscheinen neue Tribalisierungen.

Die Europäische Union – als Markt, Großmacht, Festung, Reich oder Nation Europa – ist in ihrem Ausgangspunkt ein Elitenprojekt ohne oder gegen die Völker. Sie stellt ihre Anhänger vor die Wahl, die Existenz der Völker explizit in Abrede zu stellen oder sich ein eigenes Volk zu konstruieren. In der Zukunft wird man die sonderbarsten Annahmen über „das europäische Volk“ hören müssen. Die häßlichsten dieser Diskurse werden rassistisch sein.

Die Europäische Union ist ein Elitenprojekt – sie stellt die Existenz der Völker in Abrede.

Ein anderer Weg der Macht zur Aufhebung der modernen Demokratie führt über die Konstruktion des einzelnen als „Bürgers“. Der Weg der Neudefinitionen führt über den „Marktbürger“ (wie er durch den Gemeinsamen Markt und die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl definiert wurde) und den „EG-Bürger“ (definiert durch die Europäische Gemeinschaft) zum „Europabürger“ und „Weltbürger“. Solche Individualisierung des politischen Subjekts überspringt im Interesse der Macht die Gesellschaftlichkeit des Menschen – den zivilgesellschaftlichen Ausgangspunkt der Demokratie, die sozial-psychische Identitätsbildung und die Praxeologie der Selbstbestimmung.

Die Menschenrechte enthalten nicht nur individuelle Rechte, sondern auch grundlegende Gruppen-, Volks- und Völkerrechte. „Der Wille des Volkes bildet die Grundlage für die Autorität der öffentlichen Gewalt“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, 1948, Art . 21:2). Gemeinsam ist den Menschenrechten die Anerkennung des anderen und das Recht auf Unterschied. Und auch die individuellen Rechte lassen sich nur gesellschaftlich verwirklichen.

Das Volkliche und das Zwischenvolkliche verweisen aufeinander. Das Verhältnis zwischen den Völkern – die Anerkennung von Minderheiten, die Solidarität mit bedrohten Völkern – ist ein Prüfstein dafür, wie man es mit dem eigenen Volk hält. Das Zwischenvolkliche steht in einem Spannungsverhältnis zum Internationalen, das sich auf Staaten bezieht. Und es steht alternativ zur Globalisierung als der marktlogischen Entnationalisierung der Menschen und der Umkonstruktion von Menschen zu „Individuen“.

Anders denken

Vom Widerspruch, vom Spannungsverhältnis und vom Situativen her zu denken bedeutet: Volkstheorie hat Abstand zu halten zur Reifizierung des Gesellschaftlichen. Die Verdinglichung hat das „biologische“ Volk hervorgebracht und die Vermessung von „Rassenmerkmalen“, den Funktionalismus der Bevölkerungslehre und den Institutionalismus der herrschenden Staatstheorie. Solche Sackgassen sind zu vermeiden.

„Volk“ ist – wie die Identität – eher ein Frage- als ein Antwortbegriff. Wenn wir über das Volk reden wie über eine Sache, maßen wir uns Macht an. Wenn wir auf das Volk hin fragen, sind nicht wir es, die besserwissen.

Kern der Volkstheorie ist, daß der Mensch nicht allein auf der Welt ist. Mitmenschlichkeit und Tod bezeichnen die Endlichkeit des Menschen. Jenseits des Humanismus ersten Grades, der auf dem Konstrukt „des Menschen“ aufbaut – ein Singular mit megalomanen Konsequenzen – zeichnet sich ein Humanismus zweiten Grades ab. Das Menschliche liegt zwischen den Menschen im Plural. Humanismus ist als Zwischenhumanismus zu denken.

Die Theorie des Volkes ist Teil einer Philosophie des Unterschieds. Volk bezeichnet das Unübersetzbare zwischen den Sprachen, zwischen den Menschen.

Wer von den Völkern nicht reden will, sollte von „dem Menschen“ schweigen.

Henning Eichberg

Henning Eichberg (1942 – 2017), Kultursoziologe und Historiker, der seit 1982 in Dänemark lehrte, war bereits seit den ersten Ausgaben der Zeitschrift wir selbst (Gründung im Jahre 1979) der inspirierende Kopf. Sein intellektuelles Fluktuieren zwischen rechten und linken Denkströmungen, seine linksnationale, ethnoplurale Kritik am rechten Etatismus und seine radikale ökologische Orientierung wurden für uns programmatisch wegweisend, jedoch nie zu Dogmen.

Autor der Bücher:

Ausnahmezustand: Die Corona-Krise und die Rückkehr des Politischen

von Florian Sander

Ausnahmezustand: Die Corona-Krise und die Rückkehr des Politischen

Über die gesellschaftlichen Folgen der Corona-Krise

Liebe Leser! Auch auf die Gefahr hin, dass Sie weitere Beiträge zum bösen C-Wort langsam nicht mehr sehen können: Es gibt inzwischen allerhand dazu zu sagen, denn die Implikationen der Krise, als wie berechtigt man die Ängste und die Maßnahmen dazu auch ansehen mag, sind nun einmal gewaltig. Für Soziologen wie den Autor dieser Zeilen stellt sich unsere Welt derzeit wie ein einziges großes Forschungsobjekt dar, denn wir erleben derzeit eine Gesellschaft im Umbruch. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass 2020 einst in einer Reihe stehen wird mit Zäsuren wie 1945, 1968, 1989 und 2001. Auch soziologische Laien spüren längst: Es ändert sich gerade gewaltig etwas in unserer bequem, ja dekadent gewordenen Wohlstandsgesellschaft. Zwar weiß noch keiner so genau, was da gerade passiert und was sich da verändert, aber dass es geschieht – daran hat kaum jemand noch Zweifel. Über die (sozialen, nicht medizinischen) Ursachen der Krise, die vor allem im Komplex der Globalisierung und der daraus generierten Weltrisikogesellschaft (Ulrich Beck) zu verorten sind, haben wir bereits an anderer Stelle geschrieben, weswegen wir dazu hier nicht mehr allzu viele Worte verlieren wollen. Anstatt der Vergangenheit widmen wir uns an dieser Stelle nun der Gegenwart – und der Zukunft. Was passiert um uns herum eigentlich gerade?

Die (post-)moderne Gesellschaft

Einmal mehr tauchen wir zum Zwecke der Analyse ein in die wohlig-nüchternen Sphären der soziologischen Theorie, die uns in diesen coronafiebrig-hitzigen, hysterischen Zeiten stets etwas abzukühlen imstande sind und Ordnung in das Chaos zu bringen vermögen. Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann liefert, wie auch immer man in normativem Sinne zu ihr stehen mag, eine gültige Diagnose der modernen Gesellschaftsstruktur bis ins Jahr 2020 hinein. Luhmanns Theorie stützt sich auf die These der funktional differenzierten Gesellschaft, welche, im Gegensatz zur (segmentär differenzierten) Stammesgesellschaft und zur (stratifizierten) Ständegesellschaft eine Struktur hat, die nicht mehr länger als hierarchisch oder auch nur als organisiert bezeichnet werden kann.

Inzwischen gilt: Es steht weder ein bestimmter Stand über allem noch ein bestimmtes System. Das Primat der Religion, das im europäischen Mittelalter zu beobachten war, gibt es ebenso wenig wie eines der Politik. Einher geht diese Entwicklung mit einer hochausdifferenzierten Arbeitsteilung, die in Spezialisierung und, in heutigen Zeiten, buchstäblich in „Fachidiotentum“ mündet. Die Gesellschaft spaltet sich auf in gleichberechtigte, miteinander wetteifernde Funktionssysteme wie Politik, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Massenmedien, Sport, Erziehung, Religion und Gesundheit. Keines dieser Systeme steht über dem anderen; selbst die Politik hat nun mehr nur noch eine „regulierende“, „ordnende“ Funktion inne, aber keine herrschende oder steuernde. Nicht umsonst wird der (oft auch normativ verstandenen) Systemtheorie aus diesem Grunde eine Art neoliberaler Charakterzug unterstellt: Wo die Politik eine derart zurückgedrängte, reduzierte Funktion hat, wo Steuerungsmöglichkeiten im Großen und Ganzen verneint werden, da operiert eben auch die Wirtschaft autonom, kann die Politik ebenso beeinflussen wie die Politik sie. Eine Diagnose, die man angesichts der Folgen einer anderen großen, globalen Krise unserer Zeit, der Finanzkrise ab 2007, schwerlich als falsch bezeichnen kann – aber eben nicht als wünschenswert.

Luhmann sollte insofern auch als Diagnostiker gelesen werden, nicht als politischer Theoretiker. Konservative, die den heute umso mehr aktuellen Diagnosen eines anderen großen Differenzierungstheoretikers, nämlich Carl Schmitt, etwas abgewinnen können, müssen folglich zwar die Diagnosen Luhmanns anerkennen können, sollten demgegenüber aber nicht dessen normative Schlussfolgerungen dazu teilen. Nach Luhmann ist die funktional differenzierte Gesellschaft ein quasi unausweichliches Produkt stetiger gesellschaftlicher Evolution; eine soziale Ordnung, die sich aufgrund der modernen Erfordernisse durchgesetzt hat, wie die Arbeitsteilung in der industrialisierten Wirtschaft, und die deswegen gewissermaßen die beste und effektivste Antwort auf die komplexen Erfordernisse der Moderne darstelle. Auch wenn Luhmann es in seinen Werken nie „laut“ sagte und er es auf entsprechende Nachfrage hin vermutlich bestritten hätte: Recht häufig klingt bei ihm an, dass er die komplexitätsgesteigerte funktional differenzierte Gesellschaft für die beste Gesellschaftsform hält.

Erwachende Germania, 1848/49
Kunstdruck / Reproduktion des Gemäldes von Christian Köhler (1809-1861)
Das Gemälde kann als Kunstdruck hier bestellt werden: https://www.lindenbaum-verlag.de/contents/de/d39.html

Das Primat des Politischen kehrt zurück

Andere Zeiten, andere Konklusionen: Das differenzierungstheoretische Gegenmodell lieferte Carl Schmitt (noch Jahrzehnte vor Luhmann), der – wenn auch ohne von „Systemen“ zu sprechen – ebenfalls von gesellschaftlichen Teilbereichen wie dem Politischen, dem Ökonomischen, dem Ästhetischen etc. ausging und diesen, wie auch später Luhmann, binäre Leitunterscheidungen zuschrieb: Das Politische ist laut Schmitt dadurch politisch, dass es das, was es wahrnimmt, nach Freund und Feind unterscheidet; das Ästhetische unterscheidet zwischen schön und hässlich usw. Anders als Luhmann sah Schmitt das nicht-hierarchische Verhältnis zwischen jenen Sphären kritisch, im Sinne einer Entpolitisierung, was ihn konsequenterweise zum Liberalismus-Kritiker machte.

