Zeitschrift Tumult: über die Taschenspielertricks der „offenen Gesellschaft“

von Werner Olles

Zeitschrift Tumult: über die Taschenspielertricks der „offenen Gesellschaft“

Zeitschriftenkritik: Tumult

Als „Pluralismus des Abgeschmackten“ bezeichnet Herausgeber Frank Böckelmann in seinem Vorwort zur Frühjahrs-Ausgabe 2021 von „Tumult“, der „Vierteljahresschrift für Konsensstörung“, die mit einem Taschenspielertrick als Schutzherrin der Vielfalt auftrumpfende „offene Gesellschaft“. Tatsächlich zähle sie nur „Gleiche und Tolerante“ zu den Vielen: „Blendet man aber bei Deutschen und Türken, bei Katholiken und Sunniten und bei Schürzenjägern und Knabenliebhabern das Überschwängliche und Unleidliche aus, hat man nur noch theatralische Repräsentanten vor sich“. Doch schreite im Geiste der Kampagnen des „Woke Capital“ die kulturelle Einebnung auf Erden stürmisch fort. Quotenregelungen setzten sich sogar auf den Besetzungslisten der TV-Produktionsfirmen und bei der Auswahl von Kriminalstoffen durch: Es herrsche strikte Rechtfertigungspflicht unter Demokraten. Pathetischer Minderheitenkitsch, Toleranz und Vielfalt entpuppten sich als „Wegbereiter einer vormundschaftlichen Weltordnung, die aufräumt mit nationaler Halsstarrigkeit“. Am Ende stehe „die digitale Zusammenschaltung unserer Gehirne“, die ausschließlich einvernehmliche Gedanken teilen.

Frank Böckelmann, Herausgeber von Tumult – Vierteljahresschrift für Konsensstörung

Der Literaturwissenschaftler Peter J. Breuner beschreibt das Corona-Regime der Bundesregierung als „Aneinanderreihung einer so beachtlichen Anzahl von schwerwiegenden Fehlleistungen, daß es auch den Qualitätsmedien nicht verborgen bleiben konnte“. Vom lange bestrittenen Schutzeffekt einer „Maskenpflicht“ und dann deren brachiale Durchsetzung, für die wiederum die Bundeswehr ein Transportflugzeug in der Ukraine anmieten mußte, um die Masken aus China heranzuschaffen, über das Scheitern der Corona-App, der Überforderung der 380 deutschen Gesundheitsämter, der ernüchternden Ahnungslosigkeit des RKI, der irrlichternden Lockdown-Politik bis zum Impfchaos um die Jahreswende, ergab sich das Bild einer „orientierungslosen Regierung und einer funktionsuntüchtigen Verwaltung“. So blieb nur der Rückgriff auf das „Repertoire eines Notstandsregimes“, das den kalten Hauch der DDR durch das Land wehen ließ. Über DDR-Maß hinaus ging das von der Berliner Infektionsschutzverordnung verhängte Verbot des Singens in geschlossenen Räumen. Doch gebe es den Staat, der diese Ordnungsmacht ausüben und Risiken beherrschen könnte, nicht mehr. Ein schönes Beispiel dafür sei die Mitteilung des Bundesamtes für Migration vom Mai 2020, nach der über 416.000 „Flüchtlinge“ in Deutschland das Geburtsdatum 1. Januar haben. Die Praxis der Personenstandsverwaltung erlaube jedem, der einmal seinen Paß entsorgt habe, seinen Geburtstag frei zu wählen, auch über das Geburtsjahr kann ebenso beliebig verfügt werden, wie über den Geburtsort, das Herkunftsland oder das Geschlecht. So entstehe eine „behördliche Lügenwelt“, von der Wissenschaft und den Mainstreammedien gefördert und umjubelt: Die marxistische Prophezeiung vom Absterben des Staates verkomme so zum „zerschlagenen und gelähmten Staat, (der) zum Manövrierfeld globaler Hasardeure wird, die überall ihre willigen Vollstrecker finden“. Doch falle „Panikstimulation statt Krisenkommunikation“ in Deutschland auf besonders fruchtbaren Boden durch die Mobilisierung der Angstkultur seit der Friedens- und Umweltbewegung der 1970er Jahre. Heute werde speziell in der Klimadiskussion die Panikbereitschaft als politische Tugend gefeiert, „unter deren Schutzschild unreife Halbwüchsige von den durchinfantilisierten politischen und Wirtschaftsführern der westlichen Welt als Heilsbringer umjubelt werden“. Warum erwachsene Menschen sich in dieser Weise von Pubertierenden zum Narren machen lassen und politisch korrekten Brachialkitsch goutieren, bleibt wohl ewig ein Rätsel.

Der Historiker und Soziologe Friedrich Pohlmann sieht zwar „Widerstand im Reich der großen Lüge“, doch habe sich die in alle Ritzen der Gesellschaft eingedrungene „Phraseologie des humanitaristischen Moraluniversalismus“ als giftiges Lügengewebe entpuppt, um die willige Mithilfe der Bevölkerung mittels konditionierender Indoktrination eines Sprachregimes an ihrer eigenen Entmachtung und schließlichen Ersetzung im „großen Austausch“ durchzusetzen. Das als „bösartige Überwältigung“ empfunden politisch gewollte Eindringen von Millionen kulturfremder junger Männer über die ungesicherten deutschen Grenzen habe als psychische Antriebe des Widerstandswillen, Zorn, Empörung, Verachtung und Ekel bis zum Haß mobilisiert: „Im moralischen Ekel kulminiert Verachtung. Seine Ableitung vom physischen Ekel, dessen Inbegriff Erbrechen ist, zeigt, daß er eine Reaktionsform gegen Personen ist, in den „Speichelleckerei“ und Heuchelei zusammenfließen; gegen Kreaturen vom Schlage eines Haldenwang oder Maas oder gegen die vielen lobhudelnden Schreiberlinge eines Regimes, dessen klarste Verkörperung auf unterer Ebene der Denunziant ist. Ihnen gegenüber wird schon ein vorgestellter Händedruck als Beschmutzung erfahren“. Wenn die Lüge als charakterischste Sprachäußerung der Macht empfunden werde, wachse dem Haß eine „quasi metaphysische Tiefenschicht zu“, denn, so Arnold Gehlen in „Moral und Hypermoral“: „Teuflisch ist, wer das Reich der Lüge aufrichtet und andere Menschen zwingt, in ihm zu leben. Er stiftet das Reich der Verrücktheit, denn es ist Wahnsinn sich in der Lüge einzurichten“. Zwar stimuliere entgrenzter Haß Erniedrigungs- und Gewaltphantasien und dürfe nicht gewollt werden, aber der „gezügelte“, von Gewaltwünschen gereinigte Haß lasse sich unter den gegenwärtigen Bedingungen sehr wohl gutheißen. So war beispielsweise der Verfassungsschutz nie ein neutrales Organ, nach Besetzung seiner Spitze mit einem Lakaien jedoch zum „vollständig willfährigen Instrument einer Exekutive geworden, gegen die er eigentlich vorgehen müßte“. Da die politische Korrektheit mittlerweile eine Vielzahl von Themenfeldern wie Migration, EU, Euro, Klima, Geschlechterverhältnis, Geschichtspolitik, Corona fest im Griff habe, sollte „Widerstand“ im und gegen das Reich der großen Lüge eine Gegen-Sprache kultivieren gegen die argumentationsunwillige Regime-Sprache, die „inhaltliche Kontur primär als Widerpart der Leitideen des humanitaristischen Universalismus“ betone.

Der vom „Konflikt Magazin“ übernommene Beitrag „Von der Anklage hin zur Kritik“, setzt sich mit dem Artikel „Zwei Ideen fusionieren“ von David Engels auseinander. Engels zeichnet hier die Vision eines vollendeten Globalismus, in welchem eine kleine Kapitalelite über eine eigentums- und machtlose Masse herrscht. Tatsächlich sei „der angepeilte Weltstaat jedoch nicht Resultat einer ideologischen Konvergenz von Liberalismus und Sozialismus, sondern notwendiges Endergebnis eines anhaltenden kapitalistischen Strukturwandeln“, seit global agierende Konzerne wie Google, Amazon, Facebook oder Ikea ein „kulturell wie politisch links verankertes Weltbild“ propagierten, dessen moralische Werte etwa Toleranz, Multikulturalismus und Gleichberechtigung umfaßten. Die Regenbogenflagge sei somit zu einem Sinnbild neoliberal-globalistischen Hegemoniestrebens geworden und schmücke zu Recht die Botschaften westlicher Staaten in Moskau oder Bagdad.

Der Germanist und Philosoph Rainer Hackel beschäftigt sich in seinem Essay „Ernst Jünger in Afrika“ mit den Tagebuchaufzeichnungen Jüngers aus Schwarzafrika und den „Afrikanischen Spielen“. Vor allem in seinen Tagebüchern vertrat der berühmte Autor durchaus kulturrelativistische Positionen und schilderte magische Praktiken, Besessenheit und sogar Menschenopfer, ohne sie zu rationalisieren oder als Aberglaube abzutun. Als er in einem Dorf in Liberia zum Ehrenhäuptling ernannt wird und der Superintendent betont, daß die Ehrung einem Veteranen zweier Weltkriege verliehen werde, kommentiert Jünger dies mit den Worten:“ Um so etwas zu hören, muß man zu den Mohren gehen“. Bei all seinem Unbehagen und seiner Kritik an der westlichen Welt läßt er aber keinen Zweifel daran, daß die Afrikaner den Europäer zum Vorbild erkoren haben, anstatt im Sinne der historisch gewordenen Negritude ihrem „Nomos“ zu folgen: „Für Jünger wäre sowohl die Angleichung afrikanischer Kulturen an die von digitalem Nihilismus und gesellschaftlicher Atomisierung geprägte westliche Welt als auch die zu erwartende Völkerwanderung von kulturell entwurzelten Menschen verhängnisvoll – führte beides doch in den Malstrom der Seinsvergessenheit und schließlich zur Implosion der Weltgesellschaft“.

Während Konrad Adam den Verlust des schönen Geschlechts als Resultat der feministischen Ideologie, des Egalitarismus und der Gleichheitssprogramme beklagt, die inzwischen sogar die Streitkräfte erfaßt haben und alle Welt darauf wartet, daß „eine Oberkommandierende ihre Männer ins Feuer schickt“, habe die angeblich so prüde, frauen- und sexualfeindliche Kirche, lebenserfahren wie sie war, der natürlichen Sinnlichkeit und Schönheit glücklicherweise nie ganz abgeschworen und das rigorose Bilderverbot des Alten Testament ignoriert. Nachzutragen sei nur noch, daß die Emanzipation das kinderlose Ehepaar hervorgebracht habe, was beweise, daß die Emanzipationsbewegung offensichtlich unfruchtbar war und daher keine Zukunft habe, ihre Ziele jedoch leider längst erreicht habe.

Der in Taiwan als Übersetzer lebende Marius R. Winter lobt Trumps Außenpolitik, die die Gefährlichkeit des imperialen Machtanspruchs Chinas erkannt, und der im Gegensatz zu seinem völlig überschätzten Vorgänger eine realistische Vorstellung von den Blutbädern und Verbrechen der KPCh gehabt habe. In Deutschland und Europa hat sich China hingegen bereits festgesetzt und versucht sein Zensurwesen hierher zu exportieren. Wer sich freundlich über den Dalai Lama oder Taiwan äußere, den treffe der Bannstrahl und die bösartigen Drohungen Pekings, wozu auch die Geschlossenheit zwischen Partei und Volk beitrage. Die muslimischen Uiguren in Xinjang hatten schon unter Mao schlimm zu leiden, doch seit zwei Jahrzehnten versucht das Regime mit brutalen Methoden ihre Religion, Kultur und Sprache konsequent auszulöschen. Der Widerstand gegen diese Unterdrückung sei kein Terrorismus, sondern Selbstverteidigung. Trumps Unterstützung für die unabhängige Demokratie Taiwan, wurde von den Taiwanern sehr geschätzt, fand jedoch in Deutschland kein Verständnis, weil man hier einfach nicht wahrhaben will, daß die Welt kein friedlicher Ort ist. Für Taiwan ist Pazifismus hingegen Selbstaufgabe gegenüber dem kommunistisch-imperialistischen Aggressor, der im Falle einer Übernahme der Insel Massaker ungeahnten Ausmaßes verüben und eine ganze Kultur restlos vernichten würde.

