Der Ökonomisierung der Bildung entgegentreten

von Florian Sander

Der Ökonomisierung der Bildung entgegentreten

Eine konservative Abgrenzung von neoliberalen Auswüchsen

Die britischen Liberalen, die vor Jahren als Junior-Partner der Koalition im Vereinigten Königreich mitregierten, erleben seinerzeit, welche Folgen gebrochene Wahlversprechen haben können. Nachdem sie im Wahlkampf versprochen hatten, die Studiengebühren nicht anzuheben, hatte die Regierung dann doch eine Verdreifachung der Studiengebühren beschlossen, wonach die Universitäten ab September 2012 Studiengebühren in Höhe von bis zu 9000 Pfund im Jahr erheben dürfen. Dies hat Proteste nach sich gezogen, die später gar in einem Angriff auf Prinz Charles und dessen Gattin und weiterer Gewalt mündeten.

Das Beispiel der britischen Hochschulpolitik führt eine wichtige Erkenntnis vor Augen. Die britischen Studenten kämpften, ganz ähnlich ihren deutschen Kommilitonen im Rahmen des bundesweiten „Bildungsstreiks“, nicht nur gegen eine übermäßige Belastung ihres Geldbeutels mit der häufigen Folge späterer Verschuldung und einer gesellschaftsweiten sozialen Ungleichheit in der Frage des Zugangs zur Hochschulbildung, sondern auch gegen die Abwertung der Geisteswissenschaften vor dem Hintergrund einer Ökonomisierung eben jener Hochschulbildung. Gefördert werden sollen nämlich nur noch technische, mathematische und naturwissenschaftliche Studiengänge. Geistes- und Sozialwissenschaften wurden damit – nicht offen, aber implizit – für überflüssig erklärt.

Das Unwesen der Bologna-Reform

Derartig deutlich wie im Vereinigten Königreich hat in Deutschland bisher noch keiner der relevanten politischen Akteure seine Ignoranz gegenüber den Geisteswissenschaften bekundet. Deutliche Ansätze in diese Richtung waren aber dennoch seit der Bologna-Reform zu spüren. Die deutschen Studenten sollen vor allem als Humankapital für die Wirtschaft fit gemacht werden: Die Abschlüsse sollen vergleichbarer werden, das Studium kürzer und verschulter, die Inhalte „praxisnäher“, die Organisation vermeintlich „effizienter“. Mit der Einführung der auf anglo-amerikanische Standards zurechtgestutzten Bachelor-Master-Abschlüsse wurde das bewährte deutsche Diplom, bislang überall auf der Welt unhinterfragtes akademisches Qualitätssiegel, verdrängt. Die installierten Hochschulräte, ausgestattet mit erstaunlich weitreichenden Kompetenzen, wirken in ihrer Zusammensetzung nicht selten wie operative Kopplungen, über welche das Wirtschaftssystem seine (Profit-)Interessen besser in die Wissenschaften projizieren kann.

Es ist kein Geheimnis, dass dies oftmals eher vom linken Teil des politischen Spektrums problematisiert wird, während Union und FDP derlei Strukturen zu ihrer hochschulpolitischen Zielsetzung erklärt hatten. Konservative – und zwar nicht nur Sozialpatrioten, sondern nicht zuletzt auch „bürgerliche Liberalkonservative“ – sollte dies jedoch irritieren: Grundlage jeder freiheitlichen Programmatik ist immerhin die Verteidigung der verfassungsrechtlich garantierten Freiheiten. Und diese Freiheiten beziehen sich entgegen dem, was Juristen in ihren semantischen Selbstbeschreibungen gerne erzählen, nicht nur auf Individuen, sondern im Zuge einer soziologischen Perspektive vor allem auch auf die Autonomie der Funktionssysteme der modernen Gesellschaft.

Gebote der funktionalen Differenzierung

Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft, aufrecht erhalten durch die Verfassung als struktureller Kopplung von Politik und Recht, bildet die Grundlage der liberalen Demokratie. Über die Grundrechte sichert sie u. a. die Pressefreiheit (Autonomie des Massenmediensystems), das Recht auf Eigentum (Autonomie des Wirtschaftssystems), die Freiheit der Kunst (Autonomie des Kunstsystems) oder eben die Freiheit der Forschung und der Lehre (Autonomie des Wissenschaftssystems). Dies negiert freilich keine strukturellen Kopplungen des Wissenschaftssystems mit anderen Funktionssystemen, wie sie beispielsweise über Politikberatung, Marktforschung etc. zweifelsohne vorhanden sind und als solche auch ihre Existenzberechtigung besitzen.

