„Ohne Helden werden wir nicht auskommen“ – Der Fall Monika Maron

von Matthias Matussek

„Ohne Helden werden wir nicht auskommen“ – Der Fall Monika Maron

Ein Besuch bei der Autorin anlässlich ihres neuen Romans „Artur Lanz“ und eine Kritik der Kritiken.

In Zeiten des Kulturkampfes werden Feuilletons zu Schlachtfeldern. Die Etikettierung als „neurechts“ kann Existenzen vernichten, ein Klima der Einschüchterung im Diskurs hat um sich gegriffen im Westen, auch über die Schriftstellerin Monika Maron ist seit ihrem magisch-realistischen Roman „Munin“, in dem einige Figuren die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin kritisierte, ein Schatten gefallen.

Da sich die Wochenzeitschrift DIE ZEIT offenbar als Maß aller Dinge sieht, schickte sie im vergangenen Mai den als Spaßmacher im Feuilleton angestellten Redakteur Moritz von Uslar („99 Fragen“, „Auf ein Frühstücksei mit Claudia Roth“) nach Vorpommern, um der Frage nachzugehen, ob die Schriftstellerin Monika Maron noch möglich, bzw. „noch nicht ganz unmöglich“ sei.

Hinter dieser lockeren Ironie des Redakteurs lauerte selbstverständlich die garnicht lustige, ja in der Tat gänsehauttreibende Frage, mit welchen Konsequenzen die ins achtzigste Jahr hineinlebende vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin zu rechnen hätte, sollte sie von ihm als „unmöglich“ etikettiert werden.

Sie selber übrigens war dieser Frage in einem anderen Deutschland bereits einmal ausgesetzt, sie erhielt daraufhin Publikationsverbot und wurde von der Stasi observiert.

In einem noch früheren Deutschland war ihr jüdischer Großvater Pawel mit dem Unmöglichkeits-Verdikt ermordet worden von ordnungsliebenden Deutschen, die sich ebenfalls als Mass aller Dinge fühlten.

Anlässe zu einem Besuch bei Monika Maron in ihrem Haus in Vorpommern gab es reichlich – da war nicht nur ihr Jubiläumsjahr, sondern auch ein neues Werk zu besprechen, ihr zehnter Roman mit dem Titel „Artur Lanz“.

Matthias Matussek besucht Monika Maron in Vorpommern

Und der hat es in sich, denn er bewegt die (in diesen Zeiten der Denkmalszertrümmerungen) jäh hitzig diskutierte Frage, ob ein Volk Helden braucht und was es mit ihnen anfängt. Bekanntermaßen hat sich die Lesart durchgesetzt, dass wir in postheroischen Zeiten leben. Helden sind obsolet, es gibt sie, nein, es darf sie nur noch im Kino geben (dort aber bitteschön massiv).

Brauchen wir Helden? Spannende Frage. Leider erfuhr man der ZEIT-Reportage so gut wie nichts über den Roman, aber Reporter Uslar kennt die In- und Out-Listen der Lifestyle-Magazine genau, er weiß, was In ist, also was geht, bzw. „gerade noch möglich“ ist, und das bezieht sich nicht nur auf das Label der Jeans, sondern auch das im politischen Diskurs.

Er kennt die Gefahren, die mit einem allzu sorglosen Griff in den politischen Kleiderschrank verbunden sind: „Das kann vorkommen, dass ein allseits geachtetes Mitglied des Literaturbetriebs ins Abseits gerät – zuletzt hat sich der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp, unter anderem mit Äußerungen zur Meinungsfreiheit in der Demokratie, in eine Ecke begeben.“

Mittlerweile wird sich herumgesprochen haben, dass nicht Tellkamp sich „in irgendeine Ecke begeben hat“ , sondern dort vom linksliberalen juste milieu, das die verschmockte Zeit verkörpert wie nichts sonst, abgestellt wurde, um dem Bombardement mit faulen Eiern höhere Trefferquoten zu garantieren.

