Hanno Borchert hat mit Raimo Benger, dem Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bau- und Rohstoffindustrie e. V., gesprochen, der sich zur Zeit in Dubai aufhält
Zwischen Warten und Weltpolitik – Gespräche mit einem Gestrandeten in Dubai
Dubai ist eine Stadt, die sich gern als Gegenwart gewordene Zukunft präsentiert. Ein Ort, an dem Umsteigen, Aufsteigen und Weiterfliegen fast zum Naturgesetz gehören. Doch was passiert, wenn ausgerechnet hier die Bewegung ins Stocken gerät? Wenn aus dem internationalen Drehkreuz ein Wartesaal wird?
Während sich die geopolitische Lage zuspitzt und Flugrouten plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind, sitzen Reisende fest, zwischen Hotelbuffet, Nachrichten-Ticker und Push-Meldung. Wie fühlt sich Stillstand an in einer Stadt, die vom permanenten Vorwärts lebt? Und was macht es mit dem Blick auf eine Region, die sich selbst als neutraler Knotenpunkt zwischen den Machtblöcken versteht?
Hanno Borchert, Redakteur der „wir selbst“, hat mit Raimo Benger, dem Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bau- und Rohstoffindustrie e. V., einem Betroffenen vor Ort, gesprochen. Hier sind seine Eindrücke:
Ich bin beruflich viel unterwegs, das gehört zu meinem Leben. Als Vertreter der deutschen Bau- und Rohstoffindustrie kenne ich Flughäfen besser als so manches Wohnzimmer. Auch Dubai ist für mich kein exotischer Sehnsuchtsort, sondern ein Knotenpunkt, an dem sich Linien kreuzen, geschäftliche, politische, persönliche. Diesmal war es eine Mischung aus allem: Termine mit Partnern, Freunde treffen, ein paar Tage in einer Stadt, die wie kaum eine andere für Tempo und Ambition steht.

Dubai ist für mich kein bloßes Postkartenmotiv aus Glas und Sonne. Es ist ein globaler Umschlagplatz, vielleicht der wichtigste überhaupt. In den Freihandelszonen werden Firmen gegründet wie anderswo Start-ups in Garagen. Ich war selbst vor einigen Jahren an einer Gründung beteiligt. Wer dort durch die Büros geht, begegnet Afrika, Südostasien, Europa in einem Flur. Handel in Reinform. Man spürt, daß hier Weltwirtschaft nicht diskutiert, sondern gemacht wird.
Mein Rückflug sollte am 1. März gehen, Sonntagmorgen. Am Samstag war noch alles normal. Dann kam am Mittag die Nachricht: Flughafen geschlossen. In der Nacht zuvor hatte es Angriffe gegeben. Erst die Warnmeldungen aufs Handy, dieses schrille, unmißverständliche Signal, das man sonst nur aus Katastrophenfilmen kennt. Man solle im Gebäude bleiben, nicht ans Fenster treten, Vorhänge schließen. Später die offiziellen Zahlen: über hundert Raketen und Drohnen seien abgefangen worden.
In der Nacht hörte ich tatsächlich Einschläge. Nicht direkt nebenan, aber nah genug, um das Geräusch nicht zu verwechseln. In der Nähe des Hafens, bei einem der großen Hotels, gingen Teile nieder. Auch am Flughafen. Es war kein gezielter Beschuß der Stadt, so wurde kommuniziert, sondern Angriffe auf Militärbasen. Doch Raketen haben ihre eigene Logik. Man weiß, daß sie nicht immer dort landen, wo sie sollen.

Und trotzdem: Ich fühlte mich sicher. Das mag paradox klingen. Aber die Informationskette funktionierte. Das Verteidigungsministerium verschickte Updates, sprach vom funktionierenden Abwehrschirm. Die meisten Geschosse seien abgefangen worden. Ob es nun 138 oder später über 300 waren, die Botschaft lautete: Wir haben die Lage unter Kontrolle.
Die Stadt selbst veränderte sich kaum. Ja, die Straßen waren etwas leerer, aber es war Ramadan, tagsüber ohnehin ruhiger. Abends begann das Leben wie gewohnt. Der Herrscher zeigte sich demonstrativ öffentlich in der Dubai Mall, setzte sich auf einen Kaffee, ohne sichtbares Sicherheitsaufgebot. Ein Signal: Normalität.
Natürlich merkte man im Hotel die Anspannung. Beim Frühstück die Familie, deren Tochter plötzlich in Tränen ausbrach. Gestrandete Reisende von Kreuzfahrtschiffen, Transitpassagiere aus Südostasien. Rund 30.000 Menschen warteten darauf, daß sich der Himmel wieder öffnete. Hoffnung schwankte im Takt der Gerüchte.
Ich entschied mich schließlich, nicht zu warten. Über Kontakte organisierte ich eine Fahrt mit dem Jeep in den Oman, 450 Kilometer durch die Wüste, über die Grenze, von dort ein Flug. Visum besorgt, Fahrer organisiert. Der Gedanke, auf dem Landweg auszuweichen, hatte etwas Archaisches. Wenn die Luft unsicher ist, nimmt man die Straße.
Die Tage zuvor hatte ich noch gearbeitet, Termine wahrgenommen. Und wie immer auf solchen Reisen wollte ich mehr sehen als Konferenzräume. Ich stand auf dem Burj Khalifa, blickte auf diese Stadtlandschaft, die wie ein Modell ihrer selbst wirkt. Ich war im Museum of the Future, diesem architektonischen Versprechen an das Morgen. Abends fuhr ich durch den Hafen. Solche Rituale habe ich auch anderswo gepflegt, in Teheran, in Damaskus, in Yangon. Reisen heißt für mich immer auch: verstehen wollen.
Verändert so etwas den Blick auf die Welt? Vielleicht für jemanden, der geopolitische Spannungen sonst nur aus der Tagesschau kennt. Für mich bestätigt es eher, was ohnehin sichtbar ist: Wir erleben eine Neuordnung, eine Rückkehr zu größeren Machtblöcken, zu Einflußzonen. Konflikte werden wieder direkter, weniger kaschiert. Das ist keine abstrakte Theorie mehr, wenn der eigene Rückflug gestrichen wird.
Die Frage nach den Hotelkosten war übrigens schnell ernüchternd beantwortet: Bezahlt habe zunächst ich. Ob der Staat später erstattet hätte, blieb offen. An der Rezeption wußte man von nichts. Zwischen Pressemitteilung und Praxis liegt manchmal eine beträchtliche Distanz.
Trotz allem werde ich Dubai in guter Erinnerung behalten. Vielleicht gerade deshalb. Weil eine Stadt sich nicht nur im Glanz, sondern im Stresstest zeigt. Ich komme wieder. Reisen gehören zu meinem Leben, auch in unruhigen Zeiten. Eine geplante Tour nach Jordanien mit meinem Sohn steht im Kalender. Eine andere Reise, Richtung Afghanistan, habe ich gestrichen. Man muß das Risiko nicht herausfordern.
Jetzt also erst einmal der Weg in den Oman. 450 Kilometer, Grenzposten, Wüstenstraße. Ein Übergang, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Und dann zurück nach Hause.
Für alle Bilder gilt: Copyright by Raimo Benger
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