Der Medizinhistoriker und Verleger Armin Geus analysiert den Koran und die Scharia und verweist auf den Staatsrechtler Schachtschneider, der schon vor zehn Jahren deren generelle Unvereinbarkeit mit dem Grundgesetz festgestellt habe. In seinem pathographischen Essay „Die Krankheit des Propheten“ hatte Geus bereits den maßlosen Größenwahn, die Gewaltexzesse, Racheorgien und sadistischen Obsessionen des sogenannten Propheten beschrieben“ und seine pädosexuellen Neigungen, Lügen und dämonischen Besessenheiten als Krankengeschicht eines vom Wahnsinn gezeichneten Mannes gedeutet. Seiner Diagnose, die Krankheit des Propheten sei eine chronisch verlaufene paranoid-halluzinatorische Schizophrenie gewesen, werden die meisten Muslime gewiß nicht zustimmen, sollte Andersgläubige jedoch nicht davon abhalten, die nur um Wählerstimmen der Mohammedaner besorgten linken Parteien und versöhnungsbedürftigen Moderatoren mit den glaubwürdigen Erkenntnissen des Autors zu konfrontieren.

Kontakt: tumult.bestellen@t-online.de Das Einzelheft kostet 10 Euro, ein Jahresabo 40 Euro. Hier kann man das aktuelle Heft direkt bestellen: http://www.tumult-magazine.net

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor des Buches:

Der Ökonomisierung der Bildung entgegentreten

von Florian Sander

Der Ökonomisierung der Bildung entgegentreten

Eine konservative Abgrenzung von neoliberalen Auswüchsen

Die britischen Liberalen, die vor Jahren als Junior-Partner der Koalition im Vereinigten Königreich mitregierten, erleben seinerzeit, welche Folgen gebrochene Wahlversprechen haben können. Nachdem sie im Wahlkampf versprochen hatten, die Studiengebühren nicht anzuheben, hatte die Regierung dann doch eine Verdreifachung der Studiengebühren beschlossen, wonach die Universitäten ab September 2012 Studiengebühren in Höhe von bis zu 9000 Pfund im Jahr erheben dürfen. Dies hat Proteste nach sich gezogen, die später gar in einem Angriff auf Prinz Charles und dessen Gattin und weiterer Gewalt mündeten.

Das Beispiel der britischen Hochschulpolitik führt eine wichtige Erkenntnis vor Augen. Die britischen Studenten kämpften, ganz ähnlich ihren deutschen Kommilitonen im Rahmen des bundesweiten „Bildungsstreiks“, nicht nur gegen eine übermäßige Belastung ihres Geldbeutels mit der häufigen Folge späterer Verschuldung und einer gesellschaftsweiten sozialen Ungleichheit in der Frage des Zugangs zur Hochschulbildung, sondern auch gegen die Abwertung der Geisteswissenschaften vor dem Hintergrund einer Ökonomisierung eben jener Hochschulbildung. Gefördert werden sollen nämlich nur noch technische, mathematische und naturwissenschaftliche Studiengänge. Geistes- und Sozialwissenschaften wurden damit – nicht offen, aber implizit – für überflüssig erklärt.

Das Unwesen der Bologna-Reform

Derartig deutlich wie im Vereinigten Königreich hat in Deutschland bisher noch keiner der relevanten politischen Akteure seine Ignoranz gegenüber den Geisteswissenschaften bekundet. Deutliche Ansätze in diese Richtung waren aber dennoch seit der Bologna-Reform zu spüren. Die deutschen Studenten sollen vor allem als Humankapital für die Wirtschaft fit gemacht werden: Die Abschlüsse sollen vergleichbarer werden, das Studium kürzer und verschulter, die Inhalte „praxisnäher“, die Organisation vermeintlich „effizienter“. Mit der Einführung der auf anglo-amerikanische Standards zurechtgestutzten Bachelor-Master-Abschlüsse wurde das bewährte deutsche Diplom, bislang überall auf der Welt unhinterfragtes akademisches Qualitätssiegel, verdrängt. Die installierten Hochschulräte, ausgestattet mit erstaunlich weitreichenden Kompetenzen, wirken in ihrer Zusammensetzung nicht selten wie operative Kopplungen, über welche das Wirtschaftssystem seine (Profit-)Interessen besser in die Wissenschaften projizieren kann.

Es ist kein Geheimnis, dass dies oftmals eher vom linken Teil des politischen Spektrums problematisiert wird, während Union und FDP derlei Strukturen zu ihrer hochschulpolitischen Zielsetzung erklärt hatten. Konservative – und zwar nicht nur Sozialpatrioten, sondern nicht zuletzt auch „bürgerliche Liberalkonservative“ – sollte dies jedoch irritieren: Grundlage jeder freiheitlichen Programmatik ist immerhin die Verteidigung der verfassungsrechtlich garantierten Freiheiten. Und diese Freiheiten beziehen sich entgegen dem, was Juristen in ihren semantischen Selbstbeschreibungen gerne erzählen, nicht nur auf Individuen, sondern im Zuge einer soziologischen Perspektive vor allem auch auf die Autonomie der Funktionssysteme der modernen Gesellschaft.

Gebote der funktionalen Differenzierung

Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft, aufrecht erhalten durch die Verfassung als struktureller Kopplung von Politik und Recht, bildet die Grundlage der liberalen Demokratie. Über die Grundrechte sichert sie u. a. die Pressefreiheit (Autonomie des Massenmediensystems), das Recht auf Eigentum (Autonomie des Wirtschaftssystems), die Freiheit der Kunst (Autonomie des Kunstsystems) oder eben die Freiheit der Forschung und der Lehre (Autonomie des Wissenschaftssystems). Dies negiert freilich keine strukturellen Kopplungen des Wissenschaftssystems mit anderen Funktionssystemen, wie sie beispielsweise über Politikberatung, Marktforschung etc. zweifelsohne vorhanden sind und als solche auch ihre Existenzberechtigung besitzen.

Gleichzeitig bedeutet „Freiheit der Wissenschaft“ aber eben auch die Freiheit von der ausufernden Hegemonie einer wirtschaftlichen Codierung: Es kann und darf in der Wissenschaft eben nicht nur darum gehen, was ökonomisch von Nutzen ist. Es kann und darf nicht das Ansinnen der Forschung sein, ausschließlich Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was wirtschaftlichen Profit bringt. Und es kann und darf nicht das Ansinnen der Lehre sein, Studenten zu möglichst adäquatem wirtschaftlichem Humankapital zu verarbeiten. Legitime Forderungen, die insbesondere im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks in den letzten zwei Jahren wieder zunehmend von Studierenden artikuliert worden sind.

Loslösung von finanziellen Zwängen

Die Geschichte der Menschheit hat gezeigt, dass die Erfahrung oder die Konstruktion des Wissens einer Gesellschaft über verschiedenste Wege zustande kommt. Wer diese Wege durch ein ökonomisches Primat beschneiden und verengen will, der arbeitet nicht nur aktiv auf eine kollektive Verblödung hin, sondern tut zugleich das, was gerade der Bologna-Zeitgeist andauernd kritisiert: Er macht die Wissenschaften ineffizient. Gute wissenschaftliche Arbeit benötigt Kreativität und Freiraum. Sie benötigt daher auch – so idealistisch dies für manchen klingen mag – die Losgelöstheit von ständigen finanziellen Zwängen und Konditionen.

Einer meiner Professoren drückte es einmal plastisch aus: „Man muss sich in der Wissenschaft auch mal mit etwas beschäftigen können, was erst einmal unnütz wirkt.“ Letztlich sind es genau diese Beschäftigungen, die in der weiteren Arbeit die Resultate bringen, die dann vom Rest der Gesellschaft schließlich doch als „nützlich“ eingeschätzt werden. Die nötige geistige Elite ist kein Produkt von hyperschnellen Studiengängen, in denen Studenten mit nichts anderem beschäftigt sind, als in der Regelstudienzeit einer Unmenge von Scheinen, Leistungs- und Teilnahmenachweisen hinterher zu jagen. Die geistige Elite ist das Produkt von Studiengängen, die wissenschaftliche Neugier stimulieren und bewusst Freiräume zulassen, in denen Studenten ihr Wissen vertiefen können.

Wilhelm von Humboldt (Lithographie von Franz Krüger)

Humboldtsches Bildungsideal

Gerade Konservative sollten um die Bedeutung einer solchen, auch einmal nicht nur ökonomischen, sondern wissenschaftlichen Freiheit wissen. Stichwort: Das Bildungsideal nach Wilhelm von Humboldt – Einsamkeit und Freiheit als Grundbedingungen akademischer Tätigkeit. Diese Erkenntnis negiert nicht die Notwendigkeit von Wirtschaftlichkeit. Sie bringt jedoch die Einsicht mit sich, dass Wirtschaft ein Instrument ist – kein Selbstzweck. Letztendliche Grundlage für die Weiterentwicklung und den Fortschritt einer Gesellschaft ist nicht das Erzielen von finanziellem Gewinn, sondern das Erlangen von Wissen. Wenn Konservative für Freiheitlichkeit einstehen wollen, so sollte sich eben dieses Credo auch in der hochschulpolitischen Konzeption der AfD niederschlagen.

Florian Sander

Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD in NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er schrieb u. a. für ‚Le Bohémien‘, ‚Rubikon‘, ‚Linke Zeitung‘, den ‚Jungeuropa‘-Blog und ‚PI News‘, ist inzwischen Autor für ‚Arcadi‘, ‚Sezession‘, ‚Glauben und Wirken‘, ‚Wir selbst‘ und ‚Konflikt‘ und betreibt den Theorieblog ‚konservative revolution‘.

Verfassungsschutz als Konkurrenzschutz: …und täglich grüßt der Extremist!

von Klaus Kunze

Verfassungsschutz als Konkurrenzschutz: …und täglich grüßt der Extremist!

Das Publikum läßt sich immer weniger beeindrucken durch staatliche “Extremismus”-Alarmschreie. Es hat sich herumgesprochen, daß als Extremist immer etikettiert wird, wer der jeweiligen Regierung besonders unangenehme Konkurrenz macht.

Eine Partei amtlich als verdächtig zu stigmatisieren, hat den Zweck, ihr qualifizierte Mitglieder zu entziehen, weil Beamte und öffentliche Bedienstete um ihre Stellung fürchten. Eine inhaltliche Diskussion darüber, was Extremismus überhaupt ist, wird tunlichst vermieden. Sie könnte sonst auf ihre Urheber und die amtlichen Stigmatisierer selbst zurückfallen.

Juristisch ist ein Extremist, wer die grundlegenden Verfassungsentscheidungen des Grundgesetzes ablehnt und bekämpft. Das ist bei bei sauberer Anwendung begrifflicher Kategorien leicht möglich, weil die Merkmale der freiheitlichen demokratischen Grundordnung höchstrichterlich und gesetzlich feststehen. Zu ihnen zählen die Verfassungsentscheidungen für die Republik als Staatsform, die Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratieprinzip und andere.

Unschwer läßt sich nachweisen, daß eine Partei wie die SED, die sich jetzt die Linke nennt, nur mit einem Bein in unserer Grundordnung angekommen ist. Das herrschende politisch-mediale System will diese teilweise linksextremistische Partei aber unbedingt integrieren und mißt sie darum nicht an der verfassungsrechtlichen Meßlatte. Ihr Maßstab vermag auch bei der rechten Konkurrenz von der AfD nichts Verfassungsfeindliches aufzudecken, weshalb man lieber politologisch argumentiert.

Politologischer Extremismusbegriff

Politologisch erkennt der Extremismusforscher Harald Bergsdorf einen Extremisten daran, daß er erstens den Wahrheitsanspruch erhebe, mit seiner Doktrin die einzig wahre Weltsicht gefunden zu haben. Darum kämpfe er zweitens mit besonderem Rigorismus gegen andere Interessen, Lebensformen und Wertvorstellungen. Weil Freund-Feind-Denken und Haß die Hauptantriebskräfte extremistischer Politik seien, seien sie heterophob und wollten demokratischen Pluralismus nicht akzeptieren. (1)

Legt man diese weitgehend anerkannte Definition zugrunde, fällt es leicht, in den Medien und tagespolitischen Ereignissen Extremisten auszumachen: Sie dulden keinen politischen Pluralismus, sondern grölen “XYZ raus!”, fürchten “heterophob” abweichende Moral- und Politikvorstellungen, sehen in ihren politischen Widersachern Feinde, denen man “keinen Fußbreit” Straße zugestehen darf und von denen man nach der Machtergreifung schon mal den einen oder anderen erschießen könnte.

Die Energiewende sei auch „nötig nach ’ner Revolution. Dann sagt sie: „Und auch wenn wir das ein Prozent der Reichen erschossen haben, ist es immer noch so, dass wir heizen wollen, wir wollen uns fortbewegen.“ Ihre Worte rufen Gelächter und Beifall hervor.