Ach übrigens: Jüngst erschien im US-Magazin „Harper‘s“ ein Brief, der von 150 auch linken Autoren und Akademikern unterzeichnet wurde (u.a. Noam Chomsky und J.K.Rowling) , ein Brief, der sich  gegen die neuen Sittenwächter von links und ihr „moralisches Gehabe“ wendet, das „die offene Debatte und Tolerierung abweichender Meinungen zugunsten eines ideologischen Konformismus schwächt.“

(Mittlerweile hat es einen deutsches Pendant dazu gegeben, den von Milos Matuschek formulierten Appell für freie Debattenräume: https://meedia.de/2020/09/16/warum-ich-den-appell-fuer-freie-debattenraeume-unterzeichne/)

Ich schaute damals selber nach bei Maron und wurde von der Autorin samt Hund Bonnie am Bahnhof im Nachbarort abgeholt

Monika Marons „Artur Lanz“ ist ein reichlich abgerüsteter, ein gebrochener Held, blonde Locken, um die 50, geschieden, er sitzt da auf einer Bank und kritzelt mit einem Ast im Sand, die Autorin kommt mit ihm ins Gespräch und erfährt, dass er von seiner schwärmerischen Mutter nach dem legendären Ritter Arthur der Tafelrunde benannt wurde, was umso besser passte, als sich der Nachname Lanz umstandslos in Lancelot hinausträumen ließ.

Heldentaten hat dieser Lanz nicht vorzuweisen bis auf jene eine, erschütternd banale: Er ist seinem Hund, der ihm samt Leine in ein Rapsfeld getürmt ist, hinterhergelaufen, immer tiefer in diese undurchdringliche Schlingpflanzenwelt hinein, hat ihn schließlich kläglich fiepsend und komplett verheddert befreit und gerettet.

Er kämpft sich in glühender Hitze durchs Feld, er kämpft bis an den Rand des Kollaps, bis ihm die Sinne schwinden, und als sich nach der Rettung der Puls wieder beruhigt hat, überkommt ihn ein „fast heiliges Gefühl. Ich hatte mein Leben riskiert. Für einen Hund. Für einen Hund, weil ich ihn liebte.“ Und die Erkenntnis, dass er seinen Hund mehr liebe als seine Frau, schwoll in ihm an. Schließlich im nüchternsten Maron-Ton: „Im Winter bin ich ausgezogen. Den Hund hat sie behalten.“

Verschiedentlich trifft diese Charlotte Winter ihn wieder, mal nach einem Schauer in einer Kneipe, mal zum Abendessen, er berichtet von einem politisch inkorrekten Kollegen im Institut (der hatte tatsächlich in einer erregten Diskussion von einer Ökodiktatur, von einem „grünen Reich“ gesprochen), Artur  hält sich raus, beginnt aber ein Krav-Maga-Training, verstaucht sich prompt die Hand.

Oh ja, Maron hat Sinn für Komik, sie spielt das Thema Heldentum in den verschiedensten Runden durch, unter anderem in größerer Gesellschaft mit einer gewissen Penelope, die verdammte Ähnlichkeit mit einer berühmten Grünen-Politikerin hat.

„Diese Helden hätten nun wirklich genug Unheil in der Geschichte angerichtet, rief Penelope mit routinierter Empörung in der Stimme und stellte ihr Glas dabei mit Schwung auf den Tisch, so dass der Wein fast überschwappte.

Nein, Penelope, mischte sich Ulrike Zeisig ein, das sei doch zu einfach. Was ist mit Stauffenberg oder Bonhoeffer, sind das etwa keine Helden?“ Doch die Sache wird noch komplizierter, denn jetzt kommen die Hormone ins Spiel.

„Penelope verkündete, sie sei jedenfalls sehr froh, in einem unaggressiven, nicht von Testosteron beherrschten Land zu leben, worauf ich mich nicht beherrschen konnte und das Wort, das bisher alle vermieden hatten, als Brandbeschleuniger in das bislang nur glimmende Feuer warf.

Warum sie dann den Einzug des Islam in Deutschland so wohlwollend kommentiere, wie ich ihren öffentlichen Äußerungen habe entnehmen können.“

Spätestens hier, bei den bärtigen Muckibuden-Stammgästen, hätte sich unser Revisor von der Zeit „einbringen“ können, als Freizeitboxer, der unlängst verkündete, mit AfD-Sympathisanten würde er nicht lang reden, da gibt’s im Kampf um das bessere Argument gleich auf die Fresse, was er allerdings Monika Maron ersparte, wohl weil hier die Beweisdecke zu dünn war.

