von Jeanne Delahaye
Russophobie – wie ein Feindbild über Jahrhunderte entstand
Die Ablehnung Russlands ist kein neues Phänomen. Sie entstand nicht erst mit Vladimir Putin, nicht erst mit dem Kalten Krieg und auch nicht erst mit der Ukraine-Krise.
Viele Historiker und Politologen sehen darin vielmehr ein jahrhundertealtes Muster westlicher Wahrnehmung.
Der Schweizer Journalist Guy Mettan schreibt in seinem Werk Creating Russophobia, dass Russland bereits seit dem Mittelalter als „der fremde Osten“ Europas dargestellt wurde – als etwas Halbasiatisches, Unberechenbares und potenziell Gefährliches.
Doch woher kommt das konkret?
1. Die Spaltung zwischen Ost- und Weströmischem Reich
Ein erster wichtiger Bruch entstand bereits vor fast tausend Jahren.
Während sich Westeuropa unter dem Einfluss Roms entwickelte, orientierte sich Russland kulturell und religiös an Byzanz, also dem orthodoxen Christentum.
Das sogenannte „Große Schisma“ von 1054 – die Trennung zwischen katholischer und orthodoxer Kirche – war nicht nur religiös, sondern auch kulturell entscheidend.
Russland galt im Westen zunehmend als „anders“: nicht katholisch, nicht lateinisch, nicht westlich. Guy Mettan beschreibt dies als einen der ersten historischen Momente, in denen Russland symbolisch außerhalb Europas gestellt wurde.
2. Napoleon und die Angst vor der russischen Macht
Ein weiterer Wendepunkt war der Sieg Russlands über Napoleon Bonaparte im Jahr 1812.
Nach Napoleons Niederlage marschierten russische Truppen bis nach Paris. Russland wurde plötzlich zur dominierenden Militärmacht Europas. Genau ab diesem Moment verschärfte sich in vielen westlichen Eliten die Darstellung Russlands als Bedrohung.
Der französische Adelige Astolphe de Custine veröffentlichte 1843 sein berühmtes Werk Russland im Jahr 1839. Dieses Buch beeinflusste das westliche Russlandbild enorm.
Custine beschrieb Russland als: autoritär, unterwürfig, rückständig und von Angst beherrscht. Interessant ist: Viele spätere westliche Russlandbilder wiederholen bis heute fast dieselben Begriffe.
Der Historiker Martin Malia analysierte später, dass Russland im Westen zunehmend nicht mehr als normales Land, sondern als „Gegenmodell Europas“ betrachtet wurde.
3. Der Krimkrieg – Beginn moderner antirussischer Propaganda
Ein besonders wichtiger Punkt, der heute fast vergessen ist: der Crimean War von 1853 bis 1856.
Großbritannien und Frankreich führten damals Krieg gegen Russland. Historiker sehen darin einen der ersten modernen Medienkriege überhaupt. Die britische Presse begann systematisch, Russland als expansive barbarische Macht darzustellen, die Europa bedrohe. Der britische Historiker Orlando Figes beschreibt, wie damals bereits Narrative entstanden, die erstaunlich modern wirken: Russland wolle Europa dominieren, Russland verstehe nur Gewalt und Russland sei grundsätzlich imperialistisch.
Viele dieser Narrative existieren bis heute nahezu unverändert.
4. Der „asiatische Barbar“
Im 19. Jahrhundert entstand zusätzlich ein rassisch-kulturelles Russlandbild.
Russland wurde häufig nicht mehr als europäisch dargestellt, sondern als „asiatisch“, „halb mongolisch“ oder „östlich-despotisch“.
Gerade in Großbritannien und Frankreich wurde Russland oft als Gegensatz zur angeblich „aufgeklärten westlichen Zivilisation“ beschrieben.
Der russische Philosoph Nikolai Berdyaev schrieb später, Russland sei für Europa immer gleichzeitig faszinierend und erschreckend gewesen: zu groß, zu unabhängig, schwer kontrollierbar und kulturell eigenständig.
5. Die Russische Revolution und der Antikommunismus
Mit der Revolution von 1917 verschmolz Russophobie zunehmend mit Antikommunismus.
Die Sowjetunion wurde im Westen nicht nur als geopolitischer Gegner betrachtet, sondern auch als ideologische Gefahr.
Natürlich gab es reale Probleme: Repression, Gulags und politische Verfolgung.
Doch gleichzeitig entstand oft ein pauschales Bild des „russischen Feindes“.
Der amerikanische Historiker Stephen F. Cohen kritisierte später, dass im Westen häufig nicht zwischen russischer Kultur, russischer Bevölkerung, dem Sowjetsystem und geopolitischer Konkurrenz unterschieden wurde.
6. Der Kalte Krieg – Hollywood und Medienbilder
Im Kalten Krieg wurde das Feindbild massiv kulturell verstärkt. Hollywood-Filme zeigten Russen oft als emotionslose Militärs, Spione, brutale Funktionäre oder Bedrohung für die „freie Welt“. Generationen wuchsen mit diesen Bildern auf.