Die Welt 10.3.2020

Was geht in den Köpfen von Extremisten wirklich vor? Das fragten sich Wissenschaftler um  Leor Zmigrod vom Department of Psychology & Behavioural and Clinical Neuroscience Institute, University of Cambridge. Die experimentellen Psychologen publizierten eine Studie über die Geistesverfassung solcher Leute:

Extremistische Ideologien zeichnen typischerweise ein klares Bild von Gut und Böse und präsentieren ihren Anhängern scheinbar einfache Lösungen und Handlungsstrategien. Viele Vertreter einer starken Ideologie sind bereit, diese gegebenenfalls auch mit Gewalt zu verteidigen. Präventionsprogramme gegen Radikalisierung verlassen sich bislang oft vor allem auf demographische Daten wie Alter, Rasse und Geschlecht. Diese können aber nur in sehr eingeschränktem Maße vorhersagen, welche Menschen anfällig für extremistische Positionen sind.

Elena Bernard, wissenschaft.de 23.2.2021

Wenn man einem Pfarrer ein Problem vorlegt, empfielt er Beten als Lösung, der Lehrer wird es auf schlechte Erziehung zurückführen, der Arzt auf ungesunde Ernährung und der Psychologe auf eine lockere Schraube. Der psychologische Ansatz zur Lösung des Extremismusrätsels ist aber ein Schlüssel zur Beantwortung der wichtigen Frage, wie man mit Extremismus umgehen kann.

Die Auswertungen ergaben: „Extreme Einstellungen für eine bestimmte Gruppe, einschließlich der Befürwortung von Gewalt gegen Personen außerhalb dieser Gruppe, waren mit einem schlechteren Arbeitsgedächtnis, langsameren Wahrnehmungsstrategien und Tendenzen zu Impulsivität und Sensationssucht verbunden“, berichten die Autoren.

Elena Bernard, wissenschaft.de 23.2.2021
Extremisten sehen die Welt nicht in ihrer bunten Komplexität, sondern reduzieren sie auf
hell-dunkel-, arm-reich- oder gut-böse-Kontraste.

Gut und Böse – Universalschlüssel zur Weltdeutung

Es liegt nahe, ein extremistisches Weltbild eher bei Menschen zu vermuten, die von unserer immer komplizierter werdenden Lebenswelt heillos überfordert sind. Wer “ein klares Bild von Gut und Böse” zeichnet und “scheinbar einfache Lösungen” anbietet, reduziert diese Komplexität auf einfache Grundmuster. So läßt sich vor allem in der medialen Verarbeitung täglicher Ereignisse beobachten, daß diese nicht mehr in ihrer Komplexität erfaßt werden. Vielmehr werden sie “geframt”, also eingerahmt in ein vorgekautes Schema von Gut und Böse.

Täglich zeichnen unsere Staatssender “ein klares Bild von Gut und Böse” und sind stolz auf ihren Haltungsjournalismus, der bei jeder Aussage die moralischen Implikationen bedenkt und sich von ihnen leiten läßt. Naturgemäß handelt es sich dabei um das sehr spezielle Gut und Böse der Medienleute.

Es wird konturiert durch eine komplexe Ideologie. Diese sucht in der Tendenz alle gewachsenen Institutionen wie Ehe, Familie, Volk und Vaterland zu dekonstruieren. Nach Atomisierung und Vereinzelung der Menschen sollen sie direkt abhängig werden von einem globalen Humanitarismus, der den ökonomischen Bedürfnissen multinational agierender Konzerne entgegenkommt. Wer die Haltung dieser Ideologie annimmt, für den sind Ehe, Familie, Volk und Vaterland “böse” und ist jede Emanzipation von ihnen “gut”.

Wer geistig überfordert ist und die  komplexe Wirklichkeit auf einen einfachen Nenner bringen möchte, öffnet wie mit einem Universalschlüssel scheinbar die Tür zu allen Antworten. Es gibt aber auch jenseits des Extremismus psychische Grunddispositionen, die politische Haltungen bestimmen. Je ängstlicher jemand ist, desto stärker wird er sich an schützende Institutionen klammern, die seinem Leben Orientierung und Struktur verleihen.

Eine fruchtbare Literatur hat gezeigt, dass die ideologischen Neigungen von Individuen mit verschiedenen psychologischen Merkmalen zusammenhängen, wie z. B. ihren persönlichen Bedürfnissen nach Ordnung und Struktur, kognitiver Flexibilität, Metakognition und Lernstilen und sogar Wahrnehmungsreaktivität gegenüber negativen Informationen. Das Aufkommen der politischen Neurowissenschaften, das die neuronalen Strukturen und Prozesse veranschaulicht, die der (politischen) Ideologie zugrundeliegen, wirft noch tiefere Fragen auf, wie kognitive Mechanismen zwischen Gehirn und Glauben vermitteln können.

Leor Zmigrod, The cognitive and perceptual correlates of ideological attitudes: a data-driven approach, 22.2.2021, royalsocietypublishing.org

Um das Bedürfnis nach Ordnung und Struktur zu befriedigen, taugt aber jede starre gesellschaftliche Ordnung gleichermaßen. Ob jemand die gewohnte sozialistische Ordnung der alten DDR wieder herbeisehnt oder ein anderer der alten Bonner Republik nachtrauert, bleibt sich psychologisch gleich: Beide fallen aus psychologischer Sicht unter die “Konservativen” mit spezifischen Merkmalen.

Ideologien können allgemein als Lehren beschrieben werden, die epistemische und relationale Normen oder Formen der Feindseligkeit streng vorschreiben. Die vorliegende Untersuchung vertritt einen domänenübergreifenden Blick auf die Definition von Ideologie, wobei der Schwerpunkt auf den Faktoren liegt, die mit dem ideologischen Denken in mehreren Bereichen wie Politik, Nationalismus und Religion verbunden sind. Dies schließt Dogmatismus ein, der als inhaltsfreie Dimension des ideologischen Denkens konzipiert werden kann, die die Gewißheit widerspiegelt, mit der ideologische Überzeugungen vertreten werden, und die Intoleranz gegenüber alternativen oder gegensätzlichen Überzeugungen.

Leor Zmigrod, The cognitive and perceptual correlates of ideological attitudes: a data-driven approach, 22.2.2021, royalsocietypublishing.org

Die Konvergenz von rechtlicher, politologischer und psychologischer Sicht

Daß Dogmatismus ein festes Merkmal von Extremisten und an rigide durchzusetzenden Überzeugungen zu erkennen ist, weiß auch die politologische Extremismusforschung, die sich hier mit der Psychologie trifft.

Die Intoleranz gegenüber alternativen oder gegensätzlichen Überzeugungen verführt wiederum zu politischen Überzeugungen, die anderen Ansichten “keinen Fußbreit” lassen wollen, sie für “keine Meinung, sondern ein Verbrechen” halten und darum verbieten wollen. Wer das Monopol auf eine politische Wahrheit für sich beansprucht, Andersdenkende verteufelt und aus dem Rennen um Wählergunst und demokratische Mitwirkung nehmen will, erweist sich damit auch als Verfassungsfeind: Feind der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

Wer das Monopol auf eine politische Wahrheit für sich beansprucht, Andersdenkende verteufelt und aus dem Rennen um Wählergunst und demokratische Mitwirkung nehmen will, erweist sich damit auch als Verfassungsfeind: Feind der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

Solche Feinde haben 2021 ihren langen Marsch durch die Institutionen erfolgreich abgeschlossen und instrumentieren bereits den Verfassungsschutz. Dieser sieht Extremisten überall dort, wo er sie auftragsgemäß sehen soll. Nur bei seinen politischen Instrukteuren sieht er ihn nicht.


(1) Bergsdorf, in: Backes, Uwe und Eckhard Jesse (Hrg.), Gefährdungen der Freiheit, Extremistische Ideologien im Vergleich, Göttingen 2006, S.182.

Dieser Beitrag ist auch unter dem Titel „Und täglich grüßt der Extremist“ auf Klaus Kunzes Blog erschienen:http://klauskunze.com/blog/2021/03/05/und-taeglich-gruesst-der-extremist/

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist kunze-klaus.jpg.

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

Und das neue Werk von Klaus Kunze ist nun auch lieferbar: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

Hier bestellen!

Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

Klaus Kunze: Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen. Von der Vormundschaft zum Genderismus. Hier erhältlich!

Warschau und Budapest als Europas Prügelknaben

von Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn

Warschau und Budapest als Europas Prügelknaben

Als Polen in den 1970er/1980er Jahren dringend Solidarität braucht, gibt es für die Freiheitsbewegung der Solidarność aus dem „offiziellen Deutschland“ in Ost und West keinerlei Hilfe. Helmut Schmidt (Bundeskanzler von 1974-1982) signalisiert
DDR-Chef Honecker Verständnis für die Verhängung des Kriegsrechts in Polen. Er hat Angst, dass seine Annäherung an die SED-Führer „durch Unruhe im Nachbarland Polen gefährdet werden könnten. Im Unterschied zu anderen westeuropäischen Diplomaten gingen westdeutsche und vor allem sozialdemokratische Politiker möglichst jedem Kontakt mit der polnischen Opposition aus dem Weg. […] Herbert Wehner [bis 1983 SPD-Fraktionschef im Deutschen Bundestag] reist als erster westlicher Politiker bereits wenige Tage nach Verhängung des Kriegsrechts im Januar 1982 nach Warschau, um sich von den kommunistischen Machthabern direkt informieren zu lassen; [1984] nahm er auch noch ausgerechnet am Jahrestag der Ausrufung des Kriegsrechts einen Orden [der polnischen KP] entgegen. Noch bei Besuchen im Jahre 1985 gehen der SPDVorsitzende Hans-Joachim Vogel und Willy Brandt einem Treffen mit Lech Walesa aus dem Weg.“1

Als Fachkräfte aus Polen nach Deutschland abwandern, fordert kein Berliner
Politiker, dass sie lieber die Heimat aufbauen als dem ohnehin reichen Deutschland
zuarbeiten sollten. Es wäre eine wahrscheinlich erfolglose, aber doch Mitgefühl
ausdrückende Geste der Solidarität gewesen. Als Deutschland 2015 allerdings
Millionen Menschen aus Afrika und dem Islambogen in die EU holt, wird alsbald die
Solidarität entdeckt – und zwar als eine den Polen fehlende Eigenschaft, denn das
Land will sich an Ansiedlungen unbekannter Dauer nicht beteiligen.

Zunächst freilich lauten die Aussagen noch sehr unterschiedlich, denn man erwartet allen Ernstes die Zuwanderung von Millionen hochqualifizierten Menschen. Selbst der Daimler-Benz-Direktor Dieter Zetsche erkennt in den 2015 Hereindrängenden „eine Grundlage für das nächste deutsche Wirtschaftswunder.“2 Hätten die Neuankömmlinge tatsächlich Mercedes oder Siemens wieder zu globalen Innovationsführern gemacht, hätte wohl niemand Polen gedrängt, diese Könner bei sich aufzunehmen: Man hätte sie ganz still eingesackt und niemanden gebeten, doch bitte solidarisch zu sein und diese Ingenieure und Hightech-Spezialisten in ihre Betriebe zu holen.
Bald aber kommt heraus, dass 85 bis 90 Prozent der Neuen unqualifiziert sind.3
Eingedeckt bis zur Halskrause mit teuren Sozialhilfeempfängern, ruft Deutschland
daher auf einmal Solidaritäts-Parolen in höchster Lautstärke durch ganz Europa. Wer
darauf nicht hereinfällt, wird als minderwertig in Sachen Menschlichkeit diffamiert.
Offene Wut trifft schließlich alle, die auch angesichts solcher Beleidigungen nicht
einknicken, sondern das Manöver nur zu gut durchschauen.
Vor allem Budapest und Warschau werden dämonisiert. Bis heute kann man dort
flanieren, ohne Menschenmengen durchpflügende LKWs fürchten zu müssen. Obwohl antijüdische Ranküne nicht fehlt, benötigen Synagogen keinen Schutz durch
gepanzerte Fahrzeuge. Auch altehrwürdige Kirchen bleiben von Brandstiftern
verschont – und die am Straßenrand parkenden neuen Autos auch. In der NATO gehört zwar nicht Ungarn, aber doch Polen zur kleinen Minderheit, die den vereinbarten Beitrag zur Verteidigung der westlichen Allianz leistet.4 Hingegen steht ein Bündnis-Gütesiegel für die Finanzierung der Gasleitungen Putins nach Deutschland weiterhin aus. Berlin verbittet sich hier jegliche Mahnung zur Solidarität mit den besorgten östlichen Nachbarn.
Längst ist auch Angst im Spiel, wenn gerade jene Regierungen als Europas
Buhmänner verschrien werden, die Torheiten unterlassen und für die Sicherheit ihrer
Menschen einstehen. Fürchtet man, eines Tages von den eigenen Bürgern an ihnen
gemessen zu werden? Wenn Berlin auf Solidarität pocht, wird damit stets ein
Eigeninteresse maskiert. Solches Bestreben ist selbstredend bei allen am Werk. Doch es bei anderen zu tadeln, sich selbst hingegen moralisch aufzuplustern, ist ein Spielchen, das man am ehesten durch Nichtbeteiligung abstellt. Am Ende werden die Vorteile der osteuropäischen Maßnahmen – kein Terror und keine Überwältigung durch bildungsferne Einwanderer – zum stärksten Argument gegen ihre Verleumdungen.