„Aber tatsächlich kam er mir dauernd mit der AfD und warum die hier 20 Prozent hat“. Nicht der Roman, sondern Marons politische Einstellung, die von den Revisoren in der SZ bereits als „auffällig“ bezeichnet wurde, interessierte ihn.

Sie nimmt einen tiefen Zug an ihrer langen schmalen Zigarette, die polnische Marke Pueblo, und erklärt es auch mir. „Es gab hier eine Initiative gegen weitere Windmühlen, ein Verein wurde gegründet, Manuela Schwesig war hier, es gab Vereinbarungen – und dennoch wurden die Dinger gebaut, mit der Allüre: ihr da unten könnt uns mal. So kommen 20 Prozent zustande.“

Pause. Ihr Enkel Anton ist aufgetaucht. Wir steigen hinunter zur Küche, sie hat das Osterlamm aufgetaut, dazu werden Pfifferlinge geschnibbelt, Speck ausgelassen, Kartoffeln gekocht, Anton ist Fan von Borussia Dortmund, sie natürlich auch, tatsächlich ist einmal pro Jahr ein Besuch im Iduna Park fällig.

Zeit für einen Gartenbesuch, ein schönes einfaches Haus mit terracotta gestrichenem Mauerwerk, zahlreiche Kirschbäumchen, ein veritabler Tschechowscher Kirschgarten, dazu Birken und Lärchen, alle selber gepflanzt, und dann der Blick übers weite Land. Das Haus gehört ihr seit 1981, und wenn sie es in den alten Zeiten mal nicht mehr aushielt, floh sie hierher, in die Natur, in die Stille, auch in die wilden Unwetter, denn schließlich, sagte sie sich, „über den Himmel können sie noch nicht bestimmen.“

Ein wirklich unbefangener und über ihr Werk informierter  Besucher könnte mit ihr über die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit unter totalitären Bedingungen reden, über „Flugasche“, diesen so genauen und sprachmächtigen Erstling Marons, über die ideologische Feilscherei mit der Redakteurin Luise darin über den richtigen, aber verbotenen Satz „Bitterfeld ist die dreckigste Stadt Europas“.

Oder über die Sanftheit in „Animal Triste“ und den persönlichkeitszertrümmernden Schrecken der Liebe, ein Roman, den Marcel Reich-Ranicki als „grandios“ bezeichnete oder den raffinierten und eiskalten Vatermord in „Stille Zeile sechs“, den sie selber für ihr bestes Werk hält – er handelt vom langen Sterben und den Lebenslügen des Politkaders Beerenbaum, eine fesselnde, grimmig-groteske Abrechnung mit dem SED-Funktionär und späteren DDR-Innenminister Karl Maron, den ihre Mutter nach dem Krieg heiratete und ihr Stiefvater war.

Diese Autorin beherrscht alle Tonarten, eben auch die Angriffslust und die Zweifel des Debattenromans, und das ist „Artur Lanz“, denn wer ist heute noch Held oder Heldin?

Als Kind las sie mit Herzklopfen über die Partisanin Soja im Kampf gegen die Faschisten, auch der Mord kann eine Heldentat sein, sie zitiert im Buch eine Erinnerung des alten Stechlin von Fontane, dann die stalinistische Version, in die Brecht die Anekdote in seiner grauenhaften „Maßnahme“ umgeschmiedet hat.

Wer ist Held oder Heldin? Batman, Jeanne d’Arc, die Rettungstrupps in Fukushima?

Monika Maron umspielt das Thema in den unterschiedlichsten Lichteinfällen, und auf einiges hat sie einfach keine Antwort.

Aber eines steht für sie fest: „Wer nicht beschützen will, was er liebt, wird es verlieren. Heldentum ist für mich etwas zwischen Opferbereitschaft und Liebe. Helden sind Einzelne, eine Heldentat ist eine außergewöhnliche Tat. Davor steht der normale, zivile Mut zu sagen und zu tun, was man für richtig hält, auch wenn es Ärger einbringt.“

Ach, sagt sie, es gibt die unterschiedlichsten Formen von Heldentum, und Heldenmut ist nicht den Männern vorbehalten.