Liberalismus-Kritik war jedoch nur eine Facette des umfassenden Werkes des konservativen Staatsrechtlers. Kennzeichnend für Schmitts (eher rechtswissenschaftlich und weniger soziologisch inspirierte) Staatstheorie war nun das besondere Interesse für den Ausnahmezustand: Das berühmte Schmitt-Bonmot „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ machte deutlich, dass eben jener Zustand die Rückkehr, ja die erneute hierarchisch hervorgehobene Stellung, anders gesagt: das Primat des Politischen markiert. Im Ausnahmezustand verdrängt die politische Leitunterscheidung alle anderen Unterscheidungen. Konkreter und an einem Beispiel gesprochen: Befindet sich ein Staat im Krieg, so dominiert dieser sämtliche anderen gesellschaftlichen Sphären. Der Sieg, oder zumindest das Überleben ist wichtiger als die Schönheit oder Hässlichkeit eines Gemäldes. Die Wirtschaft ist nur noch insoweit wichtig, als dass sie den Rüstungserfordernissen dient; Luxusgüter stehen hinten an. Und so weiter. Nun, entdecken Sie bereits gewisse Parallelen?

Carl Schmitt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“

In der Tat: Auch der Seuchenfall ist natürlich ein Ausnahmezustand par excellence, mit allem, was auch staats- und gesellschaftstheoretisch dazugehört. Was sich viele im bisherigen postmodernen Zeitalter des Radikalindividualismus, der Spaß- und Konsumgesellschaft, der offenen Grenzen und des „Alles muss für jeden immer und überall möglich sein“ kaum noch vorstellen konnten, ist eingetreten: Mitten in der liberalen Demokratie herrschen plötzlich (sogar sehr gravierende) Freiheitseinschränkungen und Grundrechtseinschnitte. Grenzen schließen sich, es herrschen (mal offizielle; mal inoffizielle, aber „faktische“) Ausgangssperren und Kontaktverbote. Geschäfte für „Luxusgüter“ (also solche, die gesellschaftlich nicht unbedingt notwendig sind) werden über Wochen hinweg geschlossen, die Wirtschaft wird auf das Nötigste beschränkt. So wie in Kriegszeiten alle möglichen, eigentlich militärfernen Wirtschaftszweige auf rüstungsindustrielle Produktion umgestellt werden, produzieren nun Unternehmen, die ursprünglich gar nicht mit Gesundheitsartikeln assoziiert werden, Produkte, die für die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems unerlässlich sind. Die Bundeskanzlerin formuliert in ihrer Rede an die Nation, wir stünden vor der größten Herausforderung für unser Land seit dem Zweiten Weltkrieg.

Merkels drastische Äußerung ist insofern nicht übertrieben, als dass die Corona-Krise mit diesem eine große Parallele hat, die selbst die Zäsuren von 1968, von 1989 und von 2001 nicht aufbieten konnten: Sie betrifft wahrlich jeden, irgendwie. Keiner kann sich ihr mehr entziehen. Den Studentenprotesten der 68er und ihren Inhalten musste man keine Beachtung schenken. Der deutschen Einheit zumindest in Westdeutschland ebenso wenig – am „eigenen Leib“ spürte man die Veränderung primär über das Steuerrecht. 9/11 manifestierte sich in zeitweiligen, aber für die große Mehrheit wenig konkreten Ängsten; mit Auslandseinsätzen der Bundeswehr hatte Otto Normalverbraucher nicht wirklich etwas zu tun und auch die überwachungsausbauenden Anti-Terror-Gesetze „spürte“ man nie wirklich selbst.

Erheblich anders nun bei Corona: Vom WC-Papier bis hin zu privaten Freizeitaktivitäten, vom regelmäßigen Gang zum Friseur bis hin zu der zuvor hoch banalen Frage, was man in einem öffentlichen Verkehrsmittel berührt und ob man sich danach ins Gesicht fasst, neben wem man in welchem Abstand sitzt oder wer wann wo wie stark hustet – die Krise ist ganz nah an uns dran und prägt unser Leben. Im Bundestag wirkt sie sich auf nahezu allen Politikfeldern und in allen Ausschüssen aus. Selbstständige und Unternehmer werden in teils existenzielle persönliche Krisen gestürzt; der psychische Zustand selbst von Normalbürgern ist angesichts der erzwungenen Stubenhocker-Existenz zunehmend labil. Menschen werden zunehmend neurotisch und neigen zu hypochondrischen Charakterzügen. Die Krise ist „totalitär“ – und sie zeigt auf, dass auch liberale Demokratien durchaus imstande sind, das Primat des Politischen wiederherzustellen, wenn der Ausnahmezustand es gebietet. Corona hat es geschafft: Die moderne, funktional differenzierte Gesellschaftsstruktur wurde, wenn nicht vollends außer Kraft gesetzt, so doch zumindest stark hierarchisiert und unter ein Primat des Politischen gestellt – zumindest zeitweilig.

Was bringt die Zukunft?

Lange schon kennen Demoskopen den Effekt, der sich stets bei größeren Krisen zeigt, und der sich auch in diesen Tagen abermals deutlich manifestiert: Die Menschen neigen wieder dazu, die Regierenden zu stützen. In Zeiten der Angst, der (scheinbar) existenziellen Bedrohung strebt man nach Muttis Rockzipfel: CDU/CSU steigen in den Umfragewerten auf bislang kaum noch erwartete Höhen; die kleineren Oppositionsparteien (AfD, FDP, Linke) verlieren spürbar an Zustimmung. Diese haben letztlich nur die Wahl, die Regierungspolitik staatstragend-zustimmend zu begleiten (was nicht hilft, da das Original immer mehr profitiert als die Kopie) oder als zeternd-emotionalisierter Meckerfritze rezipiert zu werden (was aber dem Sicherheitsbedürfnis verängstigter Menschen entgegensteht). Als Oppositionspartei kann man in solchen Zeiten so gut wie nicht gewinnen – zumindest solange, bis die Regierung offensichtlich etwas gravierend falsch macht.

In der akuten Krise streben die Menschen, wie schon infolge anderer Katastrophen, nach Sicherheit: Keine Experimente! Doch, Achtung: Auch wenn uns die Corona-Krise selbst gewiss noch einige Monate lang begleiten wird; sie wird enden – und durch eine ganz andere Krise ersetzt werden, die vermutlich noch weitaus tiefgreifender wirken wird. Die aktuellen Maßnahmen, aber auch das weltwirtschaftliche Wetterleuchten, das bereits davor zu beobachten war, werden einschneidende Folgen für unsere Wirtschaft haben, und die internationalen Kettenreaktionen, die aus den noch dramatischeren Situationen in den mediterranen Staaten resultieren, werden ebenfalls nicht auf sich warten lassen. Spätestens ab diesem Moment wird die existenzielle Angst der Bevölkerung durch (oft nicht minder existenzielle) Wut ersetzt werden: Die Zustimmung für die Regierenden wird schwinden; die Opposition wird profitieren. Konservative Kräfte sollten für diese Zeit programmatisch gerüstet sein.

Generell jedoch haben, und dies ist das explizit soziologisch Spannende an diesen Zeiten, all diese drastischen Entwicklungen schon jetzt eben nicht nur politische und (sozio-)ökonomische, sondern eben auch massive gesellschaftliche Folgen. Wir spüren – bedingt durch den Ausnahmezustand und auch in der Zeit danach – eine Rückkehr des Politischen. Genauer gesagt: Eine Rückkehr des originär politischen Akteurs, nämlich des Nationalstaates. Es dominiert wieder das nationale Interesse, und es ist der Nationalstaat (und nicht übergeordnete supranationale Einrichtungen wie die EU), der das Zepter des Handels in die Hand nimmt, und die Menschen spüren – nach Jahren der hyperindividualisierten „Ich kann alles schaffen, was ich will, und bin mir selbst der nächste“-Dekadenz –, wie sehr sie ihn im Notfall dann doch wieder brauchen.

Hoffnungsvoll stimmen auch die zahlreichen Anzeichen für einen neuen Zusammenhalt. Wir erleben ein Revival der Solidargemeinschaft: Es ist von Nachbarschaftshilfe die Rede; davon, unsere älteren Mitbürger vor den aktuellen Gefahren zu schützen. Wir erleben ein neues gesellschaftliches Miteinander, das nicht nur die Rückkehr des Nationalstaates, sondern sogar die Rückkehr des Volkes (anstatt: der „Bevölkerung“) bedeuten kann, da man intuitiv die Notwendigkeit der vor kurzem noch ach so antiquierten kollektiven Identitäten erfasst. Die allgemein erwartete physische Distanzierung führt zu einer neuen Wertschätzung zwischenmenschlicher Bindungen: Zum Partner, zur Familie, zu Freunden. Das öffentliche Leben im hyperschnell gewordenen, globalisierten und entgrenzten Spätkapitalismus wird mit einem Mal urplötzlich entschleunigt: Wir werden gezwungen zum Innehalten, zur Besinnung, zum In-uns-gehen. Zugleich bekommen wir wieder ein Gespür dafür, wie es ist, Not zu leiden, existenzielle Sorgen zu haben. Das macht uns – mehrheitlich; Ausnahmen gibt es immer – solidarischer, nachdenklicher, demütiger, weniger oberflächlich und weniger materialistisch.

Trotz der einschneidenden gesundheitlichen und ökonomischen Folgen der Krise gilt: Es ist durchaus möglich, langfristig gesehen auch positive Aspekte in ihr zu entdecken. Es ist die falsche Zeit für apokalyptischen Kulturpessimismus – der aber leider nicht zuletzt im konservativen Spektrum allzu beliebt ist und dann wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wirkt, indem er positive Ansätze zur konservativen Umgestaltung der Gesellschaft paralysiert. Dieser Versuchung sollten wir nicht erliegen, sondern lieber die Möglichkeiten nutzen, einige Dinge künftig grundlegend anders zu handhaben.

Die Krise als Chance

Noch ist nicht abzusehen, wohin uns diese Reise, die mit der Corona-Krise erst ihren Anfang nimmt, führen wird. Es gibt jedoch durchaus Anzeichen dafür, dass mit ihr und infolge einer gesellschaftlich noch anstehenden, schonungslosen Ursachenanalyse, die die Negativfolgen der globalisierten und grenzenlosen Postmoderne auf den Tisch bringt, unsere Gesellschaft einen Weg einschlagen könnte, der zum Wert kollektiver Identitäten, zur Nationalstaatlichkeit und zur Solidargemeinschaft zurückführt. Jede Krise, so schlimm und so übel sie auch immer sein mag, birgt auch stets die Chance zu etwas Besserem in sich. Nutzen wir sie. Ohne Angst – aber dafür mit Mut, Tatkraft und viel Optimismus im Herzen.

