Der Weg der Rußlanddeutschen von einer ethnischen Gruppierung zu einer nationalen Minderheit

von Dr. Christian Böttger

Der Weg der Rußlanddeutschen von einer ethnischen Gruppierung zu einer nationalen Minderheit

Eine wichtige Grundfrage bei der Einwanderung von Angehörigen einer bestimmten ethnischen Gemeinschaft in das Gebiet eines anderen Ethnos ist die, ob die Einwanderer von dem dominierenden Ethnos assimiliert werden, oder ob es ihnen gelingt, sich nach Annahme der neuen Staatsbürgerschaft als nationale Minderheit zu etablieren. Diese Frage hat gegenwärtig insbesondere im Hinblick auf die immer wieder erhobene Forderung nach einer doppelten Staatsbürgerschaft für Einwanderergruppen an Relevanz gewonnen. Der historische Vergleich kann hier wesentliche Denkanstöße vermitteln und schließlich Klarheit auf diesem hoch sensiblem politischen Problemfeld schaffen.

Im Zusammenhang mit der Ansiedlung von Deutschen in Rußland, die nach 1871 in das Spannungsfeld von Autonomiebestrebungen und Russifizierung gerieten, drängt sich diese Frage förmlich auf. Vorab soll schon verraten werden, daß es hier bis zum Ende des Ersten Weltkrieges nicht zu einer vollständigen Integration in die russische Gesellschaft und schon gar nicht zu einer anschließenden Assimilation durch das russische Ethnos gekommen ist.

Aber warum war das so? Schließlich hatten sich im 19. Jh. die deutschen Einwanderer in Amerika auch zum größten Teil schon nach wenigen Generationen assimiliert. Die Hugenotten in Deutschland benötigten ebenfalls nur wenige Generationen, um ein fester Bestandteil des deutschen Volkes zu werden.

Ausschlaggebend für das Gelingen ethnischer Integrations- und Assimilationsprozesse sind offenbar ganz bestimmte Bedingungen und Faktoren, die derartige Prozesse beschleunigen, verlangsamen oder gar verhindern. Dazu gehört zunächst Siedlungsform der Einwanderer, d. h. die Art und Weise, wie die Ansiedlung organisiert wird.

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Antimoderne Appelle

von Klaus Kunze

Antimoderne Appelle – Gedichtband von Björn Clemens erschienen

“Was tun?“ sprach Zeus, bekanntlich zu dem Poeten, “die Welt ist weggegeben, der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein. Willst du in meinem Himmel mit mir leben, So oft du kommst, er soll dir offen sein.“ (1)

Wir wissen seitdem: Das banale Diesseits ist die Welt des Künstlers nicht. „Ich stehe mit beiden Beinen auf der Erde“, soll der Modeschöpfer Karl Lagerfeld gesagt haben, „aber nicht auf dieser!“ Solange er das modische Bedürfnis der Damenwelt stillte, verlangte das auch niemand von ihm. Man mißt auch Poeten nicht an ihrer realistischen Bodenhaftung. Wer Poesie liest, möchte selbst geistige Höhenflüge erleben, der schnöden Welt für einen Augenblick „Ade!“ sagen und sich entführen lassen.

Dichtende Juristen gab es schon viele, an ihrer Spitze Theodor Storm. Man mag schließlich nicht „mit finsterem Amtsgesicht“ immer nur „Relationen schreiben.“(2) Auch der Düsseldorfer Rechtsanwalt Björn Clemens mochte das nicht. Man kann nicht immer nur Bürostaub atmen. Darum möchte er die Blicke auf Höheres richten:

Wendet die Blicke zur leuchtenden Sonne
Vom Tale zum Berge zum Hohen empor
Ihnen erwachet im Hades kein Morgen
Da Euch zur Verheißung das Schicksal erkor.

Björn Clemens, Triage, Licht aus Schatten, 2021, ISBN 978-3-949653-00-1 (3)
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Babysitter Bundeswehr – humanitaristischer Interventionismus und überbordende Gesinnungs-ethik

von Dr. Winfried Knörzer

Babysitter Bundeswehr – humanitaristischer Interventionismus und überbordende Gesinnungsethik

Die Bundeswehr wird mit allerlei Wunderlichkeiten traktiert: Erhöhung des Frauenanteils, Berücksichtigung von LBQT-Belangen, schwangerengerechte Uniformen und Einstiegsluken, Diversity-Schulungen usw., während die Elitetruppen mit Mißtrauen beäugt werden und das veraltete technische Gerät verkommt. Mit einem Wort: in das Militär soll das progressive Dispositiv der Zivilgesellschaft injiziert werden. Was ist der geistige Hintergrund dieser angestrebten Transformation?

Carl Spitzweg, Der strickende Wachtposten (1855)

Dieser geistige Hintergrund besteht im Wesentlichen aus zwei Faktoren.

