Das Wiedererwachen des Drachen – Chinas nationalrevolutionärer Befreiungskampf

von Dr. Florian Sander

Das Wiedererwachen des Drachen – Chinas nationalrevolutionärer Befreiungskampf

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand China, das einst stolze „Reich der Mitte“, am Abgrund. Was heute oft als der chinesische Befreiungskampf bezeichnet wird, war keine bloße Abfolge von Unruhen, sondern ein existenzieller Überlebenskampf einer der ältesten Zivilisationen der Welt gegen den kolonialen Zugriff und den inneren Zerfall. Für einen patriotischen Betrachter ist diese Ära nicht nur eine Zeit des Leids, sondern vor allem die Geburtsstunde des modernen, souveränen China. Ein Wiedererwachen, in dem sich ein über Jahrzehnte hinweg gedemütigtes und kolonialistisch entmündigtes Volk seine Würde zurückholte. Die Außenpolitik der heutigen Volksrepublik kann letztlich nicht verstanden werden, ohne diese Ära im Hinterkopf zu haben.

Die Last der „Ungleichen Verträge“

Der Ausgangspunkt des 20. Jahrhunderts war geprägt vom Erbe des 19. Jahrhunderts – einer Ära, die in der chinesischen Historiographie zurecht als das „Jahrhundert der Demütigung“ bekannt ist. Durch die sogenannten „Ungleichen Verträge“ hatten ausländische Mächte China seine Souveränität schrittweise entzogen. Vertragshäfen unter fremder Verwaltung, extraterritoriale Rechtsprechung und die Kontrolle über die Zölle hatten das Land in einen halbkolonialen Status herabgestuft.

Der Boxeraufstand um die Jahrhundertwende war ein verzweifelter, wenn auch strategisch unglücklicher Versuch, diese Fremdbestimmung abzuschütteln. Die darauffolgende Besetzung Pekings durch die sogenannten Vereinigten acht Staaten und die horrenden Reparationszahlungen des Boxerprotokolls von 1901 zeigten jedoch deutlich: Das morsche System der Qing-Dynastie war nicht mehr in der Lage, das chinesische Volk zu schützen oder die nationale Integrität zu wahren.

Die US-Marine kämpft gegen aufständische Boxer im Gesandtschaftsviertel.

Die Monarchie als global übliches Regierungssystem der traditional legitimierten Herrschaft, wie Max Weber zu beschreibt, neigte sich zu jener Zeit wahrlich nicht nur in China ihrem – wohlverdienten – Ende zu. Doch besonders China hatte sie mit dem Prinzip des in der Verbotenen Stadt (als eine Art Goldenem Käfig) eingesperrten Kaisers ein nochmal besonderes Ausmaß an Lebensferne und Weltabgewandtheit erreicht, mit dem man vielleicht (wie im Vatikan) eine globale Kirche führen kann, aber nicht einen modernen Staat von den Ausmaßen Chinas.

1911: Das Ende der imperialen Stagnation

Der erste große Befreiungsschlag erfolgte 1911 mit der Xinhai-Revolution. Unter der geistigen Führung von Dr. Sun Yat-sen und seinen „Drei Volksprinzipien“ – Nationalismus, Demokratie und Volkswohlfahrt – wurde das zweitausendjährige Kaisertum beendet. Aus Sicht vieler Akteure des Befreiungskampfes war dies ein notwendiger Schritt zur Modernisierung. China erkannte, dass es sich radikal wandeln musste, um in einer Welt des aggressiven Imperialismus bestehen zu können.

Sun Yat-sen, 1896. Er wurde am 1. Januar 1912 erster provisorischer Präsident der Republik China, mit der das über zweitausendjährige Kaiserreich endete.

Doch die junge Republik war schwach. Das Land versank im Chaos der Warlord-Ära, während ausländische Mächte weiterhin ihre Einflusssphären ausbauten. Besonders schmerzlich war die Erfahrung des Ersten Weltkriegs: Obwohl China auf der Seite der Alliierten stand, wurden im Vertrag von Versailles (1919) die deutschen Kolonialrechte in Shandong nicht an China zurückgegeben, sondern Japan zugesprochen. Versailles war wahrlich nicht nur im Zuge seiner Rolle für Deutschland ein politischer Sündenfall.

Die Bewegung des Vierten Mai: Ein geistiges Erwachen

Dieses Ereignis löste die „Bewegung des Vierten Mai“ aus. Sie war mehr als ein politischer Protest; sie war eine kulturelle Renaissance: Studenten, Intellektuelle und Arbeiter forderten „Wissenschaft und Demokratie“ und eine radikale Abkehr von veralteten Traditionen, die China aus ihrer Sicht schwach gemacht hatten. Hier festigte sich der moderne chinesische Nationalismus. Das Volk begriff, dass die Befreiung nicht nur ein militärischer Akt sein würde, sondern eine geistige Erneuerung erforderte.

