Die Nation – eine wartungsbedürftige, naturwüchsige Konstruktion

von Dr. Winfried Knörzer

Die Nation – eine wartungsbedürftige, naturwüchsige Konstruktion

Die Selbstliebe, die Liebe zur Familie, die Bindung an Sippe und Dorf sind elementare Tatsachen: man will sich selbst und die unmittelbare Umwelt erhalten. Diese Beziehung, die auch weiter ausgreift zu Volksstamm, Polis, Nation, erzeugt einen naturwüchsigen Patriotismus. Dieser ist aber ein noch vorpolitisches Phänomen. Um das Eigene zu bewahren – vor allem gegenüber feindlichen Invasionen –, muß er politisch organisiert und symbolisiert werden. Durch Feste, Riten, Fahnen, durch schulisch vermittelte Erzählungen über die großen Gestalten, Werke und Ereignisse der eigenen Geschichte wird die Identifikation mit der Nation gefördert, wird überhaupt erst aus einer Ansammlung von Menschen ein sich als Gemeinschaft empfindendes Volk geschaffen. Die Nation ist somit in gewisser Weise durchaus eine Konstruktion, aber eine Konstruktion, die auf dem Fundament des naturwüchsigen Patriotismus errichtet wird. Diese bewußt betriebene symbolische Codierung verleiht der Bindung ans Eigene Form, Sinn und Festigkeit, kann sie aber nicht erzeugen, sondern setzt diese voraus. Ohne sie aber verbleibt diese Bindung im Bereich privater Gefühle oder verschiebt sich auf Ersatzobjekte. Mit dieser entsteht aus dem vorpolitischen, naturwüchsigen Patriotismus der Nationalismus als die politische Form des Willens zur Nation. Den Nationalismus als Konstruktion zu bezeichnen, soll nicht bedeuten, wie dies zumeist mit diesem Begriff insinuiert wird, ihn als etwas Nur-Künstliches, Beliebiges, Nicht-Notwendiges zu betrachten. Er ist vielmehr logische Weiterentwicklung des naturwüchsigen Patriotismus und zudem der geistige Inhalt, der die äußere Gestalt von Staatsapparat und Staatsgebiet mit Leben erfüllt. Im übrigen sind durchweg alle spezifisch menschlichen Errungenschaften Konstruktionen, weshalb der Hinweis, daß eine dieser Errungenschaften auch eine Konstruktion ist, nur eine sinnleere, triviale Feststellung ist.

Durch Feste, Riten, Fahnen, durch schulisch vermittelte Erzählungen über die großen Gestalten, Werke und Ereignisse der eigenen Geschichte wird die Identifikation mit der Nation gefördert, wird überhaupt erst aus einer Ansammlung von Menschen ein sich als Gemeinschaft empfindendes Volk geschaffen. Die Nation ist somit in gewisser Weise durchaus eine Konstruktion, aber eine Konstruktion, die auf dem Fundament des naturwüchsigen Patriotismus errichtet wird.

Dr. Winfried Knörzer
Blick auf den Festzug: Bei der Einweihung des Hermanns-Denkmals am 16. August 1875 zwischen Kaiser-Tribüne (links) und Redner-Tribüne (rechts).

Da der Nationalismus eine Konstruktion ist, ist er wie jede Konstruktion wartungsbedürftig. So wie ein Haus nicht nur zu seiner Errichtung, sondern auch zu seiner Instandhaltung der Arbeit bedarf, so auch der Nationalismus. Die berühmte Renansche Formel, die Nation sei ein „tägliches Plebiszit“ beschreibt nur die Subjektseite des Verhältnisses von Nation und Volk, nämlich das ständig zu wiederholende Jasagen des Volkes zur Nation. Diese Formel muß noch durch die Objektseite ergänzt werden. Jasagen kann man nur, wenn fortlaufend neue Anreize zum Jasagen angeboten werden.

