Zum Volkstrauertag – Über den Tod im Leben

von Henning Eichberg

Zum Volkstrauertag – Über den Tod im Leben

Tecumseh ist lebendig. Sitting Bull ist unter uns. Hier spricht Pontiac, dort Handsome Lake, dort Crazy Horse. Big Foot hat das Massaker am Wounded Knee überlebt. Ebenso lebendig sind die Frauen der Sioux, der Cheyenne und der Irokesen, deren Namen wir nicht kennen. Die Frauen der Cherokee, der Chickasaw, der Choctaw, der Creek, der Semniolen. …

Die Toten sind unter uns. Die Erschlagenen und die Geschlagenen ganz besonders.

Es sollte nicht erst Auschwitz´bedurft haben, um das zu sehen. Ja, mit eigenen Augen zu sehen. Da stehen sie mitten in unserem Leben. Keine Gespenster. Ganz wirklich. Und sie werden bleiben.

Welchen tiefen Sinn hat es, daß die Toten leben?

Heißt aber Erinnerung nicht doch Rache? Soll denn das alles kein Ende haben? Wäre ein Ende der Erinnerung nicht wohltätig, um die Nachlebenden vom Ruf nach Rache abzuhalten?

Vielleicht ist der eigentliche Widerspruch nicht der zwischen Erinnerung und Vergessen, sondern der zwischen liebender Erinnerung und Rache. Das Vergessen des Leidens ist es, aus dem die Rache kommt. Wer zum Vergessen der Toten aufruft, stiftet zur nächsten Tötung an.

So wie der basale Gegensatz des Lebens nicht derjenige ist zwischen Leben und Tod, sondern zwischen Leben und Leblosigkeit. Zwischen dem Leben, das den Tod einschließt und das durch den Tod immer wieder bestätigt wird – und der Friedhofsruhe der Macht. Zwischen der Liebe und dem Morden, das aus der Kälte kommt.

Die Trennungslinie verläuft zwischen den Toten, die an uns herantreten und unserer Liebe bedürfen – und den Gespenstern, die wir uns selbst schaffen in unserer Entfremdung, der Thanatoskultur der Maschinen, Waren, Pyramiden, Monumente. Die Toten sind nicht dort, wo man Kränze niederlegt. Sie gehen mit uns durch die verschneiten Straßen, sie sitzen zwischen uns auf den Stühlen, sie schreiben mit am Computer.

Geschichte ist eben nicht nur die Geschichte der Sieger, der großen Gewalttäter, der Mächtigen ihren Steinsärgen.

Ach ja, Schlesien lebt.

Vertriebenendenkmal

Zum Titelbild: Käthe Kollwitz, Die Freiwilligen, Bl. 2 der Folge »Krieg«, 1921/22, Holzschnitt

Auf dem Blatt von Käthe Kollwitz, das in der Tradition mittelalterlicher Totentänze und Darstellungen vom Tod als Heerführer steht, folgen fünf junge Männer dem trommelschlagenden Tod. Die Jugendlichen sind ganz unterschiedlich charakterisiert. Teils in leidenschaftlicher Begeisterung, teils blind ergeben oder verzweifelt werden sie vom Tod mitgerissen.

Eine Randnotiz auf einem Zustandsdruck in der Sammlung des Käthe Kollwitz Museums belegt, dass es sich bei ihnen um Peter Kollwitz und seine im Krieg gefallenen Freunde handelt. Peter folgt als erster dem Tod, der ihn mit seinem linken Arm fest an sich drückt. Er ist auch der Erste aus seinem Freundeskreis, der im Krieg gefallen ist.

Die Gesichter der Jugendlichen und die Lichtstrahlen, die von ihren Köpfen ausgehen, sollen ihre gläubige Einstellung wiedergeben, mit der sie in den Krieg gezogen sind. Waren sie doch fest davon überzeugt, ihr Vaterland verteidigen, ja sich für es opfern zu müssen.

Henning Eichberg

Henning Eichberg (1942 – 2017), Kultursoziologe und Historiker, der seit 1982 in Dänemark lehrte, war bereits seit den ersten Ausgaben der Zeitschrift wir selbst (Gründung im Jahre 1979) der inspirierende Kopf. Sein intellektuelles Fluktuieren zwischen rechten und linken Denkströmungen, seine linksnationale, ethnoplurale Kritik am rechten Etatismus und seine radikale ökologische Orientierung wurden für uns programmatisch wegweisend, jedoch nie zu Dogmen.

Autor der Bücher:

Ein Kommentar zu “Zum Volkstrauertag – Über den Tod im Leben

  1. Die Toten,die leben
    Das ist eine höchst wahre, aber auch komplexe Aussage.
    1. Ein Volk besteht nicht nur aus
    denen, die jetzt leben, sondern auch aus denen, die vordem lebten und den zukünftig
    leben werdenden. So lebt das ganze Volk, von dem jeder immer nur ein Glied ist. Deutlich
    wird dies, wenn ein Deutscher sagt:. „Wir haben den Weltkrieg verloren“, obgleich er nach
    1945 geboren wurde. Dies ausgesagte „Wir“, das ist eines, in dem unsere gefallenen
    Soldaten weiter leben.
    2.Die Vorstellung, daß der tote Mensch sich einfach in Staub auflöst, ist eine vulgär-
    materialistische Vorstellung. Zu allen Zeiten wurde stattdessen an ein irgendwie Weiter-
    leben der Toten geglaubt, sodaß sie am Leben irgendwie noch teilhaben und es ihnen
    nicht gleichgültig ist, wie wir jetzt leben. Es gibt so eine Pflicht den Toten gegenüber, das
    von ihnen Begonnene fortzuführen.
    Uwe C. Lay

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