Florian Sander

Florian Sander, M. A., hatte zunächst einen nebenamtlichen Lehrauftrag (2013 – 2015), danach eine hauptamtliche Dozentur (2016 – 2019) an einer Fachhochschule inne, lehrte dort Sozialpsychologie, Soziologie und Politikwissenschaft und arbeitete auch als Verhaltenstrainer. Er ist aktuell Doktorand an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS), Universität Bielefeld.
Von 2009 bis 2014 war er Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Seit 2018 betätigt er sich als Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD NRW sowie als Leiter des Arbeitskreises Kommunalpolitik der AfD Bielefeld, deren stellvertretender Kreissprecher er seit 2019 ist. Er war Autor für den Blog Le Bohémien (2010 – 2017), für das Online-Magazin Rubikon (2017 – 2018) und für die Linke Zeitung (2017 – 2018) und schreibt seit 2018 für das Kultur- und Lifestyle-Magazin Arcadi sowie seit 2019 auch für den Blog des Jungeuropa-Verlags, für die rechtsintellektuelle, vom Institut für Staatspolitik (IfS) herausgegebene Zeitschrift Sezession und für das Zentralorgan des Bundes Deutscher Unitarier e. V., Glauben und Wirken.

Unsere Angst: ihr Ring, uns alle zu knechten

von Klaus Kunze

Unsere Angst: ihr Ring, uns alle zu knechten

Warum unsere Ängste ihre Macht stabilisieren

Angst zu schüren ist eine Methode der sozialen Disziplinierung.

In früheren Zeiten wurde sie gern unartigen Kindern gegenüber angewandt. Benahm sich der kleine Zögling bei Tische nicht, klopfte die Mutter von unten an den Tisch und sagte drohend: „Der Frost!“ – Bei kleinen Kindern wirkt das im ersten Augenblick und für eine Weile.

Zog ein Kind vor dem Spiegel Grimassen, hieß es: „Irgendwann bleibt Dein Gesicht so stehen!“ – An eingebildeten Schrecknissen hat es nie gefehlt, Menschen einzuschüchtern und unter eine Knute zu zwingen. In langen Epochen ängstigte man die Menschen mit Teufeln, die überall auf der Lauer liegen, um Sünder zu quälen: „Sei fromm, sonst kommt der – du weißt schon wer – Dich holen!“

Sünder, das sind die Ungehorsamen schwarzen Schäfchen, die fröhlich beiseite traben. Ihre Hirten habe ihre liebe Not mit ihnen, wenn sie die Herde beisammen halten wollen. Früher donnerten Drohungen mit dem Teufel sonntags von der Kanzel. Heute wird die Herde rund um die Uhr aus Radio und Fernsehen mit Warnungen und Drohungen berieselt.

Die Rolle des Teufels spielen wechselnde Darsteller. Wenn gerade nichts Aktuelles vorliegt, heißt der Oberteufel – nun, wir kennen ihn alle. Schaltet man an einem beliebigen Tag durch die Sender, taucht er immer irgendwo auf, verliert zum hunderttausendsten Mal seinen Krieg und wird ewig am Leben erhalten.

In einem Kampf gegen X geht es gar nicht um X; vielmehr wird die Verwerflichkeit und Destruktivität eigenen politischen handelns auf den vermeintlichen oder tatsächlichen Feind projiziert, um politisch nutzbare Angst der Bevölkerung zu erzeugen. All das, was hier als Kampf gegen eine Bedrohung verkauft wird, darf gar nicht erfolgreich sein, weil sein Erfolg für die ökonomischen und politischen Zentren der Macht gerade darin liegt, nicht erfolgreich zu sein und als Mittel der Angsterzeugung und Herrschaftssicherung erhalten zu bleiben.

Rainer Mausfeld, Angst und Macht, 2. Aufl. 2019, S.60.

Er ist so wichtig, weil er für die Herrschenden eine systemstabilisierende Funktion erfüllt. Wir sollen ihnen gehorchen, weil sonst wieder so ein – Sie wissen schon, wer – kommt. Ein solcher Feind muß zwar theoretisch immer wieder besiegt, gleichwohl aber dauerhaft am Leben erhalten werden. Er ist der Existenzgrund für den Machterhalt derer, die von sich selbst behaupten, sein Gegenteil zu verkörpern und uns vor seiner Wiederkehr zu beschützen.

Wenn die Corona-Disziplin nachläßt, wird nachgeschürt

Eine Zeitlang wurde er vom Corona-Virus als Erzschuft abgelöst. Wir alle kuschen, weil unsere Politiker Corona-Angst schüren. Dazu müssen sie nicht aussprechen: „Habt Angst!“ Es genügt, wenn mit Katastrophenbildern wie aus Italien unterlegte Warnungen ständig wiederholt werden. Die soziale Disziplinierung funktioniert hervorragend. Die Schafe bleiben brav in den Ställen.

Seit ein paar Tagen scheint die allgemeine Angst nachzulassen. Menschen merken, daß in ihrem Umfeld niemand gestorben ist und eine Infektion milde verläuft. Unser Gesundheitssystem funktioniert. Die Rufe nach einem Ende der Einschränkungen werden lauter. Die Herde drängt gegen Zäune und Gatter.

Der Disziplinierungseffekt läßt sich nur aufrechterhalten, solange die Angst um sich greift. Seit ein paar Tagen wird in Radio und Fernsehen wieder zunehmend Angst vor „Rechtsextremismus“ geschürt. Für jeden Priester sind göttliche Wunder wichtig. Noch wichtiger sind Beweise für die leibhaftige Existenz des Satans, mit denen er seine Herde einschüchtern und zusammenhalten kann.

Wozu unser Extremismus benötigt wird

Für unsere herrschenden Kreise sind Beweise für die geistige Fortexistenz und Gefährlichkeit jenes – Sie wissen, wen ich meine – eine Lebensfrage. Nachdem der Kommunist Marinus van der Lubbe in der Nacht auf den 28.2.1933 den Reichstag angezündet hatte, trat am 24.3.1933 das Ermächtigungsgesetz in Kraft. Mit den bürgerlichen Freiheiten war es vorbei. Van der Lubbe kam jenem – Sie wissen, wem – so gelegen, daß das Gerücht aufkam, die Nationalsozialisten selbst steckten hinter dem Brand.

Wenn heute in Deutschland auch nur die unwahrscheinlichste Möglichkeit besteht, den Rechtsextremisten als neuen Teufel zu beschwören, wird sie ergriffen. Dann erfindet man mal eben nicht existierende Hetzjagden auf Ausländer oder deutet den Mord eines Geisteskranken in eine rechtsextreme Tat um. Gäbe es eine rechtsextreme Gefahr nicht, würde man sie erfinden.

Wenn mal wieder das Bühnenstück „rechtsextreme Gefahr“ aufgeführt wird, weiß leider niemand im Publikum, was eigentlich mit Rechtsextremismus gemeint ist. Vor ein paar Jahren brachten linksgestrickte Politologen das Schlagwort vom Extremismus der Mitte auf. Wie früher der Pfarrer von der Kanzel donnerte: „Ihr seid alle Sünder!“, wurden wir alle, wurde die Mitte der Gesellschaft, unter Generalverdacht gestellt. Man sagt uns verborgene rechtsextreme Haltungsmuster nach.

Rechtsextremismus als politologisches Sesam-öffne-dich

Nirgends steht verbindlich, was Rechtsextremismus sein soll. Die Deutungshoheit darüber liegt in Händen derselben linken Politologen, Psychologen und Soziologen, die „der Mitte der Gesellschaft“ rechtsextremistische Einstellungen unterstellen. Viele von ihnen bestreiten ihren Lebensunterhalt durch staatlich bezahlte „Rechtsextremismusforschung“. Die Verwendung des Wortes „rechtsextremistisch“ ist beliebig. Es gibt viele Versuche, Erkennungsmerkmale zu entwickeln. Alle sind schwammig. Eine anerkannte Definition gibt es nicht.

Im Gegensatz dazu ist die Juristerei eine exakte Wissenschaft, die auf Definitionen aufbaut und darauf besteht. Sie kann mit schillernden Seifenblasenwörtern nicht viel anfangen. Dementsprechend gibt es kein staatliches Gesetz, in dem steht, was Rechtsextremismus sei. Das hinderte die Bundestagsmehrheit allerdings nicht daran, ein Rechtsextremismus-Datei-Gesetz vom 20.8.2012 zu erlassen. Leider steht auch in diesem Gesetz nicht, was Rechtsextremismus gesetzlich sein soll. Das Gesetz ermächtigt zu bestimmten Datenspeicherungen und greift damit in Bürgerrechte ein, ohne im Gesetzestext zu klären, wann es aufgrund einer „rechtsextremistischen“ Gewalttat überhaupt anwendbar sein soll.

Das Bundesverfassungsgericht hat in zwei Entscheidungen bestätigt, daß der Begriff des Rechtsextremismus juristisch unbrauchbar ist

Erst recht fehlt es dem Verbot der Verbreitung rechtsextremistischen Gedankenguts an bestimmbaren Konturen. Ob eine Position als rechtsextremistisch – möglicherweise in Abgrenzung zu “rechtsradikal” oder “rechtsreaktionär” – einzustufen ist, ist eine Frage des politischen Meinungskampfes und der gesellschaftswissenschaftlichen Auseinandersetzung. Ihre Beantwortung steht in unausweichlicher Wechselwirkung mit sich wandelnden politischen und gesellschaftlichen Kontexten und subjektiven Einschätzungen, die Abgrenzungen mit strafrechtlicher Bedeutung (vgl. § 145a StGB), welche in rechtsstaatlicher Distanz aus sich heraus bestimmbar sind, nicht hinreichend erlauben. Die Verbreitung rechtsextremistischen oder nationalsozialistischen Gedankenguts ist damit kein hinreichend bestimmtes Rechtskriterium, mit dem einem Bürger die Verbreitung bestimmter Meinungen verboten werden kann.

BVerfG, Stattgebender Kammerbeschluß vom 08. Dezember 2010 – 1 BvR 1106/08 –

Ob jemand „rechtsextremistisch“ ist, stellt keine beweisbare Tatsache dar, sondern eine wohlfeile Meinungsäußerung:

Das LG ordnet eine der Äußerungen des Beschwerdeführers offenbar fehlerhaft als Tatsachenbehauptungen ein; bei den beanstandeten Äußerungen handelt sich jedoch um Meinungsäußerungen, da nicht durch eine Beweiserhebung festgestellt werden kann, wann ein Beitrag “rechtsextrem” ist, wann sich ein Denken vom “klassisch rechtsradikalen verschwörungstheoretischen Weltbild” unterscheidet und wann man “es sich gefallen lassen muß, rechtsradikal genannt zu werden”.

BVerfG, Stattgebender Kammerbeschluß vom 17. September 2012 – 1 BvR 2979/10 –

Ungeachtet dessen schmuggelt unsere Regierung gern ihre Vorstellungen, was rechtsextrem sei, selbst in behördliche Verbote ein. Wenn ein Rechtsstaat ein Handeln verbietet, muß er sich im Rahmen einer gesetzlichen Ermächtigungsgrundlage halten. Eine solche steht in § 3 des Vereinsgesetzes: „Ein Verein darf erst dann als verboten (Artikel 9 Abs. 2 des Grundgesetzes) behandelt werden, wenn durch Verfügung der Verbotsbehörde festgestellt ist, daß seine Zwecke oder seine Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderlaufen oder daß er sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder den Gedanken der Völkerverständigung richtet.“

Dem Bundesverwaltungsgericht liegt zur Zeit zu 6 VR 1.20 ein Eilantrag des im November 2019 verbotenen Vereins COMBAT 18 gegen sein Verbot vor. Der Bundesinnenminister wirft ihm vor, er sei mit dem Nationalsozialismus wesensverwandt, und seine Tätigkeit laufe auch Strafgesetzen zuwider. Beides bestreitet der Verein.

