Das Stigma des Rassismus

von Dr. Winfried Knörzer

Das Stigma des Rassismus

Der atavistische Rausch, den eigenen, linken Machtwillen auszukosten

Die Stigmatisierung des Gegners als wahlweise Rassist, Faschist, Diskriminierer, Sexist usw. ist die mit Abstand weitverbreitetste Form des politischen Kampfes in der heutigen Zeit.

All diejenigen, die bis dahin noch der Illusion anhingen, in einem liberalen, demokratischen Rechtsstaat zu leben, in einem freien Land, wo jeder frei seine Meinung äußern kann, reagieren außerordentlich verstört, wenn sie erstmals mit solchen Vorwürfen konfrontiert werden, wenn sie sich unversehens in einen Ring geworfen wiederfinden, in dem die Hetzmeute tobt. Sie fragen sich: was habe ich getan? Ja, was haben sie getan? Sie haben vielleicht eine schöne Frau eine schöne Frau genannt, sie haben eventuell geäußert, daß sie manchmal ein mulmiges Gefühl beschleicht, wenn sie durch ein Ausländerviertel gehen, oder sie haben unter Umständen verkündet, daß sie niemanden einstellen würden, der die deutsche Sprache nicht beherrscht. Die erste naheliegende Reaktion mag sein, diese Vorwürfe als unbegründet zurückzuweisen, indem sie betonen, daß mit diesen Aussagen überhaupt keine frauen- oder ausländerfeindliche Intention beabsichtigt gewesen sei, daß sie im Gegenteil Frauen oder Ausländer besonders hoch schätzen. Allein, solchen Versicherungen wird kein Glauben geschenkt.

Der wesentliche Irrtum dieser bedauernswerten Tröpfe besteht darin, die genannten Vorwürfe für bare Münze, wortwörtlich zu nehmen. Sie glauben, Faschist genannt zu werden, verdiene nur derjenige, der über seinem Schreibtisch ein Hitlerbild aufhängt und den Nationalsozialismus gut findet. Den Schmähungen auf der Sachebene begegnen zu wollen, wäre völlig verfehlt. Wollte man sich aus dem Anklagestrudel herauswinden, indem man umständlich begründet, warum man auf gar keinen Fall ein Faschist sein könne, geriete man nur immer tiefer in den Strudel hinein. Denn wortreiche Verteidigungsreden haben es so an sich, daß unweigerlich einige ungeschickte Formulierungen fallen, die bei einigem bösen Willen, der auf der Gegenseite freilich stets vorausgesetzt werden kann, zuungunsten des Angeklagten ausgelegt werden können.

Rechte wissen um die Begrenztheit der Vernunft und kennen die dunklen Seiten der menschlichen Natur

Rechte sind keine Esoteriker, also pure Irrationalisten. Sie begegnen der Aufklärung aber mit Skepsis, sie kennen die dunklen Seiten der menschlichen Natur und wissen um die Begrenztheiten der Vernunft. Es gehört zu den bislang ungelösten Rätseln der Weltgeschichte, daß diese in der Theorie so vernunftkritischen Leute in der Praxis des politischen Diskurses einer geradezu naiv zu nennenden Vernunftgläubigkeit anheimfallen. Sie glauben, mit guten, richtigen Argumenten die Gegenseite überzeugen zu können. Sie bleiben der Sachebene verhaftet und verkennen dadurch die Funktionsweise des Kommunikations-/Handlungszusammenhangs.

Die Bezeichnung einer Person als Faschist zielt überhaupt nicht darauf ab, eine wissenschaftlich-objektive Aussage über die politische Positionierung des Betreffenden zu sein. Es geht nur darum, diese Person zu beleidigen, um nichts anderes. Deshalb sind die einschlägigen Schmähformeln (Rassist, Faschist, Antisemit, Ausländerfeind, etc.) auch genauso untereinander austauschbar wie straßenübliche Beleidigungen (Dummkopf, Drecksack, Sau). Sie unterscheiden sich von diesen nur durch ihre Stellung im semantischen Feld der Politik. Allerdings käme bei gewöhnlichen Beleidigungen niemand auf die Idee, der Verunglimpfung als Dummkopf durch Beweise der eigenen Klugheit zu entgegen. Vielmehr wird man eher zurückschimpfen. Hier tut sich nun aber doch ein wesentlicher Unterschied zwischend der gewöhnlichen und der politischen Invektive auf. In der gewöhnlichen Beleidungssituation sind beide Seiten tendenziell gleich stark, in der politischen nicht. Diese Asymmetrie zeigt sich nicht nur dadurch, daß hier einer gegen viele steht, sondern auch dadurch, daß gar kein Vokabular zum Konterschimpf zur Verfügung steht. Die Antwort „du Bolschewik“ auf den Anwurf „du Faschist“ läuft ins Leere, weil angesichts der Legitimität des linken Spektrums die Bezeichnung „Bolschewik“ keine schmähende Wirkung entfalten kann. Der Angegriffene ist mithin sprachlos und hilflos.

Diese Hilflosmachung des Opfers ist die eigentliche Intention des Kommunikationsaktes. Es soll einsehen, daß es bar jeder Machtmittel, allein, chancenlos und ausgestoßen ist.

Wir haben bisher diesen Vorgang mehr oder weniger ausschließlich von der Warte des Angegriffenen aus betrachtet, was insofern naheliegt, als sowohl der Schreiber als auch die Leser dieser Zeilen potentiell zur Gruppe der Angegriffenen gehören. Interessanter ist freilich die Perspektive der Angreifer. Was veranlaßt diese Menschen so vorzugehen?

Das schützende Dach der Rechtsordnung ist dünn und löchrig

So wenig wie an die alles überwindende Kraft der Vernunft glaubt der Rechte an die natürliche Güte des Menschen. Auch wenn die Frage nach der genauen Qualität der moralischen Natur des Menschen umstritten ist und hier auch nicht erörtert werden kann, so dürfte doch weithin der Konsens bestehen, daß der Mensch unter Umständen zum Bösen geneigt ist. Mit anderen Worten: befreit von den Zwängen der Rechtsordnung ist es sehr wahrscheinlich, daß zumindest einige Menschen ihren Trieben und ihren egoisitischen Interessen freien Lauf lassen. Auch wenn in der BRD Nationalisten und Konservative nicht völlig rechtlos und im mittelalterlichen Sinne wirklich vogelfrei sind, so ist doch bei ihnen das schützende Dach der Rechtsordnung dünn und löchrig. Konkret heißt dies, daß kleinere Angriffe auf sie (auf ihre Ehre und berufliche Stellung) überhaupt nicht und größere (auf Gesundheit und Leben) nur mit vergleichsweise laxen Strafen geahndet werden. Dieses zwar begrenzte, aber doch recht ausgedehnte rechtliche Niemandsland eröffnet einen Spielraum für Handlungen, die anderswo nicht möglich sind.

Anpassungsdruck durch Triebunterdrückung im Zivilisationsprozeß und lizenzierte Freiräume als Ventile im Kampf gegen Rechts

Jede Gesellschaft regelt durch eine Fülle von Verfahren, Verordnungen, impliziten Zwängen und Rücksichtnahmen das Miteinander ihrer Mitglieder. Je moderner eine Gesellschaft ist, desto ausdifferenzierter, komplexer und damit auch fragiler wird der soziale Mechanismus, was auch den Regelungsdruck verschärft. Schon kleinste Abweichungen können das Räderwerk aus dem Takt bringen. Deshalb muß die Gesellschaft ihre Mitglieder zur Anpassung zwingen. Anpassung aber heißt nichts anderes als Triebunterdrückung. Diese ist der Preis, der für ein friedliches und reibungslos funktionierendes Miteinander zu entrichten ist. Aber wie jeder Preis wird auch dieser nur ungern bezahlt. Die Anpassungsleistung, welche der Zivilisationsprozeß verlangt, wird als ständig drückende Last empfunden, weshalb man jede Chance nutzt (Freizeit, Fasching, Urlaub), um diese abzuwerfen und „die Sau rauszulassen“. Die gerade genannten Beispiele sind lizenzierte Freiräume, die als Ventile dienen, um den Anpassungsdruck ablassen zu können. Diese lizenzierten Freiräume sind in ihrer Ventilfunktion integraler Bestandteil des zivilisatorischen Systems. Sie sind zeitlich und örtlich begrenzt und regulieren durchaus auch – wenn auch auf niedriger Triebunterdrückungsstufe – nach den Maßgaben des jeweiligen Feldes das Verhalten.

Der Kampf gegen Rechts hat sich in den vergangenen Jahren als ein solcher Freiraum etabliert. Möglicherweise ist dieser neue Freiraum das dialektische Gegenstück zur Verschärfung des Zivilisationsdrucks durch die political correctness, da diese – formal betrachtet – durch die Einführung eines neuen Subsystems auf verstärkte Rücksichtnahme abzielende Verhaltensregeln nichts anderes ist als eine erneute Drehung an der Schraube des Zivilisationsprozesses. Man mag an dieser formalen Betrachtung vielleicht bemängeln, daß sie von den politischen Inhalten abstrahiert. Aber allein schon die Austauschbarkeit der völlig unterschiedlichen Zusammenhängen entstammenden und daher heterogenen Beleidigungsformeln zeigt, daß es auf den konkreten politischen Inhalt überhaupt nicht ankommt. Ausschlaggebend ist vielmehr, daß diese das subsumieren, was der Beleidiger unter keinen Umständen sein will, sie bezeichnen das Verworfene. Der Begriff des Verworfenen hat eine doppelte Bedeutung: zum einen eine psychoanalytische und zum anderen eine moralisch-gesellschaftliche. In psychoanalytischer Hinsicht bezeichnet dieser Begriff die vergegenständlichende Ausstoßung eines in die psychische Struktur nicht integrierbaren Elements, in moralisch-gesellschaftlicher Hinsicht verabscheuungswürdige Individuen, die aus der Gesellschaft ausgestoßen sind. Die Ursache der Verworfenheit ist nicht so wichtig wie ihre soziale Funktion, die darin besteht, den Verworfenen als das perfekte Opfer zu markieren. Das Opfer ist dazu prädestiniert, in einem lizenzierten Freiraum den Machtwillen des Stärkeren in einer sonst nicht mehr möglichen Reinheit ausleben lassen zu können. Es ist ein großartiges, erhebendes Gefühl, den anderen die eigene Macht spüren zu lassen, ihn zu demütigen, ihn wimmernd, um Gnade flehend, im Staube kriechen zu sehen. Das Auskosten eines solchen Triumphes ist dem heutigen Menschen im allgemeinen verwehrt. Auch der Starke darf seine Stärke nicht gegenüber dem Schwächeren (der Chef gegenüber dem Mitarbeiter, die Eltern gegenüber dem Kind) zeigen; hier aber besteht die einmalige Möglichkeit, in einem atavistischen Rausch den eigenen Machtwillen auszukosten. Der Wille zur Macht ist das Primäre; seine Einkleidung in die Sprache der Politik ist allein der Tatsache geschuldet, daß die Politik die bestimmende soziale Verkehrsform ist und man nur in der Sprache der Politik die legitimierende Lizenz erhalten kann. In einer religiösen Epoche sind die Verworfenen Ketzer und Hexen. Die Gesellschaft braucht zur Aufrechterhaltung der Homöostase ein Ventil für die aggressiven Machttriebe und dementsprechend Opfer.

Die Opfermarkierung und Haßmobilisierung: der politisch Andersartige, der Rechte ist der Frevler, der das Heilige beschmutzt

Nicht jede beliebige soziale Gruppe eignet sich zum Opfer. Unabdingbare Voraussetzung ist deren Machtlosigkeit, denn der Aggressor kann das Gefühl seiner Machtvollkommenheit nur genießen, wenn der Andere wehrlos ist. Die Anstrengungen einer längeren Auseinandersetzung würden den Genuß beeinträchtigen. Darum kommen alle sozialen Gruppen, die leidlich groß sind und über relevante Machtmittel (Medien, Geld, Verknüpfung mit großen, etablierten Organisationen) nicht in Betracht. Dennoch gäbe es außer der Rechten noch manch andere Gruppen, die nicht der BRD-Norm entsprechen und in die Opferstruktur passen: Scientologyanhänger, Sekten wie die Zeugen Jehovas, Rocker. Diese tangieren aber nicht das politische Selbstverständnis des BRD-mainstreams. Die von solchen Gruppierungen eventuell ausgelösten Friktionen können problemlos durch Polizei und Justiz beseitigt werden, sie bedürfen nicht einer allgemeinen Haßmobilisierung. Der politische Kontext muß also durchaus beachtet werden. Ich hatte dessen Würdigung deshalb aufgeschoben, um zunächst die Einsicht zu vermitteln, daß es überhaupt nicht um konkrete politische Inhalte geht. Wie bereits erwähnt, zeigt allein schon die Austauschbarkeit der Schmähformeln, daß nicht die Benennung politischer Sachverhalte intendiert ist, sondern die Markierung eines zu verwerfenden Anderen als Opfer. Angesichts des Primats des Politischen kommt dafür nur der politisch Andersartige in Betracht.

Eine der erstaunlichsten Eigenheiten der aktuellen politischen Lage in der BRD ist deren Homogenität. In allen grundsätzlichen Fragen herrscht von Die Linke bis zur CDU Konsens. Das war nicht immer so. Bis in die 80er Jahre hinein gab es über Grundsatzfragen wie Wiederbewaffnung, Ostverträge, erweiterte Mitbestimmung, Raketennachrüstung leidenschaftliche Debatten zwischen zwei klar gegensätzlichen Lagern. Die „Verbürgerlichung“ der Arbeiterklasse durch steigenden Wohlstand und die diese Entwicklung nachvollziehende Preisgabe der marxistischen Grundhaltung der SPD durch das Godesberger Programm hat das sozialdemokratische Milieu nach rechts verschoben. Im kleineren Maßstab hat sich eine solche Entwicklung auch bei den sogenannten „Neuen Sozialen Bewegungen“ vollzogen. Die Einsicht in die Aussichtslosigkeit eines wie auch immer gearteten revolutionären Kampfes und die Etablierung in bürgerlichen Berufswelten haben auch die 68er verbürgerlicht, wobei sie allerdings eine nunmehr freilich diffus gewordene linke Grundhaltung bewahrten. Auf der anderen Seite hat die Erosion traditoneller Milieus (Bauern, praktizierende Katholiken, Honoratioren usw.) die CDU nach links verschoben und zur Anpassung an moderne, „großstädtische“ Lebenswelten gezwungen. So ist also von beiden Seiten eine kompakte Masse zusammengewachsen, die aufgrund lebensweltlicher Homogenität auch entsprechend ähnliche Mentalitäten und politische Dispositionen herausgebildet hat. Sobald diese Masse eine bestimmte kritische Größe erreicht hat, entwickelt sie einen Sog, der auch Widerstrebende hineinzieht, da niemand, der Wert auf eine Anerkennung als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft legt, sich diesem entgegenstellen kann. Außerhalb des mainstreams gibt es keine legitime Alternative mehr.

Fassen wir die Ergebnisse der Untersuchung zusammen:

1. Jede Gesellschaft braucht als Ventil für den nicht dauerhaft ertragbaren Zivilisationsdruck einen legitimen Freiraum. Dieser ermöglicht es, die ansonsten verpönten primitiven Triebregungen, insbesondere aggressiver Art, auszuagieren.

2. Diese Triebregungen richten sich auf ein machtloses, marginalisiertes Objekt. Nur ein solches eignet sich, um den Rausch der eigenen Übermacht zu genießen.

3. Die meisten modernen Gesellschaften definieren sich politisch, also nicht etwa religiös oder ethnisch. Deshalb wird auch die Opfergruppe politisch codiert, wodurch sich auch die Eignung der machtlosen und marginalisierten Rechten als Opferobjekt erklärt. Bemerkenswerterweise korreliert auch die Verschärfung des Kampfes gegen Rechts mit dem fortschreitenden Machtverlust der Rechten.

Die Homogenisierung des politischen Feldes bedeutet auch, daß die Rechte aus dem Bereich legitimer politischer Diskussion ausgeschlossen wird. Es gibt kein Kontinuum politischer Haltungen von ganz links bis ganz rechts, vielmehr tut sich knapp rechts der Mitte ein Abgrund auf, jenseits dessen die Gefilde des unsagbaren Schreckens liegen. Es gibt darum auch keine politische Auseinandersetzung, die immer auch ein Mindestmaß an Rationalität besitzt. Ist erst einmal erkannt, daß eine bestimmte politische Haltung Anzeichen des Rechten aufweist, setzt die Abstoßung oder Verwerfung ein. Man schaut nicht mehr genau hin, um zu prüfen, was der Betreffende gemeint haben könnte, sondern man spult nur noch das Repertoire der Bannflüche ab, was insofern verständlich ist, als man nur mit magischen Formeln dem Ungeheuer begegnen kann. Wer einmal das Entsetzen in den Gesichtern der Wohlmeinenden gesehen hat, wenn man sich als Rechter outet, wird diesen Hinweis auf archaisch-magische Zusammenhänge nicht für ironisch überzeichnete Metaphorik halten. Derjenige, der bisher gedacht hatte, Rechte seien irgendwelche grölenden Glatzen in fernen sächsischen Kleinstädten und nun feststellen muß, daß ein solcher Unmensch, den man jahrelang für einen Freund gehalten hat, direkt neben einem sitzt, wird von einem Gefühl des Unheimlichen ergriffen, denn unheimlich ist es, wenn das Vertraute unvertraut wird, wenn unter der harmlosen Gestalt die Fratze des Abscheulichen sichtbar wird.

Diese Einsicht in den Atavismus solcher Verhaltensweisen muß vertieft werden. In Schimpansenhorden werden manifeste „Abweichler“, Humpler, sonstwie Verkrüppelte und Mißgestaltete entweder komplett ausgestoßen oder nur eben so als randständige, verachtete Mitläufer geduldet. So grausam ein solches Verhalten auch sein mag, so nachvollziehbar ist es auch, da die Rücksichtnahme auf einen solchen Minderleister den Fortbestand der Gruppe gefährden würde. Es ist, als würde ein solches Wesen eine Infektion in die Gruppe hineintragen. Die Ausstoßung des Unkonformen ist darum für den Zusammenhalt der Gruppe unerläßlich.

Die zumeist ohne weiteres Nachdenken gebrauchte Formel der Stigmatiserung ist insofern unscharf, als sie Ursache und Wirkung verwechselt. Der Rechte wird nicht sigmatisiert, sondern er trägt durch sein Rechtssein bereits das Stigma an sich. Indem er an den politischen Glaubensgrundlagen (Gleichheit aller Menschen, Nutzen der Einwanderung, Schädlichkeit des Nationalen), die aus der Summe von Individuen ein politisches Kollektiv machen, rührt, bricht er ein Tabu und macht sich unrein. Er ist der Frevler, der das Heilige beschmutzt.

Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Der Antiquar im Niemandsland

von Hans-Ulrich Kopp

Der Antiquar im Niemandsland – eine Ortsbestimmung

Das Antiquariat Historica in Dresden feiert sein 30jähriges Bestehen

Nicht nur in literarisch versierten Kreisen ist eine Sentenz bekannt, die Ernst Jünger in seiner Dankrede zur Verleihung des Literaturpreises der Freien und Hansestadt Bremen 1956 formulierte: „Ich habe die Erfahrung gemacht, daß man im Niemandslande die besten Kameraden trifft“. Er sprach damals von einem „undankbaren Bereich, nämlich dem eines deutschen Autors“ und davon, daß er dennoch „zufrieden gewesen“ sei. Zwei Jahre später schreibt er an Alfred Andersch, mit dem er eine von gegenseitigem Verständnis getragene, die weltanschaulichen Linien überbrückende Korrespondenz führte: „Das Niemandsland ist einer der wenigen Orte der Initiation in unserer Welt, und obwohl dort jeder etwas anderes sieht, sieht er doch Bedeutsames“. Jahrzehnte danach, in den Tagebüchern „Siebzig verweht V“, leuchtet der einst dem Militärischen entlehnte Begriff eines Landstriches, über den keiner die Herrschaft besitzt, erneut auf, nunmehr bei der Betrachtung von Wolkenschleiern: „Der Schreck darüber, daß etwas da ist und verschwindet, so daß nichts mehr da ist, wird durch die Einsicht gemildert, daß die Erscheinung Stufen der Sichtbarkeit durchläuft. Im Niemandsland harren die Abenteuer.“ Weitere Belegstellen ließen sich finden, die Literaturwissenschaft hat sich ihrer angenommen und deutet sie als Chiffre für einen geistigen Ort, „unmarkiert, unbekannt, aus allen gewohnten Erfahrungsbildern, eingeübten Wahrnehmungen und gültigen Bestimmungen herausgehoben“ (Cornelia Vismann).