Erstens: Es wird angenommen, daß alle gesellschaftlichen Subsysteme prinzipiell gleichartig sind, weshalb auch auf alle ein einheitliches Verhaltens- und Werteschema angewandt werden kann. Deshalb wird auch unterstellt, daß Verhaltens- und Werteschemata, die sich in einigen Subsystem bewährt oder immerhin als durchsetzungsfähig erwiesen haben, ohne weiteres auf andere Subsysteme übertragen werden können. Gedankliche Konstruktionen, zumindest wenn sie auf eine politikförmige praktische Umsetzung abzielen und daher ideologisch konnotiert sind, sind niemals nur rein theoretische Aussagen, die sich selbstreferentiell auf theorieimmanente Diskurszusammenhänge beziehen, sondern immer auch Ausdruck eines Machtwillens. Für die Linke ist das Militär immer die Verkörperung eines ihm feindlichen Prinzips gewesen. Durch sein – im Vergleich zur Polizei deutlich gesteigertes – effektives Gewaltmonopol ist es ein potentieller Machtfaktor sui generis, der sich grundsätzlich von Mechanismen des politischen Betriebs unterscheidet und daher unberechenbar ist. Jeder Uniformierte erweckt in einem Linken eine mythische Furcht, die sich in Bildern aufmarschierender Freikorps oder des Bombardements von Pinochets Präsidentenpalast konkretisiert. Auch wenn die von Anfang an zivilgesellschaftlich gezähmte Bundeswehr („Bürger in Uniform“) als der Notwendigkeit geschuldete Armee wider Willen keinen Anlaß für derartige Befürchtungen bietet, ist sie dennoch allein aufgrund ihrer substantiellen Funktion als eben Armee für die Linke eine fremde Gegenwelt. In ihr dominieren, wie in jeder Armee, der Linken völlig inkompatible Gegenwerte: Disziplin, Härte, Hierarchie, Männlichkeit, Opferbereitschaft, Patriotismus, Tradition. Je weiter sich die tonangebende Mainstream-Linke von der ursprünglich auch auf seiten des Sozialismus vorhandenen Kampfgesinnung, die im Rahmen realer Klassenkämpfe unumgänglich war, entfernt und sich kontinuierlich noch mehr pazifiziert und feminisiert, desto fremder und archaischer erscheint ihr das Militär, das trotz aller Einhegung zur Erfüllung ihres Zwecks ein Mindestmaß an soldatischem Ethos bewahren muß. Um diese suspekte, widerständige Materie in den Griff zu bekommen, soll die spezifische militärische Mentalität beseitigt werden, indem die aus dieser Mentalität erwachsenden Praktiken durch zivilgesellschaftliche ersetzt werden. Durch das Eingewöhnen an Babysitten in der Kaserne soll dort ein weiblich-familiärer Geist Einzug halten. Die vollkommene Herrschaft über die Gesellschaft ist erst erreicht, wenn das Herrschaftsprinzip der Herrschenden sich auf alle gesellschaftlichen Subsysteme ausgedehnt hat. Nachdem Bastionen des Agonalen in Wirtschaft und Sport relativ widerstandslos geschliffen und weichgespült wurden, kann vermutet werden, daß dies auch beim Militär funktioniert. Man mag einwenden, daß Diversity-, Antirassismus- und Ökobekenntnisse sowie lockere Umgangsformen in Wirtschaft und Sport nur oberflächliche Manifestationen von Symbolpolitik seien, während darunter weiterhin der Wettkampf ausgetragen wird. Dieses Argument verkennt die Wirksamkeit von Symbolpolitik, traut ihr zu wenig zu. Durch die Omnipräsenz der Medien werden massenhaft und kontinuierlich als vorbildhaft dargestellte Verhaltensweisen und Werte zur Identifikation angeboten und mangels Alternative schließlich als Standard durchgesetzt. Darum hat Symbolpolitik eine viel größere reale Wirkung als vor Beginn des Medienzeitalters. Darüber hinaus darf Symbolpolitik nicht als Notbehelf, nicht als Ersatz für „eigentliche“ Politik betrachtet werden. Sie ist vielmehr genau das, was intendiert ist. Im Gegensatz zur klassischen Linken will die heutige gar nicht mehr die der gesellschaftlichen Wirklichkeit zugrundeliegenden Produktionsverhältnisse umstürzen, die Besitzenden enteignen und das Wettbewerbsprinzip abschaffen. Sie hat gelernt, daß Wettbewerb nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Sport zur Ruhigstellung der Massen qua panem et circenses unverzichtbar ist. Sie will die Herrschaft über die Köpfe, auf die Herrschaft über die Maschinen kann sie getrost verzichten. Dieses Ziel hat sie erreicht, wenn es ihr gelingt, die Menschen dazu zu veranlassen, freiwillig die symbolpolitisch präsentierten Geßlerhüte zu grüßen.

Zweitens: ebensowenig wie die heutige Linke beabsichtigt, die Unternehmen zu verstaatlichen, will sie die Bundeswehr abschaffen. Sie wird nämlich als Instrument des humanitaristischen Interventionismus gebraucht. Dazu genügt an sich eine moralisch und technisch auf Minimalmaß zurückgestutzte Schwundarmee ohne nennenswerte Kampfkraft. Da man aber auch Bündnisverpflichtungen nachkommen und hinsichtlich der Akzeptanz im „bürgerlichen“ Milieu auf allzu radikale Maßnahmen verzichten muß, soll die Bundeswehr in ihrem nominellen Bestand erhalten bleiben. Angesichts der sich seit den 90er Jahren häufenden Einsätze der Bundeswehr kann nicht ausgeschlossen werden, daß sie eines Tages in ernsthafte kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt wird. Wie stehen da ihre Chancen? Generell ist, wie die jüngsten Erfahrungen hinsichtlich Corona und der Flutkatastrophe zeigen, die Krisenbewältigungsfähigkeit staatlicher Stellen schwach ausgeprägt. Zwischen Ignorieren und Überreagieren schwankend, wird stets zielstrebig das Effizienz garantierende, richtige Maß verfehlt. Diese Inkompetenz wird häufig einem Denken zugeschrieben, das nicht auf den Ernstfall ausgerichtet ist. Das Nichtbedenken des Ernstfalls ist aber selbst nur Teil und Ausdruck eines größeren, tieferliegenden Syndroms.

Eine moralisch und technisch auf Minimalmaß zurückgestutzte Schwundarmee ohne nennenswerte Kampfkraft: Die sieben Schwaben, Paul Hey

Auch innerhalb dieses Syndroms spielt die Symbolpolitik eine entscheidende und diesmal sogar unmittelbar verhängnisvolle Rolle. Man meint, das Militär verweichlichen, Polizisten als Bullenpack schmähen, die Nation verunglimpfen, auf Investitionen in Bildung, Forschung und Verkehrsinfrastruktur verzichten und die Mittelschicht steuerlich schröpfen zu können, ohne daß dies Folgen nach sich ziehen könnte. So zu handeln, bedeutet, ein übles Doppelspiel zu betreiben. Man rechnet ganz selbstverständlich damit, daß all diese drangsalierten und vernachlässigten Institutionen und Akteure trotz allem weiterhin klaglos und ohne Einbuße ihre Funktion verrichten. Der Anschein ihres bloßen Vorhandenseins genügt, um sich ihrer Tauglichkeit gewiß zu sein. Zugleich aber heimst man durch das symbolpolitische Ausagieren linker Rhetorik den Beifall des eigenen Milieus ein. Mit der Wende vom klassischen Marxismus zum heutigen, sogenannten „Kulturmarxismus“ hat die Linke den Blick auf die materielle Basis verloren. Da sie primär an der Herrschaft über die Köpfe interessiert ist und vor allem im „Überbau“, konkret beruflich im tertiären Sektor, zu Hause ist, verwechselt sie ihr eigenes Habitat mit der Gesamtheit der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Wenn etwas im symbolpolitisch ansprechbaren Feld der Diskurse, Mentalitäten und Werte geregelt ist, dann gilt die Sache für erledigt. Um die Voraussetzungen und Folgen auf der Ebene des Materiellen kümmert man sich nicht weiter. Das läuft schon von alleine irgendwie, so lautet der Glaubenssatz. Ein schönes Wort zählt mehr als die nützliche Tat. Auf diesem gedanklichen Boden gedeiht im Übrigen auch die überbordende Gesinnungsethik, deren heutige Anhänger, die jeder wirklichen ethischen Entscheidung innewohnende Problematik dadurch ausweichen, weil sie vermeinen, daß ihre Entscheidungen ohne ernsthafte Folgen bleiben werden. Der Grund dieser Folgenvergessenheit liegt in der Fortdauer einer infantilen Welthaltung. Fehlhandeln eines Kindes wird immer von den Eltern korrigiert. Kinder können sich darauf verlassen, daß alles so da ist, wie es da sein sollte, weil dieses So-Da-Sein-Sollende von den Eltern bereitgestellt wird. Diese infantile Erwartungshaltung wird von den Subjekten des maßgeblichen juste milieus im späteren Lebenslauf auch nicht nachhaltig falsifiziert, weil sie in falsifizierungsresistenten Berufen beschäftigt sind. Eine schlecht recherchierte Reportage, eine falsche Gedichtinterpretation, ein fehlerhafter Aktenvermerk haben – im Gegensatz zu einer falschen ärztlichen Diagnose oder einem schludrig ausgefrästen Werkstück – keine unmittelbar negativen Konsequenzen, da diese nicht unmittelbar in den Bestand der materiellen Wirklichkeit eingreifen. Die Verläßlichkeit der Konsequenzentlastung in der eigenen Lebenswelt verleitetet zu der habitualisierten Annahme, daß dies generell der Fall sei. Darum denken auch Politiker nach Aufdeckung einer von ihnen verschuldeten groben Fehlleistung nicht mehr an Rücktritt, weil sie gar nicht auf den Gedanken kommen, für die Folgen ihrer Handlungen Verantwortung übernehmen zu müssen. Durch die mittlerweile allgemein akzeptierte Verfestigung dieser Einstellung eines Vertrauens auf Konsequenzentlastung wird diese rekursiv verstärkt. Für das tonangebende Milieu ist die materielle Welt nur dazu da, um sich auf der Ebene der Diskurse zu spiegeln, wo sie in schönen Worten und schönen Plänen beliebig geformt werden kann. Wenn die Worte und Pläne aber den Ideenhimmel verlassen und zur Erde zurückkehren, verwandeln sie sich aber in Taten, die Konsequenzen. Das freilich interessiert nicht mehr, weil die Welt der niederen Materie nicht die Welt von Menschen ist, welche die Macht haben, so tun zu können, als habe sie nichts mit dieser zu tun.

