Otto Strasser – Der linke Nationalsozialist

Günter Bartsch

Otto Strasser – Der linke Nationalsozialist

Auszug

Es gehört zu den einmaligen Besonderheiten Otto Strassers, sowohl gegen die Bayerische Räterepublik als auch gegen den Kapp-Putsch von 1920 gekämpft zu haben. Er war ein Rechter von links und ein Linker von rechts. Wollten sich diese entgegengesetzten Pole in seiner Person versuchsweise ausbalan­cieren?

Otto Strasser war ein Konservativer, aber auch ein Revolutionär. Die bis dahin abstrakte Formel der Konservativen Revolution füllte sich erst durch ihn mit Leben und Spannung.

Er war Nationalist, aber auch Sozialist. So lag es nahe, daß er früher oder später auf den Nationalsozialismus stoßen würde. Allerdings verstand er dar­unter von Anbeginn etwas anderes als Adolf Hitler, nämlich die Nationwerdung des deutschen Volkes auf sozialem Grunde.

Otto Strasser gehörte im Laufe seines politischen Lebens drei verschiede­nen Bewegungen an: der jungkonservativen, in die er durch Moeller van den Bruck eingeführt worden ist; der sozialistischen über die zeitweilige Mitglied­schaft in der SPD; und der nationalsozialistischen, in die er erst durch seinen Bruder Gregor kam.

Aber keiner dieser drei Bewegungen verschrieb er sich ganz. Bei den Jung­konservativen mißfielen ihm die Herrenklubmanieren, bei den Sozialdemo­kraten ihre politische Unentschlossenheit und vermeintliche Vaterlandsblind­heit, bei den Nationalsozialisten eine seltsame Verschwommenheit des sozia­listischen Wollens und der byzantinische Führerkult, schließlich auch der An­tisemitismus.

So wurde Otto Strasser in allen drei Bewegungen zum Außenseiter. Er saß zwischen drei Stühlen und konnte nirgends eine politische Heimat finden. Daraus ist in seinen Charakter ein unsteter Zug eingeflossen. Dem Versuch, sich nach allen Enttäuschungen selbst eine politische Heimat zu schaffen – durch die Kampfgemeinschaft, durch die Schwarze Front und nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich durch die Deutsch-Soziale Union – war jeweils nur für einige Jahre ein gewisser Erfolg beschieden. Deshalb ist es im Grunde kein Verrat gewesen, als er die Deutsch-Soziale Union verließ und wieder auf die Suche ging. Der Tod fand ihn bezeichnenderweise auf einem Kranken­hausflur. Auch als Deutscher hatte er seine Heimat verloren. Luftwurzeln reichten nicht aus, sie wiederzugewinnen.

Doch trotz seiner Randposition war sein Schicksal für viele Menschen re­präsentativ. Für jene, die sich zwar politisch betätigen wollten, aber in kei­ner Partei ganz zu Hause fühlten. Außerdem spiegelten sich in seinem Tun und Denken alle Illusionen, die Hunderttausende und schließlich Millionen Deutsche der NSDAP zuströmen ließen. Doch Otto Strasser sprang schon 1930 ab, als ihm endgültig klar war, welchen Kurs Hitler steuerte. Nun setzte er Freiheit und Leben aufs Spiel, um den Krieg und die voraussehbare Auf­teilung Deutschlands abzuwenden. Mit der Schwarzen Front hat er eine der stärksten und aktivsten Widerstandsorganisationen aufgebaut. Wenn er scheiterte, so sicher auch deshalb, weil seine autoritäre Konzeption der Er­neuerung Deutschlands keine echte Alternative zum NS-Staat enthielt und gegen die Zeitströmung schwamm.

Die Schwarze Front war in ihrem Kern weitgehend identisch mit der Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten. Otto Strasser hat im Nationalsozialismus zeitweilig die Trägerbewegung der deutschen und abend­ländischen Revolution zur Erneuerung überlebter Lebensformen gesehen. Seine Theorie der dreieinigen Bipolarität ist unter allen Revolutionstheorien die außenseiterischste.

In den 70er Jahren gab es eine gewisse Strasser-Nachfolge. Zuerst haben sich Nationalrevolutionäre mit seinem Programm befaßt. Ihnen sind andere Gruppen gefolgt. In Frankreich, England und den Niederlanden bestanden Zirkel, die Otto Strassers Theorie der dreieinigen Bipolarität aufgreifen und weiterdenken wollen. [Aber auch diese Versuche einer linksnationalistischen Neuformierung sind heute bereits Geschichte, Anmerkung des Verlages.]

Rezension von Hermine Brandenburger

Otto Strasser

Hitlers Feind Nr. 1 zwischen Selbst-Stilisierung und Realität

Otto Strasser, der sich in seinen autobiographischen Aufzeichnungen ein bißchen zu sehr als idealistischer Gegenspieler Hitlers, als „Hitlers Feind Nr. 1“ (ebd., S. 374) stilisiert, als Begründer eines Strasserismus gegen den Hitlerismus, ist trotz dieser Vorwürfe eine ungemindert wichtige Persönlichkeit, deren Leben und Wirken einen Einblick in die Zeit des Nationalsozialismus, seines Entstehens und seiner Verwerfungen bietet.

Bei der kritischen Lektüre kommt der aufmerksame Leser nicht umhin zu bemerken, daß viele von Strassers Lebenserinnerungen eines kritischen Blickes bedürfen: „Wenn ich für alle Lügen Otto Strassers 10 Mark bekommen hätte, wäre ich ein reicher Mann!“, sagte ein alter Schwarz-Front-Kämpfer zum Autor der Biographie (vgl. ebd. S. 258). Insbesondere Strassers Erinnerungen an das Zerwürfnis mit Hitler und die von ihm wiedergegebenen Hitler-Gespräche wirken in Teilen unglaubwürdig. Doch gerade angesichts der Anfeindungen nach Kriegsende, die Strasser erleben musste, der Beschimpfungen als Nazi und tätlichen Angriffe mögen seine Bestrebungen, sich als Idealist gegen Hitler darzustellen, verständlich, ja nachvollziehbar erscheinen.

Dies schmälert jedoch nicht den Wert der Biographie, die einen hervorragenden Einblick in das Leben und Wirken des sicherlich gefährlichsten Gegners Hitlers aus den Reihen des Nationalsozialismus bietet. Allein die Vielzahl von Attentatsversuchen auf Otto Strasser, die Ermordung seines Bruders Gregor – möglicherweise als „Stellvertretermord“, weil nur Gregor in greifbarer Nähe, Otto hingegen untergetaucht war – und die Risiken, die Otto Strasser auf sich nahm, um aus dem Ausland heraus weiter gegen Hitler zu opponieren, mögen genügen, um in ihm einen der bedeutendsten nationalen Widerstandskämpfer gegen das Hitler-Regime zu erkennen.

Darüber hinaus vermag das Buch, das das Werk Otto Strassers, seine Theorien und Überzeugungen, detailliert darstellt und in seine Biographie einbindet, ein Verständnis dieser heute so unverständlichen, fernen Zeit vermitteln. Ein Verständnis davon, dass der Nationalsozialismus nicht mit Adolf Hitler gleichzusetzen ist, dass es andere Strömungen gab, die sich nicht durchzusetzen vermochten. „Die Sozialisten verlassen die NSDAP!“, lautete bereits 1930 Strassers Aufruf. Die Verbindung der nationalen mit der sozialen Frage – das war Strassers Anliegen, mit besonderem Augenmerk auf dem Sozialen wohlgemerkt, während der Sozialismus für Hitler programmatisch nie von Bedeutung, sondern nur Mittel zum Zweck auf dem Weg zur Macht war.

Alles in allem ist Günter Bartschs Strasser-Biographie höchst lesenswert – ein kritischer Blick auf Strassers eigene Erinnerungen bleibt jedoch dringend geboten.

Hermine Brandenburger

Martin Buber – der Philosoph des dialogischen Nationalismus

von Henning Eichberg

Martin Buber – der Philosoph des dialogischen Nationalismus

„Als ich ein Kind war, las ich eine alte jüdische Sage, die ich nicht verstehen konnte. Sie erzählte nichts weiter als dies: , Vor den Toren Roms sitzt ein aussätziger Bettler und wartet. Es ist der Messias.‘ Damals kam ich zu einem alten Manne und fragte ihn: ,Worauf wartet erV Und der alte Mann antwortete mir etwas, was ich damals nicht verstand und erst später verstehen gelernt habe; er sagte: ,Auf dich.‘“

Die nationale Frage in der Umbruchszeit

Als Martin Buber (1878 – 1965) die Bettlergeschichte im Jahre 1910 erzählte, fiel dies in eine Zeit neuen nationalen Aufbruchs, insbesondere in Osteuropa. Als Parabel von der jüdischen Identität war Bubers Erzählung ein Teil dieser Umwälzungen. Und doch legte sie sich zugleich quer dazu. Wie das?

Erinnern wir uns: Jahrhundertwende und Vorfeld des Ersten Weltkriegs. Es rührte sich auf dem Balkan, wo sich das osmanische Reich im Rückzug befand. Im Ilinden-Aufstand in Makedonien 1903 vereinigte sich zum ersten Mal das nationalrevolutionäre Projekt – makedonische Selbstbestimmung gegen türkische Fremd­ herrschaft – mit sozialrevolutionären und anarchistischen Visionen. Auch andere südslawische Völker und die Albaner waren dabei, sich von den türkischen bzw. habsburgischen Reichsstrukturen abzukoppeln. Im Habsburgerreich war die Sozialdemokratie – mit ihrer multinationalen Ideologie, aber deutschen Dominanz – seit den 1890er Jahren im Zerfall begriffen, und „nationale Sozialisten“ tauchten allerorten auf, unter Tschechen, Polen, Juden … 1905 hatten sich erste Signale des revolutionären Umbruchs auch in Rußland gezeigt, und unter den Einwirkungen des imperialistischen Kriegs (1914 – 18) sollte sich dies zu einem allgemeinen Auf­ruhr der Völker gegen das Zarenreich ausweiten. In der Folge dessen machten sich Finnen und Georgier, Armenier, Ukrainer, Polen, Esten, Letten und Litauer so­ wie verschiedene asiatische Völker selbständig.
(Ja, wir sprechen hier nicht von der Wende 1989/90. Oder doch?)

Am Westrand Europas erhoben zur gleichen Zeit erstmals Bretonen Forderungen gegen die französisch-zentralstaatliche Unterdrückung. In Irland befanden sich nationalistische Republikaner, gälische Kulturaktivisten und syndikalistische Gewerkschafter in gemeinsamer Auseinandersetzung mit der britischen Kolonialherrschaft, und zu Ostern 1916 versuchte man den bewaffneten Aufstand. Der Gewerkschaftsführer James Connolly, der eine gleichzeitig nationalrevolutionäre und syndikalistische Sicht der irischen Frage entwickelt hatte, wurde als Führer des Aufstands von britischen Truppen hingerichtet – und zum Nationalhelden.
Die nationale Frage stand in Europa auf der Tagesordnung. Die Völker forderten, zum Subjekt der Geschichte zu werden.

James Connolly – 1916 hingerichtet
Eine nationalrevolutionäre und syndikalistische Perspektive:
Die nationale Frage auf der Tagesordnung in Europa!

Damals – wie heute – stellte der revolutionäre Umbruch die Geglaubtheiten des bürgerlichen (und also auch des sozialdemokratischen und marxistischen) Weltbilds in Frage. Die Theorien über das Nationale als Übergangsphase im gesetzmäßigen Streben nach dem größeren Markt fielen in sich zusammen. Denn die Völker erschienen ja nun als die kleineren Einheiten an der Oberfläche. Und keinesfalls nur als bürgerliche Zwischenstufen. Die neuen Realitäten waren weder nur als luftige „Ideen“ noch nur von den ökonomischen „Interessen“ her zu verstehen – und schon gar nicht als „Verschwörungen“ (obwohl die paranoiden Deutungen damals wie heute blühten). Sondern sie waren politisch-gesellschaftlicher Ausdruck menschlicher Grundbedingungen. Eine spätere Zeit fand dafür das Stichwort: volkliche Identität.

Vom Zionismus zur Mystik

Martin Buber war der Philosoph der Identität, noch bevor das Wort in diesem Sinne – nationale Identität, kulturelle Identität – gefunden worden war. Er entwickelte die umfassendste Volklichkeitstheorie des 20. Jahrhunderts mit ihrem Mittelpunkt im „dialogischen Prinzip“. Von der Identität handelte auch seine Bettler­geschichte.

Judentum – das war Bubers Ausgangspunkt – ist nicht einfach objektiv da wie eine Sache – obwohl das reale jüdische Volk mit seinem materiellen Leben und seinen inneren Widersprüchen die Voraussetzung der jüdischen Identität ist. Judentum ist aber andererseits auch nicht nur ein subjektives Bekenntnis, die bewußte Identifikation mit einer Idee, einer Bewegung – obwohl Buber mit großem Einsatz für die zionistische Idee arbeitete. Sondern die „innere jüdische Frage“ ist mehr, und Bubers ganzes Lebenswerk kreiste um dieses „Mehr“. Das hatte etwas mit dem Messias zu tun. Doch gerade nicht mit dessen großartigem Reich, denn der Messias ist ein Bettler. Aussätzig sitzt er vor den Toren der großen Stadt. Die jüdische Frage hat mit diesem Ort zu tun, draußen vor. Und vor allem mit dem Warten „auf dich“. Das ist der Kern.

Das unschuldige „Du“ enthält die eigentliche volklich-nationale Pointe. Und so harmlos es wirken mag – was heißt schon „du“? –, es schließt die sozialistische und die religiöse Dimension mit ein. Von dieser Basis her erschließt sich erst die Bedeutung dessen, was es heißt, ein Volk zu sein. Es geht um „dich“.

Welche biographischen Erfahrungen lagen dieser Entdeckung zugrunde?
Martin Buber wurde 1878 in Wien geboren. Da seine Eltern kurz darauf geschieden wurden, verschwand seine Mutter aus seinem Leben, kaum daß er drei Jahre alt war. Der Mutterverlust trug gewiß dazu bei, daß ihm das „Du“ zu einem Problem werden konnte – zu einem Problem, das er ins Schöpferische wandte.

Buber wuchs dann bei seinen Großeltern in Lemberg auf. Seine Umwelt war geprägt vom wohlhabenden Großbürgertum, von jüdischer Gemeinde und volklicher Vielfalt. Um ihn herum sprach man deutsch, jiddisch, hebräisch, ukrainisch und polnisch.

Ab 1896 studierte Buber Philosophie und Kunstgeschichte in Wien, später auch in Leipzig und Zürich. Er beschäftigte sich mit der Neuromantik, mit Nietzsche und mit der deutschen Mystik – Nicolaus Cusanus, Paracelsus, Jakob Böhme, Meister Eckhart. Zugleich wurde er aktiv im jüdisch-nationalen Studentenmilieu und nahm an den ersten Diskussionen des aufkommenden Zionismus teil: Gibt es so etwas wie ein jüdisches „Volk“?

Die Jahre 1904 – 12 brachten jedoch einen grundlegenden Einbruch in Martin Bubers Leben. Er zog sich vom politischen Zionismus zurück und entdeckte – wohl aufgrund einer Lebenskrise und eigener visionärer Erlebnisse – die chassidische Mystik wieder. Während er seine Doktorarbeit über die deutsche Mystik abschloß, begann er, chassidische Legenden nachzuerzählen und herauszugeben. Das Chassidentum war eine spirituelle Bewegung, die mit Rabbi Israel, genannt Baal-Schem-Tow, im 18. Jahrhundert begann. Daß dieser Teil aus der reichen Kultur des Ostjudentums als literarische Erinnerung bewahrt worden ist – vor den Völkermorden des Stalinismus und des Nazismus –, ist Bubers Sammlerarbeit zu verdanken.

Rabbi Israel, gennat Baal-Schem-Tow
Begründer des Chassidentums im 18. Jahrhundert.

Die Wiedererzählung war jedoch mehr denn nur eine Reproduktion. Sie führte zu Bubers philosophischem Hauptwerk: „Ich und Du“, 1923.

Volklichkeit, Genossenschaftssozialismus und Volkshochschule

Als Martin Buber nunmehr zum Zionismus zurückkehrte, geschah das auf einer neuen Grundlage. Nun war es ihm möglich, klar zwischen zwei Formen des Nationalismus zu unterschieden. Den einen sah er als Signal, als einen notwendigen Hilferuf aus der Einsamkeit des Menschen und aus der gesellschaftlichen Entfremdung heraus, wie sie sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gezeigt hatte. Der andere repräsentierte diese Entfremdung selbst, es war die Hybris gegenüber den anderen Völkern.