Um die Behauptung zu stützen, der Verein sei mit dem Nationalsozialismus wesensverwandt, beruft sich das Ministerium darauf, der Verein habe intensive Kontakte zur rechtsextremen Szene unterhalten. Auf diese Weise setzt es die Begriffe nationalsozialistisch und rechtsextremistisch argumentativ gleich, denn sie will den ersten mit dem zweiten beweisen: Wer rechtsextreme Kontakte pflege, darauf läuft es hinaus, sei wesensverwandt mit dem Nationalsozialismus.

Das Ministerium beruft sich dabei auch auf die Begründung des Bundestags zum Rechtsextremismus-Datei-Gesetz von 2012 . Solche Begründungen sind nicht selbst Gesetz. Es heißt dort:

Rechtsextremismus ist der Oberbegriff für bestimmte verfassungsfeindliche Bestrebungen, die sich gegen die im Grundgesetz konkretisierte fundamentale Gleichheit der Menschen richten und die universelle Geltung der Menschenrechte ablehnen. Rechtsextremisten sind Feinde des demokratischen Verfassungsstaates, sie haben ein autoritäres Staatsverständnis, das bis hin zur Forderung nach einem nach dem Führerprinzip aufgebauten Staatswesen ausgeprägt sein kann. Das rechtsextremistische Weltbild ist geprägt von einer Überbewertung ethnischer Zugehörigkeit, aus der u.a. Fremdenfeindlichkeit resultiert. Dabei herrscht die Auffassung vor, die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, Nation oder „Rasse“ bestimme den Wert eines Menschen. Offener oder immanenter Bestandteil der über- wiegenden Mehrzahl aller rechtsextremistischen Bestrebungen ist zudem der Antisemitismus. Individuelle Rechte und gesellschaftliche Interessenvertretungen treten zugunsten kollektivistischer „volksgemeinschaftlicher“ Konstrukte zurück.

Gesetzesbegründung zum RED-G von 2012

Diese Gesetzesbegründung entspricht fast wortgleich der von Politologen erarbeiteten und zum Beispiel zu im Verfassungsschutzbericht von 2006 stehenden Ansicht:

Amtlich werden als Rechtsextremismus “…Bestrebungen verstanden, die sich gegen die im Grundgesetz konkretisierte fundamentale Gleichheit der Menschen richten und die universelle Geltung der Menschenrechte ablehnen. Rechtsextremisten sind Gegner des demokratischen Verfassungsstaates. Sie haben ein autoritäres Staatsverständnis. Das rechtsextremistische Weltbild ist geprägt von einer Überbewertung ethnischer Zugehörigkeit (Fremdenfeindlichkeit). Dabei herrscht die Auffassung vor, die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, Nation oder Rasse bestimme den Wert eines Menschen. Individuelle Rechte und gesellschaftliche Interessenvertretungen treten zugunsten kollektivistischer ‘volksgemeinschaftlicher’ Konstrukte zurück (Antipluralismus).”

VS-Bericht 2006.

Ihr Ring, uns alle zu knechten

In Verdacht geraten kann damit „amtlich“ jeder, der die Menschen zwar als fundamental gleichwertig, aber nicht als fundamental gleich ansieht oder dem sein Volk so wertvoll ist, daß amtliche Politologen seine Vaterlandsliebe als „Überbewertung“ bezeichnen. Ihr ideologisches Ziel dieses Staatshandelns ist,

Individuen hervorzubringen, die in einer sozial atomisierten Gesellschaft nur noch als Konsumenten eine soziale Identität finden.

Rainer Mausfeld,Angst und Macht, 3.Aufl. 2019, S.83.

Dieser Zielvorstellung arbeiten unsere Medien permanent vor, wenn sie Ängste vor diversen Bösewichtern schüren. Ich höre seit Monaten wenig anderes in den Staatsmedien als beständige Warnungen vor irgendwelchen Bedrohungen. Sie alle rechtfertigen den weiteren Machterhalt und unsere Unterordnung unter bestimmte Parteien, deren Zustimmungswerte seit Jahren ins Bodenlose gefallen sind und weiter fielen.

Seit die Corona-Angst lodert, steigen sie wieder. Es wird auch künftig immer angebliche Wölfe geben, mit denen wir als Herde unseren Hirten zugetrieben werden sollen. Notfalls benutzt man den Universalteufel – Sie wissen schon, wen – und schüchtert uns ein. Unsere Angst ist der Ring der Macht, den Tolkien uns in „Der Herr der Ringe“ vor Augen geführt hat:

Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,

Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf Klaus Kunzes Blog: http://klauskunze.com/blog/2020/04/19/unsere-angst-ihr-ring-uns-alle-zu-knechten/

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

NEU:

Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

Klaus Kunze: Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen. Von der Vormundschaft zum Genderismus. Hier erhältlich!

Die deutsche Neurose

von Hrvoje Lorković

Die deutsche Neurose

Wenn ein Ausländer das Problem der deutschen Neurose anspricht, muß das zunächst als Überheblichkeit aufgefaßt werden. Um die berechtigten Besorgnisse zu lindern, muß ich deshalb gleich zu Beginn mit einigen autobiographischen Erklärungen aufwarten, was mich wiederum der Gefahr aussetzt, aufdringlich zu wirken.

Kann man so einfach Begriffe aus der Individualpsychologie auf ein ganzes Volk übertragen?

Das hier angeschnittene Problem beschäftigt mich schon mehr als zehn Jahre. Der Wunsch, etwas darüber zu veröffentlichen, verstärkte sich, als ich vor Jahren erfuhr, daß 1980 ein Buch unter dem Titel »Die deutsche Neurose« erschienen war. In diesem Buch wurde eine Reihe für das Thema relevanter Fragen überhaupt nicht berührt. Vor allem hat keiner der Autoren versucht, klar zu sagen, was er unter einer nationalen Neurose versteht. Dieser theoretischen Fragestellung bin ich mir aber schon seit 1965 bewußt. Damals trat ich zum erstenmal vor ein kroatisches Diasporapublikum mit der These, das politische Verhalten der Kroaten sei dem neurotischen überraschend ähnlich. Der erste Gedanke dieser Art kam mir schon 1947 beim Lesen eines populären Bändchens des amerikanischen Psychiaters Louis Bisch. Den Faden weiterspinnen konnte ich in meiner Heimat nicht — aus verständlichen Gründen: Es wäre politisch nicht ratsam gewesen, ein Volk, das soeben den »rettenden Hafen des Sozialismus« erreicht hatte, als von diesem Glück derart betroffen darzustellen, als wäre es vor lauter Befreiung geisteskrank geworden. Die kroatischen Emigranten zeigten ihrerseits wenig Bereitschaft, die Idee aufzunehmen. Sie neigten eher zu der Vorstellung, das kroatische Volk trage sein tragisches Schicksal mit bewundernswertem Heroismus. Ihre Verteidigung gegen jegliche Suggestion der Neuroseähnlichkeit lautete stets: »Ja, aber kann man so einfach Begriffe aus der Individualpsychologie auf ein ganzes Volk übertragen?«

Peter Bruegel der Ältere, Zwei angekettete Affen, Öl auf Eichenholz 1562

Der arkane, mysteriöse, unheimliche Charakter des Unbewußten

Damit sind wir schon zum Kern des Problems gelangt. Es scheint mir übereilt, die Frage direkt anzugehen. Besser wird es sein, mit der Deutung des Begriffs Neurose zu beginnen. Wir werden noch sehen, daß dieser Terminus eine prätentiöse Hypothese enthält. Dennoch finde ich es angebracht, den Namen »Neurose« beim Wort zu nehmen, indem man voraussetzt, es handle sich um etwas, das mit Nerven zu tun hat. Mit anderen Worten, ich werde versuchen, mich dem Begriff des Neurotischen von der Biologie her zu nähern.

Ich gehe zunächst von der neurophysiologischen Erfahrung aus, daß viele Reize, die auf uns zukommen, nicht in unser Bewußtsein eindringen, sondern gehemmt und ausgelöscht werden. Die Hemmprozesse sind nicht unserer Kontrolle unterworfen. Durch unbewußte Wahl bilden wir uns eine eigene Welt.

Ein zielgerichtetes Wesen muß in seinem Weltbild auch einen Platz für sich selbst haben. Soll es seine Rolle erfüllen, muß dieses Selbstbild der teils unbewußten Regelung unterliegen. Schaut man es aus einer solchen, eigentlich systemtheoretischen Perspektive an, verliert das Unbewußte einen Großteil seines einst so betont arkanen, mysteriösen, unheimlichen Charakters. Es spielt seine Rolle auf sehr unterschiedlichen Ebenen; der Erfolg adaptiver Aktivität hängt von einem gut programmierten und eingespielten Übergang von bewußten zu unbewußten Zuständen ab.

Neurose als die Allergie der Persönlichkeit

Nun kann das Nervensystem, ähnlich wie z.B. das Immunsystem, falsch programmiert sein. Das falsche Programmiertsein, sozusagen die Allergie der Persönlichkeit, nennt man Neurose. Sie ist meist charakterisiert durch eine unangemessene, über das Ziel hinausschießende Abwehr der Person. Der jetzt beinahe ein Jahrhundert alte Begriff spiegelt die Hoffnung seiner Paten wider, daß Ort und Art des Programmierens in materiellen Einzelheiten durchschaubar gemacht werden könne. Dies ist jedoch immer noch nicht der Fall. Der Terminus Neurose drückt also nicht ein Wissen aus, sondern ein bislang noch nicht durch geführtes Forschungsprogramm. Ein möglicherweise passenderer Name wäre »Personose«.

Das Programmieren, das man auch als unbewußtes Lernen auffassen kann, wird problematisch, wenn sich die Person vor mehrere, gegenseitig unversöhnliche Aufgaben gestellt fühlt. Das Verhalten wird nicht mehr harmonisch geregelt, es kommt zu exzessiv widersprüchlichen, kontraproduktiven Gewohnheiten. Vor allem können persönliche Probleme als organische Krankheiten auftreten. Diese sind jedoch nur scheinbar organisch, da die betreffenden Organe (Herz, Darm) keine pathologischen Veränderungen aufweisen. Dieser Bereich der klassischen Neurosen wird auch in der medizinischen Statistik erfaßt.