Am 4. Mai 1919 versammelten sich über viertausend Studenten von Universitäten in Peking, um gegen den Versailler Vertrag und die Reaktion der Regierung zu protestieren.

In dieser Phase entstanden die politischen Kräfte – sowohl die Kuomintang als auch die Kommunistische Partei –, die das Schicksal des Landes in den nächsten Jahrzehnten bestimmen sollten; einerseits im Kampf gegen Japan und seinen zeitweiligen, vom letzten chinesischen Kaiser Puyi regierten Satellitenstaat in der Mandschurei (Mandschukuo), andererseits im Rahmen des inländisch geführten Kampfes gegeneinander. Aus dem letzteren heraus entstand die heutige Abspaltung des Separatistenstaates Taiwan, wo die geschlagenen Kuomintang die Macht übernahmen und wo schließlich, Jahrzehnte später, ein liberal-demokratisches und pro-westliches Marionetten-System etabliert wurde.

1949: Die Wiederherstellung der Würde

Das Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 hatte zwar den Sieg über Japan gebracht, aber noch keinen Frieden. Der darauffolgende Bürgerkrieg brachte letztlich die Entscheidung darüber, welches Modell die soziale und nationale Befreiung vollenden konnte: Als Mao Tse-tung am 1. Oktober 1949 auf dem Tian’anmen-Platz verkündete, dass das chinesische Volk „aufgestanden“ sei, markierte dies das Ende der Ära, in der China ein Spielball fremder Mächte war.

Am 1. Oktober 1949 ruft Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus. Zuvor hatten sich Maos Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg gegen die Kuomintang durchgesetzt, die nach Taiwan geflohen waren.

Aus chinesisch-patriotischer Perspektive geht es bei der Bewertung dieser Zeit nicht nur um die Frage der politischen Ideologie, sondern um die Wiedererlangung der nationalen Selbstachtung. Die Gründung der Volksrepublik bedeutete die Erlangung vollständiger Souveränität: Keine ausländischen Truppen auf chinesischem Boden, keine fremde Gerichtsbarkeit. Sie bedeutete territoriale Einheit: Die Überwindung der Zersplitterung durch Warlords. Und sie bedeutete soziale Mobilisierung: Die Einbeziehung der ländlichen Massen in den Aufbau des Staates. Sie bedeutete aber auch: Emanzipation vom imperialistisch-kapitalistischen Weltsystem.

Das Erbe des Kampfes

Chinas antiimperialistischer Befreiungskampf in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war ein mühsamer, blutiger und oft von Rückschlägen geprägter Weg. Doch er war alternativlos. Ohne diesen entschlossenen Widerstand gegen Kolonialismus, Imperialismus und schließlich auch Kapitalismus wäre China heute nicht die globale Macht, die es ist.

Die Chinesen in alten Zeiten glaubten, dass der Drache den Himmel und die Götter repräsentiere und die Menschheit beschütze. Deswegen ist der Drache für Chinesen ein glückliches Vorzeichen. Und die historischen Kaiser sahen den Drachen sogar als Symbol dafür, dass die Bevölkerung in Frieden und Sicherheit leben kann.

Der heutige Aufstieg Chinas wird im Land selbst oft als die Fortsetzung dieser Mission verstanden: Die „Große Wiederbelebung der chinesischen Nation“. Das 20. Jahrhundert hat China gelehrt, dass Stabilität und Souveränität die Fundamente für Wohlstand sind. Der Blick zurück erfüllt das heutige China mit einem berechtigten Stolz auf die Vorfahren, die unter widrigsten Bedingungen das Überleben dieser Zivilisation sicherten und den Grundstein für eine Zukunft legten, in der China nie wieder zulassen wird, gedemütigt zu werden.

Florian Sander

Dr. Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und der Landesfachausschüsse „Außen- und Sicherheitspolitik“ und „Grundwerte, Kultur und Medien“ der AfD NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er betreibt den Theorie-Blog „konservative revolution“ und schreibt für mehrere patriotische und alternative Medien. Programmatisch ist er klar verortet: Publizistisch und innerparteilich tritt er seit Jahren als entschiedener Verfechter eines Solidarischen Patriotismus in Erscheinung, der sich von liberalen Ansätzen abgrenzt. Als einer der „linken Leute von rechts“ gilt er Parteifreunden als „patriotischer Sozialist“: Gesellschafts-, identitäts- und staatspolitisch rechts; umwelt-, wirtschafts- und sozialpolitisch links.“

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