Hervorgehoben

Freiheit bedingt Verantwortung

Bildquelle: »Genosse was hast du mit der roten Fahne gemacht?« Quelle: Sieghard Pohl, »extra muros«. Kurzprosa Grafik Malerei Objekte, erschienen im Verlag Siegfried Bublies, Koblenz 1990.

von Siegmar Faust

Freiheit bedingt Verantwortung

Dreißig Jahre nach dem Gottesgeschenk des Mauerfalls spitzt sich wieder etwas zu, und das nicht nur in Deutschland. Erleben wir eine Wiederkunft des Totalitären? Und das 30 Jahre nach der ersten Revolution, die zumindest den Mitteldeutschen gelungen war, und das sogar in einer völlig unerwarteten und neuen Qualität, nämlich in einer friedlichen Revolution? Waren wir Deutschen denn nicht am Tag nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 „das glücklichste Volk der Welt“, wie es der stets rotbeschalte Regierende SPD-Bürgermeister von Berlin-West, Walter Momper, damals in die Mikrofone rief?

Natürlich war das eine dumme Übertreibung, denn wie sollten die ehemaligen Profiteure und deren Handlanger über den Sturz oder Zusammenbruch ihres „ersten Arbeiter-und-Bauer-Staates auf deutschem Boden“ glücklich sein? Und nicht nur das, denn der ganze Ostblock mit der Hauptstadt Moskau brach in sich zusammen. Die linke „Intelligenzija“ des Westens war entsetzt. Wer wollte denn von denen gar noch die Wiedervereinigung? Herr Momper, Oskar Lafontaine, Nobelpreisträger Günter Grass, Willy Brandt und sein ehemaliger Staatssekretär und persönlicher Freund Egon Bahr wollten sie wie die meisten anderen Sozialdemokraten jedenfalls nicht. Noch im Spätherbst 1988 bezeichnete Bahr die Forderungen nach der Wiedervereinigung als „politische Umweltverschmutzung“. Selbst noch fünf Tage nach dem Fall der Mauer nannte er es eine „Lebenslüge, über Wiedervereinigung zu reden“. Brandt sagte im September 1988 in einem Vortrag der Friedrich-Ebert-Stiftung: „Durch den Kalten Krieg und seine Nachwirkungen ist die Hoffnung auf Wiedervereinigung geradezu zu einer spezifischen Lebenslüge der 2. Republik geworden“. Doch nur sein nachträglicher Satz, als die Einheit nicht mehr zu verhindern war, hat sich ins Gedächtnis der Nation eingebrannt: „Es wächst zusammen, was zusammengehört“. In diesem Stil der verwirrenden Widersprüche stolperten die ideologisch zumeist vernagelten Politiker in die ungewollte, aber von den demonstrierenden Massen vor allem in Leipzig, Dresden und Plauen erzwungene Einheit Deutschlands hinein. Wobei auch nicht vergessen werden darf, dass die meisten durchaus mutigen Bürgerrechtler, die später mit Orden und Ehrenzeichen dekoriert wurden, anfangs weder die Wiedervereinigung noch die Abschaffung des Sozialismus anstrebten, den sie lediglich im Sinne Rudolf Bahros oder Robert Havemanns reformieren wollten. Doch solche Halbheiten bilden in brenzligen Situationen oft eine Brücke zwischen den Extremen und können dadurch eine gewaltsame Eskalation verhindern.

Der „Zeit“-Journalist Theo Sommer sekundierte damals, als schon jeder Sensible das Ende der SED-Diktatur erahnen konnte: „Die Bürger des anderen deutschen Staates bringen ihm (Honecker) fast so etwas wie stille Verehrung entgegen“. Diesem Blödsinn von marxistisch verseuchten, doch großbürgerlich prassenden Gesinnungsjournalisten und den jakobinischen Tugendterroristen im „Kampf gegen rechts“ setzte Axel Springer mit Kurt Schumacher die simple Tatsache entgegen, dass Kommunisten überall, wo sie an die Macht gelangten, sich als „rotlackierte Nazis“ entlarvten. Der SED-Staat war demzufolge nicht nur für den Verleger Springer ein Verbrecherregime, sondern besonders für deren Widerständler und vielen Opfer, denen Springer gern Chancen in seinem Verlag einräumte, darunter Günter Zehm, Ulrich Schacht, Lutz-Peter Naumann oder den Perser Hossein Yazdi, der 16 Jahre als politischer Häftling einsaß und dann 36 Jahre für Springer als Journalist arbeitete. Jeder, der dort als Journalist arbeiten wollte, musste folgende vier Punkte unterschreiben:

  1. Das unbedingte Eintreten für die friedliche Wiederherstellung der Deutschen Einheit in Freiheit.
  2. Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes.
  3. Die Ablehnung jeglicher Art von politischem Totalitarismus.
  4. Die Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft.

In der Springer-Zeitschrift „Kontinent“, in der vor allem die osteuropäischen Dissidenten zu Wort kamen, veröffentlichte Springer 1977 wie ein Prophet das Folgende:

„Wenn es gelingt, die Völker Osteuropas, einschließlich der Sowjetunion, gegen die Lüge der Gewalthaber immun zu machen, indem wir die Wahrheit als Elixier der Freiheit auf allen Wegen über Mauern und durch Zäune schaffen, dann bereiten wir jene Revolution des Geistes vor, die noch immer die Lüge außer Kraft gesetzt und Diktatoren, Gewaltregime und Unterdrücker gestürzt hat. Das klingt heute wie ein Märchen. Ist es nur ein Märchen? Es gab einmal einen Mann namens Theodor Herzl. In scheinbar aussichtsloser Lage versprach er den Juden einen Staat, auf den sie seit 2000 Jahren tagtäglich – vergeblich – hofften. Herzl hämmerte den Juden ein: ,Wenn ihr es wollt, ist es kein Märchen.‘ Das heißt für uns: Wenn wir nur wollen, wenn wir alles wagen, dann ist die Freiheit kein Märchen. In Deutschland nicht. In Polen nicht. In Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei und den baltischen Staaten nicht. Und nicht in Russland.“

Schade, dass Axel C. Springer, der 1985 verstarb, das nicht mehr auf Erden erleben durfte, was er vorausgesehen hatte. Auch Matthias Walden und Franz Joseph Strauß hätte ich das sehr gegönnt.

In Osteuropa hat der Marxismus in seinen verschiedenen Auslegungen faktisch ausgedient, denn mit den marxistischen Altkadern, die noch überdurchschnittlich in allen möglichen Verwaltungen unterkamen, sogar in der Stasi-Unterlagen-Behörde, stirbt er nun größtenteils ab, weil diese Funktionäre selber wegsterben. Doch in den westeuropäischen und amerikanischen Hochschulen erfreut sich der Marxismus ansteigender Beliebtheit. Das alles dient dazu, die westliche „Wertegemeinschaft“ noch weiter zu spalten, was den nächsten Weltenbeglückern unter dem Ruf „Allahu Akbar!“ nur recht sein kann. Der westliche „Gutmensch“, vor allem in seiner Extremform als „Bessermensch“ verharmlost nicht nur die islamische Gefahr, sondern wird – bewusst oder unbewusst – zu ihrem Werkzeug. Die Grundlage, die sie verbindet, ist die totalitäre Deutungshoheit mit dem anknüpfenden Herrschaftsanspruch.

Doch ich möchte lieber nah an der mich umgebenden Gegenwart bleiben, denn geist- und gefühlsverwirrte Gefälligkeitskünstler und ebensolche Politiker und Wissenschaftler hatten ausgerechnet den SED-Juristen Gregor Gysi mit zum Festredner des 30. Jahrestages der friedlichen Revolution ausgerechnet in der ehemaligen „Heldenstadt“ Leipzig auserkoren, also jenen Mann, der die totalitäre SED und deren Vermögen gerettet hat, obwohl diese Partei verboten gehört hätte, wie 30 Jahre zu spät Theo Waigel, der ehemalige Spitzenfunktionär und spätere Ehrenvorsitzende der CSU, selbstkritisch zugab. Zum Glück haben sich viele ehemalige Bürgerrechtler und Dissidenten zu einem Protestschreiben aufgerafft, mit dem dieser Skandal gerade noch verhindert werden sollte.

Doch warum konnte niemand der Bundeskanzlerin und ihren Lakaien Einhalt gebieten? Würde man allein die völlig gegensätzlichen Aussagen der ersten deutschen Bundeskanzlerin aneinanderreihen, dann käme eine lange Litanei zustande. Hier nur ein Aspekt: Im Oktober 2000 sagte sie deutlich, dass „die multikulturelle Gesellschaft keine lebensfähige Form des Zusammenlebens ist, und das glaube ich auch.“ 2004 tritt sie entschlossen vorm Bundestag für die „Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung“ ein. Noch 2010 beteuert sie, dass der „Ansatz Multikulti … absolut gescheitert“ sei. Fünf Jahre später lässt sie gegen sämtliche Vernunft und alle bestehenden Gesetze, natürlich ohne den Willen des Souveräns einzuholen, 1,5 Millionen illegale Einwanderer, überwiegend junge Männer ohne Pass, aber mit modernen Handys ins Land und in die deutschen Sozialsysteme strömen. Schlepperbanden machen riesige Geschäfte, Hunderte ertrinken im Mittelmeer. Plötzlich werden Milliarden Euros locker gemacht, obwohl für die maroden Schulen, Straßen, Brücken, für die Wohnungsnot und Aufstockung erbärmlicher Renten bisher keine Gelder übrig waren.

Merkels politische Linie besteht lediglich darin, sich opportunistisch jedem anzubiedern, möglichst wenig zu ändern, denn eigene Ziele oder Entscheidungen zu vertreten, dazu hat sie kein Talent. Ihr Leitmotiv ist unter Politikern nur allzu bekannt: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“ Aber eins beherrscht sie bestens: in fast jede Aussage eine Einschränkung einzubauen, die es möglich macht, bei Bedarf genau die gegenseitige Position vertreten zu können. Katastrophal wird es, wenn grundsätzliche Entscheidungen verlangt werden, die nicht mit einer pro-forma-Konzession an Gegner in der Koalition zu bewältigen sind. Und für diese katastrophale Politik „verdient“ diese gewählte Frau täglich über 1.100 Euro, die immer weniger Rentner im Monat bekommen.

Zunehmend verstärkt sich bei vielen verantwortlich denkenden Menschen der Eindruck, in Absurdistan zu leben oder gar in einem Irrenhaus, dessen Ärzte sich zudem noch anschicken, sich einem neuen Totalitarismus zu ergeben, der als Religion daherkommt und eine brutale Welteroberungspolitik betreibt, sobald er sein Lehrbuch, den Koran, auch nur halbwegs ernst nimmt. Damit das nicht so auffällt, wird ein CO2-Gespenst aufgeblasen, welches die Welt retten soll und natürlich die Zukunft unserer Kinder, die sich dafür mit einem abnormen Schulmädchen an der Spitze den Freitag zum Schulstreiktag „erkämpft“ haben.

Freilich, diesem Jetztzustand gehen immer unkorrigierte Fehler und fehlgeleitete Ideologien voraus.

Diese alle aufzuzählen übersteigt die Kraft und Zeit eines Einzelnen. Doch es bleibt, um es noch ganz allgemein zu sagen, folgende Beobachtung im Raum: Wenn Menschen, die sich dem Allgemeinwohl verpflichtet fühlen und politische Ämter anstreben, nicht mehr prinzipiell denken und damit auch keinen Überblick über allgemeine Zusammenhänge erlangen können, dann ist es kein Wunder, dass sie Wesentliches nicht mehr von Unwesentlichem unterscheiden können. Sie wollen populär sein, um die mildeste Variante anzunehmen, stempeln zugleich selber jeden Kritiker als Populisten ab.

Unter solchen konturlos-unberechenbaren Regenten bildet sich immer auch eine konturlose Mehrheit von verschiedensten Mitläufern, die sich wie in jeder Diktatur rasch und billig auf Schlag-Worte einigen, mit denen nicht nur drohend herumgefuchtelt, sondern auch durch die Antifa-SA kräftig zugeschlagen wird. Das erhöht das Selbstwertgefühl minderwertiger Kreaturen, die nun im Herdengefühl unter jeder dummen Kuh den Kampf ausrufen, in allererster Linie natürlich „gegen Rechts“, deren Vertreter dadurch wiederum zum Gegenterror aufgerufen werden:

„Gegen Rechts hilft kein Sexismus, unsere Antwort: Feminismus“,

„Ob friedlich oder militant – wichtig ist der Widerstand!“, „Ob Ost, Ob West – nieder mit der Nazipest!“,

„Nazis gibts in jeder Stadt – bildet Banden macht sie platt!“,

„Grenzen von der Karte streichen – Staaten müssen Menschen weichen!“,

„Kein Mensch ist illegal – Bleiberecht überall!“,

„Was kotzt uns so richtig an? Einteilung in ›Frau‹ und ›Mann‹!“,

„Die Bullen üben fleißig für ein neues dreiunddreißig!“,

„Gegen das Konstrukt aus Rasse und Nation – Für die soziale Revolution!“,

„Lasst es krachen, lasst es knallen, Deutschland in den Rücken fallen!“,

„Kapitalismus, scheiße wie noch nie! Für den Kommunismus und die Anarchie!“,

„Alles für alle und zwar umsonst!“,

„Kein Gott, kein Staat, kein Vaterland – Schwarz, Rot, Gold wird abgebrannt!“,

„Ich war, ich bin, ich werde sein – Die Revolution wird die Menschheit befreien!“,

„Erst kommt das Essen, dann kommt die Moral – Wohlstand für alle – Kampf dem Kapital!“…

Nach der Auflösung der Roten Armee Fraktion (RAF) verschob sich die Aufmerksamkeit auf das Gefahrenpotenzial des braunen (NSU-Morde, Politikermord, antisemitischer Anschlagsversuch mit Schusswaffenmorden) und des islamischen Terrors. Brandanschläge auf die Stromversorgung, zerstörte Bahngleise, krankenhausreif geprügelte Politiker, Angriffe auf Polizisten und Rettungskräfte, Ehrenmorde, Messerattacken, Vergewaltigungen, Erpressungen, Sprengungen von Geldautomaten und dergleichen mehr überlasten nicht nur die Polizei sowie das gesamte Justizsystem, während die zunehmenden Übergriffe aus dem linksextremen Spektrum verharmlost werden und demzufolge kaum erforscht sind. Von den sich immer weiter ausbreitenden arabischen und kurdischen Gangster-Clans will ich gar nicht erst zu berichten beginnen.

Immerhin, Prof. Klaus Schroeder, der an FU Berlin über Linksextremismus forscht, weist nach, dass sich im Jahr 2017 1200 Gewalttaten von rechts fast doppelt so vielen Ausschreitungen von links gegenüberstehen. Doch in unseren Erziehungsmedien wird das genau andersherum dargestellt. Eine riesige Lobby-Gruppe mit der ehemaligen Stasi-Mitarbeiterin Anetta Kahane an der Spitze verdient sich dumm und dämlich im bewusst einseitigen und damit totalitären „Kampf gegen rechts“. In einem demokratischen Staat, für den ich mich wie jeder andere Konservative auch einsetze, müsste ein erbarmungsloser Kampf gegen alle Extremisten geführt werden, die kriminell, also revolutionär mit Terror und Gewalt den vernünftigen Ordnungsrahmen unseres Grundgesetzes bewusst zerstören oder außer Kraft setzen wollen.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass die Demokratie immer nur eine zum Durchschnitt neigende Diktatur der Mehrheit ist, wenn… Ja, wenn es keinen Verfassungsrahmen gäbe, der den Ordnungsrahmen aller Freiheiten bildet, damit keine Willkür oder Anarchie, also das primitive Recht des Stärkeren herrschen kann. Freiheit ohne Disziplin und Verantwortung führt ins Chaos und bereitet Terror vor. Es lässt sich auch verkürzt sagen: Chaos neigt dem weiblichen Wesen zu, Ordnung dem männlichen. Das provoziert und soll es auch. Es besteht durchaus die berechtigte Frage, ob vielleicht erst das Chaos das Denken nährt.