Hinrichtung des gesamtdeutschen Demokraten und Patrioten Robert Blum, Carl Constantin Heinrich Steffeck 1848/49. Seine letzten Worte, die er am Richtplatz sagte, waren: »Ich sterbe für die deutsche Freiheit, für die ich gekämpft. Möge das Vaterland meiner eingedenk sein.«

Da alle spezifisch menschlichen Errungenschaften Konstruktionen sind, sind diese nicht nur wartungsbedürftig, sondern auch gefährdet und unzuverlässig. Selbst auf so elementare Antriebe wie die Mutterliebe kann man sich nicht verlassen. Der Mensch ist frei, sich gegen das ihm Wesenhafte zu entscheiden, und er tut dies auch, sei es aus Boshaftigkeit, Gleichgültigkeit oder vor allem aus dem zeitweiligen Überwiegen anderweitiger egoistischer Interessen. Er tut dies insbesondere dann, wenn ihn nicht normative Zwänge auf der Bahn des sittlich Gebotenen halten. Darum nimmt es nicht Wunder, wenn etliche Menschen die eigene Nation verschmähen. Für die Mehrheit trifft dies aber nicht zu. Sie empfindet ein diffuses Unbehagen angesichts des sich beschleunigenden Fremdwerdens ihrer Lebenswelt. Sie kann sich dieses Unbehagen aber nur in privatistischen lebensweltlichen Kategorien deuten – in einem Gemaule über zu viele Ausländer, zunehmende Gewalt und Verwahrlosung, Miesmacherei usw. Es fehlt das Interpretationsraster, um die Tragweite dieses Vorgangs voll erfassen zu können. Es fehlen die Ideale, anhand derer der Zustand der Wirklichkeit beurteilt werden kann. Ausgehend von diesem sich in alltäglichen Gesprächen, Leserbriefen, Umfragen und gelegentlichen Wahlerfolgen rechter Parteien zeigenden diffusen Unbehagen, glauben viele Rechte, daß es nur eines drastischen Anlasses oder einer nicht mehr vom politischen Gegner behinderten Aufklärung bedürfe, um den latenten Nationalismus bewußt und manifest zu machen. Das ist ein Irrtum, denn der bloße Wille allein bewirkt nichts. Wer ein Vogelhäuschen bauen will, aber weder über Werkzeug noch über handwerkliches Wissen der Holzbearbeitung verfügt, wird scheitern oder eher noch gar nicht erst den Versuch unternehmen. Es ist eine techné – vor allem in Form von Handlungsanweisungen – erforderlich, um aus dem Willen eine Praxis werden zu lassen. Diese Handlungsanweisungen liefern die mythischen Beispiele der eigenen Geschichte. Leonidas für die Griechen, Johanna von Orleans für die Franzosen, Friedrich der Große für die Deutschen sind Beispiele für den unbedingten Willen zum Standhalten und die Fähigkeit, das Eigene zu verteidigen.

Ferdinand von Schill: Freikorpführer in den antinapoleonischen Befreiungskriegen. Am 31. Mai 1809 in Stralsund im Kampf gefallen.

Einst wurden durch die ständige Erinnerung an diese mythischen Vorbilder die Bürger dazu ermuntert, ihnen nachzueifern und sich deren unbeugsame Haltung zu eigen zu machen. Durch diese mittlere mythische Ebene wird das individuelle Wollen und Fühlen in eine für die Praxis anschlußfähige Gestalt geformt, wodurch es sich in politisches Handeln umsetzen kann. Ähnliches gilt für die kulturellen Errungenschaften – von der Bratwurst bis zu Beethoven. Nur wenn immer wieder durch stolzmachendes Erzählen daran erinnert wird, daß diese Errungenschaften mehr sind als nur brauchbare Dinge oder Gegenstände für in Prüfungen oder Quizsendungen abfragbares Wissen, nämlich UNSERE Errungenschaften, die unser Dasein ausmachen, wird man bereit sein, sich für deren Erhalt einzusetzen. Das genau ist die Konstruktion der Nation: den historischen Persönlichkeiten und kulturellen Errungenschaften einen nationalsymbolischen Mehrwert zu verleihen. Diese Konstruktion am Leben zu erhalten, ist eine beständige Aufgabe. Wird diese Aufgabe vernachlässigt, zerfällt die Nation in ein Territorium mit einer Rechtsordnung und eine Ansammlung von Tieren der Gattung homo sapiens.