Nachweise
1) http://niemcydlasolidarnosci.pl/prasa/prasa-inna/die-solidarnosc-und-die-spd/
2) https://www.faz.net/aktuell/technik-motor/iaa/daimler-chef-zetsche-fluechtlinge-koenntenneues-wirtschaftswunder-ausloesen-13803671.html ; Fettdruck GH
3) http://www.rp-online.de/wirtschaft/unternehmen/ba-chef-frank-juergen-weise-fluechtlingekeine-antwort-auf-fachkraeftemangel-aid-1.6709807
4) https://www.graphicnews.com/de/pages/38134/militar-beitragszahlungen-der-natomitgliedslander

Prof. Dr. Gunnar Heinsohn

Professor Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, geboren 1943 in Gotenhafen, ist Wirtschaftswissenschaftler, Soziologe und Historiker. Er ist emeritierter Professor der Universität Bremen, wo er 1993 Europas erstes Institut für vergleichende Völkermordforschung aufgebaut hat. Heinsohn verfasste u.a. die erste Enzyklopädie zu Genoziden (Lexikon der Völkermorde, 1998). Er lehrt Kriegsdemografie am NATO Defense College in Rom und Eigentumsökonomie am Management-Zentrum St. Gallen.

Das Foto von Prof. Heinsohn haben wir auf der Seite von Wikipedia gefunden: Von Freud – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29218949

Der Artikel von Prof. Dr. Dr. Heinsohn wurde hier erstveröffentlicht:

KOMMENTARE aus dem WESTINSTITUT:

Instytut Zachodni
im. Zygmunta Wojciechowskiego
ul. Mostowa 27A, 61-854 Poznań

https://www.iz.poznan.pl/aktualnosci

Wir bedanken uns bei Herrn Prof. Dr. Dr. Heinsohn und bei Prof. Dr. David Engels für die Veröffentlichungsgenehmigung.

Diabolischer Ökologismus – Die Linke und die Ökologie

von Dr. Winfried Knörzer

Diabolischer Ökologismus – Die Linke und die Ökologie

Den Verlust der Diskurshoheit über die Ökologie zugelassen zu haben, muß als ein schwerer Fehler der Rechten/des Konservativismus bewertet werden. Schlimm ist es zum einen, weil die Ökologie zum originären Kernbestand rechter Weltanschauung gehört: Bewahrung des Eigenen und Ursprünglichen, Einklang mit der natürlichen Wirklichkeit, Skepsis gegenüber Fortschritt und dem Primat des Ökonomischen. Schlimm ist es zum anderen, weil die Ökologie seit Ende 70er Jahre in zunehmenden Maße zu einem zentralen Thema der Politik aufgerückt ist und man sich ohne Not der Mittel begeben hat, um in der diesbezüglichen politischen Auseinandersetzungen mitreden zu können. Man mag nun, was sicherlich großenteils zutrifft, einwenden, daß die Rechte bereits zum damaligen Zeitpunkt zu marginalisiert war, um hierbei überhaupt gestaltend einwirken zu können. Das ändert aber nichts an der Tasache, einen Fehler begangen zu haben. Vergrößert wird dieser Fehler nachträglich noch durch das Versäumnis, darüber nachzudenken, was die Okkupation der Ökologie durch die Linke eigentlich bedeutet.

Ansätze für eine ökologische Neuorientierung der Rechten und Konservativen: Ausstieg aus dem Wettlauf des Immer-Mehr!

Schutz der Umwelt, eine langfristige, auf die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen gerichtete Zukunftsperspektive, Ausstieg aus dem Wettlauf des Immer-Mehr, statt dessen Bereitschaft zur Askese und Bescheidenheit: welcher wirklich Konservative kann diesen Zielen widersprechen? Was ist daran falsch, wenn die Linke das verwirklicht, was die Rechte unterlassen hat? Ich traue der Linken nichts Gutes zu. Sie ist eine diabolische Macht, die alles verdreht, verfälscht und vergiftet, was sie in die Hände bekommt. Darum ist zu fragen: worin besteht die Falschheit der linken Ökologie?

Beginnen wir mit einem geschichtlichem Rückblick. Die Hoffnungen der rebellierenden Studenten auf eine baldige Revolution hatten sich nicht erfüllt, was Anfang der 70er Jahre allmählich den meisten bewußt wurde. Die Arbeiter hatten dem Werben der akademischen Revolutionäre die kalte Schulter gezeigt. Die Szene war zum kleineren Teil zersplittert in Theoriezirkel und marxistisch-leninistische Sekten, die sich gegenseitig befehdeten. Die Mehrheit freilich begeisterte sich weder für den Kommunismus sowjetischer noch chinesischer Prägung, sondern hing einer etwas nebulösen Mischung von Sozialismus, Anarchismus und Radikaldemokratismus an, die vom Mörtel eines lebensweltlichen Linkssein­gefühls zusammengehalten wurde. Man nannte dies „undogmatisch“. Praktisch lief dies auf das Bestreben hinaus, irgendetwas links von der SPD machen zu wollen. Die Chance zur Umsetzung dieses Projekts bot sich mit der Parteigründung der Grünen an. Auf den ersten Blick erschien diese Partei keineswegs als Kandidat einer Liebesheirat, weil ganz zu Anfang noch echte Konservative wie Herbert Gruhl und Baldur Springmann den Ton angaben. Doch einerseits hatten die Erfahrungen in der Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung, die damals rasch zu beträchtlicher Größe angewachsen waren und mit eindrucksvollen Aktionen auf sich aufmerksam machten, gezeigt, welche Vorteile es mit sich bringt, den revolutionären touch ein wenig zurückzunehmen, um dadurch anschlußfähig zu werden für die Welt der „Normalbürger“ außerhalb des linksextremen Ghettos und so endlich die sehnlichst benötigte „Massenbasis“ zu finden. Andererseits wußte man dank der vorangegangen Kaderarbeit um die Vorteile von Organisation. Nur Institutionalisierung kann einer Bewegung Dauer und politische Schlagkraft verleihen. Darum war es sinnvoll, die noch kleine Schaluppe der Grünen zu kapern und sie in ein mächtiges Linienschiff umzubauen, auf dem man selbst das Kommando führt.

Die Konterbande in Form des Themas Ökologie, die den Linken bei diesem Beutezug unversehens in die Hände fiel, entsprach nicht deren Herzensanliegen. Aber genauso wie Piraten, die erbeutete Seidenstoffe und Gewürze nicht selbst gebrauchen können, verstanden sie es, mit diesem Pfund zu wuchern. Sie errangen mit einem Schlag die Meinungs­führerschaft über ein Thema, das immer wichtiger werden sollte, wobei dessen Wichtigkeit durch eigenes propagandistisches Zutun noch gesteigert wurde, und damit auch Macht. Machtbesitz als solcher, gleich worauf er beruht, ist politisch immer wertvoll, weil man vom Brückenkopf einer einmal errungenen Machtposition aus, seine Macht ausdehnen kann. Des weiteren sollte es auch keine Schwierigkeit bereiten, den Kampf gegen Kernkraftwerke und Umweltverschmutzung in den Dienst einer gegen den Kapitalismus und das herrschende System gerichteten Politik zu stellen, indem die ökologische Problematik als Folge rücksichtsloser Kapitalverwertungsinteressen interpretiert wurde.

Man hatte kein originäres Interesse an der Ökologie, auch wenn man sich allmählich damit identifizierte, wie dies auch jeder Amtsinhaber tut, wenn er mit einer ihn eigentlich nicht interessierenden Aufgabe betraut wird. Man verstand aber die Ökologie als Mittel zu gebrauchen, um den eigentlich interessierenden politischen Zweck zu befördern. Mit dieser Instrumentalisierung des Ökologischen haben wir den ersten markanten Unterschied zur originären Naturverbundenheit des Konservativismus herausgefunden.

Nähern wir uns nun der Gegenwart. Worin besteht linke ökologische Politik? Sie besteht aus Verordnungen, Grenzwerten, Verboten, Warnungen, Verzichtsappellen. Sie ist rein negativ ausgerichtet. Man soll auf Autos, Flugreisen, Fleisch und sonstige Annehmlichkeiten verzichten, weil ein Weitermachen wie bisher zur großen Katastrophe, zum Untergang der Menschheit führen wird. Warum soll man all das preisgeben, nur weil fragwürdige Hochrechnungen eine solche Zukunft, die aber immer ungewiß sein wird, voraussagen? Es wird kein positives, erstrebenswertes Zukunftsbild eines mit der Natur versöhnten Daseins angeboten. Dazu bedürfte es im Grunde nicht viel: die Waldwanderung, der Ausritt, die Arbeit im Garten, die Kirschblüte, das Flattern eines Schmetterlings. Aber das ist zu kitschig, zu spießig oder mit einer Floskel aus jüngster Vergangenheit: zu affirmativ. Es wird immer nur die Hölle in den düstersten Farben ausgemalt, aber nie das Paradies gezeigt. Was sollte einen daran hindern, das Leben jetzt zu genießen und nach uns die Sintflut kommen zu lassen, wenn die Zukunft eh nur ein durchrationiertes Minimalleben in grauer, freudloser Ödnis bereithält? Die Unfähigkeit, ein positives Zukunftsbild zu entwerfen, hat zwei Gründe. Der erste Grund besteht in Vorherrschaft abstrakten Denkens, das nicht in der Lage ist, etwas konkret Bildhaftes sich vorzustellen. Die linken Ökologen entstammen urbanen Milieus. Sie kennen die Natur nicht und können sie daher auch nicht lieben. Was sie mit der Natur verwechseln, sind Tabellen mit Zahlenangaben zur Umwelt. Dieser technizistisch-intellektualistische Zugriff führt auch zur maßlosen Überschätzung des Faktors Kohlendioxid und damit auch zur fernen und abstrakten Gefahr der Klimaerwärmung, weil diese rational faßbar ist. Dagegen wird die ganz reale, unmittelbar sinnfällige Natur­zer­störung übersehen: Das Artensterben, die Zersiedelung, Asphaltierung, Vernutzung der Landschaft, eine gerade auch widersinnigerweise ökologisch motivierte Vernutzung in Form von fatalen Bioenergiemonokulturen und Windrädern, die nicht nur häßlich sind, sondern auch Insekten und Vögel töten. Der zweite Grund ist ein politisch-(pseudo)re­ligiöser. Man haßt und verachtet die Welt, so wie sie ist. Weltekel kann sowohl in ein passives, weltabgewandtes Eremitentum münden, als auch in eine aktivistische eschatologische Aufstandsbewegung. Da Ökologie politisch codiert ist, kommt nur die zweite Möglichkeit in Betracht. Man ist weder in der Lage, die ökologische Problematik in ihrer Komplexität zu begreifen, noch willens, an konstruktiven Lösungen mitzuwirken, die ein Minimum an Verzicht und ein Maximum naturnaher Lebensgestaltung beinhalten, aber man hat die Macht, andere zu drangsalieren, ihnen den eigenen Willen aufzuzwingen und mit der Zerstörung des Bestehenden zu drohen. Welch Triumph des Machtgefühls ist es, die ach so stolze Autoindustrie auf ihrem Canossagang vor einem auf den Knien rutschend zu sehen, demütig um Gnade flehend!

Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Ost und West – die Kluft zwischen dem traditionalistischen und dem globalistischen Europa

Ost und West – die Kluft zwischen dem traditionalistischen und dem globalistischen Europa

von Prof. Dr. David Engels

Trotz der Coronavirus-Pandemie, die alle Medienaufmerksamkeit vereinnahmt, zeigen die jüngsten Debatten über den europäischen Haushalt immer deutlicher, dass die größte Kluft in Europa nicht zwischen Nord und Süd, sondern zwischen Ost und West besteht. Diese Kluft ist umso bedeutender, weil sie unerwartet ist, denn in den Jahren nach der Wende und der Wiedervereinigung Europas erwarteten viele Zuschauer, dass sich Osteuropa mit seiner Rolle als „Hinterland“ der deutschen Wirtschaft begnügen und sich dem westlichen Liberalismus schnell anpassen würde.