Ihr Artur Lanz findet dann tatsächlich zu seiner ihm gemäßen Form des Heldentums, man könnte auch sagen zu einer Art Bekenntnis.

„Er ist kein Held, aber auch kein Feigling, das ist doch schon was“, sagt Monika Maron, diese zierliche, wundervoll unmögliche, schwarz gewandete, fast 80-jährige Autorin und Heldin der Unbeirrbarkeit zum Abschied vor ihrem Haus in Vorpommern.

Doch es sollte noch dick hinterhergewütet werden, denn als der Roman die Gemüter so richtig in Wallung gebracht hatte, rückten die weiblichen Schwadronen an.

Und nun entfaltete sich eines der lustigsten (und sicher gänsehauttreibendsten) Spektakel der Feuilletons der letzten Monate: Das stetige und unablässige Abschlachten von Monika Maron in den sogenannten „etablierten“ Feuilletons, die sich längst nicht mehr voneinander unterscheiden lassen.

Warum lustig? Weil einige Figuren im Roman behaupten, dass man nicht mehr alles sagen dürfe in unserem Lande, worauf die Rezensent*Innen brüllen: Buh, pfui, das geht zu weit, das darf man jetzt wirklich nicht sagen, geschweige denn schreiben, raus mit der Dame!

Bemerkenswert weiterhin ist, dass bereits „Flugasche“, Marons Debüt-Roman über die Umweltkatastrophe Bitterfeld in der DDR, dort 1981 nicht erscheinen durfte, denn er handelte auch von beengten Meinungskorridoren. Ja, er beschäftigte sich ganz besonders mit den „Grenzen des Sagbaren“ (SPD-Lars Klingbeil nach dem Rauswurf Sarrazins aus der Partei) unter totalitären Bedingungen.

Links oder rechts. Mehr interessiert nicht. Holzhacken, mit einem schon besorgniserregenden „Nuancenverlust“ (Sloterdijk).

In der FAS rühmt die Rezensentin, die frisch bestallte Leiterin des FAS-Feuilletons Julia Encke,  zunächst die mit „Flugasche“ 1981 ins Rampenlicht getretene Autorin als „große deutsche Schriftstellerin“, um sie in der Folge dafür abzufertigen, dass sie nicht ihre politischen Ansichten teilt.

Artur Lanz, so die Rezensentin, „gehört zur besonders schwachen Männersorte, die der Zeitgeist angeblich neuerdings überall hervorbringe“. Angeblich? Hat die Journalistin noch nie von der „Schneeflöckchen-Generation“ besonders im akademischen Milieu gehört, die sich „safe spaces“, also Schutzräume sucht, weil sie sich ständig irgendwelchen Mikroaggressionen ausgesetzt fühlt?

Zum Beispiel Büchern, die ihrem Weltbild widersprechen und demzufolge vom Lehrplan gestrichen werden müssen?

Charlotte Winter im Roman: „Es sind nicht die klügsten und sympathischsten Frauen, die der Zeitgeist gerade nach oben spült, im Gegenteil, es sind zum Teil garstige Weiber, die es wagen, die intelligentesten und klügsten Männer zu beschimpfen…

Sie sagt das in schönster Unschuld während einer Abendgesellschaft im linksliberalen Bürgertum, es gibt Steinbutt, und sie bezieht sich auf Doris Lessing, aber das rettet sie nicht – die garstigen Weiber stehen Schlange, um der Maron eins zu verpassen.

„‚Die Männer sind entmachtet‘, jammert ein Professor“, zitiert die Rezensentin. Um dann „die frauenlosen Führungsetagen des nächsten Unternehmens“ zu beklagen und die gegen Frauen gerichtete „häusliche Gewalt im Nebenhaus“, kurz, sie beklagt, dass Maron nicht den Roman geschrieben hat, der ihr, der Rezensentin, in den Kram passt.

Weshalb sie am Schluss ihrer Rezension meint: „Maron war mal eine große Schriftstellerin…“ Puh!