Am 13. Dezember 1990 öffnete die „Historica“ im Dresdner Norden, heute findet sich das Antiquariat im Barockviertel Innere Neustadt. Viel hat sich in den zurückliegenden 30 Jahren verändert, doch der kürzeste Weg zu den Abenteuern der Vergangenheit bleibt noch immer das Buch …

Es war kein Zufall, daß in den geisteshungrigen Nachwendejahren immer auch einige Jüngeriana im Zimelienschrank des Antiquariats Historica Platz fanden, die auf Nachfrage meist adoleszenter Sammler nicht ohne Stolz herausgegeben wurden. Damals schon konnte man den Eindruck gewinnen, man befinde sich in einer Sphäre, wo übliche Abgrenzungen wenig galten. In der Historica verschrieb man sich nicht dem Öde-Eindeutigen und der Parole, es immer schon gewußt zu haben, hier war man weder naiv begeistert vom Neuen, noch weinte man selbstgerecht dem Altvertrauten nach. Zwischen durchaus wohlbedacht, nicht aber appellmäßig stramm aufgestellten Bücherreihen und manch anderen Objekten im noch spärlich ausgeleuchteten Lokal ergab sich wie von selbst eine Aura, die nicht nur dem seiner Bedrängnis entronnenen Ex-DDR-Bürger wohltat, sondern auch dem Besucher aus der westlichen Hemisphäre, der glaubte, er könne hier nur wenig Überraschendes erleben.

Historica – Bücherlandschaft

Doch das „wie von selbst“ hatte seinen Grund in der Person des Antiquars. Der war schon als Rockmusiker keiner der Mausgrauen gewesen und verstand es jetzt, seine Umsicht – die Fähigkeit, in mehr als eine Richtung zu sehen – ins Werk zu setzen. Alfred Polgars Beschreibung der Bibliothek – „Kasten und Schränke voller geistiger Nahrung, Schweres und Leichtes, Süßes und Saures, Hausbrot und Delikatessen“ – traf es auch hier, und keine Beschränkung auf die literarischen Einheitsbreie à la mode konnte das Angebot verkürzen. Was ihm süß oder sauer vorkam, darüber hatte der Kunde schon selbst zu befinden! Bald bildeten sich illustre Runden, in denen die über die Zeit aufgehäufte Perspektivenfülle gleichsam anwesender Autoren in vitalen Gesprächen aufleben sollte.

So spiegelt das Antiquariat Historica, das nun sein 30jähriges Bestehen vermeldet, die Abenteuerlichkeit des Niemandslandes selbst zweifach wider: Ein Abenteuer war und ist das Leben des Hausherrn Bert Wawrzinek, das nicht so sehr auf weichen Daunen gebettet war, als gewissermaßen auf zähledernen Buchdeckeln Platz finden mußte, da es den Verlockungen sanft-diktatorischen Zeitgeistes selten entsprach. Auf Abenteuer aber geht vor allem aus, wer nicht nur als eifriger Erwerber das kleine Reich betritt, vielmehr dem Wunsche folgend, sich dem Erwartbaren einer Alltagsexistenz zu entziehen, um Unerwartetem im besten Sinne – dem von nichts und niemandem Beherrschten – Gelegenheit und neuen Raum zu geben.

Das Unbehagen am Konformismus: über die Auflösung aller Dinge, Deserteure und Waldgänger

von Klaus Kunze

Das Unbehagen am Konformismus: über die Auflösung aller Dinge, Deserteure und Waldgänger

Die Bilder des polnischen Malers Tomasz Alen Kopera

Der Mann ohne Eigenschaften

Während aus den Fabriken gleichförmige Produkte industrieller Massenfertigung strömen, tendiert die Massengesellschaft auch zur Vereinheitlichung ihrer Menschen. Machen wir uns nichts vor: Ob wir mit rot-weiße Fanschals des einen oder mit blau-weißen eines anderen Vereins ins Stadion gehen, macht uns nicht zu unterschiedlichen Menschen. Die Moden und Versatzstücke scheinbar verschiedener Trends können nicht überdecken, daß die Menschen der Massengesellschaft in wesentlichen Fragen gleich geprägt sind.

Die meisten möchten auch gar nicht aus der gesellschaftlich anerkannten Rolle fallen. Das Bedürfnis nach Anerkennung ist ein psychisches Grundbedürfnis. Wer möchte schon Außenseiter sein? Dazu wird man schnell, wenn man sich nicht anpaßt. Also geht man lieber konform mit den üblichen oder den zu erwartenden unhinterfragten Gewohnheiten, den in Gesprächen geäußerten Meinungen über Gott und die Welt und den vielen kleinen und großen kulturellen Details.

Auf Effizienz und Profit maximierte Spielregeln belohnen den mit jedem anderen beliebig austauschbaren „Mann ohne Eigenschaften“, geografisch flexibel, anpassungsbereit an alles, bindungslos oder jederzeit willig, vorhandene Bindungen zu lösen. Nicht nur im Arbeitsleben wird Angepaßtsein belohnt. Auch als „Verbraucher“ und selbst als Bürger sind wir bei denen da oben umso beliebter, je konformistischer wir uns verhalten und keinen Ärger machen. Wer 2,20 m groß ist und im Kaufhaus eine Hose kaufen möchte, hat es ebenso schwer wie jemand, der drei Frauen heiraten oder seinen Kaiser wiederhaben möchte. Für Nonkonformisten gibt es keinen gesellschaftlichen Bonus.

Tomasz Alen Kopera, Der Deserteur, 2020.

Dem Unbehagen am Konformismus hat der polnische Maler Tomasz Alen Kopera immer wieder bildliche Gestalt gegeben. Texte wie diesen lesen nur intelligente Minderheiten. Ein Bild dagegen spricht jeden unmittelbar an und wirkt viel tiefer. Am Anfang war nicht das Wort. Am Anfang war das Bild. Die Wirkungsmacht eines einprägsamen Bildes übersteigt die jedes Textes. Die Gemälde des in Breslau lebenden Malers Kopera sprechen unmittelbar das Gemüt an und sind jedermann verständlich. Das bedeutet nicht, daß jeder Betrachter genau dasselbe assoziiert.

Aus dem Gehäuse entkommen

Koperas wiederkehrendes Motiv ist der gesichtslose, vereinheitlichte Massenmensch. Wie ein mythischer Golem nur aus Ton besteht, so umhüllt den Massenmenschen der Massengesellschaft eine Art Tonhülle, in die nichts dringt und aus der nichts dringt. Aus ihr gilt es auszubrechen, gerade so wie sich Max und Moritz in Wilhelm Buschs Bildererzählung aus der Teighülle hinausknabberten.

Wilhelm Busch, Max und Moritz knabbern sich aus der Hülle frei.

Der Ausbruch der Person aus der grauen Masse ist Koperas wiederkehrendes Thema, gleichsam seine Revolte gegen die moderne Welt.

Wir sehen sie beispielhaft in seinem neuesten Gemälde. Der Künstler selbst hat es „Der Deserteur“ genannt. Es ist aber jeder ein „Deserteur“, der sich einem Konformitätsdruck innerlich nicht beugt. Ernst Jünger hat diesem Typus des “Waldgängers” ein literarisches Denkmal gesetzt. Solche freien Geister stehen immer im Konflikt mit den Zumutungen gesellschaftlicher Normierungen:

Konformitätslust und -druck

Eine Gruppe quittiert jeden Verstoß gegen ihren Comment mit Stirnrunzeln oder gar einem sozialen Platzverweis. Für Deserteure gibt es keine Belobigungen. Selbst Gutmenschen können sich zu Marschkolonnen formieren. Wer aus dem Glied tritt, hat es schwer. Im Oktober 2020 kündigte der S. Fischer Verlag an, die 40-jährige Zusammenarbeit mit Monika Maron zu beenden. Sie war nicht mehr linientreu. Wer aus den miefigen Echokammern unserer Kulturszene ausbricht, wird gemobbt. Das in Kauf zu nehmen, ist der Preis der Freiheit, eine eigene, nonkonforme Meinung zu publizieren.

Der Evolutionsbiologe und Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt warnte schon 1988 vor dem „Meutesyndrom“: „Man reagiert seine eigenen Aggressionen am Prügelknaben ab.“ Bereits „Schimpansen stürzen im Kollektiv über Gruppenmitglieder her, die sich von der Norm abweichend verhalten.“ (1) Machen wir uns als Menschen nichts vor. Je nach Situation sind wir „noch immer“, wie Erich Kästner in einem Gedicht spöttelte, „die alten Affen“. Am 4. Oktober 2020 zogen 60 Vermummte lautstark durch Konstanz vor das Elternhaus eines 26jährigen, der Mitglied der Identitären Bewegung gewesen sein soll. Dieser war nicht zuhause.

Die Junge Freiheit berichtet, die „Randalierer hätten zahlreiche Eier und Farbbeutel mit rotem Lack gegen die gelbe Hausfassade geworfen und den Briefkasten mit Bauschaum gefüllt. Zudem sei auf den Eingangsbereich vor dem Haus der Schriftzug „Nazi“ gesprüht worden.“. Der „Stiefvater habe sich dem Antifa-Mob gestellt, der daraufhin auf ihn losgegangen sei. Die Angreifer hätten den 49 Jahre alten Mann gegen den Kopf geschlagen. Währenddessen soll einer der Vermummten versucht haben, ihm sein Mobiltelefon zu entreißen. Als sich immer mehr Anwohner einschalteten, seien die Linksextremen geflüchtet.“ (2)

Eibl-Eibesfeldt kennzeichnet den Konformitätsdruck der Gruppe als „normierende Aggression“: „Die Bereitschaft des einzelnen, sich der Gruppennorm anzugleichen, ist sehr stark. In ihrem Bedürfnis, der Mehrheit zu folgen, handeln Menschen sogar wider alle Vernunft.“ (3) Das entspricht bis heute dem anthropologischen Forschungsstand. „Individuen streben“ darum „danach, anderen Mitgliedern ihrer Gesellschaft so weit zu gleichen, daß sie deren Respekt gewinnen,“ und gleichzeitig möchten sie doch so „unterschiedlich sein, daß sie sich als etwas Besonderes fühlen.“ (4) Aber niemand möchte Opfer des „Schwarze-Schaf-Effekts“ werden: „Menschen werden feindselig gegenüber jedem Mitglied, dessen empörende Verhaltensweisen wie ein Affront gegen ihre Vorstellungen von ihrer Gesellschaft wirken.“ (5)

Bereits traditionelle „Kleinverbände, die einander gut kennen, nehmen Anstoß an deutlich abweichendem Aussehen oder Verhalten eines Gruppenmitgliedes. Individualität ist nur innerhalb einer bestimmten Schwankungsbreite erlaubt. Wer von ihr abweicht, wird Objekt kollektiver Aggressionen.“ (6)

Darum gehört Zivilcourage dazu, die eigene Meinung gegen eine Mehrheit zu vertreten. Wir neigen dazu, mit dem Strom zu schwimmen, ohne erst kritisch zu prüfen, ob die Mehrheit wirklich vernünftig handel. Unter den objektiven Bedingungen der Massengesellschaft ist es schwer genug, einen nonkonformen Lebensstil zu pflegen. Unzählige durch Kindergarten, Schule und Universitären normierte geistige Einheitsmenschen kennen heute gar nichts anderes mehr als denselben zähen Brei aus ideologischem Moralismus und ausgrenzendem Gutmenschentum. Tag für Tag wird es ihnen von den öffentlich-rechtlichen Medien erneut eingelöffelt, damit sie bloß nicht auf andere Gedanken kommen.

Wir freien Geister

Es gehört erst viel Verstand und dann viel Kraft dazu, sich davon zu befreien und, wie in Koperas Gemälden immer wieder zu sehen ist, die Verkrustungen zu sprengen. Jenseits der staatlich geförderten sogenannten abstrakten Kunst hat sich ein neues, surrealistisches Genre gebildet, das zur Gegenständlichkeit zurückgekehrt ist. Es verbindet sie aber mit einem tiefen Symbolgehalt.

Und wenn die Gesichtslosen mit der Fahne auch alle nach links marschieren, kann man doch ausbrechen und nach rechts entkommen.
Gemälde von T.A.Kopera

Koperas Gemälde machen Mut. Wer sie betrachtet, weiß sich in seinem verzweifelten Sehnen nach geistiger Freiheit gegen den zähen Schleim des etablierten Kunstbetriebes nicht länger allein. Dieser Betrieb ist heute zutiefst ideologisch befrachtet. Er gefällt sich darin, das Häßliche gegen das Schöne zu bevorzugen, das Perverse gegen das Gesunde, alles Zersplitterte, Fragmentierte und Gescheiterte gegenüber dem Vollendeten.

Kopera dreht diese Tendenz um. Die Auflösung jeder Form war Merkmal der künstlerischen Moderne. Sie entsprach damit der Auflösung aller strukturierten Vorstellungen gesellschaftlichen Zusammenlebens: Wie in der Kunst die ästhetische Formgebung zerbrach, zerbrach in der Moderne auch jede gesellschaftliche Form und Institution: Ehe, Familie, Staat. In Koperas Gemälden sehen wir hinter und unter den aufgesprengten Hüllen des Konformismus dagegen wieder ästhetische Formgebung, reine Schönheit und Hoffnung.

Unter den normierenden Verkrustungen wohnt der Persönlichkeitskern.
Gemälde von T.A. Kopera

Koperas Gemälde wecken diese Hoffnung. Die Auflösung aller Dinge mußte ihrerseits gesprengt werden, um den gesunden Kern wieder freizugeben: freien den Menschen und seine individuelle Persönlichkeit.


(1) Eibl-Eibesfeldt, Irenäus, Der Mensch – das riskierte Wesen, 1988, S.116.

(2) Tipold JF 6.10.2020.

(3) Eibl-Eibesfeldt (1988), S.117.

(4) Moffett, Mark W., Was uns zusammenhält, Eine Naturgeschichte der Gesellschaft, 1. Auflage 2019, S.356.

(5) Moffett (2019) S.390.

(6) Eibl-Eibesfeldt, Wider die Mißtrauensgesellschaft, 1994, S.114.

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Die Freiheit unter der Maske“ auf Klaus Kunzes Blog erschienen: http://klauskunze.com/blog/2020/12/09/die-freiheit-unter-der-gesichtslosen-maske/

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Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

Und das neue Werk von Klaus Kunze ist nun auch lieferbar: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

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Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

Klaus Kunze: Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen. Von der Vormundschaft zum Genderismus. Hier erhältlich!

Van Cleef, 1555: Dresdens älteste erhaltene Stadtansicht

von Bert Wawrzinek

Van Cleef, 1555: Dresdens älteste erhaltene Stadtansicht

Noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hielt die Fachwelt Franz Hogenbergs Dresden-Kupferstich in Georg Brauns Städtebuch „Civitates orbis terrarum“ (1572) für die älteste erhaltene Ansicht Dresdens. Zwei frühere Prospekte von 1529 und 1547 fanden noch um 1800 Erwähnung; und – wenn sie überhaupt je existierten – galten schon damals als verlorengegangen. Im Jahre 1906 erschien in den Dresdner Geschichtsblättern ein Beitrag des Ratsarchivars Otto Richter (1852-1922), worin diese bisherige Auffassung revidiert und der Blick auf den Maler Hendrick (Heinrich) van Cleef (Henricus a Cleve) gelenkt wurde. Richter verwies zunächst auf einen Eintrag im „Verzeichnis der Landkarten und vornehmsten topographischen Blätter der Sächsischen Lande“ (Meißen 1796) des kurfürstlichen Oberbibliothekars Johann Christian Adelung.

Auf Seite 65 hatte dieser auch einen Prospekt von Dresden verzeichnet, „enthalten in Henrici a Cleve: ‚Ruinarum ruriumque aliquot delineationes‘, 1587“ (abweichend: Ruinarum varii Prospectus, ruriumque aliquot delineationes, 1604). Genau diese gestochene Ansicht also war 1906 vom Stadtmuseum Dresden erworben worden. Sie entstammt dem genannten, in Antwerpen erschienenen Werk mit insgesamt 38, nach Cleefs Zeichnungen von Philipp Galle gestochenen und gedruckten Ansichten. Adelung aber könne das von ihm genannte Blatt (Nr. 27 der Collection) selbst nicht gesehen haben, so Richter, da jenes seltene Buch zu dieser Zeit in keiner sächsischen Bibliothek vorhanden war, was sich auch bis heute nicht geändert hat.

Von Antwerpen nach Italien, über Dresden zurück

Heinrich van Cleef, um 1525 in Antwerpen geboren, soll nach einer Ausbildung bei dem Maler Frans Floris nach Italien gereist und 1555 in seine Heimatstadt zurückgekehrt sein. Im gleichen Jahr heiratete er Paschasia Suys. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, die wie Vater Cleef Maler wurden. Nach 1590 soll der Künstler in Antwerpen gestorben sein. Bilder des Landschaftsmalers Cleef sind offenbar nicht erhalten, wohl aber zahlreiche Stiche und Landschaftszeichnungen. Doch wann genau nun ist Cleef in Dresden gewesen, um nichts weniger als die Stadtsilhouette – in einem vorweggenommenen „Canaletto-Blick“ – vom gegenüberliegenden Elbufer aus für die Nachwelt festzuhalten?

Mit Bestimmtheit nennt Otto Richter das Jahr 1555 als Entstehungsdatum, da Cleef den Schössereiturm des Residenzschlosses schon in der 1553 erhaltenen Form darstellt und weiter anzunehmen ist, daß der Abstecher des Künstlers nach Dresden erst auf seiner Rückreise erfolgte. Allerdings zeigen die Ansichten im genannten Buch fast ausschließlich römische oder griechische Altertümer südlich der Ewigen Stadt. Ausnahmen bilden das Aquädukt von Segovia (Kastilien), eine toskanische Brücke und eben Dresden, was den Reiseplan des Flamen kaum plausibler macht. Nicht weniger interessant aber ist die Frage, was genau wir auf der stimmungsvollen Vedute, die Richter als eine „gute Ansicht der Stadt“ charakterisiert, überhaupt betrachten können.

Im Detail

Besonders jene wichtigsten beiden Bauwerke, die mächtige Elbrücke und das Schloß, seien, so der Ratsarchivar, mit einer für diese Zeit „nicht gewöhnlichen Genauigkeit“ gezeichnet. Ganz links auf der Brücke fällt das große Tor mit Gatter ins Auge, daneben das Zollhaus. Auf dem übernächsten Brückenbogen glaubte Otto Richter die bereits 1305 erwähnte Alexiuskapelle mit spitzem Dach und gotischen Erkern zu erkennen, deren Abbild allerdings unbekannt war. Jene Kapelle aber mußte 1541 der Errichtung genannten Zollhauses weichen, Van Cleef kann sie nicht gesehen haben. Am Ende meint die Spitze doch den Turm der (perspektivisch verfehlten) alten Frauenkirche, wie auch Fritz Löffler in seiner Baugeschichte Dresdens schreibt. Rechts davon ragt ein, von Richter nicht näher bezeichnetes, großes Haus mit Giebel auf, anschließend, wohl dem Anschein nach, die alte Frauenkirche. Oder besser doch die Kreuzkirche, wie Löffler und auch Günther Rehschuh später darstellen werden.

Hinter dem gewaltigen Dach, welches der Ratsarchivar dem „alten Judenhause und Gewandhause“ zuordnet (abgerissen 1591), kann man links die Turmspitze der Rathaus-Kapelle erkennen, rechts davon ein Stück alter Stadtmauer. Der „sonderbar geformte Turm“ über dem Georgentor indes, markiert für Richter „der Lage nach“ die Kreuzkirche, dazu sei der alles überragende Hausmannsturm in der Mitte „nicht ganz richtig wiedergegeben“. Hier irrte Richter offensichtlich, und nicht allein des östlicher gelegenen Kirchenbaues wegen, auch der Schloßturm zeigt durchaus seine damalige Gestalt (vgl. M. Merians „Prospect. Der Brücken. zu. Dresden“, 1650) und wird seine spätere (heutige) Form erst 1674 – 1678 durch W. C. von Klengel erhalten. Rätselhaft bleibt allein der über dem Georgentor dargestellte Turm.

