Zeitschriftenkritik: TUMULT

von Werner Olles

Zeitschriftenkritik: TUMULT

Der Politikwissenschaftler Jan A. Karon, dessen provokant-originelles Buch „Bastardmoderne“ gerade Furore macht, packt mit seinem Beitrag „Die Trennung der Geschlechter – Wenn eine Generation in zwei Welten verfällt“ ein heißes Eisen an. Zwar hat man schon seit langem gewußt, daß „junge Männer immer weiter nach rechts rücken, während sich junge Frauen mit einer Geschwindigkeit und Schärfe nach links bewegen, die frühere Generationen nicht kannten“, aber so analytisch und klar hat es bisher noch niemand ausgedrückt. Am Beispiel einer Demonstration queerer Aktivistinnen in der mitteldeutschen Kleinstadt Bautzen schildert er eindrücklich den Zusammenprall mit einer Gegendemonstration, darunter auffallend viele junge Männer, die Transparente hochhalten: mit den Aufschriften „Unsere Stadt bleibt hetero“ und „Mann und Frau – das wahre Fundament des Lebens“. In Bautzen haben bei der letzten Bundestagwahl fast 46 Prozent der Bürger die AfD gewählt, und die Stadt ist das Zentrum der sorbischen Minderheit. Doch an jenem Tag wurde sie zum Schauplatz eines Konflikts, der Größeres symbolisiert: die wachsende Kluft zwischen den beiden Geschlechtern und die daraus entstehenden unwägbaren gesellschaftlichen Konsequenzen.

Karon spricht von einem „neuen Abgrund“, der jedoch durch harte Daten längst untermauert sei. So bezeichnen sich in den USA laut einer Gallup-Studie junge Frauen zwischen 18 und 30 Jahren 15 Prozentpunkte häufiger als (links-)liberal als ihre männlichen Altersgenossen: 40 zu 25 Prozent. Doch wird der Graben erst sichtbar, wenn man die Ideologieskala des Datenjournalisten John Burn-Murdoch zu Rate zieht, die nicht nur die Selbstzuordnung als „liberal“ oder „konservativ“ mißt, sondern den Nettowert aus dem Anteil der tatsächlichen Mitte-links-Wähler minus den Anteil der tatsächlichen Konservativen. Auf dieser Skala klafft zwischen jungen Frauen und Männern ein Abstand von rund 30 Prozentpunkten. Daß dieser Unterschied auch in der BRD immer sichtbarer wird, kann eigentlich kaum überraschen, denn ähnliche Tendenzen zeigen sich auch in Polen, im United Kingdom, in Südkorea und sogar in Tunesien. Der Autor sieht darin einen „strukturellen Bruch“, der nicht nur die Demokratie durch Polarisierung und Fragmentierung bedroht, sondern das Fundament einer überalterten Gesellschaft, das Verhältnis zwischen Mann und Frau, die Familie und die Demographie in Frage stellt.

Der gleichen Thematik spürt auch die Sozialwissenschaftlerin Jana Hermann nach. Sie sieht den Kern der neuen politischen Gesellschaftskluft allerdings vor allem im Einfluß Sozialer Medien, die völlig unterschiedliche Wahrnehmungen forme und dazu führen, daß beide Geschlechter die gesellschaftliche Wirklichkeit des jeweils anderen immer weniger nachvollziehen können. Die dadurch entstehende politische Entfremdung innerhalb der gleichen gesellschaftlichen Realität erzeuge so völlig unterschiedliche Erfahrungshorizonte, die die Sprachlosigkeit zwischen den Geschlechtern wachsen lasse und für eine tiefe kulturelle Entzweiung in den liberalen, westlichen Gesellschaften sorge.

Der Publizist Norbert Müller bewertet in seinem Essay „Jeffrey oder die Inkarnation des Marquis de Sade“ die Epstein-Akten als „Sittenbild der westlichen Elite“: „Sie offenbaren die wahren Machtverhältnisse, auch wenn die brisantesten Dokumente noch immer geschwärzt sind und Jeffrey Epstein nur ein Puzzleteil des gesamten Panoramas enthüllt“. Tatsächlich dokumentieren die Akten eine beängstigende Dominanz der Geheimdienste und des „Tiefen Staates“. Wegen der schieren Fülle an Präsidenten (Clinton, Trump), Hochadel (Prinz Andrew), Spitzenpolitikern (Peter Mendelson) und einflußreichen Oligarchen (Bill Gates, Peter Thiel) sowie Topgrößen der Kunstszene und Wissenschaftselite hat Epsteins Elitennetzwerk repräsentativen Charakter für die Netzwerke der realen Macht im „Wertewesten“. Auch die Denkweise der herrschenden politiko-medialen Klasse zeigt sich hier bemerkenswert klar. Man lebt und handelt nach eigenen Regeln und schützt sich gegenseitig, wenn es denn unbedingt sein muß, gehört (Selbst-)mord auch dazu. Der kollektive Westen bietet so heute das Bild einer Kleptokratie unter der Oberaufsicht der Geheimdienste.