Wer sich als gemäßigter Linker nicht vom Kulturmarxismus abgrenzt, will die Grundlagen der westlichen Welt, die sich sowohl durch Freiheit als auch durch Wohlstand charakterisiert, unterminieren. Linke Utopisten laufen gegen jedes machbare System an, das irgendetwas mit Kapitalismus oder Marktwirtschaft zu tun hat. Was bleibt davon übrig, wenn die soziale Marktwirtschaft abgeschafft würde? Planwirtschaft, Diktatur der Bürokratie und ideologischer Machtterror. Das heißt Armut, Zerstörung der Umwelt, der Kultur und Tradition. Was blüht stattdessen auf? Angst, Misstrauen, Ideologie und Verlogenheit. Viele in Mitteldeutschland dachten, das hätten sie endlich hinter sich. Die Diktatur der Bürokratie hat hier und heute schon jede Dimension einer Diktatur überflügelt. Der freie Meinungsstreit wird besonders in den Medien, die sich von unseren Zwangsgebühren mästen, so eingeschränkt, dass der Weg zum Meinungsterror schon geebnet ist. Was folgt? Ein Bankencrash? Stromausfälle, überbordende Kriminalität? Das Abrutschen in die 3. Welt? Dorthin, wo unser Bildungssystem im Großen und Ganzen fast schon gelandet ist? Marxismus ist alternativlos. Da hat Frau Dr. Merkel völlig recht. Opportunisten haben immer recht.

Schon jahrelang erlaubte es sich Deutschlands erste Kanzlerin zu machen, was sie will. Doch das Schönste ist ja, sie weiß gar nicht, was sie will. Ideen? Prinzipien? Visionen? Lehren aus der Geschichte? Sie merkelt nur, dass ihr die Basis unter den Füßen wegschmilzt. Da weiß sie plötzlich wieder, was sie will: Macht haben, Recht haben, Ruhm haben. Nicht nur Verfassungsrechtlern der CDU stehen zu diesem Weiberregiment die Haare zu Berge. So dominiert (oder regiert?) heute vor allem eine Walküre-Willkür. Doch wenn sie gar noch wegen der ihr verhassten deutschen Nationalhymne auf- und stillstehen muss und sich nicht selber mit ihrer heiligen Raute präsentieren darf, bekommt sie das große Zittern. Doch fortschrittliche Professoren und Journalisten applaudieren. Der Beamten-Unwirtschaft unter Olaf, dem Steuereintreiber, kann es nur recht sein, den privilegierten Lakaien ohnehin, denn sie müssen ja nicht viel leisten, hauptsächlich zustimmen, abnicken, dann sieht man bald aus wie Peter Altm… Ach, und der süße Heiko Maa…Maa…. passt gut in die Handtasche unserer großen Vorsitzenden und hält deren Lippenstift frisch. Und der kleine verbiesterte Wolfgang Schäu… – schäumt er wieder? Der wird mitleidig in seinem Kinderwagen hin und her geschoben. Schlauheit bleibt dreist im Lande, Intelligenz wandert aus.

Keine Diktatur mit Planwirtschaft konnte bisher wirtschaftlich überleben. Nur die Despotie blüht in verschiedenen Größen wie Unkraut in solchen Ländern, sodass sich dieses sogar an den Klassenfeind exportieren lässt. Doch Individualismus ist jedem Kollektivismus haushoch überlegen. Ausnahmen waren Pinochets Diktatur und neuerdings diejenige Chinas oder die der feudalistischen Ölscheichmilliardäre, die sich mithilfe der besten Ingenieure, Architekten, Künstler und Wissenschaftler aus dem Westen Huxleys „Schöne neue Welt“ in die Wüste bauen lassen. Wer schon einmal Dubai besucht hat, der sieht, wie uns heute undemokratische, totalitär strukturierte Feudalsysteme mit unseren eigenen Waffen schlagen und zeigen, wie wir mit unserer verkommenen Bürokraten-Demokratien immer weiter zurückfallen, gewissermaßen abgehängt werden. Überall wollen bei uns demokratisch gewählte Politiker mit hineinreden, obwohl sie zumeist nur von einem viel verstehen – von nichts! So entstehen in jahrelanger Verspätung die teuersten Philharmonien oder Flugplätze der Welt auf niedrigem Niveau. Die Bundeswehr ist zur Lachnummer verkommen, regiert von einer eingeadelten Frau, die durchaus zur Familienministerin taugen würde. Doch selbst Blödsinn zu befehlen ist einfacher als den neuen „Goldstücken“ aus fremden Kulturkreisen Deutsch beizubringen. Nicht vergessen! Denn es war der ebenfalls wahrnehmungsgestörte SPD-Schulz, der 2016 gesagt hatte: „Was die Flüchtlinge uns bringen, ist wertvoller als Gold. Es ist der unbeirrte Glaube an den Traum von Europa.“ Glaube und Traum sind für mich zwei verschiedene Schuhe. Und was uns die Flüchtlinge bringen? Was könnte denn wertvoller als Gold sein? Platin?

Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks vor 30 Jahren kriechen immer mehr Neomarxisten aus ihren universitären Brutstätten und bedrohen mit „political correctness“ die größte Errungenschaft der westlichen Zivilisation: die Gedanken- und Redefreiheit. Sie wollen nicht nur den Studenten ihre marxistischen Geschichtsgesetze beibringen, nein, sie der ganzen Gesellschaft aufdrängen. Ist es schon völlig aus der Mode gekommen, auch Zeitgenossen von Marx/Engels zu lesen?

Friedrich Nietzsche wies nämlich schon 1878 unter der Überschrift „Der Sozialismus in Hinsicht auf seine Mittel“ darauf hin, dass der Sozialismus der jüngere Bruder des fast abgelebten Despotismus sei, den er beerben wolle. Er brauche eine Fülle an Staatsgewalt und strebe die Vernichtung des Individuums an. Der erwünschte Gewaltstaat brauche die untertänigste Niederwerfung aller Bürger und könne sich nur durch äußersten Terrorismus Hoffnung auf Existenz machen. Er bereite sich im Stillen auf eine Schreckensherrschaft vor und verwende missbräuchlich den Begriff der Gerechtigkeit. Der Sozialismus lehre lediglich die Gefahr der Anhäufung von Staatsgewalt und werde den Ruf nach so wenig Staat wie möglich provozieren.

Karl Poppers „offene Gesellschaft“ steht bekanntlich in der Tradition des Liberalismus und ist für Marxisten reaktionär, weil sie die kritischen Fähigkeiten der Bürger freisetzen will. Dazu soll auch noch die Gewalt des Staates geteilt werden, um Machtmissbrauch vorzubeugen. Wo käme man denn da hin, wenn man doch mit den Geschichtsgesetzen von Marx immer weiß, wo es langgeht? Da die Marxisten es zu wissen vorgeben, sollten wir ihre Ersatzreligion durchaus ernst nehmen, aber zugleich wissen, dass die Marx-Exegese und die Fundamentalkritik der „bürgerlicher Wissenschaft“ begleitet war von einem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust der Geisteswissenschaften. Gleichheit, Gleichheit über alles, über alles in der Welt. Immer wieder soll am nichtdeutschen Wesen die Welt genesen. Wer kann das so ausdauernd genießen?

Natürlich die deutschen Politiker der sogenannten Altparteien, die in der Regel einfach zu arrogant, ungebildet und ideologisch verblendet, aber auch total überfordert werden, um zur Wiedererweckung der einst vorbildlich funktionierenden Demokratie unter Adenauer und dem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard fähig zu sein. Als letzte Hoffnung bleibt nur die neue Oppositionspartei, deren Namen ich, so warnen mich gute Freunde, am liebsten nie wieder in den Mund nehmen sollte, um nicht noch weitere Einschränkungen meines ohnehin bescheidenen Lebensstils hinnehmen zu müssen. Doch wie heißt es im Psalm 18? Auf die heutige Zeit übertragen würde ich es so aussprechen:

„Es ist besser, Gott zu vertrauen als sich auf Menschen zu verlassen. Es ist besser Gott zu trauen als sich auf Politiker zu verlassen. Viele Parteien hatten mich umringt. Im Namen Gottes – ja, ich wehrte sie ab. Sie hatte mich umringt, ja, mich eingeschlossen. Im Namen Gottes – ja, ich wehrte sie ab. Die Stasi-Knechte hatten mich umringt wie Bienen. Sie sind erloschen wie Dornenfeuer. Im Namen Gottes – ja, ich wehrte sie ab. Hart hat man mich gestoßen, um mich zu Fall zu bringen.“

Und? Ich lebe noch – gesund und flexibel. Selbst mein Dreivierteljahrhundert sehen mir nur wenige an. Dass ich selber kein Parteien-Mensch bin, erfuhr ich erst, nachdem ich zweimal in den 80er und 90er Jahren der Berliner FDP beigetreten war, in deren Parteinamen mich vor allem das Attribut „frei“ faszinierte, aber vor allem, um den nationalliberalen Flügel um Alexander von Stahl, Hermann Oxfort, Heiner Kappel, Rainer Zitelmann und Klaus Rainer Röhl zu stärken. Ja, Röhl, der ehemalige linke Journalist und „konkret“-Herausgeber hatte sich ebenfalls gewandelt und publiziert nun selbst als hochbetagter Mann noch in so genannten „rechten“ Zeitungen, um über die „tiefgreifenden, zum Teil verheerenden Folgen der kommunistischen und links-utopischen Aktivitäten“, an denen er selber einst „als Herausgeber und Kommentator beteiligt gewesen war“, aufzuklären.

Ansonsten interessiert mich Macht- und Parteienpolitik kaum. Mir geht es vor allem um Erkenntnisse, die nicht immer leicht zu verdauen sind. Dazu muss der Mut aufgebracht werden, auch mit Menschen, die einem unsympathisch sind, oder mit politischen Gegnern oder sogar Feinden zu diskutieren. Vor dem Entscheiden kommt das Verstehenwollen, das Infragestellen eigener Klischees und Gewohnheiten, das Abwägen gegensätzlicher Auffassungen. Das kann durchaus zu neuen Kompromissen führen, auf alle Fälle zu einer begründeten Positionierung.

Doch Menschen, die unter dem Schild der guten Moral und des überheblichen Bewusstseins, etwas für die Zukunft der Menschheit zu leisten, sich totalitären Systemen und ihren Methoden zur Verfügung stellen, sind es der kurzen, wertvollen Lebenszeit nicht wert, sich mit ihnen einzulassen, bevor sie sich nicht selber ihren Irrtum eingestanden haben. Jeder kennt den August H. H. von Fallersleben zugeschriebenen Spruch „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant!“ Zu diesen Lumpen gehören auch die Relotius-Decker-Journalisten, die massenhaft herangezüchtet wurden, nachdem Matthias Walden, Heimo Schwilk, Günter Zehm, Ulrich Schacht und andere hervorragende Journalisten mit Charakter, Talent und Scharfsinn das Feld verlassen hatten. Sie konnten Wesentliches mit ihrem Erfahrungswissen durchschauen und wussten deshalb noch, welche Gefahren von der Verharmlosung des Marxismus-Leninismus und den verschiedenen Sozialismus/Kommunismus-Varianten ausgingen. Mit ihnen verband mich auch eine persönliche Freundschaft.

Matthias Walden (1927-1984, eigentlich Otto Baron von Saß) floh als junger Redakteur 1950 aus Dresden in den Westen, nachdem er als Gerichtsreporter mitbekam, wie brutal gegen Oppositionelle in der SBZ/DDR vorgegangen wurde und wie ihn schließlich selber FDJ-Kampfgruppen bedrohten. Sein Lebensziel war die Wiedervereinigung Deutschlands, die er selber nicht mehr erlebte. Ab 1980 war er Mitherausgeber der „Welt“ und war als Nachfolger in der Konzernleitung Springers vorgesehen, doch er starb noch ein Jahr vor Springer.

Günter Zehm (*1933) war Lieblingsschüler des Utopie-Philosophen Ernst Bloch in Leipzig, saß dann drei Jahre in Zuchthäusern, folgte Bloch in den Westen und wurde nach seiner Promotion über Sartre Feuilleton-Redakteur der „Welt“ und stieg bis zum stellvertretenden Chefredakteur auf. Nach dem Zusammenbruch der „DDR“ wurde er Honorarprofessor in Jena und schrieb viele Philosophiebücher und Kolumnen.

Ulrich Schacht (1951-2018) wurde sogar im Frauenzuchthaus Hoheneck geboren. Sein Vater war ein russischer Offizier. Schacht wurde selber wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren verurteilt, kam 1976 als Freigekaufter in den Westen und wurde Feuilleton-Redakteur und Chefreporter für Kultur der Zeitungen „Die Welt“ und „Welt am Sonntag“; trat auch als erfolgreicher Dichter und Schriftsteller hervor.

Heimo Schwilk (*1952) ist ein waschechter Schwabe und war bis Oktober 2015 Leitender Redakteur der „Welt am Sonntag“. Er lebt heute bei Berlin und schreibt Biografien. 2014 wurde ihm in Treviso/Italien der Premio Comisso für die beste Biografie verliehen. 2019 unterzeichnete er einen Aufruf zur Unterstützung der AfD.

Alle hier aufgezählten Journalisten und Autoren wurden von den ach so fortschrittlichen Linken im Westen diffamiert und zum Teil auch bedroht, jedoch vergebens.

Die Kommunisten, die während der Nazi-Zeit im Moskauer Hotel „Lux“ Quartier nahmen, mussten ihre Genossen, Freunde und Verwandten denunzieren, um selber überleben zu können. Völlig im Gegensatz zu den christlich geprägten Widerständlern der Weißen Rose in München. Solche vom Marxismus geprägten Denunzianten durften dann im Auftrag des Massenmörders Stalin, der mehr führende Kommunisten umbringen ließ als Hitler, die sowjetische Besatzungszone regieren, die sich dann dummfrech Deutsche Demokratische Republik nannte, wo kein Begriff der Wahrheit entsprach. Der Ex-Kommunist Prof. Hermann Weber fasste es exakt zusammen: „Mehr als sechzig Prozent der KPD-Funktionäre, die vor dem Zugriff der Gestapo in die Sowjetunion geflüchtet waren, sind von Stalins Schergen ermordet worden oder im Gulag umgekommen. Von den Mitgliedern des Politbüros der KPD hat Stalin mehr ermorden lassen als Hitler (…) Fünf Namen stehen auf dem Blutkonto der Gestapo, sieben auf dem des Tscheka-Nachfolgers GPU. Von den Familienangehörigen der Ermordeten sind mindestens 31 in der Sowjetunion gewaltsam umgekommen.“

Nur die Springer-Zeitungen setzten im Westen noch dieses stalinistische Gebilde „DDR“ wenigstens in Anführungszeichen, während die SPD sich soweit von ihrem ersten und mutigen SPD-Vorsitzenden nach dem Krieg, Kurt Schumacher, entfernt hatte, dass sie diese „DDR“ 1987 in dem SPD-SED-Papier gar auf Augenhöhe mit der Demokratie zu heben versuchte und Honecker für einen ehrenwerten Mann hielt. Diese Diktatur bestimmte sogar die Politik der Bundesrepublik mehr als es sich viele vorstellen konnten.