Seinen eigenen Kulturzionismus bezog Buber auf den ersteren: Volklicher Nationalismus ist die Transzendenz der neuen Zeit. Das enthält eine permanente Auseinandersetzung mit dem anderen Nationalismus, der im Falle des Zionismus bedeutete, die Araber aus Palästina zu vertreiben und den „rein“ jüdischen Staat zu errichten. Der volkliche Nationalismus, für den Buber vergeblich warb, sollte dagegen das binationale Palästina ansteuern, jüdisch und arabisch zugleich, eine dialogische Kultur zwischen europäischer und asiatischer Spiritualität.

Das war insbesondere für das bürgerlich angepaßte Wohlstandsjudentum Westeuropas eine Provokation. Wenn wir das „Morgen in Jerusalem“ wirklich ernst meinen – so Buber –, dann bedeutet das die Re-Asiatisierung (oder eher: eine neue Asiatisierung) des Judentums. Für den jüdischen Bourgeois, der mit Abscheu auf den chassidischen „Kaftanjuden“ ebenso wie auf die Araber herunterschaute, war das ein harter Brocken.

Damit deutete sich schon die soziale, die sozialistische und gesellschaftskritische Dimension von Martin Bubers Beitrag an. Und sie bezog sich nicht nur auf die Juden. Entfremdung in der Industriegesellschaft ist nicht etwas, das durch staatliche Eingriffe oder parteipolitische Strategien abgeschafft werden kann. Sondern sie fordert permanent heraus zum alternativen Experiment. Sozialismus ist eine andauernde Anstrengung, kein System. Gustav Landauer, Bubers Freund aus der Münchener Boheme, entwickelte die Idee vom „Dorfsozialismus“. In der Genossenschaft – ein anarchistisches Projekt – läßt sich gemeinschaftlich der kapitalistischen Entfremdung entgegenarbeiten.

Die Genossenschaftsidee kam auf diese Weise – nicht zuletzt durch Martin Bubers Mitwirken – nach Palästina und wurde dort zu realer Praxis: als Kibbuz. Im Kibbuz vereinten sich die Ansätze des Sozialismus aus dem osteuropäischen Judentum und die Genossenschafts- und Siedlungsidee der deutschen Jugendbewegung (zu der Buber auch gehörte). Oder, um es in all seiner Paradoxie deutlich zu machen: Während die neuromantischen Siedlungsgenossenschaften der deutschen Jugendbewegung in Deutschland selbst scheiterten, hatten sie an einer ganz anderen Stelle Erfolg und Kontinuität – in Palästina. Und dies mit Martin Bubers philosophischer Vermittlung. Denn genossenschaftliche Arbeit heißt: „du“ sagen in der Praxis der Produktion und des Zusammenlebens. Sozialismus ist kein System und schon gar kein staatliches (er ist dem Staat eher entgegengesetzt). Sondern er ist das dialogische Prinzip in der gesellschaftlichen Praxis.

Die Ideen von Volklichkeit und Genossenschaft berührten nun das, was ein Hauptbeitrag Bubers zur Praxis des Zionismus wurde: die Bildungsidee.
Das volklich-nationale Handeln – so Buber – bliebe ohne Kontinuität, wenn es nicht gelänge, Brücken zwischen den Generationen zu bauen, institutionelle Brücken. Wie könnte das aussehen? Hier bezog sich Buber direkt auf den dänischen Dichter und Volksbildner Grundtvig und stellte die dänische Folkehüjskole (Volkshochschule) den Jungzionisten als Vorbild vor Augen. In der Folkehßjskole entfaltet sich – zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Jungen und Alten – das Lernen als Zusammenleben, bei Tag und Nacht, im Reden und Schweigen. Die dänische Volkshochschule sollte jedoch – so Buber – eine Erweiterung erfahren durch das, was die deutsche Jugendbewegung als Entdeckung und Gewinn gebracht hatte: körperliche Arbeit, Spiel und Tanz, Naturerlebnis und Bewegung – das gemeinsame Schweigen, abends, am Waldrand.

Buber selbst gründete 1919 das „Freie Jüdische Lehrhaus“ in Frankfurt am Main und widmete sich von nun an völlig der jüdischen Erwachsenenbildung. Sein Hauptprojekt wurde die Übersetzung der Bibel aus dem Hebräischen ins Deutsche.

Martin Bubers Tragödie bestand darin, daß, als diese große jüdisch-deutsche Übersetzung abgeschlossen war, das deutsch-jüdische Volk ausgerottet war.

Als die NS-Antisemiten 1933 zur Macht kamen, legte Buber selbst seine religionswissenschaftliche Professur an der Frankfurter Universität nieder. 1935 wurde ihm öffentliches Auftreten verboten. 1938 wanderte er nach Palästina aus, wo er Professor für Sozialphilosophie an der Hebräischen Universität Jerusalem wurde.

Von nun an wurde Buber zur weltweit bekanntesten Kulturpersönlichkeit des neuen Israel – aber auch zu einer umstrittenen Gestalt aufgrund der proarabischen Orientierung seines Kulturzionismus. Orthodoxen Theologen erschien er geradezu als Ketzer. Und 1965, bei seinem Begräbnis, legten arabische Studenten Blumen auf seinen Sarg, der (und obwohl er) mit einer israelischen Fahne bedeckt war.

Bubers große Vision von einem dialogischen Verständnis der volklichen Identität hatte keine Chance in Israel. Sie war zutiefst ungleichzeitig.

Auch in Deutschland wurde Buber systematisch mißverstanden. Da hielt man von offizieller Seite her zwar seinen Namen hoch, weil er sich trotz der Schreckenstaten des deutschen NS-Staats nicht gegen das deutsche Volk aufbringen ließ. Die deutsch-jüdische Symbiose, so hatte er zwar schon nach der Kristallnacht fest­ gestellt, ist zerbrochen, und sie ist nicht wiederherstellbar. Aber was bleibt, sind die Völker – das jüdische und das deutsche, die zueinander „du“ sagen können und müssen.

Die Herausforderung wurde aber von den Nachkriegsregimes in den Deutschländern nicht aufgenommen, sondern Bubers menschliche Haltung wurde bei der Etablierung des westdeutschen Staates als Alibi mißbraucht. Zugleich verdünnte man seine humanistische Philosophie bis zur Unkenntlichkeit zu einem abstrakten Existentialismus. Ich selbst erinnere mich, in meinen Schulbüchern der fünfziger Jahre diesem Buber als einem zahnlosen, verwaschenen Allerweltsphilosophen begegnet zu sein. „Der Mensch an sich“ und ein langer Bart – ein Inbegriff von bürgerlicher Harmlosig- und Unschädlichkeit. Der große Mystiker des Judentums, der Theoretiker des Nationalismus und der Anarchie wurde uns damit ferngehalten. Erst hatte man sein Volk nach Auschwitz gesandt. Nun löschte man auch noch das Wissen um den revolutionären Denker aus. Deutlicher konnte sich die Schande des westdeutschen Staates kaum ausdrücken.

Viel mußte geschehen, damit diese Stagnation – ja, „Stagnation“ sollte man sie nicht nur in Rußland nennen – überwunden wurde. 1968 mußte kommen – und doch, der Jammer setzte sich fort. Der Jugendaufruhr entdeckte trotz seines subjektiven Antinazismus den antiautoritären Revolutionär Buber eben nicht wieder. Erst die Revolution von 1989 in Osteuropa hat unüberhörbar die nationale Frage neu auf die Tagesordnung gesetzt. Nun wird man um Martin Bubers Dialog- und Volklichkeitsphilosophie nicht mehr herumkommen – ein Licht, das aus dem Osten kam.

„Du Baum“

In seinem kleinen Buch „Ich und Du“, seinem philosophischen Hauptwerk, formulierte Martin Buber 1923, was man „die kopernikanische Tat des modernen Denkens“ genannt hat: die Entdeckung des Du.

In poetischen Wendungen geht Buber dabei aus von der Frage, was es bedeute, „du“ oder „es“ zu einem anderen Wesen zu sagen. Sage ich „es“ („er“) über einen Baum, so erscheint mir der Baum als Gegenstand der Erfahrung oder der Verwendung. Ich kann den Baum als ein Bild betrachten, ich kann ihn in das System der Arten einordnen, ich kann ihn von den Naturgesetzmäßigkeiten – Energieumwandlung, Evolution, Statik – her analysieren, ich kann ihn vermessen, ich kann ihn zersägen. Auch wenn ich ihn im Gedicht beschreibe nach Farbe und Duft, bleibt er doch ein „Es“, mir gegenüber das Andere, von mir getrennt.

Aber: ich kann auch „du“ sagen zum Baum. Mit einem Schlage verändert er sich für mich, und damit wälzt sich zugleich das ganze Verhältnis um. Es wird zur Relation. „Du Baum“. Du Baum enthältst zwar all das andere auch, das dich als ein „Es“ charakterisiert: Farbe und Chemie, Harzduft und Rauschen, biologischen Kreislauf und Gebrauchswert, Maß und Bild. Aber zum einen ist es deine Ganzheit, die mir im Du entgegentritt. Und zum anderen: „Beziehung ist Gegenseitigkeit. „ Es ist also nicht dein Stoff und auch nicht deine, des Baumes „Seele“ oder „Idee“, die mir im Du begegnet. Sondern du bist es als Baums selbst – und als das Andere in der Beziehung.

Der Unterschied zwischen Es und Du läßt also letztlich das Ich nicht unberührt. Das Ich, das „es“ („er“) sagt zum Baum, ist ein anderes als dasjenige, das „du“ sagt. Das Ich für sich genommen gibt es nicht. Das Ich wird vom Du bestimmt.

Unter dem Aspekt der Entwicklung ist Bubers Pointe, daß nicht das Ich den Ursprung und Ausgangspunkt bildet, weder in der Entwicklung des einzelnen Menschen noch in der Geschichte der Menschheit. Damit wendet sich Buber frontal gegen die Annahmen des westlichen Ego-Zentrismus. Nein, nicht als Ich beginnen wir unseren Weg, sondern als Kind in der Du-Welt, im Leib der Mutter und auch noch nach der Geburt. Erst später entdeckt das Kind die Objektivierung des Es und das Subjektive des Ich.

Historisch gesehen bedeutet das, daß eine – tragische – Notwendigkeit die Transformation vom Du zum Ich und zum Es antreibt. Der geschichtliche Prozeß führt zur Verdinglichung von Beziehungen. „Jedem Du in der Welt ist seinem Wesen nach verhängt, Ding zu werden. „ Es führt kein Weg zurück in den Schoß der Gro­ ßen Mutter. Das „Zurück zum Du“ wäre Schwärmerei.

Aber das ist noch kein Grund, die ,,Zwingherrschaft des wuchernden Es“ widerstandslos hinzunehmen. Buber hielt hier die kulturkritische und sozialistische Perspektive fest und nannte dies „das dialogische Prinzip“. Es ist und bleibt eben doch das Du, das uns als die dritte Art der Weltbegegnung herausfordert, jenseits von Ich und Es. Also: zwar keine Illusion über die Herstellung einer heilen Welt des Du. Aber andererseits: nie vergessen, worin unsere Menschlichkeit besteht. Ihr Kern liegt im Verhältnis zum Du. Der Dialog ist möglich, trotz der Expansion des Es – also im Trotz – und zugleich als die tiefste Aufgabe des Menschen. In der Liebe.

Im letzten Teil seines Buches näherte sich Buber der theologischen Pointe des Du. Was die Menschen „Gott“ nennen, ist nichts anderes als ein großes Du, das ewige Du. Wie sollten wir sonst zueinander „du“ sagen können, wenn es nicht die Bedingung der Möglichkeit gäbe, „du“ zu sagen? Gebet und Opfer sind konkrete Formen, sich dem großen Du in Worten und Handlungen zuzuwenden. Gott ist also nicht etwas, das wir als „Es“ (oder „Er“) beschreiben, deuten, erklären, theologisch dogmatisieren, katechisieren oder auch nur benennen können. Zu Gott kann der Mensch nur „Du“ sagen. – Aber auch hier schlägt der Verdinglichungsprozeß durch. „Glaube“ und Theologen machen Gott zu einem Wesen, über das man Sprechen könne, zu einem Gegenstand, zu einem monologischen Er. Der Gott als Glaubensinhalt und als Kultobjekt wird zum Es. Aber Meditation und mystische Erfahrung öffnen den Weg erneut zum Dialog.

All dies ist mehr denn nur abstrakte Philosophie, mehr als ein trialektisches Gedankenspiel. Die Philosophie des Du enthält Politik, Gesellschafts- und Kulturkritik und nicht zuletzt eine praktische Pädagogik (oder: Antipädagogik).

Dialogische Bildung im Sinne Bubers bedeutet: Hören geht vor Lesen, Lernen geht vor Wissen. Oder was Grundtvig „das lebendige Wort“ genannt hat, das sich nicht im – „toten“ – Buch und Buchstaben verfestigt, sondern zwischen lebenden Menschen dialogisch ausgetauscht wird. So daß nicht zuletzt der Lehrer vom Schüler lernt. Das Wort ist ein Hauptmedium der pädagogischen Begegnung, doch nicht als Grammatik, sondern als Rhythmus und Ton, als Mantra, als – so Buber – „Sprachleiblichkeit“. Der Körper im Ganzen ist die Basis des Dialogs. Wie Baal-Schem-Tow es ausdrückte: „Sehen lernen, daß in aller Leiblichkeit ein heiliges Leben ist und daß man alles zu dieser ihrer Wurzel zurückführen und heiligen kann.

Die Trialektik des Nationalismus

Von der Philosophie des Du her wird nun deutlich, daß Martin Bubers konkrete Stellungnahmen zu nationalen Fragen, zum Zionismus, zum binationalen Palästina, zum deutschen Volk (unter und nach dem Nazismus) usw. weit mehr waren als nur Ausdruck allgemein humanistischer oder individuell toleranter Haltungen. Sie hatten einen inneren Zusammenhang. Sie waren verbunden mit und in einer revolutionären Philosophie des Lebens, die das Dialogische in den Mittelpunkt stellte.

Die Philosophie kann daher zu einer differenzierten theoretischen Auffas­ sung vom Nationalen führen, von Nationalismus und nationaler Identität. Sie enthält im Kern eine alternative Identitätstheorie.

Normalerweise faßt man nationale und kulturelle Identitäten als etwas auf, worüber man spricht. Wer oder was sind „die Deutschen“, „die Juden“ …? Wie definiert man sie, wie grenzt man sie ab? Die extremste Form solcher Objektivierung brachte der Rassismus. Er mißt „die anderen“ (und die eigenen!) in Zentimetern – „Gehirnindex“ – und in Punkten – „Intelligenzquotient“. Aber er ist bei weitem nicht die einzige Ausprägung des „wuchernden Es“.

Die Identifikation mit Staat und Verfassung – „Verfassungspatriotismus“ – ist ein anderer Ausdruck solchen Nationalitätsmodells. Im Sport verläuft die Identifikation über die meßbare Leistung, kristallisiert in den internationalen Rangtabellen des Olympismus – Albertville: „Deutschland erfolgreichste Nation“ (F.A.Z.). Die Identifikation mit Wachstum und Produktivität – einschließlich der neuen „EG- Identität“ entspricht dem, was man in der einstigen Sowjetunion ironisch „Tonnenideologie“ genannt hat.

Diesem Objektivismus gegenüber steht das Individuum als Subjekt mit seinem Identitätssuchen: Wer bin ich? Die Ich-Identität enthält subjektive Erfahrung und Betroffenheit, die in der Thematisierung des Es-Identität zu verschwinden droht.

Das Verhältnis zwischen Es- und Ich-Identität wird anschaulich beschrieben in einer chassidischen Legende, die Martin Buber erzählt hat:

Rabbi Chanoch erzählte: „Es gab einmal einen Toren, den man den Golem nannte, so töricht war er. Am Morgen beim Aufstehn fiel es ihm immer so schwer, seine Kleider zusammenzusuchen, daß er am Abend, dran denkend, oft Scheu trug, schlafen zu gehn. Eines Abends faßte er sich schließlich ein Herz, nahm Zettel und Stift zur Hand und verzeichnete beim Auskleiden, wo er jedes Stück hinlegte. Am Morgen zog er wohlgemut den Zettel hervor und las: ,Die Mütze“ – hier war sie, er setzte sie auf, ,Die Hosen“, da lagen sie, er fuhr hinein, und so fort, bis er alles anhatte. ,Ja, aber wo bin ich denn?“ fragte er sich nun bang, ,wo bin ich geblieben?’ Umsonst suchte und suchte er, er konnte sich nicht finden.“ – „So geht es uns“, sagte der Rabbi.