Rechterhand findet sich der bereits genannte Schössereiturm mit markantem („Flasche“ genannten) Abschluß. Die sich im Hintergrund des Hausmannsturmes gen Himmel reckenden Spitzen bezeichnen die Enden dreier Ecktürme, ein vierter, der Südost-Wendelstein, wird erst später (1683) hinzukommen. Insofern muß die Zuschreibung der rechts neben der „Flasche“ aufragenden Turmspitze offen bleiben, weshalb das Diktum des Dresdner Ratsarchivars, die Wiedergabe von Türmen sei „die schwache Seite Cleefs wie aller Architekten seiner Zeit“, den Perfektionisten trösten mag. Zu guter Letzt: Die trutzigen Mauern, die das Schloß zur Elbe hin abschirmen, sind militärische Befestigungsanlagen, die durch Festungsbaumeister Voigt von Wierandt gerade errichtet worden waren.

An der Schwelle einer neuen Zeit

Bei aller Entdeckerfreude muß Richter übersehen haben, daß Cleefs Dresden-Prospekt erst 1863 im Bildteil der „Geschichte der Haupt- und Residenzstadt Dresden von der frühesten bis auf die gegenwärtige Zeit“, von Martin Bernhard Lindau (der das Blatt besessen haben könnte) zutreffend als „älteste Ansicht von Dresden“ bezeichnet, abgedruckt worden war. In jedem Falle aber bleibt die Cleefsche Ansicht ein schönes Dokument Dresdens auf dem Weg zur glanzvollen Renaissancestadt. Erst wenige Jahre zuvor (1539) war in Sachsen die Reformation eingeführt worden, hatte Herzog Moritz 1547 die Kurwürde an die albertinischen Wettiner gebracht, war Dresden kurfürstliche Residenz geworden!

Noch im gleichen Jahr ordnete Kurfürst Moritz den Umbau seiner Dresdner Burg an, die sich zum repräsentativen Schloß und einem Gründungsbau deutscher Renaissance entwickeln sollte. Unter seinem Bruder, Kurfürst August von Sachsen (1526-1586) setzte sich der wirtschaftliche und kulturelle Aufstieg fort. 1549 vereinigte sich die Stadt, die damals 6500 Einwohner und 490 Häuser zählte, mit dem rechtselbischem Altendresden. Die Weichen waren nunmehr gestellt für jene großartige Entwicklung, die Dresden schon bald zu einer der schönsten Städte Deutschlands erheben würde. Ein Künstler aus Antwerpen hat den Beginn jener Aufbruchstimmung festgehalten – als „Schnappschuß“ aus dem Jahre 1555 – auf Dresdens ältester erhaltener Ansicht!

Literatur: Johann Conrad Knauth: Als beym Ausgange des Alten und Eintritt des Neuen Jahres M. DCC. VIII. auf Königl. Maj. und Churfl. Durchl. zu Sachsen hohe Verordnung, das alte Rath-Hauß in Neu-Dreßden translociret ward, wolte dessen Neuen Bau glückwünschend beehren, Dresden 1708. Fritz Löffler: Das alte Dresden. Geschichte seiner Bauten, 7. Auflage, Leipzig 1984. Günther R. Rehschuh: Die ersten Ansichten der Stadt Dresden, in: Sächsische Heimatblätter 6/1969, S. 28-32. Otto Richter: Die älteste Ansicht der Stadt Dresden, in: Dresdner Geschichtsblätter Nr. 2 (1906), S. 89-91 (alle Zitate ebd.) Ulrich Becker und Felix Thieme: Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Band 7, Leipzig 1912, S. 96 f.

Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land. Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 30 Jahren das Historica Antiquariat im Dresdner Barockviertel und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur sächsischen Geschichte und Kultur.

Autonomie für die Afrikaanse Nation! Ein Superethnos in Südafrika

Der Ethnologe Dr. Christian Böttger im Interview

Autonomie für die Afrikaanse Nation! Ein Superethnos in Südafrika

Im Oktober 2020 erschien das Buch: „Autonomie für die Afrikaanse Nation! Ein Superethnos in Südafrika“. Der Verfasser ist Dr. Christian Böttgers, ein Ethnologe aus Berlin, der im Lindenbaum Verlag bereits 2014 mit „Ethnos“ ein Buch über den Volksbegriff veröffentlicht hat. Im Interview mit unserer Internetzeitschrift erklärt der Autor, was es nun mit seinem neuen Buch auf sich hat.

Wir selbst: Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, ein Buch ausgerechnet über das südliche Afrika zu schreiben? Das ist doch sehr ungewöhnlich, wenn man nicht gerade über familiäre Beziehungen nach Südafrika verfügt.

Tja, auch das ist eine sehr, sehr lange Geschichte. Wer glaubt, ich hätte mit dem hier vorliegenden Werk mal soeben ein Buch über Südafrika zusammengezimmert, der irrt. Inspirationen und Vorarbeiten dazu liegen teilweise Jahrzehnte zurück. Wie ein roter Faden durchzog fast mein ganzes Leben das Interesse am südlichen Afrika. Das erschien mir im Nachhinein manchmal wie geistige Führung.

Den ersten Impuls dazu erhielt ich ca. um 1970. Damals entdeckte ich in den Unterlagen meines Großvaters Aufzeichnungen über das Missionswesen in Deutsch-Südwestafrika, sorgfältig in Sütterlin verfaßt, die wohl noch aus seiner Studentenzeit stammten. Bei meinem Großvater handelte es sich um Kurt Rietzsch (1884 – 1957), jenem legendären evangelisch-lutherischen Pfarrer von Hohenstein-Ernstthal (bei Chemnitz), der sich u. a. nebenberuflich als Mitarbeiter beim Karl-May-Verlag einen Namen gemacht hat. Als Pfarrer der Bekennenden Kirche war er oft Vorladungen der Gestapo ausgesetzt und galt als Antifaschist. Dabei war er durchaus national-liberal orientiert. Ich war drei Jahre als er starb, kann mich aber noch genau an ihn erinnern, auch wenn ich die Details erst durch meine Mutter erfahren habe.

In dieser besagten Schrift meines Großvaters lernte ich zum ersten Mal den Begriff „Heu auf dem Halm“ kennen, denn die dortigen Eingeborenen und Farmer ernten kein Heu für die winterliche Trockenzeit, sondern lassen die Tiere im Winter das vertrocknete „Heu auf dem Halm“ fressen.

Sofort nahm ich einen alten Atlas zur Hand und suchte unsere ehemalige Kolonie Südwestafrika auf. Ich staunte nicht schlecht, hier eine Fülle deutscher Ortsnamen zu finden, wie Lüderitz, Swakopmund, Warmbad, Mariental, Salzbrunn, Seeheim, Hornkranz usw. Ich war ein typischer DDR-Teenager und es handelte sich gerade um jene Zeit, als im „West-Fernsehen“ eine unendliche Zahl von amerikanischen Western lief. Ich stellte mir sofort vor, Südwestafrika muß unser „Wilder Westen“, unser „Wilder Südwesten“, gewesen sein. Südwestafrika wurde damals von Südafrika verwaltet und galt als die 5. Provinz des Burenstaates. Was lag also näher, als über Informationen aus Südafrika an solche aus dem damaligen Südwestafrika heranzukommen. Zuerst interessierte mich nur, was aus den Deutschen geworden war, die in der Kaiserzeit dahin ausgewandert sind.

Irgendwann hörte ich von einem Kurzwellensender, der damals aus Südafrika mit einem deutschsprachigen Programm nach Mitteleuropa ausstrahlte. Und tatsächlich – ich fand ihn. Im 19-Meter-Band sendete Radio RSA, die Stimme Südafrikas aus Johannesburg, mit seinem markanten Bokmakiri-Gezwitscher im Pausenzeichen. Hier fand ich natürlich die Sendungen über Südwestafrika, die ich suchte: Brief aus Windhoek von und mit Kurt Dahlmann, Südwester Leute gestern und heute von Lisa Kunze usw. Unvergessen bleibt die damalige Chef-Sprecherin Elvira Widmann mit ihrer ausdrucksvollen Sprechweise und ihrem leichten österreichischen Akzent. Ich besitze heute noch Tondokumente davon und habe mir schon überlegt, ob ich nicht etwas davon digitalisiere und in YouTube einstellen sollte. Eine Unzahl interessanter Programme informierte über Land und Leute von Süd- und Südwestafrika und auch zwei Afrikaans-Sprachkurse gab es da, die bei dem oft schlechten Empfang schwer zu verstehen waren. Fast jeden Abend von 19. – 20.00 Uhr hing ich also am Radio – eine Brücke zu einer für uns DDR-Bürger damals unerreichbaren westlichen Welt.

Wir selbst: Hatte der auch in Namibia bekannte Sender nicht auch hauptsächlich eine propagandistische Aufgabe, indem er die Politik der Apartheid rechtfertigen sollte?

Natürlich versuchte der Sender auch die damalige Regierungspolitik unter Johannes Balthazar Vorster an den Mann zu bringen. Die Rassenkonflikte wurden aus den Unterschieden der Kulturen und der Unvereinbarkeit ihrer kulturellen Werte erklärt. Als Lösung dieses Problems propagierte der Sender die „Politik der getrennten Entwicklung“ für die verschiedenen Volksgruppen. Eine solche Auffassung nannte man damals bereits „Kulturalismus“ und bald schon wurde eine solche Sichtweise von linken Ideologen als „kultureller Rassismus“ gebrandmarkt. An die Stelle einer kulturpsychologischen Analyse orientierten die sog. „antiimperialistischen Kräfte“ auf eine politische und historische Gesellschaftsanalyse und verwiesen auf die sozialökonomischen Wurzeln des Rassismus.

Daß dieser „Antiimperialismus“ im Ost-West-Konflikt Schlagseite hatte, also einseitig war und nicht die Widerspieglung der Wirklichkeit darstellte, war mir damals bereits völlig klar. Es waren ja keineswegs alle Argumente dieses Kulturalismus aus der Luft gegriffen, wie es linke Ideologen in Ost und West gerne glauben machen wollten. Daß es zwangsläufig zu Konflikten kommen muß, wenn in einem Land Erste und Dritte Welt aufeinanderprallen, leuchtete mir durchaus ein. Diese Fragen begannen mich brennend zu interessieren und ich wollte ihnen auf den Grund gehen. Die Motive für mein Ethnographiestudium ab 1983 haben hier ihre tieferen Wurzeln. Daß ich heute Ethnologe und Volkskundler bin, verdanke ich also zu einem guten Teil auch der Auseinandersetzung mir Radio RSA.

Wir selbst: Ihr Spezialgebiet im Studium war aber Deutsche Volkskunde. Konnten Sie denn diese Kenntnisse für ihr Interesse an Südafrika überhaupt nutzen?

Aber sicher. Obwohl ich mich schon frühzeitig für die ethnographische Fachrichtung Volkskunde entschieden hatte, interessierten mich ganz besonders theoretische Fragen zum Ethnos, auch um entsprechende Erkenntnisse auf Südafrika anwenden zu können. Im Studienfach Ethnographie Afrikas übernahm ich zahlreiche Vorträge zur Geschichte und Kultur der südafrikanischen Völker von denen ich auch bei dem hier vorliegenden Buch profitieren konnte.

Während der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR mußten die Interessen für das südliche Afrika natürlich zurücktreten. Anderes trat jetzt in den Vordergrund. Existenzielle Fragen begannen Gestalt anzunehmen. Der Kampf um die Wiedervereinigung Deutschlands entbrannte. Dennoch nahm ich in dieser Zeit Kontakt zur südafrikanischen Botschaft in Bonn auf, um mir umfangreiches Informationsmaterial über Südafrika schicken zu lassen. Radio RSA spielte keine Rolle mehr und stellte 1992 seine Sendungen ein. Leider habe ich die letzte Sendung nicht mehr mitbekommen.

Wir selbst: In der Zwischenzeit hatte sich auch im südlichen Afrika eine politische Wende vollzogen. Was haben Sie dabei empfunden?

Mir war sofort klar, daß nach dieser politischen Wende in Südafrika die neuen Regierungen von SWAPO und ANC ihre Staaten nach zentralistischen Gesichtspunkten aufbauen würden. Hier wurde eine große Chance vertan. Die Befreiungsbewegungen des südlichen Afrikas waren von ihren kommunistischen Lehrern auf Machterwerb und -erhalt trainiert worden. Das kann nur der zentralistisch geführte Staat leisten. Das kannte ich schon aus der DDR. Aber ausgerechnet von Lenins Nationalitätenpolitik mit ihren Autonomierechten für die einzelnen Volksgruppen hat man nichts übernommen. Man braucht sich da nur die völlig unorganische Gebietseinteilung in Namibia mit ihren künstlichen Regionen ansehen, die sogar das Rehobother Gebiet zerschneiden.

Wir selbst: Und dennoch haben Sie ja irgendwann wieder ein Interesse an Südafrika entdeckt, oder neu entdeckt?

Ja. Der Beschluß der FIFA, die Fußballweltmeisterschaft 2010 nach Südafrika zu vergeben, fiel bereits 2004. Südafrika geriet wieder stärker ins Blickfeld des allgemeinen, aber auch meines Interesses. Im Vorfeld der Fußball-WM erarbeitete ich für einen Interessentenkreis einen Vortrag zur Geschichte Südafrikas, dessen Kern heute das Zweite Kapitel meines Buches bildet. Inzwischen hatte auch ich Internet und konnte mir selbst ein Urteil bilden. Auf YouTube lernte ich den südafrikanischen identitären Sänger Bok van Blerk kennen und versuchte seine Lieder zu übersetzen. Daraus entwickelte sich schließlich ein kleiner afrikaanser Sprachkurs – learning by teaching. Ich besorgte mir dazu einen Sprachführer und aus Südafrika ein großes, dickes Wörterbuch.

Ethnos – Der Nebel um den Volksbegriff

2014 erschien mein Buch Ethnos. Mir war klar, daß das nächste Projekt nur das südafrikanische Thema sein könnte. Vorarbeiten dazu hatte ich ja schon. Aber mir fehlte noch die zündende Idee. Da kam mir wieder der „Zufall“ zu Hilfe. Am 5. Juni 2015 berichtete das afrikaanssprachige Nachrichtenportal Netwerk 24 darüber, daß auf der Webseite des beliebten südafrikanischen Liedermachers Bok van Blerk sein neues Musikvideo mit dem Titel “Sing Afrikaner Sing” veröffentlicht wurde. In diesem neuen Lied wurde der Begriff „Afrikaner“ erstmalig in einer Form präsentiert, wie man das im Land am Hoffnungskap so noch nicht erleben konnte. Der Begriff „Afrikaner“ war eigentlich immer eine Selbstbezeichnung der Buren, wird aber in diesem Video wesentlich umfassender verstanden. Alle knapp 7 Millionen Menschen Südafrikas, die Afrikaans zur Muttersprache haben und die die Mehrheit in den Provinzen Westkap und Nordkap ausmachen, werden mit diesem Lied angesprochen. Die Mehrheit jener Menschen, die Afrikaans als Muttersprache haben, sind aber gar nicht weiß, denn Afrikaans ist nicht einfach die Sprache der Buren, wie man es sooft hört. Die Mehrheit der Afrikaanssprachigen sind heute die Bruinmense, was auf Afrikaans braune Menschen bedeutet und ganz verschiedene Volksgruppen umfaßt. Dieser Terminus beginnt sich gegenüber dem Begriff „Coloured People“ als Selbstbezeichnung der afrikaansen Farbigen immer mehr durchzusetzen.

Wir selbst: Und Sie haben zu diesem Lied jetzt praktisch das dazu passende Buch geschrieben?

Ja sozusagen. Aber es geht im Kern doch um die Frage, was die Gesamtheit der afrikaanssprachigen Völker eigentlich darstellt. Schließlich gliedern sich die Afrikaanssprecher in verschiedene Ethnien bzw. Subethnien auf. Handelt es sich dabei um eine Nation? Dazu fehlt noch ein ausgeprägtes gemeinsames Nationalbewußtsein, das dem ethnischen Selbstbewußtsein dieser verschiedenen Ethnien und Subethnien übergeordnet sein müßte. Diese durch verschiedene Faktoren behinderte Nationsbildung beruht auch nicht auf einer gemeinsamen einheitlichen Abstammung, die ja häufig mit dem Nationalbewußtsein einhergeht. Um den Prozeßcharakter der Nationsbildung deutlich zu machen, mußte ein anderer Begriff für die Afrikaanssprecher gefunden werden. Im Buch wird von mir dazu der Begriff „Superethnos“ zur Diskussion gestellt.

Wir selbst: Wie kommen Sie denn auf so einen eigenartigen Begriff? Das erweckt Assoziationen zu „Superman“ und hört sich deshalb etwas ulkig an.

Der Begriff stammt aus der Ethnos-Theorie des 1992 verstorbenen russischen Ethnologen Lew Gumiljow. Damit beschreibt dieser eine mehrere Ethnien übergreifende Ganzheit, die rein äußerlich betrachtet als „Kulturgemeinschaft“ in Erscheinung tritt, tatsächlich aber durch ein gemeinsames Verhaltensstereotyp gekennzeichnet ist. Das Frankenreich Karls des Großen ist für ihn eine solche Einheit, überhaupt das christliche Abendland des Mittelalters, oder die islamische Welt.

Die Ethnogeneselehre Gumiljows dabei mit einzubeziehen ergab sich schon allein aus der Tatsache, daß in Südafrika die Bedeutung der von ihm hervorgehobenen geographischen Faktoren geradezu ins Auge springt. Ein Blick auf die verschiedenen thematischen Karten Südafrikas läßt das deutlich werden. Es war die 400-mm-Niederschlagsgrenze, die im vorkolonialen Südafrika auch die Grenze zwischen Bantu- und Khoisanvölkern gezogen hat. Sie hat Südafrika in eine südwestliche und eine nordöstliche Landeshälfte geteilt. Während die alteingesessenen Stämme der Khoi (Hottentotten) in der südwestlichen Landeshälfte lediglich Viehzucht betrieben, pflegten die eingewanderten Bantu-Stämme in der nordöstlichen Landeshälfte den Anbau von Hirse und Mais. Dieser erfordert aber mindestens 400 mm reine Sommerniederschläge. Treten die Niederschläge ganzjährig auf, wie etwa an der Südküste, funktioniert ein solcher Feldbau nicht. Die Niederschlagsgrenze bildete so eine natürliche Barriere für die Viehzucht und Feldbau (Hirse, Mais) treibenden Bantu. Heute gibt es aber fast keine reinen Khoi in unvermischter Form mehr in Südafrika. Es sind jetzt die Afrikaanssprecher, die den Bantuvölkern gegenüberstehen. Doch allein das Vorhandensein einer Sprachgemeinschaft sagt noch nicht viel aus. Die Volksgruppen, die heute mehr oder weniger zufällig Afrikaans sprechen, bilden keine bloße Addition. Da muß also mehr sein, was sie verbindet und eine Autonomieforderung für diese Völker begründet.

Die vorherrschenden Sprachen Südafrikas

Wir selbst: Und was begründet nun diese von Ihnen aufgestellte Autonomieforderung? Wie würden Sie den Kerngedanken Ihres Buches zusammenfassen, welchen Erkenntnisse kann der Leser daraus gewinnen?

Der Kerngedanke dieses Buches ist der südafrikanische Dualismus. Dieser „Dualismus“ ist eben nicht mit dem Gegensatz von Schwarz und Weiß zu verwechseln, sondern viel komplexerer Natur. Heute stellt sich diese Zweigliedrigkeit als Dualismus zweier historisch entstandener überethnischer Ganzheitssysteme dar. Ganz grob betrachtet ist der ganze Subkontinent nämlich zweigeteilt und das hinsichtlich des Klimas, der Landschaft, der Vegetationstopographie, der Geschichte, der Sprache und Kultur, des Verhaltensstereotyps und schließlich der politischen Präferenz. Und da haben wir auch schon fast alle Elemente der Systeme, denn bei diesem Dualismus handelt es sich nicht nur um eine Zweigliedrigkeit, sondern um komplexe Systeme, deren jeweilige Elemente sich wechselseitig bedingen. Diese Systeme erschließen sich vielleicht noch am ehesten dem kartenkundigen Geographen, der über einen gewissen Überblick über den ganz verschiedenen Stoff verfügt. Sie sind zu vergleichen mit zwei verschiedenen Mosaikbildern, deren Konturen sich erst aus einem gewissen Abstand offenbaren. Die dem Buch beigefügten Karten werden das verdeutlichen. Und da haben wir bei diesen Systemen genau das, was Gumiljow mit dem Begriff der Superethnien beschreibt. Doch diese Überethnien sind u. a. aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte einen speziellen Weg gegangen. Sie haben keine Großkulturen mehr herausgebildet, sondern sich über komplizierte Ethnogeneseprozesse im 18. Und 19. Jh. getrennt auf den Weg zur Nationsbildung begeben.