1972 wäre der CDU-Politiker Rainer Barzel beinahe Bundeskanzler geworden, nachdem Brandts SPD-FDP-Koalition Abgeordnete an die CDU/CSU-Fraktion verloren hatte. Doch beim entscheidenden Misstrauensvotum fehlten ihm plötzlich zwei Stimmen. Später kam heraus, dass zwei Abgeordnete von der Stasi bestochen worden waren. So blieb der von der SED bevorzugte Willy Brandt an der Macht, der den Zustrom von Jungmarxisten in die SPD zuließ. Auch der Bundespräsident Lübke wurde durch Stasi-Fälschungen zum Rücktritt veranlasst. Oder denken wir an den Ehrenpräsidenten der FDP, William Born, dessen Antrittsrede im neugewählten Deutschen Bundestag direkt aus der Feder des stellvertretenden Stasi-Ministers Markus Wolf stammte! Und wer erinnert sich noch an den „Krefelder Appell“, mitinitiiert von dem mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille ausgezeichneten General Gert Bastian, der dann auch mit anderen Generälen die Vereinigung „Generäle für den Frieden“ begründete? Auch dieses Projekt wurde von der Stasi angeregt und mitfinanziert. Dieser Verräter im Generalsrang, der sich 1992 und gleichzeitig seine Lebensgefährtin Petra Kelly erschoss, war von 1983 bis 1987 grünes Mitglied des Bundestages. Man stelle sich nur solch eine Gestalt in der heute einzigen Oppositionspartei vor. Da kämen die Medien überhaupt nicht mehr zur Ruhe.

Siegmar Faust

Siegmar Faust, geboren 1944, studierte Kunsterziehung und Geschichte in Leipzig. Seit Ende der 1980er Jahre ist Faust Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), heute als Kuratoriums-Mitglied. Von 1987 bis 1990 war er Chefredakteur der von der IGFM herausgegebenen Zeitschrift „DDR heute“ sowie Mitherausgeber der Zeitschrift des Brüsewitz-Zentrums, „Christen drüben“. Faust war zeitweise Geschäftsführer des Menschenrechtszentrums Cottbus e. V. und arbeitete dort auch als Besucherreferent, ebenso in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Er ist aus dem Vorstand des Menschenrechtszentrums ausgetreten und gehört nur noch der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik und der Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft an.

Empathie und Verstehen im politischen Diskurs

Empathie und Verstehen im politischen Diskurs

von Florian Sander

Beobachtung zweiter Ordnung als diskursives Instrument

In politischen Debatten sind Emotionen an der Tagesordnung. Die Stimme wird lauter, man unterbricht sich mitunter gegenseitig, wird unter Umständen polemisch. Bei schriftlich geführten Diskussionen, gerade in sozialen Netzwerken, bei YouTube oder in Kommentarfeldern von Blogs und Online-Medien, geschieht das gleiche: Ausrufungszeichen häufen sich, Beleidigungen vermehren sich. Die schützende Anonymität des Internets begünstigt das Phänomen – egal, auf welcher Seite des politischen Spektrums: Unter Videos, die in YouTube eingestellt werden (seien sie nun politischer oder ganz anderer Natur), stapeln sich geradezu Kommentare, die nur so strotzen vor Beschimpfungen, Bedrohungen, Vulgärausdrücken und anderen Inhalten, die an der Mündigkeit der Nutzer oft gewisse Zweifel aufkommen lassen. Der Debattenkiller Nazi-Vergleich ist dabei noch eines der harmloseren „Stilmittel“. Politische Diskussionen werden somit de facto zur Qual, konstruktive Ergebnisse unmöglich.

Das Internet eröffnet dabei zwar neue Kommunikationswege und wichtige Gegenöffentlichkeiten; zugleich werden diese hoffnungsvollen Instanzen aber zu nicht-sanktionierten Artikulationswegen asozialer Kommunikation pervertiert, in der Beschimpfungen und Drohungen dominieren. Langfristig führt dies zu einem qualitativen Niedergang der politischen Kultur und zum Ende konstruktiver Diskurse. Und nicht nur das: Dem politischen Establishment wird dadurch eine Waffe gegen konservative und rechte Akteure in die Hand gegeben, da es dadurch mit dem Verweis auf vermeintliche „Hassreden“ – die eigentlich eher „Wutreden“ sind, die früher eben am Stammtisch stattfanden anstatt im Netz – unter dem Beifall der Mainstream-Medien Zensurgesetze beschließen kann und die großen Datenkraken-Konzerne des Silicon Valley und die ihnen zugehörigen sozialen Netzwerke darauf basierend ihre globalistische Agenda repressiv durchsetzen können.

Reflexion – Empathie – Verstehen

Was also tun? Fehlverhalten in Debatten und fehlende Diskussionskultur wurzeln tief und liegen nicht selten in Psychologie und Sozialisation begründet. Eine besonders wichtige Beobachtung ist dabei die besondere Rolle dessen, was man gemeinhin als Reflexion oder, im Falle des Gelingens, auch als Empathie bezeichnet. Es geht darum, sich in andere hineinzuversetzen, auch wenn dies sicherlich ein soziologisch untauglicher Begriff ist, da psychische Systeme stets nur voneinander getrennt existieren können und sich daher niemand in den anderen direkt „hineinversetzen“ kann.

Der Soziologe Niklas Luhmann bezeichnete es präziser als „Beobachtung zweiter Ordnung“: Diese zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, zu beobachten, wie wiederum andere beobachten. Dies macht die Komponente des Verstehens in der Kommunikation aus: Man vollzieht nach, auf der Basis welcher ihm eigenen Rationalität der andere zu seiner Meinung kommt, indem man beispielsweise seine Lebensumstände bedenkt, seine soziale Situation, seine Sozialisation. Man kalkuliert das mit ein, was die Anthropologin Mary Douglas als „cultural bias“ bezeichnet hat: Die Prämissen, mit denen der andere an das Leben als solches herangeht, seine Vorstellungen von dem, was erstrebenswert ist und von dem, was bedrohlich ist. Gelingt dies, so gelingt die Beobachtung zweiter Ordnung. Diskutanten, die sich auf diese Weise verhalten, können gelassener miteinander umgehen, da sie einander die jeweils eigene Logik und somit die jeweils eigene politische Schlussfolgerung und Position zugestehen, ohne sie deswegen automatisch teilen zu müssen.

Grenzen der Moralkommunikation

Wer diese Fähigkeit besitzt, der ist imstande, mit Menschen aus verschiedensten politischen Lagern nicht nur sachlich debattieren zu können, sondern – man stelle sich vor – sogar mit ihnen persönlich befreundet zu sein, ohne dass politische Diskussionen pausenlos in persönliche Beschimpfungen und Freundschaftskündigungen ausarten müssen. Ja, man ist sogar imstande, Diskussionen – nicht allen, aber den meisten – mit einer größeren Gelassenheit entgegen zu treten. Natürlich: Manch einer wird dies zweifellos als Fatalismus und Gleichgültigkeit einschätzen. Das Gegenteil jedoch ist der Fall: Wer in zweiter Ordnung beobachtet und dadurch gelassener diskutiert, der bleibt auch länger politisch motiviert. Gleiches gilt dann in der Folge auch für die Diskussionspartner, da die fehlende Emotionalisierung die Atmosphäre der Diskussion grundlegend verbessern und zu konstruktiveren Ergebnissen führen wird.

Grundbedingung für die Einhaltung eines solchen „Kodex“ ist jedoch ein basales Eingeständnis, das für so manchen, insbesondere für so manchen Linken, schwer zu schlucken sein wird. Es geht um das Eingestehen der Tatsache, dass moralische Gut/Böse-Unterscheidungen immer nur einen selbst gelten, niemals jedoch per se auf andere übertragen werden können. Beobachtung zweiter Ordnung bedeutet, anderen die ihnen eigene Art der Rationalität und somit auch ihre eigene Moral zuzugestehen, die nicht automatisch keine Geltung mehr hat, nur weil sie der eigenen widerspricht.

Die zerstörte Brücke, Hubert Robert (1733-1808)

Meinungsfreiheit und politische Toleranz

Politische Toleranz kann es deswegen nur ganz geben – oder gar nicht. Ab dem Moment, in dem Einzelne abseits von den eigens dafür eingerichteten gesetzlichen Institutionen darüber zu urteilen versuchen, wo die Toleranz aufhört, bis wohin also die Moral und die Rationalität anderer von der jeweils eigenen abweichen darf, ab diesem Moment ist die Grundlage dafür gelegt, dass der politische Diskurs misslingt, da er potenzielle Diskurspartner ausschließt. Dies wiederum führt zur Abschottung der Gruppe der Ausgeschlossenen, dadurch zum Groupthink-Phänomen und somit letztendlich zur Radikalisierung. So wie Meinungsfreiheit also absolut gelten muss – Bedrohungen und Beschimpfungen, also Äußerungen, die offenkundig keinen sachlichen Inhalt haben und gerade auf die Diskreditierung des anderen und somit seinen Ausschluss aus der Kommunikation abzielen, ausgenommen –, so muss auch die Beobachtung zweiter Ordnung zunächst jedem gegenüber ausgeübt werden, und wenn das sachlich Geäußerte für den Zuhörenden noch so absurd, noch so falsch, noch so moralisch schlecht klingen mag.

Wir würden gut daran tun, bereits in der Schule mit dem Vermitteln einer solchen Form von Diskussionskultur zu beginnen. Es geht dabei nicht nur um eine Form der Bildung, die sich darauf beschränkt, den Kindern einzutrichtern, dass sie den anderen ausreden lassen sollen. Es geht genauso um die Frage, wie mit dem Gesagten konkret umgegangen wird und um eine Bildung, die darauf basiert, Kinder via Lehre von Beobachtung zweiter Ordnung zu sozialer Kommunikation zu erziehen – und damit zu sozialem Verhalten. Das Ergebnis wäre eine dialogfähige und demokratische politische Kultur, in der auch konservative und alternative politische Positionen wieder ihren legitimen Platz finden, anstatt eines sanft-totalitären, globalistischen Konsensbreis, in dem jeder Ansatz freien und kritischen Denkens im Gift des linken Moralins erstickt wird.

Florian Sander

Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD in NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er schrieb u. a. für ‚Le Bohémien‘, ‚Rubikon‘, ‚Linke Zeitung‘, den ‚Jungeuropa‘-Blog und ‚PI News‘, ist inzwischen Autor für ‚Arcadi‘, ‚Sezession‘, ‚Glauben und Wirken‘, ‚Wir selbst‘ und ‚Konflikt‘ und betreibt den Theorieblog ‚konservative revolution‘.

„Aus Liebe zur Kirche“ – Zum 30. Todestag von Erzbischof Marcel Lefebvre

„Aus Liebe zur Kirche“ – Zum 30. Todestag von Erzbischof Marcel Lefebvre

von Werner Olles

Das „Mitteilungsblatt“ der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) vom März 2021 widmet sich in einem umfangreichen Beitrag von Weihbischof Msgr. Bernard Tissier de Mallerais dem 30. Todestag des Gründers der „Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii Decimi“, der am 25. März 1991 im Schweizer Martigny verstarb. Am 29. November 1905 in der nordfranzösischen Stadt Tourcoing in einer kinderreichen, tiefgläubigen katholischen Familie geboren, trat er mit 18 Jahren in das französische Seminar in Rom ein und wurde im September 1929 zum Priester geweiht. Nach seinem Doktorat in Theologie begann er in der Diözese Lille seine pastorale Arbeit. Nach dem Noviziat in der Kongregation der Väter vom Heiligen Geist schickte man ihn nach Gabun, hier wurde er bald zum Rektor befördert und legte nach drei Jahren missionarischer Arbeit bei den Vätern vom Heiligen Geist seine ewigen Gelübde ab. 1945 rief ihn der Ordensobere nach Frankreich zurück und benannte ihn zum Rektor des Priesterseminars in Mortain. Im September 1947 wurde Pater Marcel Lefebrve zum Bischof geweiht und von Papst Pius XII. zum Apostolischen Gesandten für Französisch-Afrika ernannt. Hier gründete er Diözesen, Seminaren, Konvente und Schulen und wurde im September 1955 erster Erzbischof von Dakar.

Bischofsweihe von Marcel Lefebvre (4. von links, mit Krummstab und Mitra) am 18. September 1947 durch den Bischof von Lille, Achille Liénart.

Nach der Wahl von Johannes XIII. nahm er seit Juni 1960 an der Vorbereitungskommission des Zweiten Vatikanischen Konzils teil. In diese Zeit fiel seine Ernennung zum Bischof von Tulle, einer kleinen Diözese in Frankreich. Der Aufenthalt hier war jedoch recht kurz. Der Erzbischof spürte bereits den sich immer stärker ausbreitenden Modernismus, der mit der „Öffnung zur Welt“ einherging und augenfällig wurde im Ablegen der Soutane, dem sogenannten „Volksaltar“ und der Feier des Messopfers mit dem Rücken zum Kreuz und zum Tabernakel. Die Messe, an der immer weniger Gläubige teilnahmen, wurde vielfach nicht mehr so würdig gefeiert wie früher, konservative Priester und Bischöfe waren zunehmend entmutigt.

Am 11. Oktober 1962 wurde in Rom das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet. Die von der Vorbereitungskommission ausgearbeiteten Beschlüsse wurden sogleich verworfen und durch neue liberale und modernistische Texte ersetzt. Zwar widersetzte sich eine konservative Gruppe, der „Coetus Internationalis Patrium, die der Erzbischof maßgeblich prägte, dem Einzug liberaler Tendenzen in die Konzilstexte, doch letztlich konnte sie sich nicht gegen die besser organisierte Gruppe der Modernisten, die sogenannte „Rheinische Allianz“, durchsetzen, die die Unterstützung von Johannes XXII. und Paul VI. genossen. Die Progressisten siegten auf ganzer Linie, Erzbischof Lefebvre und die konservative Minderheit, die die Beschlüsse des Konzils zur Religionsfreiheit, zur bischöflichen Kollegialität und dem Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen scharf kritisierte und abgelehnt hatten, zogen den Kürzeren.