Aber auch das Ich-Sagen – so sehr es den Horizont des „Golem“ und seiner Zettelwirtschaft erweitert – ergibt nur einen beschränkten Diskurs. Wo die Objektivierung – mit Bleistift und Papier – festschreibt, da macht die Subjektivität es schwer, wenn nicht gar unmöglich, intersubjektiv zu kommunizieren. Wer „ich“ bin – was kann ich davon „dem anderen“ vermitteln? Und was geht es ihn eigentlich an? Dasselbe gilt für die Problematik der zwischenvolklichen Verständigung.

Darum ist die Du-Identität die wesentliche Dimension des Nationalitätsdiskurses. Aber sie ist auch die vergessene Dimension. Bubers Geschichte vom aussätzigen Bettler erzählt von einigen solcher Du-Aspekte: Dialog zwischen „mir“ und dem alten Manne, Beziehung zwischen dem Messias und dem Volk, Anrede zwischen Gott und „dir“.

„Der Bund ist mir nicht aufgekündigt“

Der dritte Weg, der im Du-Nationalismus liegt, führt über die Liebe, nicht über den Haß. Ein lebendiges Bild davon gab Martin Buber 1933:

Ich lebe nicht fern von der Stadt Worms, an die mich eine Tradition meiner Ahnen bindet; und ich fahre von Zeit zu Zeit hinüber. Wenn ich hinüberfahre, gehe ich immer zuerst zum Dom. Das ist eine sichtbar gewordene Harmonie der Glieder, eine Ganzheit, in der kein Teil aus der Vollkommenheit wankt. Ich umwandle schauend den Dom mit einer vollkommenen Freude. Dann gehe ich zum jüdischen Friedhof hinüber. Der besteht aus schiefen, zerspellten, formlosen, richtungslosen Steinen. Ich stelle mich darein, blicke von diesem Friedhofsgewirr zu der herrlichen Harmonie empor, und mir ist, als sähe ich von Israel zur Kirche auf. Da unten hat man nicht ein Quentchen Gestalt; man hat nur die Steine und die Asche unter den Steinen. Man hat die Asche, wenn sie sich auch noch so verflüchtigt hat. Man hat die Leiblichkeit des Menschen, die dazu geworden sind. Man hat sie. Ich habe sie. Ich habe sie nicht als Leiblichkeit im Raum dieses Planeten, aber als Leiblichkeit meiner eigenen Erinnerung bis in die Tiefe der Geschichte, bis in den Sinai hin. – Ich habe da gestanden, war verbunden mit der Asche und quer durch sie mit den Urvätern. Das ist die Erinnerung an das Geschehen mit Gott, die allen Juden gegeben ist. Davon kann mich die Vollkommenheit des christlichen Gottesraumes nicht abbringen, nichts kann mich abbringen von der Gotteszeit Israels. – Ich habe da gestanden und habe alles selber erfahren, mir ist aller Tod widerfahren: all die Asche, all die Zerspelltheit, all der lautlose Jammer ist mein; aber der Bund ist mir nicht aufgekündigt worden. Ich liege am Boden, hingestürzt wie diese Steine. Aber gekündigt ist mir nicht.

Meine eigene Identität setzt also das Vorhandensein einer anderen Identität voraus, das ist eine existentielle Bedingung. Das Eigene kann nur sichtbar gemacht werden durch eine Beziehung, durch eine Relation. Das führt eine fundamentale Relativität mit sich, der das Du-Verhältnis unterliegt. Was ich in bezug auf „dich“ erlebe – nicht zuletzt: durch dich an mir selbst erlebe –, ist ein ganz anderes als das, was ich in bezug auf ein anderes Du erlebe – und somit „bin“. Diese tiefgehende Relativität gilt als Kulturrelativität auch zwischen den Völkern. Insofern gibt es „die“ Identität der Deutschen so wenig wie diejenige „der Franzosen“, „der Juden“, „der Bayern“, „der Homosexuellen“ …, sondern stets nur die Identität in bezug auf …

Und: Liebe zu den Eigenen und zur Welt der Anderen schließen einander nicht aus. Im Gegenteil, sie bedingen einander.

Damit nahm Buber Gedanken von Herder und Grundtvig wieder auf. Durch den Dialog der Liebe zwischen Volk und Volk spricht der Mensch zum ewigen Du. Insofern ist Nationalismus Gottesdienst. Und nur insofern.

Dennoch Demokratie wagen?

Es war kein historischer Zufall, daß Erfahrungen, wie sie Martin Buber ausdrückte, zum Begriff der volklichen Identität führten. Die „Identität“ als Beziehung eines kulturellen, also kollektiven Zusammenhangs trat mit Erik H. Erikson in den Diskurs der Sozialpsychologie, entwickelt vor einem jüdischen – deutschen, dänischen – Erfahrungshorizont (Schwartz 1989). Entsprechende Kulturerfahrungen bildeten den Grund für das, was man im Westen als „ethnic revival“ bezeichnet (vom Jiddischen her: Fishman 1984). Und in Mittel- und Osteuropa sind die treffendsten Beobachtungen zur nationalen Frage aus ähnlich gelagerter Sensibilität heraus entstanden, bei György Konrad und Günther Nenning zum Beispiel.

Was bei Herder als deutsche Romantik begann, befindet sich im 20. Jahrhundert also „in jüdischen Händen“. Das hat seine gute Logik, aber es ist auch zugleich die Geschichte eines deutschen Versagens, eines Versagens der „anderen Deutschen“. Die Geschichte hat eine paradoxe Antwort auf die „Kristallnacht“ gegeben. – Aber das geht nicht nur diese beiden Völker an.

Und damit sind wir wieder beim Umbruch von 1989 angelangt, bei dem, was nicht eine „neue Weltordnung“ wurde, sondern eine neue „Weltunordnung“ (Willy Brandt). Eine neue Vielfalt wurde sichtbar (die durchaus auch eine alte war – oder wurde?): Georgier, Osseten, Ukrainer, Weißrussen, Moldawier, Armenier, Aserbaidschaner, Wolgadeutsche, Letten, Litauer, Esten, Karelier, Krimtataren, Tschetschenen, Kroaten, Slowenen, Bosnier, Makedonier, Bretonen, Schotten, Waliser, Basken, Katalanen, Friesen, Sorben, Usbeken, Kasachen, Tadschiken, Kirgisen, Turkmenen, Mongolen, Tibeter, Kurden, Inuit in Sibirien, US-Alaska, Kanada und Grönland, Sami in den nordischen Staaten … Und wer will nun behaupten, an diesem Punkte sei Schluß? Welche Völker werden noch aus dem „Dunkel der Geschichte“ auftauchen, das nichts anderes ist als die Verdunkelung eines westlichen Bewußtseins? Aus dem Dunkel der Moderne ins Licht der Transmoderne mit ihrer neuen Mannigfaltigkeit und „neuen Unübersichtlichkeit“ (Habermas)? Vielfalt ist ein Gewinn für die Demokratie, für Demokratie als Lebensform. Volk ist die Basis von Selbstbestimmung.

Aber das ist nur die eine Seite. Auf der anderen vervielfältigen sich auch die Konfliktflächen und Spannungsfelder. Aserbaidschaner gegen Armenier, Polen gegen Juden und Deutsche, Bulgaren gegen Türken, Rumänen gegen Ungarn, Ungarn gegen Juden, Serben gegen Albaner, Deutsche gegen Polen, Russen gegen Juden, Georgier gegen Osseten …

Die großen Reiche der Moderne – Sowjetunion, USA, EG – pfleg(t)en ihre Zentralmachtbildung und die Aufhebung demokratischer Rechte von solchen Konflikten her zu rechtfertigen. Und sie schufen damit neue Konflikte und Massaker. Aber tatsächlich: Demokratie ist nicht ohne Kosten.

Gerade darum stellt sich die Aufgabe, das Phänomen des Nationalismus bis in seine sozio-psychologischen Voraussetzungen und Tiefendimensionen hinein zu durchdenken. Nationalistische Aggression oder imperial-multinationale Repression – das ist nicht die einzige Alternative. Wir leben nicht mehr in der Zeit von 1939-89. Die volkliche Selbstbestimmung steht auf der Tagesordnung. Aber nationale Demokratie kann ohne das Du-Sagen nicht wirken. Was heißt das praktisch?

Martin Bubers dialogische Auffassung von Nation blieb unverstanden und war ungleichzeitig zu seiner Zeit. Heute ist unüberhörbar, daß der Bettler „auf dich“ wartet.

Literatur:

Martin BUBER: Ich und Du. 1923. Nachdruck in: Das dialogische Prinzip. Hei­delberg 1973.
—: Der Jude und sein Judentum. Köln 1963.
—: Die Erzählungen der Chassidim. Zürich, 10. Aufl. 1987.
Henning EICHBERG: „Eingegrabene Spuren“. Oder: Die deutsche Identität ge­gen den westlichen Strich gebürstet. In: Niemandsland Nr. 8/9 (1989), 78-85.
Poul ENGBERG / Henning EICHBERG: Folkenes Europa. Odder 1989. Joshua FISHMAN et al.: The Rise and Fall of the Ethnie Revival. Berlin 1984. György KONRÄD: Mein Traum von Europa. In: Kursbuch Nr. 81 (1985), 175-13.
Gustav LANDAUER: Staat und Geist. Anarchistische Texte. Berlin 1978. Güther NENNING: Grenzenlos deutsch. München 1988.
Jonathan Mathew SCHWARTZ: In Defense of Homesickness. Kopenhagen 1989. Gerhard WEHR: Martin Buber. Reinbek 1968.

Henning Eichberg

Henning Eichberg (1942 – 2017), Kultursoziologe und Historiker, der seit 1982 in Dänemark lehrte, war bereits seit den ersten Ausgaben der Zeitschrift wir selbst (Gründung im Jahre 1979) der inspirierende Kopf. Sein intellektuelles Fluktuieren zwischen rechten und linken Denkströmungen, seine linksnationale, ethnoplurale Kritik am rechten Etatismus und seine radikale ökologische Orientierung wurden für uns programmatisch wegweisend, jedoch nie zu Dogmen.

Autor der Bücher:

Albtraum der globalistisch-neoliberalen Eliten in den USA: Tulsi Gabbard

von Florian Sander

Albtraum der globalistisch-neoliberalen Eliten in den USA: Tulsi Gabbard

Hillary Clinton und so manch anderer aus dem Establishment der Demokratischen Partei der USA dürfte in diesen Tagen wieder schlecht schlafen. So bewirbt sich derzeit, neben dem doch schon recht alten Sozialisten Bernie Sanders, noch eine andere Politikerin für die US-Präsidentschaftskandidatur, die inhaltlich und biografisch den globalistisch-neoliberalen Eliten ihrer Partei alles andere als genehm sein dürfte: Tulsi Gabbard – ehemalige Militärangehörige und Veteranin im Majorsrang, praktizierende Hindu, Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus aus dem Bundesstaat Hawaii. Hillary Clinton verstieg sich vor einiger Zeit gar zu der (wohl implizit gegen Gabbard gerichteten) Behauptung, auch 2020 würde Russland wieder eine Kandidatin fördern. Wer ist diese unorthodoxe Politikerin, die „Killary“ zum Einsatz dieser rhetorischen Atomwaffe (für die Gabbard sie übrigens im Januar dieses Jahres verklagt hat) veranlasst hat?

Gabbard, die religiös in einer Art Splittergruppe der Hare-Krishna-Bewegung sozialisiert wurde, wurde erstmals 2013 als erste Hindu in den US-Kongress gewählt, wo sie seitdem schwerpunktmäßig mit außen- und sicherheitspolitischen Themen befasst ist. Zuvor saß sie seit 2002 im Repräsentantenhaus ihres Bundesstaates Hawaii, meldete sich aber 2004 freiwillig zum Einsatz im Irak. 2008 bis 2009 bildete sie als Zugführerin der Militärpolizei in Kuwait dortige Militärangehörige in Terrorismusbekämpfung aus. 2013 wurde sie zur Vize-Chefin des Democratic National Committee (DNC) gewählt, geriet aber ab 2015 in Konflikte mit deren Vorsitzenden Debbie Wasserman Schultz und trat schließlich 2016 von diesem Parteiamt zurück, um ohne Verstoß gegen Neutralitätspflichten den demokratischen Kandidaten Bernie Sanders unterstützen zu können. Diese Unterstützung begründete sie mit Verweis auf ihre Gegnerschaft gegen interventionistische Kriege, die sie mit dem klassischen Linken Sanders teilt.

Eine Gegnerin des US-Interventionismus

Und da haben wir ihn auch schon, den Hauptanlass für die Unbeliebtheit beim Parteiestablishment und für die Verleumdungen Clintons, die man seit 2016 auch schon im Falle Trumps zu hören bekam. Wer sich in der US-Politik nicht für Interventionskriege – also für US-Hegemonialpolitik – begeistern kann, gefährdet ernsthaft seine innerparteilichen Karrierechancen – bei den neoliberalen Demokraten ebenso wie bei den neokonservativen Republikanern. Gabbard jedoch spielte hier seit jeher mit erfrischend offenen Karten. So plädiert sie für einen Abzug amerikanischer Soldaten aus dem Ausland, will die US-Truppen aus Afghanistan abziehen und will der US-Regierung gesetzlich untersagen, aufständische Kräfte gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu unterstützen, den sie 2017 zweimal selbst traf. Stattdessen solle man sich endlich auf die Bekämpfung der islamistischen Terrororganisationen und Terrornetzwerke wie IS und Nusra-Front konzentrieren. Zum Vorwurf an Assad, Chemiewaffen eingesetzt zu haben, bekundete sie Skepsis.

Die US-Unterstützung für Saudi-Arabien – einer der größten Terrorförderer der Region und dennoch enger US-Verbündeter sowie immer wieder Empfänger auch deutscher (!) Waffenlieferungen – solle aus Gabbards Sicht enden. Im Nahostkonflikt tritt sie für eine Zwei-Staaten-Lösung und damit für die Errichtung eines souveränen Staates Palästina ein. Den US-geförderten venezolanischen Politiker Juan Guaidó wollte sie nicht als Interimspräsidenten seines Landes anerkennen lassen. Zuletzt kritisierte sie in scharfer Form die Ermordung des iranischen Generals Soleimani: Aus ihrer Sicht war dies ein kriegerischer und illegitimer Akt der Trump-Administration. Den türkischen Machthaber Erdogan bezeichnet sie als „islamistischen, expansionistischen Diktator“, als „sogenannten Alliierten“, der „nicht unser Freund“ ist, und kritisierte die langjährige türkische Unterstützung von islamistischem Terror. Eine Konfrontation mit Russland müsse unter allen Umständen vermieden werden.

Die 38-jährige Gabbard vertritt damit außen- und sicherheitspolitisch letztendlich eben jene souveränistischen, anti-interventionistischen „America-First“-Positionen, die zu realisieren der Realpolitiker Trump in seinem Wahlkampf versprochen, die er aber – wohl unter dem Druck seines eigenen Parteiestablishments und des US-eigenen „tiefen Staates“ – nicht umgesetzt hat. Und dies tut sie durchaus glaubwürdig: Als dekorierte Veteranin und Anti-Terror-Ausbilderin kann sie auf glaubwürdige eigene praktische Erfahrungen verweisen und muss sich von den Washingtoner Falken, von denen selbst nur allzu wenige einen Militärdienst abgeleistet haben, keine Feigheit vorwerfen lassen. Gabbard, die eine Zeit lang als Kampfsport-Trainerin arbeitete und Karma Yoga betreibt, ist die authentische, erfahrene Kämpferin aus der Praxis, die sich von den Kriegshetzern nichts mehr sagen lassen muss.

Eine konservative Demokratin

Dass ihre Haltung durchaus nicht links-naivem Pazifismus oder Gutmenschentum entspringt, sondern einem gesundem und vernünftigen Patriotismus, macht jedoch nicht nur ihre überzeugende Biografie deutlich, sondern auch ein näherer Blick auf ihre innen- und gesellschaftspolitischen Positionen, die aufzeigen, dass Gabbard durchaus nicht zum linken, sondern eher zum (in den letzten Jahren arg geschrumpften) konservativen Flügel ihrer Partei zu zählen ist.

So hat sich Gabbard, die gute Kontakte zu indischen Nationalisten unterhält, zwar einen Ruf als Gegnerin einer neokonservativen „Regime-Change“-Außenpolitik erworben, gilt aber dennoch als klare Befürworterin des Kriegs gegen den Terror, die für falsche politische Korrektheit nicht viel übrig hat. In diesem Zusammenhang kritisierte sie u. a. den damaligen demokratischen US-Präsidenten Barack Obama und seine frühere Außenministerin Hillary Clinton dafür, angesichts von IS und Al-Qaida nicht mehr von „radikalem islamischen Terror“ zu sprechen, nur um die Muslime nicht zu verärgern. Zudem trat sie für eine von Obama bekämpfte republikanische Gesetzesvorlage ein, die erhebliche Verschärfungen bei der Einwanderung von Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak vorsah.