Wir selbst: Genau das wird jetzt interessant, denn im Klappentext zum Buch kann man lesen, daß sich Ihr Buch als Kampfansage gegen die konstruktivistische Ideologie versteht, die keine Völker und Nationen mehr kennt. Ist das nicht etwas dick aufgetragen?

Nein durchaus nicht. Anstelle einer Ethnogeneseforschung hat sich nämlich in der gesamten westlichen Welt und zwar nur dort, der sog. Konstruktivismus durchgesetzt. Der Konstruktivismus geht davon aus, daß die Völker nicht einfach vorgefunden werden, sondern das Ergebnis eines Erfindens sind. Gerade aber anhand er südafrikanischen Völker, deren Ethnogenese sich erst recht spät und für uns heute gut nachprüfbar vollzogen hat, läßt sich ziemlich erfolgreich belegen, daß diese Auffassung von Völkern als „Erfindungen“ unwissenschaftlicher Nonsens ist. Der Konstruktivismus arbeitet hier subjektivistisch und damit selektiv. Er erfaßt nie das gesamte Phänomen. Er sieht den Volksbegriff nur ideologiekritisch unter dem Aspekt seiner Instrumentalisierung. Damit wird die objektive Seite völlig ausgeklammert. Forschungen zur Ethnogenese finden demzufolge nicht mehr statt. Das habe ich geändert.

Wir selbst: Könnte nicht auch die Gefahr bestehen, daß Sie mit Ihrem Buch die territoriale Integrität Namibias infrage stellen, denn Sie ordnen Teile der Bevölkerung Namibias der afrikaansen Nation zu?

Nein, dieser Zug ist spätestens 1990 abgefahren. Es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Südafrika und Namibia und der besteht in ihren jeweiligen Verfassungen. In Südafrika gibt es einen Verfassungsartikel, ich glaube es ist 235, der jeder Gemeinschaft mit einem gemeinsamen sprachlichen und kulturellen Erbe das Recht auf Selbstbestimmung in einer bestimmten Region zubilligt. So etwas gibt es in Namibia nicht. In Namibia muß es darum gehen, die Stellung von Afrikaans in der Gesamtgesellschaft zu festigen und die unsinnige Aufteilung des Rehobother Gebietes auf zwei Regionen rückgängig zu machen. Internationaler Druck ist allerdings auch nötig, um die Rückgabe des enteigneten Kommunaleigentums zu erwirken. Es war grundbuchlich auf die frühere Rehobother Homelandregierung eingetragen und wurde aus ideologischen Gründen 1990 enteignet und verstaatlicht.

Wir selbst: Herr Dr. Böttger, wie bedanken uns für das Gespräch!

Titelbild: Charles Davidson Bell, Jan van Riebeecks Ankunft am Kap.

Bücher von Dr. Christian Böttger:

Zum Volkstrauertag – Über den Tod im Leben

von Henning Eichberg

Zum Volkstrauertag – Über den Tod im Leben

Tecumseh ist lebendig. Sitting Bull ist unter uns. Hier spricht Pontiac, dort Handsome Lake, dort Crazy Horse. Big Foot hat das Massaker am Wounded Knee überlebt. Ebenso lebendig sind die Frauen der Sioux, der Cheyenne und der Irokesen, deren Namen wir nicht kennen. Die Frauen der Cherokee, der Chickasaw, der Choctaw, der Creek, der Semniolen. …

Die Toten sind unter uns. Die Erschlagenen und die Geschlagenen ganz besonders.

Es sollte nicht erst Auschwitz´bedurft haben, um das zu sehen. Ja, mit eigenen Augen zu sehen. Da stehen sie mitten in unserem Leben. Keine Gespenster. Ganz wirklich. Und sie werden bleiben.

Welchen tiefen Sinn hat es, daß die Toten leben?

Heißt aber Erinnerung nicht doch Rache? Soll denn das alles kein Ende haben? Wäre ein Ende der Erinnerung nicht wohltätig, um die Nachlebenden vom Ruf nach Rache abzuhalten?

Vielleicht ist der eigentliche Widerspruch nicht der zwischen Erinnerung und Vergessen, sondern der zwischen liebender Erinnerung und Rache. Das Vergessen des Leidens ist es, aus dem die Rache kommt. Wer zum Vergessen der Toten aufruft, stiftet zur nächsten Tötung an.

So wie der basale Gegensatz des Lebens nicht derjenige ist zwischen Leben und Tod, sondern zwischen Leben und Leblosigkeit. Zwischen dem Leben, das den Tod einschließt und das durch den Tod immer wieder bestätigt wird – und der Friedhofsruhe der Macht. Zwischen der Liebe und dem Morden, das aus der Kälte kommt.

Die Trennungslinie verläuft zwischen den Toten, die an uns herantreten und unserer Liebe bedürfen – und den Gespenstern, die wir uns selbst schaffen in unserer Entfremdung, der Thanatoskultur der Maschinen, Waren, Pyramiden, Monumente. Die Toten sind nicht dort, wo man Kränze niederlegt. Sie gehen mit uns durch die verschneiten Straßen, sie sitzen zwischen uns auf den Stühlen, sie schreiben mit am Computer.

Geschichte ist eben nicht nur die Geschichte der Sieger, der großen Gewalttäter, der Mächtigen ihren Steinsärgen.

Ach ja, Schlesien lebt.

Vertriebenendenkmal

Zum Titelbild: Käthe Kollwitz, Die Freiwilligen, Bl. 2 der Folge »Krieg«, 1921/22, Holzschnitt

Auf dem Blatt von Käthe Kollwitz, das in der Tradition mittelalterlicher Totentänze und Darstellungen vom Tod als Heerführer steht, folgen fünf junge Männer dem trommelschlagenden Tod. Die Jugendlichen sind ganz unterschiedlich charakterisiert. Teils in leidenschaftlicher Begeisterung, teils blind ergeben oder verzweifelt werden sie vom Tod mitgerissen.

Eine Randnotiz auf einem Zustandsdruck in der Sammlung des Käthe Kollwitz Museums belegt, dass es sich bei ihnen um Peter Kollwitz und seine im Krieg gefallenen Freunde handelt. Peter folgt als erster dem Tod, der ihn mit seinem linken Arm fest an sich drückt. Er ist auch der Erste aus seinem Freundeskreis, der im Krieg gefallen ist.

Die Gesichter der Jugendlichen und die Lichtstrahlen, die von ihren Köpfen ausgehen, sollen ihre gläubige Einstellung wiedergeben, mit der sie in den Krieg gezogen sind. Waren sie doch fest davon überzeugt, ihr Vaterland verteidigen, ja sich für es opfern zu müssen.

Henning Eichberg

Henning Eichberg (1942 – 2017), Kultursoziologe und Historiker, der seit 1982 in Dänemark lehrte, war bereits seit den ersten Ausgaben der Zeitschrift wir selbst (Gründung im Jahre 1979) der inspirierende Kopf. Sein intellektuelles Fluktuieren zwischen rechten und linken Denkströmungen, seine linksnationale, ethnoplurale Kritik am rechten Etatismus und seine radikale ökologische Orientierung wurden für uns programmatisch wegweisend, jedoch nie zu Dogmen.

Autor der Bücher:

Der leidvolle Schicksalsweg der Deutschen in Rußland

von Dr. Christian Böttger

Der leidvolle Schicksalsweg der Deutschen in Rußland

In den Jahren seit der Wende in Osteuropa erlebte die Rückwanderung von Hunderttausenden Aussiedlern deutscher Herkunft aus den Staaten der GUS oder anderen Staaten Osteuropas einen mächtigen Auftrieb. Allein aus der ehemaligen Sowjetunion kamen in der Zeit zwischen 1990 und 2000 annähernd 2 Millionen Spätaussiedler nach Deutschland. Rechtsgrundlage für die Rückführung dieser Menschen deutscher Abkunft bildete der Artikel 116 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, der Menschen deutscher „Volkszugehörigkeit“ ebenfalls die Möglichkeit einräumt, deutsche Staatsbürger zu werden. Das Grundgesetz der BRD kennt also durchaus ein Deutsches Volk jenseits der Staatsangehörigkeit. Und genau dieses Grundgesetz versteht es damit als Ethnos, auch wenn unsere intellektuellen und politischen Eliten oft das Gegenteil behaupten und Ethnos-Leugnung zur Staatsraison erklären wollen.

Aber wodurch kamen so viele Menschen von Deutschland ausgerechnet nach Rußland und was ist an denen heute überhaupt noch deutsch, werden sich viele fragen? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir uns zuerst einmal den Ausgangsbedingungen zuwenden, die zur Anwerbung und Einwanderung von Tausenden Deutschen nach Rußland führten. Die besonders im Zeitalter des Absolutismus (17./18. Jh.) in einigen Ländern Europas verstärkt betriebenen Kolonisationsbestrebungen sind in ein ganzes System wirtschaftspolitischer Maßnahmen einzuordnen. Dieses System bezeichnet man als Merkantilismus. Der Merkantilismus, in Deutschland Kameralismus genannt, machte es sich zur Aufgabe, zur Erhöhung der Staatseinkünfte und zur Vergrößerung der Macht des Staates beizutragen. Das bedeutete wirtschaftlich nicht nur Förderung der industriellen Produktion und des Handwerks oder Ausbau der Verkehrswege, sondern beinhaltete vor allem auch das Ergreifen von Maßnahmen zur Erhöhung der Bevölkerungszahl.

Im Einklang mit diesen Lehren versuchten die absolutistischen Herrscher im 18. Jahrhundert diese möglichst hohe Bevölkerungszahl durch eine systematisch betriebene Kolonisationspolitik in ihren unterentwickelten Gebieten zu erreichen. In Rußland waren die Herrscher vor allem daran interessiert, ausländische Kolonisten zu gewinnen, um die gegen Ende des 18. Jahrhunderts erworbenen Grenzregionen zu bevölkern und die Landeskultur allmählich den mittel- und westeuropäischen Verhältnissen anzugleichen.

Die russische Zarin Katharina II. – verfolgte ein ehrgeiziges Programm zur Besiedlung und Nutzbarmachung der unterentwickelten russischen Gebiete durch Ansiedlung von deutschen Kolonisten.

Zwei russische Herrscher müssen in diesem Zusammenhang besonders genannt werden: Katharina II. und ihr Enkel Alexander I. Besonders Katharina II., die deutscher Abkunft war und Rußland von 1762 – 1796 regierte, verfolgte ein ehrgeiziges Programm zur Besiedlung und Nutzbarmachung der unterentwickelten russischen Gebiete. Sie erkannte den ökonomischen und strategischen Nutzen, der aus der Ansiedlung einer seßhaften agrarischen Bevölkerung resultierte. Sie verfaßte deshalb am 22. Juli 1763 ein Manifest, dessen Bestimmungen nun nicht ohne Wirkung im Ausland blieben. Das Manifest bestand im Prinzip aus zwei Teilen, die §§ 1–5 zeigten auf, wer nach Rußland kommen durfte. Die §§ 6–10 verkündeten die Privilegien und Vergünstigungen für ausländische Kolonisten.

Manifest von Katharina II. zur Ansiedlung der Deutschen

Das Manifest, das den Wünschen der deutschen Auswanderer sehr entgegenkam, versprach die persönliche Freiheit für jeden, der nach Rußland immigrierte und gewährte die freie Niederlassung an jedem beliebigen Ort des Russischen Reiches. Religionsfreiheit und das Recht zum Bau eigener Kirchen, Steuerfreiheit der Kolonisten für 30 Freijahre, Inanspruchnahme von Darlehen für den Hausbau und die Gründung des Haus- und Wirtschaftsstandes sowie die Gewährung von Reisegeldern zur Überfahrt nach Rußland gehörten ebenfalls zum Angebotskatalog der Zarin. Hinzu kam als besonderer Anreiz die Befreiung vom Militärdienst. Damit konnten viele Menschen in den verschiedenen deutschen Territorien den teilweise brutalen Werbemethoden durch die Armeen der deutschen Fürsten entgehen. Das Manifest sicherte den ausländischen Siedlern außerdem die lokale Selbstverwaltung zu und enthielt darüber hinaus das Recht, Rußland jederzeit wieder verlassen zu können. Für deutsche Einwanderer war besonders von Bedeutung, daß alle genannten Rechte und Privilegien auch auf ihre Nachkommen übergehen sollten.

Schon gleich nach dem Tode von Katharina II. wurde die Strategie der Besiedlung von russischen Grenzregionen durch Ausländer weiterverfolgt. Am Ende der Türkenkriege Anfang des 19. Jahrhunderts verfügte das Russische Reich über ausgedehnte unbesiedelte Gebiete im Schwarzmeergebiet. Bereits kurze Zeit nach der Thronbesteigung Alexander I. im Jahre 1801 wurde ein Plan für die Erschließung der von den Türken abgetretenen, fast menschenleeren Gebiete am Schwarzen Meer entworfen. Auch Zar Alexander I. erließ am 20. Februar 1804 ein Manifest, das wesentlich höhere Anforderungen, als das Besiedlungsmanifest Katherina II. an die Siedlungswilligen stellte. Es sollten in Zukunft nur noch gute und erfahrene Bauern und Handwerker die Erlaubnis erhalten, in Rußland zu siedeln. Alle übrigen, im Manifest Katharinas II. bereits eingeräumten Privilegien, sind den Kolonisten nochmals bestätigt worden. So wie das Manifest Katharinas im wesentlichen die Grundlage für die Besiedlung eines Gebietes an der mittleren Wolga bei Saratow bildete, so war auch das Manifest Alexander I. die Basis für die Koloniegründungen im Schwarzmeergebiet (einschließlich Bessarabien) und im Kaukasus.

Was bewog aber nun so viele Menschen im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert ihre Heimat zu verlassen und sich auf ein solches Abenteuer, wie es die Auswanderung nach Rußland darstellte, einzulassen? Die Gründe für die im 18. und 19. Jahrhundert erfolgte Auswanderungen Tausender Deutscher, besonders auch nach Rußland, waren politischer, ökonomischer und religiöser Natur. Wenden wir uns zunächst den wirtschaftlichen Gründen zu.

Manifest der Zarin

Die Auswanderung aus dem hessischen Mittelgebirge, dem mittleren Rheinland, aus der Pfalz und dem Elsaß hatte vorwiegend wirtschaftliche Gründe. Die bäuerliche Bevölkerung in den hessischen Mittelgebirgen war im Hinblick auf die Bodenverhältnisse und das Klima nicht gerade begünstigt. Die Erbteilung führte in manchen Orten dazu, daß der Landbesitz nur noch ein halber Hektar pro Kopf der Bevölkerung betrug. Die Möglichkeit für landarme Bauern in eine gewerbliche Tätigkeit auszuweichen, war stark eingeschränkt. Für eine ständig sich vermehrende ländliche Bevölkerung bot die Auswanderung eine Chance, wieder zu einem eigenen Hof zu kommen und damit dem sozialen Abstieg oder dem Wechsel in eine andere Sozialschicht zu entgehen. Bei den Auswanderern aus Anhalt-Dessau fällt der hohe Handwerkeranteil auf. Hier waren städtische Schichten in eine mißliche Lage geraten. In der Rheinniederung (Pfalz, Nordbaden) verschärfte sich nach den Napoleonischen Kriegen die wirtschaftliche Lage aufgrund von Mißernten. Infolge von Nässe und Kälte traten besonders im Jahre 1816 Hungersnöte auf. Wirtschaftliche Gründe waren auch für die „Rußlandwanderung“ der Elsässer ausschlaggebend.

Aber auch politische Gründe führten zur Auswanderung. Durch Verträge, die der hessische Landgraf Friedrich II. abgeschlossen hatte, wurden hessische Soldaten gegen hohe Geldleistungen an fremde kriegsführende Mächte ausgeliefert. Um dem Militärdienst zu entgehen, zogen es viele jungen Männer vor, auszuwandern. Die gleichen Beweggründe für die Auswanderung findet man auch etwas später in Oberdeutschland. Im Jahre 1796 rückten hier französische Truppen ein. Die nun folgenden Kontributionen und Requirierungen waren unerträglich. Durch die Gründung des Rheinbundes mußten viele westdeutsche Soldaten für Napoleon kämpfen. Die Aushebung wurde mit rücksichtsloser Härte durchgeführt. In Württemberg war es die von Herzog Friedrich veranlaßte Außerkraftsetzung alter, liebgewordener Gemeinderechte, die zu politischer Unzufriedenheit führte. Politische Gespräche waren seit der Verordnung vom 2. Februar 1809 verboten. Die Kriegskosten lasteten schwer auf den Gemeinden.

Auch religiöse Gründe führten zur Auswanderung nach Rußland. Drei Gruppen sollen in diesem Zusammenhang genannt werden. Die Chiliasten, die Stundisten und die Mennoniten. Im Raum von Danzig in Westpreußen lebten zahlreiche Mennoniten. Die Auswanderung von Angehörigen dieser evangelischen Freikirche wurde hauptsächlich durch das Mennoniten-Edikt von 1789 eingeleitet. Hierin waren die Mennoniten vom Grunderwerb ausgeschlossen worden, da er an die Übernahme der Wehrpflicht gekoppelt wurde. Der Wehrdienst wurde von den Mennoniten aber grundsätzlich abgelehnt. Eine Verschärfung des Mennonitenedikts erfolgte 1801. Am 10. August 1803 fand deshalb eine Ältestenkonferenz statt, die zur großen Auswanderung ins Schwarzmeergebiet führte.

Religiöse Gründe spielten vor allem in Württemberg bei der Auswanderung eine gewichtige Rolle. Das religiöse Empfinden äußerte sich hier besonders in dem Bedürfnis nach Aussprachen außerhalb der Kirche in kleinen Versammlungen. Es kamen die sog. „Stundenversammlungen“ auf, in denen Laien das Wort Gottes erläuterten. Die Anhänger dieser Richtung wurden Stundisten genannt. Die Stundisten finden wir später ebenfalls besonders im Schwarzmeergebiet.

Eine weitere Gruppe waren die Chiliasten, die verkündeten, daß das Tausendjährige Friedensreich 1833 oder 1836 im Osten anbrechen werde. Besonders im Jahre 1816 kam es zu chiliastischen Prophezeiungen, die etwa 10.000 Personen aus Württemberg veranlaßten, in Rußland eine neue Heimat zu suchen und dort auf den Anbruch des Tausendjährigen Gottesreiches zu warten. Rußland wurde als „Bergungsort der Gläubigen der letzten Tage“ vor den „Schrecknissen der Endzeit“ angesehen. Für alle diese Gruppen war es von besonderer Bedeutung, daß der damalige Zar Alexander I. ein tiefgläubiger Christ war.

Welche Gebiete waren nun von der Einwanderung betroffen? Hier kristallisieren sich zwei Schwerpunkte heraus: das Wolgagebiet und das Schwarzmeergebiet. Wenden wir uns zunächst dem Wolgagebiet zu. Nachdem die Kolonisten die Wolga erreicht hatten, mußten die Standorte für die zu errichtenden Siedlungen festgelegt werden. Diese planmäßig angelegten Siedlungen wurden damals im allgemeinen Sprachgebrauch als Kolonien bezeichnet. Die zuerst gegründeten Siedlungen nannte man Mutterkolonien. Die von den aus diesen Mutterkolonien stammenden Nachkommen neu gegründeten Siedlungen wurden als Tochterkolonien bezeichnet.

Siedlungsgebiete der Kolonisten aus Deutschland

Im Zeitraum zwischen 1764 – 1767 gründeten deutsche Kolonisten 106 Mutterkolonien an der mittleren Wolga (Wolgagebiet um Saratow). Verantwortlich für die Ansiedlung und Unterbringung der zukünftigen Kolonisten war vorerst die „Vormundschaftskanzlei für ausländische Ansiedler“ in St. Petersburg. 1766 wurde in Saratow für ausländische Ansiedler das Fürsorgekontor, auch deutsches Kontor genannt, gebildet. Es hatte die Selbstverwaltung der Kolonisten zu überwachen, das Wirtschaftsleben zu regeln und das Rechtswesen zu organisieren.