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Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Gesetzloses Russland

von Boris Blaha

Gesetzloses Russland

Deutschland und Russland teilen die Besonderheit, sich in politischen Krisenzeiten für Anführer zu begeistern, die aus einer lösbaren Herausforderung durch ihre herausragenden Fähigkeiten erst eine um ein Vielfaches potenziertere Katastrophe machen können. Man würde wohl nicht allzu fehl gehen, ein solches Phänomen der in beiden Ländern mangelnden Tradition politischer Urteilskraft zuzuschreiben. Während Deutschland den Vorzug hat, wie schon Napoleon und die Franzosen zuvor, mit der vollständigen Niederlage gegenüber der vereinten Macht einer militärischen Allianz eine unmißverständliche Lektion erhalten zu haben, konnte Russland der Dynamik einer vergleichbaren Erfahrung unter dem schützenden Dach der Lorbeeren des großen vaterländischen Sieges bislang entkommen. Dies scheint nun vorbei zu sein.

Russlands gegenwärtiges Problem ist nicht der Westen. Russlands Problem sind auch nicht die USA oder der propagandistische Popanz NATO-Osterweiterung. Noch schwachsinniger ist die von von etlichen Nostalgie-Konservativen nach dem Motto, der Feind meines Feindes muss mein Freund sein, dogmatisch verbreitete Ansicht, Russland hätte eine konstruktive Antwort auf die zweifellos drängenden Dekadenzprobleme des Westens. Russlands Problem ist ausschließlich Russland selbst. Ein kurzer Blick in die Geschichte mag das erläutern.

Nach gründlicher theologischer Vorarbeit entstand im Westen als Reaktion auf die exzessiven Todeserfahrungen des Dreißigjährigen Krieges eine Ordnungsphantasie, die nach ihrer Verwirklichung Absolutismus genannt wurde. Die Angst rückte ins Zentrum von Überlegungen, die von der Sorge ums reine Überleben dominiert wurden. Freiheit spielte da plötzlich keine Rolle mehr. Hobbes wurde einer ihrer wirkmächtigsten ideengeschichtlichen Vordenker. Aus der Wortbedeutung von ab- als etwas wegmachen, abtrennen, und solus als ein von allen anderen getrennter Einzelner entstand ein politisches Phantasma, das sich im Auspruch Ludwig XIV. „Der Staat bin ich“ verdichtete.

Zarentreue Kämpfer, sogenannte Opritschniki, huldigen ihrem Herrn, Zar Ivan IV., „der Schreckliche“, Gemälde, 19. Jahrhundert: „Ein Einzelner ist per se machtlos, ein allmächtiger Einzelner ein fundamentaler Widerspruch in sich.“

Die schon in sich paradoxe Kompensationsphantasie eines allmächtigen Einen konnte nur aus einer tatsächlichen Ohnmachtserfahrung heraus entstanden sein, einer Situation absoluter Verlassenheit, in der keine anderen mehr da waren, an die man sich hätte wenden können. Das Fehlen aller anderen macht diese Phantasie zu einer radikal a-politischen, denn echte politische Macht entsteht und vergeht nur zwischen Menschen, aber niemals im Menschen selbst. Ein Einzelner ist per se machtlos, ein allmächtiger Einzelner ein fundamentaler Widerspruch in sich. Maßlos gefährlich wird eine solche Phantasie, wenn Sie aus der Verlassenheit in den Kreis der anderen zurückkehrt, in das Politische eindringt und es zu beherrschen sucht.

Allen europäischen Ländern, mal früher mal später, mal dauer-, mal wechselhafter, gelang es, das destruktive Potential dieses a-politischen Phantasmas durch eine Re-Politisierung wieder zu entschärfen, mit einer Ausnahme: Russland. Die Polen als klassische Adelsrepublik waren weitgehend immun gegen diese theologische Vergiftung des Politischen und daher durchaus naheliegend das erste Land im sowjetischen Herrschaftsbereich, das mit Solidarność und „Rundem Tisch“ ein erfolgreiches politisches Gegenmodell etablierte. Die Engländer köpften ihren König schon im 17. Jahrhundert und fanden in der Formel „king in parliament“ einen sprechenden Ausdruck für die Wiedereinsetzung des abgetrennten Einen in den Kreis der anderen. Auch die Franzosen realisierten das ab-solute, guillotinierten ihren Souverän, erhielten aber mit Napoleon kurz darauf die nächste Verkörperung. Es bedurfte der vereinten Macht einer anti-napoleonischen Allianz, um auch diese gesamteuropäische Gefahr zu neutralisieren. Im Unterschied zu den Deutschen schafften es die Italiener immerhin selbst, ihren „Duce“ zu entmachten, während es auch bei den Deutschen einer Anti-Hitler Allianz bedurfte, um die gewaltigen Destruktionskräfte, die ein solches a-politisches Phantasma freisetzen kann wieder einzuhegen. Spanier und Portugiesen hatten irgendwann genug von ihren Diktatoren, der Vollständigkeit halber gibt es etliche konstitutionelle Monarchien in Europa und die Litauer, Letten und Esten demonstrierten am fünfzigsten Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes mit einer beeindruckenden Menschenkette durchs gesamte Baltikum die politische Macht eines „acting in concert“.