Der neurotische Charakter — zu, gegen oder weg von anderen

Eine andere, sehr breite Gruppe von Symptomen betrifft das abnorme soziale Verhalten, das als »neurotischer Charakter« bezeichnet wird. K. Horney hat eine einprägsame Systematik des neurotischen Charakters vorgeschlagen, indem er darunter ein Verhalten verstanden wissen will, das zu anderen tendiert, gegen die andern sich richtet oder weg von ihnen will. Im ersten Fall handelt es sich um Personen, die sich um die Hilfe anderer bemühen, sozusagen an ihnen parasitieren. In der zweiten Gruppe dominiert Aggressivität, die als überschießende Abwehrhaltung die eigene Unsicherheit maskiert. In der dritten ist Isolation von der Welt und Rückzug in die Sphäre der Phantasie — meist über die eigene Überlegenheit und moralische Vollkommenheit — charakteristisch. Horney betont, daß reine Typen selten zu finden sind und in der Regel Kombinationen auftreten. So durchläuft eine Person mit neurotischem Charakter Perioden ungestümer Aktivität, verwickelt sich in grandiose Pläne, um bald wieder aufzugeben und in Depression zu versinken.

Konfliktreiche Inhalte können unbewußt umgearbeitet und umgedeutet werden. So kann übergroße Sorge — z.B. für die Kinder — einen tiefliegenden Kinderhaß maskieren. In anderen Fällen maskiert sich der innere Konflikt als Selbsthaß. Angesichts der Aufgabe des Unbewußten, das Selbstvertrauen zu wahren, ist der Selbsthaß paradoxal. Wenn wir aber bedenken, daß das Selbstvertrauen an Kriterien gebunden ist, die aus der sozialen Umgebung herrühren, so wird verständlich, daß der Selbsthaß aus Liebe zu einem besseren Ich mehr Selbstvertrauen geben kann als eine bewußte Tolerierung des Unannehmbaren in sich.

Linke und Grüne demonstrieren gegen die deutsche Wiedervereinigung (in der Mitte Jutta Ditfurth)

Mörderische Phantasien und entflammter Selbsthaß

Eine neurotische Person kann sich selbst kritisch beurteilen, aber im Moment der Entscheidung kann sie sich von zwangsartigen, kompulsiven Gesten, Äußerungen oder nur Gedanken nicht zurückhalten. Sie kann z.B. das Selbstlob nicht einstellen, wenn es den anderen lästig ist. Es gibt kompulsiven Fleiß, kompulsive Reinlichkeit und kompulsives Pflichtbewußtsein. Kompulsive Gedanken können sich auf andere Personen richten; man wird z.B. von der Idee verfolgt, jemanden umbringen zu müssen. Für die Betroffenen ist es oft charakteristisch, daß sie im Moment, wo sie mit der Person ihrer mörderischen Phantasien konfrontiert werden, zu einem freundlichen, ja unterwürfigen Verhalten umschwenken, wodurch wieder der Selbsthaß entflammt werden kann.

Neurotischer Selbsthaß und kompulsive Gesten: Angela Merkel wirft angewidert die Deutschlandfahne weg.

Neurosen der geschlossenen Gruppe

Als neurotische Störungen wurden von Anfang an solche verstanden, die ihren Ursprung in Konflikten mit anderen Menschen haben, besonders mit solchen, denen eine besondere Bedeutung zukommt, z.B. mit Eltern und anderen Autoritäten. Schon in den bisherigen Beispielen tritt das deutlich hervor. Nichts wäre normaler als zu erwarten, daß die Theorie der Neurose etwas über politisch bedingte Störungen zu sagen hätte. In dieser Hinsicht gibt es indessen keine Einigkeit.

Eine große Anzahl von Studien, die sich mit benachteiligten sozialen Gruppen befassen — mit Minoritäten, die sich in Rasse, Sprache oder Glauben von der Majorität unterscheiden —, ist psychoanalytisch orientiert. Begriffe wie »Unterdrückungsneurose« werden hier gebraucht. Einige bekannte Autoritäten wenden sich aber entschieden gegen den Begriff der Neurose einer geschlossenen Gruppe, z.B. eines Volkes. Für sie ist jede solche Vorstellung unlogisch. In einer seiner frühen Schriften hebt E. Fromm zwei Gründe hervor. Erstens könne man von einer Volksneurose deshalb nicht reden, weil die Neurose auf ein Nervensystem begrenzt ist; die Volksseele sei nur eine Metapher. Zweitens könne es eine Volksneurose nicht geben, weil der Begriff der Neurose sich auf Ausnahmefälle beziehe. Der Neurotiker sei nicht wie die anderen, und sein Leiden komme daher, daß er nicht wie die anderen sein könne. Der Mensch der Masse könne kein Neurotiker sein, eben weil er sich in der Masse von den anderen nicht unterscheide. Die Masse schütze ihn vor der Neurose.

Der Volkswille als Sphäre verklärtester Rationalität oder die Ablehnung des Nationalen sub specie neurosis

Beide Begründungen sind meines Erachtens höchst trivial. Natürlich gibt es kein Volksgehirn, und natürlich ist jede Rede von einer Volksneurose metaphorisch. Metaphorisch ist aber auch der Terminus Neurose selbst, wie ich gezeigt habe. Auch der Begriff der Neurose als Krankheit ist metaphorisch, und letztendlich trifft das für die ganze wissenschaftliche Terminologie zu. Weiterhin ist das Volkshirn-Argument auch deshalb unannehmbar, weil es auch andere, längst akzeptierte politische Metaphern ausschließt, z.B. den Volkswillen.

Auf den Beweis, daß sich die Volksneurose im Grunde genommen nicht von einer Einzelneurose unterscheidet, kommt es hier nicht an. Wir haben es hier mit Analogien zu tun. Die Frage ist nicht, wie exakt die Analogie ist, sondern wie nützlich sie ist, wie heuristisch fruchtbar: Führt sie uns zu neuen Einsichten oder nicht? Die Ablehnung der Betrachtung des Nationalen su b specie neurosis mag rigoros sein, verführt aber zu dem belustigenden Gedanken, das Unbewußte und Irrationale sei auf das Individuum begrenzt, während alles, was das Volksleben betrifft, zu einer Sphäre verklärtester Rationalität gehöre. Indem der Blick auf des Nervensystem des Einzelnen fixiert wird, entsteht der irreführende Eindruck, als könne Volksneurose nur bedeuten, daß es in einem Volk im Durchschnitt mehr Neurotiker gibt als in einem anderen — oder sogar, daß alle Neurotiker sind. In der Tat wurde diese Idee als Argument gegen die Volksneurose benutzt, und man berief sich auf die statistischen Daten über die Frequenz der Neurotiker in Ländern mit verschiedenen politischen Systemen. Dabei zeigte sich, daß unter oppressiven Regimen diese Frequenz nicht signifikant anders war als unter liberalen. Da jedoch verschiedene neurotische Phänomene verschieden statistisch erfaßt werden, entbehrt das Argument jeder Grundlage. Schwerwiegender ist die Frage nach der Beziehung zwischen Psychologie und Soziologie.

Versuche, tiefenpsychologische Einsichten in die Soziologie einzuführen, gibt es seit langem. Die meisten sind jedoch auf Ablehnung seitens kritischer Soziologen gestoßen. Was diese an den psychoanalytischen Vorstellungen vermißten, war die Idee der gesellschaftlichen Struktur. Die den Psychoanalytikern vorgeworfene Trivialität ist eigentlich die eben erwähnte. Bildhaft kann man sich den Vorwurf anhand eines Modells klarmachen, in welchem die Gesellschaft mit einer Gasmischung in einem Gefäß verglichen wird. Die soziologische Objektion läuft darauf hinaus, daß Individuen in der Gesellschaft sich nicht wie Gasmoleküle verhalten, daß sie nicht selbständig herumschwirren und miteinander kollidieren, sondern daß es koordinierte Bewegungen von Gruppen gibt, so als wären gewisse Moleküle mit Fädchen miteinander verbunden.

Sicherlich gibt es psychoanalytische Studien, bei denen die gesellschaftliche Struktur außer acht gelassen wird und die trotzdem von hohem soziologischen Interesse sind, z.B. H. Lasswells Studien über klassische Neurosen berühmter Politiker oder G. Almonds Studien über die privaten neurotischen Grundlagen revolutionärer Wirksamkeit. Die Entwicklung eines Volkes kann jedoch nicht aufgrund solcher Studien rekonstruiert werden; dazu sind sie zu einseitig. Dieselbe Kritik trifft auch auf einige Beiträge in dem erwähnten Buch »Die deutsche Neurose« zu. Hofstätter beispielsweise basiert die Entscheidung darüber, ob die Deutschen neurotisch sind oder nicht, auf Ergebnissen von Meinungsumfragen, in denen einzelne, zufällig ausgewählte Bürger sich darüber äußern, ob sie mit sich zufrieden sind oder nicht.

Fromms Vorstellung über die schützende Wirkung der Masse beruht auf der Annahme, daß ein Volk von Neurose geschützt ist, wenn seine Mitglieder als einzelne den Schutz der Masse genießen. Ein Nationalist identifiziert sich aber nicht mit den Leuten, denen er begegnet, sondern mit einem Volksideal. Die Leiden dieses (allegorisch erlebten) Ideals macht er sich zu eigen, seinetwegen fühlt er sich beleidigt und verletzt. Schutzbedürftig ist nicht er, der sich restlos aufopfernde Kämpfer, sondern das Volk. In der Tat ist es sogar häufig so, daß die Masse für den Nationalisten als Anti-Vorbild dient; sie ist für ihn idealentleert, verführt und verkommen. Den Schutz solch einer Masse weist er ab. Und doch ist sie für ihn von Nutzen, und zwar durch das Selbstvertrauen, das er aus dem Bewußtsein seiner Überlegenheit schöpft. Ob damit dem Volk geholfen wird, ist eine andere Frage.

Kulturkampf, Eros und Gewissen

Mit dem Strukturdenken werden somit gesellschaftliche psychoanalytische Fragestellungen nicht aufgehoben; eher werden sie unendlich vervielfacht. Ein ganzes Feld möglicher Fragepermutationen, das bisher in der Beurteilung der deutschen Neurose fast keine Rolle gespielt hat, ist z.B. mit der Wirkung der Kultur verbunden. Schon Sigmund Freud hat sich ausführlich über die Kopplung Kultur-Neurose geäußert. Kultur zu haben bedeutet jedoch nicht nur die Fähigkeit, zugunsten der gesellschaftlichen Ordnung auf die Instinktbefriedigung zu verzichten, wie er sich das vorgestellt hat. Der damit verbundenen Ansicht der Kultur als höchster gemeinschaftlicher Tätigkeit, der vom Eros beschützten Versöhnung zwischen den Völkern, steht der Kulturkampf gegenüber, der Kampf eines Volkes um die Anerkennung des Wertes seiner Kultur, und zwar nicht nur auf internationaler, sondern auch auf innervolklicher Ebene. Entscheidend ist dabei die Einstellung zu einer relevanten fremden Kultur. Sie kann als eine kranke, minderwertige abgewiesen werden, kann aber auch — verschiedenartig adaptiert, maskiert und uminterpretiert — angenommen werden. Sie braucht dabei nicht in gleichem Maße von dem ganzen Volk getragen zu werden, sondern kann sich auf bestimmte Gruppen, Klassen, Kasten und Professionen beschränken und wird damit zu einer Frage der Struktur. Dabei werden Konflikte unvermeidlich.

Übernahme mörderischer Impulse und die tiefste moralische Verwahrlosung
durch Identitfizierung mit der fremden Kultur.