Das erste, was für die Kolonisten im Zusammenhang mit dem Rechtswesen von Bedeutung gewesen ist, war das Bodenrecht. Obwohl die russischen Werber den Kolonisten ursprünglich erbliches Eigentum an Grund und Boden versprochen hatten, erhielten die sich an der Wolga niederlassenden Familien das Land nur in Erbleihe. Das Obereigentum über den Boden behielt der Staat und war an die Gemeinde gebunden. Die Kolonisten konnten so ihren Hof nicht verkaufen oder verpfänden, aber auch nicht Bodenspekulanten zum Opfer fallen. Das Kolonistengesetz vom 19. März 1764 regelte die Landvergabe. Jeder Familie stand im Wolgagebiet ein Landanteil von 30 Hektar zu. Die Kolonisten gehörten rechtlich betrachtet zu den Staatsbauern, da der Staat das Obereigentum am Land behielt. Der Unterschied zu den russischen Staatsbauern bestand in der offiziellen Erbordnung, der Besteuerung und der Selbstverwaltung. Eigentlich sollten die Kolonisten laut Kolonistengesetz Einzelhofbesitzer werden. Als Erbe des Hofes war nach den gesetzlichen Bestimmungen der jüngste Sohn vorgesehen. Dieses Erbrecht konnte sich nicht durchsetzen.

Um das Jahr 1783 erfolgte ohne Kenntnis der Petersburger Zentralgewalt die Einführung des Mir-Systems, d. h. der Übergang zum System der Verteilung des Landes einer Gemeinde nach der Zahl der männlichen Seelen einer Familie. „Mir“ bedeutet in diesem Zusammenhang zu Deutsch so viel wie Dorfgemeinschaft. Unter ökonomischen Gesichtspunkten beinhaltet dieser Begriff eine für das zaristische Rußland des 18./19. Jahrhunderts spezifische Agrarordnung, die „Umteilungsgemeinde“. Das Land war Gemeindeland und konnte nicht als Einzelbesitz ungeteilt auf ein Familienmitglied vererbt werden. Grund und Boden mußten auf die Anzahl der lebenden männlichen Seelen des Dorfes immer wieder periodisch neu verteilt werden. Das System hatte zur Folge, daß zwar vorübergehend die individuelle Not beseitigt wurde, die Ländereien der einzelnen Bauern sich aber ständig verkleinerten.

Erst viel später, mit der von Zar Nikolaus II. am 9. November 1906 erlassenen Verordnung, die das Kernstück einer neuen Agrarpolitik bilden sollte, wurde die möglichst rasche Umwandlung des Bodennutzungsrechtes in ein den kapitalistischen Verhältnissen angepaßtes Besitzrecht (privates bäuerliches Eigentum) vollzogen und damit die administrative Zerstörung der Dorfgemeinschaft bewirkt.

Ganz im Gegensatz zu den übrigen Wolgakolonisten entwickelten sich die Mennonitenkolonien an der Wolga, deren Bewohner ganz andere Verträge mit der Regierung abgeschlossen hatten. Diese „gelernten Bauern“, die ein ansehnliches Kapital mit an die Wolga brachten, verfügten von Anfang an über größere Höfe und behielten auch das Erbhofrecht bei.

Im Schwarzmeergebiet, wo die Einwanderung etwas später erfolgte, erhielten die Kolonisten allerdings größtenteils 60 Hektar Land. Im Gegensatz zum Wolgagebiet, wo die Kolonisten im Einklang mit den lokalen Behörden still und heimlich zum Mir-System übergingen, hielten sich die Schwarzmeerkolonisten an das Kolonistengesetz. Die Folge davon war, daß ein nichterbberechtigter Sohn eines Vollwirtes sich nun gezwungen sah, ein Handwerk zu erlernen, oder sich als sog. „Anwohner“ (mit einer kleinen Wirtschaft ohne Ackerland) im Nebenerwerb bei seinem erbberechtigten Bruder als Landarbeiter zu verdingen. Die auf diese Weise entstandene Schicht von landlosen Einwohnern führte außerdem schon recht bald zu einer anderen Entwicklung, nämlich zur Anlage von „Pachtkolonien“. Die Gemeinden pachteten für ihre landlosen Einwohner Land von russischen Großgrundbesitzern außerhalb ihres Siedlungsgebietes. Später konnte das gepachtete Land oft gekauft werden. Die dazu notwendigen Geldmittel brachten die Gemeinden durch die Gründung von „Kassen zum Ankauf von Land“ auf, die über Selbstbesteuerung finanziert wurden.

Eine Besonderheit der deutschen Siedlungskomplexe war das System der Selbstverwaltung. Bereits das von Katharina II. im Jahre 1763 erlassene Manifest sicherte den einwanderungswilligen Kolonisten das Recht auf Selbstverwaltung zu. Beschlußfassendes Organ war die Gemeindeversammlung, zu der jeder Hof einen Vertreter entsandte. Die Gemeindeversammlung wählte den Dorfschulzen und zwei Beisitzer. Sie bildeten das Dorfamt. Die Landgemeinden waren zu Kolonistenbezirken mit einem Bezirksamt zusammengefaßt, das vom Oberschulzen und zwei Beisitzern gebildet wurde. Die Bezirksverwaltung unterstand dem Fürsorgekontor.

Interessant sind auch die Besonderheiten, die Kirche und Schule betreffen. Das von Katharina II. erlassenen Manifest vom 22. Juli 1763 sicherte den einwandernden Kolonisten die freie Religionsausübung zu. Diese Glaubensfreiheit war aber eine Freiheit intra muros d. h. sie galt nur innerhalb ihrer „Mauern“. Von Seiten der orthodoxen Kirche wurde streng darauf geachtet, daß die landesfremden Kirchen nicht missionierend auftraten.

Dem religiösen Bekenntnis nach gehörten die eingewanderten Kolonisten an der Wolga zu 75% der evangelischen und zu 13% der katholischen Kirche an. Eng verbunden mit der Kirche war das Schulwesen. Bis zur Aufhebung der Selbstverwaltung waren die Schulen in den deutschen Gemeinden praktisch Kirchenschulen. Träger dieser Schulen waren die Gemeinden. Dennoch haben diese Schulen viel geleistet. Während im übrigen Rußland 1897 noch 78% der Bevölkerung aus Analphabeten bestand, konnte in den deutschen Gemeinden jeder deutsch lesen und schreiben.

Das waren also die Voraussetzungen auf denen die Kolonisten ihre „eigene Ordnung“ und ihre Landwirtschaft aufbauen konnten. Die erste Generation der Kolonisten hatte dabei keinen leichten Stand. In den ersten zwei Jahrzehnten waren viele Kolonisten auf staatliche Unterstützung angewiesen. Dafür gab es viele Ursachen. Zu erwähnen wären in diesem Zusammenhang vor allem die mangelnden landwirtschaftlichen Kenntnisse und Erfahrungen. Nur knapp zwei Drittel der Wolgasiedler hatten in der Heimat in der Landwirtschaft gearbeitet und die wenigsten von ihnen einen eigenen Hof besessen. Nur mühsam ließen sich nach und nach die erforderlichen landwirtschaftlichen Geräte und das Zugvieh beschaffen. Das völlig ungewohnte Klima, die andere Arbeitsweise in der waldarmen, fast baumlosen Steppe, die auf die Kolonisten beängstigend und bedrückend wirkte, waren Herausforderungen, die gemeistert werden mußten.

Der Kampf mit Natur- und Menschenmächten war für die erste Kolonistengeneration durchaus noch nicht eindeutig entschieden. Viele soziale Erfahrungen hatten in der neuen Heimat ihre Gültigkeit verloren. Die Kolonisten kannten weder das Land, in das sie einwanderten, noch die hier lebenden ethnischen Gemeinschaften und ihre Kulturen. Räuberbanden überfielen so manche Kolonie und zwangen oft zur Aufgabe. Die Kolonien östlich der Wolga wurden mehrmals von Kirgisen und Kalmücken geplündert. Allein bei einem von zwei Überfällen des Jahres 1774 verschleppten die Kirgisen 1.573 Kolonisten aus sechs Kolonien, von denen etwa nur die Hälfte wieder befreit oder freigekauft werden konnte. Ebenfalls 1774 richtete sich die Zerstörungswut der aufständischen Donkosaken unter Ataman Pugatschow gegen die deutschen Kolonien. Im Schwarzmeergebiet zogen noch 1810 die nomadisierenden Nogaier durch die Steppe und zerstörten die mühsam kultivierten Ackerflächen der Kolonisten.

Auch die naturbedingten Besonderheiten machten den Kolonisten schwer zu schaffen. Mäuse und periodisch auftauchende Heuschreckenschwärme vernichteten einen Teil der Ernte. Die deutschen Siedler lebten daher anfangs von extensiver Viehzucht und gingen erst Ende der 1830er Jahre verstärkt zur Getreidewirtschaft über.

Es sind aber vor allem die klimatischen Besonderheiten, die den Kolonisten als unerträglich erschienen. Das Fehlen von zusammenhängenden Waldflächen, die vor den austrocknenden und Saatgut vernichtenden Winden hätten Schutz bieten können, wirkte sich sehr nachteilig aus. Eine der wichtigsten Maßnahmen der ersten Jahre war deshalb in vielen Kolonien die Anlage eines Wäldchens zum Schutz gegen den Ostwind und zur Brennholzgewinnung. Besonders das Wolgagebiet zeichnete sich durch relativ ungünstige klimatische Bedingungen aus. Größere Niederschläge traten lediglich im Frühsommer auf, so daß die Vegetationszeit hier nur 140 – 150 Tage betrug. Alle vier bis fünf Jahre kam es in diesem Gebiet zu schweren Dürreschäden, die zu starken Mißernten, ja sogar zum Totalausfall der Ernte führten.

Von landwirtschaftlichen Erfolgen konnte deshalb in den ersten Jahren keine Rede sein. Das Errichten der Wohn- und Wirtschaftsgebäude nahm viel Zeit und Kraft in Anspruch. Doch schon kurze Zeit später sollte sich das von den Kolonisten eingeführte Drei- bzw. Vierfeldersystem bewähren. Ebenso wichtig für den späteren Erfolg war die besondere Pflege des Bodens, den man mehrmals umpflügte, um ihn unkrautfrei zu halten. Zur wichtigsten Anbaukultur für die Kolonisten wurde der Weizen, gefolgt von Gerste, Hafer, Roggen, Mais und Sonnenblumen. Zu Zentren des Getreidehandels entwickelten sich im Wolgagebiet später die Kolonien Katharinenstadt und Seelmann. Hier drehten sich bald schon 600 Windmühlen. Im Südkaukasus, auf der Halbinsel Krim, in Bessarabien und bei Odessa spielte auch der Weinanbau eine bedeutende Rolle. Spitzenweine von hier wurden später in ganz Rußland bekannt.

Allmählich stellte sich also in den meisten Siedlungsgebieten der Rußlanddeutschen der wirtschaftliche Erfolg ein. Die erste allgemeine Volkszählung im Russischen Reich wies 1897 rund 1,8 Mio Deutsche aus. Bis zum Ersten Weltkrieg entstanden in Rußland über 3.000 deutsche Dörfer.

Die Integration in das Zarenreich war also gelungen. Sie ist aber vom Beginn der Kolonisation an so angelegt worden, daß die Kolonisten ihre eigene ethnische Entwicklung nehmen konnten. Die Siedlungsweise der Rußlanddeutschen war durch die Möglichkeit eines kompakten Siedelns gekennzeichnet. Damit wurde beabsichtigt, ihnen die Furcht vor der fremden Umgebung zu nehmen und somit die gesellschaftliche Integration in ihre neue Umgebung zu erleichtern. Andererseits führte es aber dazu, daß sich die Rußlanddeutschen später als nationale Minderheit etablieren konnten, d. h. sich ethnisch nicht assimilierten. Den Deutschen war es z. B. verboten, sich in russischen Dörfern niederzulassen. Das Privileg der Religionsfreiheit galt selbstverständlich nur innerhalb der geschlossenen deutschen Kolonien, was einen dauerhaften Verbleib in diesen Kolonien erzwang. Die Konfessionszugehörigkeit stand auf diese Weise von Beginn an einer natürlichen Assimilation durch das russische Ethnos im Wege. Das Verhältnis zwischen Russen und Deutschen war so mehr durch ein Nebeneinander als durch ein Miteinander gekennzeichnet. Die russische Sprache wurde nur von einem Teil der Kolonisten beherrscht. Dabei handelte es sich überwiegend um die städtischen Deutschen. Die Städtischen Deutschen siedelten sich bereits seit dem 16. Jahrhundert infolge von Einzelwanderungen in den größeren Städten Zentral-Rußlands an. 1897 lebten in den 20 Gouvernements des Landes etwa 100.000 Deutsche in Großstädten. Ein großer Teil von ihnen wurde schon bald assimiliert.

Die ab 1871 einsetzende Russifizierungspolitik seitens des Staates änderte bei den ländlichen Deutschen vorerst wenig. Nach dem Ausbruch der Februarrevolution gelang es den Deutschen insgesamt sogar, sich mit dem 1917 ausbrechenden Völkerfrühling landesweit zu organisieren. Den Nachfahren der ethnisch eher diffusen Einwanderergruppen aus dem Mitteleuropa des 18. Jh. war es bis 1917 gelungen, sich zu einer nationalen Minderheit zu entwickeln, die ihre Rechte anzumelden begann.

Zu den Faktoren, die den Übergang zu einer nationalen Minderheit förderten, gehören z. B. die überregionale Verbreitung von deutschen Presseerzeugnissen und die Entstehung von deutschen Vereinen. Sie leisteten neben den deutschen Kirchenorganisationen und der Schule einen wesentlichen Beitrag zur Herausbildung eines die einzelnen Kolonien übergreifenden ethnisch-kulturellen Selbstbewußtseins. Dieses existierte nun nicht mehr nur in Form eines ausschließlich im regionalen Rahmen auftretenden Kontrastbewußtseins.

Besonders die Presseerzeugnisse nahmen als in Hochdeutsch gedruckte Kommunikationsmittel einen das ganze Land übergreifenden Charakter an. Sie formten unter den deutschen Ansiedlern sehr wesentlich das Bewußtsein, einer gemeinsamen „Nationalität“ anzugehören, was sich in den überregionalen Zusammenschlüssen vom Frühjahr 1917 widerspiegelt.

1924: Gründung der Wolgadeutschen Republik

Schließlich führte die Nationalitätenpolitik Lenins dann 1919 zur Autonomie des deutschen Wolgagebietes und 1924 zur Gründung der Wolgadeutschen Sowjetrepublik. In dieser Zeit entstanden auch im Schwarzmeergebiet mehrere Selbstverwaltungsrayons, die zwischen 1935 und 1939 unter Stalin aber aufgelöst wurden. Nur die Wolgarepublik in der ca. 400.000 Deutsche lebten, blieb vorerst von der Auflösung verschont.

Stalins Politik bedeutete das Ende der einst blühenden deutschen Siedlungen. Eingeleitet wurde dieses Ende bereits durch die sog. Entkulakisierung. In der Rede Stalins vom 15. Dezember 1929 wurde die Liquidierung der Kulaken als Klasse gefordert. Diese Forderung steht im Zusammenhang mit den Versuchen der Sowjetmacht, durch die Kollektivierung der Landwirtschaft Überschüsse für den Export landwirtschaftlicher Erzeugnisse zu gewinnen. Um den Widerstand der Bauernschaft gegen die Kollektivierung zu brechen erfolgte in den Monaten Januar bis April 1930 die erste Welle der Massendeportation. Es wurden mindestens 500.000 Menschen, darunter auch 50.000 ethnische Deutsche deportiert. Durch die damit verbundene Zerrüttung der Landwirtschaft kam es besonders in der Ukraine und in anderen Landesteilen zu einer schweren Hungerkatastrophe, obwohl weiterhin noch Getreide exportiert wurde. Der Hungersnot 1932/33 fielen etwa 6 Millionen Menschen zum Opfer, darunter 350.000 Rußlanddeutsche.

Unter der Entkulakisierung hatte die deutsche Bevölkerung besonders schwer zu leiden. Lag der Anteil der auch politisch völlig entrechteten Kulaken im russischen Dorf im allgemeinen bei etwa 10 % der Bauern, wurden die deutschen Kolonien oft als durchgängig kulakische Dörfer betrachtet. Dabei unterlag die Zuordnung zu dieser Groß- und Mittelbauernschicht keinen objektiven Kriterien, sondern blieb der Willkür der kommunistischen Funktionäre überlassen. Jede dritte Familie in den deutschen Dörfern war bereits zu diesem Zeitpunkt entweder ganz oder teilweise von der Deportation betroffen.

In den Jahren 1935/38 setzte im Zusammenhang mit den stalinistischen Säuberungen eine neue Verhaftungswelle in den deutschen Dörfern ein. Allein im Gebiet Odessa wurden im Winterhalbjahr 1937/38 über 1.000 Angehörige der deutschen Volksgruppe erschossen. Eine entsprechende Liste von Erschossenen konnte erst 1991 in der Moskauer Zeitschrift „Neues Leben“ veröffentlicht werden. Neuere Forschungsergebnisse zeigen, daß in der Ukraine damals insgesamt 122.237 Deutsche zum Tode verurteilt worden sein sollen. In vielen Kolonien lebten daraufhin über 80% der Familien ohne Familienoberhaupt.

Der wahre Todesstoß als ethnischer Gemeinschaft wurde den Rußlanddeutschen aber während des Zweite Weltkriegs versetzt. Mit dem Kriegsbeginn und dem Vordringen deutscher Truppen an die Wolga begannen die Vorbereitungen zur Liquidierung der ASSRdWD und der Deportation der Wolgadeutschen. Die sowjetischen Machthaber befürchteten eine Zusammenarbeit der Bevölkerung in den deutschen Siedlungsgebieten mit den deutschen Okkupationstruppen. Der „Erlaß des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR über die Übersiedlung der Deutschen, die in den Wolgarayons wohnen“ vom 28. August 1941 bildete die Grundlage für die im September durchgeführten Deportation von 365.800 Personen deutscher Volkszugehörigkeit. Sie wurden überwiegend in die Republiken Mittelasiens (Kasachstan) und Sibiriens verbracht.

Dekret zur Deportation der Deutschen aus der Wolgaregion vom 28.August 1941

Bereits Anfang September erhielten auch die Behörden des deutschen Reiches vage Informationen über diese Aktionen. Zum 13. September legte das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete „Richtlinien für die Rundfunkpropaganda zur Verbannung der Wolgadeutschen nach Sibirien“ vor. Darin wurde gefordert, die Vertreibung der Deutschen von der Wolga mit der Deportation der Juden Zentraleuropas „in die östlichsten der von der deutschen Verwaltung geleiteten Gebiete“ zu vergelten. (Diese Richtlinien werden heute von Historikern als propagandistischer Bluff zur Verschleierung der wahren Absichten hinsichtlich der NS-Judenpolitik gewertet.) Zeitgleich mit den deutschen Bewohnern der Wolgarepublik sind auch die Sowjetdeutschen aus den anderen Gebieten des europäischen Teils Rußlands sowie aus Georgien und Aserbaidschan deportiert worden.

Deportation der Deutschen aus dem europäischen Teil Rußlands im August 1941,
Gemälde von Viktor Hurr

Nach Ankunft in den Bestimmungsgebieten wurden die Deportierten sofort unter die Aufsicht der Organe des NKWD gestellt. Dazu hatte man bereits am 28. August 1941 im NKWD eine Hauptverwaltung für Sondersiedlungen geschaffen. Diese Siedlungen mußten bei Ankunft in den Deportationsgebieten von den Deportierten erst noch errichtet werden. Später lebten die Familien dort ohne männliche Hilfe, da große Teile der Deportierten in sog. Arbeitsarmeen eingezogen wurden.

Die Einberufung aller männlichen Sowjetdeutschen und Frauen ohne Kleinkinder im Alter von 17 bis 50 Jahren in die sog. Arbeitsarmeen erfolgte nach einem Befehl des staatlichen Verteidigungskomitees der UdSSR vom 10. Januar 1942. Zu einem Teil waren die „Trudarmisten“, wie die Angehörigen der Arbeitsarmeen genannt wurden, in den Betrieben der einzelnen Branchen beschäftigt. Hier erfolgte die Bewachung durch den paramilitärischen Wachdienst des Einsatzbetriebes und nur eine „operativ-tschekistische“ Betreuung durch die NKWD-Organe. Der größte Teil der Arbeitskolonnen war aber in das System des GULAG eingegliedert. Die Betroffenen kamen beim Aufbau der evakuierten Industrieanlagen, im Berg- Straßen und Bahnbau sowie in der Land- und Forstwirtschaft zum Einsatz.

