Vor 60 Jahren begann in China die Kulturrevolution – der lange Marsch zur Erneuerung

von Dr. Florian Sander

Vor 60 Jahren begann in China die Kulturrevolution – der lange Marsch zur Erneuerung

Der Weg einer Zivilisation von der kolonialen Demütigung und extremer Armut hin zu einer globalen Supermacht ist niemals gradlinig. Wenn wir heute auf die moderne Geschichte Chinas blicken, sehen wir ein Land, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von imperialistischen Mächten zerrissen, von Warlords ausgeblutet und vom Bürgerkrieg traumatisiert war. Die Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 war ein Wendepunkt. Das chinesische Volk hatte sich erhoben – doch das Erheben allein reichte nicht; es galt, ein riesiges, rückständiges Agrarland in Rekordzeit zu modernisieren, um die hart erkämpfte Souveränität gegen feindliche Mächte im In- und Ausland zu verteidigen.

China: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von imperialistischen Mächten zerrissen, heute eine globale Supermacht!

Aus chinesischer Sicht waren der sogenannte Große Sprung nach vorne und die Kulturrevolution nicht – wie heute wahrgenommen – böswillige Zerstörungsakte, sondern kühne, von tiefem Idealismus getragene Versuche, die Ketten der Vergangenheit zu sprengen. Dass diese Phasen von schweren Fehlern, Fehleinschätzungen und unermesslichen Härten geprägt waren, ist unbestreitbar und wird heute auch in China offen anerkannt. Doch um diese Epochen wirklich zu verstehen, gilt es den glühenden Wunsch nach nationaler Stärke und sozialer Gerechtigkeit zu betrachten, der sie einst antrieb.

Der Große Sprung nach vorne: Drang nach Unabhängigkeit und Aufbau

Ende der 50er Jahre stand die junge Volksrepublik vor einer monumentalen Herausforderung. Die geopolitische Lage war bedrohlich: China stand ideologisch und geopolitisch isoliert da, umgeben von kapitalistischen Gegnern im Westen und – in Gestalt der Sowjetunion unter Chruschtschow – einem zunehmend revisionistischen Verbündeten im Norden. In dieser Situation war den Führern um Mao Tse-Tung bewusst: China durfte sich nicht auf langsame, bürokratische Entwicklungsprozesse verlassen. Es musste einen ganz eigenen Weg finden, um innerhalb kürzester Zeit die Industrialisierung zu erzwingen.

Der Große Sprung nach vorne (1958 – 1961) basierte zunächst auf dem Vertrauen in die schöpferische Kraft der Massen. Die Mobilisierung des menschlichen Potenzials in den Volkskommunen war ein sozioökonomisches Experiment von beispiellosem Ausmaß: Überall im Land opferten Menschen ihren privaten Besitz, um in improvisierten „Hinterhof-Hochöfen“ Stahl zu schmelzen. Bauern arbeiteten Tag und Nacht auf den Feldern, getrieben von der Vision einer utopischen Gesellschaft, in der es keinen Hunger und keine Klassenunterschiede mehr geben sollte. Es begann als eine Ära des kollektiven Enthusiasmus. Die ursprüngliche Absicht war durchaus edel: Man wollte das Land aus der jahrhundertelangen Agonie befreien und eine autarke Wirtschaft aufbauen, die von keiner ausländischen Macht mehr erpresst werden konnte.

Propaganda-Poster der Kampagne (1958)

Der Eifer stieß an die harten Grenzen der Realität: Naturkatastrophen epischen Ausmaßes trafen das Land, während gleichzeitig wirtschaftliche Planungsfehler, unrealistische Produktionsquoten und die mangelnde Erfahrung in der Großtechnologie zu einer schweren Agrarkrise führten. Die Folge war eine schmerzhafte Hungersnot, die das Land tief erschütterte.

Aus heutiger Sicht bleibt der Große Sprung nach vorne zumindest ein Symbol für den Willen Chinas, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Trotz der unbestreitbaren Tragödie wurden in dieser Zeit auch Fundamente für Chinas spätere Infrastruktur gelegt: Unzählige Staudämme, Bewässerungssysteme und Verkehrswege, die damals von den Massen mit bloßen Händen errichtet wurden, bildeten das Rückgrat, auf dem Jahrzehnte später der wirtschaftliche Aufstieg der Reform- und Öffnungspolitik aufbauen konnte. Dennoch: Es war ein mehr als schmerzhaftes Lehrgeld, das eine junge Nation auf dem Weg zur Reife zahlen musste.