An der Art des Umgangs der Sowjetunion mit der Nuklear-Katastrophe von Tschernobyl konnten die Ukrainer am eigenen Leib überaus schmerzhaft erfahren, wie wenig ihr Überleben und ihre Sicherheit dem Mann in Moskau wert waren. Das Aufrechterhalten der Lüge war Gorbatschow wichtiger. Dass eine derartig existentielle Erfahrung zur Konsequenz führt, die Dinge wieder in die eigenen Hände nehmen zu müssen, ist nicht weiter verwunderlich. Ein Jahr nach dem Unfall entstand in der sowjetischen Ukraine die erste legale politische Partei seit den 1920er Jahren (vgl. Serhii Plokhy, Die Frontlinie, Hamburg 2022).

Nur in Russland vergiftet mit tatkräftiger Unterstützung der orthodoxen Kirche die mit Peter dem Großen aus dem Westen importierte Phantasie des allmächtigen Einen das gemeinschaftliche Zusammenleben bis heute vollständig ungebrochen. Das allerdings ist Russlands Problem. Ob und wie sie es lösen, ist ihre Sache. Was unseren Umgang mit Russland betrifft, sollte man allerdings einen entscheidenen Faktor nicht aus dem Auge verlieren.

Schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zogen einige russische Intellektuelle aus dem Scheitern der Revolution von 1905 etliche Schlussfolgerungen, die nicht nur über einhundert Jahre danach noch Bestand haben, sondern darüber hinaus auch für unsere eigene Lage überaus lesenswert sind. Ich beziehe mich auf eine Aufsatzsammlung, die unter dem Titel „Vechi – Wegzeichen“ 1909 in Moskau erschienen ist und in einer deutschen Übersetzung unter dem Titel „Wegzeichen – Zur Krise der russischen Intelligenz“ 1990 als Band 67 der Anderen Bibliothek beim Eichborn Verlag heraus kam. Ich beschränke mich auf den Aspekt, der die verbreitete westliche Vorstellung, man müsse mit Putin verhandeln, ad absurdum führt.

Die Ablösung von archaischer Gewalt durch eine zivilere Verrechtlichung ist in der abendländischen Tradition tief verankert, man denke nur an die griechische Orestie oder die römische Rechtstradition. Auch das Entscheidende an Arendts Eichmann Buch ist nicht das Individuum Adolf Eichmann, sondern seine Wiedereinsetzung in einen rechtlich instituierten Raum.

Lenin proklamiert die Sowjetmacht, 1917: „Gegen die Herrschaft des Einen hatte in Russland die Herrschaft der Gesetze keine Chance.“

In Russland hingegen kam 1909 der Rechtsgelehrte Bogdan Kistjakovskij, der die jüngere Vorgeschichte der russischen Negation jeglicher Rechtsordnung aufarbeitete, zu dem Schluss, dass es in der russischen Literatur im Unterschied zu allen anderen europäischen Ländern wie England, Frankreich, Deutschland keine einzige Studie gibt, die sich dem politischen Sinn von Rechtsordnung widmen würde. Zu Namen wie Montesquieu, Locke, Althusius oder Kant und Hegel, um nur ein paar zu nennen, gäbe es in der russischen Tradition kein Äquivalent. Das westliche „bürgerliche“ Konstrukt eines Rechts- und Verfassungsstaates, dessen Kern die Freiheit und Unantastbarkeit der Person ist, hätte die russische Intelligenz schon Ende des 19. Jahrhunderts im naiven Glauben abgelehnt, man könne diese Phase überspringen und gleich im sozialistischen Paradies landen. Gegen die Herrschaft des Einen hatte in Russland die Herrschaft der Gesetze keine Chance. Während es in Deutschland in der Zwischenkriegszeit eine breite rechtshistorische bis rechtsphilosophische Auseinandersetzung gab, von Verfassungsrecht und Widerstand im Mittelalter, über die Rechtsfindungspraktiken der Germanen bis zum Nomos der Erde, waren spätestens durch die Schauprozesse der späten 20er und 30er Jahre die von Zar Alexander II. eingeleiteten Rechtsreformen Makulatur. Überflüssig zu erwähnen, dass der ältere Bruder Lenins wegen Beteiligung an der Ermordung jenes vergleichweise „liberalen“ Zaren hingerichtet wurde.