Aber sie kommt nicht allein. In der gesamten ersten Spalte referiert die Rezensentin die Vorwürfe zweier Journalistinnen der Berliner Zeitung (oh ja, es ist eine Phalanx, die sich Maron in den Weg wirft). Diese befragten sie streng nach dem Verlag „Exil“, in dem Maron jüngst eine Reihe wundervoller Essays und Porträts publizierte. Der Verlag sei von der neurechten Susanne Dagen in Dresden geführt, die in einem Manifest gegen die Schikanen der für rechts befundenen Verlage auf der Buchmesse protestierte.

Sorry, die Argumente sind zunehmend byzantinisch verschlungen und selbstreferentiell und schlucken sich selber, denn sie bestätigen die Einschränkungen, die Maron beklagt.

Warum sie sich nicht von ihr, dieser Susanne Dagen, früher mehrmals als Buchhändlerin des Jahres ausgezeichnet, distanziere? Die heutzutage wohl verblüffende Antwort Marons: „Ich grenze mich grundsätzlich nicht von Freunden ab, nur weil wir vielleicht unterschiedlicher Meinung sind.“

Nun also wurde Monika Maron tatsächlich vom Verlag gefeuert, der sie einst, nachdem sie in der DDR geschasst worden war, aufnahm und druckte.

Der Fischer-Verlag, der noch vor 15 Jahren mein Buch „Wir Deutschen – warum die andern uns gern haben können“ verlegte, ein Plädoyer für einen beschwingten deutschen Patriotismus, und der damit viel Geld verdiente, denn es war ein Bestseller! – er wendet sich nun von einer wundervollen, mit Preisen überhäuften Autorin ab, weil sie sich politisch inkorrekt äußerte.

Dieses Land hat sich geändert. Zum Schlechten.

Ach was, hin zum Katastrophalen!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Internetseite von Matthias Matussek mit vielen hochinteressanten Artikeln und Kommentaren: https://www.matthias-matussek.de/

Wir danken Matthias Matussek für die Veröffentlichungsgenehmigung.

Matthias Matussek

Matthias Matussek, geboren 1954, wollte Missionar oder Bundesliga-Spieler werden. Er schloss einen Kompromiss und wurde Maoist. (Paul Breitner!) Nach dem Abitur trieb er sich ziellos in der Welt herum (Griechenland, Balkanstaaten, Indien). Ein ebenso zielloses Studium (Theaterwissenschaften, Amerikanistik, Komparatistik, Publizistik, Schauspiel) wurde erstaunlicherweise relativ zügig mit einem Zwischendiplom in Anglistik und Germanistik beendet. Danach wechselte er auf die Journalistenschule in München, wo es Zuspruch von erfahrenen Journalisten gab, sowie eine Abmahnung seitens der Schulleitung aufgrund mangelnder Disziplin. Nach Praktika beim Bayrischen Fernsehen und der Münchner tz wechselte er zum Berliner Abend, danach zum TIP. Die Zeit: RAF-Wahnsinn, besetzte Häuser, Herointote.

Als er 1983 zum STERN nach Hamburg wechselte, hatte er das Gefühl, endlich in der Bundesliga angekommen zu sein. Allerdings purzelte ein paar Monate später das gesamte Staresemble des STERN über die gefälschten Hitlertagebücher und war fortan stark abstiegsgefährdet. Dennoch lernte Matussek – gemeinsam mit den großen STERN-Fotografen (Bob Lebeck) – die Kunst der Reportage, die zu einem nicht geringen Teil auf der Kunst besteht, im entscheidenden Moment unverschämt zu sein. Weshalb Disziplinlosigkeit durchaus Teil des Berufes sein kann.

1987 machte ihm der SPIEGEL ein Angebot, das er nicht zurückweisen konnte. Chefredakteure und Ressortleiter gingen und kamen. 1989 konnte er seine theoretischen Kenntnisse des Maoismus nutzbringend anwenden, als er in die kollabierende DDR zog und dort ins Palasthotel. Die Lehre: kein Umweg, den wir nehmen ist unbrauchbar.Schriftsteller Thomas Brussig, der im Palast-Hotel als Etagenkellner arbeitete, und Matussek zur Hauptfigur seines Romans „Wie es leuchtet“ machte, schrieb:“ Für Matthias Matussek hatte ich die meiste Bewunderung. Er schrieb eine glänzende Reportage nach der anderen. Sie lasen sich wie Rezensionen des laufenden Geschehens…Zum Reporter muss man geboren sein – und Matthias Matussek ist es“. (Natürlich hatte er Brussig dafür ganz groß in eine Pizzeria ausgeführt.) Für eine seiner Ost-Reportagen erhielt Matussek 1991 den Kisch-Preis.