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Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Die Neuerscheinung im Juni2021: „Farben der Macht“ von Dr. Winfried Knörzer im Lindenbaum Verlag. Sie können dieses Buch direkt beim Verlag versandkostenfrei bestellen.

A. Paul Weber – Leben und Werk eines grünen nationalrevolutionären Künstlers

von Werner Olles

A. Paul Weber – Leben und Werk eines grünen nationalrevolutionären Künstlers

Zeitschriftenkritik: Weber Kurier der A. Paul Weber-Gesellschaft e.V.

Die im Oktober 1974 gegründete A. Paul Weber-Gesellschaft e.V. sieht es als ihre Aufgabe an, das künstlerische Lebenswerk des Malers und Graphikers für die Nachwelt zu erhalten, der Allgemeinheit näher zu bringen und die wissenschaftliche Forschung darüber zu fördern. Dreimal jährlich gibt sie für Ihre 600 Mitglieder und für Freunde das sechsseitige aktuelle Nachrichtenblatt „Weber Kurier“ heraus, das über Veranstaltungen, Ausstellungen, Vorträge und Treffen informiert. Andreas Paul Weber entwarf nicht nur das Signet der Gesellschaft, das auch das Nachrichtenblatt schmückt, sondern nahm in seinen letzten Lebensjahren regelmäßig an den Treffen im Frühjahr in Ratzeburg teil. Zu den weiteren Zielen der Gesellschaft zählen zudem auch die Förderung des in Ratzeburg auf der Dominsel geschaffenen A. Paul Weber Museums, des Weber-Archivs, Sammlungen seiner Werke, Illustrationen, Büchern, Zeitschriften, biographischem und kunsthistorischem Schriftgut und Erinnerungsstücken. So werden die Bestände des Archivs durch Ankauf zahlreicher Originale und Dokumente ständig erweitert. Durch Vorträge, Forschungsaufträge, Ausstellungen und die Herausgabe einer Schriftenreihe kam auch die wissenschaftliche Forschung in Gang.

Andreas Paul Weber wurde am 1. November 1893 als Sohn eines Eisenbahnassistenten im thüringischen Arnstadt geboren. Zwischen 1908 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 war er Mitglied der Wandervogel-Bewegung, die als Reaktion auf die desolaten und ungesunden Lebensverhältnisse vieler junger Menschen in Metropolen wie beispielsweise Berlin entstanden war. Bei ihren Wanderungen und Zeltlagern in ganz Deutschland suchten sie eine naturgemäße Lebensweise und natürlich auch einen neuen Lebensstil. Dies weckte auch Webers Vaterlandsliebe und Naturverbundenheit. Im Krieg wurde er dann als Eisenbahnpionier an der Ostfront eingesetzt und arbeitet ab 1916 als Zeichner und Karikaturist für die „Zeitung der 10.Armee“.

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Die Konservative Revolution – Abschied vom Absoluten

von Klaus Kunze

Die Konservative Revolution – Abschied vom Absoluten

Ist „konservative Revolution“ eine Option?

Seit Jahren flüstert man auf der politischen Rechten „konservative Revolution“. Jene rechtsintellektuelle Strömung entstand vor etwa hundert Jahren und war vor allem eines: eine Idee von Intellektuellen.

Zwar versprühten ihre Schöpfer jahrelang funkelnde Geistesblitze. Schließlich gehörten zu ihnen zeitweilig überragende Köpfe wie Ernst Jünger und Ernst Niekisch. Für eine Massenbewegung taugten deren Ideen aber nicht. Auf der Straße marschierte bald die Masse, und die ist bekanntlich zu geistigen Höhenflügen nicht imstande. Das verdankt sie nicht zuletzt den schweren Stiefeln an den Füßen, die schließlich in Deutschlands Straßen marschierten, während namhafte Rechtsintellektuelle sich vorsichtshalber aus der Schußlinie begaben.

Dennoch haben die Protagonisten der konservativen Revolution (KR) die Gedankenwelt bleibend befruchtet. Für ein praktisch brauchbares politisches Konzept taugt die KR heute so wenig wie damals. Zu fern steht sie der Auffassungsgabe und den tatsächlichen Bedürfnissen der Masse. Aber wurde diese Masse nicht immer von geistigen Eliten bewegt? Können wir heute etwas von ihren Geistesfrüchten nutzen?

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Deutscher Selbsthass und linke Ideologie

von Manfred Kleine-Hartlage

Deutscher Selbsthass und linke Ideologie

Dieser Artikel, den wir in zwei Teilen veröffentlichen, geht auf einen Vortrag von Manfred Kleine-Hartlage zurück, den er anläßlich eines Kollegs im Rahmen des Instituts für Staatspolitik unter dem Titel „Deutschenfeindlichkeit – eine Bestandsaufnahme“ gehalten hat. Der Vortrag wurde nicht vom IfS veröffentlicht. Im 2. Teil geht es um die Übernahmen des westlichen antideutschen Narrativs durch die Deutschen selbst und die Konsequenzen daraus. Im Schlussteil untersucht Kleine-Hartlage die Ausweitung des deutschfeindlichen Paradigmas auf den Westen insgesamt.