In den letzten Jahren ist jedoch deutlich geworden, dass dieses „gekidnappte Europa“, um Kundera zu zitieren, zunehmend seinen eigenen Weg geht, was wahrscheinlich die paradoxe und unerwartete Frucht derselben „Entführung“ ist, die diese Regionen daran hinderte, der Entwicklung ihrer westlichen Nachbarn zu folgen, und sie der bleiernen Herrschaft des russischen Kommunismus unterworfen hat. Das hatte zwei Konsequenzen: Zum einen hielt der stillschweigende nationale Widerstand der Polen, Ungarn, Tschechen, Slowaken und anderer Nationen gegen den russischen „großen Bruder“ Identitätsfaktoren wie Patriotismus, Christentum oder nationale Traditionen am Leben, die im Westen zunehmend einer Art globalistischem und amerikanisiertem Melting Pot gewichen sind. Andererseits hat das Leben unter einem diktatorischen Regime die Europäer auf der anderen Seite der Mauer gegen die Versuchungen des Totalitarismus „geimpft“ (um einmal ein Modewort zu benutzen) und sie gelehrt, hinter pseudohumanistischen Worten, hinter „einstimmigen“ politischen Entscheidungen und hinter medialen Invektiven den Schatten des autoritären Apparats zu erkennen.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Bürger Osteuropas sehr überrascht waren, als sie feststellten, dass ihre westlichen Nachbarn, nachdem diese zunächst die antikommunistischen Bewegungen herzlich begrüßt hatten, diese nun nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zunehmend skeptisch betrachteten und schließlich begannen, dieselben Kräfte, die den Fall des Kommunismus herbeigeführt hatten, als „nationalistisch“, „klerikalistisch“, „illiberal“, „intolerant“ usw. zu beschimpfen. Im Glauben, dass der Fall der Mauer es ihnen ermöglichen würde, endlich einem „Europa der Nationen“ beizutreten, das fest in den griechisch-römischen und jüdisch-christlichen Traditionen und Werten wurzele, wie es von den Gründungsvätern wie Robert Schuman gewünscht worden war, gab es für die neuen Bürger der Europäischen Gemeinschaften ein böses Erwachen: sie mussten feststellen, dass sich dieses Europa immer weniger darauf beschränkt, den Unterschied zwischen einem „globalistischen“ westlichen Teil und einer eher „traditionalistischen“ östlichen Hälfte als Bereicherung zu betrachten und sich für ein besseres gegenseitiges Verständnis einzusetzen, sondern vielmehr eine hegemoniale Haltung einnimmt und sogar mit aller Macht versucht, die Innenpolitik seiner neuen östlichen Mitgliedsstaaten zu beeinflussen.

Das Visegrád-Bündnis

So hat sich seit der Politisierung des Visegrád-Bündnisses und der Wahlsiege von Fidesz in Ungarn (2010, NdR.) und PiS in Polen (2015, NdR.) eine regelrechte Kluft zwischen Ost und West aufgetan, und es ist schwer zu sagen, ob, wann und wie diese sich wieder schließen wird. Denn zum einen würden die immer massiver werdenden Versuche, die ungarische oder polnische Regierung durch den Europäischen Gerichtshof, durch die Kürzung europäischer Subventionen oder durch die indirekte Hilfe von Medien und NGOs für Oppositionsparteien zu stürzen, selbst wenn sie Erfolg hätten, nur einen erheblichen Teil der Bürger vor den Kopf stoßen und ihre anfängliche Begeisterung für das europäische Projekt schwer belasten – mit unabsehbaren Folgen, wie der Brexit gezeigt hat. Andererseits breitet sich die Spaltung nun zunehmend auch auf andere europäische Staaten aus, denen das Beispiel der Visegrad-Allianz zeigt, dass man patriotisch sein kann, ohne nationalistisch zu sein, stolz auf seine Kultur, ohne chauvinistisch zu sein, seinen christlichen Wurzeln nahe, ohne intolerant zu sein, konservativ, ohne extremistisch zu sein, und demokratisch, ohne politisch korrekt zu sein – ein gefährlicher Präzedenzfall, da er das übliche Narrativ diskreditiert, demzufolge alles, was rechts vom multikulturellen Universalismus steht, unweigerlich zum Faschismus führen muss.

Zum jetzigen Zeitpunkt und insbesondere nach dem Ende der Amtszeit Donald Trumps ist es schwierig zu wissen, wie sich dieser Konflikt weiterentwickeln wird. Die Covid-19-Krise hat neue Unsicherheiten hinzugefügt, so dass viele Zuschauer bereits das Ende der „populistischen“ Ära ankündigen. Zumindest für die Visegrad-Länder ist dies ein zweifacher Irrtum. Erstens, weil die polnische und die ungarische Regierung streng genommen nicht „populistisch“ sind: Mit einer langen Regierungserfahrung und tief verwurzelt in lebendigen kulturellen Traditionen, unterscheiden sie sich deutlich von dem rein oppositionellen und oft eher liberalen als konservativen Ansatz der westlichen „Populisten“. Darüber hinaus könnte sich die Coronavirus-Krise als relativer Vorteil für Osteuropa erweisen, das wirtschaftlich widerstandsfähiger, kulturell stabiler und finanziell (zumindest Polen und Ungarn) weniger an die Eurozone gebunden ist und damit vielleicht besser in der Lage sein wird, die Krise zu bewältigen, als viele seiner westlichen Nachbarn.

Auch im Hinblick auf die so genannten „Verletzungen“ der Rechtsstaatlichkeit ist davon auszugehen, dass in nicht allzu ferner Zukunft – wenn Länder wie Frankreich nur noch mit autoritären Maßnahmen Ordnung und Sicherheit aufrechterhalten können und sich in Polizeistaaten verwandelt haben werden – gerade in diesen so genannten „illiberalen“ Ländern jene politische und zivilgesellschaftliche „Normalität“ weiter gedeihen wird, die im Westen zunehmend abhandenkommt. Die Entscheidung, eine gewisse kulturelle Homogenität zu bewahren, den Traditionen treu zu bleiben und sich nicht von Brüssel (oder Berlin) politisch einschüchtern zu lassen, könnte sich also als richtig erweisen – vorausgesetzt, dass sie in den entscheidenden Jahren, die vor uns liegen, beibehalten wird…

Übersetzt aus dem Französischen von Visegrád Post. Dort wurde es auch erstveröffentlicht: https://visegradpost.com/de/2021/02/04/ost-und-west-der-stand-der-dinge/

Wir danken Prof. Dr. David Engels für die Veröffentlichungsgenehmigung.

David Engels
David Engels

Prof. Dr. David Engels ist ein belgischer Historiker und hat derzeit eine Forschungsprofessur am Instytut Zachodni in Posen inne, wo er verantwortlich ist für Fragen abendländischer Geistesgeschichte, europäischer Identität und polnisch-westeuropäischer Beziehungen. Als Spezialist für alte, insbesondere für römische und seleukidische Geschichte ist er auch ein Denker des europäischen Konservatismus, der sich seit über einem Jahrzehnt mit Fragen der Identität, vor allem in der französisch- und deutschsprachigen Presse, befasst. 2013 veröffentlichte er Le Déclin, wo er die derzeitige Europäische Union und die rückläufige Römische Republik methodisch verglich. 2019 veröffentlichte er Renovatio Europae: Plädoyer für einen hesperialistischen Neubau Europas, gefolgt von Que faire?, Zwei Werke, die sich der Zukunft Europas zuwandten; das erste befasste sich mit der Reform der Institutionen und das zweite wandte sich an die einzelnen Menschen.

Reitschuster oder das Positive

von Ulrich Schödlbauer

Reitschuster oder das Positive

Warum fällt mir, wenn ich an das zurückliegende Jahr denke, beim Stichwort ›Journalismus‹ immer der Name Boris Reitschuster ein? Es muss, Kritik hin oder her, in jedem Gemüt der Wunsch existieren, das Positive auch und gerade dann zu seinem Recht kommen zu lassen, wenn es in der Realität endgültig verspielt zu haben scheint. Reitschuster oder das Positive – so müsste, ginge es nach meiner Wahrnehmung, der Journalistenroman über das Jahr der Wende 2020 heißen. Nicht, als sei hier ein Journalist bisher unbekannten Typus ans Werk gegangen, um die Blattmacher alten Schlages Mores zu lehren: Der Journalist B.R. ist ganz und gar old school, und darin steckt schon das Revolutionäre.

Dass einer den Fakten nachläuft, gelegentlich auf der Straße nachrennt, bis ihm die Puste ausgeht, unterscheidet ihn in diesen Tagen nicht nur wohltuend von einer Kollegenschaft, die sich ihre Klasse per Gendersternchen bescheinigt und tendenziöse Agenturmeldungen in Haltungsbotschaften auswalzt. Es unterscheidet ihn auch von den gewerblich Wohlmeinenden, die täglich per Güterabwägung entscheiden, wie viel Wirklichkeit sie für zumutbar und vor allem bekömmlich halten, wobei die Zumutung mehr auf Seiten des Publikums, die Bekömmlichkeit mehr auf Seiten der eigenen Person und ihrer beruflichen Absicherung zu liegen kommt. Es sind ja nicht alle korrupt, die sich berufsbedingt aufs Glatteis begeben. Viele schlingern nur, weil sie meinen, damit besser Kurs zu halten, während der Fußgänger geradewegs an ihnen vorbeigeht.

Was den einfachen Journalisten Reitschuster zum Titanen anwachsen lässt, ist der rund um die Uhr von ihm geführte Nachweis, dass mit den sparsamen Mitteln des Ein-Mann-Blogs seriöser Tatsachen-Journalismus machbar ist, während Heerscharen mehr oder weniger gut bestallter Kollegen im schrumpfenden Massenbetrieb sich verschworen zu haben scheinen, das schiere Gegenteil zu beweisen. Das hat ihn, der Not der Zeit gehorchend, an die Seite der summarisch ›Querdenker‹ genannten (und als solche verunglimpften) Bürgerrechts-Demonstranten geführt, ohne dass er darüber zum Aktivisten geworden wäre. Die Trennung der Sphären war und ist der Trick der Moderne, der all die zauberhaften Errungenschaften heraufgeführt hat, die eine kulturvergessene Generation gegenwärtig mit Füßen tritt, ohne eine Sekunde auf sie verzichten zu wollen. Insofern war und ist die an den Universitäten gelehrte Leidenschaft für Hybride nie so unschuldig gewesen, wie sie manchem Märchenerzähler noch heute vorkommt.

Im Lügenuniversum gehen die Uhren anders als gewohnt. Andererseits schreitet die Gewöhnung voran, so dass auffällig wird, wer sich dem täglichen Quantum verlässlicher Information verpflichtet weiß, nicht der WAHRHEIT in der Wolle gefärbter Gruppen und ›Faktenchecker‹. Es gibt schlimmere Freistellungsmerkmale als dieses. Man ahnt als Leser mit einem Mal das Schrecklichschöne eines Berufs, den man bereits abschreiben wollte, teils aus Wissenshochmut, teils aus Einsicht in den Umstand, dass sich nicht jede öffentlichkeitsinduzierte Verstimmung in Gelächter auflösen lässt.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Seite Prof. Schödlbauers: https://ulrich-schoedlbauer.iablis.de/456-reitschuster-oder-das-positive

Wir danken für die Veröffentlichungsgenehmigung.

Ulrich Schödlbauer

Ulrich Schödlbauer ist außerplanmäßiger Professor a.D. für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der FernUniversität in Hagen. Er schreibt Gedichte, Prosa, Essays. Netzprojekte: Die versiegelte Welt und Das Alphazet. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen auf den Gebieten der Kultur- und Kunsttheorie. Er ist Herausgeber des Jahrbuchs für europäische Prozesse Iablis.

Bücher (Auswahl)

Kunsterfahrung als Weltverstehen (1984); Entwurf der Lyrik (1994); Noti­zen zur deutschen Ein­heit (1994); Ideen­fluchten (1994); Das Ende der Kritik (1997); Die Ethik der Nassrasur (1997); Das Land der Frösche (2001); Uhuru Peak. Ein Bericht (2001); Rilkes Engel (2002); Ionas. Gedicht (2001); The Hid­den Power of Non­cha­lance (2002); Organum Mortis (2003); PoliFem (2004); Das anthropologische Experiment (2005); Das Ungelebte (2007); Hiero (2010)

Zur Person Boris Reitschusters bringen wir eine Darstellung der Internetseite http://www.reitschuster.de :

Boris Reitschuster leitete von 1999 bis 2015 das Büro des Nachrichtenmagazins „Focus“ in Moskau. Ende 2011 musste er nach massiven Drohungen Russland verlassen und leitete das Büro noch fast vier Jahre von Berlin aus. Der gebürtige Augsburger ist Autor mehrerer Bestseller, Übersetzer von Michail Gorbatschow und schrieb für zahlreiche Medien, etwa die Washington Post, den Guardian, die Frankfurter Allgemeine, die Wiener Zeitung und den Münchner Merkur. Er ist Moderator einer wöchentlichen politischen Talkshow im russischsprachigen deutschen Sender OstWest-TV und Dozent am Institut für internationale Politik und Wirtschaft Haus Rissen in Hamburg. Er lebt in Berlin und ist regelmäßig in Russland, der Ukraine und vielen anderen Staaten Osteuropas.