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Wer gehört nun zu dieser parasitären und ebenso hochgefährlichen wie gefährdeten herrschenden Klasse? Der griechische Finanzminister Yanis Varouvakis beschreibt dies recht exakt in seiner Schilderung der Begegnung mit seinem US-amerikanischen Pendant Larry Summers, der sich von dem vielfachen Sexualstraftäter Epstein nicht nur junge Mädchen zuführen, sondern auch Beziehungstips geben ließ und kürzlich von seinem Posten zurücktreten mußte. Summers erklärte ihm kurz und bündig, es gebe in der hohen Politik zwei Arten von Leuten: „Insider“ und „Outsider“. Nur Insider bekommen Zugang zu den wirklich wichtigen Informationen und können an grundlegenden Entscheidungen unter der Bedingung mitwirken, daß niemals an die Öffentlichkeit dringt, was „drinnen“ realiter passiert. Wer diese Regel breche, werde sofort ausgeschlossen und habe als „Outsider“ keinerlei Einfluß mehr. Er fragte Varoufakis, für welchen Weg er sich entscheide. Varoufakis entschied sich dafür Outsider zu sein. Aus den Epstein-Akten ergibt sich dazu eine relevante Erkenntnis: Die Elite korrumpiert sich selbst, denn wenn alle Dreck am Stecken haben und viel zu verlieren, erschwert dies den Verrat und verhindert den Ausstieg. Am Beispiel des britischen Politikers und langjährigen Epstein-Freundes Peter Mendelson, der bezeichnenderweise den Beinamen „Prince of Darkness“ trägt, ist sehr schön nachvollziehbar, was jemanden zum Insider qualifiziert. Als Epstein erstmals 2008 zu 18 Monaten Haft verurteilt wurde, schrieb ihm der damalige EU-Handelskommissar empört: „So etwas wäre in Großbritannien nicht möglich gewesen!“ Seine „Freunde“ hätten ihn garantiert gedeckt. An die Epstein-Gefährtin Ghislaine Maxwell mailte er: „Ich liebe das Abstoßende. Deshalb bin ich wild und gefährlich und zweimal gefallen!“ Maxwell antwortete: „Benimm dich, sonst wirst du wie der böse Junge bestraft, der du bist!“

Diese Kreise wissen, welche Bestien sie sind, sie wissen, daß sie strafrechtlich wenig zu befürchten haben und sich nahezu alles leisten können, solange sie die eiserne Regel der Mafia einhalten: die Omerta! Maxwell, die den Tod ihres Vaters, eines hochdekorierten Mossad-Agenten als „Auftragsmord“ (Washington Post) bezeichnet, und auch behauptet, Epstein sei im Gefängnis ermordet worden, möchte bis zu ihrer erhofften Begnadigung durch Trump in einem Luxusgefängnis in Florida keinen „Selbstmord“ begehen. In der Tat ist es völlig ausgeschlossen, daß Epstein ohne Wissen oder sogar Mitwirkung der Geheimdienste hunderte Top-Oligarchen und Establishment-Größen über Jahrzehnte in seinem Lolita-Expreß herumgeflogen und auf der Sex-Insel Littel St. James mit Heerscharen junger Mädchen und Frauen auf eigene Rechnung kompromittiert hat. Seine engen Beziehungen zur CIA, zum FBI, zum britischen MI6, zum israelischen Mossad und zum US-Bundesanwalt Acosta von der Staatsanwaltschaft in Miami wurden mehrfach nachgewiesen. Acosta rechtfertigte 2007 seinen Deal mit Epstein und Maxwell, der allen potentiellen Mitverschwörern Immunität garantierte, mit dem berühmten Satz: „Mir wurde gesagt, Epstein gehöre zum Geheimdienst, und ich solle das Ganze ruhen lassen!“ Zum Dank wurde er dann, wie Vanity Fair berichtete, Minister im ersten Kabinett von Trump.

Die Geheimdienste, der militärisch-industrielle Komplex und das globale Finanzkapital bilden inzwischen offenkundig den Kern des „Tiefen Staates“, vor dem US-Präsident Eisenhower in seiner Abschiedsrede 1961 bereits frühzeitig gewarnt hatte. Der Marquis de Sade war im Ancien Régime zum Symbol einer vollkommen korrupten, dekadenten Adelsherrschaft geworden. Die Ironie der Revolution wollte es, daß er nach 1789 freikam. Wenn MAGA eine echte Revolution wäre, müßten zumindest Bill Gates, die Clintons, Prinz Andrew, Anthony Fauci, jener Herr der Bio-Labore in der Ukraine und in Polen und zahlreiche Politik und Kunst fördernde Philanthropen in den Knast. Der zum Saustall verkommene „Werte-Westen“ enthüllt sich von Tat zu Tag mehr als eine Kreuzung aus Barbarei und Relativismus, zivilreligiöser Hölle und grüner Scharia, postmodernem migrationsextremistischem Völkermord, leergedroschenen Politphrasen und Werteformeln, die das Papier nicht wert sind, auf denen sie gedruckt sind.

Weitere Beiträge: „Der Himmel über Dubai“, „Der „Wertewesten“ (Peter J. Brenner), (Horst G. Herrmann), „Das Endspiel des politischen Zionismus“ (Rudolf Brandner), „Traktat über Liebe und Haß“ (Chaim Noll), „Iran, Hamas, der Mufti und die Nazis“ (Christoph Ernst), „Der ewige Antisemitismus“ (Werner Sohn), „Klingbeil daddelt“ (Thilo Sarrazin) und „Im Schatten der Windräder“ (Carsten Germis).

Kontakt: Freunde der Vierteljahresschrift TUMULT e.V., Nürnberger Str. 32, 01187 Dresden. Einzelheft 12,50 Euro. Jahresabo 43 Euro.

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Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor der Bücher:

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