Hier können Sie den ersten Teil des Artikels lesen: https://wir-selbst.com/2021/11/27/deutschenfeindlichkeit-eine-bestandsaufnahme/

Übernahme des westlichen Narrativs durch Deutsche

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es unter kräftiger Einwirkung verschiedenster amerikanischer Propagandakanäle zu einer grundlegenden Umwälzung des politischen Denkens in Deutschland, und zwar in Richtung auf die angelsächsische Ideologie des revolutionären Liberalismus, später auch des Marxismus, in jedem Fall aber zur Übernahme der Basisannahmen der revolutionären Metaideologie. Dies implizierte unter anderem, dass eine Wir-Sie-Unterscheidung auf ideologischer statt auf ethnischer oder staatlich-politischer Basis als selbstverständliche Norm akzeptiert wurde. „Wir“, das waren nicht mehr „die Deutschen“, und nicht einmal „die Europäer“, jedenfalls nicht im Sinne einer Völkergemeinschaft. „Wir“ – das war eine Partei im globalen ideologischen Bürgerkrieg; der „Westen“, die „westliche Wertegemeinschaft“, die „Freie Welt“. „Wir“ war, wer die utopisch-revolutionären Ideale teilte, und nach dem Untergang der Sowjetunion stießen auch große Teile der Linken zu diesem „Wir“, wie sich nicht zuletzt an den Karrieren ehemaliger Achtundsechziger unschwer ablesen lässt.

Eine solche Definition der Wir-Gruppe nach dem Kriterium ideologischer Zugehörigkeit bedeutete schon für die Völker der Siegermächte einen latenten Widerspruch zu ihrem Selbstverständnis als Völker. Nicht nur für die Russen, die mehr für Mütterchen Russland als für den Kommunismus gekämpft hatten (deren Sieg aber dem Kommunismus mehr nutzte als Russland), auch für Amerikaner und Briten war „Right or wrong – my country“ mit dem Projekt „to make the world safe for democracy“ nicht bruchlos unter einen Hut zu bringen. Nur blieb bei diesen Völkern, wie gesagt, der Widerspruch latent, weil sie in beiden Weltkriegen gleichermaßen als Völker wie als Bannerträger bestimmter Ideen gekämpft hatten.

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Deutschenfeindlichkeit und Deutschfeindlichkeit – das westliche antideutsche Narrativ

von Manfred Kleine-Hartlage

Deutschenfeindlichkeit und Deutschfeindlichkeit – das westliche antideutsche Narrativ

Dieser Artikel, den wir in zwei Teilen veröffentlichen, geht auf einen Vortrag von Manfred Kleine-Hartlage zurück, den er anläßlich eines Kollegs im Rahmen des Instituts für Staatspolitik unter dem Titel „Deutschenfeindlichkeit – eine Bestandsaufnahme“ gehalten hat. Der Vortrag wurde nicht vom IfS veröffentlicht.

Deutschenfeindlichkeit ist ein ausgesprochen vielschichtiges Phänomen. Es gibt das traditionelle Ressentiment vieler Völker – Polen, Franzosen, Briten, Juden – aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Kriege davor. Es gibt eine intellektuelle Form der Deutschfeindlichkeit, die weniger mit der Abneigung gegen die Deutschen als Menschen zu tun hat, als mit der Abneigung gegen und die Furcht vor dem deutschen Staat, dem man jederzeit zutraut, zu mächtig zu werden. Es gibt Misstrauen gegen den deutschen Volkscharakter. Es gibt die Deutschfeindlichkeit hier lebender Migranten. Es gibt die Deutschfeindlichkeit der Deutschen selbst. Und es gibt eine Ideologie, zu deren zentralen Bestandteilen Deutschfeindlichkeit gehört. [Das Thema des Vortrages war Deutschenfeindlichkeit. Wenn ich im Folgenden meist das Wort Deutschfeindlichkeit verwende, dann um deutlich zu machen, dass es nicht einfach um Ressentiment gegen Deutsche, sondern in einem umfassenderen Sinn um verschiedene Arten von Feindseligkeit gegen das Deutsche schlechthin geht: das Volk, den Staat, die Menschen usw.]

Die verschiedenen Facetten und Ebenen des Gesamtkomplexes „Deutschfeindlichkeit“ stehen nicht unverbunden nebeneinander. Sie durchdringen und verstärken einander und wachsen sich zusammen zu einer Gefahr für das deutsche Volk aus. Die Deutschfeindlichkeit von Migranten, die Götz Kubitschek und Michael Paulwitz in ihrem Buch „Deutsche Opfer – fremde Täter“ thematisiert haben, ist nur die eine Seite der Medaille, und darauf komme ich noch zu sprechen. Die andere Seite ist die Deutschfeindlichkeit im eigenen Lager, die es überhaupt erst möglich macht, dass wir durch Massenmigration Gefahr laufen, zu Minderheit im eigenen Land zu werden, und dass die Deutschfeindlichkeit von Migranten zu einem Problem der inneren Sicherheit werden konnte.

Zu diesem „eigenen Lager“, dessen Deutschfeindlichkeit zum Problem wird, gehören in diesem Zusammenhang die Deutschen selbst, speziell deren Funktionseliten; in einem größeren Zusammenhang aber auch der westliche Kulturkreis, in den Deutschland eingebunden ist, und dessen Eliten für ihre Deutschfeindlichkeit Gründe haben, die weniger mit eigentlichem Ressentiment als mit Ideologie zu tun haben.

Das westliche antideutsche Narrativ

Die allgemeinste und verbreitetste Grundlage von Deutschfeindlichkeit ist das, was ich das westliche antideutsche Narrativ nennen möchte. „Narrativ“ ist ein neudeutscher Ausdruck; man kann auch sehr gut von einer Geschichtsideologie sprechen. Einer Ideologie, die über Filme, Literatur, populäre Geschichtsdarstellungen verbreitet wird, und derzufolge Deutschland eine Gefahr für seine Nachbarn gewesen (und potenziell auch heute noch) sei und daher gefesselt, entmachtet und verdünnt werden müsse, weil der deutsche Volkscharakter antidemokratisch, obrigkeitshörig, kollektivistisch, gewalttätig, kriegslüstern, genozidal usw. sei. Zwar sind sich die heutigen Historiker meistens zu fein dazu, eine direkte Linie Luther-Friedrich-Bismarck-Hitler zu ziehen, aber die Nachwirkungen dieser Art von propagandistischer Geschichtsschreibung sind noch heute deutlich spürbar und äußern sich nicht zuletzt in der Neigung, die gesamte deutsche Geschichte als Vorgeschichte des Dritten Reiches zu behandeln.

Man begreift dieses Geschichtsbild nicht, wenn man den historischen Kontext außer Acht lässt, und dieser Kontext ist der europäische Bürgerkrieg, der seit 1789 tobt. [Noch immer lesenswert in diesem Zusammenhang ist Hanno Kestings 1959 erschienenes Werk „Geschichtsphilosophie und Weltbürgerkrieg. Deutungen der Geschichte von der Französischen Revolution bis zum Ost-West-Konflikt“. Zur Zeit ist es anscheinend nicht einmal antiquarisch verfügbar, aber gut sortierte Bibliotheken sollten es haben; die Berliner Staatsbibliothek jedenfalls hat es.] Dieser Bürgerkrieg wird von den Anhängern dreier Ideologien ausgefochten, die immer mal wieder ihre Namen, Parolen und Programme ändern, aber doch eine erkennbare Identität und Kontinuität aufweisen. Es handelt sich um zwei utopische und eine nichtutopische Weltanschauung, also um Liberalismus und Sozialismus auf der einen Seite; auf der anderen Seite um, wie auch immer man das nennen will, die konservative Weltanschauung, die Reaktion oder auch einfach die politische Rechte.