Reitschuster wurde 2008 mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet – „angesichts seines außerordentlichen Engagements, mit dem er sich seit vielen Jahren kritisch mit dem politischen System Russlands auseinandersetzt und vor Ort mit hohem persönlichem Einsatz für die Meinungs- und Versammlungsfreiheit und damit für die Wahrung von Bürger- und Menschenrechten kämpft“.

Reitschuster gilt laut Cicero als „einer der führenden Russland-Experten Deutschlands“. Die „Welt“ schrieb: „Besser als er hat noch keiner das russische Machtsystem beschrieben. Boris Reitschuster, einer der schärfsten Putin-Kritiker in Deutschland, kann stolz auf sich sein.  Der russische Präsident höchstselbst hat den von Reitschuster stark mitgeprägten Begriff ,Demokratur´ mindestens einmal in den Mund genommen.“

Reitschuster erlag nach einem Jugendaustausch mit der Sowjetunion 1988 der Faszination Russlands und erlernte im Eigenstudium die Sprache des Landes, mit dem ihn außer seinem Vornamen zuvor nichts verband. Nach dem Abitur 1990 zog er als Student zu seiner Jugendliebe nach Moskau, mit zwei Koffern und seinen gesamten Ersparnissen. In einer Gastfamilie und in leeren Geschäften lernte er Russland abseits der Ausländer-Ghettos kennen. Nach einer Dolmetscher-Ausbildung arbeitete er als Deutschlehrer und Übersetzer. Gleichzeitig berichtete er für verschiedene deutsche Tageszeitungen aus Russland. Nach fünf Jahren in Moskau machte Reitschuster 1995 ein Volontariat bei der „Augsburger Allgemeinen“ und arbeitete dann für die Presseagenturen dpa und AFP in München. Als Leiter des Moskauer FOCUS-Büros kehrte Reitschuster 1999 zurück in das Land, das seine zweite Heimat geworden ist und lebte dort bis Ende 2011.

Otto von Bismarck und die Realpolitik

Otto von Bismarck und die Realpolitik

von Florian Sander

Zum 150. Jubiläum der Reichsgründung

Am 18. Januar 2021 jährte sich der Tag der Gründung des Deutschen Reiches zum 150. Mal. Grund genug, um an dieser Stelle nochmal an die wichtigsten, ungewöhnlich vielfältigen und vielschichtigen politischen Erfolge und Akzente eines der wichtigsten Staatsmänner jener Ära zu erinnern: Reichskanzler Otto von Bismarck.

Die Existenz einer politischen Entität Deutschland wäre ohne das Wirken Bismarcks nicht denkbar. Der „Eiserne Kanzler“ hat maßgeblich dazu beigetragen, die deutsche Einheit und die Gründung des Deutschen Reiches in einer Weise herbeizuführen, die von innerer Stabilität und Ordnung geprägt war, was unter den damaligen Umständen wahrlich keine leichte Aufgabe darstellte.

Wie kaum ein anderer steht Bismarck zugleich für die Einführung der Grundlagen der deutschen Sozialstaatlichkeit: Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung stellten zur damaligen Zeit eine politische Innovation dar, die auf Bismarcks Konto ging. Nicht aus altruistischen Motiven, sondern aus strategischen: Auf diese Weise sollte der Sozialdemokratie die Anhängerschaft abgeworben werden. Was man aber auch von der kühl kalkulierenden Motivlage des Reichskanzlers halten mag: Die Effekte waren nachhaltig. Und sie schufen ein Modell, das in seiner Fortentwicklung bis heute globalen Einfluss entfaltet. Bismarck gelang es in kühner Weise, Kernanliegen von Konservativen und Nationalliberalen, aber eben auch von Sozialdemokraten in wesentlichen Ansätzen zu realisieren und dadurch eine innere Befriedung des neuen Reiches zu schaffen.

Der Schöpfer der „Realpolitik“

So kühl-strategisch und zugleich ausgleichend, wie er diese innenpolitischen Aufgaben anging, so begegnete er auch den (neu entstandenen) außenpolitischen Herausforderungen seines Jahrhunderts. Bismarck gehört mit zu den Pionieren dessen, was man unter „Realpolitik“ versteht. Gelingender Realpolitik.

Anton von Werner: Berliner Kongress vom 13. Juli 1878, Gemälde von 1881. Otto von Bismarck steht vorn mittig im Bild und schüttelt dem russischen Botschafter Schuwalow die Hand; links von ihm steht der österreichische Botschafter Andrássy.

Das, was die Politikwissenschaft als die „realistische Schule“ der Internationalen Beziehungen (IB) bezeichnet, beschreibt grob gesagt das rein interessengeleitete außenpolitische Handeln von Staaten, welches dem rein wertegeleiteten Handeln der „liberal-idealistischen Schule“ entgegensteht. In der politischen Praxis kommt es diesbezüglich natürlich bei nahezu allen demokratischen Staaten zu Vermischungen, da deren Regierungen – aufgrund etwa von Koalitionen wie auch aufgrund ihrer internen Differenzierungen in verschiedene zuständige Ministerien und Behörden, die unterschiedlich ausgerichtet sind – heterogen sind. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Außenministerien traditionell „idealistischere“ Linien fahren als z. B. Verteidigungsministerien. Es obliegt dann den Regierungschefs, hier einen Ausgleich zu schaffen.

Gleichzeitig dient die Wertegebundenheit der Außenpolitik nicht selten als Semantik der Selbstdarstellung, die die eigene Interessenpolitik global anschlussfähig machen soll. Das Zusammenspiel beider IB-Schulen in dieser Form wurde von den USA perfektioniert. Man denke hierbei etwa an die Verfolgung geostrategischer Interessen unter dem Mantel des demokratisch-humanitären Idealismus.

Realismus versus Liberalismus

Die deutschen Bundesregierungen wurden vor dem geschichtlichen Hintergrund Deutschlands und im Gegensatz etwa zum europäischen Partner Frankreich bislang weitaus mehr der sogenannten wertebasierten Politik verpflichtet, wobei die Verfolgung eigener nationaler Interessen nicht selten zurückstehen musste. Die Einbindung in das sogenannte westliche Wertesystem, welches für die USA immer auch eine semantische Technologie zur hegemonialen Praxis darstellte, wurde von diesen gewissermaßen als alternativlos kommuniziert. Daraus resultierten nicht nur mehrere Kriegseinsätze und militärische Interventionen mit fragwürdigem Nutzen für die deutsche Sicherheit, sondern im Übrigen auch Parteinahmen in mehreren internationalen Konflikten von weltpolitischer Bedeutung: Etwa im Russland-Ukraine-Konflikt sowie im Israel-Iran-Konflikt.

In beiden Konflikten führte die vermeintlich so alternativlose Einbindung ins sogenannte „westliche Wertesystem“ dazu, dass Deutschland die Verfolgung seiner nationalen Interessen teilweise gravierend vernachlässigen musste: Die Erschließung neuer, eigentlich vielversprechender Märkte im Iran wurde für die deutsche Wirtschaft durch die Sanktionspolitik nahezu unmöglich gemacht. Gleichzeitig wurde sie auch durch die Sanktionen gegenüber Russland selbst empfindlich getroffen, welche dadurch für das bislang mit Russland wirtschaftlich verhältnismäßig eng verflochtene Deutschland zu einem Schuss ins eigene Knie mutieren.

Interessenpolitik und Souveränität

Der hegemoniale Druck der USA, der in Deutschland als „Einbindung in das westliche Wertesystem“ politisch und moralisch anschlussfähig gemacht werden soll, führt – im Zusammenwirken mit dem ebenfalls wertebasierten Grundsatz von der Bindung an Israel als „Staatsräson“ – demnach zu einer ganz konkreten, quasi mathematisch fassbaren Vernachlässigung eigener Interessen. Anhand von Beispielen wie der deutschen Nahostpolitik und den Russland-Sanktionen wurde oftmals deutlich, wie es um die außenpolitische Souveränität Deutschlands de facto bestellt ist.

Soweit eine Kritik aus der eher konservativen Perspektive einer notwendigen nationalen Interessenverfolgung. Doch selbst aus der eher „linken“ Sichtweise einer konsequenten, globalen Friedenspolitik erscheint die Einbindung deutscher Außenpolitik in das sogenannte westliche Wertesystem nicht weniger problematisch. Denn über eine solche geht ein wichtiges Potenzial Deutschlands, das sich schon allein aus seiner geografischen Position ergibt, verloren: Nämlich das eines Vermittlers zwischen den Konfliktparteien, welcher – gerade auch im Rahmen seiner nicht unbeträchtlichen Wirtschaftsmacht – imstande wäre, äußerst ausgleichend zu agieren, was für Deutschland deutlich angemessener, aber auch gewinnbringender wäre als vermeintlich alternativlose Einbindungen in semantische Werte-Blöcke oder unkritische Bindungen an einzelne Staaten aus Gründen der „Staatsräson“.

Bereits Otto von Bismarck hatte das Potenzial souveräner, interessengeleiteter Politik zu seinen Lebzeiten perfektioniert und als „Eiserner Kanzler“, der vor allem ein „sich eisern beherrschender“ Kanzler war, eine Form der Realpolitik betrieben, die gezeigt hat, wie effektiv die Verfolgung eigener Interessen mit der Herstellung internationaler Stabilität gekoppelt sein kann. Interventionistische bis imperialistische Abenteuer waren mit ihm nicht zu machen. Bismarck hatte das Deutsche Reich stets in einer anderen Rolle gesehen: „Die Vermittlung des Friedens denke ich mir nicht so, daß wir nun bei divergierenden Ansichten den Schiedsrichter spielen und sagen: So soll es sein, und dahinter steht die Macht des Deutschen Reiches, sondern ich denke sie mir bescheidener, ja – (…) – mehr die eines ehrlichen Maklers, der das Geschäft wirklich zustande bringen will“ (Bismarck in einer Reichstagsrede am 19. Februar 1878).

Interessenpolitik als Friedenspolitik

Realpolitik bedeutet eine effektive Verquickung der Verfolgung nationaler Interessen einerseits und des Wirkens als ehrlicher Makler für die Stabilität internationaler Ordnungssysteme andererseits. Sie vermag nach außen friedenssichernd zu wirken, indem sie ihre machtpolitischen Optionen nutzt, aber auch ihre Grenzen kennt. Zugleich kann sie nach innen ausgleichend wirken, indem sie der eigenen Bevölkerung ihren interessengeleiteten Dienst erweist. Bismarck hat diesen Spagat auf bewundernswerte Weise verwirklicht, was mit ein Grund für seine lange Amtszeit war. Der erste „Kanzler der Einheit“ bietet auch heute noch eine positive Inspirationsquelle für all jene Außenpolitiker, deren Ziel eine realistische, interessengeleitete und souveräne deutsche Politik ist.

Florian Sander

Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD in NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er schrieb u. a. für ‚Le Bohémien‘, ‚Rubikon‘, ‚Linke Zeitung‘, den ‚Jungeuropa‘-Blog und ‚PI News‘, ist inzwischen Autor für ‚Arcadi‘, ‚Sezession‘, ‚Glauben und Wirken‘, ‚Wir selbst‘ und ‚Konflikt‘ und betreibt den Theorieblog ‚konservative revolution‘.

Die Pointe Laschet

von Matthias Matussek

Die Pointe Laschet

Er ging in diese Abstimmung als hoher Favorit, der Sauerländer Friedrich Merz, ja, er war die Hoffnung der Konservativen.

Was hatte man nicht alles in ihn gesetzt an Hoffnungen und hineingeheimnisst an Erwartungen auf eine Kurskorrektur, einen Rechtsschwenk, eine wieder sichtbar werdende konservative Kantigkeit der Partei in gesellschaftspolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fragen.

Er wäre die Absage gewesen an alle feuchten Träume einer sozialdemokratischen Utopie von bedingungslosem Grundeinkommen, ein neues Bekenntnis zum Leistungsprinzip, eventuell zu einer deregulierten Wirtschaft.