Freud spricht von der »Gewissensangst«, die durch Nichtbefolgung der Idealforderungen der Kultur entstehen können. Nun ist das Gewissen gleichermaßen im Spiel, wenn das Fallenlassen alter Werte bei der Übernahme fremder Kulturwerte zur Versuchung wird.

Eine andere Angst kann dadurch entstehen, daß man den richtigen Moment zu verpassen befürchtet, noch rechtzeitig in eine attraktive Kultur einzusteigen. Die Vehemenz dieses Kulturkampfes zeigt, daß diese Ängste nicht leichtzunehmen sind.

Ein mögliches Kriterium dafür, ob es erlaubt ist, aufgrund solcher Konflikte von neurotischen Störungen zu sprechen, wäre der Frage zu entnehmen, ob die erreichten Gewinne die Verluste übersteigen, d.h. ob die übernommene Kultur oder eine gewisse Politik für ein Volk vorteilhaft war oder nicht. Demnach wäre es nicht ausreichend, einen Konflikt zwischen verschiedenen Tendenzen festzustellen, um von Neurotischem zu sprechen, mögen diese Konflikte auch noch so scharf sein. Die entscheidende Frage ist immer die nach den langfristigen Wirkungen. Da die Beurteilung des politischen Wirkens weit mehr Zeit verlangt als die Beurteilung des Verhaltens einer Person, ist es grundsätzlich nicht erlaubt, irgendeine zeitgenössische Bewegung, Aktion oder Strategie als neurotisch zu bezeichnen. Aus diesen, nicht aus den bisher genannten Gründen (»Schutz der Masse«, »ein Hirn — eine Neurose«) ist es erforderlich, mit Vorsicht und Zurückhaltung von politischen Neurosen zu reden und sich höchstens auf Aussagen über Phänomene zu begrenzen, die man als dem neurotischen Verhalten analog bezeichnen kann.

Zwei Seelen in einer Brust

Entsprechend den komplizierten Beziehungen in einer Gesellschaft, muß auch die Analogie mit dem neurotischen Verhalten einzelner komplex sein. Ich versuche, vier Ebenen, Stufen oder Aspekte zu unterscheiden.

Auf der ersten Stufe steht das Verhalten von Individuen, das als für ein Volk charakteristisch angesehen wird. Völlig im Einklang mit der bitter-geistreichen Bemerkung Goethes, Nationalcharakter sei nichts als eine Summe nationaler Beschränktheiten, gehören hierher Verhaltensweisen, die aus gewisser Entfernung betrachtet unzweckmäßig und irrational erscheinen mögen, wie z.B. die Art des Waschens von Vorhängen bei den deutschen Hausfrauen in nicht allzu ferner Vergangenheit.

Die eigentliche Analogie treffen wir erst auf der zweiten Stufe. Die zunächst ins Auge fallenden Phänomene sind euphorische oder depressive Ausschweifungen, die in einem Volk länger andauern und häufiger von einem zum anderen Extrem pendeln als bei einem vergleichbaren. Das dem neurotischen Ähnliche ist nicht einfach die Summe des Verhaltens einzelner, sondern die gegenseitige Verstärkung durch Informationsübertragung, Propagandamaschinen, Bindungen und Loyalitäten, also durch lauter strukturrelevante Faktoren.

Auf der dritten Stufe der Analogie wird das ganze Volk als eine Superperson betrachtet, wobei einzelne Gebiete, Parteien, Institutionen und Organisationen als antagonistische Tendenzen repräsentierend betrachtet werden. Wenn die inneren Konflikte die Gemeinschaft zerrütten, kann man sie als den wechselnden Neigungen eines Neurotikers analog betrachten, der durch sie innerlich zerrissen und handlungsunfähig wird. So wie unvereinbare »zwei Seelen in einer Brust«, wie zwei getrennte Personen zueinander stehen, so kann es zu inneren Teilungen in einem Volk kommen, wo die Parteien das Gemeinsame nicht mehr erkennen.

Die vierte Stufe bezieht sich auf das Neurotische als ein historisch entstandenes Gebilde. So wie das irrationale und kontraproduktive Verhalten meist aus traumatischen Ereignissen in der Kindheit eines Erwachsenen herrühren, so kann man ein eigentümliches Volksverhalten aus der Geschichte ableiten. So wie bei einzelnen, kann es auch bei Völkern kritische Phasen der Entwicklung geben. So wie Auseinandersetzungen mit Autoritäten das Reifen des einzelnen bestimmen, können kulturgebende Autoritäten ein Volk beeinflussen. Es ist zu erwarten, daß Kulturkonflikte am schärfsten bei rasch eintretenden Kontakten zwischen Völkern zum Ausdruck kommen, etwa bei Völkerwanderungen, Eroberungen oder Kolonisierungsvorgängen.

Bei Individuen dauert der neurotischen Zustand wenigstens so lange an, bis die Konflikte behoben sind. Innervolkliche Konflikte lassen dauerhafte Spuren: Der einmal erworbene neurotische Charakter verpflanzt sich von Generation zu Generation, weil sich inzwischen seine Manifestationen mit den Kulturformen vermischt haben und als Kulturgut konserviert werden.

Der einmal erworbene neurotische Charakter verpflanzt sich von Generation zu Generation

Mit diesen Instrumenten in der Hand, können wir jetzt den deutschen Charakter abklopfen. Aussagen über den Charakter eines Volkes sind zwar in den modernen Sozialwissenschaften nicht beliebt. Die Angst, die Charakterisierten politisch zu bevor- oder benachteiligen, ist aber unbegründet, wenn Aussagen von perzeptiven Persönlichkeiten aus verschiedenen Kreisen und Ländern verglichen werden. Der Band »Was ist typisch deutsch?«, besonders Kaltenbrunners einleitender Essay, überwindet die genannten Schwierigkeiten und garantiert einen unparteiischen Einblick schon damit, daß er eine Zusammenfassung von Zusammenfassungen ist. Der Konsensus unter den Aussagen über die Deutschen ist hoch. Man ist sich darüber einig, daß im deutschen Charakter starke Kontraste und Schwankungen zwischen Extremen anzutreffen sind: Gutmütigkeit und Kampfgeist, Unbeholfenheit und technische Perfektion, furor teutonicus und Servilität, faustischer Drang ins jenseitig Unendliche und spießbürgerliches Behagen, Titanismus und Weltfremdheit, Drang zum Absoluten und ewiger Protestantismus, Anfälligkeit für alles Radikale und merkwürdige Politikferne, Biegsamkeit aus Bewunderung für andere und trotziger Eigensinn, innere Zerrissenheit und Sinn für Harmonie, das intensive Sich-selbst-Suchen und das Von-sich-Wegfliehen, Todessucht und zugleich der Glaube an die eigene unendliche Verbesserlichkeit.

Huttens Grab von Caspar David Friedrich, 1823 – faustischer Drang ins jenseitig Unendliche

Was wir vor uns haben, ist das Bild eines modernen — oder doch relativ modernen — Deutschen. Schauen wir nun einmal in die Berichte aus ferner Vergangenheit, auf die ersten authentischen Berichte über die Germanen. In den Texten von Caesar und besonders von Tacitus hören wir von einem fröhlichen Volk, freundlich und offen, mit einem hochentwickelten Ehrbegriff, in Ehe einander verbunden und treu. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, unsere beiden Autoren seien germanophil gewesen. Aus ihren Berichten hören wir auch manches über die germanische Kampfweise. Von einer Kadaverdisziplin ist hier keine Rede. Man kämpft spontan, unorganisiert, immer mit Ausblick auf mögliche persönliche Heldentaten. Autoritäre Unterwürfigkeit ist mit solch einem Charakter nicht zu vereinbaren.

Was bedeuten die Kontraste zwischen den modernen und den antiken Charakterisierungen? Wenn wir nicht allzu mißtrauisch sein wollen, sagen sie uns, daß es in der Zwischenzeit zu einer radikalen Änderung im deutschen Charakter gekommen sein muß. Wann und wodurch ist sie eingetreten?

Versuchen wir uns vorzustellen, wie Europa am Ende des vierten Jahrhunderts aus der Perspektive der Germanen aussah. Die römische Verteidigung, ohnehin zum Teil schon in germanischen Händen, ist zusammengebrochen. Nach dem Sieg der Goten über die Byzantiner bei Adrianopolis im Jahre 378 kann sich der westliche Teil des Imperiums nicht mehr halten, Franken und Alemannen dringen in großen Massen auf römisches Territorium ein. Sie sind Sieger, und man würde erwarten, daß sie jetzt die Organisation des Staates übernehmen würden. Sie übernehmen auch einige militärische Funktionen, werden zu »magistri mili-tum«, z.B. Stilicho; die zivilen Institutionen tasten sie aber nicht an. Sie verstehen den komplizierten Staatssapparat nicht, in dem Spuren der römischen Republik sich mit bürokratischen Funktionen des späten Kaiserreichs vermischen. Die Germanen sind nicht für das Leben in einem Imperium programmiert — und an ihm auch nicht interessiert. Sie möchten nur Land zugeteilt haben und nach eigenem Brauch weiterleben. Das aber ist in einem Imperium unmöglich. Byzanz intrigiert und stiftet Fehden zwischen den unerfahrenen Stammesfürsten, die oft den Verlockungen des süßen Lebens in der Zivilisation nachgeben.

Die Romanisierung der Germanen

Dazu wurden die Germanen von allen Seiten mit kulturellen Neuheiten überflutet. Vor allem war da die überwältigende Architektur. Es war einfach unvorstellbar, daß normale menschliche Hände so etwas vollbringen konnten, und noch verblüffender war es für sie, daß von irgendwelchen Titanen keine Spur war. Die kleingewachsenen römischen Bürger flößten keinen Respekt ein. Die Vulgarität ihrer Massenunterhaltung in Theatern und Amphitheatern war jedoch beeindruckend; etwas Vergleichbares konnten die Germanen nicht bieten. Die Vermutung muß somit nahegelegen haben, daß irgendwelche übernatürlichen Kräfte den Römern Dienste leisteten. Die sichtbare Größe der Produkte der zivilisierten Kultur verband sich so mit der Aufnahmebereitschaft für den dieser Kultur scheinbar zugrunde liegenden Glauben. Dabei war dieser Glaube der Zivilisation eigentlich entfemdet, ja entgegengerichtet. Von den inneren Widersprüchen des späten Imperiums konnten aber die Germanen nichts ahnen; für sie waren die Christen wie die Gladiatoren, Legionsoffiziere wie Quästoren nur Vertreter des einen römischen Volkes, bis gestern des einen Feindes.