Der deutsche Michel, August 1842, Karikatur von Johann Richard Seel (1842)

Die beiden utopischen, revolutionären Ideologien, worin auch immer sie sich sonst unterscheiden, haben benennbare Gemeinsamkeiten, durch die sie sich so fundamental von der Rechten unterscheiden, dass es zulässig ist, sie auf eine gemeinsame Metaideologie zurückzuführen. Dies betrifft vor allem den utopischen Ansatz als solchen. Der utopische Ansatz geht davon aus, dass die Möglichkeit des friedlichen und zivilisierten Zusammenlebens von Menschen nicht ein erklärungsbedürftiges Wunder, sondern eine Selbstverständlichkeit sei, weswegen man den Grundlagen der Existenz von Gesellschaft schlechthin auch keine Beachtung schenken müsse und sich gleich – durch schrittweise Reformen oder per revolutionärem Parforceritt – der Verwirklichung des Paradieses auf Erden widmen könne.

Die utopischen Ideologien implizieren eine Reihe von Annahmen:

Erstens, der Mensch sei von Natur aus gut, nur die gesellschaftlichen Verhältnisse, kurz gesagt Unfreiheit und Ungleichheit seien für das Böse verantwortlich, weswegen sie beseitigt werden müssten. Der rechte Ansatz geht dagegen davon aus, dass der Mensch unvollkommen und schwach und in die Erbsünde verstrickt und deshalb auf die Existenz einer ihn stützenden sozialen Ordnung angewiesen ist, wobei ein gewisses Maß an Unfreiheit und Ungleichheit notwendig in Kauf genommen werden muss, weil die Alternative nicht Freiheit und Gleichheit, sondern Chaos, Gewalt und Barbarei sind.

Zweitens, dass Gesellschaft rational geplant werden könne und ihre Gestaltung eine Frage der Vernunft sei. Die Rechte dagegen geht davon aus, dass die Gesellschaft auf die Geltung des Vorgefundenen und Nichthinterfragten angewiesen ist, das durch Kritik zwar zerstört, aber nicht auf rationalem Wege durch etwas Besseres ersetzt werden kann: etwa auf Familie, Glaube, Tradition, Vaterland.

Drittens, das „Gute“, also Freiheit und Gleichheit sei rational ableitbar, müsse mithin auch kulturunabhängig und universell gültig sein, weswegen man die gesamte Menschheit zum Heil führen könne, wenn man die aus den Prinzipien der Aufklärung folgenden Utopien global verwirkliche. Für Konservative dagegen ist jede Kultur eine einzigartige, nicht planbare und unwiederholbare Antwort auf die elementare Frage, wie Gesellschaft möglich ist. Sie betonen daher das Recht des Partikularen gegenüber den Geltungsansprüchen universalistischer Ideologie.

Viertens, dass man Gesellschaft von der Utopie her deuten und analysieren müsse, dass heißt von Normen statt von Fakten, vom Sollen statt vom Sein, von den Rechten statt von den Pflichten her.

Deutschland verkörpert die „rechte“ Partei, also das „Böse“ schlechthin: Deutschfeindliches Propaganda-Poster in Amerika während des Ersten Weltkriegs (1917): „Zerstört dieses wahnsinnige Tier – Werdet Soldat“

Von diesem utopischen Gesellschaftsverständnis her, das sich selbst schon deshalb mit „der Vernunft“ verwechselt, weil es auf wirklichkeitslosen Kopfgeburten statt auf krummer Wirklichkeit aufbaut, und das sich selbst mit dem „Guten“ verwechselt, weil es von dem Axiom ausgeht, dass der Mensch schlechthin gut sei, weswegen das „Böse“ in den gesellschaftlichen Strukturen (einschließlich Traditionen, Glaubenswahrheiten etc.) stecken müsse, deren Verteidiger folgerichtig ebenfalls „böse“ sein müssen – von einem solchen Gesellschaftsverständnis her ist Toleranz nicht begründbar (und sie wird demgemäß auch umso weniger geübt, je weniger seine Anhänger es nötig haben). Aus dem utopischen Gesellschaftsverständnis resultiert folgerichtig ein apokalyptisches Politikverständnis, wonach Politik ein Kampf zwischen den Mächten des Lichts und denen der Finsternis sei. Krieg etwa ist kein tragisches, letztlich unentrinnbares Verhängnis. Er ist gerechtfertigt, wenn er für revolutionäre Ziele geführt wird (und dann ist auch jedes Verbrechen erlaubt), und von vornherein verbrecherisch, wenn er für konterrevolutionäre Ziele geführt wird (und dann kommt es auf die Mittel, mit denen er geführt wird, nicht mehr an).

“Sus au monstre!“

(Gegen den Drachen! – Der Drache trägt die deutsche Pickelhaube).
Karikatur.
Aus: Le Petit Journal (Paris), 20.9.1914..

Was hat all dies mit Deutschfeindlichkeit zu tun?

Nun, wenn wir die Kriege des 20. Jahrhunderts als Teile des ideologischen Weltbürgerkrieges auffassen, dann verkörperte Deutschland offensichtlich die rechte Partei. Die Vorstellung, dass Kriege zur globalen Verwirklichung einer schlechthin guten Ordnung geführt werden müssten, wie sie dem utopischen Politikverständnis entsprach und als liberale Weltordnung von den westlichen Mächten, als kommunistische Weltordnung später von der Sowjetunion angestrebt wurde, musste Deutschland fremd sein. Der schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhobene Vorwurf, Deutschland strebe nach der Weltherrschaft, wäre auch dann absurd gewesen, wenn er nicht ausgerechnet von den angelsächsischen Mächte erhoben worden wäre, die zu jedem Zeitpunkt im 19., 20. und 21. Jahrhundert der Weltherrschaft näher waren und sind, als Deutschland es jemals gewesen ist.

Französische Darstellung des deutschen „Barbaren“. Karikatur von Guillaume Morinet, 1915

Ein Denken, das auf die Verwirklichung einer Weltordnung – welcher auch immer – abzielte, lag Nationen nahe, die im Schutz ihrer Insellage kühnen Idealen nachhängen konnten und durch denselben Umstand in der Lage waren, globale Politik zu machen. Die liberale Neue Weltordnung, die sich als Idee schon vor dem Ersten Weltkrieg deutlich abzeichnete, war ebenso die passende Ideologie für einen globalen Imperialismus, wie imperialistische Machtpolitik so etwas wie der bewaffnete Arm der Utopie war. Es ist nicht etwa so, dass das eine nur eine Funktion des anderen gewesen wäre. Beide Aspekte angelsächsischer, besonders amerikanischer Politik waren Aspekte ein und desselben Politikverständnisses.