Gesellschaftspolitisch bekämpfte sie über mehrere Jahre die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe, arbeitete sogar bei einer konservativen Organisation, die ihr Vater gegründet hatte und die sich diesem Ziel widmete, verteidigte damit das klassische Modell der Familie und äußerte dazu im Jahr 2004: „As Democrats we should be representing the views of the people, not a small number of homosexual extremists.“ Politisch setzte sie sich mehrfach für verwundete Veteranen ein. In sozialen und ökonomischen Fragen vertritt sie wohlfahrtsstaatliche Positionen (CNN bezeichnete sie – Achtung – als „populistisch“, was man wohl als europäischer Patriot im Zweifel eher als Auszeichnung verstehen sollte): Gabbard fordert die Erhöhung des Mindestlohns, befürwortet die Ausweitung der staatlichen Krankenversicherung, will Offshore-Steuervorteile abschaffen und die übermächtigen Social-Media-Großkonzerne – immerhin Hauptakteure des Globalismus – zerschlagen.

Gut für ihr Land und die Welt

Betrachtet man Tulsi Gabbards Positionen, Äußerungen und Wirken im Gesamtbild, nicht zuletzt auch unter Wertschätzung der damit verbundenen biografischen Authentizität, so kann man europäischen Konservativen eigentlich nur zurufen: Löst euch von der Fixierung auf den (ziemlich unberechenbaren) Trump. Ob er nun selbst „Establishment“ ist oder nicht, ob er nun die interventionistischen Schritte seiner Administration selbst forciert hat oder nicht, ob dies nun eigenen Intentionen entsprang oder dem „tiefen Staat“ des militärisch-industriellen Komplexes bzw. dem übermächtigen republikanischen Establishment – fest steht, dass er allzu viele realpolitische Versprechen seines Wahlkampfes, in dem die Devise „America First“ dominierte, nicht eingelöst hat. Zumindest den solidarisch ausgerichteten Konservativen hierzulande, die eine soziale und zugleich konservative Politik ebenso befürworten wie ein souveränes Deutschland, ein identitätsbewusstes Europa und ein nicht-hegemoniales Amerika, muss man dringend ans Herz legen, Tulsi Gabbard die Präsidentschaft zu wünschen. Sie ist die eigentliche Alternative. Die Alternative zur neokonservativ-interventionistischen Kriegshetze des GOP-Establishments ebenso wie die Alternative zum neoliberalen Globalismus der Demokraten-Spitze.

Dieser Beitrag ist zuerst auf Florian Sanders Blog erschienen: http://konservative-revolution.blogspot.com/2020/02/clintons-albtraum-tulsi-gabbard.html

Florian Sander

Florian Sander, M. A., hatte zunächst einen nebenamtlichen Lehrauftrag (2013 – 2015), danach eine hauptamtliche Dozentur (2016 – 2019) an einer Fachhochschule inne, lehrte dort Sozialpsychologie, Soziologie und Politikwissenschaft und arbeitete auch als Verhaltenstrainer. Er ist aktuell Doktorand an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS), Universität Bielefeld.
Von 2009 bis 2014 war er Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Seit 2018 betätigt er sich als Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD NRW sowie als Leiter des Arbeitskreises Kommunalpolitik der AfD Bielefeld, deren stellvertretender Kreissprecher er seit 2019 ist. Er war Autor für den Blog Le Bohémien (2010 – 2017), für das Online-Magazin Rubikon (2017 – 2018) und für die Linke Zeitung (2017 – 2018) und schreibt seit 2018 für das Kultur- und Lifestyle-Magazin Arcadi sowie seit 2019 auch für den Blog des Jungeuropa-Verlags, für die rechtsintellektuelle, vom Institut für Staatspolitik (IfS) herausgegebene Zeitschrift Sezession und für das Zentralorgan des Bundes Deutscher Unitarier e. V., Glauben und Wirken.

Angela Merkel: psychopathologischer Cäsarenwahn oder herzenskalter Zynismus der Macht?

Tausende wollen von der Türkei aus mit Gewalt die griechische Grenze stürmen

von Klaus Kunze

Angela Merkel: psychopathologischer Cäsarenwahn oder herzenskalter Zynismus der Macht?

Seit Tagen wartet die Öffentlichkeit darauf, wie die Bundeskanzlerin auf die Corona-Seuche reagiert. Welche Antwort findet Berlin auf Ankara, wo Erdogan alle Verträge bricht und seine Grenzen zur EU unkontrolliert geöffnet hat? Ist sie solidarisch mit unseren griechischen Freunden, die mit vielleicht letzter Kraft ihre Grenze verteidigen? Wird Merkel ihnen helfen?

Und wer würde wohl, nach unseren Erfahrungen von 2015, an unseren eigenen Grenzen zurückgewiesen? Würde eine Einreise Erkrankter verhindert?

Das möchten viele gern von Angela Merkel wissen.

Unsere Wirtschaft wird durch die Seuche noch stärker bedroht als die Menschen, die oft mit Erkältungssymptomen davonkommen. Der Dax bricht ein.

Wie reagiert Merkel?

Im Karneval gab es in der Kölner Neustadt Hetzjagden ausländischer Jugendlicher ohne Karnevalshintergrund auf feiernde junge Deutsche, zumal wenn diese sich kampfunfähig getrunken hatten.

Wie reagiert Merkel darauf?

Sie reagierte tatsächlich. In ihrem wöchentlichen „Postcast“ meldete sie sich endlich zu Wort: Sie warnte vor Rechtsextremismus. In Ihrer Pressemitteilung dazu läßt sie schreiben:

Nach den Morden in Hanau müsse man konstatieren, daß es Gruppen in unserer Gesellschaft gebe, die sich im Augenblick nicht sicher fühlen. “Die Sicherheit aller Menschen in Deutschland zu gewährleisten, ist unsere oberste Aufgabe”, sagt die Kanzlerin. Die Bundesregierung habe ein Gesetzespaket zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Haßkriminalität auf den Weg gebracht. Darüber hinaus sei die Präventionsarbeit verstärkt worden, allein in diesem Jahr stelle die Bundesregierung dafür 125 Millionen Euro zur Verfügung.

Merkels Presseerklärung vom 29.2.2020

Will uns die Frau veralbern, hält sie uns für dämlich, oder lebt sie nur noch in ihrer eigenen Welt?

Für sie, so betet Merkel ihr Credo herunter, sei wichtig, daß in Deutschland alle Gruppen ohne Angst leben können. Ob sie dabei auch an ihr eigenes Volk gedacht hat? Gibt es vielleicht nichts, was uns Sorgen bereitet?

Kann es nicht jedem passieren, plötzlich von einer dunklen Horde abgepaßt, verhauen und beraubt zu werden? Kann nicht jedermann von einem Geisteskranken umgeballert werden wie erst in Halle und neulich in Hanau? Hat sich das Bundeskriminalamt vielleicht den Amtsarzt geschickt, als Tobias Rathjen dreimal an das Amt schrieb und seinen paranoiden Wahn erkennen ließ?

Nein, da warnt man nicht vor Paranoikern und verbessert nichts im BKA, man warnt lieber vor Rechtsextremismus. Der schizophrene Tobias Rathjen aus Hanau hatte in der Wahnwelt seiner geistigen Umnachtung phantasiert, ganze Völker, unter anderem zur Hälfte das deutsche Volk, auszurotten. “Der innere Feind, kann man selbst sein oder eben das eigene Volk,” phantasierte er in seinem Manifest.

Und so ein Geisteskranker wird uns jetzt als „Rechter“ verkauft? Ein Rechter, der die Hälfte seines eigenen Volkes ausrotten wollte und als neuntes Opfer seine eigene Mutter umbrachte? Eine lange Reihe ausländischer Straftäter, zum Beispiel der einen kleinen Jungen in Frankfurt vor einen ICE geschubst hatte, wurde auch als geisteskrank schnell aus dem Verkehr gezogen und eingewiesen. Zurecht: Er war wohl auch geisteskrank und kein Beleg für islamischen Terror. Der geisteskranke Deutsche Rathjen aber soll plötzlich ein Beweis für „rechtsextreme Gefahr“ sein? Noch so ein deutscher Geisteskranker wollte in Halle eine Synagoge stürmen, und weil er dazu zu ungeschickt war, erschoß er mal eben ein paar Deutsche? Und solche Geisteskranken sollen „rechts“ sein? Wer das ernsthaft vertritt, hat sich selbst die Eintrittskarte in die Wahnwelt jener Schizophrenen schon gekauft.

Wie mag es in Merkels Welt aussehen? Ihre persönliche Eigenwelt hat jedenfalls nicht mehr mit der Realität zu tun, die wir Bürger hier im Lande tagtäglich erleben. Wenn sich bei Schizophrenen die Persönlichkeit fragmentiert und den Kontakt zur Wirklichkeit verliert, ziehen sich die Kranken auch in ihre persönliche Scheinrealität zurück. In dieser hören sie Stimmen und durchleben panische Ängste vor Mächten wie Geheimdiensten, Nazis, Juden, Mossad, je nach dem, was sich als angstauslösend so anbietet. Ich glaube aber nur an eine Parallele zu Merkel, nicht an eine Erkrankung.

Ist es vielleicht Cäsarenwahn? Dieses psychopathische Phänomen hat nicht unbedingt Krankheitswert. Es führet dazu, daß sich der betroffene Herrscher als weit abgehoben von der Masse seiner Untertanen fühlt. Gleichzeitig erfüllt ihn tiefes Mißtrauen selbst gegen seine engsten Freunde und Berater. Ich glaube, daß Merkel auch das nicht hat, auch wenn sie erfolgreich den Eindruck erweckt.

Herzenskalter Zynismus der Macht

Tatsächlich ist Merkel eine Zynikerin der Macht. Die größte politische Bedrohung für sie und ihre Partei besteht dieser Tage in demokratischen rechten Strömungen, die genau das vertreten, was früher programmatisch die Positionen der CDU selbst waren. Diese finden sich zum Beispiel in der Werte-Union und in der AfD. Alle verbalen Rundumschläge Merkels dienen nur dem Zweck, demokratische rechte Positionen als rechtsextremistisch zu verunglimpfen und mit Terroristen und Mördern in Verbindung zu bringen.

Darum nennen plötzlich die Staatsmedien fast in einem Atemzug die AfD „rechtsextremistisch“ und die paranoiden Morde von Hanau und Halle ebenfalls „rechtsextremistisch motiviert“. Beides ist aber reine Propaganda. Niccolò Machiavelli schrieb 1513:

Man muß eine solche Fuchsnatur zu verschleiern wissen und ein großer Lügner und Heuchler sein: Die Menschen sind so einfältig und gehorchen so sehr den Bedürfnissen des Augenblicks, daß derjenige, welcher betrügt, stets jmanden finden wird, der sich betrügen läßt.

Niccolò Machiavelli, Il Principe, 1513/1532, Kap. XVIII, = Der Fürst, Hrg. Philipp Rippel, 1986, Reclam, S.137.

Merkel und unsere Regierenden täuschen bewußt und schüren bei Ausländern Ängste, indem sie paranoide Taten wie die von Hanau als rechtsextremistisch motiviert verkaufen. Diese Ängste benutzen sie dann wieder als Vorwand, gegen die Opposition vorzugehen und wieder mal irgendwelche Gesetzesverschärfungen durchzubringen.

Um seine Macht zu erhalten, so der große Renaissance-Denker Machiavelli weiter,

muß er eine Gesinnung haben, aufgrund deren er bereit ist, sich nach dem Wind des Glücks und dem Wechsel der Umstände zu drehen und vom Guten so lange nicht abzulassen, wie es möglich ist, aber sich zum Bösen zu wenden, sobald es nötig ist.

Niccolò Machiavelli, ebenda S.139.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heuchelt Merkel im aktuellen Potcast als treue Leserin Machiavellis: Ein Herrscher muß sich nach außen immer als Verteidiger des Guten präsentieren. Niemand widerspricht ihm, wenn er das Gute anruft und beschwört. Zugleich muß er aber „das Böse“ tun, soweit es „nötig“ ist, um seine Macht zu sichern.

Merkel hatte einst geschworen, das Wohl des deutschen Volkes zu mehren und Schaden von ihm zu wenden.

Ein kluger Herrscher kann und darf sein Wort nicht halten, wenn ihm dies zum Nachteil gereicht und wenn die Gründe fortgefallen sind, die ihn veranlaßt hatten, sein Versprechen zu geben.

Niccolò Machiavelli, ebenda S.137.

Merkel hat dem deutschen Volk seit 2015 massiv geschadet und scheint die Restbestände der „schon länger hier Lebenden“ als eine zu vernachlässigende Größe in ihrem Machtkalkül zu halten.

Aber es finden sich ja immer viele, die sich gern, mit den Worten Machiavellis, „betrügen lassen.“ Wir Deutsche haben seit der Entstehung des Nibelungenliedes schon des öfteren bewiesen, daß wir gern Führern bis in unseren eigenen Untergang folgen.

Merkel hat aber keine Gefolgschaft mehr verdient. Sie bricht dem ihr anvertrauten Volk täglich die Treue. Darum verdient sie auch unsere Folgsamkeit als Bürger nicht mehr.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf Klaus Kunzes Blog: http://klauskunze.com/blog/2020/02/18/sag-mir-wo-die-buerger-sind-wo-sind-sie-geblieben/

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor des Buches:

Der Kapitalismus ist kein Verein für Heimat- und Naturschutz

BASF-Werk Ludwigshafen 1881

von Werner Olles

Der Kapitalismus ist kein Verein für Heimat- und Naturschutz

Die Linke hat in jeder Beziehung, vor allem intellektuell und als Anwalt der kleinen Leute, abgedankt. Das begann ja schon 1968, als die Arbeiterklasse sich standhaft
weigerte, unseren geschwollenen Parolen zu folgen. Ich erinnere mich noch
ganz gut an unsere Parole „Was wir wollen? Arbeiterkontrollen!“ Die Antwort
kam prompt: „Ihr wollte uns kontrollieren, haut bloß ab!“ Zwar war das ein
Mißverständnis, aber es war auch ein Symptom. So verlegten wir uns eben auf
das sogenannte Lumpenproletariat, das für eine echte Revolution sicher gut
geeignet ist, denn für eine Revolution braucht man in der Tat Schläger,
Gauner etc., aber die Arbeiterklasse interessierte sich nicht für uns und
wir uns nicht mehr für sie.

Irgendwie hat die heutige Linke daran angeknüpft, ihr Lumpenproletariat sind
die Flüchtlinge, Asylanten, Drogenhändler etc., während sie für den Rest,
der noch von der Arbeiterklasse übrig geblieben ist, nichts als Verachtung
hat, weil die Leute halt ihr Häuschen brav abbezahlen und mit ihrem Diesel
nach Spanien in Urlaub fahren wollen. Und warum auch nicht?

Der AfD-Flügel um Höcke hat das wohl verstanden, und das ist nun wirklich
eine große Chance. Auch Alain de Benoist und die französische Rechte sieht
das ähnlich. Klar muß das noch weiter diskutiert werden, aber Kunze (siehe den Kommentar von Klaus Kunze auf meinen Artikel „Die Rechte – eine Stütze der kapitalistischen und globalismushörigen Gesellschaft?“) denkt da
wirklich zu verkürzt. Es wäre ja sehr dumm von der Rechten, die Krise des
Kapitalismus und Globalismus, der keinerlei zivilisatorische Mission mehr
hat, sondern bereit ist, bis zur drohenden Weltvernichtung zu gehen, nicht
auszunutzen. Verstehen Rechte wie Kunze denn nicht, daß hier Stück für Stück
der „neue Mensch“ der Warengesellschaft entsteht, schließlich selbst zur
Ware wird, und es kein Zurück mehr gibt? Das Versprechen der Biotechnologie,
Schwulen das Kinderkriegen zu ermöglichen, hat nichts Menschenfreundliches
an sich, sondern ist nur ein weiterer Schritt zum vollautomatischen Subjekt.

„Recht in seiner Unmittelbarkeit ist Eigentum“, schreibt Hegel. Doch eben
dieses löst sich mit fortschreitendem Kapitalismus und grenzenloser
Globalisierung auf, sei es durch fortwährende Monopolbildung, sei es durch
Kurzlebigkeit der Waren. Was wir erleben, ist eine Sozialisierung ohne
Sozialismus, bei der Normalität und Legalität immer weiter
auseinanderfallen. Das Spiel zwischen Regulierung und Deregulierung wirkt
zusehends ausgereizt. Regulierung ist jedoch, wie das Wort ja nahe legt,
niemals als gesellschaftliche Planung mißzuverstehen, wie die Rechte dies
vielfach leider tut, sondern soll gerade verhindern, daß wir in die staats-
und rechtsfreie Gesellschaft steuern. Nichts anderes passiert aber im
Moment. Das Recht spürt erstmals seinen beschränkten historischen Charakter,
spürt erstmals sein dämmerndes Ende. Was danach kommt, ist augenblicklich
jenseits unseres Erkenntnishorizonts, weil wir uns nicht vorstellen können,
wie diese nachrechtlichen Ordnungsprinzipien aussehen könnten. Es ist mit
der Begrifflichkeit von Staat und Demokratie, Recht und Gesetz jedenfalls
nicht zu fassen.