So kam es, daß die Germanen in allen romanischen Gebieten romanisiert wurden und sich in den Gebieten jenseits der imperialen Grenzen aus den römischen Städten die Zivilisation der Besiegten verbreitete. Vor allem wurde sie durch die christliche Mission gefördert. Schon während des alten Kaiserreichs, schon vor Konstantin ist die Kirche zu einem geistig, aber auch finanziell mächtigen Faktor geworden. Im frühen Mittelalter werden die geistlichen Fürsten überall zu Lehnsträgern. Das gesamte Schulsystem ist in ihren Händen. Die Erziehung, die dort angeboten wird, ist in den deutschen Ländern keine deutsche, sondern eine lateinische. Die deutschen Sieger konnten offensichtlich aus ihrer militärischen Überlegenheit keinen Vorteil für sich ziehen. Das Reich wurde nicht zu einem Deutschen Reich, statt dessen wurden die seitens der Legionen nie betretenen Gebiete zu Teilen des Römischen Reiches ernannt. Eine neue Aristokratie entstand, die mit dem Volk wenig gemein haben wollte. Der deutsche Bauer, der ehemals tollkühne Kämpfer, wurde geknechtet.

Bonifatius fällt die Donareiche. Farblithographie nach einem Gemälde von Heinrich Maria von Hess 1834/44

Alles Deutsche war mit dem Barbarischen verbunden

Die neue soziale Strukturierung unter den soeben christlich gewordenen Deutschen war somit eine Folge des Kultureinflusses. Es war eine Frage des kulturellen Prestiges der deutschen Fürsten, die lateinische, christliche Kultur auf Kosten der germanischen zu verbreiten. Wenn diese Verbreitung nicht auf politische Grenzen stieß — wie im Fall des Konfliktes zwischen den Franken und den Sachsen zur Zeit Karls des Großen —, stieß die kulturreligiöse Mission auf keinen organisierten Widerstand. Das zeigt, daß in den Augen der deutschen Elite die lateinische Kultur als die einzig ernst zu nehmende dastand; es führte kein Weg an ihr vorbei. Die Folge war, daß alles Deutsche mit dem Barbarischen verbunden wurde.

Nun stellt sich die Frage, was es überhaupt bedeutet, ein Barbar zu sein. Der Ausdruck bezieht sich zunächst auf die Sprache. Die Griechen bezeichneten mit »brrr brrr« das für sie unverständlichen Sprechen ihrer Nachbarn. Verachtung der fremden Kultur beginnt mit der Geringschätzung der Sprache. Zeitgenössische germanische Versuche, in gleicher Art zu erwidern und die Sklaverei, den Grundstein des römischen Kulturerfolges, als Zeichen des Barbarentums zu deuten, waren den Germanen fremd. Sie taten, was »Barbaren« schon immer zu tun versuchten: die Kultur zu meiden oder sich diese womöglich schmerzlos anzueignen. Städte haben schon immer durch das Versprechen eines leichten Lebens die umgebende Bevölkerung an sich gezogen. Was aber einmalig war für die Kultur, die sich mit dem Vehikel des Christentums den Weg bahnte, war die Verbindung zwischen dem Komplex der Kultursuperiorität und der Verbreitung von Schuldgefühlen. Diese hatten einen völlig anderen Ursprung als die Festspiele und Theaterveranstaltungen. Für die auf eine andere Welt orientierten frühen Christen kam es einer Schuld gleich, schon überhaupt auf dieser Welt das Leben genießen zu wollen. Auf die Germanen angewandt, wurde das Leben auf germanische Art zur Schuld. Kultiviert sein bedeutete jetzt, solche Schuldgefühle zu hegen. Mit anderen Worten, Selbsthaß wurde zur Kulturtugend erhoben.

Das Schimpfwort »Barbar«, auf die Germanen gerichtet, fand aber mit der Zeit auch andere Anwendungen. Wann immer die politische Macht der jetzt längst christianisierten Deutschen im Aufschwung begriffen war, wann immer dies in romanischen Ländern als Bedrohung empfunden wurde, ist man mit dieser Wortwaffe ausgerückt. Heinrich I., Otto dem Großen (der übrigens die christliche Hierokratie systematisch ausbaute), Friedrich Barbarossa und mehreren anderen deutschen Herrschern hat man Barbarentum vorgeworfen. Die Tatsache, daß einige von ihnen Römische Kaiser waren, konnte ihnen dabei nicht helfen.

Die deutsche Unfähigkeit, sich zweideutig auszudrücken, ein Mangel an »subtilitas«

Das Epitheton »barbarisch« wurde auch in anderen Varianten angewandt. Man sprach so von einem Mangel an »subtilitas«, der für die Deutschen charakteristisch sei, von einer Unfähigkeit, sich geistreich, d.h. zweideutig auszudrücken. Man behauptete, die Deutschen seien unfähig, sogar diesen Tadel richtig zu verstehen, unter »subtilitas« verstünden sie »List« und meinten, man solle sich vor ihr in acht nehmen. Daß dies durchaus nicht immer der Fall war, zeigen literarische Werke wie der oft erwähnte (aber nicht in diesem Sinne gedeutete) »Ludus de Antichristo«. Es handelt sich um ein mittelalterliches Theaterspiel, das Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden sein soll. Um die Weltherrschaft zu erlangen, schickt in dem Stück Antichrist Heuchler zum Frankenkönig, die diesen mit Schmeicheleien zur Unterwerfung bewegen. Zum Kampf die Deutschen herauszufordern, sollte man nicht versuchen, denn »Es ragt der Deutschen Kraft hervor durch Waffentaten«. Die Heuchler wollen den König mit Geschenken besänftigen. Der Plan mißlingt aber, es kommt zum Krieg, und der Antichrist unterliegt. Im weiteren Verlauf der Handlung unterwirft sich der deutsche König aber doch dem Antichrist. Was bewegt ihn dazu? Die falschen Wundertaten, die der Antichrist präsentiert — die Heilung eines Lahmen, die Genesung eines Aussätzigen, die Erweckung eines Toten — beeindrucken den König so sehr, daß er gesteht: »Ach, durch unser Ungestüm kommen wir zu Schaden, daß wir streitend wider Gott Torheit auf uns laden.«

Stereotype Selbstbeschuldigungen, deutscher Selbsthaß und die Schuld des »Ungestüms«

Man braucht nicht viel Scharfsinn, um zu sehen: Der Antichrist, das sind eben die christlichen Missionare, die durch »subtilitas« das Land dem christlichen Kulturterror, dem »iugum Christi« unterwerfen. Die stereotypen Selbstbeschuldigungen der Deutschen sind im Spiel auch schon als fest eingewurzelt zu finden. Die Schuld des »Ungestüms«, die bis heute anhält, wird schon hier erwähnt.

Ähnliche Zweideutigkeiten wie im »Ludus de Antichristo« findet man auch in manchen Erzählungen der Sammlung »Gesta Romanorum«, z.B. in jener, in der die Genealogie des Papstes Gregor VII. auf eine Blutschändung zurückgeführt wird.

Auch der deutsche Antisemitismus ist zum Teil ein Ausdruck des unterdrückten Hasses gegen die unbegrenzte Autorität des Pantokrators Christus, den die elementarsten Kenntnisse der Bibel als Juden erkennen lassen. Andererseits ist der Jude als Händler der Importeur römischer Kulturgüter. Unter dem Volk wird er dadurch zum zwielichtigen Vertreter der Stadt, und nur an den Höfen wird er zum »Hofjuden«. Der deutsche Judenhaß hat offensichtlich auch subtilere Komponenten …

Die etablierte Macht des römischen Christentums und seiner Kultur ließ sich nicht abwerfen. Mit ihrem Aufstieg wuchs auch der deutsche Selbsthaß. Niemand hat ihn deutlicher ausgedrückt als der für die Werte des Kulturkampfes empfindliche Thomas Mann. In seinem »Doktor Faustus« sagt er von Kaiser Otto III.: »Als er im Jahre 1002 nach seiner Vertreibung aus dem geliebten Rom in Kummer gestorben war, wurden seine Reste nach Deutschland gebracht und im Dom von Kaiseraschern beigesetzt — sehr gegen seinen Geschmack, denn er war das Musterbeispiel deutscher Selbst-Antipathie und hatte sein Leben lang schamvoll unter seinem Deutschtum gelitten.« Was würde Thomas Mann erst zum Entschluß Ludwigs des Frommen gesagt haben, der die große Sammlung deutscher Folklore, die Karl der Große anfertigen ließ, als Teufelswerk verbrennen ließ?

Die Ambition, ein Römisches Reich wiederaufzubauen, übertraf die Kräfte der deutschen Kaiser; die Aufgabe war unerreichbar hoch angesetzt. Daraus sind die Folgen zu rekonstruieren: Die deutsche Ambition, den Römern ebenbürtig zu werden, mußte eine andauernde Unzufriedenheit mit sich selbst erzeugen. Das ideale Über-Ich lag außerhalb des Volkes, die Bedingung einer positiven Selbstschätzung wurde an die unerfüllbare Aufgabe gebunden, die als heilig angesehene fremde Identität sich anzueignen.

Überkompensationen, auf denen die deutschen Erfolge beruhen

Die Tiefenpsychologie weiß, daß neurotische Systeme entstehen, wenn sich die Person der großen Aufgaben nicht gewachsen fühlt, und daß unter solchen Bedingungen das Verhalten irrational werden kann. Die Irrationalität zeigt sich in der übertriebenen Hartnäckigkeit, mit der die Ziele verfolgt werden, in der brutalen und vernichtenden Selbstkritik, in der gespannten Konzentration auf sich selbst, in der Bereitschaft, das »Übel« in sich auszurotten. Schonungsloser Fleiß und Pflichtbewußtsein gehören dazu; sie bilden aber auch Überkompensationen, auf denen die deutschen Erfolge beruhen.

Die ursprüngliche, jetzt als »barbarisch« bezeichnete Persönlichkeit der Deutschen mußte sich jedoch unbewußt gegen die Ideale der zivilisierten Vollkommenheit sträuben und sich früher oder später mit Wucht gegen die ihr unnatürlichen Ziele wenden. Die innere Wende vollzog sich und errang einen symbolhaften Charakter in der Person Martin Luthers. Sie fand Resonanz bei einem Bürgertum, das sich selbst zu schätzen begann. Der bleibende Gewinn der Reformation war der Wiedererwerb der Würde für die deutsche Kultur, vor allem für die Sprache. Sie wurde befugt, den Verkehr mit der höchsten Autorität, mit Gott, zu vermitteln. Die Reform zündete aber auch die zerstörerische Wut des Bauerntums an. Am Ende kam es zum selbstzerstörerischen Dreißigjährigen Krieg. Einen solchen kann man nur führen, wenn die gemeinsame Identität verloren geht, wenn die eine Seite die andere als dehumanisiert ansieht. Eine Identität hatte es jedoch im Heiligen Reich kaum je gegeben, es gab deshalb auch keine politischen Kräfte, die die innere Spaltung überwinden könnten. Ganz anders war es in Frankreich, wo die Gefahr der Zersplitterung in einer Nacht gelöst wurde. Alle Projektionen, die bei einem Volk für den Fremden, für den feindlichen Nachbarn reserviert bleiben, wurden bei den Deutschen gegen einen Teil von sich selbst gerichtet.