Deutschland dagegen war geradezu die institutionalisierte Konterrevolution. Ein Denken in globalen Utopien musste seinen Eliten bereits deshalb fremd sein, weil sie in dem Bewusstsein lebten, ein von innen und außen stets hochgradig gefährdetes Staatswesen zu regieren, und ihr politischer Horizont war strikt kontinental und auf die Konsolidierung des Bestehenden gerichtet. Das Kaiserreich übernahm durchaus liberale, demokratische und sogar sozialistische Ideen, man denke nur an die Bismarcksche Sozialgesetzgebung, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie die bestehende Ordnung konsolidieren, auch fortentwickeln, aber keinesfalls sprengen sollten. Dieses Politikverständnis, also die Absage an revolutionäre, utopische Entwürfe, prägte in Deutschland nicht nur die Politik der Konservativen, sondern auch die der Liberalen und auf die Dauer auch die der Sozialdemokraten. Das ganze Denken in abstrakten Idealen war Deutschland einfach fremd.

Deutschland war also einerseits zu schwach und gefährdet, um selbst Weltordnungs- oder gar Weltherrschaftsgelüsten zu folgen oder auch nur in solchen Kategorien zu denken. Es war aber – zumindest potenziell – stark genug, Europa in seinen Machtbereich zu ziehen und damit die Verwirklichung einer Weltordnung zu verhindern, zu der ja, wenn sie ihren Namen verdienen sollte, Europa in jedem Fall gehören musste. In dem Krieg gegen Deutschland, der nach Winston Churchills zutreffenden Worten von 1914 bis 1945 dauerte, der also keineswegs wegen irgendwelcher Verbrechen der Nationalsozialisten geführt wurde, ging es nicht darum, Europa vor dem deutschen Joch zu schützen, sondern darum, dieses Europa in die liberale Weltordnung und damit zugleich in den angelsächsischen Machtbereich zu zwingen.

Deutschland verkörperte also kein universell zu verwirklichendes Prinzip, sondern eine konkret verortete Nation, die ihre Ordnung und ihre Ziele nicht aus utopischen Entwürfen, sondern aus praktischen Notwendigkeiten ableitete. Es kannte keine abstrakte Loyalität gegenüber liberalen und demokratischen Idealen; das trug den Deutschen den Vorwurf der „Obrigkeitshörigkeit“ ein. Es strebte nicht nach Menschheitsbeglückung und musste die Interessen eines nicht ideologisch, sondern ethnisch bzw. staatlich definierten „Wir“ gegen die Außenwelt verteidigen, was als „Nationalismus“ gedeutet wurde. Es musste auf der Geltung von Gemeinschaftswerten beharren statt auf individualistischen Rechtsansprüchen (nicht zufällig war die Gegenüberstellung von „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ ein Thema gerade der deutschen Soziologie); dies machte den „Kollektivismus“ aus, der den Deutschen unterstellt wurde. Solche Gemeinschaftsideale funktionieren nur, wenn sie gefühlsmäßig verankert sind; daher das Klischee vom „Romantizismus“ und „Irrationalismus“ der Deutschen.

Deutschland mußte sein ethnisch bzw. staatlich definiertes „Wir“ gegen die Außenwelt verteidigen!

Kurz und gut, die Tatsache, dass die Deutschen anders waren und anders dachten als die Angelsachsen, dass sie insbesondere keinen Sinn für die Utopie hatten, dass sie aber zugleich eine Gefahr für die globale Verwirklichung dieser Utopien waren, machte sie zum Gegen- und Feindbild des westlichen revolutionär-utopischen Denkens. Die Klischees über den deutschen Nationalcharakter stellen die demagogisch verzerrte Beschreibung von Dispositionen dar, die in diesem Nationalcharakter tatsächlich vorhanden waren (und sind), und die auch vorhanden sein mussten (und müssen), weil ein Land wie Deutschland sich den liberalen Globalismus und Utopismus nicht leisten konnte, und wie wir heute sehen, nicht kann. (Ob die Angelsachsen, und damit meine ich die Völker, selber ihn sich leisten können, sei fürs erste dahingestellt.)

In Teil II (Deutscher Selbsthass und linke Ideologie) wird es um die Übernahmen des westlichen antideutschen Narrativs durch die Deutschen selbst und die Konsequenzen daraus gehen.

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Manfred Kleine-Hartlage

Manfred Kleine-Hartlage ist Jahrgang 1966, Diplom-Sozialwissenschaftler in der Fachrichtung Politische Wissenschaft und bekannt als konservativer Islam- und Globalismuskritiker. Er betreibt einen politischen Blog: Korrektheiten und schreibt für Sezession im Netz und die Druckausgabe der Sezession. Im Juli 2013 ist Kleine-Hartlages grundsätzliche Auseinandersetzung mit den ideologischen Grundlagen des liberalen Systems in der Reihe Antaios Thema erschienen: Die liberale Gesellschaft und ihr Ende. Über den Selbstmord eines Systems (vergriffen). Bei Antaios publizierte Kleine-Hartlage außerdem „Neue Weltordnung“. Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie? (reihe kaplaken, Bd. 30) sowie Warum ich kein Linker mehr bin (reihe kaplaken, Bd. 33).

Stets lesenswert ist Manfred Kleine-Hartlages Blog:

http://korrektheiten.com/

Soeben ist das neue Buch von Manfred Kleine-Hartlage „Systemfrage. Vom Scheitern der Republik und dem Tag danach“ im Antaios Verlag erschienen und kann dort direkt bestellt werden:

Wolfszeit – „Jetzt sind sie halt da!“

von Dr. Winfried Knörzer

Wolfszeit – „Jetzt sind sie halt da!“

Gelegentlich bediene ich mich einer rhetorischen Technik, die darin besteht, dem Gegner ein Stück weit entgegenzukommen, seinen Thesen eine gewisse Berechtigung zuzubilligen. Das mache ich nicht aus purer Menschenfreundlichkeit, die hier nicht angebracht wäre, noch in der Erwartung eines sportlich-ritterlichen Kräftemessens. Darauf legt der Gegner, mit dem man es allzumeist in der aktuellen Lage zu tun hat, keinen Wert, weshalb auf das Angebot eines Austauschs von Höflichkeiten verzichtet werden kann. Wenn der Gegner absolut dumm und seine Argumentation völlig unsinnig wäre, brächte es keine Ehre, einen solch hilflosen Wurm niederzuringen. Darum muß man sich einen Gegner aussuchen, dessen Argumente zumindest im Ansatz oder teilweise richtig sind. Denn erst wenn man nachweisen kann, daß auch das ansatzweise Richtige letztlich in die Irre führt und selbst das Beste, was der Gegner aufbieten kann, nicht ausreicht, um einem diskursiven Angriff standzuhalten, hat man einen echten Sieg errungen.

