Deutsche Einheit als Aufgabe – Interview mit Dr. Albrecht Giese

Deutsch-deutsche Lebensgeschichten

Ihre persönliche Geschichte und die Geschichte Ihrer Familie sind auf vielfältige Weise verwoben mit der deutschen bzw. deutsch-deutschen Geschichte. Die politischen Verhältnisse haben zum Teil sehr massiv in Ihre Familie hineingewirkt.

Was wohl mein ganzes Leben durchzogen hat, waren ein starkes Gerechtigkeitsempfinden und patriotische Gefühle, die erwachsen sind aus der Verbundenheit mit meinem Geburtsort Dresden. Diese Haltung hängt zum Teil sicherlich auch mit meiner Familiengeschichte zusammen, aber nicht nur.

Aus welcher Familie kommen Sie?

Ich wurde 1938 in eine Dresdener Anwaltsfamilie hineingeboren. Mein Vater, schon zur Zeit des Dritten Reiches in der Praxis seines Vaters als junger Anwalt tätig, hat sich damals, soweit dies möglich war, den Nationalsozialisten widersetzt. Gott sei Dank wurde er nur einmal für ein paar Tage verhaftet. Meine Mutter stammte aus Bremen, sie war eine sehr impulsive Frau, die kaum ein Blatt vor den Mund nahm, was ihr später zum Verhängnis wurde.

Das Jahr 1953 brachte für Ihre Familie und damit auch für Sie einschneidende Veränderungen.

Im Oktober 1953 wurde zunächst mein Vater und drei Nächte später auch meine Mutter vom DDR-Sicherheitsdienst (SSD) verhaftet. Zuerst wußten wir wochenlang überhaupt nicht, wo meine Eltern waren. Die Anklage stützte sich dann auf mehrere Punkte. Zum einen: angebliche Verbindung zu einer „westlichen Agentenzentrale“ – meine Mutter hatte sich 1949 in West-Berlin beim „Bund freiheitlicher Juristen“ nach den Möglichkeiten erkundigt, im Westen eine Anwaltskanzlei aufzubauen – dort waren offenbar SSD-Spitzel eingeschleust. Zum anderen hatte mein Vater sich dagegen gewehrt, daß alle Anwälte zwangsweise in eine Anwaltsgenossenschaft einverleibt werden sollten. Außerdem wurde meinen Eltern ein Wirtschaftsvergehen vorgeworfen. Es bestand darin, daß sie Lebensmittel, die sie von Verwandten und Freunden aus dem Westen erhalten hatten, gehortet hätten. Und nicht zuletzt hatte meine Mutter am 17. Juni, in der spontanen Freude darüber, daß das DDR-Regime nun zusammenbrechen würde, auf dem Balkon das Deutschlandlied gesungen, und meine Schwester hatte sie auf der Ziehharmonika begleitet.

Im April 1954 wurden meine Eltern zu 3 1/2 und 4 Jahren Zuchthaus verurteilt. Mein Zwillingsbruder und ich flohen im Juli in den Westen, nachdem man uns (zunächst auch meiner Schwester) eröffnet hatte, daß wir als Kinder von Verbrechern nicht mehr die Oberschule besuchen dürften. So kam es quasi zur fünffachen Trennung der Familie: mein Vater in Bautzen, meine Mutter in Halle, meine Schwester im Internat in Dresden, mein Bruder in Holstein und ich in Bremen, Niedersachsen und Westfalen (in verschiedenen Familien und Internaten). Alle vier Wochen durften wir großzügigerweise einen Brief von 20 Zeilen an die Eltern schreiben. Das bedeutete, daß mein Bruder mit 6 1/2 Zeilen anfing und mir seinen Text zusandte, ich schrieb weitere 6 1/2 Zeilen dazu, schickte das Ganze dann nach Dresden zu meiner Schwester, sie schrieb den Brief fertig und schickte ihn ins Gefängnis.