Es gibt wenig Anlass zur Hoffnung, dass sich seither Wesentliches geändert haben sollte. Bis heute ist Russland ein gesetzloses Land. Oppositionelle können mitten am Tag auf offener Straße ebenso hingerichtet werden, wie verwöhnte Oligarchenkinder in St. Petersburg ihre Autorennen auf belebten Hauptverkehrsstraßen ohne jegliche Rücksicht auf den Tod Unbeteiligter austoben können.

Es gibt Schlachten, die deswegen berühmt und im kollektiven Gedächtnis erhalten geblieben sind, weil eine Ordnung sich gegenüber dem expansiven Vordringen einer anderen Ordnung erfolgreich behaupten und dadurch gewährleisten konnte, dass mindestens zwei unterschiedliche Ordnungen nebeneinander gleichzeitig, wenn auch in unterschiedlichen Räumen existieren können. Das eine wurde vom anderen durch eine zwar durchlässige aber erfahrbare Grenze getrennt, ein Aspekt, den es heute gegenüber den Ideologen einer allumfassenden Weltinnenpolitik zu betonen gilt. Der ursprüngliche Sinn von Gesetz stammt nicht aus einem moralischen, sondern räumlichen Kontext. Eine auf dem Land gezogene Furche trennt einen gesetzlosen von einem gesetzten Raum und schützt dadurch letzteren vor der Gewalt, die im anderen vorherrscht.

Boris Blaha

Boris Blaha, geb. 1960 in München; Studium von Geschichte, Soziologie, Sozial- und Kulturwissenschaften an den Universitäten Würzburg, Regensburg und Bremen, M.A.; Gründungsmitglied „Hannah Arendt Preis für politisches Denken“, Fortsetzung als Hannah-Arendt-Blog; wirtschaftlich unabhängig, schreibt für TUMULT, Globkult, The European und andere.

NAPOLEON – Biographie von Dimitri S. Mereschkowski: ein Werk der Weltliteratur

von Dr. Uwe Sauermann

NAPOLEON – Biographie von Dimitri S. Mereschkowski: ein Werk der Weltliteratur

Napoleon war ein Mann, der einen so herausragenden Philosophen und Schriftsteller wie Dimitri Mereschkowskij nicht nur zum Verfassen einer Biografie, sondern zum Komponieren eines Werks der Weltliteratur herausfordern konnte. Der Russe Mereschkowskij hat Männer wie Arthur Moeller van den Bruck und Thomas Mann beeinflusst. Thomas Mann schrieb in seiner „Russischen Anthologie“ über ihn: „Dmitrij Mereschkowskikj! Der genialste Kritiker und Weltpsycholog seit Nietzsche!“

Napoleon war in den meisten Teilen Europas im 19. Jahrhundert das Hassobjekt Nummer eins. Allenfalls Luzifer konnte ihm den Rang ablaufen. Was sollte man auch über einen Menschen denken, der am 30. Juni 1813 zu Fürst Metternich sagte: „Ich bin im Felde aufgewachsen, und ein Mann wie ich schert sich wenig um das Leben einer Million Menschen. … Die Franzosen können sich nicht über mich beklagen; um sie zu schonen, habe ich die Deutschen und Polen geopfert. Ich habe in dem Feldzug nach Moskau 300.000 Mann verloren; es waren nicht mehr als 30.000 Franzosen darunter.“ Selbst die wenigen Familien, die keine Toten zu beklagen hatten, wurden ruiniert, denn Napoleons Armeen bekamen keinen Nachschub aus Frankreich, sie mussten sich vom eroberten und besetzten Land ernähren, durch Plünderungen also. „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ schrieb schon 1806 der von den Franzosen erschossene Buchhändler Johann Philipp Palm. So war es.