Als auch seine Ordensgemeinschaft den „Geist des Konzils“ annehmen sollte, legte er sein Amt als Generaloberer nieder und überlegte sich mit dreiundsechzig Jahren zurückzuziehen. Als ihn jedoch immer mehr Bitten junger Männer erreichten, die eine traditionelle priesterliche Ausbildung suchten, eröffnete er in der Schweiz ein neues Seminar, zunächst in Fribourg, später dann in Ecône. Am 1. November 1970 unterzeichnete Bischof Charriere das Errichtungsdekret der FSSPX, Kardinal Wright, Präfekt der Kleruskongregation in Rom schickte ein lobendes Ermutigungsschreiben. Im Juni 1971 wies der Erzbischof den neuen Ordo Missae offiziell zurück, wie auch den Tadel der beiden von Rom beauftragten „Visitatoren“, den Msgr. Lefebvre mit seinem „Bischöfliches Manifest“ adäquat beantwortete. In den 1980er und 1990er Jahren rissen die Berufungen aus aller Welt nicht ab. Neue Priesterseminare mußten gegründet werden, beispielsweise in den USA, in Deutschland, in Frankreich, in Argentinien und Australien. Rom reagierte auf die Bischofsweihe der Priester Bernard Tissier de Mallerais, Bernard Fellay, Alfonso de la Galaretta und Richard Williamson durch den Erzbischof mit der Exkommunikation derselben, die jedoch am 7. Juli 2007 von Papst Benedikt XVI. in Zusammenhang mit seinem Motu Proprio „Summorum pontificum“, das erlaubte die lateinische Messe im alten Ritus feiern, wieder aufgehoben wurde. Gleichzeitig stellte Benedikt fest, daß die „alte lateinische Messe“ nie verboten war. Damit befindet sich die FSSPX auch nicht im Schisma mit Rom, wenngleich ihr bis heute kein kanonischer Status zugestanden wird, der es ihr erlauben würde, eine Personalprälatur zu errichten. Natürlich gab es auch etliche Rückschläge, viele Priester verließen die Bruderschaft, um sich tradionalistischen Vereinigungen wie der Priesterbruderschaft St.Petrus, dem Institut St. Philipp Neri oder den Servi Jesu et Mariae anzuschließen, die der Ecclesia Dei-Kommission unterstehen und von Rom kanonisch anerkannt sind. Der Skandal um den englischen Bischof Williamson, der im schwedischen Fernsehen den Holocaust leugnete, erschütterte die FSSPX, die Williamson schließlich wegen Ungehorsam ausschloß. Ein Problem besteht auch mit den Sedisvakantisten, die den Hl. Stuhl nach dem Tod von Papst Pius XII. für nicht besetzt halten und die nachfolgenden Päpste als Häretiker beziehungsweise Apostaten bezeichnen. Zwar hatte auch Erzbischof Lefebvre den Zustand der Sedisvakanz nach dem Zweiten Vaticanum nie völlig ausgeschlossen, letztlich jedoch vor einem solchen Schritt zurückgeschreckt, um den Kontakt zu Rom nicht gänzlich abreißen zu lassen. Tatsächlich ist die Haltung der FSSPX zur Papstfrage in mancherlei Hinsicht widersprüchlich. Man kann wohl nicht einerseits einem Papst den Gehorsam verweigern und ihn dennoch als rechtmäßigen Papst anerkennen, auch wenn er theologisch eine liberale, modernistische Haltung einnimmt und ihm andererseits gehorchen, wenn er sich konservativ beziehungsweise traditionalistisch äußert. Zudem verwendet auch die FSSPX das bereits von Johannes XXIII. geänderte Meßbuch von 1962, in dem einige wichtige Passagen gestrichen wurden.

Dennoch muß man, auch wenn man vielleicht der Priesterbruderschaft St. Pius X. in bestimmten theologischen Fragen durchaus kritisch gegenübersteht, ihr neidlos zugestehen, daß sie „aus Liebe zur Kirche“ – wie der Titel des neuen Interviewbuches mit dem ehemaligen Generaloberen Bischof Fellay lautet –, in ihrem inzwischen über fünf Jahrzehnte währenden Widerstand gegen den geistlosen Modernismus und zeitgeistigen Opportunismus, der auch in die Römisch-Katholischen Kirche eingezogen ist, Großes geleistet hat.

Heute hat die Piusbruderschaft weltweit über 700 Priester, drei Weihbischöfe, zahlreiche Seminare und Schulen, und Berufungen von jungen Männern aus vielen Völkern. Das Werk des Erzbischofs, lebt in der Tat weiter, wenngleich die Probleme mit Rom fortbestehen, und eine offizielle kanonische Anerkennung trotz weiterhin bestehender Kontakte in weiter Ferne zu liegen scheint. Doch wie man als gläubiger Christ weiß, ist bei Gott kein Ding unmöglich. Und so stehen auf dem Grabstein des Erzbischofs auch die Worte: „Traditi quod acecpi“ („Ich habe weitergegeben, was ich empfangen habe“).

Kontakt: Priesterbruderschaft St. Pius X. Stuttgarter Str. 24, 70469 Stuttgart. www.fsspx.de

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor der Bücher:

Die LGBTQ-Ideologie und die Auflösung der westlichen Identität

Die LGBTQ-Ideologie und die Auflösung der westlichen Identität

von Prof. Dr. David Engels

Seit die Europäische Union am 11. März 2021 zur “LGBTQ-Freiheitszone” erklärt wurde, ist die Debatte um die “LGBTQ”-Ideologie in den Medien allgegenwärtig – und damit auch die Kritik an jenem “intoleranten” und “autoritären” Polen, in dem Homosexuelle angeblich ständige Angriffe auf ihre “Rechte” und sogar ihre körperliche Unversehrtheit erleiden. Abgesehen von den zahlreichen Absurditäten, die aus der bewussten Verdrehung der Tatsachen selbst resultieren, finden wir im Kern dieser Debatte einen Mangel an Unterscheidungsvermögen, der ganz typisch für unsere heutige Welt ist: den zwischen der Person und der Ideologie.

Zwar war Polen eines der ersten Länder in Europa, das die Homosexualität entkriminalisiert hat (1932; Deutschland im Vergleich dazu erst 1969), aber zwischen der Toleranz der freien Gestaltung des Privatlebens einerseits und der Gleichstellung hetero- und homosexueller Beziehungen andererseits liegt ein gewaltiger Schritt, den die Mehrheit der polnischen Bevölkerung und damit auch ihr Parlament und ihre Regierung nicht zu gehen bereit sind. Es geht in der aktuellen Debatte also keineswegs um den bloßen “Schutz von Minderheiten”, denn diese Minderheiten haben schon heute von der Gesellschaft oder dem Staat absolut nichts zu befürchten. Im Gegenteil, es handelt sich um eine fundamentale ideologische Entscheidung mit schwerwiegenden Folgen für die gesamte Gesellschaft, und aus diesem Grund müssen wir von einer echten “LGBTQ-Ideologie” sprechen, die untrennbar mit dem gesamten “politisch korrekten” Universalismus verbunden ist.

Dieser Ideologie zufolge ist die sexuelle Identität eines Menschen eine bloße “soziale Konstruktion” ohne realen Bezug zu seiner körperlichen Konstitution, und die Freiheit des Individuums besteht darin, ständig ein anderes “Geschlecht” und damit andere sexuelle Rollen annehmen zu können. Dies impliziert nicht nur die Forderung nach der Ehe für alle, die Liberalisierung des Adoptionsrechts, die Verharmlosung von Geschlechtsumwandlungstherapien und -operationen, die Forderung nach repräsentativen “Quoten” in allen denkbaren Körperschaften und die Einführung von LGBTQ-Themen bereits in der Grundschule oder sogar im Kindergarten, sondern auf lange Sicht, wie wir sehen werden, auch die Auflösung des Begriffs der natürlichen Familie selbst. Als ein auf jeder Stufe zentrales Argument erscheint hier (abgesehen von den rein rhetorischen Appellen an den Respekt vor der “Liebe”) die Kunstfigur des “kleineren Übels”, das beständig die (schädlichen) Folgen gescheiterter heterosexueller Beziehungen mit den (nützlichen) erfolgreicher homosexueller Verbindungen vergleicht: das “kleinere Übel”, dass Kinder besser bei liebenden homosexuellen Eltern aufwachsen als bei unglücklichen heterosexuellen Eltern; das kleinere Übel, dass homosexuelle Paare besser mit dem Segen der Kirche heiraten als dem Glauben„entfremdet“ werden; das “kleinere Übel”, dass die Ehe für alle zusammen mit der finanziellen Stabilität auch die politische Inklusion homosexueller Paare garantiert; usw. Aber wie üblich fehlt in dieser rein individualistischen und rationalistischen Gleichung der Gedanke an die Interessen der Gesellschaft als einer Gesamtheit, denn was für einige wenige Individuen ein “kleineres Übel” sein mag, kann die Grundlagen einer ganzen Zivilisation destabilisieren.

Natürlich liegt das Problem nicht (oder nicht nur) auf der Ebene einer drohenden “Relativierung” der natürlichen Familie, da sich die beiden Konzepte (noch) nicht in einer unmittelbaren Konkurrenzsituation befinden: Nur wenige Heterosexuelle würden ihre sexuelle Orientierung ändern, um von den rechtlichen Vorteilen einer homosexuellen Beziehung zu profitieren oder umgekehrt. Nein, das Problem ist ein grundsätzliches: Von dem Moment an, wo nicht mehr das Naturrecht und der Respekt vor den grundlegenden historischen Institutionen die Konstruktion der Familie und der Erziehungseinheiten bestimmt, auf denen unsere Gesellschaft beruht, sondern der reine soziale Konstruktivismus, werden auch alle anderen Grenzen früher oder später fallen. Sobald die Ausnahme unter dem Deckmantel des “Minderheitenschutzes” auf das gleiche Niveau wie die Norm gehoben wird, verliert letztere jegliche Bedeutung, und die Gesellschaft implodiert schnell in eine Vielzahl von Parallelgesellschaften, in denen nicht mehr der Konsens aller, sondern die stärkste Minderheit den Rest dominiert (was natürlich nicht nur für sexuelle Minderheiten gilt, sondern auch für ethnische, kulturelle, religiöse oder politische Gruppen).

Denn die Sexualität, losgelöst von ihrem eigentlichen physischen Träger und ihrer natürlichen Rolle als Mittelder Fortpflanzung, wird notwendigerweise zu einer Art Zeitvertreib, den zu begrenzen oder auf die eine oder andere Weise zu regulieren absurd wäre: Und wenn die verschiedenen Varianten der Homosexualität nicht nur toleriert, sondern der traditionellen Familie gleichgestellt werden, gibt es auch kein logisches Argument mehr, die Legalisierung polygamer, inzestuöser oder gar pädophiler bzw. zoophiler Konstellationen zu verbieten, wie sie von der Linken und den Grünen spätestens seit den 1968er Jahren gefordert wird. Schlimmer noch: Die Integration des Sozialkonstruktivismus in die Definition von Paar und Familie birgt nicht nur die Gefahr, dass es früher oder später zu einer Trivialisierung und damit zur Ausbreitung von grundsätzlich ungesunden, ja kriminellen Praktiken kommt, sondern diese Ideologie zeichnet sich geradezu durch ihre Feindschaft gegenüber dem etablierten heterosexuellen Modell aus. Die Linke begnügt sich nicht damit, sie als eine Option unter vielen möglichen Kombinationen überleben zu lassen, sondern assoziiert die traditionelle Familie, die durch die Banalisierung von Scheidungen und das Aufkommen der Patchwork-Familie bereits auf eine harte Probe gestellt wurde, mit einem vermeintlich unterdrückerischen, reaktionären, ja “fachistoiden” “patriarchalischen” Modell, wie schon Horkheimer und Deleuze betont hatten.

Weit davon entfernt, die Rechte einer winzigen “bedrohten” Minderheit gegen eine große unterdrückerische Mehrheit zu verteidigen, untergräbt diese komplexe und zutiefst antihumanistische Ideologie derzeit die letzten Grundlagen eines Familienmodells, das von allen Seiten angegriffen wird. Indem sie versuchen, die abendländische Gesellschaft von ihren letztennaturrechtlichen und traditionalen Grundlagen abzukoppeln, agieren LGBTQ-Aktivisten also nur als “nützliche Idioten” in einem ideologischen Kampf, dessen volles Ausmaß ihnen wahrscheinlich nur selten selber voll bewusst ist. Es ist daher verständlich, dass jede wirklich konservative Regierung früher oder später sehr klare Grenzen setzen muss, um ihre Werte zu verteidigen und einen Unterschied zu machen zwischen der Duldung der persönlichen Entscheidung einzelner Individuen und der formalen Legalisierung einer Ideologie, die droht, das, was von der westlichen Identität noch übriggeblieben ist, vollends zu unterhöhlen. Polen, und mit ihm viele Länder Osteuropas, hat diese Wahl getroffen, und Westeuropa, dessen Regierungen die gegenwärtige Europäische Union dominieren, scheint seine eigene am 11. März 2021 mit Unterstützung der „Christdemokratie“ ebenfalls gefällt zu haben. Die Zukunft wird deutlich zeigen, welche Folgen diese Entscheidung für die Stabilität, den Wohlstand und die Gesundheit der jeweiligen Gesellschaften haben wird…

Übersetzt aus dem Französischen von Visegrád Post. Dort wurde es auch erstveröffentlicht: https://visegradpost.com/de/2021/03/16/die-lgbtq-ideologie-und-die-aufloesung-der-westlichen-identitaet/?fbclid=IwAR326IHs3NfJIbw_ePHhQPFshFfREUhXYdBgmXMAENrSXdevK7c-MDoYcas

Wir danken Prof. Dr. David Engels für die Veröffentlichungsgenehmigung.

David Engels
David Engels

Prof. Dr. David Engels ist ein belgischer Historiker und hat derzeit eine Forschungsprofessur am Instytut Zachodni in Posen inne, wo er verantwortlich ist für Fragen abendländischer Geistesgeschichte, europäischer Identität und polnisch-westeuropäischer Beziehungen. Als Spezialist für alte, insbesondere für römische und seleukidische Geschichte ist er auch ein Denker des europäischen Konservatismus, der sich seit über einem Jahrzehnt mit Fragen der Identität, vor allem in der französisch- und deutschsprachigen Presse, befasst. 2013 veröffentlichte er Le Déclin, wo er die derzeitige Europäische Union und die rückläufige Römische Republik methodisch verglich. 2019 veröffentlichte er Renovatio Europae: Plädoyer für einen hesperialistischen Neubau Europas, gefolgt von Que faire?, Zwei Werke, die sich der Zukunft Europas zuwandten; das erste befasste sich mit der Reform der Institutionen und das zweite wandte sich an die einzelnen Menschen.

Zeitschrift Tumult: über die Taschenspielertricks der „offenen Gesellschaft“

von Werner Olles

Zeitschrift Tumult: über die Taschenspielertricks der „offenen Gesellschaft“

Zeitschriftenkritik: Tumult

Als „Pluralismus des Abgeschmackten“ bezeichnet Herausgeber Frank Böckelmann in seinem Vorwort zur Frühjahrs-Ausgabe 2021 von „Tumult“, der „Vierteljahresschrift für Konsensstörung“, die mit einem Taschenspielertrick als Schutzherrin der Vielfalt auftrumpfende „offene Gesellschaft“. Tatsächlich zähle sie nur „Gleiche und Tolerante“ zu den Vielen: „Blendet man aber bei Deutschen und Türken, bei Katholiken und Sunniten und bei Schürzenjägern und Knabenliebhabern das Überschwängliche und Unleidliche aus, hat man nur noch theatralische Repräsentanten vor sich“. Doch schreite im Geiste der Kampagnen des „Woke Capital“ die kulturelle Einebnung auf Erden stürmisch fort. Quotenregelungen setzten sich sogar auf den Besetzungslisten der TV-Produktionsfirmen und bei der Auswahl von Kriminalstoffen durch: Es herrsche strikte Rechtfertigungspflicht unter Demokraten. Pathetischer Minderheitenkitsch, Toleranz und Vielfalt entpuppten sich als „Wegbereiter einer vormundschaftlichen Weltordnung, die aufräumt mit nationaler Halsstarrigkeit“. Am Ende stehe „die digitale Zusammenschaltung unserer Gehirne“, die ausschließlich einvernehmliche Gedanken teilen.