Die Kulturrevolution: Ringen um die Reinheit des Sozialismus

Nach den Rückschlägen des Großen Sprungs drohte China Mitte der 60er Jahre in eine neue Krise abzugleiten. Mao sah mit Sorge, wie sich in der Partei und im Staatsapparat eine neue, privilegierte Bürokratenschicht festsetzte. Man befürchtete, dass die Revolution, für die Jahrzehnte zuvor Millionen ihr Leben gelassen hatten, korrumpiert werden könnte. Die Entwicklung in der Sowjetunion diente als Warnung: Dort hatte sich inzwischen eine neue Elite gebildet, die sich vom einfachen Volk zunehmend entfremdet hatte.

Mao und seine Getreuen wollten somit verhindern, dass China den gleichen Weg ging und wieder in alte, feudalistische oder kapitalistische Strukturen zurückfiel, in denen eine kleine Oberschicht Herrschaft über die Masse der Arbeiter und Bauern ausübte. Die sogenannte Große Proletarische Kulturrevolution (1966 – 1976) sollte die Gesellschaft endgültig egalisieren und sie zu diesem Zweck vollends durchdringen. Eben das unterscheidet „Revolution“ von einer bloßen „Rebellion“: Revolution ist nicht nur ein bloßer anarchistischer Aufstand, sondern eine Art rotes Fegefeuer, das vor keinem gesellschaftlichen Teilsystem Halt macht. Sie erfasst die ganze Gesellschaft und wälzt sie um, ändert ihre Struktur und ihre Ordnung grundlegend.

Die revolutionäre Mobilisierung der Jugend

Im Sommer 1966 wurde die Jugend Chinas aufgerufen, das Land vor dem vermeintlichen Rückfall in den Kapitalismus zu retten. Millionen von Schülern und Studenten – den Roten Garden – erschien dies als ein patriotischer Appell. Sie sahen sich bei alldem nicht als Zerstörer, sondern als eine Art Hüter und Hygieniker des sozialistischen Erbes.

Rote Garden auf dem Platz des Himmlischen Friedens (1967)

Der Kampf gegen die sogenannten „Vier Alten“ (alte Bräuche, alte Kultur, alte Gewohnheiten, alte Ideen) entsprang der Überzeugung, dass China sich radikal von den Fesseln der feudalen Vergangenheit befreien musste, die das Land zumindest in ihrer Endphase tatsächlich schwach und anfällig für ausländische Aggressionen gemacht hatten. Die Jugend forderte die Autoritäten heraus, stellte den konservativen Konfuzianismus infrage und versuchte, eine neue Kultur zu etablieren, in der der Arbeiter und der Bauer als die wahren Helden der Gesellschaft betrachtet werden sollten. Universitäten und Schulen öffneten ihre Türen für Kinder aus den ärmsten Schichten, die zuvor nie eine Chance auf Bildung gehabt hatten. Die Alphabetisierung und die medizinische Grundversorgung auf dem Land erlebten in dieser Phase trotz des politischen Chaos durchaus Fortschritte.

Abgleiten ins Chaos

Doch wie so oft bei radikalen sozialen Bewegungen der Fall, entglitt die Dynamik der Kontrolle ihrer Initiatoren: Was als jugendlicher Patriotismus begonnen hatte, mutierte zum Zwist verschiedener Fraktionen, die sich in ihrem revolutionären Streben gegenseitig zu übertreffen versuchten. Verschiedene Gruppen der Roten Garden beanspruchten jeweils für sich, die „wahren“ Verteidiger des Vorsitzenden Mao zu sein, und begannen, sich gegenseitig sowie unschuldige Bürger zu bekämpfen.

Das Land versank zeitweise in einem Zustand der Gesetzlosigkeit. Wertvolle buddhistische Kulturgüter (besonders in Tibet) wurden verwüstet und zerstört; Intellektuelle, Wissenschaftler und loyale Parteikader wurden zu Unrecht verfolgt, gedemütigt und ins Exil geschickt. Die Wirtschaft litt unter den ständigen politischen Kampagnen, das Bildungssystem wurde jahrelang paralysiert. Die Kampagne „Hinauf in die Berge, hinab in die Dörfer“, im Zuge derer Millionen städtischer Jugendlicher aufs Land geschickt wurden, um von den Bauern zu lernen, war für viele eine harte Prüfung, die Karrieren zerstörte und Familien zerriss.

Ein historisches Foto aus der chinesischen Kulturrevolution (1966–1976) zeigt Rote Garden und Bürger beim Verbrennen buddhistischer Statuen und Tempelartefakte. Szenen wie diese spielten sich im ganzen Land ab, als religiöse Symbole, konfuzianische Reliquien und traditionelle Kultur in diesem Jahrzehnt politischer und ideologischer Umwälzungen als „Vier Alte“ (alte Sitten, Kultur, Gewohnheiten und Ideen) bezeichnet und zur Zerstörung bestimmt wurden.