Ja, auch zur traditionellen Familie und damit zusammenhängend ein Bekenntnis zur Nation mit der klaren Absage an eine ungezügelte Immigration in unsere Sozialsysteme.

Vielleicht wäre mit ihm sogar ein Wahlkampf-Motto wie „Make Germany great again“ möglich gewesen nach einem Ausbluten der Marke Deutschland während der Merkelei, um nicht von einem Ausverkauf zu reden.

Doch schon letzteres wäre von dem forschen Mann mit der hohen Stirn kaum zu erwarten gewesen. Als Aufsichtsratsvorsitzender und Lobbyist für BlackRock, dem größten Vermögensverwalter der Welt, ist er naturgemäß überzeugter Globalist, für den nationale Souveränitäten und ihre Gesetze eher Ärgernis sind als in Marmor gemeißelte Vorschriften.

In den Umfragen der Parteibasis vor der Abstimmung war er haushoher Favorit. Er schien das verkörperte Gegengift zu Angela Merkel, die ihn einst aus Amt und Würden gekegelt hatte, weil er im Weg stand. So wachsen verlässliche Feindschaften, und Angela Merkel wäre nicht die, die sie ist, wenn sie auf die Interviews reingefallen wäre, in denen Merz vor dem Parteitag ihre „großen Leistungen“ gewürdigt hatte.

Und er wäre nicht Merz, wenn er sie ernst gemeint hätte.

So konnte es sich die große Vorsitzende nicht verkneifen, in ihrer Rede aufblitzen zu lassen, dass sie sich den anderen wünsche, den viele als ihren Klon empfanden, Armin Laschet.

Der nämlich war mit Jens Spahn als Team angetreten, und Spahn nutzte denn auch seine Redezeit, um seinen Teampartner Laschet mit Girlanden zu behängen.

Am Ende fehlten Merz unter den über 1000 Delegierten gerade mal 55 Stimmen zum Sieg.

Natürlich gingen die Konservativen enttäuscht in die Knie. Spahns Manöver wurde kritisiert. Hat der Typ mit der Zahnlücke und dem Puddinggesicht doch schon wieder getrickst! Überhaupt kann man sich mit seinen Wortbrüchen („Friseure zu schließen war ein Fehler, der sich nie widerholen wird“) das Zimmer tapezieren. Mal sehen, wie es mit seinem Veto einer  Impfpflicht aussehen wird.

Andere machten Merkel verantwortlich. Die wenigsten kamen auf die Idee, dass Armin Laschet einfach die bessere Rede gehalten hatte. Der Unterschied zu der von Merz, kalauerte Jan Fleischhauer, sei der gewesen, dass der eitle Merz seine Rede selber geschrieben habe.

Im Falle Laschets hatten die Redenschreiber Wert auf die persönliche Anrede der Delegierten gelegt. Da war die Bergmanns-Plakette des Vaters. Da war die Jovialität – gegen den schneidigen Casinoton von Friedrich Merz, der in einer Art Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede den Kampfgeist Churchills beschwor, allerdings ohne Churchills Statur und dünn vom Blatt gelesen.

Dass sich Merz gleich nach der Wahl für das bestehende Kabinett Merkel als Wirtschaftsminister anbot, machte klar, dass er auf Freunde in der Partei keinen Wert legt, nicht in dieser Losertruppe, die ihn, den geborenen Kommandeur, erneut in der zweiten Reihe abzustellen gedachte.

Einen Präsidiumssitz in der CDU, der tatsächlich Parteiarbeit bedeuten würde, schloss er für sich aus. Was noch einmal unterstrich: einer wie Friedrich Merz steht nicht für Klein-Klein zur Verfügung.

Nun also, das durfte er der FAZ entnehmen, wird die Kanzlerfrage zwischen Söder und Laschet entschieden, das ließ ihn Söder bei allem geheuchelten Respekt vor der Kompetenz des Friedrich Merz per Interview wissen. Im Klartext: Du bist raus, du darfst noch nicht mal mehr mitreden.

Allerdings hat Armin Laschet ausdrücklich als Versöhner gewonnen, als Einiger aller Flügel und Gruppierungen innerhalb der Partei. So wird er auch an dieser mächtigen Fast-Mehrheit für Merz, an dieser massiven Sehnsucht nach einem konservativen Kursschwenk nicht vorbeikommen und Merz einbinden müssen.

Eines aber dürfte klar sein. Armin Laschet wird sich auch von einem Markus Söder nun seinen Zugriff auf die Kanzlerkandidatur nicht nehmen lassen, auch wenn der neue CDU-Vorsitzende mit rund 30 Prozent in der Wählergunst den 53 Prozent für Markus Söder weit hinterher hinkt.

Doch nun kommt die Pointe: Die Konservativen in der CDU sollten über das Ergebnis verdammt froh sein, denn ein vermeintliche Klon Merkels kann von den Popularitätswerten der ewigen Mutti eher profitieren, als es ein Polarisierer wie Merz könnte. Womit eine rechnerisch durchaus mögliche Regierungs-Koalition aus zwei roten und der grünen Partei verhindert wäre, denn die würde das Land binnen kurzem in einen failed state abwirtschaften.

Zum Zweiten hat Laschet mit der Wahl seines Innnenministers Reul bewiesen, dass er durchaus an Law und Order insbesondere auch innerhalb der Immigrantenszene interessiert ist – Reul führt seinen Kampf gegen libanesische und türkische Clans äußerst humorlos und effektiv.

Zum Dritten aber ist Laschet, der überzeugte Katholik, durchaus ein Mann der Familie. Er hatte mich einst in seiner Eigenschaft als Familienminister in Nordrheinwestfalen zu einer Tagung einladen wollen, nachdem ich mit meinem Bestseller „Die Vaterlose Gesellschaft“ ein Plädoyer gegen die feministische Zerstörung der Normalfamilie auf den Markt gebracht hatte.

Auch wenn der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen nach Laschets Wahl eine nun wahrscheinliche Fortsetzung der „Merkelei“ beklagte – er sollte froh sein. Denn der schneidige Friedrich Merz wäre eine Konkurrenz auf dem rechten Flügel, die die AfD durchaus zu fürchten hätte.

Kurz gesagt: So wie es einst nur der Demokrat Bill Clinton sein konnte, der die härtesten Einschnitte im amerikanischen „welfare state“ über die Bühne bringen konnte, und wie es nur der Sozialdemokrat Gerhard Schröder sein konnte, der mit den Hartz-IV-Maßnahmen und dem Motto „fordern und fördern“ die Arbeitslosigkeit von knapp 5 Millionen beseitigen und die deutsche Wirtschaft wieder konkurrenzfähig machen konnte, so wird es vermutlich der Merkelianer Armin Laschet sein, der das Land am ehesten vom verhängnisvollen Kurs seiner Vorgängerin befreien und beidrehen kann.

Im Übrigen hat die Rolle als Merkles Sykophant bis in die Sphäre des unerträglich Lächerlichen ja nun Markus Söder freiwillig übernommen – da kann Armin Laschet also getrost, wie er es auf dem Parteitag verkündet hat, Armin Laschet sein.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Internetseite von Matthias Matussek mit vielen hochinteressanten Artikeln und Kommentaren: https://www.matthias-matussek.de/

Wir danken Matthias Matussek für die Veröffentlichungsgenehmigung.

Matthias Matussek

Matthias Matussek, geboren 1954, wollte Missionar oder Bundesliga-Spieler werden. Er schloss einen Kompromiss und wurde Maoist. (Paul Breitner!) Nach dem Abitur trieb er sich ziellos in der Welt herum (Griechenland, Balkanstaaten, Indien). Ein ebenso zielloses Studium (Theaterwissenschaften, Amerikanistik, Komparatistik, Publizistik, Schauspiel) wurde erstaunlicherweise relativ zügig mit einem Zwischendiplom in Anglistik und Germanistik beendet. Danach wechselte er auf die Journalistenschule in München, wo es Zuspruch von erfahrenen Journalisten gab, sowie eine Abmahnung seitens der Schulleitung aufgrund mangelnder Disziplin. Nach Praktika beim Bayrischen Fernsehen und der Münchner tz wechselte er zum Berliner Abend, danach zum TIP. Die Zeit: RAF-Wahnsinn, besetzte Häuser, Herointote.

Als er 1983 zum STERN nach Hamburg wechselte, hatte er das Gefühl, endlich in der Bundesliga angekommen zu sein. Allerdings purzelte ein paar Monate später das gesamte Staresemble des STERN über die gefälschten Hitlertagebücher und war fortan stark abstiegsgefährdet. Dennoch lernte Matussek – gemeinsam mit den großen STERN-Fotografen (Bob Lebeck) – die Kunst der Reportage, die zu einem nicht geringen Teil auf der Kunst besteht, im entscheidenden Moment unverschämt zu sein. Weshalb Disziplinlosigkeit durchaus Teil des Berufes sein kann.

1987 machte ihm der SPIEGEL ein Angebot, das er nicht zurückweisen konnte. Chefredakteure und Ressortleiter gingen und kamen. 1989 konnte er seine theoretischen Kenntnisse des Maoismus nutzbringend anwenden, als er in die kollabierende DDR zog und dort ins Palasthotel. Die Lehre: kein Umweg, den wir nehmen ist unbrauchbar.Schriftsteller Thomas Brussig, der im Palast-Hotel als Etagenkellner arbeitete, und Matussek zur Hauptfigur seines Romans „Wie es leuchtet“ machte, schrieb:“ Für Matthias Matussek hatte ich die meiste Bewunderung. Er schrieb eine glänzende Reportage nach der anderen. Sie lasen sich wie Rezensionen des laufenden Geschehens…Zum Reporter muss man geboren sein – und Matthias Matussek ist es“. (Natürlich hatte er Brussig dafür ganz groß in eine Pizzeria ausgeführt.) Für eine seiner Ost-Reportagen erhielt Matussek 1991 den Kisch-Preis.

Seine Frau lernte Matussek 1990 im Roten Rathaus kennen, wo sie, von Sprachstudien aus Moskau kommend, ein Praktikum absolvierte. Zwei Jahre später zogen sie um nach New York, was damals in etwa gleich weit von Ost- wie West-Berlin lag, also durchaus neutraler Boden war. In New York entstanden nicht nur der gemeinsame Sohn sondern auch ausgedehnte Reportagen und Artikel für amerikanische Zeitungen, sowie Kurzgeschichten und ein Roman. Harold Brodkey nannte Matussek „den besten seiner Generation“.

Zurück in Deutschland zog Matussek kreuz und quer durch die Nation und schrieb eine zweiteilige Bestandsaufnahme der deutschen Einheit, die wiederum für den Kischpreis nominiert wurde. Dann nahm er Stellung im Geschlechterkampf. Mit seinem Buch „Die Vaterlose Gesellschaft“ verärgerte er den Großteil deutscher Frauen und wurde von der Zeitschrift „Emma“ zum „Pascha des Monats“ ernannt. Aus seinem Buch entstand das Spielfilm-Projekt „Väter“ (Regie: Dany Levi), zu dem Matussek das Drehbuch schrieb. Mittlerweile, hat er den Eindruck, hat man ihm beides verziehen.

Im Jahr 1999 trat Matussek die Korrespondentenstelle in Rio de Janeiro an. Er bereiste den Kontinent, erlebte Putschversuche und Katastrophen, recherchierte in Favelas, unter Drogenbanden und unter den Eliten der Länder. Für eine 2-teilige Serie zog er wochenlang durch den Amazonas, und veröffentliche das Ergebnis in Buchform unter dem Titel „Im magischen Dickicht des Regenwaldes“.

Im Jahr 2003 übernahm er die Korrespondentenstelle des SPIEGEL in London, wo er sich ehrenhafte Kämpfe mit der blutrünstigen, Deutschen-hassenden Fleetstreet lieferte, was in seinem Buch „Wir Deutschen – warum uns die anderen gerne haben können“, auf das schönste dokumentiert ist. Das Buch war 13 Wochen lang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, und lieferte den Beleg dafür, dass man patriotische Gefühle nicht den Knallköpfen von rechts überlassen muss.

2003 übernahm er das Kulturressort in der Hamburger Spiegel-Zentrale. Die Presse meinte, dort sei nun „Rock n Roll im Laden“. Gleichzeitig hatte er für den SWR das TV-Format „Matusseks Reisen“ entwickelt und einen wöchentlichen Video-Blog etabliert, der 2007 mit dem Goldenen Prometheus ausgezeichnet wurde. Im gleichen Jahr entstand sein Buch „Als wir jung und schön waren“ (Fischer-Verlag).