Das Thema, um das es hier gehen soll, ist der Wolf. Bei diesem Thema bin ich gerne bereit, mich dem Gegner anzunähern, denn auch ich bin davon überzeugt, daß die Erde nicht nur dem Menschen gehört, denn auch ich schätze die Gegenräume zur total verstädterten Hyperzivilisation, schätze die ursprüngliche Natur, zu der eben nicht nur niedliche Häschen und rundäugige Rehe, sondern auch Wölfe und Bären gehören. Allerdings meine ich, daß die gegenräumlichen Tummelplätze der Bären und Wölfe in Sibirien, Norwegen oder den Karpaten liegen sollten und nicht in Schleswig-Holstein, dem Harz oder gar im Ruhrgebiet.

Der Wolf und das Lamm, Jean Baptiste Oudry (1686-1755)

Auch dem aus dem Osten hereinwandernden Wolf hat man eine Willkommenskultur beschert. Begeistert hat man die in diesem Tier inkarnierte Rückkehr zur Natur begrüßt. Berauscht hat man sich an der scheinbar Wirklichkeit gewordenen Synthese von archaischer Natur und moderner Zivilisation. Ursprüngliche Natur ist also hier und heute doch noch möglich – so lautet der Grundgedanke der offiziell verordneten Lykophilie. Der Wolf avancierte zum Totemtier einer im Vollgefühl der Sicherheit städtischer Zivilisation ausgeübten Zivilisationskritik. Bedauerlicherweise konnte sich der Wolf allerdings nicht dazu überwinden, die ihm zugedachte Rolle als Projektionsfläche rousseauistischer Sehnsüchte zu spielen, sondern beharrte eigensinnig darauf, ein Wolf zu sein.

Sein traditionsverhaftetes Wolfsein stellte der Wolf in keineswegs überraschenden Aktivitäten unter Beweis, als da vor allem wären das Zerfleischen und Verspeisen von Schafen. Aber auch von aggressiven Annäherungen an Spaziergänger wurde bereits berichtet. So war das natürlich nicht gedacht. Was man sich gedacht hat, falls der Begriff des Denkens in diesem Fall überhaupt anwendbar ist, soll später erörtert werden. Man reagierte auf diese Vorkommnisse so wie jeder in Bedrängnis geratene Verantwortliche reagiert – mit Beschönigen und Beschwichtigen, mit dem Herausstreichen des wenigen Positiven und dem Verschweigen des vielen Negativen. Zu den Wölfen verhält man sich wie zu den menschlichen Migranten. Nach dem Abklingen der Initialfreude ob der spektakulären, den langweiligen Alltag aufbrechenden Novität begnügt man sich zu konstatieren: „Jetzt sind sie halt da“ und hofft darauf, daß schon irgendwie alles gutgehen werde. Wenn nun aber früher oder später doch das Schreckliche eintritt und ein Mensch getötet wird, wird man vielleicht in bewährter Manier dem Opfer die Schuld geben (es habe provoziert, sich falsch verhalten oder Warnhinweise nicht beachtet), sicherlich aber kleinlaut schließlich doch den Wolf zum Abschuß freigeben.

Junge Bauern müssen sich eines Wolfs erwehren – Gemälde von François Grenier de Saint-Martin (1833)

Man sollte nicht umstandslos alles Unerfreuliche den Linken anlasten. Nicht nur setzt man sich dadurch dem Verdacht des Verschwörungstheoretischen aus („Die“ sind an allem schuld, auch an Corona und dem verregneten Sommer), sondern man würde sich auch an der zum würde- und gedankenlosen Gesellschaftsspiel gewordenen Diabolisierung des Gegners beteiligen. Die Lizenzierung der Wolfsmigration war kein forciert vorangetriebenes politisches Projekt, sondern vornehmlich das Resultat administrativer Akte, die freilich tatkräftig von einschlägigen NGOs unterstützt wurden. Allerdings ist linke Mentalität, ohne daß dies den meisten Betroffenen bewußt geworden wäre, durch jahrzehntelang ununterbrochen anhaltende mediale und pädagogische Indoktrination subkutan bis in die feinsten Verästelungen aller relevanten Institutionen eingedrungen. Darum läßt sich mit einiger Berechtigung behaupten: alles, was der Fall ist, ist links. Wenn also alle sozialen Tatsachen links imprägniert sind, scheint es keinen Erkenntnisgewinn zu bringen, noch eigens zu betonen, daß sie links sind. Nichtsdestotrotz kann es nicht schaden, die allumfassende linke Normalität am Leitbild des Wolfes zu dekonstruieren.

Zunächst ist eines typisch und auffällig: die Zeche zahlen stets die anderen, hier die Bauern und Schäfer, deren Tierbestände dezimiert werden, und die Bewohner der betroffenen Gebiete, die in beständiger Angst leben müssen und sich nicht mehr zum Wandern in den Wald trauen. Stets wird ein in der Theorie grandioses, ideologisches Projekt rücksichtslos exekutiert, wobei man sich, wenn der Schaden eingetreten ist, aus der Verantwortung stiehlt. Nach der Wende 1990 hingen an einigen Marx/Engels-Statuen ein Schild, auf dem zu lesen stand: „Sorry, wir haben uns geirrt.“ Immer und immer wieder verhallen die sich nachträglich stets als zutreffend erweisenden Kassandrarufe der Rechten ungehört, ganz so wie es den modernen Avataren der Kassandra vom Schicksal bestimmt ist. Die Zivilisiertheit des modernen europäischen Menschen schützt die bösartig-starrsinnigen Herrschenden selbst bei einem Systemwechsel wie in der DDR vor Racheorgien. Im Normalfall, dem Fortbestehen des politischen Systems, braucht erst recht niemand, Konsequenzen zu fürchten, da die Mächtigen weiterhin über die Macht verfügen, Sanktionen zu verhindern. Allenfalls rafft man sich zu einer widerwillig dahingenuschelten Entschuldigung auf (Baerbock: „Da habe ich eben Sch… gebaut“) oder es wird ein besonders exponierter Schwarzer Peter zum Rücktritt genötigt. Diese Verantwortungslosigkeit hat freilich nicht nur mit der in allen politischen Systemen anzutreffenden Arroganz der Macht zu tun. Der Marxismus in seiner ursprünglichen ideologischen Form ist erledigt. Aber nach Aufgabe seiner expliziten Dogmen haben sich, ähnlich wie beim Christentum, wesentliche Glaubensinhalte in verwässerter, zu vagen Werten verdünnter Form nicht nur erhalten, sondern diese haben sich nach Unkenntlichwerden ihres Ursprungs umso fester als mentalitätsmäßige Prägung in den Köpfen der Menschen verankert. Einer dieser Glaubensinhalte besteht in der unumstößlichen Gewißheit, im Recht zu sein, weil man dank wissenschaftsfundierter Prophetie den Lauf der Welt erkannt habe. Man kann schlichtweg nicht irren, solange man nicht den vom geschichtsmetaphysischen Heilsplan vorgezeichneten Pfad verläßt. Dies unterscheidet linke Postdemokratien von liberalen Demokratien aber auch von klassischen, nicht-totalitären Diktaturen. Die Politiker dieser beiden politischen Systeme wissen, daß ihre Herrschaft von der hier freiwilligen, da erzwungenen Zustimmung der Beherrschten abhängig ist, weshalb sie in der Wahl ihrer Mittel auf deren zustimmungsbefähigende Tauglichkeit achten müssen, weshalb diese Wahl sich an zweckrationalen Überlegungen ausrichtet. Dagegen zieht der von der irrationalen Überzeugung von der grundsätzlichen Richtigkeit seines Handelns durchdrungene mentalitätsmäßige Linke potentiell falsifizierende Momente überhaupt nicht in Betracht. Er ist der Gute und deshalb prädestiniert, das Richtige zu erkennen. Das als gut und richtig Erkannte wird sich über kurz oder lang durchsetzen; es bedarf nur des Anstoßes des von ihm ausgehenden Handelns. Diese verharmlosend als Gesinnungsethik bezeichnete Haltung ist überhaupt keine Ethik, weil eine Ethik verlangt, Verantwortung zu übernehmen, was der echte Gesinnungsethiker auch tut. Der Linke an der Macht verschwendet keinen Gedanken an Verantwortung, weil er sich als Instrument des Weltgeistes dünkt. Wenn dann doch etwas schiefläuft, dann wurde dies im Stalinismus auf Sabotage und konterrevolutionäre Machenschaften zurückgeführt, heute auf unvorhersehbare Friktionen, Systemzwänge, individuelle Unfähigkeit irgendwelcher Anderer oder dem aktuell angesagten Niveau grundschulhafter Entschuldigungsrhetorik gemäß auf schlichtes Pech. Wer hätte denn auf die Idee kommen können, daß ein ökologisch so wertvolles Tier wie ein Wolf plötzlich Schafe anfällt! Mit treuherzigem Augenaufschlag bittet man um Verständnis und hält damit die Sache für abgetan, wenn man sich nicht sogar erdreistet, den Spieß umzudrehen und den Kritikern vorzuwerfen, durch ihre Kritik die nach wie vor unzweifelhafte Gutheit der ursprünglichen Intention in Frage zu stellen.