Frank Böckelmann, Herausgeber von Tumult – Vierteljahresschrift für Konsensstörung

Der Literaturwissenschaftler Peter J. Breuner beschreibt das Corona-Regime der Bundesregierung als „Aneinanderreihung einer so beachtlichen Anzahl von schwerwiegenden Fehlleistungen, daß es auch den Qualitätsmedien nicht verborgen bleiben konnte“. Vom lange bestrittenen Schutzeffekt einer „Maskenpflicht“ und dann deren brachiale Durchsetzung, für die wiederum die Bundeswehr ein Transportflugzeug in der Ukraine anmieten mußte, um die Masken aus China heranzuschaffen, über das Scheitern der Corona-App, der Überforderung der 380 deutschen Gesundheitsämter, der ernüchternden Ahnungslosigkeit des RKI, der irrlichternden Lockdown-Politik bis zum Impfchaos um die Jahreswende, ergab sich das Bild einer „orientierungslosen Regierung und einer funktionsuntüchtigen Verwaltung“. So blieb nur der Rückgriff auf das „Repertoire eines Notstandsregimes“, das den kalten Hauch der DDR durch das Land wehen ließ. Über DDR-Maß hinaus ging das von der Berliner Infektionsschutzverordnung verhängte Verbot des Singens in geschlossenen Räumen. Doch gebe es den Staat, der diese Ordnungsmacht ausüben und Risiken beherrschen könnte, nicht mehr. Ein schönes Beispiel dafür sei die Mitteilung des Bundesamtes für Migration vom Mai 2020, nach der über 416.000 „Flüchtlinge“ in Deutschland das Geburtsdatum 1. Januar haben. Die Praxis der Personenstandsverwaltung erlaube jedem, der einmal seinen Paß entsorgt habe, seinen Geburtstag frei zu wählen, auch über das Geburtsjahr kann ebenso beliebig verfügt werden, wie über den Geburtsort, das Herkunftsland oder das Geschlecht. So entstehe eine „behördliche Lügenwelt“, von der Wissenschaft und den Mainstreammedien gefördert und umjubelt: Die marxistische Prophezeiung vom Absterben des Staates verkomme so zum „zerschlagenen und gelähmten Staat, (der) zum Manövrierfeld globaler Hasardeure wird, die überall ihre willigen Vollstrecker finden“. Doch falle „Panikstimulation statt Krisenkommunikation“ in Deutschland auf besonders fruchtbaren Boden durch die Mobilisierung der Angstkultur seit der Friedens- und Umweltbewegung der 1970er Jahre. Heute werde speziell in der Klimadiskussion die Panikbereitschaft als politische Tugend gefeiert, „unter deren Schutzschild unreife Halbwüchsige von den durchinfantilisierten politischen und Wirtschaftsführern der westlichen Welt als Heilsbringer umjubelt werden“. Warum erwachsene Menschen sich in dieser Weise von Pubertierenden zum Narren machen lassen und politisch korrekten Brachialkitsch goutieren, bleibt wohl ewig ein Rätsel.

Der Historiker und Soziologe Friedrich Pohlmann sieht zwar „Widerstand im Reich der großen Lüge“, doch habe sich die in alle Ritzen der Gesellschaft eingedrungene „Phraseologie des humanitaristischen Moraluniversalismus“ als giftiges Lügengewebe entpuppt, um die willige Mithilfe der Bevölkerung mittels konditionierender Indoktrination eines Sprachregimes an ihrer eigenen Entmachtung und schließlichen Ersetzung im „großen Austausch“ durchzusetzen. Das als „bösartige Überwältigung“ empfunden politisch gewollte Eindringen von Millionen kulturfremder junger Männer über die ungesicherten deutschen Grenzen habe als psychische Antriebe des Widerstandswillen, Zorn, Empörung, Verachtung und Ekel bis zum Haß mobilisiert: „Im moralischen Ekel kulminiert Verachtung. Seine Ableitung vom physischen Ekel, dessen Inbegriff Erbrechen ist, zeigt, daß er eine Reaktionsform gegen Personen ist, in den „Speichelleckerei“ und Heuchelei zusammenfließen; gegen Kreaturen vom Schlage eines Haldenwang oder Maas oder gegen die vielen lobhudelnden Schreiberlinge eines Regimes, dessen klarste Verkörperung auf unterer Ebene der Denunziant ist. Ihnen gegenüber wird schon ein vorgestellter Händedruck als Beschmutzung erfahren“. Wenn die Lüge als charakterischste Sprachäußerung der Macht empfunden werde, wachse dem Haß eine „quasi metaphysische Tiefenschicht zu“, denn, so Arnold Gehlen in „Moral und Hypermoral“: „Teuflisch ist, wer das Reich der Lüge aufrichtet und andere Menschen zwingt, in ihm zu leben. Er stiftet das Reich der Verrücktheit, denn es ist Wahnsinn sich in der Lüge einzurichten“. Zwar stimuliere entgrenzter Haß Erniedrigungs- und Gewaltphantasien und dürfe nicht gewollt werden, aber der „gezügelte“, von Gewaltwünschen gereinigte Haß lasse sich unter den gegenwärtigen Bedingungen sehr wohl gutheißen. So war beispielsweise der Verfassungsschutz nie ein neutrales Organ, nach Besetzung seiner Spitze mit einem Lakaien jedoch zum „vollständig willfährigen Instrument einer Exekutive geworden, gegen die er eigentlich vorgehen müßte“. Da die politische Korrektheit mittlerweile eine Vielzahl von Themenfeldern wie Migration, EU, Euro, Klima, Geschlechterverhältnis, Geschichtspolitik, Corona fest im Griff habe, sollte „Widerstand“ im und gegen das Reich der großen Lüge eine Gegen-Sprache kultivieren gegen die argumentationsunwillige Regime-Sprache, die „inhaltliche Kontur primär als Widerpart der Leitideen des humanitaristischen Universalismus“ betone.

Der vom „Konflikt Magazin“ übernommene Beitrag „Von der Anklage hin zur Kritik“, setzt sich mit dem Artikel „Zwei Ideen fusionieren“ von David Engels auseinander. Engels zeichnet hier die Vision eines vollendeten Globalismus, in welchem eine kleine Kapitalelite über eine eigentums- und machtlose Masse herrscht. Tatsächlich sei „der angepeilte Weltstaat jedoch nicht Resultat einer ideologischen Konvergenz von Liberalismus und Sozialismus, sondern notwendiges Endergebnis eines anhaltenden kapitalistischen Strukturwandeln“, seit global agierende Konzerne wie Google, Amazon, Facebook oder Ikea ein „kulturell wie politisch links verankertes Weltbild“ propagierten, dessen moralische Werte etwa Toleranz, Multikulturalismus und Gleichberechtigung umfaßten. Die Regenbogenflagge sei somit zu einem Sinnbild neoliberal-globalistischen Hegemoniestrebens geworden und schmücke zu Recht die Botschaften westlicher Staaten in Moskau oder Bagdad.

Der Germanist und Philosoph Rainer Hackel beschäftigt sich in seinem Essay „Ernst Jünger in Afrika“ mit den Tagebuchaufzeichnungen Jüngers aus Schwarzafrika und den „Afrikanischen Spielen“. Vor allem in seinen Tagebüchern vertrat der berühmte Autor durchaus kulturrelativistische Positionen und schilderte magische Praktiken, Besessenheit und sogar Menschenopfer, ohne sie zu rationalisieren oder als Aberglaube abzutun. Als er in einem Dorf in Liberia zum Ehrenhäuptling ernannt wird und der Superintendent betont, daß die Ehrung einem Veteranen zweier Weltkriege verliehen werde, kommentiert Jünger dies mit den Worten:“ Um so etwas zu hören, muß man zu den Mohren gehen“. Bei all seinem Unbehagen und seiner Kritik an der westlichen Welt läßt er aber keinen Zweifel daran, daß die Afrikaner den Europäer zum Vorbild erkoren haben, anstatt im Sinne der historisch gewordenen Negritude ihrem „Nomos“ zu folgen: „Für Jünger wäre sowohl die Angleichung afrikanischer Kulturen an die von digitalem Nihilismus und gesellschaftlicher Atomisierung geprägte westliche Welt als auch die zu erwartende Völkerwanderung von kulturell entwurzelten Menschen verhängnisvoll – führte beides doch in den Malstrom der Seinsvergessenheit und schließlich zur Implosion der Weltgesellschaft“.

Während Konrad Adam den Verlust des schönen Geschlechts als Resultat der feministischen Ideologie, des Egalitarismus und der Gleichheitssprogramme beklagt, die inzwischen sogar die Streitkräfte erfaßt haben und alle Welt darauf wartet, daß „eine Oberkommandierende ihre Männer ins Feuer schickt“, habe die angeblich so prüde, frauen- und sexualfeindliche Kirche, lebenserfahren wie sie war, der natürlichen Sinnlichkeit und Schönheit glücklicherweise nie ganz abgeschworen und das rigorose Bilderverbot des Alten Testament ignoriert. Nachzutragen sei nur noch, daß die Emanzipation das kinderlose Ehepaar hervorgebracht habe, was beweise, daß die Emanzipationsbewegung offensichtlich unfruchtbar war und daher keine Zukunft habe, ihre Ziele jedoch leider längst erreicht habe.

Der in Taiwan als Übersetzer lebende Marius R. Winter lobt Trumps Außenpolitik, die die Gefährlichkeit des imperialen Machtanspruchs Chinas erkannt, und der im Gegensatz zu seinem völlig überschätzten Vorgänger eine realistische Vorstellung von den Blutbädern und Verbrechen der KPCh gehabt habe. In Deutschland und Europa hat sich China hingegen bereits festgesetzt und versucht sein Zensurwesen hierher zu exportieren. Wer sich freundlich über den Dalai Lama oder Taiwan äußere, den treffe der Bannstrahl und die bösartigen Drohungen Pekings, wozu auch die Geschlossenheit zwischen Partei und Volk beitrage. Die muslimischen Uiguren in Xinjang hatten schon unter Mao schlimm zu leiden, doch seit zwei Jahrzehnten versucht das Regime mit brutalen Methoden ihre Religion, Kultur und Sprache konsequent auszulöschen. Der Widerstand gegen diese Unterdrückung sei kein Terrorismus, sondern Selbstverteidigung. Trumps Unterstützung für die unabhängige Demokratie Taiwan, wurde von den Taiwanern sehr geschätzt, fand jedoch in Deutschland kein Verständnis, weil man hier einfach nicht wahrhaben will, daß die Welt kein friedlicher Ort ist. Für Taiwan ist Pazifismus hingegen Selbstaufgabe gegenüber dem kommunistisch-imperialistischen Aggressor, der im Falle einer Übernahme der Insel Massaker ungeahnten Ausmaßes verüben und eine ganze Kultur restlos vernichten würde.

Der Medizinhistoriker und Verleger Armin Geus analysiert den Koran und die Scharia und verweist auf den Staatsrechtler Schachtschneider, der schon vor zehn Jahren deren generelle Unvereinbarkeit mit dem Grundgesetz festgestellt habe. In seinem pathographischen Essay „Die Krankheit des Propheten“ hatte Geus bereits den maßlosen Größenwahn, die Gewaltexzesse, Racheorgien und sadistischen Obsessionen des sogenannten Propheten beschrieben“ und seine pädosexuellen Neigungen, Lügen und dämonischen Besessenheiten als Krankengeschicht eines vom Wahnsinn gezeichneten Mannes gedeutet. Seiner Diagnose, die Krankheit des Propheten sei eine chronisch verlaufene paranoid-halluzinatorische Schizophrenie gewesen, werden die meisten Muslime gewiß nicht zustimmen, sollte Andersgläubige jedoch nicht davon abhalten, die nur um Wählerstimmen der Mohammedaner besorgten linken Parteien und versöhnungsbedürftigen Moderatoren mit den glaubwürdigen Erkenntnissen des Autors zu konfrontieren.

Kontakt: tumult.bestellen@t-online.de Das Einzelheft kostet 10 Euro, ein Jahresabo 40 Euro. Hier kann man das aktuelle Heft direkt bestellen: http://www.tumult-magazine.net

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor des Buches:

Der Ökonomisierung der Bildung entgegentreten

von Florian Sander

Der Ökonomisierung der Bildung entgegentreten

Eine konservative Abgrenzung von neoliberalen Auswüchsen

Die britischen Liberalen, die vor Jahren als Junior-Partner der Koalition im Vereinigten Königreich mitregierten, erleben seinerzeit, welche Folgen gebrochene Wahlversprechen haben können. Nachdem sie im Wahlkampf versprochen hatten, die Studiengebühren nicht anzuheben, hatte die Regierung dann doch eine Verdreifachung der Studiengebühren beschlossen, wonach die Universitäten ab September 2012 Studiengebühren in Höhe von bis zu 9000 Pfund im Jahr erheben dürfen. Dies hat Proteste nach sich gezogen, die später gar in einem Angriff auf Prinz Charles und dessen Gattin und weiterer Gewalt mündeten.

Das Beispiel der britischen Hochschulpolitik führt eine wichtige Erkenntnis vor Augen. Die britischen Studenten kämpften, ganz ähnlich ihren deutschen Kommilitonen im Rahmen des bundesweiten „Bildungsstreiks“, nicht nur gegen eine übermäßige Belastung ihres Geldbeutels mit der häufigen Folge späterer Verschuldung und einer gesellschaftsweiten sozialen Ungleichheit in der Frage des Zugangs zur Hochschulbildung, sondern auch gegen die Abwertung der Geisteswissenschaften vor dem Hintergrund einer Ökonomisierung eben jener Hochschulbildung. Gefördert werden sollen nämlich nur noch technische, mathematische und naturwissenschaftliche Studiengänge. Geistes- und Sozialwissenschaften wurden damit – nicht offen, aber implizit – für überflüssig erklärt.

Das Unwesen der Bologna-Reform

Derartig deutlich wie im Vereinigten Königreich hat in Deutschland bisher noch keiner der relevanten politischen Akteure seine Ignoranz gegenüber den Geisteswissenschaften bekundet. Deutliche Ansätze in diese Richtung waren aber dennoch seit der Bologna-Reform zu spüren. Die deutschen Studenten sollen vor allem als Humankapital für die Wirtschaft fit gemacht werden: Die Abschlüsse sollen vergleichbarer werden, das Studium kürzer und verschulter, die Inhalte „praxisnäher“, die Organisation vermeintlich „effizienter“. Mit der Einführung der auf anglo-amerikanische Standards zurechtgestutzten Bachelor-Master-Abschlüsse wurde das bewährte deutsche Diplom, bislang überall auf der Welt unhinterfragtes akademisches Qualitätssiegel, verdrängt. Die installierten Hochschulräte, ausgestattet mit erstaunlich weitreichenden Kompetenzen, wirken in ihrer Zusammensetzung nicht selten wie operative Kopplungen, über welche das Wirtschaftssystem seine (Profit-)Interessen besser in die Wissenschaften projizieren kann.

Es ist kein Geheimnis, dass dies oftmals eher vom linken Teil des politischen Spektrums problematisiert wird, während Union und FDP derlei Strukturen zu ihrer hochschulpolitischen Zielsetzung erklärt hatten. Konservative – und zwar nicht nur Sozialpatrioten, sondern nicht zuletzt auch „bürgerliche Liberalkonservative“ – sollte dies jedoch irritieren: Grundlage jeder freiheitlichen Programmatik ist immerhin die Verteidigung der verfassungsrechtlich garantierten Freiheiten. Und diese Freiheiten beziehen sich entgegen dem, was Juristen in ihren semantischen Selbstbeschreibungen gerne erzählen, nicht nur auf Individuen, sondern im Zuge einer soziologischen Perspektive vor allem auch auf die Autonomie der Funktionssysteme der modernen Gesellschaft.

Gebote der funktionalen Differenzierung

Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft, aufrecht erhalten durch die Verfassung als struktureller Kopplung von Politik und Recht, bildet die Grundlage der liberalen Demokratie. Über die Grundrechte sichert sie u. a. die Pressefreiheit (Autonomie des Massenmediensystems), das Recht auf Eigentum (Autonomie des Wirtschaftssystems), die Freiheit der Kunst (Autonomie des Kunstsystems) oder eben die Freiheit der Forschung und der Lehre (Autonomie des Wissenschaftssystems). Dies negiert freilich keine strukturellen Kopplungen des Wissenschaftssystems mit anderen Funktionssystemen, wie sie beispielsweise über Politikberatung, Marktforschung etc. zweifelsohne vorhanden sind und als solche auch ihre Existenzberechtigung besitzen.