Karl Marx

Die historische Groteske sei so formuliert: Wer das zivilisatorische Niveau,
die Errungenschaften des Abendlandes retten will, und hier gilt es im besten
Sinne des Wortes gar manches zu bewahren, der muß sich auf die Überwindung
der westlichen Formprinzipien des Kapitalismus und Globalismus  einstellen.
Die Beseitigung der Krise der Linken zu überlassen ist sinnlos,
weil diese instinktiv die Krise von Demokratie, Sozial- und Rechtstaat
erkannt hat und sie immer offener für diktatorische Konzepte ausnützen will,
siehe die MP-Wahl in Thüringen. Dumm sind aber jene, die dem in
demokratischer Bescheidenheit nur defensiv begegnen und sich hinter den
bürgerlich-demokratischen Werten vergraben, denn diese gehen auf jeden Fall
den Bach runter. Die neue Qualität der kapitalistischen und ökologischen
Krise als gesellschaftliche Naturkatastrophe zu verstehen muß nicht
unbedingt in der Sackgasse des Kulturpessimismus enden, auch wenn das
durchaus verständlich ist. Der Aschermittwoch des Marxismus, der Abgesang
der Linken und die Krise der politischen Ökonomie, die Verkleinbürgerung der
Neo-Sozialdemokratie im Zeitalter des Neo-Liberalismus und globaler
Kulturkämpfe, das Outsourcing des Staates, Bauernaufstände und eine linke
„Globalisierungskritik“, die ihr eigenes Prinzip verleugnet, sind genau
genommen Steilvorlagen für eine Rechte, die endlich ihre Scheuklappen ablegt, Marx von rechts liest, und erkennt, daß der Wolf nicht zum Veganer und der
Kapitalismus nicht zum Verein für Heimat- und Naturschutz  und zum
Verteidiger der nationalen Souveränität wird. Ist das globale Marktsystem
erst in Dreckwasser und Schlamm abgesoffen, ist es jedoch für eine
vernünftige Organisation der Gesellschaft, die nur von rechts
kommen kann, wahrscheinlich zu spät.

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor des Buches:

Warum wir die Natur lieben und dennoch zerstören

von Irenäus Eibl-Eibesfeldt

Lebensgefährdende Grenz-Verletzungen als Folge menschlicher Kurzzeitstrategie

Warum wir die Natur lieben und dennoch zerstören

Wir sind eine überaus erfolgreiche Art. Als Volltreffer der Evolution charakterisierte uns Hubert Markl (1986). Wir haben den Erdball bis in die entlegensten Winkel bevölkert und werden dennoch immer mehr. Zugleich schufen wir uns mit der technischen Zivilisation ein Instrumentarium, das uns Macht über Natur und Mitmenschen in die Hand gibt, mit der wir nicht so recht umzugehen wissen. Wohlge­merkt, ich spreche von einer Geschichte des Erfolges, denn ohne die anonymen Großgesellschaften, ohne die technische Zivilisation und ohne die Ballung von Menschen in großen Städten gäbe es nicht die Hochkulturleistungen, an denen wir uns erfreuen, keine Universitäten, keine Forschung, kein Theater, keine Bibliotheken, Konzertveranstaltungen, keine technische Zivilisation, die uns vielleicht den Aufbruch ins All ermöglicht, und keine weltweite Kommunikation über Satelliten. Wir haben es in knapp hundert Jahren geschafft, uns von den ersten unbeholfenen Automobilen zur Raumfahrt vorzuarbeiten, vom mechanischen Zeitalter ins elektronische. Kaum auszudenken, was unsere Spezies alles in weiteren tausend, ja zehntausend Jahren erreichen könnte, wenn, ja wenn da nicht einige Probleme wären.

Irenäus Eibl-Eibesfeld (2005), Quelle: Von Peter Korneffel, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38654673

Früher vorteilhafte Überlebensstrategien erweisen sich heute als überlebensgefährdend

Diese Probleme ergeben sich aus der Tatsache, daß unsere Vorfahren über die längste Zeit ihrer Geschichte mit der einfachen Technologie des altsteinzeitlichen Jägers und Sammlers in Kleingesellschaften lebten, in denen jeder jeden kannte. In ihr erwiesen sich bestimmte Überlebensstrategien als vorteilhaft, die auch heute noch zu der uns angeborenen Aktions- und Reaktionsausstattung gehören und die sich in dieser neuen Situation allerdings als Problemanlagen erweisen, indem sie sich in bestimmten Situationen schädlich, das heißt überlebensgefährdend auswirken. Das gilt unter anderem für unsere Programmierung auf den Wettlauf im Jetzt und für unser ausgeprägtes Machtstreben.

Beiden Programmierungen verdanken wir einerseits unseren Erfolg, aber beide erweisen sich in ihrer unbewußten Dynamik heute als höchst gefährlich. Wir Europäer haben an dieser Entwicklung entscheidenden Anteil. Wir haben der Menschheit die Naturwissenschaft und damit die technische Zivilisation beschert, den Gedanken des Weltbürgertums entwickelt und damit Entwicklungen angestoßen, die einer vernünftigen ebenso wie humanitär engagierten Steuerung bedürfen, damit sie sich weiterhin segensreich auswirken können. Dazu müssen wir uns der uns unbewußten Motive unseres Handelns bewußt werden.

Wettlauf im Jetzt

Eine der stammesgeschichtlich ältesten Problemanlagen ist unsere Programmierung auf den Wettlauf im Jetzt. Seit die ersten Organismen vor vielleicht zwei Milliarden Jahren um begrenzte Ressourcen konkurrierten, zählte, wer in diesem Wettlauf im Jetzt schneller war. Die Algen, die andere schneller überwucherten und ihnen so das Licht raubten, die Organismen, die anderen schneller die Nahrung nahmen, kurz, die im Jetzt erfolgreicher waren, machten das Rennen und überlebten in Nachkommen. Dieser Wettlauf im Jetzt formte auch uns. Er bewirkte eine opportuni­stische Grundhaltung, die dazu drängt, sich bietende Chancen ohne Rücksicht auf Spätfolgen maximal zu nützen. Wir befolgen daher ausbeuterische, gewinnmaximierende Kurzzeitstrategien, die uns heute zur Falle werden können und vor denen wir uns daher hüten müssen.

Für unsere altsteinzeitlichen Vorfahren bewährte sich diese opportunistische Grundhaltung. Sie bevölkerten diesen Planeten in dünner Besiedlung und konnten mit ihrer einfachen Technologie auf die Lebensgemeinschaften, die ihre Existenzgrundlage bildeten, keinen auf Dauer zerstörerischen Einfluß ausüben. Daher hat uns die natürliche Auslese für den Umgang mit der Natur keine Bremsen angezüchtet. Man liest oft, der Mensch der Vorzeit hätte in Harmonie mit der Natur gelebt und sich umweltfreundlich verhalten. Das ist eine romantische Vorstellung. Der Mensch hat bereits als steinzeitlicher Wildbeuter manche Tierarten ausgerottet, und er hat Feuer gelegt, damit sich auf den neu begrünenden Flächen das Jagdwild konzentrierte. Im großen und ganzen hielten sich jedoch seine Einwirkungen in ökologisch verkraftbaren Grenzen.

Die exploitative Grundhaltung konnte man bis vor kurzem noch an den verbliebenen Jäger- und Sammlervölkern beobachten. Solange sie ihre eigene traditionelle Gerätekultur verwendeten, hielt sich der Schaden in Grenzen. Aber als die Prärieindianer Nordamerikas gelernt hatten, die Bisons auf Pferden mit Feuerwaffen zu erjagen, unterschieden sie sich in ihrem Jagdrausch wenig von ihren weißen Vorbildern. Als die Eskimos Feuergewehre bekamen, gefährdeten sie mit ihrem Jagdeifer ihre eigene Subsistenz­ basis, so daß die dänische Regierung Schutzgesetze für Walrosse erlassen mußte, die wegen ihrer Zähne besonders begehrt waren.

Die riesigen Büffelherden wurden fast ausgerottet. Das Foto zeigt eine Pyramide aus Schädeln der Tiere
Quelle: Wikipedia/Public Domain

Machtstreben

Für dieses Konkurrenzverhalten hat uns die Natur mit einem Dominanzstreben begabt. Es wurde ursprünglich sicher für die innerartliche Auseinandersetzung entwickelt, für den Wettstreit um begrenzte Güter wie Territorien oder Geschlechtspartner. Beim Menschen erwies es sich auch bei der Auseinandersetzung mit der Natur dienlich. Wir kämpfen mit den Naturgewalten, wir machen uns die Natur untertan, verbeißen uns in Aufgaben und attackieren Pro­ bleme. Und das ist ja nicht grundsätzlich schlecht. Aber die aggressive Terminologie weist auf den Ursprung dieser Motivation zum „Sieg“ über die Natur hin und damit auf ein Problem. Das Streben nach Dominanz und Macht ist nämlich gegen Eskalation nicht abgesichert. Während Hunger, Durst und andere Triebe über das Erreichen einer abschaltenden Endsituation oder interne abschaltende, physiologische Mechanismen gegen ein Zuviel und damit auch gegen den Mißbrauch der mit ihnen verbundenen Lustmechanismen abgesichert sind, wird das Streben nach Macht beim Mann bei Erfolg durch einen Hormonreflex in positiver Rückkoppelung bekräftigt. Gewinnen Tennisspieler ein Match, dann steigt ihr Bluttestosteronspiegel innerhalb von 24 Stunden signifikant an; verlieren sie, dann sinkt er deutlich ab. Das gleiche Phänomen beobachtet man auch bei Erfolg in anderen Bereichen. Bestehen Medizinstudenten eine Prüfung mit Erfolg, dann steigt ihr Bluttestosteronspiegel ebenfalls an, und er sinkt ab, wenn einer durchfällt. Dieser Hormonreflex belohnt also jeden Erfolg, über ihn wird das Selbstwertgefühl bekräftigt. Diese positive Rückkoppelung führt dann allerdings auch dazu, daß unser Streben nach Macht und Ansehen von Erfolg zu Erfolg angeheizt wird, daher neigt es zur Eskalation.

So angetrieben haben wir unsere Erde erobert wie keine Wirbeltierart zuvor. Zu dieser Dynamik kommt noch der Umstand, daß wir sprach- und damit kulturbegabte Generalisten mit einer Werkzeugkultur sind, die uns mit ablegbaren Organen ausstattete und uns damit zu vielseitiger Spezialisierung befähigte. Ein Maulwurf ist mit seiner Grabschaufel zeitlebens verhaftet. Wir können sie ergreifen, wenn wir sie gerade benötigen, aber auch wieder ablegen, um uns mit einer Axt vorübergehend eine neue Spezialisierung anzueignen. Hans Hass prägte für uns die treffende Bezeichnung des „Spezialisten für vielseitige Spezialisierung“ (Hans Hass 1994).

Wir können überdies die Folgen unseres Handelns über längere Zeit im voraus abschätzen und wissen daher, daß der gegenwärtig mit archaischen Kurzzeitstrategien aufgetragene Konkurrenzkampf die Ressourcen und damit die Lebensgrundlagen künftiger Generationen gefährdet. Dieses Wissen sollte uns in verantwortlicher Weise zu einem generationenübergreifenden Überlebensethos verpflichten lassen, das die Zukunft auch uns nachfolgender Generationen absichert. Wir sind immerhin die ersten Wesen auf diesem Planeten, die sich Ziele dieser Art setzen können, und wenn sich in dieser Zielsetzung Vernunft und fürsorgliches Engagement in ausgewogener Weise verbinden und wenn wir überdies zur rechtzeitigen Fehlerkorrektur bereit bleiben, sollte sich der beschrittene Weg als Irrweg erweisen, dann eröffnen sich, wie schon eingangs angedeutet, ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten. Dogmatische Zielsetzung kann sich als höchst gefährlich erweisen. Es würde den Rahmen dieser Ausführung sprengen, wollte ich auf die Falle des Dogmatismus hier näher eingehen. Ich möchte aber ausdrücklich auf sie verweisen (Näheres dazu in Eibl- Eibesfeldt 1988, 1994).

Bäuerlich-fürsorgliche Kultur als Bezugspunkt für generationenübergreifendes Handeln

Für die Entwicklung eines solchen generationenübergreifenden Überlebensethos ist unsere in ihren Wurzeln auf einer bäuerlichen Ethik basierende Kultur in gewisser Hinsicht vorbereitet. Wir leben nicht in den Tag. In verschiedenen Regionen unserer Erde, vor allem in jenen, die klimatisch weniger begünstigt sind, haben Menschen, die vom Ackerbau und von der Viehzucht leben, das Haushalten gelernt ebenso wie das pflegliche Behandeln ihrer Ressourcen und das Planen für die weitere Zukunft. Sie haben gelernt, Bäume zu pflanzen, die erst nachfolgenden Generationen von Nutzen sind, und sie pflegen das Land, das sie bestellen und mit dem sie geradezu affektiv verbunden sind.

Ich fahre täglich von meinem Heim im bayerischen Söcking zu meinem Institut in Andechs durch eine bäuerliche Kulturlandschaft, die seit gut 2.000 Jahren bewirtschaftet wird. Kelten und Römer lebten von diesem Land, und viele Generationen von Bayern bis zum heutigen Tag. Und es zeigt keinerlei Zeichen von Zerstörung. Auf den bronzezeitlichen Hügelgräbern weiden Kühe, mittelgroße Felder und Wiesen wechseln mit kleineren Wäldern. Dazwischen eingestreut kleine Ortschaften mit Wohlstand verkündenden Höfen. Die auf pflegliche Art erwirtschafteten Produkte waren von hoher Qualität, und sie reichten aus, die Bevölkerung dieses Landes mit gesunden Produkten zu versorgen und den Produzenten einen gewissen Wohlstand zu sichern.

Dies änderte sich in den letzten zwei Jahrzehnten durch die industrielle Feldbestellung und durch die Massentierhaltung in dramatischer Weise. Beides gefährdet nunmehr das bisher Erreichte. In bestimmten Gebieten Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Spaniens werden heute sehr große Flächen mit schweren Maschinen bestellt, die den Boden verdichten. Die intensive Düngung tötet zwei Drittel der Bodenorganismen, die ihn wieder lockern würden. Daher dringt das Regenwasser nicht schnell genug ein, und das wirkt sich vor allem nach der Ernte verhängnisvoll aus. Denn dann liegen die Felder viele Monate ohne schützende Pflanzendecke. Regen wäscht das Erdreich weg, und bei Trockenheit verbläst es der Wind. Glaubt man so weitere zweitausend Jahre wirtschaften zu können? Keineswegs, aber das schert wenige. Im Augenblick erwirtschaftet man auf diese Weise die Produkte billiger als auf die traditionelle Art, da man Arbeitskräfte spart. Und nur die Gegenwart zählt. Man pflegt das Land nicht mehr, man beutet es aus und läßt es verkommen. Einige werden dabei reich, aber viele zugleich arbeitslos.

Ähnliches gilt für die Massentierhaltung. In manchen Gegenden des europäischen Nordens werden Hunderte von Schweinen und Rindern in Ställen gehalten. Massentierhaltung verdrängt die bewährten bäuerlichen Methoden der Viehhaltung. Auch hier werden einige wenige wohlha­ bend, während viele der kleineren und mittelgroßen bäuerlichen Betriebe zugrundegehen. Daß die Produkte vom seuchenhygienischen Standpunkt nicht unbedenklich sind und überdies von minderer Qualität und daß die Methoden der Tierhaltung gegen unsere Ethik verstoßen, wird ebenso verdrängt wie die sozialen Probleme. Es zählt der Wettlauf im Jetzt. Wirtschaftlich funktioniert dies nur, weil die durch die Arbeitslosigkeit verursachten Soziallasten dem Staat und damit der Gemeinschaft aufgebürdet werden, während der Nutzen allein den rücksichtslos Wirtschaftenden zufällt. Das alte Problem der Allmende in neuer Form. Würde man diese Soziallasten in die Kosten-Nutzen-Rechnung miteinbeziehen, die so erwirtschafteten Produkte dürften ziemlich teuer kommen. Ganz abgesehen davon ist eine solche Kurzzeitstrategie höchst riskant. Wir haben immerhin bereits zwei Ölkrisen erlebt, aber in unserem Kurzzeitdenken auch schnell vergessen.