Aus Konzentration auf sich selbst, im Rückzug zur Innerlichkeit, vergaßen die deutschen Protestanten, an eine politische Form zu denken, die ihrer anfänglichen Rehabilitation der deutschen Kultur entsprechen würde: Sie versöhnten sich mit dem Heiligen Römischen Reich, das nach dem großen Krieg noch anderthalb Jahrhunderte dauerte. Zu seinem Ende kam es nicht durch einen deutschen, sondern durch einen französischen Imperiumsbauer — den Katholiken Napoleon. Die Ideale eines echten Römertums waren durch die Reformation eher auf- als abgewertet. Die Last des Beweises, daß Gott auf ihrer Seite stand, lag ja bei den Protestanten. Sie waren es, die durch Ernst und Redlichkeit sich selbst und der katholischen Welt beweisen mußten, daß sie die katholischen Tugenden nicht über Bord geworfen haben. Die unterbewußt als sündhaft empfundene Abwendung von Rom verlangte ihren Preis: Man mußte ständig Beweise zur Hand haben, daß die Reform nicht einen Rückfall in die Barbarei bedeutete. Damit erlegten sich die Deutschen neue Belastungen auf. Die Spontaneität, die ihnen schon früher weitgehend versagt war, sank noch tiefer. Und die Spannung zwischen sündhafter Spontaneität, die immer rebellischere Formen annahm, und verstärkter Selbstdisziplin nahm krasse Formen an.

Reichsparteitag 1934: starre Disziplin, dem „Ungestüm“ freier Lauf gelassen und alle Zivilisationsbedenken über den Haufen geworfen

Im Dritten Reich alle Zivilisationsbedenken über den Haufen geworfen

Ein Volk, das sich keine Spontaneität erlauben kann, muß auch politisch gehemmt sein. Eine nach innen, ins eigene Gewissen schauende Elite kann die Ereignisse in der Welt nicht richtig einschätzen. Eine solche, die sich selbst nicht ausstehen kann und vor sich selbst flieht, kann die Zukunft nicht planen. Sie unterschätzt sich selbst; wenn aber die anderen zupacken und die schönen Dinge der Welt für sich sichern, empört sie sich. Auf diesem Weg kann die starre Über-Ich-Kontrolle durchbrochen werden, die eigene Unterschätzung in eine euphorische Selbstüberschätzung und geschmackloses Eigenlob umkippen. Mit dem Dritten Reich brach solch eine Zeit an. Sie war zugleich von einer starren Disziplin wie von einem gespielt spontanen, überspannten Ethnozentrismus charakterisiert, in dem alle Zivilisationsbedenken über den Haufen geworfen wurden und dem »Ungestüm« freien Lauf gelassen wurde. Nach dem Krieg wurde »gerade für uns Deutschen« das Wiedererlernen von allgemein menschlichen und zivilisatorischen Werten zur höchsten Aufgabe.

Der »deutsche Vater« als traumatisierende Autorität oder der ewige römische Komplex der Deutschen

Nach alldem, was hier gesagt wurde, würde man erwarten, daß in der psychologischen Literatur das Thema des römischen Komplexes der Deutschen eine allgemeine Akzeptanz genießt. Anders als in der theologischen, literaturkritischen und historischen Literatur ist jedoch hier die Frage des römischen Einflusses übersehen worden. Bei den älteren Autoren — Bonner, Brickner, Lewin, Schaffer — scheint der Akzent auf zwangsneurotischer Pflicht zu liegen. Diwald und die anderen Autoren des Sammelbands »Die deutsche Neurose« finden traumatische Einflüsse in den zwei Weltkriegen, besonders in der Kriminalisierung der Deutschen als Kriegsverursacher. Auch Adornos Blick bleibt auf die Gegenwart und die vorausgehenden Jahrzehnte gerichtet. Für ihn wie für Fromm spielt der »deutsche Vater« die Rolle der traumatisierenden Autorität. Woher der deutsche Vater kommt, das sagt aber keiner dieser Autoren. Der Versuch, im Vater den Abglanz des in lingua mortua sprechenden Gottes, des »ewig Anderen« (de Benoist) zu sehen, wurde nicht unternommen. Die Erkenntnis, daß in einer Zeit, wo Deutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg von der ganzen Welt abgeriegelt war, wo kein Handel das Land belebte, ein deutscher Vater seinen einzigen Schutz suchen und deshalb auch sein Vorbild nur im lokalen Fürsten finden konnte, wurde erst vom amerikanischen Historiker Craig gewonnen. Von einer marxistisch orientierten Frankfurter Schule würde man eher Analysen der materiellen Bedingungen der Autoritätsgebundenheit der Deutschen — z.B. des Verfalls der Weizenpreise — erwarten. A. Mitscherlich, ebenfalls ein Vertreter der Frankfurter Schule, erwähnt das Heilige Römische Reich in »Die Unfähigkeit zu trauern« nur einmal, und im gleichen Atemzug ironisiert er das »typisch deutsche« Streben nach überirdischen, illusionären Idealen. Daß mit diesem Streben das Problem nicht gelöst, sondern erst eröffnet wird, scheint er nicht bemerkt zu haben. Mitscherlich spricht oft von »kulturspezifischem« deutschen Verhalten; um welche Kultur es sich aber handelt, was an ihr spezifisch ist und wie das Spezifische entstanden ist, darüber äußert er sich nicht. Der aus dem uralten Ringen rührende Kulturkonflikt, all die gekünstelten ideologischen Stützen und Gegenstützen reduzieren sich bei ihm auf etwas Naturgegebenes, biologisch-Primitives, auf den elementar-aggressiven Instinkt. Freuds Idee, mit der Einsicht in die Ursachen des Leidens des Patienten diesem den Mut zukommen zu lassen, der ihm das Loswerden seiner fehlgerichteten Abwehrmanöver ermöglichen soll, diese Idee wird bei Mitscherlich politisch moduliert: Er sieht sich gezwungen zu verhindern, daß die während des Dritten Reiches politisch engagierten Deutschen eine Entlastung für ihr Gewissen finden. Eine eingehende Kausalanalyse muß hier unerwünscht bleiben, weil sie als Entschuldigung mißbraucht werden könnte.

Man kann mit dieser eigentümlichen Dialektik von Theorie und Praxis fortsetzen. Frau Margarete Mitscherlich-Nielssen hat sich vor einigen Jahren mit Aussagen zum Problem der deutschen Bevölkerungsabnahme hervorgetan, »wenn die Deutschen« — so sagte sie ungefähr — »sich nichts Besseres einfallen lassen als zu viel zu essen, zu rasen und Geld zu verdienen, dann sollen sie auch von der Erde verschwinden.« Ich frage mich, ob sie dieselbe Sprache mit ihren Privatpatienten benutzt. Eine revolutionäre Wende in die Praxis der Psychotherapie hat sie damit keineswegs eingeleitet: Die Überzeugung, der beste Weg, den Patienten zu heilen, sei, ihn zu beleidigen, zu beschuldigen und in die Erde zu stampfen, diese Lehre hat der autoritäre romverbundene Vater seinen deutschen Kindern schon vor mehr als einem Jahrtausend beigebracht.

A. Paul Weber, Rückgrat raus, 1951/1960

Chauvinisten, Linke, Grüne — strukturelle und inhaltliche Ähnlichkeiten

Mit den Einstellungen, die wir bei den Mitscherlichs finden, stimmen am ehesten die der Grünen und der deutschen Nationalisten überein. Es ist typisch für eine Reihe von ihnen, daß sie die Probleme der modernen Zivilisation — rücksichtslose Ausbeutung der Natur, sinkende Fähigkeit, mit Kindern umzugehen, wachsende Kriminalität u.a. — ausschließlich auf ihre Heimat begrenzt sehen. Sie machen dafür die Machthabenden verantwortlich, sprechen ihnen jedes Verantwortungsbewußtsein ab und nennen sie feige. Einmal habe ich, ohne zu fragen, eine aufrichtige Aussage über die Gründe erhalten: »Damit ich morgens beim Rasieren mir selbst nicht sagen muß: Du bist ein Feigling!«

Oberflächlich gesehen, ist darin nicht mehr als ein Verdonnern der politischen Lage zu finden: Alles in Deutschland ist abnormal, deprimierend, entwürdigend, unausstehlich. Mehr von innen gesehen, bedeutet es: »Was ich um mich sehe, kann ich beim besten Willen nicht meine Heimat nennen. Mit Leuten, die das akzeptieren, kann ich nichts gemeinsam haben.« In diesem Sinne ist es, daß mein vor dem Spiegel stehender Freund und Frau Mitscherlich einander ähneln. Beide ziehen zum Krieg für den idealen, beide beschimpfen den realen Deutschen. Noch einen dritten muß man ihnen zugesellen: denjenigen, der an einem Frühlingstag vor 75 Jahren gesagt hat: »Wenn das deutsche Volk nicht bereit ist, sich bis zum letzten Mann für den Sieg zu opfern, dann hat es gezeigt, daß es seines Führers nicht würdig ist.« Dieser Satz, strukturell wie inhaltlich jenem von Frau Mitscherlich sehr ähnlich, ist der stärkste Ausdruck dessen, was die erwähnten Beobachter mit der »Politikfremde« der Deutschen bezeichnen.

Der Schwund der eigenen Substanz als Tugend

Sind solche Aussagen kriminell? Ich möchte es nicht behaupten. Sie sagen mir nur, daß die Betreffenden über den Zustand ihres Volks unglücklich sind und daß sie unbewußt von der Angst verfolgt werden, für diesen Zustand persönlich verantwortlich zu sein. Diese Angst ist den Tiefenpsychologen nicht unbekannt: Viele Kinder fühlen sich, äußerlich völlig grundlos, z.B. für den Tod der Mutter verantwortlich. Die Last ist so groß, daß auch irrationale Mittel willkommen sind, um sie loszuwerden. »An mir kann die Schuld nicht liegen« — sagt sich so einer — »ich bin ja ständig dabei, für das Gute zu kämpfen.«

Sind solche Aussagen neurotisch? Ich glaube, es hat sich gezeigt, daß der Vergleich mit dem neurotischen Verhalten fruchtbar war. Auf eine direkte Antwort kommt es nicht an, weil es auf die Terminologie nicht ankommt. Es ist aber nie normal gewesen und es kann nicht normal sein, daß die Vordenker eines Volkes den Schwund der eigenen Substanz als Tugend und Vorbild für andere erklären. Und das sage ich nicht als Deutscher, sondern als Beobachter, als Ausländer.

Prof. Dr. Hrvoje Lorković

Prof. Dr. Hrvoje Lorković, Jahrgang 1930, Dr. rer.nat. Universität Zagreb, gebürtiger Kroate mit US-Staatsbürgerschaft, research scientist, war Privatdozent für Physiologie an der Universität Ulm. Wichtige Veröffentlichungen: »Karakteristika« — Studie, Roman, Chronik (Hills/Iowa, 1973)und Hrvoje Lorkovic / Antun Pinterovic / Mladen Schwartz, »Das kroatische Trauma. Kulturpsychologisches über ein Volk am Rande der Vernichtung« (Verlag Bublies), Professor Lorković verstarb am 11. Mai 2018.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der wir selbst-Ausgabe 2/1990.

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