Mit der Massenverbannung zur Zwangsarbeit in wirtschaftlich unterentwickelte Gebiete wurde ein riesiges Arbeitskräftereservoir zur infrastrukturellen Entwicklung dieser Territorien geschaffen. Aus neueren Publikationen geht hervor, daß die Arbeitszeit etwa 12-14 Stunden pro Tag betrug. Die Arbeitsbedingungen und Arbeitsnormen müssen als extrem hart eingeschätzt werden. Hacke und Spaten waren oft die einzigen Arbeitsinstrumente. Im Zustand völliger Rechtlosigkeit wurden die Trudarmisten hier einem harten Sonderregime unterworfen. Sie waren in Baracken oder Erdhütten untergebracht und lebten abgesondert meist hinter Stacheldraht und Wachtürmen. Die Verpflegung dieser Zwangsarbeiter bestand aus Suppe und Brot. Eine medizinische Versorgung fehlte völlig. Die Sterblichkeit unter den Lagerinsassen nahm zeitweise katastrophale Ausmaße an. Neben verschiedenen Krankheiten, die durch die schlechte Ernährung begünstigt wurden, haben auch unzählige Betriebsunfälle bei Zehntausenden zum Tode geführt. Als wichtige Zentren des Einsatzes von Arbeitsarmisten gelten Kuibyschew, Swerdlowsk, Nowosibirsk, Worokuta, Karaganda, Archangelsk und Tscheljabinsk. Im Lagerkomplex von Tscheljabinsk, in dem über 100.000 Rußlanddeutsche inhaftiert waren, verstarben etwa 30.000 Gefangene, die man in Massengräbern verscharrte.

Viktor Hurr: Arbeitslager

Zu weiteren Massendeportationen kam es mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Etwa 200.000 Rußlanddeutsche, die meist aus der westlichen Ukraine stammten, konnten aufgrund des schnellen Vorrückens der deutschen Wehrmacht von den sowjetischen Deportationsmaßnahmen vorerst nicht erfaßt werden. Sie wurden von den deutschen Behörden noch gegen Kriegsende in Polen, im sog. Warthegau angesiedelt. Nachdem sie dort und in der sowjetischen Besatzungszone von den sowjetischen Truppen überrollt worden waren, wurden sie nach einigen Zwischenaufenthalten in Sammellagern „repatriiert“, d. h. in die Hölle der Zwangsarbeitslager und Sondersiedlungen abtransportiert. Von dieser Deportation war auch etwa die Hälfte jener Rußlanddeutschen betroffen, die sich bei Kriegsende in den westlichen Besatzungszonen befanden und von den Westalliierten an die sowjetischen Repatriierungskommandos überstellten wurden. Nur etwa 70 – 80.000 Rußlanddeutschen in den westlichen Besatzungszonen gelang es, unterzutauchen und dem grauenvollen Schicksal der Deportation zu entgehen. Schätzungen gehen davon aus, daß allein während der Festnahme und des Transportes etwa 15 – 30 % der Betroffenen ums Leben kamen. Viele Tausende Deportierte sind noch nach 1945 in den Sonderlagern, die unter Aufsicht des Innenministeriums standen, den Hungertod gestorben.

Die Rußlanddeutschen sollten sich von den Folgen der sowjetischen Politik der Stalinära nicht wieder erholen. Eine Fortexsistenz der Rußlanddeutschen als ethnischer Minderheit war im Zustand der Zerstreuung nicht mehr möglich. Alle Aktivitäten zur Wiederherstellung der Wolgarepublik im Zusammenhang mit Gorbatschows Politik der Perestroika mußten abgebrochen werden. Hinzu kommt, daß der größte Teil der Rußlanddeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg gar nicht in Rußland, sondern in Kasachstan beheimatet war, was neue Probleme mit sich brachte.

Bereits im Juni 1979 war der Versuch der Schaffung eines politischen und kulturellen Kristallisationsschwerpunktes in Zentralkasachstan gescheitert. Damals war vorgesehen, im Gebiet Celinograd einen „Deutschen Rayon“ mit dem Zentrum in der Kreisstadt Ermentau zu schaffen. Eine „deutsche Regierung“ hatte man versprochen. In den größeren Betrieben führte man am 14. Juni Versammlungen durch, auf denen die Schaffung eines autonomen Bezirkes für die deutsche Minderheit verkündet wurde.

Daraufhin regte sich unter der kasachischen Bevölkerung heftiger Widerstand. Am 16. Juni 1979 gingen über 5.000 kasachische Studenten und Lehrer auf die Straßen von Celinograd. Sie führten Transparente mit sich, mit denen sie auf ihre nationalen Interessen aufmerksam machen wollten. Losungen wie „Kasachstan den Kasachen“ und „Kasachstan ist unteilbar“ waren darauf zu finden. Dabei soll es zu Schlägereien gekommen sein, die von nationalistischen kasachischen Studenten angezettelt wurden. Diese nationalistischen Tendenzen lassen sich vor allem damit erklären, daß die Kasachen damals mit nur 36 % an der Gesamtbevölkerung eine Minderheit im eigenen Lande darstellten und um den Fortbestand ihrer Nation bangen mußten. Aufgrund dieser Proteste wurde der Versuch, in Kasachstan ein autonomes deutsches Gebiet zu schaffen, abgebrochen. Als Folge des erwachenden kasachischen Nationalbewußtseins kam es zu einer Forcierung des Ausreisewillens unter den Angehörigen der deutschen Minderheit. Eine Alternative zur Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland gab es deshalb nicht.

Mit der hier dargebotenen historischen Darstellung haben ich versucht, den leidvollen Schicksalsweg der Deutschen aus Rußland nachzuzeichnen. Damit war die Absicht verbunden, dem Leser eine unbekannte, vergangene Welt zu erschließen, die lange Zeit Teil einer uns weitgehend verborgenen oder sogar vorenthaltenen Geschichte gewesen ist. Durch die Rückwanderung von Hunderttausenden Aussiedlern deutscher Herkunft aus den Staaten der GUS trat sie auf einmal in unser Bewußtsein. Möge das „Volk auf dem Weg“, wie sich die Rußlanddeutschen selbst bezeichnen, am Ende seines langen Weges angekommen sein – eines Weges, der vor über 200 Jahren begann und nun hier bei uns seinen Abschluß gefunden hat – als hätte der Kreis sich wieder geschlossen.

Literaturempfehlung:

  1. Eisfeld, Alfred: Die Russlanddeutschen. Studienbuchreihe der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat, Band 2, (zweite, erweiterte und aktualisierte Auflage) München 1999
  2. Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956. Hrsg.: Alfred Eisfeld und Victor Herdt, Köln 1996
  3. Fleischhauer I.: Unternehmen Barbarossa und die Zwangsumsiedlung der Deutschen in der UdSSR. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (2), 1982, S. 314
  4. Walth, H. Richard: Strandgut der Weltgeschichte. Die Rußlanddeutschen zwischen Stalin und Hitler. Essen 1994
  5. Walth, H. Richard: Auf der Suche nach Heimat. Die Rußlanddeutschen. Dülmen 1991
  6. Schnurr, Joseph: Die Kirchen und das Religiöse Leben der Rußlanddeutschen. Evangelischer Teil. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart 1978
  7. Schnurr, Joseph: Die Kirchen und das Religiöse Leben der Rußlanddeutschen. Katholischer Teil. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart 1980
Dr. Christian Böttger

Dr. Christian Böttger

Christian Böttger, geb. 1954, Facharbeiterausbildung als Gärtner für Zierpflanzenbau mit Abitur 1974, studierte von 1983-1988 Ethnographie, deutsche Geschichte und Volkskunde an der Humboldt-Universität zu Berlin. Danach arbeitete er bis Ende 1991 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Wissenschaftsbereich Kulturgeschichte/Volkskunde am Zentralinstitut für Geschichte (Akademie der Wissenschaften der DDR) an einem Forschungsprojekt auf dem Gebiet der Kulturgeschichte sozialer Reformbewegungen in Deutschland um 1900. Ende 1993 promovierte er an der Humboldt-Universität zum doctor philosophiae. Anschließend war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Lexikonprojekten beschäftigt.

Autor der Bücher:

Freie Medien statt Meinungsuniformierung

von Thor Kunkel

Freie Medien statt Meinungsuniformierung

Eröffnungsrede auf dem Kongress der Freien Medien, Berlin, am 10.10.2020

I.

Guten Morgen meine Damen und Herren, ich freue mich Sie zum 2. Kongress der Freien Medien begrüßen zu dürfen. Wir haben ein straffes Programm, ich komme daher auch gleich zur Sache: Deutschland hat kein Politikproblem, sondern ein Medienproblem.

Damit ist jene auffällige Meinungsuniformierung gemeint, die sich inzwischen nicht mehr unter den Tisch kehren lässt. Während der seit Februar medial bewirtschafteten „Corona-Krise“ wurde uns einmal mehr vor Augen geführt, wie einfach es geworden ist, Andersdenkende und Regierungskritiker verbal zu brandmarken und vom Meinungsdiskurs auszugrenzen. Ohne die freien Medien, die unabhängigen Blogger und Influencer, hätten die wenigsten überhaupt von der Existenz kritischer Stimmen erfahren.

In der gegenwärtigen Zerrüttung der Meinungsfreiheit kommt den freien Medien die Rolle von Whistle blowern und kreativen „Übersetzungsdiensten“ zu. Der Ausdruck Lückenpresse greift inzwischen tatsächlich zu kurz, wo vorsätzlich falsch informiert wird. Wenn die Verwüstungen ganzer Innenstädte durch Randalierer als „neue deutsche Partyszene“ verharmlost werden, andererseits ein paar fahnenschwenkende, friedfertige Demonstranten auf der Treppe des Reichstags als – Zitat – „Sturmtruppen“ und „rechter Mob“ in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden, dann zeugt das von der Absicht, uns, die Noch- Mehrheitsgesellschaft, auf eine fast schon kriminelle Art und Weise zu täuschen.

Dass solche Falschdarstellungen der aktuellen Geschehnisse von der breiten Masse immer noch geschluckt werden, liegt am großen antifaschistischen Narrativ der Berliner Republik, dem sich täglich fortschreibenden Framing aller Gesamtereignisse des Landes. Da das Ganze nur funktionieren kann, weil die Mainstream-Medien in perfekter Synchronisation senden, möchte man fast von einem Simulacron – also einer künstlich hergestellten Realität – sprechen, in der viele Zeitgenossen noch immer zuversichtlich in die Zukunft schauen: Hier hat die Regierungschefin noch alles im Griff, hier gibt es keine Zensur, dafür aber eine brandheiße Gefahr namens „Das IV. Reich der alten weißen Männer“ – und Greta Thunberg gilt als Öko-Ausgabe von Harry Potter. Man möchte an dieser Stelle mit Franz Kafka rufen: „Nichts Böses; hast du die Schwelle einmal überschritten, ist alles gut.“ So ist es hier und es ist möglich geworden, da die meisten unserer Mitmenschen einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Lebenszeit nicht mit – sondern in den Medien zubringen.

William Gibson äußerte dazu kürzlich: „Wir leben heute im Internet, statt es zu nutzen.“ Das ist zweifellos wahr. Und selbst die neuen Medien, die zuerst eine Alternative zu den Alt-Medien boten, haben die Sinndiffusion am Rande dessen, was gut und richtig ist, noch verstärkt. In ihrer Effizienz leisten die gleichgeschalteten Medien heute – im Hinblick auf 2021 – die Arbeit von „Wählertäuschungsanstalten“. Sie verhindern de facto eine objektive Beurteilung der Politik. Es ist ja nicht nur, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr stimmt. Muttis Governance – kurzStaatstechnologie –, also das definierte „Produkt“, für das die Bürger Steuern bezahlen –, schadet dem Land offensichtlich mehr, als es nützt. Die Kosten hat der Bürger zu tragen. Doch da die politische Kaste weder ISO-Zertifizierung noch ein Top Quality Management-Gütesiegel braucht und der unzufriedene Kunde als Wähler alle fünf Jahre wieder legal durch eine neue Koalition ausgetrickst wird, ist der dringend nötige Kehraus in den Mainstream-Medien nicht zu befürchten. Ursache ist möglicherweise auch die von Hans-Hermann Hoppe in Democracy – The God That Failed konstatierte Abkoppelung der Subventionierung des Politikers von der Zufriedenheit seiner steuerzahlenden »Kunden« – der Wähler: Ihre Gehälter bleiben gleich, ob ihr Produkt den Konsumenten zufriedenstellt oder nicht. Das heißt, auch die Arbeit der dienstbeflissenen Manipulatoren geht einfach so weiter.

Der Denker-Club, 1819, deutsche Karikatur auf die Karlsbader Beschlüsse, die die Demagogenverfolgung einleiteten

II.

Damit bin ich beim eigentlichen Thema und ich möchte mit einem Zitat des britischen Kulturkritikers Arnold Toynbee beginnen: Werden wir richtig informiert? Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass von der Antwort auf diese Frage die Zukunft der Gesellschaft abhängen wird.

Auf die Situation in Deutschland gemünzt, hängt von der Antwort auf diese Frage womöglich das Überleben der Noch-Mehrheitsgesellschaft ab, die tagtäglich geframed – d.h. hereingelegt wird. (Als das Wort 2017 im Zusammenhang mit dem BTW erstmals größere Kreise zog, war bemerkenswert, dass kein einziger Journalist auf die negative Bedeutung des Wortes hingewiesen hat.)

»Framing« nennt sich diese erstmals 1974 von Erving Goffman beschriebene Kommunikationsstrategie. Sie »bedeutet in der journalistischen Praxis, bestimmte Aspekte einer allgemein wahrgenommenen Realität auszuwählen und sie in einem Text so hervorzuheben, dass eine bestimmte kausale Interpretation für den beschriebenen Gegenstand gefördert wird«. Dies beschreibt in der Medienwirkungsforschung auch die Einbettung von politischen Ereignissen und/oder Themen in ein vorgegebenes Deutungsraster, sodass die Problemdefinition einer ganz bestimmten moralischen Bewertung und/oder Handlungsempfehlung dient.

Wenn Medien in ihrer Mehrzahl dieses Framing von Nachrichten leisten, dann ist es sicherlich nicht verkehrt,von Wahrnehmungs- oder Perzeptionsfiltern zu sprechen. In einem alten Handbuch der Medienwissenschaften aus den 1970er Jahren fand ich allerdings eine andere, viel interessantere Definition: a) Medien sind unsichtbare Maschinen der gesellschaftlichen Vernetzung. Und b) Sie legen dem Kommunizierten eine Form auf. Besonders schön auch ein Nachsatz: Je selbstverständlicher wir Medien benutzen, desto mehr haben sie die Tendenz zu verschwinden. Mediennutzung geschieht weitgehend unbewusst.

Ja, gute, alte Informationstheorie! Wer weiß heute noch, wer Max Bense war, Norbert Wiener oder Heinz von Förster? Ihre Erkenntnisse wurden und werden von sich progressiv wähnenden Kräften der Gesellschaft genutzt und haben inzwischen ein kontinuierlich laufendes, selbstreferentielles Kommunikationssystem hervorgebracht. Man möchte im sozio-kybernetischen Sinn von einer Taktung des Menschen sprechen, einer Art regelmäßiges Updaten, damit das Individuum mit den laufenden Ereignissen Schritt halten kann. Die Medien helfen ihm, diese Ereignisse schnell einzuordnen und zu evaluieren.

Mir scheint daher, dass der Begriff Denkprothese für ein Medium ganz passend ist. Kein Ersatz, sondern analog zu Apps und Algorithmen – eine Art Gehhilfe des Gehirns. In einer Gesellschaft, die durch das Propagieren von „einfacher Sprache“ bewusst ihr kulturelles Niveau absenkt, dürfte es kaum auffallen, wenn sich auch Journalisten vorgefertigter Sprachbausteine bedienen und diese in einem vorher abgesteckten Rahmen variieren.

Wer einmal versucht hat, mit jüngeren Linken zu diskutieren, wird festgestellt haben, dass die meisten – so sattelfest sie ideologisch sein mögen – eine große zerebrale Ermattung ausstrahlen. Statt eigene Gedanken zu formulieren, reihen sie wie ausgestanzt wirkende Sprachmuster aneinander. Man könnte von einem in sich stimmigen Wahnsystem sprechen und genau das verweist auf einen „Rahmen“, der ins Unterbewusstsein implementiert worden ist und dafür sorgt, dass ein gutes Mitglied dieser Gesellschaft immer nur das sieht, was man es sehen lassen will. Wer die ihm angebotenen Denkprothesen konsequent nutzt, dürfte als menschliches Wesen komplett in den staatlich gelenkten Informationsregelkreisläufen aufgehen und das Wahrnehmungsangebot der freien Medien als Störungen empfinden. Es ist gut möglich, dass es auch schon Personen gibt, bei denen eine nicht-konforme Reportage zur Einwanderung zu physischer Übelkeit führt. In den freien Medien manifestiert sich dagegen die Unwägsamkeit der conditio humana, die von der Norm abweichen will.

Nun könnten prothetische Hilfsmittel durchaus auch positive Effekte haben. Das könnte auch auf die Mainstream-Medien zutreffen, wäre da nicht der inoffizielle, aus den USA stammende Verhaltenskodex namens Political Correctness. Sie bleibt der größte Feind der Meinungsfreiheit.

Insofern sind also die „Medien“ – als technische Erzeuger der allgemein vorherrschenden Verblendungszusammenhänge – gar nicht die Feinde der freien Medien, sondern die selbsternannten autoritären Gedankenbetreuer und journalistischen Bevormunder. Unterstützt werden diese inoffiziellen Aufsichtspersonen von neuen „Zensurunternehmen“, die die ungefilterte Meinungsäußerung in den sozialen Medien bereits empfindlich einschränken konnten.

Auch über Political Correctness wurde schon viel gesagt, ich möchte im Sinne der guten, alten Informationstheorie eine Übersetzung liefern, die nicht nur das Hirn, sondern auch das Herz ansprechen dürfte, und damit sind wir dann auch gleich bei den Freien Medien.

III.

ODE AN DIE POLITICAL CORRECTNESS

Wäre Political Correctness eine Frau, ihre Persönlichkeit wäre eine grässliche Mischung aus Klageweib, Mutter Teresa und Henriette Reker alias »die Frau mit der Armlänge«, wohlgemerkt nach einer Panchakarma-Kur mit Sibylle Berg: Ach, kotz, wie herrlich werden hier die Toxine gelöst … all die kleinen Gifte, die frau so in sich trägt … Wir speien sie dem alten weißen Mann einfach mal ins Gesicht. Take that, you bastard!
Diktatorin eines geistigen Wohnzimmerreiches, hysterisch nervende Klugscheißerin, Vorschreiberin, giftversprühend wie Annetta Kahane, wenn sie auf ihre Vergangenheit beim DDR-Spitzeldienst angesprochen wird. Eine kleine, geile Dreckschleuder, immer bereit zum Kampf gegen die bitterböse rechte Gefahr. Immer das Prisma der Lüge im Anschlag, um die Wahrheit zu brechen. Was wahr sein darf, ist sowieso nur, was ihr nützt. Fakten lösen bei ihr schnell eine posttraumatische Belastungsstörung aus. Das macht sie zur Urenkelin der Inquisition und jener geistigen Grabesnacht, die vor der Aufklärung herrschte, aber auch zur Wegbereiterin des neuen islamischen Mittelalters, das sich noch im Gefältel ihrer Robe verbirgt … Im günstigsten Fall spielt sie sich als Lebensratgeberin auf, die den Deutschen entschieden abrät zu leben! Wie das, wo doch jeder Idiot weiß, dass sich Leben ausbreiten, dass es wachsen will und dass es – Vorsicht, ihr hypersensiblen Seelchen! – auch das Verdrängen von anderem Leben erfordert.

