Einen Buchbesprechung von Werner Olles
Bastardmoderne
Es ist der Abfall der neokapitalistischen Warengesellschaft, deren Selbstinterpretationssystem wohl nirgendwo besser zum Ausdruck kommt als im Frankfurter Bahnhofviertel, wenn in einer dreckigen, verpinkelten Ecke in der Niddastraße ein Cracksüchtiger langsam seinem Tod entgegendämmert. Diese zivilreligiöse Hölle aus migrationsextremistischen Auswüchsen und einem globalen Mahlstrom der Vereinheitlichung, die nicht nur die europäischen Metropolen veröden läßt und die Menschen in existentielle Ängste stürzt, ist das psychologische Ergebnis des „Fortschritts“, einer angeblichen „Vielfalt“ und „Buntheit“, die in Wahrheit eintöniger und einfarbiger ist als alles bisher Dagewesene. Der Westen, der keine geographische Konstante, sondern ein System aus geistigen Verrenkungen, Bigotterie, Verlogenheit und Falschheit ist, hält sich die BRD, unsere ehemalige Heimat, als staatsähnliches Gebilde, dessen politische und mediale Eliten in hohen und höchsten Positionen sitzen, denen man aber weder die Hand geben möchte noch ihnen auch nur ein einziges Wort glauben darf. Allein ihr Anblick und ihr Geschwätz sind eine Zumutung und Qual für jeden anständigen Menschen, dessen IQ nicht gerade mit seiner Schuhgröße identisch ist.
Einer, der dieses von Edelmenschen – Gutmensch war gestern – bewohnte System sehr rasch durchschaut hat, ist Jan A. Karon, 1992 vor dem Kommunismus aus Polen geflohenen Eltern in Ludwigshafen am Rhein geboren. In Heidelberg und Oregon studiert er Politikwissenschaften, Geschichte und Literaturwissenschaften, arbeitet anschließend für das ZDF, die ZEIT, den Stern und den rbb, wechselt 2021 die Seiten, und ist seitdem für Recherchen und Reportagen bei NIUS verantwortlich. Wir wurden auf ihn aufmerksam durch zwei grandiose Essays in den beiden letzten Ausgaben der Vierteljahresschrift für Konsensstörung TUMULT: „Pornos für alle – Wie sich Sexualität in digitalen Zeiten ändert“ und „Die Trennung der Geschlechter – Wenn eine Generation in zwei Welten zerfällt“. Jetzt erschien mit einem Vorwort des TUMULT-Herausgebers Frank Böckelmann sein Buch „Bastardmoderne. Streifzüge durch ein fremdes Deutschland“. In seiner Einleitung schreibt Böckelmann, scharfzüngig wie lange nicht mehr: „Karon zerreißt den Schleier unserer Apathie und nimmt das normal gewordene Elend in den Blick. Dabei begnügt er sich nicht mit der Rolle des bestürzten Berichterstatters, sondern ruft dazu auf, das Elend nicht länger hinzunehmen. Er stöbert den Aberwitz auf, der uns kaum noch einfällt. Deshalb lohnt es sich, das Buch zu lesen.“
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