EU stoppt Finanzierung der Biennale Venedig wegen Teilnahme Rußlands

von Hanno Borchert

EU stoppt Finanzierung der Biennale Venedig wegen Teilnahme Rußlands

Kunst ist frei oder sie ist nicht

Die Biennale ist seit 1895 ein Ort nationaler Pavillons, also ein explizit politisch-diplomatisches Format, in dem sich Länder mittels ihrer Kunst und Kultur präsentieren. Gegründet wurde sie von der Stadt Venedig, um zeitgenössische Kunst zu fördern und zugleich den kulturellen Austausch zwischen den Nationen zu stärken. Gerade weil die Biennale von Anfang an als internationales Forum konzipiert war, gehörte es zu ihrem Selbstverständnis, auch in politisch schwierigen Zeiten Räume für Begegnung und künstlerischen Dialog offenzuhalten. Das macht sie aber auch anfällig für politische Konflikte. 


Die Veranstalter haben sich entschieden, den russischen Pavillon nicht auszuschließen. Sie verweisen auf die Tradition des Austauschs und die Freiheit der Kunst sowie darauf, daß die Biennale als Forum nationaler Pavillons nicht nach politischen Konflikten zwischen Staaten organisiert werden sollte. Das ist konsequent. Die EU hingegen sagt: Unsere Steuergelder fließen nur, wenn ihr politisch mitspielt und den russischen Pavillon schließt. Das ist konditionierte Förderung und kommt einer Zensur durch den Geldhahn nahe. Kaja Kallas, die Außenbeauftragte der Europäischen Union, sprach in diesem Zusammenhang von einer „Schönfärberei von Aggressionen“. Diese Formulierung ist so typisch für diese Haltung: Kunst wird zum Instrument der Außenpolitik gemacht. Wer nicht die richtige Haltung zeigt, bekommt kein Geld. Das widerspricht dem Kern künstlerischer Freiheit radikal.


Echte Kunst braucht die Möglichkeit, auch in Zeiten von Krieg, Diktatur oder moralischer Aufladung zu existieren, ohne daß sie vorher auf Linientreue geprüft wird. Der russische Pavillon könnte Propaganda sein. Er könnte aber auch kritische, subversive oder einfach nur ambivalente Positionen zeigen. Indem man ihn per se verbietet, verhindert man genau diese Auseinandersetzung. Man ersetzt sie durch symbolische Reinheit, Doppelmoral und einen gefährlichen Präzedenzfall.


Wer heute russische Künstler oder Institutionen kollektiv bestraft, weil ihr Staat einen Krieg führt, muß sich fragen lassen: Wo endet das? Bei chinesischen, iranischen, türkischen, israelischen, palästinensischen oder amerikanischen Pavillons in anderen Konflikten? Die Biennale hat schon immer Autoren aus umstrittenen Regimen gezeigt, das war oft gerade ihre Stärke.


Förderung durch den Staat (oder die EU) ist nie neutral. Sie schafft Abhängigkeit. Sobald der Förderer meint, er dürfe inhaltliche Bedingungen stellen, mutiert „Kulturförderung“ zur Kultursteuerung. Gerade die Geschichte zeigt immer wieder, daß staatliche Kulturförderung in Kultursteuerung umschlagen kann. Und das in sehr unterschiedlichen Ausprägungen, vom Sozialistischen Realismus über die NS-Kulturpolitik bis hin zu heutigen Cancel-Mechanismen.


Die Biennale-Leitung hat hier das einzig Richtige getan: Sie hat sich geweigert, als verlängerter Arm der Brüsseler Sanktionspolitik zu agieren. Daß sie dafür bestraft wird, zeigt, wie brüchig das Bekenntnis vieler Politiker zur künstlerischen Freiheit tatsächlich ist. Freiheit ja, aber nur, solange sie den eigenen (geo)politischen Narrativen dient.


Mein Fazit unter freiheitlichen Prämissen: Die Streichung der Mittel ist ein Fehler. Sie signalisiert: Kunst darf frei sein, solange sie nicht den vermeintlich „falschen“ Ländern eine Bühne bietet. Doch wer echte künstlerische Freiheit will, muß auch die unangenehmen, politisch inkorrekten oder „falschen“ Stimmen aushalten. Sonst bleibt nur noch staatlich kuratierte „gute“ Kunst übrig. Und das ist keine Kunst mehr. Die Biennale sollte sich jetzt erst recht als Ort des Widerstands gegen diese Einmischung positionieren. Freiheit hat ihren Preis, manchmal sogar zwei Millionen Euro. Wer es mit der Freiheit der Kunst ernst meint, sollte der Biennale in dieser Auseinandersetzung den Rücken stärken.

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Hanno Borchert

Hanno Borchert

Hanno Borchert, geb. 1959, Cuxhavener Jung von der Elbmündung. Schon in jungen Jahren wurde durch die Weltenbummelei (Südtirol, Balkan, Skandinavien (u.a. Dänemark-affin), Indien, Iran, Indonesien u.a.) die Beigeisterung für die Sache der Völker geweckt.

Ausgebildeter Handwerkergeselle mit abgeschlossenem Studium der Wirtschaftswissenschaften. Bücherwurm seit Kindheitstagen an, musiziert und malt gerne und beschäftigt sich mit der Kunst des Graphik-Designs.

„Alter Herr“ der schlagenden Studentenverbindung „Landsmannschaft Mecklenburgia-Rostock im CC zu Hamburg“. Parteilos. Ist häufig auf Konzerten quer durch fast alle Genres unterwegs. Hört besonders gerne Bluegrass, Country, Blues und Irish Folk. Großer Fan des leider viel zu früh verstorbenen mitteldeutschen Liedermachers Gerhard Gundermann.

Redakteur der alten wie neuen „wir selbst“, zwischendurch Redakteur der „Volkslust“.

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