Schon 2007 hatte Matussek seine Funktion als Ressortchef wieder abgegeben und widmete sich den Sachen, die er am besten kann: dem Schreiben und der Disziplinlosigkeit. „Matusseks Reisen“ wurde unter dem Titel „Matussek trifft“ noch ein paar Folgen fortgesetzt und fiel dann dem Sparzwang zum Opfer. Seinen wöchentlichen Videoblog betrieb er weiter und publizierte mit „Das Katholische Abenteuer“ eine „Provokation“, die es ebenfalls in die Bestellerliste schaffte.

Nach mehr als 25 Jahren beendete er seine Zeit beim Spiegel und stellte sich als Kolumnist für den Springer-Konzern zur Verfügung, eine Zusammenarbeit, die bereits nach erfüllten und produktiven 17 Monaten beendet wurde.

Fortan arbeitet er als freier Autor für die „Weltwoche“ und den „Focus“ und andere und widmet sich erneut seinen Stärken: dem Schreiben und der Disziplinlosigkeit.

150 Jahre Reichseinheit – hier scheiden sich die Böcke von den Schafen

von Klaus Kunze

150 Jahre Reichseinheit – hier scheiden sich die Böcke von den Schafen

Am 18. Januar 1871 wurde in Versailles das Reich neu gegründet.

Früher machten Männer Geschichte.

Deren große Entscheidungen fallen, einem Wort Bismarcks zufolge, nicht in Reden und Parlamentsdebatten, sondern durch Blut und Eisen. Damit machte sich der Kanzler der deutschen Einheit von 1871 bei Parlamentariern und ihren Redenschreibern bis heute unbeliebt.

Sie lieben auch Bismarcks Staat bis heute nicht. Unter dem Namen Deutsches Reich wurde er am 18. Januar 1871 proklamiert. Staatsrechtlich wird er aber am 18.1.2021 nicht erst 150 Jahre alt, denn das neue Reich ist rechtsidentisch mit dem am 1.7.1867 durch eine Bundesverfassung gegründeten Norddeutschen Bund. Es ist staatsrechtlich derselbe Staat, in dem wir heute leben und der sich jetzt Bundesrepublik Deutschland nennt. So hat es das Bundesverfassungsgericht entschieden.

Sie können diesen Staat nicht lieben, weil er allen ihren Prinzipien Hohn sprach. Vereinfacht gesagt war er 1871 angetreten als Gegenentwurf zum Weltbild der „Schwarzen“ und der „Roten“: Ultramontane und Sozialisten waren mehrheitlich reichsfeindlich eingestellt. Es folgte nicht ihren ideologischen Prinzipien, sondern seinen eigenen Notwendigkeiten der Macht.

Eugen Adam (1817-1880), München, 1878, Öl/Leinwand
Einen Tag nach der Kapitulation der französischen Hauptstadt hissten deutsche Belagerer vor Paris auf der Festung Fort Vanves die schwarz-weiß-rote Fahne des jungen deutschen Kaiserreichs, das am 18. Januar 1871 gegründet worden war.

Diese mußte das Reich nicht nur gegen separatistische Gelüste im Innern, sondern auch gegen die Deutschland umgebenden etablierten Großmächte verteidigen. Sie alle liebten das deutsche Land so sehr, daß jeder ein Stück davon haben wollte. Sich alle paar Jahrzehnte ein Stück einzuverleiben, war in Frankreich schon fast Tradition. Sie weiter zu pflegen wurde seit der Wiederbegründung  des Reiches 1871 schwieriger.

Das Gesetz, wonach du angetreten

Das Reich mußte 1871 nach dem Gesetz existieren, nach dem es angetreten war. Es mußte sich behaupten oder wieder untergehen. Zahlenmäßig war es bis 1914 geringer militarisiert als etwa Frankreich. Mental stellten sich die Deutschen aber auf permanente Abwehrbereitschaft ein.

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt Du sein, du kannst dir nicht entfliehen.

Johann Wolfgang von Goethe, Urworte, Orphisch, Dämon, in: Gott und die Welt,
(Goethes Werke Band 2, Stuttgart 1902, S.284)

Es waren die Imperative des Machterhaltes: das Gesetz der Stärke, nach dem das Reich antreten mußte. Goethe wendet sein „Gesetz, wonach du angetreten“, ausdrücklich auch auf Nationen an:

„Zufällig ist es jedoch nicht, daß einer aus dieser oder jener Nation, Stamm oder Familie sein Herkommen ableite: denn die auf der Erde verbreiteten Nationen sind so wie ihre mannigfaltigen Verzweigungen als Individuen anzusehen.“

Goethe

Geschichtlich geworden

Wir können unseren eigenen Staat bis heute nur als etwas geschichtlich Gewordenes verstehen. Wir mußten ihn einst stark machen. Das war unser Schicksal. Mitten in Europa gehörten wir nie zu den glücklichen Völkern, die – weitab vom Strom der Völker und der Weltgeschichte – in Ruhe gelassen und vergessen werden können. So führte unser starker Staat uns durch die Epochen zu größter Machtentfaltung und in tiefste Niederlagen. Er folgte damit dem Gesetz, nach dem er angetreten – hatte antreten müssen.

Er war immer umso stärker, je mehr auch seine Bürger nach diesem Gesetz lebten. Es war ein männliches Gesetz – setzte auf Stärke, Macht, Disziplin, Gehorsam, Dienst und Pflichterfüllung. Die preußischen Tugenden waren nicht für „Weiberröcke“ konzipiert, wie sich Friedrich der Große ausgedrückt hätte. Die weiblichen Gegentugenden bestehen in Weichheit, Güte, liebevollem Umsorgen, Ausgleich und Harmonie.

Die eher Frauen eigenen Verhaltensstrategien bewähren sich im Innern von Familie und Volk: Friedlichkeit, Solidarität und liebevolles Umsorgen. Der Mann aber „muß hinaus ins feindliche Leben“, wußte Friedrich Schiller, und dort sind männliche Verhaltensweisen erprobt. Je nach Situation hat beides sein Eigenrecht. Das Männliche und das Weibliche ergänzen sich und benötigen sich wechselseitig.

Umkehr der Parameter

Es war das männliche Gesetz, nach dem das Reich 1871 antreten mußte. 2021 haben die Parameter sich umgekehrt. Darum ist es unseren Zeitgeistigen so verhaßt. Daß sie das Gegenteil verkörpern, ist ihnen bewußt und war schon vor 100 Jahren aufmerksamen Analytikern wie Ernst Niekisch klar:

Das Heldische ist das spezifisch Männliche; eben das ist es, was den Mann gegenüber dem Weibe abhebt, was ihm seine Überlegenheit über das Weib schenkt. Wo der Mann aufhört, Held zu sein, da emanzipiert sich die Frau.

Ernst Niekisch, Gedanken über deutsche Politik, 1929, S.295 f.

Kulturmarxisten und Feministen verfolgen darum eine Strategie der allgemeinen Entmännlichung. Die Maximen männlichen Handelns und ihre historischen Vorbilder gilt es zu dekonstruieren. Das ist im Deutschland der letzten Jahrzehnte vom Kindergarten bis in die Hörsäle gelungen.

Kritische Pädagogik, wie das Ergebnis genannt wurde, war viel mehr daran interessiert, die nationalen Metanarrativen zu untergraben, wenn man so will, und die Schüler dazu zu bringen, auf eine Weise “erzogen” zu werden, die sie dazu bringt, ihre eigene nationale Geschichte und Kultur zu kritisieren und Staatsbürgerkunde – oder genauer gesagt, um sie dazu zu bringen, zu lernen, ihre Heimatnationen als bedrückende schlechte Akteure zu sehen, anstatt als unvollkommene Führer, die eine liberale Ordnung in der ganzen Welt verbreiten und sie so bezweifeln oder sogar hassen.

James A. Lindsay, The complex relationship between Marxism and Wokeness, 28.7.2020
Ferdinand Keller: Apotheose auf Wilhelm I.: Das Deutsche Reich mußte durch Blut und Eisen erkämpft werden:
Hinter dem Kaiser und dem Kronprinzen: Bismarck, Moltke, Roon und ganz links Ernst Moritz Arndt.

Der zentrale Meta-Narrativ des Deutschen Reiches war eine Geschichtserzählung, wie sie sich in der Apotheose Kaiser Wilhelm I., einem Gemälde von Ferdinand Keller, ausdrückt. Die Reichsgründung mußte miltärisch gegen heftigen Widerstand erkämpft werden. Dieser „männliche“ Narrativ sperrt sich gegen jede Form „weiblicher“ Diplomatie, List, Schmeichelei und Diskurs. Läßt sich der Mann darauf ein, arwöhnte Ernst Niekisch, bestätigt er ihr

„die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt“; er gewährt ihr gleiche bügerliche, gleiche politische Rechte; er stimmt in ihre Entrüstung über die bisherige „Knechtung des Weibes“ ein.“

Ernst Niekisch, Gedanken über deutsche Politik, 1929, S.296 f.

Hier hausen Haustiermenschen

Niekisch verachtete jede Art von Bürgerlichkeit als Schwäche, als ängstlichen Versuch, ein risikoloses Dasein zu führen. Er sah das bürgerliche Denken als Inbegriff weiblicher Verhaltensweisen:

Der Feminismus ist Begleiterscheinung, Ausfluß, Urgrund und am Ende überhaupt seelischer Gehalt der Bürgerlichkeit, Man kann den Gegensatz zwischen dem heldischen und dem bürgerlichen Menschen so bezeichnen: jener will gefährlich sein, dieser will sicher leben. Die Unsicherheit der Verhältnisse ist dem bürgerlichen Menschen der schrecklichste der Schrecken; wenn die Erde bebt, ist es für ihn niemals „eine Lust zu leben“. Er will Frieden, „um seinen Geschäften nachgehen zu können“. Er ist der Haustiermensch – der Mensch also mit dem Lebensgefühl des Weibes; er ist weibisch, weil er bürgerlich ist.

Ernst Niekisch

Als bürgerlicher Haustiermensch freue ich mich – eingeschneit und staatlich daungelockt, über meinen heimischen Herd und seine Hüterin, bourgeoise Errungenschaften, die ich mir trotz glänzender Rhetorik Niekischs nicht vermiesen lassen möchte und auch gegen feministische Gelüste tapfer verteidige.

Der Staat mit seinen strengen, herben und harten Anforderungen war noch niemals eine Angelegenheit des Weibes: darum liberalisiert, ethisiert, humanisiert auch der Bürger den Staat. Widerstandslos läßt der Bürger es geschehen, daß das Weib mit seiner Gefühlsseligkeit, seinem egozentrischen Horizont sich in das politische Handwerk mischt und damit verhindert, daß noch Politik gemacht wird. Weiblicher Rede, die am heimischen Herd süß und innig klingt, haftet ein widerwärtiger Geruch nach Kinderwindeln, Speisekammer und Kleiderschrank an, wenn sie von der Parlamentstribüne ertönt.

Ernst Niekisch, Gedanken über deutsche Politik, 1929, S.297 f.

Wir sehen unseren Staat mit klarerem Blick, wenn wir das Gesetz betrachten, nach dem er angetreten, und was aus diesem Gesetz 150 Jahre später geworden ist. Solche Gesetzmäßigkeiten ergeben sich aus konkreten historischen Lagen, mit denen sich Völker und Staaten konfrontiert sehen. Die deutsche Umkehr der Parameter vom heroisch-männlichen zum moralisierenden weiblichen Prinzip bildet keine „Höherentwicklung“ im Sinne einer Art zwangsläufigen Geschichtsmetaphysik. Sie stellt eine Anpassung an geänderte Verhältnisse und den Versuch dar, aus einer anderen historischen Lage das Beste zu machen.

Die Ideologen unseres politischen Establishments haben für Historismus und Verständnis von geschichtlich Gewordenem keinen Blick. Den Sieg von 1871 verklärten seine Zeitgenossen auch zu einem Triumph des heroischen Prinzips über das diskutierende. Heute möchte die diskutierende Klasse ihn instinktsicher dem Vergessen überantworten. Sie empfindet ihn zu Recht als Niederlage ihrer eigenen Prinzipien.

Wer den 18. Januar als Tag unserer Staats- und Reichsgründung feiert und wer ihn nicht feiert – hier scheiden sich die Böcke von den Schafen.

Dieser Beitrag ist auch unter dem Titel „150 Jahre Reichseinheit – und die Umkehr der Parameter“ auf Klaus Kunzes Blog erschienen

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist kunze-klaus.jpg.
Klaus Kunze

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

Und das neue Werk von Klaus Kunze ist nun auch lieferbar: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

Hier bestellen!

Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

Klaus Kunze: Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen. Von der Vormundschaft zum Genderismus. Hier erhältlich!