Meine Mutter wurde dort, ebenso wie ihre Mitgefangenen, gezwungen, nachts Nähmaschine zu nähen, und tags durften sie sich kaum hinlegen. Als sie dagegen aufbegehrte, wurde sie in einen Keller gesteckt. Dort fand man sie eines Morgens – und sie konnte nicht mehr sprechen. Sie hatte einen Schlaganfall erlitten, mit 42 Jahren. Dieser wurde ebensowenig richtig behandelt wie die nachfolgende Krebserkrankung. Die wenigen Jahre, die sie dann noch zu leben hatte, blieb sie gelähmt und konnte nie mehr richtig sprechen. Als ich viele Jahre später in den Stasi-Unterlagen zu lesen bekam, was man im Gefängnis mit meinen Eltern, besonders mit meiner Mutter so alles gemacht hatte und wie sie selbst in der Zelle noch von „Mitgefangenen“ ausgehorcht worden waren – ich gebe zu, daß mir da die Tränen gelaufen sind. Ich habe die Akten nicht zu Ende gelesen.

1961 kam dann der Mauerbau und damit eine Verschärfung der deutschen Teilung.

Zu dieser Zeit waren Gott sei Dank meine Eltern bereits im Westen und auch meine Schwester, eine mutige Kämpferin, die doch eigentlich gar nicht hatte weg wollen aus dem Osten. Sie war in der Studentengemeinde in Leipzig sehr aktiv gewesen – der Anfang jener Friedens-, Ökologie- und Kirchenbewegung, die ja dann letztendlich auch die sog. Revolution 1989 mitbewirkt hat.

Ich hatte unterdessen ein Jurastudium angefangen, zunächst in Berlin. In Köln als Werkstudent startete ich nunmehr meine ersten Aktionen. Ich druckte und verteilte Flugblätter, schrieb an Dutzende Zeitungs- und Rundfunkredaktionen und forderte die Menschen auf, sie sollten möglichst viele Briefe und Päckchen nach drüben schicken, um die Verbundenheit aufrecht zu erhalten, so gut es nur geht. In Freiburg, meinem nächsten Studienort, folgte dann beispielsweise die Aktion „Sammeln von Rabattmarken“. Zusammen mit anderen Kommilitonen von der dortigen Studentengemeinde stellten wir in zehn Lebensmittelgeschäften Kästchen für Rabattmarken auf. Mit den von den Kunden gespendeten Rabattmarken kauften wir dann Lebensmittel und schickten sie vor allem an die Studentengemeinde Rostock, aber auch an immer neue gesammelte Adressen in der DDR.

Auch meine juristische Dissertation in Würzburg hatte ein deutsch-deutsches Thema zum Gegenstand: „Die Einheit und Spaltung Deutschlands im Spiegel völkerrechtlicher Verträge von 1941 bis 1967″. Das war eine völkerrechtlich-politische Untersuchung von 80 einschlägigen Urkunden, vor allem die beiden deutschen Teilstaatsprovisorien betreffend, aber auch Fragen wie Vietnam und Korea oder Warschauer Pakt und Nato waren einbezogen. So ist ein Buch von knapp 500 Seiten entstanden.

Mit den Jahren schienen sich die Ost-West-Blöcke und damit die Trennung aber doch zu verfestigen.

Trotzdem habe ich nicht geglaubt, daß man einem Volk auf Dauer das Selbstbestimmungsrecht würde vorenthalten können. Wie eine solche Änderung im einzelnen vor sich gehen könnte, vermochte ich natürlich auch nicht vorherzusagen. Aber ich habe stets – gegen den Spott, die Ignoranz und satte Willfährigkeit westdeutscher Politiker und Journalisten – die These vertreten, daß noch in diesem Jahrhundert der totalitäre Kommunismus zusammenbrechen und der „eiserne Vorhang“ fallen würde. Dabei berief ich mich in meiner Argumentation auf die UN-Charta, die Menschenrechtskonvention und das verfassungsrechtliche Wiedervereinigungsgebot. Überhaupt war mir letzteres Maßstab und Rechtfertigung für alle meine Initiativen – ob mit einem Transparent („Wer schweigt, verrät 17 Millionen“) mutterseelenallein oder in Gemeinschaft mit anderen bei Demonstrationen zum Tag der deutschen Einheit, beim symbolischen Mauerbau, bei Fotoausstellungen in Fußgängerzonen oder bei spontan initiierten Podiumsdiskussionen – zumeist an meinen weiteren Wohnorten Würzburg, Berlin, Frankfurt/ Main, Koblenz und Emmelshausen. Trotz vieler Hindernisse, Anfeindungen und Verdächtigungen gelang es mir immer wieder, engagierte Bürger zu gewinnen und mein Anliegen mit demokratischen Mitteln zu verbreiten: sei es mit Autoaufklebern (der „D“-Aufkleber mit dem Spruch „Deutschland ist größer als die Bundesrepublik“ stammt ursprünglich von mir), sei es mit der Gründung einer ökologisch-heimatverbunden orientierten Wählergruppe und eines unabhängigen und überparteilichen Diskussionszirkels namens „Forum res publica, Gesprächskreis für Staat und Volk“, sei es bei Herbert Gruhls ÖDP oder, in deren Anfangsphase, bei den Grünen, zu deren Gründungsmitgliedern ich gehöre. Was immer ich in Aufsätzen, Vorträgen und Presseartikeln an Beiträgen geleistet habe – mein Ziel war es, den Zusammenhalt der Deutschen so lange wie möglich zu erhalten, bis die politische Lage es irgendwann erlauben würde, die Wiedervereinigung zu verwirklichen.