Lebensqualität contra Gewinnmaximierung

Im industriellen Bereich bahnen sich ähnliche Entwicklungen an. Wir hatten in den Ländern der Europäischen Gemeinschaft in Industrie und Landwirtschaft bereits einen hohen Standard umweltfreundlichen und zugleich sozial verantwortlichen Wirtschaftens erreicht. „Soziale Marktwirtschaft“ hieß die von Ludwig Erhard in die Welt gesetzte Parole. Sie zivilisierte den Kapitalismus, indem sie umweltfreundliches und sozial verantwortliches Wirtschaften mit freiem Wettbewerb verband. Schnelligkeit der Leistungserfüllung, Qualität des Angebots und der Dienst­ leistungen, Innovation und Geschicklichkeit der Märkteerschließung unter anderem durch kundenorientiertes und daher nicht notwendigerweise gewinnmaximierendes Verhalten waren dabei die Konkurrenzfaktoren, während dem ökologischen und sozialen Unterbieten durch Auflagen Grenzen gesetzt wurden. An diesem System gibt es sicherlich mancherlei zu korrigieren. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müßten in Vereinbarungen symbiotische Beziehungen erwirtschaften zu beiderseitigem Vorteil, in denen sich beide bereitfinden sollten, sich an die jeweilige Wirtschaftslage anzupassen und sowohl der Ausbeutung wie dem Mißbrauch von Sozialleistungen entgegenzusteuem. Hier befinden wir uns in der Experimentierphase, aber mit der sozialen Marktwirtschaft sicherlich auf einem guten Weg.

Gelingt es, die richtige Balance zu finden, dann sichern wir unsere Zukunft durch Erhaltung des inneren Friedens. Was nützt die schönste Villa, wenn ich sie wie in manchen Ländern der neuen Welt mit stacheldrahtbewehrten Mauern umgeben muß, wenn ich nachts nicht ungefährdet die Straßen der Großstädte betreten darf und wenn mein Gewissen durch den Anblick krasser Armut bedrückt wird, von Menschen, die im Winter in Kartons in Kaufhauseingängen übernachten oder über Entlüftungsschächten, aus denen warme Luft strömt. Es gehört eine gewisse soziale Blindheit dazu, wenn ein Land sich des höchsten allgemeinen Lebensstandards brüstet, in dem soziales Elend dieser Art zum Alltag gehört. Mag sein, daß es sich so statistisch errechnet, aber einem Optimum an Lebensqualität ist das gewiß nicht gleichzusetzen.

Ökologische und soziale Grenzen der Globalisierung

Wir müssen befürchten, daß sich eine ähnliche Entwicklung bei uns in Europa anbahnt. Unter dem Stichwort „Globalismus“ fordert man den weltweiten Abbau der Zollschranken. Wir sollen uns der Welt öffnen. Aber man kann nicht umweltfreundlich wirtschaften und seine Arbeitnehmer angemessen bezahlen, wenn man zuläßt, daß Billigprodukte aus Ländern, denen es an sozialer und ökologischer Verantwortung mangelt, importiert werden. Die Wirtschaft neigt dazu, sich die Natur beziehungsweise deren über die natürliche Auslese gesteuerten Konkurrenzkampf zum Vorbild zu nehmen. Aber die Natur ist rücksichtslos. Sie kennt keine Moral und keine langfristige Zukunftsperspektive. Wir können aus ihr zwar viel lernen, aber auch, wie wir es nicht machen sollten. Kurzfristig mag eine am natürlichen Vorbild orientierte Marktwirtschaft Vorteile bringen, langfristig zerstört sie eine Gemeinschaft. Der freie Verkehr von Menschen und Waren würde zu einem sozialen und ökologischen Dumping führen. Nicht die Nivellierung der Menschheit auf ein Niveau der allgemeinen Armut kann das Ziel sein, sondern die allmähliche Angleichung nach oben. Die kann man aber aus einer Reihe von Gründen nicht mehr global erreichen. Jene Philanthropen, die unentwegt laut „Wir, die Reichen müssen…“ rufen, sind wirklichkeitsblind. Ganz abgesehen davon, daß wir so reich nicht sind – junge Akademiker können sich in den seltensten Fällen in München eine Wohnung leisten, die es ihnen erlauben würde, zwei oder drei Kinder ohne erhebliche Einschränkungen aufzuziehen –, würde die Wirtschaftleistung der gesamten Industriestaaten der nördlichen Erdhalbkugel nicht ausreichen, die dritte Welt zu sanieren, die jährlich 2 bis 3 Prozent wächst, so daß sich die Weltbevölkerung vor allem durch den Zuwachs in diesen Regionen alle drei bis vier Jahre um die Bevölkerung der Europäischen Union vermehrt. Da ist guter Rat teuer, zumal die Industriestaaten ihre Entwicklungshilfe bereits über eine Verschuldung künftiger Generationen finanzieren.

Auch mit der Aufnahme von Menschen aus den Armutsländern wäre nicht geholfen. Wir könnten jährlich aus diesen Regionen 1 Millionen in Europa einwandern lassen, und es würde, wie Hubert Markl vorrechnet, nichts in den notleidenden Regionen ändern, denn dies ist der dortige Geburtenzuwachs einer einzigen Woche. Wir würden uns allerdings mit Problemen belasten, die den inneren Frieden und die dringend gebotene Sanierung unseres Naturhaushaltes ernsthaft gefährden.

Ich sehe in der gegenwärtigen Situation nur den Weg der schrittweisen Sanierung, wobei wir zunächst den eigenen Haushalt in Ordnung bringen sollten. Das gilt für die einzelnen Staaten Europas ebenso wie für die Europäische Union, die so zu einer Zone ökologischen und sozialen Friedens heranwachsen könnte. Von solchen gesundeten Regionen könnte über Nachbarschaftshilfe eine Anhebung ärmerer Regionen erfolgen, wobei die erzieherische Modellwirkung über die wirtschaftliche und ausbildungsmäßige Hilfe hinaus zusätzlicher Ansporn sein könnte. Zwischen Wirtschaftsregionen, die einen vergleichbaren ökologischen und sozialen Standard pflegen, könnte ein freier Handel statt­finden, so daß der frische Wind des Wettbewerbs als belebender Ansporn wirkte. Die Marktwirtschaft darf dabei nicht das Soziale und dieses nicht die Marktwirtschaft fressen. In einem höchst bemerkenswerten Beitrag zur Debatte über die Globalisierung schreibt Josef Schmid (Josef Schmid. Unausweichlich, aber kein Fortschritt. Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 185 (22.8.1996). S. 11): „Globalisierung ist nicht nur Schicksal oder Ausgeliefertsein, demgegenüber nichts als Anpassung gefragt wäre. Sie zwingt dazu, sich über die eigenen Vorlieben klarzuwerden und darüber, was gegenüber Weltbewegungen als erhaltenswert erscheint.“

Dazu gehört für uns die Pflege unserer eigenen abendländischen und nationalen Identität als Beitrag Europas zur multikulturellen Weltgemeinschaft. Und in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung eines verantwortlichen generationenübergreifenden Überlebensethos, das dem Wohlergehen unserer Enkel Rechnung trägt. Den egalisierten Weltstaat mit einer homogenisierten Weltbevölkerung wird es wohl nie geben. Er müßte extrem repressiv sein, denn Leben drängt nach Vielfalt und zwar nicht nur auf der Ebene der Tier- und Pflanzenarten, sondern auch auf der der menschlichen Populationen und Kulturen, denn nur so kann Leben sich im Strom der Zeit behaupten.

Auf das Wirtschaftliche bezogen, meint Schmid: „Eine Wirtschaftspolitik, die den Menschen dient und nicht nur den Betriebseinheiten, wird in gewissem Umfange Nationalökonomie bleiben müssen. Die verzweifelte Suche nach dem „patriotischen Unternehmer“, der nicht auslagert, dem unverdrossenen Biologen, der nicht nach Asien geht, nach dem Arbeiter, der nicht pausiert, kann beginnen“.

Welche angeborenen Verhaltensdispositionen können ein generationenübergreifendes Lebensethos stützen?

Hilft Einsicht allein, mit unseren Problemanlagen zurechtzukommen und etwa die Falle der Kurzzeitstrategie oder des Machtstrebens zu vermeiden? Daran habe ich meine begründeten Zweifel, kann man doch an vielen Beispielen, wie etwa an unserem Umgang mit den nichtersetzbaren Ressourcen – ich denke hier zum Beispiel an die fossilen Energieträger – erkennen, daß das rational sicher als notwendig Erkannte uns kalt läßt, wenn die negativen Folgen unseres Tuns erst zwei Generationen später spürbar werden“. ,Nach uns die Sintflut’ ist eine Haltung, die der Entwicklung eines generationenübergreifenden Überlebensethos entgegenwirkt. Den stark affektiv besetzten Hindernissen, die einer einsichtigen Verhaltenssteuerung entgegenstehen, müssen wir außer unserer Einsicht auch ein starkes affektives Engagement entgegensetzen. Welche der uns ebenfalls angeborenen Verhaltensdispositionen können wir nutzen? Es sind im wesentlichen drei: unsere Natur­ liebe, unser starkes fürsorgliches Engagement für Kinder und unser auf der universalen Regel der Reziprozität basierendes Gefühl für Verpflichtung. Alle drei basieren auf uns angeborenen Dispositionen, die wir bewußt kultivieren können.

Die Liebe zur Natur speist sich aus verschiedenen Wurzeln. So zeichnet uns Menschen eine ausgesprochene „Phytophilie“ aus, eine Vorliebe für Pflanzen. Hier dürfte es sich um eine archetypische Biotopprägung handeln. Pflanzen charakterisieren einen Lebensraum, der fruchtbar ist und in dem es sich gut leben läßt. Der altsteinzeitliche Jäger und Sammler lebte naturnah, in einem Habitat, das etwa der afrikanischen Savanne entspricht, mit reichlichem Pflanzenwuchs und reichlichem Tierleben. Und daß wir ein ästhetisches Bedürfnis nach einer solchen Umgebung haben, zeigt sich dann, wenn Menschen naturfern leben. Dann nämlich zeigen sie eine Reihe von Ersatzhandlungen: Sie dekorieren ihre Wohnung zum Beispiel mit Farnen, Gummibäumen und anderen Grünpflanzen, die keinem anderen Zweck dienen als dem Auge Ersatznatur zu bieten. Wir lieben Natur, was allerdings nicht verhindert, daß wir sie ausbeuten. Wir erwähnten schon, daß es ursprünglich keine Notwendigkeit gab, uns da Einschränkungen aufzuerlegen. Aber das ästhetische Bedürfnis nach Natur setzt der Zerstörung Grenzen, wenn wir sie unmittelbar betroffen erleben. Wir lieben ferner Gewässer und wir lieben Tiere, denn auch sie sind Indikatoren einer gesunden Umwelt.

Bei der Tierliebe kommt noch eine weitere affektive Komponente dazu. Jungtiere sprechen uns an, wenn sie Merkmale des Menschenkindes aufweisen und damit Betreuungsreaktionen auslösen. Ich habe über viele Jahre die Yanomami-lndianer des Oberen Orinoko besucht.

Diese Bewohner des Regenwaldes halten als Haustier nur den Hund. Sie sind Jäger, aber wenn sie einen Affen abschießen, der ein Junges trägt, oder ein Aguti oder einen Vogel mit Jungen, dann pflegen sie die Jungtiere aufzuziehen. Eine Ansiedlung der Yanomami gleicht oft einem kleinen Zoo. Da laufen Agutis herum, kleine Tukane, Waldhühner, Papageien, Äffchen, und die Tiere werden gehegt und geliebt. Kein Yanomami würde daran denken, sie später einmal zu verspeisen. Diese Anteilnahme an der Kreatur hat sicher ihre affektive Begründung in unserer Disposition zur Kindesfürsorge, die über bestimmte Kindsignale ausgelöst wird. Konrad Lorenz (1943) sprach von eigenen Auslösern, auf die wir dank uns angeborener zentraler Referenzmuster, dem Kindchenschema, reagieren. Die Anteilnahme wird heute durch die Einsicht vertieft, daß es sich beim Leben um ein erstaunliches, einmaliges Phänomen handelt und daß wir selbst nur in einer gesunden Lebensgemeinschaft gedeihen können. Letztlich dient ein pfleglicher Umgang mit der Natur und den durch sie zur Verfügung gestellten Ressourcen unserem eigenen Interesse, das lautet: das größtmögliche Lebensglück für alle, und das nicht nur in der Gegenwart, sondern auch für künftige Generationen.

Dem „Nach uns die Sintflut“ kann ferner unser affektiv betontes Interesse am Schicksal unserer Kinder abhelfen. So wie es uns gelungen ist, das familiale Kleingruppenethos auf die Großgruppe auszudehnen und uns über Symbole und andere Gemeinsamkeiten auch mit Menschen zu identifizieren, die wir gar nicht kennen und die wir dennoch über die Verwendung von Verwandtschaftsbegriffen quasi-familial in unsere Solidargemeinschaft einbeziehen (wir sprechen bekanntlich von unseren Brüdern und Schwestern, von einem Vaterland und von Nationen), so sollte es auch gelingen, über eine affektive Ankoppelung nicht nur ein Engagement für unsere Kinder und Enkel, sondern auch für danach folgende Generationen zu entwickeln. Dazu mag schließlich das verpflichtende Bewußtsein beitragen, daß wir den ungezählten Generationen unserer Vorfahren das kulturelle Erbe verdanken, auf dem wir weiter aufbauen – ein Bewußtsein, das uns eine moralische Verpflichtung auferlegt, so zu handeln, daß auch künftige Generationen Lebensglück erfahren können.

Dazu kommt, daß wir Gefahren, die nach statistischer Wahrscheinlichkeit nicht in einem Lebensalter eintreten, nicht als bedrohlich erleben, auch wenn wir sie rational erkennen. So siedeln wir immer wieder an Vulkanabhängen, auch wenn die Dörfer alle paar hundert Jahre verschüttet werden. Die Selektion konnte in solchen Fällen keine Meidereaktionen anzüchten. Nur was mit Wahrscheinlichkeit in einem Menschenleben eintritt, wird gemieden.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der wir selbst-Druckausgabe „Grenzen“ 1/1998. Die Ausgabe ist im Bublies Verlag erhältlich: Zu den wir selbst-Druckausgaben

Prof. Dr. Dr.h.c. Irenäus Eibl-Eibesfeldt

geboren am 15.06.1928 in Wien, ehemaliger Leiter der Forschungsstelle für Humanethologie in der Max-Planck-Gesellschaft (bis Juni 1996), später Prof. Emeritus am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie, Humanethologie sowie Leiter des Humanethologischen Filmarchivs; apl. Prof. für Zoologie an der Universität München; Direktor des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Stadtethologie in Wien. Eibl-Eibesfeldt war seit 1950 verheiratet und hatte zwei Kinder. Prof. Eibl-Eibesfeldt ist am 2. Juni 2018 verstorben.

Der Kampf um den Begriff der bürgerlichen Mitte

Der Denker-Club, 1819, Karikatur zur Zensur der Meinungsfreiheit

von Klaus Kunze

Der Kampf um den Begriff der bürgerlichen Mitte

Im großen Spiel um politische Positionen und Begriffe ist plötzlich die bürgerliche Mitte der Hauptpreis. Jeder möchte zu ihr gehören. Aber wie im Gesellschaftsspiel der Reise nach Jerusalem gibt es immer zu wenig Plätze.

Linke können sich auf die Schenkel klopfen vor Lachen. Ungläubig staunend stehen sie links eines Bürgertums, das sich wechselseitig die Bürgerlichkeit bescheinigt oder auch abspricht, je nach Parteipräferenz. Der Nachweis, zu bürgerlichen Mitte zu gehören, wird hoch gehandelt wie vor 1945 der Ariernachweis oder danach der Persilschein für die „Unbelasteten“.

Die Linke war nie bürgerlich. Sie ist Kind des proletarischen Milieus. Die Bürger waren immer die Besitzbürger, verspottet von roten Funktionären aber heimliches Vorbild des proletarischen Fußvolks, das auch gern bürgerlichen Besitz gehabt hätte. Jene alten Zeiten sind vorbei. Die Milieus der Arbeiterklasse haben sich aufgelöst. Übrig gelassen haben sie eine Massenklientel, die nicht mehr von ihrer Hände Arbeit lebt und keine bürgerlichen Besitztümer hat. Sie bildet heute die primäre Zielgruppe der Sozialneid-Parteien SPD und SED (Linke).