Überzeugt von der eigenen Gutheit und dem Besitz der Wahrheit, kann der Opponent nur böse sein und sich irren. Das ist die Grundannahme, aus der alles Weitere folgt. Wegen der prinzipiellen Bosheit des Opponenten wird seinen Diskursen nicht zugebilligt, wahre Aussagen über die Wirklichkeit zu sein. Wenn er einen schlechten Ausgang eines linken Vorhabens vorhersagt, dann ist dies nur die Projektion seiner eigenen Schlechtigkeit. Gerade weil die Kritik von der falschen Seite kommt, die immer nur Böses und Falsches absondert, ist man umso sicherer, das Richtige zu tun. Aufgrund dieser von vornherein feststehenden Pathologisierung muß man die Diskurse der Rechten auch dann nicht ernst nehmen, auch wenn sie recht behalten. Die wissenschaftlich erwiesene Absurdität der Behauptung, Wölfe seien Raubtiere, gebietet von selbst, derlei Unsinn zu ignorieren.

So wendet sich für den Linken das Gute stets zum Besten. Erstens: Es tritt kein legitimer Kritiker auf den Plan, der mir eine Schuld vorwerfen könnte, weil entweder fast alle meiner Meinung sind und die wenigen, die dies nicht sind, eh nichts zu sagen haben. Zweitens: ich bin nicht schuld, weil ich das Gute gewollt habe. Darum frischauf ans Werk, um die braven Bürger mit neuen, noch besseren, noch phantastischeren Plänen zu beglücken!

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Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Die Neuerscheinung im Juni2021: „Farben der Macht“ von Dr. Winfried Knörzer im Lindenbaum Verlag. Sie können dieses Buch direkt beim Verlag versandkostenfrei bestellen.

Wo ist nur das Volk geblieben? – Der moderne Feudalismus

von Dr. Jens Woitas

Wo ist nur das Volk geblieben? – Der moderne Feudalismus

Gleich mehrere auf gesellschaftliche Veränderungen abzielende Bewegungen oder politische Richtungen müssen in unserer Gegenwart die Erfahrung machen, dass ihre Appelle weitgehend wirkungslos verhallen, obwohl sie sich an breite gesellschaftliche Mehrheiten richten. Dies gilt etwa für den Kampf, den national-identitäre Gruppen für den Erhalt des ethno-kulturellen deutschen Volkes angesichts zunehmender demographischer Verschiebungen durch Massenmigration führen. Sie verbleiben aber mit diesem Anliegen meistens in einer kleinen, nach außen weitgehend abgeschlossenen, „rechten Szene“, während der polit-mediale Mainstream ihnen Ablehnung, teilweise sogar Hass, entgegenbringt. Ähnliches widerfährt Corona-Maßnahmenskeptikern wie den „Querdenkern“, die für die im Grundgesetz verankerten Rechte auf persönliche Freiheit und demokratische Selbstbestimmung eintreten, aber damit nur eine Minderheit der Bundesbürger erreichen. Man kann diese Erfahrung sogar auf die Klima-Demonstranten von „Fridays for future“ und anderen Bewegungen erweitern. In diesem Fall gibt es zwar eine geradezu überwältigende, positive Resonanz der Proteste in Medien und Politik, aber trotzdem wird in der Praxis nur sehr wenig von der Forderung nach einem radikalen wirtschaftlichen Umsteuern in Richtung des „Klimaschutzes“ umgesetzt.

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Konservatismus – einige Bemerkungen zu diesem Begriff

von Andrzej Madela

Einige Bemerkungen zum „Konservatismus“-Begriff

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Das eigentlich Schwierige an einem Vorhaben, die Grenzen und den Inhalt eines Konservatismus zu umreißen, besteht wohl darin, daß die Objekte dessen, was „konserviert“ (bewahrt) werden soll, eine nahezu verwirrende Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit aufweisen. Dies ist für Konservatismusforscher insofern ein Problem, als es auch Versuche gibt, den erwähnten Begriff vom zu bewahrenden Gegenstand her zu bestimmen. Die Konsequenz solchen Verfahrens muß aber in der Endfolge auf Beliebigkeit hinauslaufen, die der Chance einer wertenden Unterscheidungsfähigkeit sich selbst beraubt und, zumindest potentiell, Gefahr lauft, in Zusammenhängen aufzuwachen, die nicht die ihren sind.

Diese Gefahr ist in der jüngeren Konservatismus-Forschung (Armin Mohler, Gerd-Klaus Kaltenbrunner, Hans-Christof Kraus) mehrfach thematisiert worden und ließe, mit unvermeidlicher Vereinfachung, etwa folgendermaßen sich formulieren: Die Bestimmung des Begriffs vom Gegenstand her mache eine Klassifizierung und Gliederung weitestgehend unmöglich, da der gesamte Inhalt des Konservatismus auf eine natürliche menschliche Reaktion der Bewahrung des Vorhandenen hinauslaufe; diese Reaktion könne jedoch unter recht unterschiedlichen Umständen auftreten und müsse nicht unbedingt mit einer wertorientierten Haltung verbunden sein.

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