Gleichzeitig bedeutet „Freiheit der Wissenschaft“ aber eben auch die Freiheit von der ausufernden Hegemonie einer wirtschaftlichen Codierung: Es kann und darf in der Wissenschaft eben nicht nur darum gehen, was ökonomisch von Nutzen ist. Es kann und darf nicht das Ansinnen der Forschung sein, ausschließlich Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was wirtschaftlichen Profit bringt. Und es kann und darf nicht das Ansinnen der Lehre sein, Studenten zu möglichst adäquatem wirtschaftlichem Humankapital zu verarbeiten. Legitime Forderungen, die insbesondere im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks in den letzten zwei Jahren wieder zunehmend von Studierenden artikuliert worden sind.

Loslösung von finanziellen Zwängen

Die Geschichte der Menschheit hat gezeigt, dass die Erfahrung oder die Konstruktion des Wissens einer Gesellschaft über verschiedenste Wege zustande kommt. Wer diese Wege durch ein ökonomisches Primat beschneiden und verengen will, der arbeitet nicht nur aktiv auf eine kollektive Verblödung hin, sondern tut zugleich das, was gerade der Bologna-Zeitgeist andauernd kritisiert: Er macht die Wissenschaften ineffizient. Gute wissenschaftliche Arbeit benötigt Kreativität und Freiraum. Sie benötigt daher auch – so idealistisch dies für manchen klingen mag – die Losgelöstheit von ständigen finanziellen Zwängen und Konditionen.

Einer meiner Professoren drückte es einmal plastisch aus: „Man muss sich in der Wissenschaft auch mal mit etwas beschäftigen können, was erst einmal unnütz wirkt.“ Letztlich sind es genau diese Beschäftigungen, die in der weiteren Arbeit die Resultate bringen, die dann vom Rest der Gesellschaft schließlich doch als „nützlich“ eingeschätzt werden. Die nötige geistige Elite ist kein Produkt von hyperschnellen Studiengängen, in denen Studenten mit nichts anderem beschäftigt sind, als in der Regelstudienzeit einer Unmenge von Scheinen, Leistungs- und Teilnahmenachweisen hinterher zu jagen. Die geistige Elite ist das Produkt von Studiengängen, die wissenschaftliche Neugier stimulieren und bewusst Freiräume zulassen, in denen Studenten ihr Wissen vertiefen können.

Wilhelm von Humboldt (Lithographie von Franz Krüger)

Humboldtsches Bildungsideal

Gerade Konservative sollten um die Bedeutung einer solchen, auch einmal nicht nur ökonomischen, sondern wissenschaftlichen Freiheit wissen. Stichwort: Das Bildungsideal nach Wilhelm von Humboldt – Einsamkeit und Freiheit als Grundbedingungen akademischer Tätigkeit. Diese Erkenntnis negiert nicht die Notwendigkeit von Wirtschaftlichkeit. Sie bringt jedoch die Einsicht mit sich, dass Wirtschaft ein Instrument ist – kein Selbstzweck. Letztendliche Grundlage für die Weiterentwicklung und den Fortschritt einer Gesellschaft ist nicht das Erzielen von finanziellem Gewinn, sondern das Erlangen von Wissen. Wenn Konservative für Freiheitlichkeit einstehen wollen, so sollte sich eben dieses Credo auch in der hochschulpolitischen Konzeption der AfD niederschlagen.

Florian Sander

Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD in NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er schrieb u. a. für ‚Le Bohémien‘, ‚Rubikon‘, ‚Linke Zeitung‘, den ‚Jungeuropa‘-Blog und ‚PI News‘, ist inzwischen Autor für ‚Arcadi‘, ‚Sezession‘, ‚Glauben und Wirken‘, ‚Wir selbst‘ und ‚Konflikt‘ und betreibt den Theorieblog ‚konservative revolution‘.

Verfassungsschutz als Konkurrenzschutz: …und täglich grüßt der Extremist!

von Klaus Kunze

Verfassungsschutz als Konkurrenzschutz: …und täglich grüßt der Extremist!

Das Publikum läßt sich immer weniger beeindrucken durch staatliche “Extremismus”-Alarmschreie. Es hat sich herumgesprochen, daß als Extremist immer etikettiert wird, wer der jeweiligen Regierung besonders unangenehme Konkurrenz macht.

Eine Partei amtlich als verdächtig zu stigmatisieren, hat den Zweck, ihr qualifizierte Mitglieder zu entziehen, weil Beamte und öffentliche Bedienstete um ihre Stellung fürchten. Eine inhaltliche Diskussion darüber, was Extremismus überhaupt ist, wird tunlichst vermieden. Sie könnte sonst auf ihre Urheber und die amtlichen Stigmatisierer selbst zurückfallen.

Juristisch ist ein Extremist, wer die grundlegenden Verfassungsentscheidungen des Grundgesetzes ablehnt und bekämpft. Das ist bei bei sauberer Anwendung begrifflicher Kategorien leicht möglich, weil die Merkmale der freiheitlichen demokratischen Grundordnung höchstrichterlich und gesetzlich feststehen. Zu ihnen zählen die Verfassungsentscheidungen für die Republik als Staatsform, die Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratieprinzip und andere.

Unschwer läßt sich nachweisen, daß eine Partei wie die SED, die sich jetzt die Linke nennt, nur mit einem Bein in unserer Grundordnung angekommen ist. Das herrschende politisch-mediale System will diese teilweise linksextremistische Partei aber unbedingt integrieren und mißt sie darum nicht an der verfassungsrechtlichen Meßlatte. Ihr Maßstab vermag auch bei der rechten Konkurrenz von der AfD nichts Verfassungsfeindliches aufzudecken, weshalb man lieber politologisch argumentiert.

Politologischer Extremismusbegriff

Politologisch erkennt der Extremismusforscher Harald Bergsdorf einen Extremisten daran, daß er erstens den Wahrheitsanspruch erhebe, mit seiner Doktrin die einzig wahre Weltsicht gefunden zu haben. Darum kämpfe er zweitens mit besonderem Rigorismus gegen andere Interessen, Lebensformen und Wertvorstellungen. Weil Freund-Feind-Denken und Haß die Hauptantriebskräfte extremistischer Politik seien, seien sie heterophob und wollten demokratischen Pluralismus nicht akzeptieren. (1)

Legt man diese weitgehend anerkannte Definition zugrunde, fällt es leicht, in den Medien und tagespolitischen Ereignissen Extremisten auszumachen: Sie dulden keinen politischen Pluralismus, sondern grölen “XYZ raus!”, fürchten “heterophob” abweichende Moral- und Politikvorstellungen, sehen in ihren politischen Widersachern Feinde, denen man “keinen Fußbreit” Straße zugestehen darf und von denen man nach der Machtergreifung schon mal den einen oder anderen erschießen könnte.

Die Energiewende sei auch „nötig nach ’ner Revolution. Dann sagt sie: „Und auch wenn wir das ein Prozent der Reichen erschossen haben, ist es immer noch so, dass wir heizen wollen, wir wollen uns fortbewegen.“ Ihre Worte rufen Gelächter und Beifall hervor.

Die Welt 10.3.2020

Was geht in den Köpfen von Extremisten wirklich vor? Das fragten sich Wissenschaftler um  Leor Zmigrod vom Department of Psychology & Behavioural and Clinical Neuroscience Institute, University of Cambridge. Die experimentellen Psychologen publizierten eine Studie über die Geistesverfassung solcher Leute:

Extremistische Ideologien zeichnen typischerweise ein klares Bild von Gut und Böse und präsentieren ihren Anhängern scheinbar einfache Lösungen und Handlungsstrategien. Viele Vertreter einer starken Ideologie sind bereit, diese gegebenenfalls auch mit Gewalt zu verteidigen. Präventionsprogramme gegen Radikalisierung verlassen sich bislang oft vor allem auf demographische Daten wie Alter, Rasse und Geschlecht. Diese können aber nur in sehr eingeschränktem Maße vorhersagen, welche Menschen anfällig für extremistische Positionen sind.

Elena Bernard, wissenschaft.de 23.2.2021

Wenn man einem Pfarrer ein Problem vorlegt, empfielt er Beten als Lösung, der Lehrer wird es auf schlechte Erziehung zurückführen, der Arzt auf ungesunde Ernährung und der Psychologe auf eine lockere Schraube. Der psychologische Ansatz zur Lösung des Extremismusrätsels ist aber ein Schlüssel zur Beantwortung der wichtigen Frage, wie man mit Extremismus umgehen kann.

Die Auswertungen ergaben: „Extreme Einstellungen für eine bestimmte Gruppe, einschließlich der Befürwortung von Gewalt gegen Personen außerhalb dieser Gruppe, waren mit einem schlechteren Arbeitsgedächtnis, langsameren Wahrnehmungsstrategien und Tendenzen zu Impulsivität und Sensationssucht verbunden“, berichten die Autoren.

Elena Bernard, wissenschaft.de 23.2.2021
Extremisten sehen die Welt nicht in ihrer bunten Komplexität, sondern reduzieren sie auf
hell-dunkel-, arm-reich- oder gut-böse-Kontraste.

Gut und Böse – Universalschlüssel zur Weltdeutung

Es liegt nahe, ein extremistisches Weltbild eher bei Menschen zu vermuten, die von unserer immer komplizierter werdenden Lebenswelt heillos überfordert sind. Wer “ein klares Bild von Gut und Böse” zeichnet und “scheinbar einfache Lösungen” anbietet, reduziert diese Komplexität auf einfache Grundmuster. So läßt sich vor allem in der medialen Verarbeitung täglicher Ereignisse beobachten, daß diese nicht mehr in ihrer Komplexität erfaßt werden. Vielmehr werden sie “geframt”, also eingerahmt in ein vorgekautes Schema von Gut und Böse.

Täglich zeichnen unsere Staatssender “ein klares Bild von Gut und Böse” und sind stolz auf ihren Haltungsjournalismus, der bei jeder Aussage die moralischen Implikationen bedenkt und sich von ihnen leiten läßt. Naturgemäß handelt es sich dabei um das sehr spezielle Gut und Böse der Medienleute.

Es wird konturiert durch eine komplexe Ideologie. Diese sucht in der Tendenz alle gewachsenen Institutionen wie Ehe, Familie, Volk und Vaterland zu dekonstruieren. Nach Atomisierung und Vereinzelung der Menschen sollen sie direkt abhängig werden von einem globalen Humanitarismus, der den ökonomischen Bedürfnissen multinational agierender Konzerne entgegenkommt. Wer die Haltung dieser Ideologie annimmt, für den sind Ehe, Familie, Volk und Vaterland “böse” und ist jede Emanzipation von ihnen “gut”.

Wer geistig überfordert ist und die  komplexe Wirklichkeit auf einen einfachen Nenner bringen möchte, öffnet wie mit einem Universalschlüssel scheinbar die Tür zu allen Antworten. Es gibt aber auch jenseits des Extremismus psychische Grunddispositionen, die politische Haltungen bestimmen. Je ängstlicher jemand ist, desto stärker wird er sich an schützende Institutionen klammern, die seinem Leben Orientierung und Struktur verleihen.

Eine fruchtbare Literatur hat gezeigt, dass die ideologischen Neigungen von Individuen mit verschiedenen psychologischen Merkmalen zusammenhängen, wie z. B. ihren persönlichen Bedürfnissen nach Ordnung und Struktur, kognitiver Flexibilität, Metakognition und Lernstilen und sogar Wahrnehmungsreaktivität gegenüber negativen Informationen. Das Aufkommen der politischen Neurowissenschaften, das die neuronalen Strukturen und Prozesse veranschaulicht, die der (politischen) Ideologie zugrundeliegen, wirft noch tiefere Fragen auf, wie kognitive Mechanismen zwischen Gehirn und Glauben vermitteln können.

Leor Zmigrod, The cognitive and perceptual correlates of ideological attitudes: a data-driven approach, 22.2.2021, royalsocietypublishing.org

Um das Bedürfnis nach Ordnung und Struktur zu befriedigen, taugt aber jede starre gesellschaftliche Ordnung gleichermaßen. Ob jemand die gewohnte sozialistische Ordnung der alten DDR wieder herbeisehnt oder ein anderer der alten Bonner Republik nachtrauert, bleibt sich psychologisch gleich: Beide fallen aus psychologischer Sicht unter die “Konservativen” mit spezifischen Merkmalen.

Ideologien können allgemein als Lehren beschrieben werden, die epistemische und relationale Normen oder Formen der Feindseligkeit streng vorschreiben. Die vorliegende Untersuchung vertritt einen domänenübergreifenden Blick auf die Definition von Ideologie, wobei der Schwerpunkt auf den Faktoren liegt, die mit dem ideologischen Denken in mehreren Bereichen wie Politik, Nationalismus und Religion verbunden sind. Dies schließt Dogmatismus ein, der als inhaltsfreie Dimension des ideologischen Denkens konzipiert werden kann, die die Gewißheit widerspiegelt, mit der ideologische Überzeugungen vertreten werden, und die Intoleranz gegenüber alternativen oder gegensätzlichen Überzeugungen.

Leor Zmigrod, The cognitive and perceptual correlates of ideological attitudes: a data-driven approach, 22.2.2021, royalsocietypublishing.org

Die Konvergenz von rechtlicher, politologischer und psychologischer Sicht

Daß Dogmatismus ein festes Merkmal von Extremisten und an rigide durchzusetzenden Überzeugungen zu erkennen ist, weiß auch die politologische Extremismusforschung, die sich hier mit der Psychologie trifft.

Die Intoleranz gegenüber alternativen oder gegensätzlichen Überzeugungen verführt wiederum zu politischen Überzeugungen, die anderen Ansichten “keinen Fußbreit” lassen wollen, sie für “keine Meinung, sondern ein Verbrechen” halten und darum verbieten wollen. Wer das Monopol auf eine politische Wahrheit für sich beansprucht, Andersdenkende verteufelt und aus dem Rennen um Wählergunst und demokratische Mitwirkung nehmen will, erweist sich damit auch als Verfassungsfeind: Feind der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

Wer das Monopol auf eine politische Wahrheit für sich beansprucht, Andersdenkende verteufelt und aus dem Rennen um Wählergunst und demokratische Mitwirkung nehmen will, erweist sich damit auch als Verfassungsfeind: Feind der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

Solche Feinde haben 2021 ihren langen Marsch durch die Institutionen erfolgreich abgeschlossen und instrumentieren bereits den Verfassungsschutz. Dieser sieht Extremisten überall dort, wo er sie auftragsgemäß sehen soll. Nur bei seinen politischen Instrukteuren sieht er ihn nicht.


(1) Bergsdorf, in: Backes, Uwe und Eckhard Jesse (Hrg.), Gefährdungen der Freiheit, Extremistische Ideologien im Vergleich, Göttingen 2006, S.182.