Mit Bürgerlichkeit meinen die Sozialwissenschaften nicht die juristische Tatsache des staatlichen Bürgerrechts. Sie meinten ursprünglich eine durch Besitzverhältnisse abgrenzbare Bevölkerungsgruppe. Diese hatte im 19. Jahrhundert ihr Hoch und krönte es im liberalen Verfassungsstaat. Sein politisches Vermächtnis konkretisiert sich idealtypisch in der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

Seit dem 19. Jahrhundert hat er innenpolitisch einen sozialen und einen nationalen Flügel. Der soziale sorgte sich um das Wohl der Armen aus Angst, diese revolutionären Agitatoren zu überlassen. So motivierten sich Bismarcks Sozialgesetze. Der nationale Flügel des Bürgertums sorgte sich um Gefährdungen des Besitzstandes aus Angst vor ausländischer Konkurrenz und Handelskriegen.

Habituell läßt sich das Bürgertum immer noch gut von anderen Milieus abgrenzen. Eine gewisse saturierte Behäbigkeit, das Familienauto vor der Tür des Eigenheims oder doch der Wunsch nach einem solchen Hort bürgerlicher Gemütlichkeit sind häufige Merkmale. Signifikanter aber ist die emotionale Grundierung:

Die bürgerliche Mitte verinnerlicht heute noch die klassischen bürgerlichen Tugenden des Fleißes, der Zuverlässigkeit, der Pflichterfüllung, des Anstandes, der Verläßlichkeit und Pünktlichkeit, des Aufstiegsstrebens und der familiären Verbundenheit.

Heinrich Kley, Verehrung, 1909

Geblieben sind aber auch ein Hang zum Gehorsam vor der Obrigkeit, ein seltsam weltfremdes Nichtverhältnis zum Politischen und die überwältigende Feigheit dessen, der weiß, was er zu verlieren hat. Wenn auf der Straße die Revolution marschiert, finden wir den Bürger immer hinter der Gardine. Je nach Sieg oder Niederlage einer Partei im Bürgerkrieg hat der echte Bürger schon die passende Hißflagge in der Schublade.

Seine Werte sind ihm lieb und teuer, aber nicht so lieb und teuer wie sein Status, sein Einkommen und sein Besitz. Bürgerliche kämpfen nicht und widerstehen keiner Bedrohung. Der Sprecher der Werte-Union Ralf Höcker trat letzte Woche zurück:

“Mir wurde vor zwei Stunden auf denkbar krasse Weise klar gemacht, dass ich mein politisches Engagement sofort beenden muß, wenn ich keine ‘Konsequenzen’ befürchten will”, schrieb Höcker auf Facebook. “Die Ansage war glaubhaft und unmißverständlich. Ich beuge mich dem Druck und lege mit sofortiger Wirkung alle meine politischen Ämter nieder und erkläre den Austritt aus sämtlichen politischen Organisationen.”

Der Bürgerliche Thomas Kemmerich von der FDP kündigte seinen Rücktritt vom Amt des Thüringer Ministerpräsidenten an, nachdem ihn sein „Parteifreund“ Lindner in wohl im Beichtstuhl ein wenig in die Mangel genommen hatte. Beide, Höcker und Kemmerich, sind geradezu Musterexemplare bürgerlichen Mutes: Er endet, wo die Angst beginnt.

Der Bürgerliche hat ein feines Gespür für kollektivistische Bedrohungen. Gleichmacherei erkennt er sofort als Gefahr für seinen Status und Besitzstand. Das historische Bewußtsein des Bildungsbürgers sieht die gerade Linie vom Terror der französischen Revolution über die gelungene Oktoberrevolution und die mißlungenen Spartakus-Aufstände in Deutschland, die DDR und ihre Enteignungen bis hin zu Mauerbau, Schießbefehl und tausenden politischen Gefangenen. Marschierende Massen und aufpeitschende Agitatoren sind ihm ein Greuel.

Bis zur „Wende“ 1989 hatte sich das Bürgertum mehrheitlich in der CDU gesammelt, wenige auch in der FDP. Seine sogenannten Werte zentrierten sich um zwei Pole: systemerhaltende und allgemein-moralische. Die ersteren besagen, daß Freiheit nur in einem demokratischen Rechts- und Verfassungsstaat gewährleistet werden kann. Die anderen fordern moralisierende Bekenntnisse ab, meist säkularisierte Varianten des christlichen Glaubens.

Weil alle diese Werte scheinbar von keiner relevanten Kraft bezweifelt wurden, bestand die realpolitische Funktion der Union darin, einen Kanzlerwahlverein zu bilden. Alle führten die Werte der Partei im Munde. Tatsächlich war sie für viele nur das Vehikel, persönliche Karriere zu machen. Ich habe solche jungen Köfferchenträger saturierter Abgeordneter in den 1970er Jahren zur Genüge kennengelernt, und zwar als CDU-Mitglied wie auch auf vielen Seminaren der Konrad-Adenauer-Stiftung der Union. Aus den Köfferchenträgern von einst sind Parteipolitiker geworden, deren Werte immer genau in dem bestehen, was mutmaßlich gerade angesagt ist: „Realos“ der Bürgerlichkeit gewissermaßen.

Für Postenjäger zählen nur Machtteilhabe und persönliche Karriere als Politiker im Hauptberuf. Sie sind die erbitterten Gegner der Unions-„Fundis“ der Werte-Union. In der Werte-Union hat man klar erkannt, daß eine bürgerliche strategische Mehrheit nur in einer Koalition mit der AfD zu gewinnen ist. Die Alternative besteht in einer weiteren Anbiederung an die Linke und einer „Volksfront“, die schließlich auch die Union umfassen würde: als antifaschistisch gewendete Blockpartei wie in DDR-Zeiten nach dem Satz Ulbrichts: „Es muß demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“

Für Unions-Realos ist kein Gegner so abscheulich wie die Werte-Union. Diese appelliert nämlich ständig an das demokratische Gewissen und die Werte der Union, Dabei stört sie empfindlich bei rein strategischen Machtspielen. Diese Machtoptionen sehen offenbar mittelfristig eine Koalition aus Union, Grünen und vielleicht der linken SED vor. Während selbst die AfD für Friedrich Merz nur „Gesindel“ ist, bezeichnet Elmar Brok die Werte-Union als Krebgeschwür. Im CDU-Präsidium denkt man bereits über eine Unvereinbarkeit nach.

Wer die Gründung der WerteUnion, ursprünglich als konservativ-liberaler Arbeitskreis in der CDU/CSU konzipiert, durch Alexander Mitsch und zahlreiche weitere frühere Stipendiaten der Konrad Adenauer Stiftung miterlebt hat, kann diese Formulierungen und Vorschläge nur als absurd und partei- und demokratieschädigend empfinden. Die WerteUnion besteht zum größten Teil aus engagierten jüngeren Mitgliedern der CDU/CSU, die es sich angesichts gravierender inhaltlicher Kurswechsel der Union in zentralen politischen Themen zur Aufgabe gemacht haben, die konservativen Wurzeln der Partei wieder sichtbarer zu machen. Auf diese konservativen Fundamente hat sich die CDU neben weiteren liberalen und sozialen Aspekten in ihrer Programmatik aber seit ihrer Gründung stets berufen.

Mechthild Löhr, Die WerteUnion ist kein Krebsgeschwür, The European 14.2.2020.

Während sich CDU-Realos durch Formulierungen wie Krebsgeschwür habituell immer weiter von der Bürgerlichkeit entfernen, weist die AfD alle Merkmale der bürgerlichen Mitte auf. Entgegen einem von linker Seite verbreiteten Vorurteil rekrutiert sie sich keineswegs aus zu kurz Gekommenen, sondern aus bürgerlichen Kreisen. Ihr Bundes-Parteiprogramm soll dem der CDU von 2005 entsprechen, schrieb die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach auf Twitter. Das bürgerliche Spektrum umfaßt zur Zeit soziologisch und programmatisch die AfD, die FDP und die Union. Alle gegenteiligen Etikettierungen sind substanzlos.

Wer vertritt heute das Erbe des bürgerlichen Konservatismus?
(Foto: Klaus Kunze mit Franz-Josef-Strauß-Poster 1976)

Wer sein Leben lang bürgerlich-konservative Werte vertreten und diese niemals geändert hat, bleibt bürgerlich und gehört immer noch zum demokratischen Spektrum, auch wenn sich die Union inzwischen mehrheitlich sozialdemokratisiert hat und sich anschickt, der “antifaschistischen” Deutungshoheit der Linken zu unterwerfen.

Der von Seiten der Union immer haßerfülltere Kampf gegen Werte-Union und AfD gilt der Lufthoheit über den bürgerlichen Stammtischen. Sie erhebt einen Alleinvertretungsanspruch der Bürgerlichkeit. Linke stören diese Union nicht, aber AfD und Werte-Union sind Fleisch vom Fleische der Union. Hier geht es ihr an die Substanz. Darum wird jeder rechte Demokrat als Extremist verteufelt, mag er auch dieselben Werte vertreten wie die Union noch vor wenigen Jahren. Der Kampf wird um die Deutungshoheit über den Begriff der Gutbürgerlichkeit geführt.

Geführt wird der Kampf seitens der Union nicht mit argumentativen Mitteln. Es wäre auch zu peinlich, immer wieder eingetunkt zu bekommen, daß Werte-Union und AfD die von der CDU geräumten Positionen der alten bürgerlichen Mitte vertreten. Geführt wird der Kampf darum mit Methoden der Stigmatisierung, der Ausgrenzung, der Verleumdung, der Falschbehauptung, der Beleidigung und des Etikettenschwindels.

Dieser besteht darin, jemandem ein Nazi-Etikett aufzukleben. Daß dieses sogar gegenüber harmlosen FDP-Leuten wirkt und wie es wirkt, haben die letzten Tage gezeigt. Auf die falschen Etiketten folgen die antifaschistischen Hilfstruppen der sich bildenden Volksfront mit Gewalt gegen Personen und Andersdenkende auf dem Fuße.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf Klaus Kunzes Blog: http://klauskunze.com/blog/2020/02/18/sag-mir-wo-die-buerger-sind-wo-sind-sie-geblieben/

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor des Buches:

Vor 50 Jahren starb der SDS-Theoretiker Hans-Jürgen Krahl

von Werner Olles

Prophet der Neuen Linken

Vor 50 Jahren starb der SDS-Theoretiker Hans-Jürgen Krahl

In der Nacht vom 14. zum 15. Februar 1970 geriet auf der eisglatten Bundesstraße 252 in der Nähe der nordhessischen Ortschaft Wrexen im Kreis Waldeck ein PKW ins Schleudern und stieß in einer Kurve mit einem entgegenkommenden LKW frontal zusammen. Der 27jährige Student Hans-Jürgen Krahl, der sich auf dem Beifahrersitz befand, war auf der Stelle tot, der 25jährige Franz-Josef Bevermeier, der das Auto fuhr, starb kurz nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus, drei weitere Insassen, darunter die Tochter des IG Metall-Funktionärs Jakob Moneta, Claudia Moneta, wurden zum Teil schwer verletzt.

Der Tod von Hans-Jürgen Krahl enthielt in der Tat nichts, „was einer nachträglichen Mystifizierung fähig wäre“, wie Detlev Claussen, Bernd Leineweber und Oskar Negt in ihrer „Rede zur Beerdigung des Genossen Hans-Jürgen Krahl“ schrieben: „Er bezeichnet den brutalen und dürftigen Tatbestand eines Verkehrsunfalls, ein kontingentes Geschehen des Alltagslebens, das sich nur schwer in einen zwingenden Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Zuständen bringen läßt.“

Zwar waren die beiden früheren SDS-Vorsitzenden Karl Dietrich und Frank Wolff noch in der gleichen Nacht zum Unfallort geeilt und hatten die Verletzten aufgesucht, aber eine eilends einberufene Mitgliederversammlung lehnte es entschieden ab, „den bürgerlichen Gepflogenheiten und Wertmaßstäben entsprechend“ einen Nachruf zu veröffentlichen. In der Frankfurter Rundschau konnte Wolfram Schütte es jedoch nicht lassen, Krahl mit Robespierre zu vergleichen, „die schneidende Konsequenz seiner theoretischen Einsichten, die er kompromißlos zu Ende dachte“ zu rühmen, auf „sein überragendes agitatorisches Vermögen“ hinzuweisen und ihn „neben Rudi Dutschke eine der beherrschenden Figuren des SDS“ zu nennen.

Doch selbst in diesen geschmäcklerischen linksliberalen Anbiederungen an einen politischen Gegner, der solcherlei kanonisierende Mediumismen sein Leben lang scharf bekämpft hatte, waren neben einem Quentchen Wahrheit noch Relikte eines Respekts zu spüren, die Krahls Lebensweg auch jenen abverlangte, die nie seinen Mut und seine Unbestechlichkeit besaßen und seine Biographie weder geistig noch politisch nachvollziehen konnten. Nach seiner Beisetzung auf dem Ricklinger Friedhof trafen sich in der TU Hannover rund einhundert SDS-Mitglieder aus ganz Westdeutschland und West-Berlin und beschlossen informell die Auflösung ihres Studentenverbandes. Tatsächlich fand diese aber genau einen Monat später in Frankfurt am Main statt.

Hans-Jürgen Krahl, 1943 in Sarstedt bei Hannover geboren, machte 1963 sein Abitur und studierte zunächst in Göttingen Philosophie, Geschichte, Germanistik und Mathematik. Zwei Jahre später wechselte er nach Frankfurt über, und dies war bereits eine eminent politische Entscheidung. Über den „Ludendorff-Bund“, die welfische Deutsche Partei und eine schlagende Verbindung – hier hörte er eines Tages einen Lammkeule verzehrenden Alten Herrn über die ewige Unmündigkeit der Arbeiterklasse dozieren – war er schließlich zur Jungen Union gestoßen, was er später einmal als einen Schritt in die Richtung eines „aufgeklärten Bürgertums“ bezeichnen sollte.

Seine Entscheidung für Frankfurt war primär eine Entscheidung für Adorno, der sein Doktorvater wurde. Krahl hätte vermutlich eine große akademische Karriere gemacht, er war einer der begabtesten Schüler Adornos, aber seine zunehmend stärker werdende politische Arbeit im SDS, dessen Mitglied er 1964 geworden war, und natürlich sein jäher Tod verhinderten dies.

Hans-Jürgen Krahl, (Band 1, Frankfurter Schule und Studentenbewegung, S.483, Kraushaar)

Dem linksradikalen Milieu der Frankfurter Studentenbewegung imponierte er – philosophisch an Kant und Hegel geschult – mit druckreifen Reden und einer biographischen „Legende“, mit der er den staunenden Genossen suggerierte, er entstamme einer alten preußischen Adelsfamilie, sei gar ein leibhaftiger Nachfolger von Novalis, dem Freiherrn von Hardenberg. Im Frankfurter SDS, einer zunächst durchaus männerbündischen Gemeinschaft, fand Krahl schließlich nach einigen Anläufen jene Gefolgschaften, die – wie er selbst – die Kritische Theorie nicht allein als akademisches Projekt verstanden, sondern daraus auch einen praktisch-politischen Nutzen zu ziehen versuchten.

In dieser antiautoritären Phase der Studentenbewegung zwischen 1967 und 1969 avancierte Hans-Jürgen Krahl neben Frank Böckelmann zum führenden theoretischen Kopf des SDS, der zwar nicht die agitatorische Massenwirkung eines Rudi Dutschke erreichte, dessen scharfsinnige Thesen aber dennoch wie Peitschenschläge auf seine Zuhörer niederfuhren. Ein eigentlich eher skurril wirkender Intellektueller, der keinerlei Wert auf seine äußere Erscheinung legte, noch dazu Alkoholiker und homosexuell war, der noch 1967 bei einem Teach-in gegen die Erschießung Benno Ohnesorgs mit seiner fast unverständlichen „Hegelei“, die von kompliziertesten soziologischen Begriffen nur so wimmelte, die Studenten aus dem Hörsaal getrieben hatte, wurde zum „Theoretiker einer emanzipatorischen Praxis“ (Detlev Claussen), der das ehrgeizige Ziel anstrebte, die Neue Linke in eine emanzipative soziale Bewegung zu verwandeln, die sich einerseits vom sozialdemokratischen Reformismus und andererseits vom autoritären Charakter des Staatssozialismus sowjetmarxistischer Prägung und leninistischer Kaderparteien klar abzusetzen hatte.