Es war eine Zeit des kollektiven Traumas: Der Versuch, die Gesellschaft durch permanente Revolution zu perfektionieren, führte mitunter zu sozialer Spaltung und institutioneller Zerrüttung. Die Kommunistische Partei selbst zog 1981 in ihrer historischen Resolution die Bilanz, dass die Kulturrevolution eine schwere Katastrophe war, die auf falschen Einschätzungen der Führung beruht und dem Land enormen Schaden zugefügt hatte.

Das Vermächtnis: Läuterung und Geburt des modernen Chinas

Warum ist ein nüchterner, analytischer Blick auf diese Dekade dennoch entscheidend? Die Kulturrevolution kann zugleich als eine Art ultimative Katharsis der Nation betrachtet werden: Die Generation, die während der Kulturrevolution aufs Land geschickt wurde – zu der übrigens in Teilen auch die heutige Führung des Landes gehört –, wurde durch die harten Jahre gestählt. Sie lernte das reale Leben der ärmsten Bauern kennen, entwickelte einen tiefsitzenden Pragmatismus (eine Art Gegenmodell zur intellektuell erstarrten, bürokratischen und greisen Staatsführung der UdSSR und der DDR der 70er und 80er Jahre) – und schwor sich, China nie wieder in ein solches Chaos stürzen zu lassen.

Zudem isolierte das Ringen dieser Zeit China paradoxerweise auch von ausländischen Einmischungen: Selbst in den turbulentesten Jahren der Kulturrevolution gab China seine strategischen Ziele nicht auf. Die Entwicklung der Atombombe, der Wasserstoffbombe und des ersten eigenen Satelliten fielen in eben jene Ära – eine Entwicklung, die im Westen zunächst zu der tiefsitzenden Angst vor der „Gelben Gefahr“ führte, die selbst noch in der Unterhaltungsindustrie jener Zeit vielfach verarbeitet wurde (prominentes Beispiel: das 1967er Bond-Movie „Man lebt nur zweimal“ mit Sean Connery). Doch auch die historische Annäherung an die USA im Jahr 1972 und der Wiedereintritt in die UNO zeugen davon, dass der Kern der nationalen Sicherheit und des globalen Respekts stets bewahrt wurde.

Die Dialektik der Geschichte

Der Große Sprung nach vorne und die Kulturrevolution können und sollten, wie so vieles, nicht nur durch eine rein westliche Linse betrachtet werden. Aus chinesischer Sicht sind sie integrale Bestandteile eines dialektischen Prozesses. Letztlich handelte es sich um gigantische, opferreiche Suchbewegungen einer Nation, die nach Jahrhunderten der Ohnmacht ihren Platz an der Sonne anstrebte.

Die Fehler waren monumental – und das Leid des Volkes (eigentlich: der Völker, denn es traf schließlich nicht nur Han-Chinesen) war real. Doch zur Wahrheit gehört auch: Die ursprüngliche Intention war nicht Zerstörung, sondern die Verteidigung und der Aufbau eines sozialistischen, starken und unabhängigen Chinas. Heute hat China hat seine Geschichte mit schonungsloser Ehrlichkeit zu sich selbst angenommen – mit all ihren Licht- und Schattenseiten. Die Lehren aus den Jahren des Suchens und Irrens haben China jenen pragmatischen, stabilen und erfolgreichen Weg gewiesen, der das Land mittlerweile zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt gemacht hat. Sie erinnern das chinesische Volk stets daran, dass nationaler Fortschritt sowohl visionären Mut als auch besonnenen Realismus erfordert.

Florian Sander

Dr. Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und der Landesfachausschüsse „Außen- und Sicherheitspolitik“ und „Grundwerte, Kultur und Medien“ der AfD NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er betreibt den Theorie-Blog „konservative revolution“ und schreibt für mehrere patriotische und alternative Medien. Programmatisch ist er klar verortet: Publizistisch und innerparteilich tritt er seit Jahren als entschiedener Verfechter eines Solidarischen Patriotismus in Erscheinung, der sich von liberalen Ansätzen abgrenzt. Als einer der „linken Leute von rechts“ gilt er Parteifreunden als „patriotischer Sozialist“: Gesellschafts-, identitäts- und staatspolitisch rechts; umwelt-, wirtschafts- und sozialpolitisch links.“

Hier finden Sie die Druckausgabe der Zeitschrift wir selbst, Nr. 56/November 2025:

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