Dieser Beitrag ist auch unter dem Titel „Und täglich grüßt der Extremist“ auf Klaus Kunzes Blog erschienen:http://klauskunze.com/blog/2021/03/05/und-taeglich-gruesst-der-extremist/

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Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

Und das neue Werk von Klaus Kunze ist nun auch lieferbar: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

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Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

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Warschau und Budapest als Europas Prügelknaben

von Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn

Warschau und Budapest als Europas Prügelknaben

Als Polen in den 1970er/1980er Jahren dringend Solidarität braucht, gibt es für die Freiheitsbewegung der Solidarność aus dem „offiziellen Deutschland“ in Ost und West keinerlei Hilfe. Helmut Schmidt (Bundeskanzler von 1974-1982) signalisiert
DDR-Chef Honecker Verständnis für die Verhängung des Kriegsrechts in Polen. Er hat Angst, dass seine Annäherung an die SED-Führer „durch Unruhe im Nachbarland Polen gefährdet werden könnten. Im Unterschied zu anderen westeuropäischen Diplomaten gingen westdeutsche und vor allem sozialdemokratische Politiker möglichst jedem Kontakt mit der polnischen Opposition aus dem Weg. […] Herbert Wehner [bis 1983 SPD-Fraktionschef im Deutschen Bundestag] reist als erster westlicher Politiker bereits wenige Tage nach Verhängung des Kriegsrechts im Januar 1982 nach Warschau, um sich von den kommunistischen Machthabern direkt informieren zu lassen; [1984] nahm er auch noch ausgerechnet am Jahrestag der Ausrufung des Kriegsrechts einen Orden [der polnischen KP] entgegen. Noch bei Besuchen im Jahre 1985 gehen der SPDVorsitzende Hans-Joachim Vogel und Willy Brandt einem Treffen mit Lech Walesa aus dem Weg.“1

Als Fachkräfte aus Polen nach Deutschland abwandern, fordert kein Berliner
Politiker, dass sie lieber die Heimat aufbauen als dem ohnehin reichen Deutschland
zuarbeiten sollten. Es wäre eine wahrscheinlich erfolglose, aber doch Mitgefühl
ausdrückende Geste der Solidarität gewesen. Als Deutschland 2015 allerdings
Millionen Menschen aus Afrika und dem Islambogen in die EU holt, wird alsbald die
Solidarität entdeckt – und zwar als eine den Polen fehlende Eigenschaft, denn das
Land will sich an Ansiedlungen unbekannter Dauer nicht beteiligen.

Zunächst freilich lauten die Aussagen noch sehr unterschiedlich, denn man erwartet allen Ernstes die Zuwanderung von Millionen hochqualifizierten Menschen. Selbst der Daimler-Benz-Direktor Dieter Zetsche erkennt in den 2015 Hereindrängenden „eine Grundlage für das nächste deutsche Wirtschaftswunder.“2 Hätten die Neuankömmlinge tatsächlich Mercedes oder Siemens wieder zu globalen Innovationsführern gemacht, hätte wohl niemand Polen gedrängt, diese Könner bei sich aufzunehmen: Man hätte sie ganz still eingesackt und niemanden gebeten, doch bitte solidarisch zu sein und diese Ingenieure und Hightech-Spezialisten in ihre Betriebe zu holen.
Bald aber kommt heraus, dass 85 bis 90 Prozent der Neuen unqualifiziert sind.3
Eingedeckt bis zur Halskrause mit teuren Sozialhilfeempfängern, ruft Deutschland
daher auf einmal Solidaritäts-Parolen in höchster Lautstärke durch ganz Europa. Wer
darauf nicht hereinfällt, wird als minderwertig in Sachen Menschlichkeit diffamiert.
Offene Wut trifft schließlich alle, die auch angesichts solcher Beleidigungen nicht
einknicken, sondern das Manöver nur zu gut durchschauen.
Vor allem Budapest und Warschau werden dämonisiert. Bis heute kann man dort
flanieren, ohne Menschenmengen durchpflügende LKWs fürchten zu müssen. Obwohl antijüdische Ranküne nicht fehlt, benötigen Synagogen keinen Schutz durch
gepanzerte Fahrzeuge. Auch altehrwürdige Kirchen bleiben von Brandstiftern
verschont – und die am Straßenrand parkenden neuen Autos auch. In der NATO gehört zwar nicht Ungarn, aber doch Polen zur kleinen Minderheit, die den vereinbarten Beitrag zur Verteidigung der westlichen Allianz leistet.4 Hingegen steht ein Bündnis-Gütesiegel für die Finanzierung der Gasleitungen Putins nach Deutschland weiterhin aus. Berlin verbittet sich hier jegliche Mahnung zur Solidarität mit den besorgten östlichen Nachbarn.
Längst ist auch Angst im Spiel, wenn gerade jene Regierungen als Europas
Buhmänner verschrien werden, die Torheiten unterlassen und für die Sicherheit ihrer
Menschen einstehen. Fürchtet man, eines Tages von den eigenen Bürgern an ihnen
gemessen zu werden? Wenn Berlin auf Solidarität pocht, wird damit stets ein
Eigeninteresse maskiert. Solches Bestreben ist selbstredend bei allen am Werk. Doch es bei anderen zu tadeln, sich selbst hingegen moralisch aufzuplustern, ist ein Spielchen, das man am ehesten durch Nichtbeteiligung abstellt. Am Ende werden die Vorteile der osteuropäischen Maßnahmen – kein Terror und keine Überwältigung durch bildungsferne Einwanderer – zum stärksten Argument gegen ihre Verleumdungen.

Nachweise
1) http://niemcydlasolidarnosci.pl/prasa/prasa-inna/die-solidarnosc-und-die-spd/
2) https://www.faz.net/aktuell/technik-motor/iaa/daimler-chef-zetsche-fluechtlinge-koenntenneues-wirtschaftswunder-ausloesen-13803671.html ; Fettdruck GH
3) http://www.rp-online.de/wirtschaft/unternehmen/ba-chef-frank-juergen-weise-fluechtlingekeine-antwort-auf-fachkraeftemangel-aid-1.6709807
4) https://www.graphicnews.com/de/pages/38134/militar-beitragszahlungen-der-natomitgliedslander

Prof. Dr. Gunnar Heinsohn

Professor Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, geboren 1943 in Gotenhafen, ist Wirtschaftswissenschaftler, Soziologe und Historiker. Er ist emeritierter Professor der Universität Bremen, wo er 1993 Europas erstes Institut für vergleichende Völkermordforschung aufgebaut hat. Heinsohn verfasste u.a. die erste Enzyklopädie zu Genoziden (Lexikon der Völkermorde, 1998). Er lehrt Kriegsdemografie am NATO Defense College in Rom und Eigentumsökonomie am Management-Zentrum St. Gallen.

Das Foto von Prof. Heinsohn haben wir auf der Seite von Wikipedia gefunden: Von Freud – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29218949

Der Artikel von Prof. Dr. Dr. Heinsohn wurde hier erstveröffentlicht:

KOMMENTARE aus dem WESTINSTITUT:

Instytut Zachodni
im. Zygmunta Wojciechowskiego
ul. Mostowa 27A, 61-854 Poznań

https://www.iz.poznan.pl/aktualnosci

Wir bedanken uns bei Herrn Prof. Dr. Dr. Heinsohn und bei Prof. Dr. David Engels für die Veröffentlichungsgenehmigung.

Diabolischer Ökologismus – Die Linke und die Ökologie

von Dr. Winfried Knörzer

Diabolischer Ökologismus – Die Linke und die Ökologie

Den Verlust der Diskurshoheit über die Ökologie zugelassen zu haben, muß als ein schwerer Fehler der Rechten/des Konservativismus bewertet werden. Schlimm ist es zum einen, weil die Ökologie zum originären Kernbestand rechter Weltanschauung gehört: Bewahrung des Eigenen und Ursprünglichen, Einklang mit der natürlichen Wirklichkeit, Skepsis gegenüber Fortschritt und dem Primat des Ökonomischen. Schlimm ist es zum anderen, weil die Ökologie seit Ende 70er Jahre in zunehmenden Maße zu einem zentralen Thema der Politik aufgerückt ist und man sich ohne Not der Mittel begeben hat, um in der diesbezüglichen politischen Auseinandersetzungen mitreden zu können. Man mag nun, was sicherlich großenteils zutrifft, einwenden, daß die Rechte bereits zum damaligen Zeitpunkt zu marginalisiert war, um hierbei überhaupt gestaltend einwirken zu können. Das ändert aber nichts an der Tasache, einen Fehler begangen zu haben. Vergrößert wird dieser Fehler nachträglich noch durch das Versäumnis, darüber nachzudenken, was die Okkupation der Ökologie durch die Linke eigentlich bedeutet.

Ansätze für eine ökologische Neuorientierung der Rechten und Konservativen: Ausstieg aus dem Wettlauf des Immer-Mehr!

Schutz der Umwelt, eine langfristige, auf die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen gerichtete Zukunftsperspektive, Ausstieg aus dem Wettlauf des Immer-Mehr, statt dessen Bereitschaft zur Askese und Bescheidenheit: welcher wirklich Konservative kann diesen Zielen widersprechen? Was ist daran falsch, wenn die Linke das verwirklicht, was die Rechte unterlassen hat? Ich traue der Linken nichts Gutes zu. Sie ist eine diabolische Macht, die alles verdreht, verfälscht und vergiftet, was sie in die Hände bekommt. Darum ist zu fragen: worin besteht die Falschheit der linken Ökologie?

Beginnen wir mit einem geschichtlichem Rückblick. Die Hoffnungen der rebellierenden Studenten auf eine baldige Revolution hatten sich nicht erfüllt, was Anfang der 70er Jahre allmählich den meisten bewußt wurde. Die Arbeiter hatten dem Werben der akademischen Revolutionäre die kalte Schulter gezeigt. Die Szene war zum kleineren Teil zersplittert in Theoriezirkel und marxistisch-leninistische Sekten, die sich gegenseitig befehdeten. Die Mehrheit freilich begeisterte sich weder für den Kommunismus sowjetischer noch chinesischer Prägung, sondern hing einer etwas nebulösen Mischung von Sozialismus, Anarchismus und Radikaldemokratismus an, die vom Mörtel eines lebensweltlichen Linkssein­gefühls zusammengehalten wurde. Man nannte dies „undogmatisch“. Praktisch lief dies auf das Bestreben hinaus, irgendetwas links von der SPD machen zu wollen. Die Chance zur Umsetzung dieses Projekts bot sich mit der Parteigründung der Grünen an. Auf den ersten Blick erschien diese Partei keineswegs als Kandidat einer Liebesheirat, weil ganz zu Anfang noch echte Konservative wie Herbert Gruhl und Baldur Springmann den Ton angaben. Doch einerseits hatten die Erfahrungen in der Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung, die damals rasch zu beträchtlicher Größe angewachsen waren und mit eindrucksvollen Aktionen auf sich aufmerksam machten, gezeigt, welche Vorteile es mit sich bringt, den revolutionären touch ein wenig zurückzunehmen, um dadurch anschlußfähig zu werden für die Welt der „Normalbürger“ außerhalb des linksextremen Ghettos und so endlich die sehnlichst benötigte „Massenbasis“ zu finden. Andererseits wußte man dank der vorangegangen Kaderarbeit um die Vorteile von Organisation. Nur Institutionalisierung kann einer Bewegung Dauer und politische Schlagkraft verleihen. Darum war es sinnvoll, die noch kleine Schaluppe der Grünen zu kapern und sie in ein mächtiges Linienschiff umzubauen, auf dem man selbst das Kommando führt.

Die Konterbande in Form des Themas Ökologie, die den Linken bei diesem Beutezug unversehens in die Hände fiel, entsprach nicht deren Herzensanliegen. Aber genauso wie Piraten, die erbeutete Seidenstoffe und Gewürze nicht selbst gebrauchen können, verstanden sie es, mit diesem Pfund zu wuchern. Sie errangen mit einem Schlag die Meinungs­führerschaft über ein Thema, das immer wichtiger werden sollte, wobei dessen Wichtigkeit durch eigenes propagandistisches Zutun noch gesteigert wurde, und damit auch Macht. Machtbesitz als solcher, gleich worauf er beruht, ist politisch immer wertvoll, weil man vom Brückenkopf einer einmal errungenen Machtposition aus, seine Macht ausdehnen kann. Des weiteren sollte es auch keine Schwierigkeit bereiten, den Kampf gegen Kernkraftwerke und Umweltverschmutzung in den Dienst einer gegen den Kapitalismus und das herrschende System gerichteten Politik zu stellen, indem die ökologische Problematik als Folge rücksichtsloser Kapitalverwertungsinteressen interpretiert wurde.

Man hatte kein originäres Interesse an der Ökologie, auch wenn man sich allmählich damit identifizierte, wie dies auch jeder Amtsinhaber tut, wenn er mit einer ihn eigentlich nicht interessierenden Aufgabe betraut wird. Man verstand aber die Ökologie als Mittel zu gebrauchen, um den eigentlich interessierenden politischen Zweck zu befördern. Mit dieser Instrumentalisierung des Ökologischen haben wir den ersten markanten Unterschied zur originären Naturverbundenheit des Konservativismus herausgefunden.

Nähern wir uns nun der Gegenwart. Worin besteht linke ökologische Politik? Sie besteht aus Verordnungen, Grenzwerten, Verboten, Warnungen, Verzichtsappellen. Sie ist rein negativ ausgerichtet. Man soll auf Autos, Flugreisen, Fleisch und sonstige Annehmlichkeiten verzichten, weil ein Weitermachen wie bisher zur großen Katastrophe, zum Untergang der Menschheit führen wird. Warum soll man all das preisgeben, nur weil fragwürdige Hochrechnungen eine solche Zukunft, die aber immer ungewiß sein wird, voraussagen? Es wird kein positives, erstrebenswertes Zukunftsbild eines mit der Natur versöhnten Daseins angeboten. Dazu bedürfte es im Grunde nicht viel: die Waldwanderung, der Ausritt, die Arbeit im Garten, die Kirschblüte, das Flattern eines Schmetterlings. Aber das ist zu kitschig, zu spießig oder mit einer Floskel aus jüngster Vergangenheit: zu affirmativ. Es wird immer nur die Hölle in den düstersten Farben ausgemalt, aber nie das Paradies gezeigt. Was sollte einen daran hindern, das Leben jetzt zu genießen und nach uns die Sintflut kommen zu lassen, wenn die Zukunft eh nur ein durchrationiertes Minimalleben in grauer, freudloser Ödnis bereithält? Die Unfähigkeit, ein positives Zukunftsbild zu entwerfen, hat zwei Gründe. Der erste Grund besteht in Vorherrschaft abstrakten Denkens, das nicht in der Lage ist, etwas konkret Bildhaftes sich vorzustellen. Die linken Ökologen entstammen urbanen Milieus. Sie kennen die Natur nicht und können sie daher auch nicht lieben. Was sie mit der Natur verwechseln, sind Tabellen mit Zahlenangaben zur Umwelt. Dieser technizistisch-intellektualistische Zugriff führt auch zur maßlosen Überschätzung des Faktors Kohlendioxid und damit auch zur fernen und abstrakten Gefahr der Klimaerwärmung, weil diese rational faßbar ist. Dagegen wird die ganz reale, unmittelbar sinnfällige Natur­zer­störung übersehen: Das Artensterben, die Zersiedelung, Asphaltierung, Vernutzung der Landschaft, eine gerade auch widersinnigerweise ökologisch motivierte Vernutzung in Form von fatalen Bioenergiemonokulturen und Windrädern, die nicht nur häßlich sind, sondern auch Insekten und Vögel töten. Der zweite Grund ist ein politisch-(pseudo)re­ligiöser. Man haßt und verachtet die Welt, so wie sie ist. Weltekel kann sowohl in ein passives, weltabgewandtes Eremitentum münden, als auch in eine aktivistische eschatologische Aufstandsbewegung. Da Ökologie politisch codiert ist, kommt nur die zweite Möglichkeit in Betracht. Man ist weder in der Lage, die ökologische Problematik in ihrer Komplexität zu begreifen, noch willens, an konstruktiven Lösungen mitzuwirken, die ein Minimum an Verzicht und ein Maximum naturnaher Lebensgestaltung beinhalten, aber man hat die Macht, andere zu drangsalieren, ihnen den eigenen Willen aufzuzwingen und mit der Zerstörung des Bestehenden zu drohen. Welch Triumph des Machtgefühls ist es, die ach so stolze Autoindustrie auf ihrem Canossagang vor einem auf den Knien rutschend zu sehen, demütig um Gnade flehend!

Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Ost und West – die Kluft zwischen dem traditionalistischen und dem globalistischen Europa

Ost und West – die Kluft zwischen dem traditionalistischen und dem globalistischen Europa

von Prof. Dr. David Engels

Trotz der Coronavirus-Pandemie, die alle Medienaufmerksamkeit vereinnahmt, zeigen die jüngsten Debatten über den europäischen Haushalt immer deutlicher, dass die größte Kluft in Europa nicht zwischen Nord und Süd, sondern zwischen Ost und West besteht. Diese Kluft ist umso bedeutender, weil sie unerwartet ist, denn in den Jahren nach der Wende und der Wiedervereinigung Europas erwarteten viele Zuschauer, dass sich Osteuropa mit seiner Rolle als „Hinterland“ der deutschen Wirtschaft begnügen und sich dem westlichen Liberalismus schnell anpassen würde.

In den letzten Jahren ist jedoch deutlich geworden, dass dieses „gekidnappte Europa“, um Kundera zu zitieren, zunehmend seinen eigenen Weg geht, was wahrscheinlich die paradoxe und unerwartete Frucht derselben „Entführung“ ist, die diese Regionen daran hinderte, der Entwicklung ihrer westlichen Nachbarn zu folgen, und sie der bleiernen Herrschaft des russischen Kommunismus unterworfen hat. Das hatte zwei Konsequenzen: Zum einen hielt der stillschweigende nationale Widerstand der Polen, Ungarn, Tschechen, Slowaken und anderer Nationen gegen den russischen „großen Bruder“ Identitätsfaktoren wie Patriotismus, Christentum oder nationale Traditionen am Leben, die im Westen zunehmend einer Art globalistischem und amerikanisiertem Melting Pot gewichen sind. Andererseits hat das Leben unter einem diktatorischen Regime die Europäer auf der anderen Seite der Mauer gegen die Versuchungen des Totalitarismus „geimpft“ (um einmal ein Modewort zu benutzen) und sie gelehrt, hinter pseudohumanistischen Worten, hinter „einstimmigen“ politischen Entscheidungen und hinter medialen Invektiven den Schatten des autoritären Apparats zu erkennen.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Bürger Osteuropas sehr überrascht waren, als sie feststellten, dass ihre westlichen Nachbarn, nachdem diese zunächst die antikommunistischen Bewegungen herzlich begrüßt hatten, diese nun nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zunehmend skeptisch betrachteten und schließlich begannen, dieselben Kräfte, die den Fall des Kommunismus herbeigeführt hatten, als „nationalistisch“, „klerikalistisch“, „illiberal“, „intolerant“ usw. zu beschimpfen. Im Glauben, dass der Fall der Mauer es ihnen ermöglichen würde, endlich einem „Europa der Nationen“ beizutreten, das fest in den griechisch-römischen und jüdisch-christlichen Traditionen und Werten wurzele, wie es von den Gründungsvätern wie Robert Schuman gewünscht worden war, gab es für die neuen Bürger der Europäischen Gemeinschaften ein böses Erwachen: sie mussten feststellen, dass sich dieses Europa immer weniger darauf beschränkt, den Unterschied zwischen einem „globalistischen“ westlichen Teil und einer eher „traditionalistischen“ östlichen Hälfte als Bereicherung zu betrachten und sich für ein besseres gegenseitiges Verständnis einzusetzen, sondern vielmehr eine hegemoniale Haltung einnimmt und sogar mit aller Macht versucht, die Innenpolitik seiner neuen östlichen Mitgliedsstaaten zu beeinflussen.

Das Visegrád-Bündnis

So hat sich seit der Politisierung des Visegrád-Bündnisses und der Wahlsiege von Fidesz in Ungarn (2010, NdR.) und PiS in Polen (2015, NdR.) eine regelrechte Kluft zwischen Ost und West aufgetan, und es ist schwer zu sagen, ob, wann und wie diese sich wieder schließen wird. Denn zum einen würden die immer massiver werdenden Versuche, die ungarische oder polnische Regierung durch den Europäischen Gerichtshof, durch die Kürzung europäischer Subventionen oder durch die indirekte Hilfe von Medien und NGOs für Oppositionsparteien zu stürzen, selbst wenn sie Erfolg hätten, nur einen erheblichen Teil der Bürger vor den Kopf stoßen und ihre anfängliche Begeisterung für das europäische Projekt schwer belasten – mit unabsehbaren Folgen, wie der Brexit gezeigt hat. Andererseits breitet sich die Spaltung nun zunehmend auch auf andere europäische Staaten aus, denen das Beispiel der Visegrad-Allianz zeigt, dass man patriotisch sein kann, ohne nationalistisch zu sein, stolz auf seine Kultur, ohne chauvinistisch zu sein, seinen christlichen Wurzeln nahe, ohne intolerant zu sein, konservativ, ohne extremistisch zu sein, und demokratisch, ohne politisch korrekt zu sein – ein gefährlicher Präzedenzfall, da er das übliche Narrativ diskreditiert, demzufolge alles, was rechts vom multikulturellen Universalismus steht, unweigerlich zum Faschismus führen muss.

Zum jetzigen Zeitpunkt und insbesondere nach dem Ende der Amtszeit Donald Trumps ist es schwierig zu wissen, wie sich dieser Konflikt weiterentwickeln wird. Die Covid-19-Krise hat neue Unsicherheiten hinzugefügt, so dass viele Zuschauer bereits das Ende der „populistischen“ Ära ankündigen. Zumindest für die Visegrad-Länder ist dies ein zweifacher Irrtum. Erstens, weil die polnische und die ungarische Regierung streng genommen nicht „populistisch“ sind: Mit einer langen Regierungserfahrung und tief verwurzelt in lebendigen kulturellen Traditionen, unterscheiden sie sich deutlich von dem rein oppositionellen und oft eher liberalen als konservativen Ansatz der westlichen „Populisten“. Darüber hinaus könnte sich die Coronavirus-Krise als relativer Vorteil für Osteuropa erweisen, das wirtschaftlich widerstandsfähiger, kulturell stabiler und finanziell (zumindest Polen und Ungarn) weniger an die Eurozone gebunden ist und damit vielleicht besser in der Lage sein wird, die Krise zu bewältigen, als viele seiner westlichen Nachbarn.

Auch im Hinblick auf die so genannten „Verletzungen“ der Rechtsstaatlichkeit ist davon auszugehen, dass in nicht allzu ferner Zukunft – wenn Länder wie Frankreich nur noch mit autoritären Maßnahmen Ordnung und Sicherheit aufrechterhalten können und sich in Polizeistaaten verwandelt haben werden – gerade in diesen so genannten „illiberalen“ Ländern jene politische und zivilgesellschaftliche „Normalität“ weiter gedeihen wird, die im Westen zunehmend abhandenkommt. Die Entscheidung, eine gewisse kulturelle Homogenität zu bewahren, den Traditionen treu zu bleiben und sich nicht von Brüssel (oder Berlin) politisch einschüchtern zu lassen, könnte sich also als richtig erweisen – vorausgesetzt, dass sie in den entscheidenden Jahren, die vor uns liegen, beibehalten wird…

Übersetzt aus dem Französischen von Visegrád Post. Dort wurde es auch erstveröffentlicht: https://visegradpost.com/de/2021/02/04/ost-und-west-der-stand-der-dinge/

Wir danken Prof. Dr. David Engels für die Veröffentlichungsgenehmigung.

David Engels
David Engels

Prof. Dr. David Engels ist ein belgischer Historiker und hat derzeit eine Forschungsprofessur am Instytut Zachodni in Posen inne, wo er verantwortlich ist für Fragen abendländischer Geistesgeschichte, europäischer Identität und polnisch-westeuropäischer Beziehungen. Als Spezialist für alte, insbesondere für römische und seleukidische Geschichte ist er auch ein Denker des europäischen Konservatismus, der sich seit über einem Jahrzehnt mit Fragen der Identität, vor allem in der französisch- und deutschsprachigen Presse, befasst. 2013 veröffentlichte er Le Déclin, wo er die derzeitige Europäische Union und die rückläufige Römische Republik methodisch verglich. 2019 veröffentlichte er Renovatio Europae: Plädoyer für einen hesperialistischen Neubau Europas, gefolgt von Que faire?, Zwei Werke, die sich der Zukunft Europas zuwandten; das erste befasste sich mit der Reform der Institutionen und das zweite wandte sich an die einzelnen Menschen.

Reitschuster oder das Positive

von Ulrich Schödlbauer

Reitschuster oder das Positive

Warum fällt mir, wenn ich an das zurückliegende Jahr denke, beim Stichwort ›Journalismus‹ immer der Name Boris Reitschuster ein? Es muss, Kritik hin oder her, in jedem Gemüt der Wunsch existieren, das Positive auch und gerade dann zu seinem Recht kommen zu lassen, wenn es in der Realität endgültig verspielt zu haben scheint. Reitschuster oder das Positive – so müsste, ginge es nach meiner Wahrnehmung, der Journalistenroman über das Jahr der Wende 2020 heißen. Nicht, als sei hier ein Journalist bisher unbekannten Typus ans Werk gegangen, um die Blattmacher alten Schlages Mores zu lehren: Der Journalist B.R. ist ganz und gar old school, und darin steckt schon das Revolutionäre.

Dass einer den Fakten nachläuft, gelegentlich auf der Straße nachrennt, bis ihm die Puste ausgeht, unterscheidet ihn in diesen Tagen nicht nur wohltuend von einer Kollegenschaft, die sich ihre Klasse per Gendersternchen bescheinigt und tendenziöse Agenturmeldungen in Haltungsbotschaften auswalzt. Es unterscheidet ihn auch von den gewerblich Wohlmeinenden, die täglich per Güterabwägung entscheiden, wie viel Wirklichkeit sie für zumutbar und vor allem bekömmlich halten, wobei die Zumutung mehr auf Seiten des Publikums, die Bekömmlichkeit mehr auf Seiten der eigenen Person und ihrer beruflichen Absicherung zu liegen kommt. Es sind ja nicht alle korrupt, die sich berufsbedingt aufs Glatteis begeben. Viele schlingern nur, weil sie meinen, damit besser Kurs zu halten, während der Fußgänger geradewegs an ihnen vorbeigeht.

Was den einfachen Journalisten Reitschuster zum Titanen anwachsen lässt, ist der rund um die Uhr von ihm geführte Nachweis, dass mit den sparsamen Mitteln des Ein-Mann-Blogs seriöser Tatsachen-Journalismus machbar ist, während Heerscharen mehr oder weniger gut bestallter Kollegen im schrumpfenden Massenbetrieb sich verschworen zu haben scheinen, das schiere Gegenteil zu beweisen. Das hat ihn, der Not der Zeit gehorchend, an die Seite der summarisch ›Querdenker‹ genannten (und als solche verunglimpften) Bürgerrechts-Demonstranten geführt, ohne dass er darüber zum Aktivisten geworden wäre. Die Trennung der Sphären war und ist der Trick der Moderne, der all die zauberhaften Errungenschaften heraufgeführt hat, die eine kulturvergessene Generation gegenwärtig mit Füßen tritt, ohne eine Sekunde auf sie verzichten zu wollen. Insofern war und ist die an den Universitäten gelehrte Leidenschaft für Hybride nie so unschuldig gewesen, wie sie manchem Märchenerzähler noch heute vorkommt.

Im Lügenuniversum gehen die Uhren anders als gewohnt. Andererseits schreitet die Gewöhnung voran, so dass auffällig wird, wer sich dem täglichen Quantum verlässlicher Information verpflichtet weiß, nicht der WAHRHEIT in der Wolle gefärbter Gruppen und ›Faktenchecker‹. Es gibt schlimmere Freistellungsmerkmale als dieses. Man ahnt als Leser mit einem Mal das Schrecklichschöne eines Berufs, den man bereits abschreiben wollte, teils aus Wissenshochmut, teils aus Einsicht in den Umstand, dass sich nicht jede öffentlichkeitsinduzierte Verstimmung in Gelächter auflösen lässt.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Seite Prof. Schödlbauers: https://ulrich-schoedlbauer.iablis.de/456-reitschuster-oder-das-positive

Wir danken für die Veröffentlichungsgenehmigung.

Ulrich Schödlbauer

Ulrich Schödlbauer ist außerplanmäßiger Professor a.D. für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der FernUniversität in Hagen. Er schreibt Gedichte, Prosa, Essays. Netzprojekte: Die versiegelte Welt und Das Alphazet. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen auf den Gebieten der Kultur- und Kunsttheorie. Er ist Herausgeber des Jahrbuchs für europäische Prozesse Iablis.

Bücher (Auswahl)

Kunsterfahrung als Weltverstehen (1984); Entwurf der Lyrik (1994); Noti­zen zur deutschen Ein­heit (1994); Ideen­fluchten (1994); Das Ende der Kritik (1997); Die Ethik der Nassrasur (1997); Das Land der Frösche (2001); Uhuru Peak. Ein Bericht (2001); Rilkes Engel (2002); Ionas. Gedicht (2001); The Hid­den Power of Non­cha­lance (2002); Organum Mortis (2003); PoliFem (2004); Das anthropologische Experiment (2005); Das Ungelebte (2007); Hiero (2010)

Zur Person Boris Reitschusters bringen wir eine Darstellung der Internetseite http://www.reitschuster.de :

Boris Reitschuster leitete von 1999 bis 2015 das Büro des Nachrichtenmagazins „Focus“ in Moskau. Ende 2011 musste er nach massiven Drohungen Russland verlassen und leitete das Büro noch fast vier Jahre von Berlin aus. Der gebürtige Augsburger ist Autor mehrerer Bestseller, Übersetzer von Michail Gorbatschow und schrieb für zahlreiche Medien, etwa die Washington Post, den Guardian, die Frankfurter Allgemeine, die Wiener Zeitung und den Münchner Merkur. Er ist Moderator einer wöchentlichen politischen Talkshow im russischsprachigen deutschen Sender OstWest-TV und Dozent am Institut für internationale Politik und Wirtschaft Haus Rissen in Hamburg. Er lebt in Berlin und ist regelmäßig in Russland, der Ukraine und vielen anderen Staaten Osteuropas.

Reitschuster wurde 2008 mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet – „angesichts seines außerordentlichen Engagements, mit dem er sich seit vielen Jahren kritisch mit dem politischen System Russlands auseinandersetzt und vor Ort mit hohem persönlichem Einsatz für die Meinungs- und Versammlungsfreiheit und damit für die Wahrung von Bürger- und Menschenrechten kämpft“.

Reitschuster gilt laut Cicero als „einer der führenden Russland-Experten Deutschlands“. Die „Welt“ schrieb: „Besser als er hat noch keiner das russische Machtsystem beschrieben. Boris Reitschuster, einer der schärfsten Putin-Kritiker in Deutschland, kann stolz auf sich sein.  Der russische Präsident höchstselbst hat den von Reitschuster stark mitgeprägten Begriff ,Demokratur´ mindestens einmal in den Mund genommen.“

Reitschuster erlag nach einem Jugendaustausch mit der Sowjetunion 1988 der Faszination Russlands und erlernte im Eigenstudium die Sprache des Landes, mit dem ihn außer seinem Vornamen zuvor nichts verband. Nach dem Abitur 1990 zog er als Student zu seiner Jugendliebe nach Moskau, mit zwei Koffern und seinen gesamten Ersparnissen. In einer Gastfamilie und in leeren Geschäften lernte er Russland abseits der Ausländer-Ghettos kennen. Nach einer Dolmetscher-Ausbildung arbeitete er als Deutschlehrer und Übersetzer. Gleichzeitig berichtete er für verschiedene deutsche Tageszeitungen aus Russland. Nach fünf Jahren in Moskau machte Reitschuster 1995 ein Volontariat bei der „Augsburger Allgemeinen“ und arbeitete dann für die Presseagenturen dpa und AFP in München. Als Leiter des Moskauer FOCUS-Büros kehrte Reitschuster 1999 zurück in das Land, das seine zweite Heimat geworden ist und lebte dort bis Ende 2011.

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