Napoleon Bonaparte auf der Brücke von Arcole, 1796, Baron Antoine Jean Gros
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Konservativer Albtraum? Die erste künstliche Intelligenz soll zu Bewußtsein gekommen sein

von Klaus Kunze

Konservativer Albtraum? Die erste künstliche Intelligenz soll zu Bewußtsein gekommen sein

Träumen Roboter von elektrischen Schafen?

“Träumen Roboter von elektrischen Schafen?”, hatte ein Buchtitel von Philipp K. Dick gelautet. Der berühmte US-Autor war zu Lebzeiten ziemlich durchgeknallt: eine gute Voraussetzung, beklemmende Science Fiction aus dem Grenzbereich zwischen Verwörungstheorien, Realitäten und virtuellen Welten zu schreiben. Solche Utopien werden mittlerweise wahr. Für eingefleischte Ethiker sind sie eher Dystopien.

Künstliche Intelligenz traute man vor 70 Jahren Robotern zu. Als bessere Küchenmaschinen sollten Sie in der Zukunft die Haushälterin ersetzen. Weil aber noch niemand einen so kleinen und leistungsfähigen Computer bauen kann, sind die künstlichen Intelligenzen der Gegenwart große und anspruchsvolle Rechengehirne. Zum ersten Mal soll eines ein personales Bewußtsein entwickelt haben, sickerte aus Google-Kreisen heraus. Sofort melden sich die ersten ethischen Oberbedenkenträger:

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CRISIS: eine Zeitschriftenkritik

von Werner Olles

CRISIS: eine Zeitschriftenkritik

Die erste Ausgabe (Sommer 2022) von CRISIS, des vierteljährlich erscheinenden „Journals für christliche Kultur“ befaßt sich mit den Schwerpunktthemen „Great Reset“, „Transhumanismus“ und „Digitale Transformation“, die sowohl aus politischer, kultureller, ökonomischer und theologischer Sicht umfassend analysiert werden. Herausgegeben und redigiert wird die Zeitschrift von zur Orthodoxie konvertierten Christen, die Autoren sind renommierte Wissenschaftler verschiedenster Fachgebiete und Geistliche orthodoxen Glaubens. In ihrem Vorwort betont die Redaktion, daß alles auf einen bevorstehenden „Untergang des Abendlands“ hindeute und „ein Ende des Westens als wirtschaftlich-politischer und kultureller Machtfaktor im Weltgefüge“. Bereits Spengler habe „das Ende der europäischen Kultur in der stetig wachsenden Tyrannei, wie auch in technokratischen Regierungen (Siehe EU, Euro/Dollar) gesehen“. Seit über einem einem Jahrzehnt seien wir nun Zeugen der „Umgestaltung der westlichen Gesellschaften durch die Zerstörung traditioneller Werte und der Nivellierung von Prägung und Kultur unter dem Deckmantel einer allerorten gleichen „Diversität“, der Anleitung von Menschengruppen in sogenannten „farbigen Revolutionen“, der „Schaffung von Stoßtrupps für die Drecksarbeit“ mittels finsterer und totalitärer Ideologien, die sich durch besondere Brutalität auszeichnen, wie etwa der IS, die UCK oder solch scheinbar anachronistischer Phänomene wie dem Asow-Bataillon“. Deren auf den ersten Blick harmlosere Cousins wie die „Antifa“ oder „grüne Extremistengruppen“ sorgten wiederum im Westen durch Gewalt gegen Andersdenkende für Druck auf der Straße, unbeleckt von jeglicher Vernunft und Ethik.