1989/90 war es ja dann tatsächlich so weit – und die Ereignisse blieben für Sie nicht ohne Folgen.

Erst einmal war ich natürlich überglücklich. Ich organisierte ein großes Fest mit Freunden. Dann brachte ich drei neue Aufkleber heraus mit der aus dem Osten – und letztlich aus der Nationalhymne der DDR – übernommenen Parole „Deutschland einig Vaterland“. Die hab ich dann in Fußgängerzonen verkauft, neben mir ein Plakat mit dem bekannten Schiller-Wort „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr“. Einige hab ich auch einzeln verschickt oder an Reisebusfahrer von „drüben“ verschenkt, insgesamt wurden mehr als 20.000 Stück gedruckt.

Und dann kam die Überlegung auf, im Wege der dienstlichen Abordnung für einige Zeit als Richter nach Dresden zurückzugehen und beim Justizaufbau in Sachsen zu helfen. So kehrte ich 1994 tatsächlich in meine Heimatstadt zurück und arbeitete 2 1/2 Jahre am dortigen Oberlandesgericht. Das hat mir viele interessante Begegnungen und wertvolle Aspekte eröffnet. Eigentlich wäre ich gerne auch für ganz dort geblieben, aber die sächsische Haushaltslage ließ bei meinem Alter eine Versetzung nicht zu. Wie schätzen Sie aus Ihrer Erfahrung das deutsch-deutsche Verhältnis heute ein? Es ist komplizierter als ich es je vermutet habe. Die 45jährige gegenläufige Erziehung und Prägung des Denkens haben ihre Spuren hinterlassen. Langsam gewinnt aber auch – wie schon lange im Westen – das Materielle an Priorität. Zugleich wurden Vorurteile bestätigt oder entwickeln sich sogar erst, auf beiden Seiten.

Anfangs hatte ich das Gefühl, daß man als Wessi sehr erwünscht war – für meine Begriffe fast zu viel Respekt kam einem da entgegen. Das hat sich aber dann im Laufe der Zeit gewandelt, als die Leute merkten, daß es unter den Wessis, die da rübergekommen waren, auch miese Typen gab, die andere über den Tisch ziehen wollten, ob das nun im Versicherungs- oder beispielsweise im Baugewerbe war. Ich habe das auch als Richter in vielen Prozessen erlebt. Da entstand schon manche Bitternis. Rückblickend habe ich tatsächlich den Eindruck. daß im Vergleich zu 1989/90 der innere Zusammenhalt nachgelassen hat. Die Jugend nimmt das etwas lockerer und kommt wohl im großen und ganzen mit den westdeutschen Altersgenossen ganz gut zusammen. Aber die Älteren sind doch zunehmend reserviert, weil sie das Gefühl haben, daß zwischen Ost- und Westbundesländern eine Art Zweiklassengesellschaft entstanden ist, und weil sie nostalgisch übersehen, wie unsozial der DDR-Unrechtsstaat im Grunde gewesen ist, indem er fast alles hat verkommen lassen: Straßen, Bahnhöfe, Krankenhäuser, Schulen usw.