Nicht anders hat es die eine oder andere Gattung an die Spitze der Nahrungskette geschafft. Das Ganze heißt Überleben. Der Deutsche dagegen unterlebt, wie es ihm nach ‘45 beigebracht wurde (wenn dieses Vor-sich-hin-Vegetieren als schuldbeladener Schrumpfgermane in einer landesweiten Besserungsanstalt überhaupt noch etwas mit Leben zu tun hat). Der Gutdeutsche folgt lieber dem Rat einer blutleeren, von amerikanischen Marxisten ausgebrüteten »Spinne«:

Man muß nur etwas sagen, das ihr nicht passt. Zupf den Klingeldraht und siehe da, aus der Tiefe des Raums dampft ein verhärmtes Etwas heran, eine Weltgeist-Schimäre, die nichts weiß und doch andauernd Lehrreiches auszuspucken versteht. Stinklangweilig, sozial inkompetent, frustriert und unglücklich darüber, dass die Welt so ist, wie sie ist, predigt diese mit geistiger Syphilis parfümierte Kokotte den totalen Verzicht auf das Leben. Vom Standpunkt eines Lebewesens aus zwar nicht zu verstehen … es sei denn, man hat Selbstmordabsichten. Was P. C. aber nicht irritiert, sie kann und weiß nada, wie die norwegische Gender-Trine »Kati« Egeland, und gleicht somit einmal mehr einer gescheiterten Existenz, die es nicht verkraftet, dass kein Aas etwas mit ihr anfangen kann. Sie ist etwas, dass einem Stock im Allerwertesten verdächtig gleicht, freilich einem, der dauernd den Takt vorgeben will … was der Grund ist, warum diese Schreckgeschraubte auch keine Freunde außer anderen Arschlöchern hat! Ein Urteil ohne Vorurteil wird selten in ihrem Namen verhängt. Wird sie kritisiert, reagiert sie wie eine verzogene, daueradoleszente Prinzessin, der nichts gut genug ist und die den Dolch, den sie bei sich trägt, auch ohne Bedenken gegen die besten Freunde gebraucht. Bekommt sie nicht, was sie will, wird sie psychisch labil, packt die Jakobiner-Hass-Kappe aus, trommelt ihre Antifa-Kumpels zusammen, rennt los, schreit Zetermordio – während sie Häuser abfackelt und auf Leute eindrischt, die ihr nicht passen.

Sie versteht sich – und das ist das Absurde – als Ordnungshüterin, als Vertreterin des Bürgerlichen Gesetzbuchs, das sie selbst nie gelesen hat, geschweige denn respektiert. Im Grunde ist Political Correctness die neidischste und tollwütigste Megäre, die diesen Namen auch voll verdient; sie ist die größte Schande für den denkenden Teil der menschlichen Rasse und hätte es zigfach verdient, auf einem der von ihr angerichteten Scheiterhaufen zu brennen!

IV.

Damit sind wir dann auch beim denkenden Teil der menschlichen Rasse und dem Bereich, in den sich die Vernunft des Menschen zurückgezogen hat – in die Sphäre der freien Medien, die in der Informationstheorie dem Verhältnis von Materie zu Antimaterie entsprechen: Explosive Auseinandersetzungen sind vorprogrammiert, denn Deutschlands Medienproblem kann und wird nur durch neue, entgegengesetzte und bessere Medien gelöst werden. Nun möchte man altersmilde darauf spekulieren, dass sich hier eine sukzessive Ablösung, ein allmähliches gegenseitiges Durchdringen durchsetzen wird, doch angesichts der sich selbst schützenden Propagandamaschine, die nicht einmal mehr davor zurückschreckt, verdiente Mitstreiter wie den treuen Clas Relotius über die Klinge springen zu lassen, sollte man eher davon ausgehen, dass ein Diffundieren nicht stattfinden wird: Stattdessen dürfte den neuen Medien nur die Flucht nach vorn und der Angriff auf die etablierte Themenindustrie bleiben. Dabei steht ihnen nicht nur eine technologische Übermacht gegenüber, sondern ein regelrechtes „Medienregime“, dessen Zerschlagung eben auch das Ende der Mediendemokratie bedeutet. Das ist auch den Medienfürsten bewusst.

Die so genannte Coronakrise, in der jeder, der sich nicht zur größten Panikmache bekennt, als Covidiot oder Aluhutträger abgestempelt wird, könnte ein lohnendes Feld sein, um der tönenden und aufgeblasenen Medienrhetorik die Luft rauszulassen. Ein anderes ist die schon fast wieder versandete Debatte um Cancel Culture – die Unsitte, Personen, denen man eine bestimmte Haltung zuordnen kann, negativ zu etikettieren und in eine existentiell bedrohliche Lage zu bringen. Die offensichtlichste Rolle der freien Medien entspricht heute schon der Funktion, die es beim Spiegel oder der Süddeutschen schon lange nicht mehr gibt – die des Op-Ed-Kommentators (der redaktionellen Meinung entgegengesetzt).

Eine weitere Rolle sehe ich im Gleichnis von dem Mann, der lange Zeit keinen Mund hatte, um zu sprechen, und der sich nun freut, dass er ihn wiedergefunden hat und diese erfreuliche Tatsache nutzt. Es geht ihm um das ungebremste Benennen der Auswirkungen des ›Weltumfahrungsmodells‹, dem sich Deutschland nicht erst seit der jüngeren Geschichte anvertraut hat. Deutlich wird: Die fremdgesteuerte und aufwendig produzierte Simulation von Welt und Geschichte – im Detail für den Einzelnen über die eigene Sinneswahrnehmung nicht oder nur in den seltensten Fällen verifizierbar –, hat heute ihre Grenzen erreicht. Und auch das muss einmal gesagt werden: Die „Abständigkeit“ von der Wirklichkeit lässt sich nicht weiter biegen. Fakten wurden und werden nur noch durch „Geglaubtheiten“ ersetzt. Die Gesichtsfelddefekte im programmierten Bewusstsein der Öffentlichkeit lassen sich aber nicht länger kaschieren. Die Projektion, die bislang wie eine Dunstglocke über Deutschland lastete, ist nicht mehr willfährig-gefällig, untertänig-verformbar – sie ist brüchig geworden und deutlich begrenzt. Auf dem Präsentierteller des Simulakrums findet sich die Faktizität der Ereignisse nur noch in kleinsten Partikeln wieder – clues (engl. Hinweise), die gewisse Ereignisse ausschließen und andere wahrscheinlicher machen. Dieses Wissen hat viele von uns zu wahren „Kombinationsmaschinen“ des Alltags und subversiven Winkelzüglern gemacht. Aus Wahrscheinlichkeiten und Unschärferelationen konstruieren wir das Sinn-Gestänge, an dem wir uns – mühsam am Rande der Informationsautobahn des Systems vorbei – zu unseren Erkenntnissen über die eigene Lebenswirklichkeit hangeln. Selbst wenn wir wissen, dass diese Ergebnisse fragwürdig sind, ziehen wir sie den Wahrnehmungsangeboten der Medienkonzerne eindeutig vor. In Deutschland befinden wir uns daher in einer neuen anthropologischen Situation, die einem Angsttraum von Elias Canetti entspricht: »Ohne es zu merken, hätte die Menschheit die Wirklichkeit plötzlich verlassen; alles was seither geschehen sei, wäre gar nicht wahr; wir könnten es aber nicht merken. Unsere Aufgabe sei es nun, diesen Punkt zu finden, und so lange wir ihn nicht hätten, müssten wir in der jetzigen Zerstörung verharren.« (Elias Canetti: Die Blendung, Wien, 1936).

Ich glaube, mit diesem Satz ist die immens wichtige Aufgabe der freien Medien für die nächsten Jahre klar definiert, und man kann allen nur viel Glück wünschen, denn Sie werden es brauchen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Wir bedanken uns bei Thor Kunkel für die Veröffentlichungsgenehmigung.

Thor Kunkel

Thor Kunkel, geboren 1963 in Frankfurt am Main, studierte bildende Kunst und arbeitete von 1985 bis 1992 für Werbung und Film. Für seinen ersten Roman „Das Schwarzlicht-Terrarium“ wurde er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem Ernst-Willner-Preis ausgezeichnet. Sein nächster Roman „Endstufe“ über die Pornofilmindustrie im Dritten Reich löste eine heftige Debatte in den Feuilletons aus. Thor Kunkel hat außerdem mehrere Hörspiele geschrieben.

Biographisches auf der Thor Kunkels Internetseite (www.thor-kunkel.com)

Ich bin ein Mensch des Gleichgewichts. Ich lehne mich instinktiv nach links, wenn der Kahn rechts zu kentern droht – und umgekehrt. (THOMAS MANN, 1934, in einem  Brief an Karl Kerényi)

Naturphilosophie und Biologie, Andy Warhol und Stanley Kubrick, Pulp-Fiction und die Utopie des III. Reiches, Cargocult und gesellschaftskritische Dystopien  – sie bilden den intellektuellen Hintergrund Thor Kunkels, einer Ausnahmeerscheinung unter den Repräsentanten der neuen „rebellischen“ , von den Mainstream Medien ausgeblendeten deutschen Gegenkultur, die sich dem Konsens eines ideologisch manipulierten Weltbilds verweigert.

Der Schriftsteller galt Volker Weidermann, Feuilleton-Chef der FAS, bis 2004 als ein Hoffnungsträger der deutschen Gegenwartsliteratur.

Der Ernst-Willner-Preisträger wurde jahrelang von den Medien hofiert und vom Literaturbetrieb mit Stipendien gefördert. Das alles ändert sich schlagartig nach einer vom Spiegel lancierten Rufmord-Kampagne, die dem Autor – anhand eines von Kunkel verfassten Werkstattberichts „Revisionismus“ unterstellte. Was folgte war einer der heftigsten Literaturskandale der Gegenwart. Nie zuvor wurde ein Autor von den Medien dermaßen „hart, unerbittlich, um nicht zu sagen, gnadenlos“ (Volltext, 9/08) gejagt und beschimpft.

Dem 2004 von den Medien formulierten Kulturvorbehalt folgte die intellektuelle Ausbürgerung des Schriftstellers. Seine Romane werden demonstrativ von den Feuilletons, die sich als verlängerten Arm der Political Correctness verstehen, ignoriert oder nur schubweise rezensiert –, damit Kunkels erzählerisches Werk allmählich in Vergessenheit gerät. Die Vernichtung des Künstlers soll wie im Stalinismus durch gezieltes Verschweigen geschehen.

Schaut man sich Kunkels Bibliografie genauer an, stellt man allerdings fest, dass das Thema „III. Reich“ nur eines von vielen ist: Auch utopisch-technische Romane („Schaumschwester“), mit Herzblut geschriebene Noir-Krimis (“Kuhls Kosmos“) und eine beißende Gesellschaftskritik wie „Subs“ (verfilmt 2018 als HERRliche Zeiten von Oskar Roehler) belegen die Bandbreite dieses Autors, den manche Kritiker zu den besten Schriftstellern der jüngeren, deutschen Gegenwart zählen.

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit arbeitet Thor Kunkel heute als Kreativ-Direktor einer Schweizer Werbe-Agentur, – eine „Industrietätigkeit“, wie er meint. Berufliche Stationen waren u. a. führende Agenturen wie Young & Rubicam, GGK London, Team BBDO, Scholz & Friends, Wunderman Cato Johnson und McCann-Erickson Amsterdam, wo er einige preisgekrönte Kampagnen entwarf. Nebenbei engagierte sich Kunkel immer wieder für humanitäre Hilfsorganisationen wie Mensen in Nood, die Stiftung „S.A.N.E. – A National Emergency“ und die niederländische SIRE – Stichting Ideele Reclame.

„Ohne Helden werden wir nicht auskommen“ – Der Fall Monika Maron

von Matthias Matussek

„Ohne Helden werden wir nicht auskommen“ – Der Fall Monika Maron

Ein Besuch bei der Autorin anlässlich ihres neuen Romans „Artur Lanz“ und eine Kritik der Kritiken.

In Zeiten des Kulturkampfes werden Feuilletons zu Schlachtfeldern. Die Etikettierung als „neurechts“ kann Existenzen vernichten, ein Klima der Einschüchterung im Diskurs hat um sich gegriffen im Westen, auch über die Schriftstellerin Monika Maron ist seit ihrem magisch-realistischen Roman „Munin“, in dem einige Figuren die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin kritisierte, ein Schatten gefallen.

Da sich die Wochenzeitschrift DIE ZEIT offenbar als Maß aller Dinge sieht, schickte sie im vergangenen Mai den als Spaßmacher im Feuilleton angestellten Redakteur Moritz von Uslar („99 Fragen“, „Auf ein Frühstücksei mit Claudia Roth“) nach Vorpommern, um der Frage nachzugehen, ob die Schriftstellerin Monika Maron noch möglich, bzw. „noch nicht ganz unmöglich“ sei.

Hinter dieser lockeren Ironie des Redakteurs lauerte selbstverständlich die garnicht lustige, ja in der Tat gänsehauttreibende Frage, mit welchen Konsequenzen die ins achtzigste Jahr hineinlebende vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin zu rechnen hätte, sollte sie von ihm als „unmöglich“ etikettiert werden.

Sie selber übrigens war dieser Frage in einem anderen Deutschland bereits einmal ausgesetzt, sie erhielt daraufhin Publikationsverbot und wurde von der Stasi observiert.

In einem noch früheren Deutschland war ihr jüdischer Großvater Pawel mit dem Unmöglichkeits-Verdikt ermordet worden von ordnungsliebenden Deutschen, die sich ebenfalls als Mass aller Dinge fühlten.

Anlässe zu einem Besuch bei Monika Maron in ihrem Haus in Vorpommern gab es reichlich – da war nicht nur ihr Jubiläumsjahr, sondern auch ein neues Werk zu besprechen, ihr zehnter Roman mit dem Titel „Artur Lanz“.

Matthias Matussek besucht Monika Maron in Vorpommern

Und der hat es in sich, denn er bewegt die (in diesen Zeiten der Denkmalszertrümmerungen) jäh hitzig diskutierte Frage, ob ein Volk Helden braucht und was es mit ihnen anfängt. Bekanntermaßen hat sich die Lesart durchgesetzt, dass wir in postheroischen Zeiten leben. Helden sind obsolet, es gibt sie, nein, es darf sie nur noch im Kino geben (dort aber bitteschön massiv).

Brauchen wir Helden? Spannende Frage. Leider erfuhr man der ZEIT-Reportage so gut wie nichts über den Roman, aber Reporter Uslar kennt die In- und Out-Listen der Lifestyle-Magazine genau, er weiß, was In ist, also was geht, bzw. „gerade noch möglich“ ist, und das bezieht sich nicht nur auf das Label der Jeans, sondern auch das im politischen Diskurs.

Er kennt die Gefahren, die mit einem allzu sorglosen Griff in den politischen Kleiderschrank verbunden sind: „Das kann vorkommen, dass ein allseits geachtetes Mitglied des Literaturbetriebs ins Abseits gerät – zuletzt hat sich der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp, unter anderem mit Äußerungen zur Meinungsfreiheit in der Demokratie, in eine Ecke begeben.“

Mittlerweile wird sich herumgesprochen haben, dass nicht Tellkamp sich „in irgendeine Ecke begeben hat“ , sondern dort vom linksliberalen juste milieu, das die verschmockte Zeit verkörpert wie nichts sonst, abgestellt wurde, um dem Bombardement mit faulen Eiern höhere Trefferquoten zu garantieren.

Ach übrigens: Jüngst erschien im US-Magazin „Harper‘s“ ein Brief, der von 150 auch linken Autoren und Akademikern unterzeichnet wurde (u.a. Noam Chomsky und J.K.Rowling) , ein Brief, der sich  gegen die neuen Sittenwächter von links und ihr „moralisches Gehabe“ wendet, das „die offene Debatte und Tolerierung abweichender Meinungen zugunsten eines ideologischen Konformismus schwächt.“

(Mittlerweile hat es einen deutsches Pendant dazu gegeben, den von Milos Matuschek formulierten Appell für freie Debattenräume: https://meedia.de/2020/09/16/warum-ich-den-appell-fuer-freie-debattenraeume-unterzeichne/)

Ich schaute damals selber nach bei Maron und wurde von der Autorin samt Hund Bonnie am Bahnhof im Nachbarort abgeholt

Monika Marons „Artur Lanz“ ist ein reichlich abgerüsteter, ein gebrochener Held, blonde Locken, um die 50, geschieden, er sitzt da auf einer Bank und kritzelt mit einem Ast im Sand, die Autorin kommt mit ihm ins Gespräch und erfährt, dass er von seiner schwärmerischen Mutter nach dem legendären Ritter Arthur der Tafelrunde benannt wurde, was umso besser passte, als sich der Nachname Lanz umstandslos in Lancelot hinausträumen ließ.

Heldentaten hat dieser Lanz nicht vorzuweisen bis auf jene eine, erschütternd banale: Er ist seinem Hund, der ihm samt Leine in ein Rapsfeld getürmt ist, hinterhergelaufen, immer tiefer in diese undurchdringliche Schlingpflanzenwelt hinein, hat ihn schließlich kläglich fiepsend und komplett verheddert befreit und gerettet.

Er kämpft sich in glühender Hitze durchs Feld, er kämpft bis an den Rand des Kollaps, bis ihm die Sinne schwinden, und als sich nach der Rettung der Puls wieder beruhigt hat, überkommt ihn ein „fast heiliges Gefühl. Ich hatte mein Leben riskiert. Für einen Hund. Für einen Hund, weil ich ihn liebte.“ Und die Erkenntnis, dass er seinen Hund mehr liebe als seine Frau, schwoll in ihm an. Schließlich im nüchternsten Maron-Ton: „Im Winter bin ich ausgezogen. Den Hund hat sie behalten.“

Verschiedentlich trifft diese Charlotte Winter ihn wieder, mal nach einem Schauer in einer Kneipe, mal zum Abendessen, er berichtet von einem politisch inkorrekten Kollegen im Institut (der hatte tatsächlich in einer erregten Diskussion von einer Ökodiktatur, von einem „grünen Reich“ gesprochen), Artur  hält sich raus, beginnt aber ein Krav-Maga-Training, verstaucht sich prompt die Hand.

Oh ja, Maron hat Sinn für Komik, sie spielt das Thema Heldentum in den verschiedensten Runden durch, unter anderem in größerer Gesellschaft mit einer gewissen Penelope, die verdammte Ähnlichkeit mit einer berühmten Grünen-Politikerin hat.

„Diese Helden hätten nun wirklich genug Unheil in der Geschichte angerichtet, rief Penelope mit routinierter Empörung in der Stimme und stellte ihr Glas dabei mit Schwung auf den Tisch, so dass der Wein fast überschwappte.

Nein, Penelope, mischte sich Ulrike Zeisig ein, das sei doch zu einfach. Was ist mit Stauffenberg oder Bonhoeffer, sind das etwa keine Helden?“ Doch die Sache wird noch komplizierter, denn jetzt kommen die Hormone ins Spiel.

„Penelope verkündete, sie sei jedenfalls sehr froh, in einem unaggressiven, nicht von Testosteron beherrschten Land zu leben, worauf ich mich nicht beherrschen konnte und das Wort, das bisher alle vermieden hatten, als Brandbeschleuniger in das bislang nur glimmende Feuer warf.

Warum sie dann den Einzug des Islam in Deutschland so wohlwollend kommentiere, wie ich ihren öffentlichen Äußerungen habe entnehmen können.“

Spätestens hier, bei den bärtigen Muckibuden-Stammgästen, hätte sich unser Revisor von der Zeit „einbringen“ können, als Freizeitboxer, der unlängst verkündete, mit AfD-Sympathisanten würde er nicht lang reden, da gibt’s im Kampf um das bessere Argument gleich auf die Fresse, was er allerdings Monika Maron ersparte, wohl weil hier die Beweisdecke zu dünn war.

„Aber tatsächlich kam er mir dauernd mit der AfD und warum die hier 20 Prozent hat“. Nicht der Roman, sondern Marons politische Einstellung, die von den Revisoren in der SZ bereits als „auffällig“ bezeichnet wurde, interessierte ihn.

Sie nimmt einen tiefen Zug an ihrer langen schmalen Zigarette, die polnische Marke Pueblo, und erklärt es auch mir. „Es gab hier eine Initiative gegen weitere Windmühlen, ein Verein wurde gegründet, Manuela Schwesig war hier, es gab Vereinbarungen – und dennoch wurden die Dinger gebaut, mit der Allüre: ihr da unten könnt uns mal. So kommen 20 Prozent zustande.“

Pause. Ihr Enkel Anton ist aufgetaucht. Wir steigen hinunter zur Küche, sie hat das Osterlamm aufgetaut, dazu werden Pfifferlinge geschnibbelt, Speck ausgelassen, Kartoffeln gekocht, Anton ist Fan von Borussia Dortmund, sie natürlich auch, tatsächlich ist einmal pro Jahr ein Besuch im Iduna Park fällig.