Seine Frau lernte Matussek 1990 im Roten Rathaus kennen, wo sie, von Sprachstudien aus Moskau kommend, ein Praktikum absolvierte. Zwei Jahre später zogen sie um nach New York, was damals in etwa gleich weit von Ost- wie West-Berlin lag, also durchaus neutraler Boden war. In New York entstanden nicht nur der gemeinsame Sohn sondern auch ausgedehnte Reportagen und Artikel für amerikanische Zeitungen, sowie Kurzgeschichten und ein Roman. Harold Brodkey nannte Matussek „den besten seiner Generation“.

Zurück in Deutschland zog Matussek kreuz und quer durch die Nation und schrieb eine zweiteilige Bestandsaufnahme der deutschen Einheit, die wiederum für den Kischpreis nominiert wurde. Dann nahm er Stellung im Geschlechterkampf. Mit seinem Buch „Die Vaterlose Gesellschaft“ verärgerte er den Großteil deutscher Frauen und wurde von der Zeitschrift „Emma“ zum „Pascha des Monats“ ernannt. Aus seinem Buch entstand das Spielfilm-Projekt „Väter“ (Regie: Dany Levi), zu dem Matussek das Drehbuch schrieb. Mittlerweile, hat er den Eindruck, hat man ihm beides verziehen.

Im Jahr 1999 trat Matussek die Korrespondentenstelle in Rio de Janeiro an. Er bereiste den Kontinent, erlebte Putschversuche und Katastrophen, recherchierte in Favelas, unter Drogenbanden und unter den Eliten der Länder. Für eine 2-teilige Serie zog er wochenlang durch den Amazonas, und veröffentliche das Ergebnis in Buchform unter dem Titel „Im magischen Dickicht des Regenwaldes“.

Im Jahr 2003 übernahm er die Korrespondentenstelle des SPIEGEL in London, wo er sich ehrenhafte Kämpfe mit der blutrünstigen, Deutschen-hassenden Fleetstreet lieferte, was in seinem Buch „Wir Deutschen – warum uns die anderen gerne haben können“, auf das schönste dokumentiert ist. Das Buch war 13 Wochen lang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, und lieferte den Beleg dafür, dass man patriotische Gefühle nicht den Knallköpfen von rechts überlassen muss.

2003 übernahm er das Kulturressort in der Hamburger Spiegel-Zentrale. Die Presse meinte, dort sei nun „Rock n Roll im Laden“. Gleichzeitig hatte er für den SWR das TV-Format „Matusseks Reisen“ entwickelt und einen wöchentlichen Video-Blog etabliert, der 2007 mit dem Goldenen Prometheus ausgezeichnet wurde. Im gleichen Jahr entstand sein Buch „Als wir jung und schön waren“ (Fischer-Verlag).

Schon 2007 hatte Matussek seine Funktion als Ressortchef wieder abgegeben und widmete sich den Sachen, die er am besten kann: dem Schreiben und der Disziplinlosigkeit. „Matusseks Reisen“ wurde unter dem Titel „Matussek trifft“ noch ein paar Folgen fortgesetzt und fiel dann dem Sparzwang zum Opfer. Seinen wöchentlichen Videoblog betrieb er weiter und publizierte mit „Das Katholische Abenteuer“ eine „Provokation“, die es ebenfalls in die Bestellerliste schaffte.

Nach mehr als 25 Jahren beendete er seine Zeit beim Spiegel und stellte sich als Kolumnist für den Springer-Konzern zur Verfügung, eine Zusammenarbeit, die bereits nach erfüllten und produktiven 17 Monaten beendet wurde.

Fortan arbeitet er als freier Autor für die „Weltwoche“ und den „Focus“ und andere und widmet sich erneut seinen Stärken: dem Schreiben und der Disziplinlosigkeit.

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