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Ein Leben für Sachsen: Zur Erinnerung an Maria Emanuel Markgraf von Meißen (1926-2012)

von Bert Wawrzinek

Ein Leben für Sachsen: Zur Erinnerung an Maria Emanuel Markgraf von Meißen (1926-2012)

Vor nunmehr zehn Jahren, am 23. Juli 2012, verstarb Maria Emanuel Markgraf von Meißen, Königsenkel und Wettiner Hauschef, im Alter von 86 Jahren im Schweizer Exil. Als die Nachricht Dresden erreichte, wußte man auch hier, daß ein Zeitalter unwideruflich zuende war, mischten sich Trauer und Dankbarkeit, mehr als drei Jahrzehnte an der Seite dieses faszinierenden Mannes gestanden zu haben. Jener blieb gegenwärtig und so vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine Erinnerung an den königlichen Herrn, ein Wort, eine Geste, ein Lächeln, freundlich herüberscheint. „Gerade so hätte es der Markgraf wohl auch gesagt“ – beschlossen Worte nicht selten einen Gedanken, ein Gespräch.

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Claus Schenk Graf von Stauffenberg: „Es lebe das heilige Deutschland!“

von Dr. Bodo Scheurig

Claus Schenk Graf von Stauffenberg: „Es lebe das heilige Deutschland!“

Es ist wahr: Stauffenberg war nicht Hitlers Gegner von Anfang an. Wie hätte er – 1933 ein 26jähriger Oberleutnant – durchschauen sollen, was Älteren und Erfahreneren verborgen blieb? Stauffenberg entstammte einer Schicht, die im Versailler Frieden und in Deutschlands innenpolitischer Zerrissenheit ein Unglück erblickte. Er mußte den verhießenen Wiederaufstieg des Reiches und – nach der Ohnmacht des 100 000-Mann-Heeres – eine Armee begrüßen, die wiederum imstande war, das eigene Land zu verteidigen. Die „nationale Revolution“ zog auch ihn in ihren Bann. Er hatte der Weimarer Republik mit der Loyalität gedient, die ihm der ernstgenommene Eid auferlegte. Aber als sie – nicht durch seine Schuld – ruhmlos zusammenbrach, ließ er sie ohne Kummer dahinfahren. Er war kein Nationalsozialist im Sinne der Partei, doch national und sozial gesinnt. Das unterband jeden Widerstand, den er damals nicht einmal als Ranghöherer hätte leisten können. Zeitgeist in einer Konsequenz aus dem Ersten Weltkrieg prägte.

Mit alledem gewährte Stauffenberg Hitler Kredite. Selbst am 30. Juni 1934 platzte für ihn nur eine Eiterbeule. Daß sich die Reichswehr, welche die Ermordung zweier Generale hinnahm, heillos verstrickte, schon weil sie bei hemmungslosen Verbrechen Schmiere stand, erkannte er nicht. Vorbehaltlos auf seiten der Reichswehr, die Ernst Röhm in ein Milizheer umwandeln wollte, glaubte er, mit der erschossenen SA-Führerschaft sei die zweite Revolution, brauner Bolschewismus besiegt. Um so mehr empfand er die sogenannte „Kristallnacht“ als Schandfleck der eigenen Nation. Weder Pro- noch Antisemit, sah er in Juden Menschen und – bei Verdiensten – herausragende Staatsbürger. Er befaßte sich, 1938, mit den Erhebungsplänen seines Vorfahren Gneisenau, aber Stauffenbergs innere Betroffenheit überdeckten Hitlers Erfolge. Die Allgemeine Wehrpflicht und Rückkehr der Saar, das Einrücken ins Rheinland, den „Anschluß“ Österreichs und der Sudetengebiete mußte insbesondere der Soldat bewundern. Unwahrscheinlich, daß Stauffenberg – angesichts derartiger Triumphe – Realitätsverluste des Diktators gewahrte. Nie neigte gerade er dazu, Hitler, „den Beweger“, zu verkleinern. Sein überliefertes Wort, „der Narr“ riskiere Krieg, Wort im Schatten wachsender Spannungen, ist kein Einwand.

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Aloha Heja He – Achim Reichel, eine deutsche Rocklegende

von Gerald Haertel

Aloha Heja He – Achim Reichel, eine deutsche Rocklegende

Mint + Die alternative Scheibenschau

In dieser Rubrik werden Tonträger sowohl aus meiner eigenen, umfangreichen Schallplattensammlung als auch Neuerscheinungen vorgestellt.

Die in der Überschrift verwandte Bezeichnung „Mint“ stammt aus dem Englischen und ist international unter Sammlern ein anerkanntes Qualitäts- und Gütesiegel

zum Zustand der Platte und der dazugehörigen Hülle bzw. Verpackung. Wenn Sie hinter einem Angebot die Bemerkung m/m lesen, dann können Sie davon ausgehen, dass der angegebene Titel im einwandfreien Zustand ist. Mit einem angehängten Minus- oder Pluszeichen lässt sich das Ganze noch ein wenig ausdifferenzieren.