Zeit für einen Gartenbesuch, ein schönes einfaches Haus mit terracotta gestrichenem Mauerwerk, zahlreiche Kirschbäumchen, ein veritabler Tschechowscher Kirschgarten, dazu Birken und Lärchen, alle selber gepflanzt, und dann der Blick übers weite Land. Das Haus gehört ihr seit 1981, und wenn sie es in den alten Zeiten mal nicht mehr aushielt, floh sie hierher, in die Natur, in die Stille, auch in die wilden Unwetter, denn schließlich, sagte sie sich, „über den Himmel können sie noch nicht bestimmen.“

Ein wirklich unbefangener und über ihr Werk informierter  Besucher könnte mit ihr über die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit unter totalitären Bedingungen reden, über „Flugasche“, diesen so genauen und sprachmächtigen Erstling Marons, über die ideologische Feilscherei mit der Redakteurin Luise darin über den richtigen, aber verbotenen Satz „Bitterfeld ist die dreckigste Stadt Europas“.

Oder über die Sanftheit in „Animal Triste“ und den persönlichkeitszertrümmernden Schrecken der Liebe, ein Roman, den Marcel Reich-Ranicki als „grandios“ bezeichnete oder den raffinierten und eiskalten Vatermord in „Stille Zeile sechs“, den sie selber für ihr bestes Werk hält – er handelt vom langen Sterben und den Lebenslügen des Politkaders Beerenbaum, eine fesselnde, grimmig-groteske Abrechnung mit dem SED-Funktionär und späteren DDR-Innenminister Karl Maron, den ihre Mutter nach dem Krieg heiratete und ihr Stiefvater war.

Diese Autorin beherrscht alle Tonarten, eben auch die Angriffslust und die Zweifel des Debattenromans, und das ist „Artur Lanz“, denn wer ist heute noch Held oder Heldin?

Als Kind las sie mit Herzklopfen über die Partisanin Soja im Kampf gegen die Faschisten, auch der Mord kann eine Heldentat sein, sie zitiert im Buch eine Erinnerung des alten Stechlin von Fontane, dann die stalinistische Version, in die Brecht die Anekdote in seiner grauenhaften „Maßnahme“ umgeschmiedet hat.

Wer ist Held oder Heldin? Batman, Jeanne d’Arc, die Rettungstrupps in Fukushima?

Monika Maron umspielt das Thema in den unterschiedlichsten Lichteinfällen, und auf einiges hat sie einfach keine Antwort.

Aber eines steht für sie fest: „Wer nicht beschützen will, was er liebt, wird es verlieren. Heldentum ist für mich etwas zwischen Opferbereitschaft und Liebe. Helden sind Einzelne, eine Heldentat ist eine außergewöhnliche Tat. Davor steht der normale, zivile Mut zu sagen und zu tun, was man für richtig hält, auch wenn es Ärger einbringt.“

Ach, sagt sie, es gibt die unterschiedlichsten Formen von Heldentum, und Heldenmut ist nicht den Männern vorbehalten.

Ihr Artur Lanz findet dann tatsächlich zu seiner ihm gemäßen Form des Heldentums, man könnte auch sagen zu einer Art Bekenntnis.

„Er ist kein Held, aber auch kein Feigling, das ist doch schon was“, sagt Monika Maron, diese zierliche, wundervoll unmögliche, schwarz gewandete, fast 80-jährige Autorin und Heldin der Unbeirrbarkeit zum Abschied vor ihrem Haus in Vorpommern.

Doch es sollte noch dick hinterhergewütet werden, denn als der Roman die Gemüter so richtig in Wallung gebracht hatte, rückten die weiblichen Schwadronen an.

Und nun entfaltete sich eines der lustigsten (und sicher gänsehauttreibendsten) Spektakel der Feuilletons der letzten Monate: Das stetige und unablässige Abschlachten von Monika Maron in den sogenannten „etablierten“ Feuilletons, die sich längst nicht mehr voneinander unterscheiden lassen.

Warum lustig? Weil einige Figuren im Roman behaupten, dass man nicht mehr alles sagen dürfe in unserem Lande, worauf die Rezensent*Innen brüllen: Buh, pfui, das geht zu weit, das darf man jetzt wirklich nicht sagen, geschweige denn schreiben, raus mit der Dame!

Bemerkenswert weiterhin ist, dass bereits „Flugasche“, Marons Debüt-Roman über die Umweltkatastrophe Bitterfeld in der DDR, dort 1981 nicht erscheinen durfte, denn er handelte auch von beengten Meinungskorridoren. Ja, er beschäftigte sich ganz besonders mit den „Grenzen des Sagbaren“ (SPD-Lars Klingbeil nach dem Rauswurf Sarrazins aus der Partei) unter totalitären Bedingungen.

Links oder rechts. Mehr interessiert nicht. Holzhacken, mit einem schon besorgniserregenden „Nuancenverlust“ (Sloterdijk).

In der FAS rühmt die Rezensentin, die frisch bestallte Leiterin des FAS-Feuilletons Julia Encke,  zunächst die mit „Flugasche“ 1981 ins Rampenlicht getretene Autorin als „große deutsche Schriftstellerin“, um sie in der Folge dafür abzufertigen, dass sie nicht ihre politischen Ansichten teilt.

Artur Lanz, so die Rezensentin, „gehört zur besonders schwachen Männersorte, die der Zeitgeist angeblich neuerdings überall hervorbringe“. Angeblich? Hat die Journalistin noch nie von der „Schneeflöckchen-Generation“ besonders im akademischen Milieu gehört, die sich „safe spaces“, also Schutzräume sucht, weil sie sich ständig irgendwelchen Mikroaggressionen ausgesetzt fühlt?

Zum Beispiel Büchern, die ihrem Weltbild widersprechen und demzufolge vom Lehrplan gestrichen werden müssen?

Charlotte Winter im Roman: „Es sind nicht die klügsten und sympathischsten Frauen, die der Zeitgeist gerade nach oben spült, im Gegenteil, es sind zum Teil garstige Weiber, die es wagen, die intelligentesten und klügsten Männer zu beschimpfen…

Sie sagt das in schönster Unschuld während einer Abendgesellschaft im linksliberalen Bürgertum, es gibt Steinbutt, und sie bezieht sich auf Doris Lessing, aber das rettet sie nicht – die garstigen Weiber stehen Schlange, um der Maron eins zu verpassen.

„‚Die Männer sind entmachtet‘, jammert ein Professor“, zitiert die Rezensentin. Um dann „die frauenlosen Führungsetagen des nächsten Unternehmens“ zu beklagen und die gegen Frauen gerichtete „häusliche Gewalt im Nebenhaus“, kurz, sie beklagt, dass Maron nicht den Roman geschrieben hat, der ihr, der Rezensentin, in den Kram passt.

Weshalb sie am Schluss ihrer Rezension meint: „Maron war mal eine große Schriftstellerin…“ Puh!

Aber sie kommt nicht allein. In der gesamten ersten Spalte referiert die Rezensentin die Vorwürfe zweier Journalistinnen der Berliner Zeitung (oh ja, es ist eine Phalanx, die sich Maron in den Weg wirft). Diese befragten sie streng nach dem Verlag „Exil“, in dem Maron jüngst eine Reihe wundervoller Essays und Porträts publizierte. Der Verlag sei von der neurechten Susanne Dagen in Dresden geführt, die in einem Manifest gegen die Schikanen der für rechts befundenen Verlage auf der Buchmesse protestierte.

Sorry, die Argumente sind zunehmend byzantinisch verschlungen und selbstreferentiell und schlucken sich selber, denn sie bestätigen die Einschränkungen, die Maron beklagt.

Warum sie sich nicht von ihr, dieser Susanne Dagen, früher mehrmals als Buchhändlerin des Jahres ausgezeichnet, distanziere? Die heutzutage wohl verblüffende Antwort Marons: „Ich grenze mich grundsätzlich nicht von Freunden ab, nur weil wir vielleicht unterschiedlicher Meinung sind.“

Nun also wurde Monika Maron tatsächlich vom Verlag gefeuert, der sie einst, nachdem sie in der DDR geschasst worden war, aufnahm und druckte.

Der Fischer-Verlag, der noch vor 15 Jahren mein Buch „Wir Deutschen – warum die andern uns gern haben können“ verlegte, ein Plädoyer für einen beschwingten deutschen Patriotismus, und der damit viel Geld verdiente, denn es war ein Bestseller! – er wendet sich nun von einer wundervollen, mit Preisen überhäuften Autorin ab, weil sie sich politisch inkorrekt äußerte.

Dieses Land hat sich geändert. Zum Schlechten.

Ach was, hin zum Katastrophalen!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Internetseite von Matthias Matussek mit vielen hochinteressanten Artikeln und Kommentaren: https://www.matthias-matussek.de/

Wir danken Matthias Matussek für die Veröffentlichungsgenehmigung.

Matthias Matussek

Matthias Matussek, geboren 1954, wollte Missionar oder Bundesliga-Spieler werden. Er schloss einen Kompromiss und wurde Maoist. (Paul Breitner!) Nach dem Abitur trieb er sich ziellos in der Welt herum (Griechenland, Balkanstaaten, Indien). Ein ebenso zielloses Studium (Theaterwissenschaften, Amerikanistik, Komparatistik, Publizistik, Schauspiel) wurde erstaunlicherweise relativ zügig mit einem Zwischendiplom in Anglistik und Germanistik beendet. Danach wechselte er auf die Journalistenschule in München, wo es Zuspruch von erfahrenen Journalisten gab, sowie eine Abmahnung seitens der Schulleitung aufgrund mangelnder Disziplin. Nach Praktika beim Bayrischen Fernsehen und der Münchner tz wechselte er zum Berliner Abend, danach zum TIP. Die Zeit: RAF-Wahnsinn, besetzte Häuser, Herointote.

Als er 1983 zum STERN nach Hamburg wechselte, hatte er das Gefühl, endlich in der Bundesliga angekommen zu sein. Allerdings purzelte ein paar Monate später das gesamte Staresemble des STERN über die gefälschten Hitlertagebücher und war fortan stark abstiegsgefährdet. Dennoch lernte Matussek – gemeinsam mit den großen STERN-Fotografen (Bob Lebeck) – die Kunst der Reportage, die zu einem nicht geringen Teil auf der Kunst besteht, im entscheidenden Moment unverschämt zu sein. Weshalb Disziplinlosigkeit durchaus Teil des Berufes sein kann.

1987 machte ihm der SPIEGEL ein Angebot, das er nicht zurückweisen konnte. Chefredakteure und Ressortleiter gingen und kamen. 1989 konnte er seine theoretischen Kenntnisse des Maoismus nutzbringend anwenden, als er in die kollabierende DDR zog und dort ins Palasthotel. Die Lehre: kein Umweg, den wir nehmen ist unbrauchbar.Schriftsteller Thomas Brussig, der im Palast-Hotel als Etagenkellner arbeitete, und Matussek zur Hauptfigur seines Romans „Wie es leuchtet“ machte, schrieb:“ Für Matthias Matussek hatte ich die meiste Bewunderung. Er schrieb eine glänzende Reportage nach der anderen. Sie lasen sich wie Rezensionen des laufenden Geschehens…Zum Reporter muss man geboren sein – und Matthias Matussek ist es“. (Natürlich hatte er Brussig dafür ganz groß in eine Pizzeria ausgeführt.) Für eine seiner Ost-Reportagen erhielt Matussek 1991 den Kisch-Preis.

Seine Frau lernte Matussek 1990 im Roten Rathaus kennen, wo sie, von Sprachstudien aus Moskau kommend, ein Praktikum absolvierte. Zwei Jahre später zogen sie um nach New York, was damals in etwa gleich weit von Ost- wie West-Berlin lag, also durchaus neutraler Boden war. In New York entstanden nicht nur der gemeinsame Sohn sondern auch ausgedehnte Reportagen und Artikel für amerikanische Zeitungen, sowie Kurzgeschichten und ein Roman. Harold Brodkey nannte Matussek „den besten seiner Generation“.

Zurück in Deutschland zog Matussek kreuz und quer durch die Nation und schrieb eine zweiteilige Bestandsaufnahme der deutschen Einheit, die wiederum für den Kischpreis nominiert wurde. Dann nahm er Stellung im Geschlechterkampf. Mit seinem Buch „Die Vaterlose Gesellschaft“ verärgerte er den Großteil deutscher Frauen und wurde von der Zeitschrift „Emma“ zum „Pascha des Monats“ ernannt. Aus seinem Buch entstand das Spielfilm-Projekt „Väter“ (Regie: Dany Levi), zu dem Matussek das Drehbuch schrieb. Mittlerweile, hat er den Eindruck, hat man ihm beides verziehen.

Im Jahr 1999 trat Matussek die Korrespondentenstelle in Rio de Janeiro an. Er bereiste den Kontinent, erlebte Putschversuche und Katastrophen, recherchierte in Favelas, unter Drogenbanden und unter den Eliten der Länder. Für eine 2-teilige Serie zog er wochenlang durch den Amazonas, und veröffentliche das Ergebnis in Buchform unter dem Titel „Im magischen Dickicht des Regenwaldes“.

Im Jahr 2003 übernahm er die Korrespondentenstelle des SPIEGEL in London, wo er sich ehrenhafte Kämpfe mit der blutrünstigen, Deutschen-hassenden Fleetstreet lieferte, was in seinem Buch „Wir Deutschen – warum uns die anderen gerne haben können“, auf das schönste dokumentiert ist. Das Buch war 13 Wochen lang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, und lieferte den Beleg dafür, dass man patriotische Gefühle nicht den Knallköpfen von rechts überlassen muss.

2003 übernahm er das Kulturressort in der Hamburger Spiegel-Zentrale. Die Presse meinte, dort sei nun „Rock n Roll im Laden“. Gleichzeitig hatte er für den SWR das TV-Format „Matusseks Reisen“ entwickelt und einen wöchentlichen Video-Blog etabliert, der 2007 mit dem Goldenen Prometheus ausgezeichnet wurde. Im gleichen Jahr entstand sein Buch „Als wir jung und schön waren“ (Fischer-Verlag).

Schon 2007 hatte Matussek seine Funktion als Ressortchef wieder abgegeben und widmete sich den Sachen, die er am besten kann: dem Schreiben und der Disziplinlosigkeit. „Matusseks Reisen“ wurde unter dem Titel „Matussek trifft“ noch ein paar Folgen fortgesetzt und fiel dann dem Sparzwang zum Opfer. Seinen wöchentlichen Videoblog betrieb er weiter und publizierte mit „Das Katholische Abenteuer“ eine „Provokation“, die es ebenfalls in die Bestellerliste schaffte.

Nach mehr als 25 Jahren beendete er seine Zeit beim Spiegel und stellte sich als Kolumnist für den Springer-Konzern zur Verfügung, eine Zusammenarbeit, die bereits nach erfüllten und produktiven 17 Monaten beendet wurde.

Fortan arbeitet er als freier Autor für die „Weltwoche“ und den „Focus“ und andere und widmet sich erneut seinen Stärken: dem Schreiben und der Disziplinlosigkeit.

Die Dresdner Chaisenträger: Ein ganz besonderer Berufsstand

von Bert Wawrzinek

Die Dresdner Chaisenträger: Ein ganz besonderer Berufsstand

Bereits im Altertum ließen sich ägyptische und babylonische Würdenträger in Sänften transportieren. Die Portechaise (frz. = Tragestuhl) kam seit dem 17. Jahrhundert auch in europäischen Städten in Gebrauch, wurde in Paris und Berlin heimisch und gelangte schließlich auch an die Elbe, in die Residenz Augusts des Starken.

„Dresdens ältestes Vehikel für den öffentlichen Nahverkehr“ (Silvia Brand) bestand aus einer mannshohen hölzernen Kabine, die von zwei kräftigen Männern, den Chaisenträgern, an seitwärts angebrachten Holmen getragen wurde. Der Einstieg erfolgte durch eine Vordertür, für etwa nötige Diskretion sorgten Vorhänge an Tür- und Seitenfenstern. Nicht zuletzt muß es beim Zustand damaliger Straßen für den Fahrgast eine Wohltat gewesen sein, aus dem federlosen Kutschwagen in die weitaus bequemere Sänfte zu wechseln.

1705 begründete der Dresdner Senator und Kaufmann Johann Friedrich Landsberger mit zunächst vier Chaisen und acht Trägern eine Sänftenträgeranstalt auf eigene Rechnung, vier Jahre später verrichteten zwanzig Träger mit zehn Portechaisen ihren Dienst. Landsbergers Witwe führte den „Contract“ fort, für 285 Taler vermachten deren Erben das Geschäft schließlich der Elbestadt. So führte seit 1730 ein Stadtrat Aufsicht über die Beschaffenheit von Sänften und Bekleidung der „Ratschaisenträger“, deren Domizil ab 1745 im eigenen Chaisenhaus auf der Südseite des Altmarktes, ausgangs der Schreibergasse sich befand.

Der Volksmund aber reimte:

„Das Geschlecht, das dieses Haus bewohnte,
Mächt’ges, Schönes trug’s mit sich herum,
So lang‘ noch der Zahn der Zeit es schonte,
Unsrer Residenz Paladium.“

Ein Zeitgenosse, Hermann Günter Meynert alias Janus (1808-1895), attestierte den Chaisenträgern ein „roh-pfiffiges Bediententalent“ und rühmte ihre durch Bescheiden- und Verschwiegenheit gegebene Eignung als „Postillons d‘ amour“. Zugleich seien die Chaisenträger „mechanische Tausendkünstler“, die in ihrer auftragsfreien Zeit Mäusefallen, Stiefelknechte und Vogelkäfige anzufertigen wußten und außerdem noch Strümpfe und Socken strickten. Ihr bei Umzügen bewiesenes Geschick war legendär; so soll im neuen Quartier das Salzfaß genau auf jener Stelle des Tisches zu finden gewesen sein, wo es schon in früherer Wohnung Platz gefunden …

1719/20 hatte der Kammerherr Rudolph Gottlob von Seifertitz (1664-1740) die Aufstellung von Chaisen am kurfürstlichen Schloss veranlaßt, trugen nunmehr auch die „Hofchaisenträger“ in gelben Leibröcken Kavaliere und Hofdamen durch die barocke Stadt. Ebenso waren im rechtselbischen Altendresden Sänftenträger in Mode gekommen.

Doch eine neue Zeit brach sich Bahn, auch und gerade im Verkehrswesen. Aufgrund der zunehmenden Konkurrenz durch Pferdedroschken wurde das Chaisentragen in Dresden 1878 eingestellt, das Chaisenhaus im selben Jahre abgebrochen. Doch die seit 1717 bestehende Genossenschaft der Chaisenträger blieb bestehen, vollzog manch technischen Wandel, wechselte vom Tragestuhl zum Lastkraftwagen, vom Frack zur Arbeitskombi. Noch heute firmiert die „Genossenschaft Ratschaisenträger e. G. zu Dresden“ als Spezialtransportbetrieb für Maschinen, Geldschränke, Öfen und Klaviere in 01189 Dresden, Am Eiswurmlager 5.

Die gelbuniformierten Herren aber, die, in Spitzwegscher Manier, dereinst die Dresdner und ihre Gäste durch die Residenz bugsierten, haben ihren Platz in den Annalen längst eingenommen. Als sympathische Erinnerung an ein beschauliches Zeitalter, in dem die städtische Personenbeförderung per pedes, und dabei auch bequem, geräuschlos und umweltschonend, eine schöne Selbstverständlichkeit gewesen war.

Literatur:

Silvia Brand: Dresdener Bilderbuch. Dresden 1888.
W. E.: Für fünf Groschen nach Neustadt. Aus der Geschichte der Dresdner Chaisenträger. In: Dresdner Monats-Blätter. Zeitschrift der Freunde Dresdens. 37. Jahrgang, Folge 1, Frankfurt am Main 1986.
Janus (d. i. Hermann Günter Meynert): Charaktergemälde von Dresden, grau in grau; für Alle, welche die Elbresidenz bewohnen oder kennen zu lernen wünschen. Pößneck 1833.

Beitragsbild: Gottlob More, Königl. Porte-Chaisenträger in Dresden (1895)

Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land. Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er im 30. Jahr das Historica Antiquariat im Dresdner Barockviertel und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu Themen sächsischer Geschichte und Kultur.