Gleichzeitig bedeutet „Freiheit der Wissenschaft“ aber eben auch die Freiheit von der ausufernden Hegemonie einer wirtschaftlichen Codierung: Es kann und darf in der Wissenschaft eben nicht nur darum gehen, was ökonomisch von Nutzen ist. Es kann und darf nicht das Ansinnen der Forschung sein, ausschließlich Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was wirtschaftlichen Profit bringt. Und es kann und darf nicht das Ansinnen der Lehre sein, Studenten zu möglichst adäquatem wirtschaftlichem Humankapital zu verarbeiten. Legitime Forderungen, die insbesondere im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks in den letzten zwei Jahren wieder zunehmend von Studierenden artikuliert worden sind.

Loslösung von finanziellen Zwängen

Die Geschichte der Menschheit hat gezeigt, dass die Erfahrung oder die Konstruktion des Wissens einer Gesellschaft über verschiedenste Wege zustande kommt. Wer diese Wege durch ein ökonomisches Primat beschneiden und verengen will, der arbeitet nicht nur aktiv auf eine kollektive Verblödung hin, sondern tut zugleich das, was gerade der Bologna-Zeitgeist andauernd kritisiert: Er macht die Wissenschaften ineffizient. Gute wissenschaftliche Arbeit benötigt Kreativität und Freiraum. Sie benötigt daher auch – so idealistisch dies für manchen klingen mag – die Losgelöstheit von ständigen finanziellen Zwängen und Konditionen.

Einer meiner Professoren drückte es einmal plastisch aus: „Man muss sich in der Wissenschaft auch mal mit etwas beschäftigen können, was erst einmal unnütz wirkt.“ Letztlich sind es genau diese Beschäftigungen, die in der weiteren Arbeit die Resultate bringen, die dann vom Rest der Gesellschaft schließlich doch als „nützlich“ eingeschätzt werden. Die nötige geistige Elite ist kein Produkt von hyperschnellen Studiengängen, in denen Studenten mit nichts anderem beschäftigt sind, als in der Regelstudienzeit einer Unmenge von Scheinen, Leistungs- und Teilnahmenachweisen hinterher zu jagen. Die geistige Elite ist das Produkt von Studiengängen, die wissenschaftliche Neugier stimulieren und bewusst Freiräume zulassen, in denen Studenten ihr Wissen vertiefen können.

Wilhelm von Humboldt (Lithographie von Franz Krüger)

Humboldtsches Bildungsideal

Gerade Konservative sollten um die Bedeutung einer solchen, auch einmal nicht nur ökonomischen, sondern wissenschaftlichen Freiheit wissen. Stichwort: Das Bildungsideal nach Wilhelm von Humboldt – Einsamkeit und Freiheit als Grundbedingungen akademischer Tätigkeit. Diese Erkenntnis negiert nicht die Notwendigkeit von Wirtschaftlichkeit. Sie bringt jedoch die Einsicht mit sich, dass Wirtschaft ein Instrument ist – kein Selbstzweck. Letztendliche Grundlage für die Weiterentwicklung und den Fortschritt einer Gesellschaft ist nicht das Erzielen von finanziellem Gewinn, sondern das Erlangen von Wissen. Wenn Konservative für Freiheitlichkeit einstehen wollen, so sollte sich eben dieses Credo auch in der hochschulpolitischen Konzeption der AfD niederschlagen.

Florian Sander

Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD in NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er schrieb u. a. für ‚Le Bohémien‘, ‚Rubikon‘, ‚Linke Zeitung‘, den ‚Jungeuropa‘-Blog und ‚PI News‘, ist inzwischen Autor für ‚Arcadi‘, ‚Sezession‘, ‚Glauben und Wirken‘, ‚Wir selbst‘ und ‚Konflikt‘ und betreibt den Theorieblog ‚konservative revolution‘.

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