Für mich bleibt die Verwirklichung der deutschen Einheit also auch weiterhin eine Aufgabe. Es geht darum, eine geistige und patriotische Verbundenheit der Deutschen zu fördern, wie sie (auch im zusammenwachsenden Europa!) bei anderen Völkern ganz normal ist und bleibt – nicht mit einem übertriebenen Nationalstolz, aber mit einem gesunden Selbstbewußtsein ausgestattet. Diese innere geistige Klammer ist ein unschätzbarer Wert für die Entwicklung des einzelnen wie für den Gemeinsinn und den Bestand der Demokratie. Ich denke, zur Wiederherstellung der deutschen Einheit gehört auch Vaterlandsliebe. Das ist nichts Altmodisches oder Überholtes, im Gegenteil, es ist die einzige Chance, die seelenlose Konsumgesellschaft mit all ihrer Einsamkeit und ihren Auswüchsen zu überwinden. Denn gerade in unserer zunehmend anonym-technisierten Welt sucht der Mensch – auch wenn er es mitunter leugnet – nach Geborgenheit. Und diese bietet ihm nicht nur der Lebenspartner und die Familie, sondern auch das Verbundensein mit Kultur, Heimat, mit Abstammung, Natur, Sprache, Geschichte und Tradition. Ich bin davon überzeugt: Wer diese Werte fördert, ist nicht vergangenheitsbezogen reaktionär, sondern gewinnt die Zukunft.

Das gilt für das deutsche Volk ebenso wie für alle anderen Völker – und damit für die Völkergemeinschaft.

Dr. Albrecht Giese

Dr. Albrecht Giese setzte sich nach seiner (durch die Verhaftung seiner Eltern und Schulausschluß in der DDR bedingten Flucht – siehe Interview) Zeit seines (erwachsenen) Lebens mit verschiedensten Aktionen, oft völlig allein, für die GG-Präambel-Forderung einer Wiederherstellung der deutschen Einheit ein. Ob mit Plakaten vor dem Bonner Hbf oder am Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald („Wer schweigt, verrät 17 Millionen“), ob mit regelmäßigen Kontaktaufnahmen zu allen deutschen Medien, Brief- und Paketinitiativen Richtung DDR, Werbung für demokratische nationalkonservative Zeitschriften, Straßen-Interviews und Info-Tischen z.B. aus Erinnerung an den 13.8.1961 in Freiburg, Düsseldorf, Mainz und Koblenz, Vorträgen, Publikationen und allein initiierter Veranstaltungen überparteilicher Gesprächskreise. Neben diesen gründete er einen Kreisverband der GRÜNEN (aus denen er wegen der rot- ideologischen Ausrichtung wieder austrat) und eine mit 23 % in den Stadtrat seiner Heimatgemeinde einziehende FREIE WÄHLER-GRUPPE.

Seine öffentlichen Vorträge u.a. in Dresden, wohin er nach der Wiedervereinigung als Richter am Oberlandesgericht von Koblenz für einige Jahre abgeordnet worden war, beschäftigten sich häufig mit dem Thema seiner 500-seitigen Dissertaion „Die Einheit und Spaltung Deutschlands im Spiegel völkerrechtlicher Verträge von 1941 bis 1967“ und den Grundsätzen unserer Verfassung und ihren Verletzungen seitens der Medien und der Politik.

Auch heute im hohen Alter wird Dr. Giese nicht müde, sich politisch zu äußern und für redliche Streitkultur und demokratische Prinzipien einzutreten, ob durch Leserbriefe, Redebeiträge bei Versammlungen aller Parteien oder durch Kritik und Anfragen an staatliche Institutionen und Unterstützung national-konservativ-demokratischer Politiker.

Das Beitragsbild ist ein Ausschnitt aus dem Mittelteil des Triptychons „Die Öffnung der Berliner Mauer“ von Prof. Matthias Koeppel. Matthias Koeppel beschreibt sein Werk in der Jubiläumsausgaber der Zeitschrift wir selbst „10 Jahre – wir sind ein Volk!“ (Ausgabe 3/1999). Hier kann diese Ausgabe bestellt werden.

Aus dem Inhalt:
National ist revolutionär von Henning Eichberg
Wie weit verbindet die Deutschen die gemeinsame Nation?
von Richard Schröder
Mauer-Öffnung – und heute?
Stellungnahmen von Herbert Ammon, Poul Engberg, Gertrud Höhler, Matthias Koeppel, Reiner Kunze, Freya Klier, Lennart Meri (Staatspräsident der Republik Estland), Johann Scheringer (PDS-Fraktionsvorsitzender in Mecklenburg-Vorpommern), Baldur Springmann, Rolf Stolz und vielen anderen
Der Anstoß kam aus dem Osten von Peter Joachim Lapp
1989 und die Lehren von Detlef Kühn
Kennen Sie den? Deutsch-Deutsches im Witz von Ernst Elitz

84 Seiten

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