Selbst nach dem Zerfall der Sowjetunion verschwanden diese Narrative nie ganz.
Der österreichische Publizist Hannes Hofbauer beschreibt in seinem Werk Feindbild Russland, dass Russland in westlichen Medien auch nach 1991 oft nicht als möglicher Partner behandelt wurde, sondern weiterhin als latente Gefahr.
7. NATO-Osterweiterung und neue Konfrontation
Nach dem Ende des Kalten Krieges hofften viele Russen auf eine Partnerschaft mit dem Westen. Doch gleichzeitig rückte die NATO immer weiter nach Osten vor: Polen, Rumänien, Bulgarien, die baltischen Staaten und später auch Diskussionen über Ukraine und Georgien.
Der amerikanische Politikwissenschaftler John Mearsheimer warnte bereits seit den 1990er Jahren, dass Russland dies langfristig als Bedrohung wahrnehmen würde.
Unabhängig davon, wie man die russische Reaktion bewertet: Diese Sicherheitsfrage wurde im Westen oft kaum ernst genommen.
8. Die moralische Vereinfachung der Gegenwart
Heute entsteht daraus häufig ein extremes Schwarz-Weiß-Bild: hier der demokratische Westen – dort das „böse Russland“.
Doch Geschichte ist fast nie so einfach. Gerade deshalb ist es wichtig, sich zu fragen: Wann beginnt legitime Kritik – und wann wird daraus ein kulturelles Feindbild? Denn genau dort wird es gefährlich.
Wenn ein ganzes Volk nur noch mit Korruption, Gewalt, Rückständigkeit, Manipulation oder Bedrohung verbunden wird, verschwindet irgendwann die Fähigkeit, Menschen differenziert wahrzunehmen.
Und genau davor warnen viele Historiker heute zunehmend.
Literaturhinweise
Creating Russophobia – Guy Mettan
Feindbild Russland – Hannes Hofbauer
Russia Under Western Eyes – Martin Malia
La Russie en 1839 – Astolphe de Custine
War with Russia? – Stephen F. Cohen
The Great Delusion – John J. Mearsheimer
The Crimean War – Orlando Figes
Wir danken Frau Delahaye für die Genehmigung, Ihren Artikel bei uns veröffentlichen zu dürfen. Hier finden Sie Ihre Seite www.sichtwechsel.lu
Hier finden Sie die Druckausgabe der Zeitschrift wir selbst, Nr. 56/November 2025:
Hier finden Sie die Druckausgaben der Zeitschrift wir selbst, Nr. 55/1-2024 und 54/1-2023:
Die beiden Druckausgaben des Jahres 2022 unserer Zeitschrift sind auch noch erhältlich:






Ahnungslose Möchtegern-Russlandversteher…Seit 1917 gibt es kein Russland, sondern ein totalitäres Deep-State-Gebilde unter der Herrschaft einer blutrünstigen Minderheit, die diese Welt beherrscht und in den Abgrund lenkt…Öffnen Sie endlich die Augen!!!
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leider ist der Artikel sehr einseitig ausgefallen: nicht berücksichtigt wurde,daß die Haltung zu Rußland abhängig war zur Frage der Positionierung zur Französischen Revolution: Den Befürwortern war Rußland ein Hort der finstersten Reaktion, es ist kein Zufall, daß der erste deutsche Schriftsteller, der aus politischen Motiven ermordet wurde, im Dienste des Zaren stand, den Conservativen, es sei an die heilige Allianz Preußens, Österreichs und Rußland erinnert, eine Festung der antirevolutionären Ordnung.Nach der Oktoberrevolution war Rußland für alle Linken das Land der Hoffnung, für die Antikommunisten der Feind schlechthin. Die Nato- und EU-Doktrin, Rußland rauszuhalten, Deutschland klein zu halten und die USA reinzuholen, erschuf erst die Vorstellung, daß Rußland nicht zu Europa gehöre und daß Europa gegen Rußland zu verteidigen sei. Es sei daran erinnert, daß in Thomas Manns Essay der Betrachtungen eines Unpolitischen Frankreich und nicht Rußland als der Gefährder Deutschlands galt.
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Aber, Herr Doktor Maier, warum solche Beschimpfung? Glauben Sie ernsthaft an ein Echo „Jawohl, melde gehorsamst, ich wache auf„? Wollen wir einander stärken oder heruntermachen?
Mir gehlt an dieser Betrachtung auch etwas, nämlich die Erinnerung an die Greuel der Sowjet-Soldateska, unter denen nicht nur unsere Landsleute, sondern auch die Angehörigen anderer Völker im und nach dem Zweiten Weltkrieg zu leiden hatten. Diese Greuel, die die der anderen Siegermächte nicht vergessen machen sollen, sitzen natürlich tief in unserer Erinnerung. Ich unterscheide zwischen Russen und Sowjets und kann nur bedauern, daß der russische Präsident Putin das nicht tut, sondern all die -zig tausende seiner Landsleute vergißt, die der Sowjet-Union zum Opfer fielen.
Mit freundlichem Gruß
Jupp Koschinsky
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