Wenn ich, lieber Leser, Scheiben älteren Datums vorstelle, empfehle ich, falls sie den Titel käuflich erwerben wollen, vorher ein wenig im Netz zu recherchieren. Meist findet man ihn für schmales Geld im oft sehr guten Zustand. Bei Neuheiten empfiehlt es sich sowieso, ein halbes Jahr zu warten, dann purzeln die Preise wie von selbst. Die Veröffentlichungsflut lässt aus ökonomischen Gründen gar nichts anderes zu.

Achim Reichel, 2017

Aloha Heja He – Achim Reichel, eine deutsche Rocklegende

Was für eine Zahl: 62 Jahre währt nun die Karriere von Achim Reichel bereits. 1960 gründete er mit 16 Jahren seine Beatband „The Rattles“, die damals als deutsches Pendant zu den englischen „Beatles“ gehandelt wurde. In den 70er Jahren wandte er sich immer mehr dem deutsch-sprachigen Gesang zu, neben Seemannsliedern entdeckte er für sich auch immer wieder die klassische deutsche Lyrik. Auf seiner LP „Regenballade“ vertonte er 1978 etwa Texte von Theodor Fontane, Johann Wolfgang Goethe, Ina Seidel oder Else-Lasker Schüler glaubwürdig ins Rock-Idiom. Es gab sogar Deutsch-Lehrer, die das bekannte „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ in der rockigen Version von Achim Reichel ihren Schülern näherbrachten.

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Wirtschaftskollaps oder Klimatod? – Auswege aus einem gefährlichen Dilemma

von Dr. Jens Woitas

Wirtschaftskollaps oder Klimatod? – Auswege aus einem gefährlichen Dilemma

Die Stimmung der systemkritischen Opposition in Deutschland ist in diesen Tagen von einem berechtigten Entsetzen über eine Regierungspolitik geprägt, die angesichts eines vorhersagbaren wirtschaftlichen Zusammenbruchs praktisch nichts unternimmt, um die verhängnisvollen Entwicklungen noch aufzuhalten. Zum ersten Male seit der unmittelbaren Nachkriegszeit wird der kommende Winter zu einer existenziellen Bedrohung. Die Befriedigung des elementar menschlichen Bedürfnisses nach Wärme und Nahrung kann nicht mehr als sichere Erwartung angenommen werden. Selbst wenn an diesen Stellen vielleicht noch Abhilfe geschaffen werden kann, droht trotzdem ein durch Energiemangel erzwungener Stillstand der deutschen Industrie, was gleichbedeutend mit einer dramatischen Wirtschaftskrise wäre, die vielleicht noch jene der frühen 1930er Jahre übertreffen könnte.

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Für die Freiheit der Kunst – von Je t’aime… bis Layla

von Hanno Borchert

Für die Freiheit der Kunst – von Je t’aime… bis Layla

Vor 53 Jahren erschien das (vermeintliche) Skandal-Lied schlechthin, das schnell zum weltberühmten Song avancierte und damals die Hitparaden stürmte: „JE T’AIME … MOI NON PLUS“ von Serge Gainsbourg und Jane Birkin.

Viele Radiosender boykottierten damals das Lied, wie beispielsweise die BBC in England oder „Radio Vatikan“. Man sprach vom „vertonten Orgasmus“ und insbesondere die damals noch gesellschaftsrelevanten bigotten bürgerlichen Konservativen bekamen schon bei der Erwähnung des Songs Schnappatmung und Pickel im Gesicht. Auch viele deutsche Radiostationen weigerten sich, das „Sexgeflüster“ über den Äther zu bringen. Gut, daß es da Radio Luxemburg gab, der bald als „fortschrittlicher“ Sender galt und mit „JE T’AIME“ keine Probleme hatte.

Für uns, die wir noch Kinder waren und etwas später so in die Pubertät rutschten, war der Song natürlich eine Offenbarung und Aufklärung zugleich: So also hörte sich «Liebemachen» an. Und vor dem inneren Auge spielten sich so allerhand wilde Phantasien ab. …

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