Daß er damit in Gegensatz zu seinen akademischen Lehrern geraten mußte, war fast zwangsläufig. Während Max Horkheimer schon 1967 postulierte, daß „radikal sein heute heißt konservativ sein“ und die „Zuchthaussysteme des Ostens“ als „viel schlimmer als die teilweise grobe Verfälschung der demokratischen Ordnung im Westen“ bezeichnete, war Theodor Adorno tief niedergeschlagen, als eine radikale Gruppe unter Krahls Führung symbolisch sein Institut für Sozialforschung besetzte, und er die Polizei rufen mußte. Carlo Schmid, dessen Vorlesung über „Theorie und Praxis der Außenpolitik“ der SDS durch ein Go-in störte, ihn als „Notstandsminister“ beschimpfte und zwingen wollte, über die Notstandsgesetzgebung und den Vietnamkrieg zu diskutieren, war entgegen der großen Mehrheit seiner Kollegen der Meinung, daß man vor Nötigungsversuchen nicht zurückschrecken dürfe, wenn man selbst Autorität in Anspruch nehmen wolle. Schmid setzte unter physischem Einsatz seine Vorlesung durch, weil er am „Untergang der Staatsautorität“ nicht mitschuldig werden wollte: „L’autorité ne recule pas…“ Die Autorität weicht nicht zurück.

Adorno hat Krahl in einem Brief an Günter Grass hingegen verteidigt: Kaum hätte dieser seine Attacken gegen ihn beendet, hätte er ihm auch schon zugeflüstert, dies sei nicht persönlich, sondern bloß politisch gemeint gewesen. Ob er tatsächlich Adornos Nachfolger geworden wäre, wie immer wieder gemutmaßt wurde, muß offen gelassen werden. Immerhin hätte er uns damit Habermas erspart, dessen krude linksliberale Theorien jeden Abend in den Nachrichten widerlegt werden. Krahl nahm Adornos plötzlichen Tod im August 1969, als die Aktionen der Studentenbewegung ihren Höhepunkt erreichten, zum Anlaß, die politischen Widersprüche in dessen Kritischer Theorie zu artikulieren und seine eigene „Position einer dritten Generation kritischer Theorie“ (Detlev Claussen) zu konkretisieren. Noch an Adornos Grab drohte er jedem Prügel an, der bei dieser „bourgeoisen Leiche“ die Internationale anstimmen würde. Er warnte aber auch die inzwischen in diverse Fraktionen zerfallende Bewegung, die individuelle Verweigerungspraxis der antiautoritären Phase und ihren subkulturellen Hedonismus mit straffer Organisationsmoral und dem leninistischen Prinzip der Disziplin zu vertauschen.

Krahl selbst war auf der Suche nach einer neuen Organisationsform, in der eine Art Interessenidentität zwischen Intellektuellen und Arbeiterklasse hergestellt werden könnte. Diese Suche endete im Februar 1970 tödlich. Hans-Jürgen Krahl überlebte den „Kurzen Sommer der Anarchie“ – um einen Romantitel von Hans Magnus Enzensberger zu zitieren – nicht.

Mit Krahl starb auch der Geist von 1968. Am 21. März 1970, genau fünf Wochen nach seinem Tod, trafen sich rund 400 SDS-Mitglieder im Studentenhaus der Frankfurter Universität auf einer nicht-formellen Versammlung, um per Akklamation den Bundesvorstand und damit auch den Verband aufzulösen. Das Vorstandsmitglied Udo Knapp erklärte, daß der SDS „für das entscheidende Verhältnis von Massenaktionen und Organisierung des politischen Kampfes nichts mehr beizutragen habe“. Dies war in der Tat die schlichte Wahrheit. Nach langwierigen Verhandlungen über die Frage des Nachlasses erklärte sich die Versammlung zwar für nicht kompetent, da es sich um keine ordentliche Delegiertenkonferenz handele, aber das triste Ende des SDS, den die eigenen Mitglieder schließlich nur noch als „Ballast“ empfanden, war damit eingeläutet.

Nun kam die Stunde der Desperados um Andreas Baader und Ulrike Meinhof, die den blutigen Terror der RAF begründeten und der verschiedenen marxistisch-leninistischen Parteiinitiativen, in Wirklichkeit aber durch und durch stalinistischen Gruppierungen um Schmierer, Horlemann, Semler, Aust und Katarski, die lemurengleich ans Tageslicht krochen und vor deren begrifflosem Konkurrieren um überholte politische Positionen Krahl die radikale Linke immer gewarnt hatte. Anstelle der argumentativen Auseinandersetzung und der Problematisierung der Gewaltfrage verlor man sich jetzt in der Stilisierung und Ästhetisierung kraftmeierischer Gewaltaktionen, der hämischen Denunziationen oder im besten Fall der kritischen Sammelrezension. Daß all dies noch schneller und vor allem jämmerlicher auf dem Müllhaufen der an Enttäuschungen reichen Geschichte der deutschen Linken landete, bedeutet auch im Nachhinein immer noch keinen Trost.

In der Erinnerung an den Revolutionär Hans-Jürgen Krahl, der sich in der Wesenslogik des Kapitals ebenso frei bewegte wie in den Bildern und Gedanken der deutschen Romantik, bleibt aber vor allem jene programmatisch formulierte Position, die er in seiner Selbstdarstellung während des Senghor-Prozeßes vor dem Frankfurter Landgericht formulierte: „Es ist nicht das bloße Trauern um den Tod des bürgerlichen Individuums, sondern es ist die intellektuell vermittelte Erfahrung dessen, was Ausbeutung in dieser Gesellschaft heißt, nämlich die restlose und radikale Vernichtung der Bedürfnisentwicklung in der Dimension des menschlichen Bewußtseins. Es ist immer noch die Fesselung der Massen, bei aller materiellen Bedürfnisbefriedigung, an die elementarsten Formen der Bedürfnisbefriedigung – aus Angst, das Kapital und der Staat könnten ihnen die Sicherheitsgarantien entziehen.“

Eine intelligentere und entschiedenere Definition der Unterdrückung in den privat- und staatskapitalistischen Massengesellschaften westlicher und östlicher Prägung hat seit Ende der zwanziger Jahre, als Martin Heidegger mit seinem Buch „Sein und Zeit“ auf Georg Lukacs „Geschichte und Klassenbewußtsein“ antwortete, niemand mehr geleistet.

Aktualisierte und erweiterte Fassung eines Textes, der zu Krahls 30. Todestag am 11. Februar 2000 in der Jungen Freiheit 7/2000 erschienen ist

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor des Buches:

Die Zerstörung Dresdens durch alliierte Bomberverbände vor 75 Jahren

von Bert Wawrzinek

Zum 13. Februar 2020:

Erinnerung an Gottfried Benndorf (1894-1945)

Am 13. Februar 2020 jährt sich die Zerstörung der sächsischen Landeshauptstadt durch alliierte Bomberverbände zum 75. Mal. Dresden wurde Sinnbild einer europäischen Katastrophe, bei der zehntausende Menschen starben, unersetzliche Kunstschätze und mehr als 12 000 Gebäude zerstört wurden. Während das Leid der Dresdner Zivilbevölkerung nach Jahren der Umdeutung zunehmend in den Hintergrund gerät, wird erbittert um das „richtige“ Gedenken gestritten. Kaum Erwähnung finden dabei jene stillen Helden, die inmitten des Feuersturms ihren Mitmenschen zu Hilfe eilten und dabei selbst den Tod fanden: Feuerwehrleute, Luftschutzmelder, Krankenschwestern; Pflichtmenschen, die das ihnen Anvertraute zu schützen suchten, wie der Bibliothekar Gottfried Benndorf.

Dr. Gottfried Benndorf (1894-1945)

Am 12. April 1894 in Roitzschen bei Meißen geboren, besuchte der Sohn eines Eisenbahnbeamten die 9. Dresdner Bürgerschule und das König-Georg-Gymnasium, wo er 1913 das Abitur ablegte. Anschließend studierte Benndorf an der Leipziger Universität Germanistik, Geschichte und Geographie und promovierte 1918 mit einer Arbeit über den kolonialen Verkehr Deutsch-Ostafrikas zum Dr. phil. Die angestrebte Lehrertätigkeit blieb ihm durch eine Kehlkopferkrankung verwehrt. Als Assistent am Historischen Seminar in Leipzig hatte er eine Affinität zur Bibliotheksarbeit entwickelt und sich an der Sächsischen Landesbibliothek (SLB) in Dresden beworben. Als eine der ältesten deutschen Büchereien war diese wesentlich aus der kurfürstlichen Bibliothek hervorgegangen, welche von 1786 an im Japanischen Palais in Dresdens Innerer Neustadt untergebracht war.

Das Japanische Palais in der Dresdner Innenstadt, Foto: Archiv B. Wawrzinek

Benndorf begann seine Laufbahn 1919 als Volontär, wurde 1924 zum wissenschaftlichen Hilfsarbeiter ernannt und im April 1927 Landesbibliothekar. Bereits im Vorjahr fand er als Vorstand der Kartensammlung Erwähnung, die auch später seine Hauptaufgabe blieb. Unter Benndorfs Leitung kaufte die SLB etwa 250 Karten – meist Saxonica – aus der aufgelösten Sekundogeniturbibliothek des vormaligen Königshauses. Deren Bibliothekarin Helene Richter wurde 1929 Benndorfs Ehefrau. In der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 teilt das Japanische Palais das Schicksal der Dresdner Innenstadt. Nachdem der Dachstuhl Feuer gefangen hatte, gehörte Benndorf zu den vier Bibliotheksangehörigen, die bei den Löscharbeiten ums Leben kamen. Erst nach einem Jahr, am 9. Mai 1946, konnten ihre sterblichen Überreste – „Knochen und Knochenkalk“ – gefunden werden. Helene Benndorf hat ihren Mann noch identifizieren können, der in Radebeul seine letzte Ruhe fand.

Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land. Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er im 30. Jahr das Historica Antiquariat im Dresdner Barockviertel und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu Themen sächsischer Geschichte und Kultur.

Erinnerungen an Sachsens volkstümlichen König Friedrich August III. (1865-1932)

von Bert Wawrzinek

Erinnerungen an Sachsens volkstümlichen König Friedrich August III. (1865-1932)

Sachsen und die Wettiner

Als am 18. Februar 1932 Sachsens letzter König Friedrich August III. im schlesischen Sibyllenort verstarb, bereitete die frühere Residenzstadt Dresden ihrem Ehrenbürger einen bewegenden Abschied. Über 500 000 Menschen aus allen Teilen des Landes sollen zusammengekommen sein, um ihrem einstigen Landesvater, der mit militärischen Ehren in der Krypta der Hofkirche beigesetzt wurde, ein würdiges Trauergeleit zu geben.

Am 25. Mai 1865 als ältester Sohn Prinz Georgs von Sachsen in Dresden geboren, hatte Friedrich August nach Studium und Militärdienst die österreichische Erzherzogin Luise von Toscana (1870-1947) geheiratet. Mit einer Affäre und anschließender Flucht provozierte Luise einen europäischen Skandal; doch getragen von der Sympathie der Bevölkerung, war der Thronfolger nach Kräften bemüht, seinen sieben Kindern die Mutter zu ersetzen. Seit 1904 König, suchte Friedrich August III. den Ausgleich zwischen Tradition und Fortschritt und legte das Schwergewicht auf die schöpferische Entfaltung von Wirtschaft und Kultur. Die Sachsen schätzten sein offenes natürliches Wesen, die Güte und seinen schlagfertigen Humor. Ohne Begleitung schlenderte Friedrich August durch die Straßen der Residenz, kam mit den Dresdnern ins Gespräch, und da er die richtigen Worte fand, wurde er im Volk verstanden und geliebt.

Friedrich August III. von Sachsen (1865-1932)

Während des Weltkrieges waren es Frontreisen, die den König zu seinen sächsischen Regimentern führten. Er teilte die Trauer um gefallene Landeskinder und bangte um das Leben auch der eigenen Waffendienst leistenden Söhne. Doch nach vier Kriegsjahren zerbrach die Heimatfront, griffen Unruhen auch auf Sachsen über. Als Vertreter der Armee die Auffassung vertraten, daß Widerstand unmöglich sei, da zuverlässige Truppen fehlten, resignierte auch Friedrich August. Auf dem Schloßturm ging die rote Fahne hoch. „Ich verzichte auf den Thron“ – ganze fünf Worte – zogen den Schlußstrich unter eine mehr als 800 Jahre währende Ära, in der die Wettiner, eines der ältesten deutschen Fürstengeschlechter, im Gebiet des heutigen Sachsens und der Lausitz, als Markgrafen, Herzöge, Kurfürsten und Könige die politischen Geschicke in den Händen hielten. Es entbehrt nicht der Tragik, daß ausgerechnet jener „Bilderbuchkönig einer für ihre Zeit freiheitlich-demokratischen und rechtsstaatlichen sächsischen Kulturmonarchie“ (Christoph Jestaedt), dieses Zeitalter beschließen sollte. Nach der Abdankung zog sich Friedrich August auf eine Besitzung des Königshauses im schlesischen Landkreis Oels zurück, um als Privatmann im Kreise seiner Familie zu leben.

Eindrucksvoll bleibt die Bilanz, welche das Sachsenvolk unter Führung der Wettiner aufzuweisen vermag. Aus einer umkämpften Grenzmark war durch den Fleiß und die Innovationskraft von Generationen die höchstindustrialisierte Region des Kaiserreichs geworden. Sachsen, dessen Bevölkerung sich zwischen 1871 und 1914 nahezu verdoppelte, besaß das dichteste Städte-, Eisenbahn- und Straßennetz Deutschlands. Mit seinen blühenden Wirtschafts- und Handelszentren bot das Königreich nachgerade „das Musterbild eines aufstrebenden Industriestaates“ (Frank-Lothar Kroll). Sinnfälliger Ausdruck jener fruchtbaren Kontinuität, die in der Einheit von Herrscherhaus und Landesnation begründet lag, ist ein 102 Meter langes Wandbild, der „Fürstenzug“ am Dresdner Residenzschloß, dessen Faszination seit seiner Entstehung (1876/1907) nicht nur die Sachsen in seinen Bann zieht.

Der Fürstenzug am Residenzschloß Dresden

Auf die politischen Weichenstellungen aber kam es an. So ebnete Sachsens erste Verfassung vom September 1831 frühzeitig den Weg des Landes vom Absolutismus hin zum bürgerlichen Rechtsstaat. Seither waren die Grundrechte des heutigen Staatsbürgers – die Freiheit der Person und des Eigentums, freie Berufswahl und Religionsausübung sowie die Gleichheit aller vor dem Gesetz – im sächsischen Königreich garantiert. Im Land der albertinischen Wettiner entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine vielgestaltige Kulturlandschaft, der auch Bach, Händel, Schumann, Wagner, Lessing, Fichte, Novalis, Nietzsche und Martin Luther entstammten. Um wieviel ärmer wäre die heutige Bundesrepublik ohne jene sächsische „Mitgift“, die Barockschöpfungen des Augustäischen Zeitalters, die Kostbarkeiten in Schlössern, Burgen und Sammlungen, die Musikstätten in Leipzig und Dresden, das Meißner Porzellan? Selbst wenn besagte Entwicklung 1918 ein Ende fand und die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts auch an Elbe und Mulde Spuren hinterließen, bleiben Kurfürstentum und Königreich wesentlicher Teil jener leuchtenden Gesamtüberlieferung, die den Namen Sachsens in der Welt bis heute charakterisiert.

Über alle Umbrüche hinweg haben die Sachsen ihre Identität zu bewahren verstanden und 1989 mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ Mauer und Diktatur zum Einsturz gebracht. Doch auch in jüngerer Zeit wurden im weiß-grünen Freistaat das Bedürfnis nach echter Mitbestimmung und mancher Zweifel an einer beunruhigenden Berliner Politik selbstbewußt artikuliert. Dafür haben besonders die unbotmäßigen Einwohner der Landeshauptstadt manche Schmähung über sich ergehen lassen, wurde das „Tal der Ahnungslosen“ zum Sinnbild „Dunkeldeutschlands“, wo undankbare Ossis leben, die den Errungenschaften der Merkel-BRD durchaus kritisch gegenüberstehen. Um so heller strahlt die Erinnerung an jene Zeit, als Sachsen noch ein Königreich war und von einem volkstümlichen Monarchen regiert wurde, bei dessen Heimgang eine halbe Million Menschen die Straßen säumten, 14 Jahre nach dem Ende der Monarchie!

Literatur:

  • Karlheinz Blaschke: Der Fürstenzug zu Dresden. Denkmal und Geschichte des Hauses Wettin. Leipzig, Jena und Berlin 1991
  • Suzanne Drehwald / Christoph Jestaedt: Sachsen als Verfassungsstaat. Leipzig 1998
  • Friedrich Kracke: Friedrich August III. Sachsens volkstümlichster König. München 1964
  • Frank-Lothar Kroll: Geschichte Sachsens. München 2014

Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land. Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er im 30. Jahr das Historica Antiquariat im Dresdner Barockviertel und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu Themen sächsischer Geschichte und Kultur.

%d Bloggern gefällt das: