Polens deutsche Migrationskrise – der innereuropäische Kulturkampf, eine Hommage an Polen
Dieser Film ist eine Hommage an Polen, dort, wo die Seele Europas noch atmet! In meinem einstündigen Film nehme ich die jüngsten Verwerfungen im Zusammenhang mit den illegalen Masseneinwanderungsversuchen an der polnisch-belarussischen Grenze zum Anlass, der grundsätzlichen Frage nachzugehen, in welchem Europa die kommenden Generationen leben werden: in einem hauptsächlich von Deutschland dominierten, multikulturalisierten, gesellschaftsumfassend gegenderten und womöglich stark orientalisierten Europa? Oder in jenem von den Polen selbst, Ungarn und anderen südosteuropäischen Staaten erstrebten Europa, das seine spezifische, historisch gewachsene und werteverbundene kulturelle Identität verteidigt und an dieser als Leitkultur und Kompass für die Integration eingewanderter Menschen festhält. Nehmen Sie sich eine Stunde Zeit, diesen Film bis zum Ende anzuschauen, an dem viele Menschen mitarbeiteten und in den über 400 Arbeitsstunden investiert wurden. Die umfangreichen und kostenintensiven Dreharbeiten zu diesem Film fanden in Polen, Deutschland und Irak statt. Es war eines der schwierigsten, aufwendigsten, teuersten und zugleich schönsten Filmprojekte, die ich bisher, als freier Autor, realisierte. Ich bin bei meinen werbungsfreien und kostenintensiven Filmprojekten, die leider in keinem Sender gezeigt werden, auf Ihre Unterstützung angewiesen. Traurig, aber wahr!
Hier können Sie meine Arbeit unterstützen: paypal.me/fernsehautor oder durch direkte Überweisung: Imad Karim IBAN: DE22 6707 0024 0023 8840 02 BIC: DEUTDEDBMAN
Imad Karim
Was Miriam Shadad, die junge Frau polnischer-syrischer Herkunft, die ich im Film interviewte, und mich verbindet, ist die Liebe und die Verbundenheit zu Europa und zu seiner Kultur, jener Kultur, die mir in Deutschland jeden Tag ein Stück mehr entgleitet, und die Miriam in Polen vor dem Entgleiten bewahren will. Heute schämen sich viel Europäer für ihre Kultur und Geschichte, und sie wollen am liebsten ihre Vergangenheit auslöschen. Alles, was ihre Vorfahren taten, empfinden die Europäer von heute als Provokation ihrer neuen Werte wie Diversität, Multikulturalismus und Toleranz. Vielleicht zählt dieser Prozess der Selbstentkernung zu einer fest verankerten Dialektik der Hochkulturen. Auch Zivilisationen können nicht unsterblich leben, aber sie können sich umwandeln und einige Jahrhunderte länger leben, aber nur da, wo die Seele einer Kultur noch atmet. Dieser Film ist, wie Sie vielleicht lesen, hören und sehen, eine Hommage an Polen und eine Liebeserklärung an das Europa, das ich vor 44 Jahren vorfand und das heute, durch ein werterelativierendes Gutmenschentum seiner Bewohner, zu verschwinden droht. Danke und aufrichtige Grüße
Geopolitik: neue Allianz im Entstehen – Saudi-Arabien – Iran – Pakistan – China
Das iranische Atomprogramm war in der Vergangenheit regelmäßig in der Presse und ist es bis heute. Grund dafür dürfte vor allem der jahrzehntelange Clinch mit den USA sein. Die saudische Atompolitik gestaltet sich hingegen viel ruhiger. Im Jahr 2008 unterzeichneten die USA und Saudi-Arabien ein Abkommen über die nicht-militärische Nutzung der von Saudi-Arabien erzeugten Kernenergie. Im November 2021 kündigte Saudi-Arabien an, daß es in Kürze bekannt geben wird, wer die Leitung des Atomprogramms übernehmen wird.
Atomkraft und Saudi-Arabien, das sorgt weiterhin für Unruhe, nur nicht in der westlichen Welt. Bereits 2003 gab es einen Aufschrei in der Region, als bekannt wurde, daß das saudische Königreich die Atombombe bauen wollte. Im Jahr 1988 kauften die Saudis von den Chinesen Raketen, die jedes Ziel im Nahen Osten erreichen können. Und 1984 wurde ein saudisches Militärteam, dem auch der damalige Verteidigungsminister Prinz Sultan angehörte, in Pakistan empfangen, wo es zusammen mit dem damaligen pakistanischen Premierminister Nawaz Sharif die Atomanlagen besichtigte. Der pakistanische Wissenschaftler Abdul Qadeer Khan, der geistige Vater der pakistanischen Atombombe, versorgte den saudischen Prinzen mit Informationen über Kernenergie und die Atombombe. Im Jahr 2012 unterzeichneten Pakistan und Saudi-Arabien ein Abkommen über die gegenseitige Zusammenarbeit im Bereich der Kernenergie.
Zeitschriftenkritik: CATO – Der Kulturkampf zwischen Ost und West
„Vom Osten lernen heißt Leben lernen“ überschreibt Chefredakteur Andreas Lombard sein Editorial der aktuellen CATO-Ausgabe (No. 1, Dezember 2021/Januar 2022) und fährt fort: „Wenn der Westen sich nur einmal von außen betrachtet, würde er feststellen, daß sein Problem die Verdrängung der Wirklichkeit ist. Entschieden wehren sich die Länder Mitteleuropas gegen jene ihnen allzu vertraute linksradikale Bedrohung, die früher aus dem Osten kam und heute aus dem Westen – nur dreißig Jahre nach dem Untergang des Kommunismus.“ Václav Klaus, ehemaliger Minister- und Staatspräsident der Tschechischen Republik, bestätigt diese Einschätzung in seinem Beitrag „Unsere Souveränität ist unantastbar“, in dem er auf die Pflicht der Tschechen hinweist, das von der notorisch übergriffigen EU-Kommission unter Frau von der Leyen massiv politisch bedrohte Polen solidarisch zu unterstützen.
Tatsächlich trage der zwischen Ost und West entbrannte Kulturkampf, den man bereits als „Kulturkrieg“ bezeichnen kann, „epochale, wenn nicht heilsgeschichtliche Züge“ beginnt Lombard seine Einleitung des Schwerpunktthemas Osteuropa. Am Beispiel Ungarns schildert er eindrücklich, wie der westliche Liberalismus seit Jahrzehnten versucht, die Selbstbesinnung der Ungarn durch ein korruptes Bündnis mit den Postkommunisten zu torpedieren. Aber wie Viktor Orbán in einem Gespräch mit Fox-News-Kommentator Tucker Carlson sagte, werde dieser west-östliche Kulturkampf zu einer starken Emigration von West nach Ost führen, die nach Ungarn bereits begonnen habe, da auch westliche Bürger sich ihre traditionelle Lebensweise nicht nehmen lassen wollen. Ungarn baue eine Gesellschaft auf, die sehr erfolgreich sei: ökonomisch, politisch, kulturell, sogar demographisch. Die westlichen Liberalen könnten jedoch nicht akzeptieren, daß es innerhalb der westlichen Zivilisation eine nationale, konservative Alternative gibt, die zudem auf der Ebene des täglichen Lebens erfolgreicher sei als die liberalen Gesellschaften: „Wir sind ein Beispiel dafür, daß ein land, das auf traditionellen Werten ruht, auf nationaler Identität, auf der christlichen Tradition, erfolgreicher sein kann als eine linksliberale Regierung“.
Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift CATO
Im Interview mit Mária Schmid, der früheren Chefberaterin Orbáns, dessen Vertraute sie immer noch ist, läßt die „Grand Dame der ungarischen Historiographie“ (Lombard) an den Deutschen der Gegenwart kein gutes Haar. Die Museumsleiterin und Hochschullehrerin spricht über die museale Gedenkstätte „Haus des Terrors“, die 2002 in Budapest eröffnet wurde und in die sie von Anbeginn involviert war. Konsequent verteidigt sie, daß sowohl Kommunismus als auch Nationalsozialismus beziehungsweise Faschismus „linke Bewegungen“ sind, und der rote Stern neben dem Pfeilkreuz der faschistischen „Pfeilkreuzler“ an der Fassade der Gedenkstätte durchaus ihre Berechtigung als Symbole eines ihnen gemeinsamen totalitären Machtwillens haben
In ihrem Essay „Wer genießt Pressefreiheit?“ beschreibt sie wie regierungsnahe Medienschaffende als „Propagandisten“ diffamiert, während diejenigen, die dem postkommunistischen Lager angehören als „objektiv“ und „unabhängig“ bezeichnet werden. Doch seien die ehemaligen Kommunisten und ihre linksliberalen Verbündeten stets der Unterstützung des Westens sicher, da sie als Globalisten und Internationalisten agierten. Die bewußt antikommunistischen, marktfreundlichen , rechten, christlichen Kräfte, welche die Tradition und nationale Identität hochhalten, gelten dagegen als „nationalistisch“. Nach Ansicht derjenigen, die an die europäische Integration glaubten und ein vereintes Europa unterstützten, müßten sie daher beseitigt werden.
Weitere interessante Beiträge befassen sich mit der Migrationskrise an der Südgrenze der USA, deren Nutznießer schwerkriminelle Kartelle sind, denen die Biden-Regierung in die Hände arbeitet (John Forte) und einem Porträt des französischen Journalisten und voraussichtlichen Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour, der vielen als „Rechtspopulist“ (FAZ) oder gar als „Rechtsextremist“ (NZZ) gilt, in Wahrheit jedoch ein linker Nationalist ist, der „an der Spitze der möglicherweise wirksamsten konterrevolutionären Strategie steht, die im Westen verfügbar ist“ (Nathan Pinkoski). Diese politische Tradition, die von der bonapartistischen Lösung des Problems der Herrschaft geprägt sei, bleibe eine tragfähige Tradition. Für den Traditionalismus der Linken wie auch für Zemmour selbst gelte: „Unterwerfung ist nicht sein Schicksal!“
Kontakt: CATO Verlag. Fasanenstr. 4, 10623 Berlin. Das Einzelheft kostet 15,20 Euro, das Jahresabo 79.- Euro. http://www.cato-verlag.de
Werner Olles
Werner Olles
Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.
Purge Day – realistische Zukunftsvisionen und kathartische Wirkungen
Viele USA-Reisende berichten oft ein wenig erstaunt, wie verblüffend ähnlich doch die in Hollywood-Filmen gezeigte Lebenswirklichkeit den tatsächlichen Verhältnissen ist. Darum verdient das Aufkommen neuer Filmthemen eine gewisse Aufmerksamkeit, weil sie ein Hinweis auf neue gesellschaftliche Entwicklungen sein könnten.
In den letzten Jahren hat sich ein neues kleines Subgenre in der Schnittmenge zwischen Horror, Thriller und Science Fiction etabliert, das im Titel auf einen sogenannten Purge Day Bezug nimmt. Diese Filme spielen in einer nicht näher bestimmten, nahen Zukunft, in der das Ausmaß der Gewalt massiv zugenommen hat. Um die Gewalttätigkeiten einzugrenzen hat man eine Institution, den Purge Day, geschaffen, um ihr ein kathartisches Ventil zu verschaffen. An einem Tag im Jahr werden die Gesetze außer Kraft gesetzt: jeder kann straflos beliebige Verbrechen incl. Mord begehen. Die weitere Filmhandlung kreist dann zumeist darum, wie sich eine Familie in ihrem verbarrikadierten Haus gegen die eindringenden Mordbrenner zur Wehr setzt.
THE PURGE Trailer
Man muß kein Soziologe sein, um in diesem Subgenre einen Reflex der die USA endemisch heimsuchenden Unruhen (zumeist rassischer Art) zu erkennen. Wie in diesen Filmen bleiben die bei diesen Unruhen begangenen Straftaten großenteils ungeahndet, was die Vermutung nahelegt, daß gleichfalls die kathartische Wirkung einer temporären Suspendierung des Rechtszustandes billigend in Kauf genommen wird. Die Diskrepanz zwischen dem Maximum an verbrecherischer Gewalt und Minimum an Strafverfolgung ist wirklich erstaunlich. Es scheint gewissermaßen eine Vereinbarung zu existieren: Ihr könnt euch austoben, wenn ihr anschließend auf politische Forderungen verzichtet, und wir lassen euch bei euren Plünderungen unbehelligt.
Da sich diese Aufstände häufig an umstrittenen, als rassistisch interpretierten Handlungen polizeilicher oder sonstiger staatlicher Organe entzünden, wird eine politische Motivation unterstellt. Doch der politisch problematische Anlaß ist nur der Auslöser für einen elementaren Gewaltausbruch, der einer tieferen Schicht als der des Politischen entspringt. Diese Ausschreitungen entbehren einer politischen Führung ebenso wie klaren politischen Forderungen. Nachdem die Meute sich ausgetobt hat, verlischt das Strohfeuer der Rebellion, und es kehrt wieder Ruhe ein, als sei nichts geschehen.
Die Unruhen sind ein realer Purge Day, an dem eine politische Problematik zur Entladung in Form gewalttätiger Eruptionen kommt, was der Notwendigkeit enthebt, diese Problematik einer wirklichen politischen Lösung zuführen zu müssen. Man akzeptiert die Schäden, weil man weiß, daß eine Lösung unmöglich ist. Eine Lösung könnte nur darin bestehen, die Gesellschaft so umzubauen, daß deren tragende Säulen zerstört werden, was ein viel höherer Preis wäre als die gelegentliche Zulassung einer rechtsfreien Phase.
Dr. Winfried Knörzer
Dr. Winfried Knörzer
Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.
Interview von Benjamin Fayet mit der Germanistin Isabelle Grazioli-Rozet
Ernst Jünger und Mircea Eliade – Religion und die vom Göttlichen entleerte Welt
Isabelle Grazioli-Rozet ist Germanistin und Dozentin an der Universität Jean-Moulin-Lyon III. Sie hat zahlreiche Artikel über Ernst Jünger verfasst und ein Buch geschrieben, das 2007 bei Pardès erschienen ist: Ernst Jünger, in der Sammlung „Qui suis-je? Für PHILlTT blickt sie zurück auf die intellektuelle Begegnung zwischen Ernst Jünger und Mircea Eliade, die zur Gründung der Zeitschrift Antaios führte. Das Interview enthält noch einige übersetzungsbedingte sprachliche Unzulänglichkeiten, verdient es trotzdem in dieser Form auf unserer Seite veröffentlicht zu werden.
PHILITT: Die Zeitschrift Antaios entstand 1959 aus der Begegnung zwischen Ernst Jünger und Mircea Eliade. Wie haben sich die beiden Männer kennengelernt?
Isabelle Grazioli-Rozet: Die ersten Erwähnungen von Ernst Jünger (1895-1998) und Mircea Eliade (1907-1986) sind durch ihre jeweiligen Zeitschriften bezeugt, für den deutschen Autor durch Strahlungen oder die Journaux Parisiens, für den rumänischen Forscher durch Moissons du solstice; die Erinnerungen reichen bis ins Jahr 1942 zurück, während des europäischen Völkerringes. Die intellektuelle Begegnung, fruchtbar und kreativ, wurde durch die geheimnisvolle Alchemie ihrer Beziehungen ermöglicht und muss in die politische Realität der Zeit eingeordnet werden.
Der Religionsphilosoph Mircea Eliade, der der Bewegung der „Eisernen Garde“ von Codreanu nahe stand, war der mörderischen Verfolgung im Rumänien von König Karl II. entkommen und hatte eine Stelle als Kulturattaché bei der königlichen rumänischen Gesandtschaft in London und dann in Lissabon erhalten. Im Sommer 1942 hatte er einige Tage Urlaub in Bukarest verbracht und wollte auf dem Rückweg zu seinem Posten in Portugal einen Zwischenstopp in Berlin einlegen, einer Stadt, die er aus seiner Zeit als junger Wissenschaftler kannte; außerdem sollte er einen rumänischen Freund, Goruneanu, wiedertreffen. Es sei daran erinnert, dass viele Rumänen, „Legionäre“ der Eisernen Garde, die nach dem Staatsstreich von General Antonescu erneut verfolgt wurden, nach Deutschland geflüchtet waren, bevor sie in die Waffen-SS eingezogen und andere in Konzentrationslager interniert wurden. Während seines Aufenthalts in Berlin nahm Goruneanu Eliade mit in das Haus des Juristen, Philosophen und Politikwissenschaftlers Carl Schmitt (1888-1985) im Berliner Stadtteil Dahlem, wo der berühmte Verfassungsrechtler noch immer lebte. Dieser Besuch war keineswegs zufällig. Carl Schmitt wusste schon vor seiner Begegnung mit Eliade, dass dieser Assistent von Naë Ionescu (1890-1940) an der Universität gewesen war, dass er 1940 eine Laudatio gehalten hatte und dass der intellektuelle Austausch, der zwischen Meister und Schüler entscheidend war, es ihm ermöglichte, die von seinem ehemaligen Lehrer entwickelte Philosophie getreu zu beleuchten. im Sinne Ionescus zu vertreten. Eliade hatte sich mit vergleichender Religionswissenschaft und Mystik beschäftigt; Naë Ionescu hatte die Mythen und die Spiritualität Rumäniens erforscht, was ihn dazu brachte, sein Land zu idealisieren, von dem er glaubte, es könne zu seinen Wurzeln zurückkehren und sich durch die Wiederentdeckung alter Werte, die auf bäuerliche und christliche Traditionen zurückgehen, regenerieren; diese Überlegungen brachten ihn allmählich in die Nähe der „Eisernen Garde“. In der Diskussion mit Schmitt musste Eliade sein eigenes Gebiet umreißen, die Besonderheit seiner Forschung erklären und was sie von der seines ehemaligen Kollegen unterscheidet, zum Beispiel seine Beobachtung von tiefen Ähnlichkeiten zwischen den Religionen. Eliade, der dem Hinduismus große Bedeutung beimaß, gründete sein Interesse an den Religionen nicht auf dem Fundament einer persönlichen und christlichen Religiosität; vielmehr nahm er eine strikte Neutralität in Bezug auf die religiöse Haltung ein. Die Diskussion wandte sich der Esoterik zu, als René Guénon erwähnt wurde, auf der Suche nach Traditionen, Absolutheit und Totalität.
PHILITT: Es ist also Carl Schmitt, der das Bindeglied zwischen den beiden Männern darstellt?
Isabelle Grazioli-Rozet: Ja, Ernst Jünger war damals Hauptmann in der Wehrmacht, in Paris stationiert und in den Generalstab integriert, er wurde von seiner militärischen Führung auf eine Studienreise in den Kaukasus geschickt. Der Einsatz an der Ostfront dauerte von Ende 1942 bis Ende Januar 1943, und für Jünger war der Vorstoß zu diesem „prometheischen Berg“ in dieser gefürchteten Zeit der Titanen von besonderer Bedeutung, wie er seinem Freund Carl Schmitt in einem Brief vom 25. Oktober 1941 geschrieben hatte. Bevor er in den kaukasischen Schmelztiegel aufbrach, hielt sich Ernst Jünger mit seiner Frau vom 11. bis 17. November 1942 in Berlin auf. Carl Schmitt war ein altes und fürsorgliches Mitglied im Freundeskreis des Ehepaars Jünger, Patenonkel des jüngsten Sohnes Alexander und ein intellektueller Partner ersten Ranges. Während dieses Aufenthalts im Herbst 1942 sprach Carl Schmitt mit Ernst Jünger über den Austausch mit Mircea Eliade und stellte ihn als Schüler von René Guénon vor. Dies ist eine Kurzdarstellung, die näher betrachtet werden muß. Mircea Eliade hatte Guénon seit den 1920er Jahren fleißig gelesen, und der Einfluss ist spürbar. Dennoch wurde er von Eliade vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg nur selten zitiert, da das Denken des visionären und in vielerlei Hinsicht paradoxen Metaphysikers nicht in die Kodifizierungen der akademischen Welt passte. Der vergleichende Eliade war zudem irritiert von Guénons Polemik und seiner brutalen Ablehnung der gesamten westlichen Zivilisation.
Caspar David Friedrich: Ruine Eldena im Riesengebirge Caspar David Friedrich (1774 – 1840), Ruine Eldena im Riesengebirge, Öl auf Leinwand, 1830/1834
Schmitt erwähnte gegenüber Ernst Jünger auch das Werk des rumänischen Forschers, die von ihm herausgegebene Publikation Zalmoxis. Zeitschrift für religiöse Studien. Die Wahl des Titels lud den Leser ein, die alten Wege der Getai (ein indoeuropäisches Reitervolk des frühen Altertums an der Westseite des Schwarzen Meers) wiederzuentdecken, die von Zalmoxis beschritten wurden, der als Vermittler zwischen der Gottheit und den Menschen die Unsterblichkeit der Seele lehrte. Aus den Pariser Tagebüchern Ernst Jüngers geht hervor, dass er am 15. November 1942 die Zeitschrift und die Beiträge Eliades entdeckte – „[…] man spürt“, schrieb er, „die Ergiebigkeit in jedem Satz“ – und dass seine Überlegungen zu „Mircea Eliades schönem Artikel“ am 5. Mai 1944 fortgesetzt wurden. Gourneanu sollte Eliade mitteilen, dass Ernst Jünger seine Arbeit schätzte. Die allmähliche Annäherung zwischen den beiden Männern wurde weiterhin durch die Verbindungen gefördert, die Carl Schmitt weiterhin knüpfte, denn er reiste mehrmals nach Frankreich, 1942 und Ende März 1944, und nach Spanien und Portugal, um dort Vorträge zu halten; auf diese Weise hielt er diesen wertvollen Kontakt aufrecht. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ließ sich Eliade im September 1945 in Paris nieder, wo er von Georges Dumézil an der École pratique des Hautes Études aufgenommen wurde. Nur die Rückkehr zum friedlichen Austausch zwischen den ehemals kriegführenden Völkern würde einen fruchtbaren Austausch zwischen Eliade und Jünger ermöglichen.
PHILITT: Welche Affinitäten konnten einen rumänischen Essayisten, einen der bedeutendsten Spezialisten für die Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts, und einen deutschen Autor, der seine literarische Karriere nicht im Bereich der Belletristik, sondern als Spezialist für den Ersten Weltkrieg begonnen hatte, zusammenbringen?
Isabelle Grazioli-Rozet: Vergessen wir nicht, dass die beiden Männer, als sie sich trafen, schon im fortgeschrittenen Alter und intellektuell gereift waren. Ernst Jünger nur als jungen, durch Feuer und Technik geformten Kriegshelden zu sehen, wäre ebenso verkürzt, wie ihn auf die 1920er Jahre und seinen politischen Kampf als Folge des Versailler Vertrags zu beschränken. Der Träger des Orden Pour le Mérite verstand es, seine Erfahrungen zu verarbeiten. Betrachtet man den Werdegang der beiden Männer zu Beginn, so fallen einem Übereinstimmungen auf, wie die wohlhabende Kindheit zweier „abenteuerlustiger Herzen“ und Träumer, die nicht sehr geneigt waren, die Strenge der Schuldisziplin zu akzeptieren, aber entschlossen waren, weit zu reisen. Sie hatten eine Vorliebe für den literarischen Ausdruck, für Tagebücher, und Eliades wissenschaftliches Werk lässt die raffinierten Romane vergessen, die er schrieb. Beide verbündeten sich gewissermaßen mit totalitären Bewegungen und hegten nationalistische Bestrebungen, ein Impuls, der den Respekt, den man gegenüber Angehörigen eines anderen Heimatlandes haben kann, nie ausschloss.
Die Macht der Geschichte darf nicht unterschätzt werden. Aufgrund ihres zeitlichen und geografischen Rahmens gehörten diese beiden Europäer zu einer Schicksals- und Erfahrungsgemeinschaft. Als Akteure, aber auch als Zeugen kollektiven Leids, sollten sie ähnliche Fragen in ihrer eigenen intellektuellen Dynamik zum Ausdruck bringen. Europa, das seit 1918 keine Hegemonie mehr über die Welt ausübte, erlebte das Ende eines Dreißigjährigen Krieges, der es in Brand gesetzt hatte; die Konferenz von Jalta Anfang 1945 sollte es in eine sowjetische und eine amerikanische Einflusssphäre aufteilen. Für beide Männer war die Zeit der Niederlage in ihrer zerstörten Heimat auch die Zeit der Wunden, die sich nie schließen würden, sei es durch persönlichen Kummer – der Verlust eines Sohnes für den einen, einer Frau für den anderen – oder durch die Qualen des Exils, und für beide die Unmöglichkeit, ein Land unter sowjetischer Kontrolle zu betreten. Was die Doktrinen betrifft, die ihren Zeitgenossen auf dem Kontinent aufgezwungen wurden, so konnten sie deren kränkenden Charakter analysieren.
Beide teilten Beziehungen und – aufgrund ihres geistigen Universums – Referenzen, Carl Schmitt, aber auch Julius Evola, den italienischen Kritiker der modernen Welt, den Eliade kannte und den Jünger gelesen hatte; beide konnten nicht umhin, für das 1934 veröffentlichte und ein Jahr später ins Deutsche übersetzte Werk Revolte gegen die moderne Welt empfänglich zu sein.
Sie gehörten zu jener Familie von Lesern, die die Abenteuer des Geistes lieben; jeder von ihnen unternahm auf seine Weise Streifzüge in die Geschichte; ihre geistige Landschaft war bevölkert von Figuren aus der fernen Vergangenheit, von Geschichten aus dem europäischen Altertum. Sie benutzten eine mythische Sprache, um zeitgenössischen Erfahrungen einen Sinn zu geben. Beide interessierten sich mehr oder weniger für Philosophie, lasen und kannten Martin Heidegger, zitierten oft die Klassiker, darunter auch den vorsokratischen Heraklit, dessen Denken sie prägte und einige ihrer mythischen Ausdrücke mitprägte; so griff der junge Jünger in Anlehnung an den „polemos, Vater aller Dinge“ den Satz auf Deutsch auf, als er 1922 den Krieg als innere Erfahrung schrieb und den Krieg zu einer fruchtbaren Kraft und einem Naturgesetz machte.
In einer modernen, vom Göttlichen verlassenen Welt hinterfragten sie die Metaphysik, die Spiritualität und die religiösen Phänomene, und sie wussten um die Hilfe, die die Lektüre eines heiligen Textes bieten kann: Der Offizier Jünger suchte im besetzten Paris Zuflucht in der Lektüre der Bibel, wie seine Tagebücher belegen. Sie waren zu Beobachtern geworden, der eine auf einem einsamen Posten, vergleichbar mit den Marmorklippen, die er sich vorgestellt hatte, weil er sich seit der Machtübernahme der nationalsozialistischen Kräfte nicht mehr direkt mit der zeitgenössischen Politik befassen wollte, der andere mit strikter konfessioneller Neutralität, der das religiöse Phänomen und die vielen Riten, die es mit sich bringt, untersucht. Abschließend ist zu erwähnen, dass beide in ihren späteren Jahren Drogenerfahrungen machten, als ob sie in noch intimere Geheimnisse eindringen wollten.
PHILITT: Was war das für ein Projekt von Ernst Jünger und Mircea Eliade, als sie 1959 die Zeitschrift Antaios gründeten?
Isabelle Grazioli-Rozet: Dieses redaktionelle Projekt ist aus ihren Gesprächen hervorgegangen. Paris, wo Eliade bis 1957 lebte, als er seinen Lehrstuhl für die Geschichte der vergleichenden Religionen in Chicago antrat, blieb für Jünger, der dort Freundschaften pflegte, attraktiv. Dann, trotz seiner Abreise in die Vereinigten Staaten, wurde Eliade weiterhin nach Europa eingeladen, um bemerkenswerte Vorträge zu halten, in Deutschland, in München, in Marburg im Jahr 1960… Im Jahr 1957 hatten sie über die Möglichkeit nachgedacht, die Zeitschrift Zalmoxis, die von 1938 bis 1942 erschienen war, wieder ins Leben zu rufen, wie wir aus einem Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und seinem Sekretär, Armin Mohler, erfahren. Im April 1958 wurde das Projekt, das den Titel „Antaios“ tragen sollte, vom Klett-Verlag angenommen, und im Sommer desselben Jahres fuhr Ernst Jünger an die Ufer des Lago Maggiore, um in Ascona einen Vortrag von Mircea Eliade im Rahmen der jährlichen Treffen des Eranos-Kreises zu hören. Zu diesem Kreis gehörten Henry Corbin, Carl Gustav Jung, Mircea Eliade, Emil Cioran, Gilbert Durand… Die Arbeit konzentrierte sich auf die Analyse der archetypischen Kräfte, Bilder und Symbole und ihre Beziehung zum Individuum.
Antaios, Périodique pour un monde libre / Zeitschrift für eine freie Welt wurde ins Leben gerufen, aber bevor wir das Projekt näher beleuchten, sollten wir beim Titel stehen bleiben und uns daran erinnern, wer die ausgewählte Figur ist! Das muss Ernst Jüngers zuweilen bissige Sekretärin verärgert haben, die befürchtete, dass die Öffentlichkeit den Riesen Antaios mit dem Stern Antares verwechseln könnte. Für Ernst Jünger war die Wahl perfekt und gefiel auch seinem Bruder, dem Dichter Friedrich Georg Jünger, der bei den Franzosen wenig bekannt war und der die Besonderheit des mythischen Riesen im Verhältnis zum Halbgott Herakles beleuchten wollte. Ein Rückblick unter der Garantie eines Riesen, der aus der Vereinigung von Poseidon und Gaia hervorging und der eine privilegierte Beziehung zu seiner Mutter, der Erde, unterhielt. Aus ihr schöpfte er seine Kraft, die immer wieder erneuert wurde und immer gleich blieb. Diese Ehrfurcht vor Mutter Erde erinnert an den Einfluss Nietzsches auf diese Generation, der meinte, dass der Mensch dem Willen der Erde gehorchen sollte. Der moderne Mensch, so betonte Jünger, versteht die Erde auf eine ganz andere Weise als der traditionelle Mensch, sei es wirtschaftlich, technisch oder politisch. Und der Mensch, der Sohn der Erde, der dem Zugriff titanischer Mächte, dem Aufstieg des Nihilismus ausgesetzt ist, wird den monströsen Zuwachs an Macht und Raum der Moderne so lange ertragen müssen, wie er nicht ein Gegenstück dazu gefunden hat, das aus archaischen und heiligen Tiefen schöpft. Dabei verrät der Name der Zeitschrift ein ganzes Denksystem. Der Mensch, der Sohn der Erde, kann nicht ohne das Element des Mütterlichen leben. Die Tatsache, dass die Zeitschrift für eine „freie Welt“ bestimmt ist, wie der Untertitel besagt, kann faszinierend oder irritierend sein! Armin Mohler beanstandete gegenüber seinem „Chef“, dass das Adjektiv überstrapaziert werde.
Für Eliade bedeutete die Freiheit die Verantwortung für sich selbst, und Jünger verteidigte die Originalität seines Projekts. Die gemeinsame Richtlinie, die in sieben kurzen Absätzen formuliert ist, wurde von Ernst Jünger verfasst. Beide glaubten, dass „eine freie Welt nur eine geistige Welt sein kann“. „Die Freiheit wächst mit der geistigen Betrachtung des Ganzen, mit der Erlangung fester, erhabener Positionen, auf denen man stehen kann. Diese Hochburgen waren die Philosophie, die Künste und die Theologie. Ideologien und ihre Disziplinen sind „Krücken“, die dem Menschen helfen können, die er aber ablegt, wie Krücken in Heiligtümern abgelegt werden, wenn das Wunder der Heilung vollbracht ist.
PHILITT: Was sind die Hauptthemen des Magazins und wer sind die Hauptakteure des Projekts?
Isabelle Grazioli-Rozet: Die in der Zeitschrift behandelten Themen drehten sich hauptsächlich um die Beziehung des Menschen zum Heiligen im heidnischen oder christlichen Europa, ohne andere Zivilisationen auf anderen Kontinenten auszuschließen, wie etwa den Glauben im alten Ägypten oder den Weg des Sufismus im Islam. Dieses Interesse entsprach einer der wesentlichen Richtlinien, die im ursprünglichen Programm beschrieben waren: Antaios sollte in seinen Lesern den Ehrgeiz wecken, die Wurzeln ihrer Kultur, ihrer Vergangenheit kennenzulernen und zu verstehen, nach dem Sinn verschiedener religiöser oder künstlerischer Ausdrucksformen zu suchen. Das Magazin, das in deutschen Fachbibliotheken wie der in Marbach am Neckar zu lesen ist, bietet auch einige sehr schöne Artikel mit literarischem Inhalt und lädt zum Nachdenken über die Künste ein.
Die Zeitschrift war deutschsprachig, aber ihre Autoren kamen aus ganz Europa. Ernst Jünger veröffentlichte siebzehn Beiträge, Texte, die noch nicht veröffentlicht worden waren. Mircea Eliade steuerte vierzehn Artikel bei, die entweder aus dem Französischen oder aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurden, da er bereits an der Universität von Chicago lehrte. Dabei handelte es sich um Kapitel aus seinen vergleichenden Studien. In der langen Liste der Mitwirkenden sind einige zu erwähnen, die uns über die Orientierungen der beiden Herausgeber der Zeitschrift informieren, wie Quincey, Hamann, Eckhartshausen, Schlegel oder Keyserling… Unter den Zeitgenossen finden sich bekannte Namen aus verschiedenen Bereichen, die dem einen oder anderen Herausgeber nahe standen; Schriftsteller und Dichter wie Henri Michaux, Roger Caillois, Marcel Jouhandeau, Emil Cioran, Jorge-Luis Borges; Friedrich Georg Jünger, Gerhard Nebel… Sprachwissenschaftler und Mythographen wie Jan de Vries; Übersetzer und Orientalisten wie der Franzose Henri Corbin, der Philologe und Religionshistoriker Karol Kérény, der „Metaphysiker“ Julius Evola, der Esoteriker Frithjof Schuon – bei den letztgenannten Namen ist der Einfluss von Eliade und dem Cercle Eranos zu spüren – , bedeutende Germanisten wie Gisbert Kranz, der eine bemerkenswerte Analyse der alten angelsächsischen Dichtung vorlegt, und der Philosoph Hugo Fischer, der jeden aufmerksamen Leser von Ernst Jünger zu den Figuren des Nigromontanus und Schwarzenberg inspiriert hat; Der Okzitaner René Nelli und seine Katharer sind der Neugier von Jünger und Eliade nicht entgangen.
Antaios – Zeitschrift für eine freie Welt
PHILITT: Das Thema des Heiligen und des Verlusts der Spiritualität in der modernen Welt zieht sich durch das Werk beider Männer. Wie beeinflusst es sich gegenseitig?
Isabelle Grazioli-Rozet: Zum Zeitpunkt ihrer tatsächlichen Begegnungen waren ihre nationalistischen Forderungen und elitären Positionen abgeklungen; ihre Geisteshaltung war empfänglicher für eine universelle Dimension des menschlichen Wesens geworden. Bereits in den frühen 1930er Jahren erkannte Ernst Jünger die transformierende Kraft des Leidens auf den Menschen und widmete ihm einen kurzen Aufsatz, der in der Sammlung Des Feuilles et des Pierres/ Blätter und Steine erschien. Jünger und Eliade waren in der Lage, die Anzeichen des existenziellen Unwohlseins ihrer Generationen wie Seismographen aufzuzeichnen und zu analysieren. Essays wie Der Waldgang, den Jünger 1951 veröffentlichte, Romane oder philosophische Erzählungen wie Die gläsernen Bienen (1957) berichten vom Schrecken der modernen Welt.
Nach den Jahrzehnten der europäischen Bürgerkriege wurde den beiden Begründern klar, dass der Mensch, wenn er nicht mehr religiös ist, mit dem konfrontiert ist, was Eliade in einem Interview mit Claude Roquet, das 1978 in L’Épreuve du labyrinthe veröffentlicht wurde, den „Terror“ der Geschichte nannte und definierte: „[…] ein Mensch, der daher keine Hoffnung hat, einen letzten Sinn im historischen Drama zu finden, und der die Schläge der Geschichte ertragen muss, ohne ihren Sinn zu verstehen. Denn wie kann man der historischen Bewegung entkommen, wie kann man sich mit ihren schrecklichen Folgen trösten, wenn die Mystik, die Religion ohne Götter und die Philosophie ohne Ideen ist? Am Ende wird der Mensch sich selbst fremd. So lädt Jünger, ähnlich wie Eliade, seine Leser in seinen Essays und Romanen dazu ein, darüber nachzudenken, dass der Mensch die Geschichte, die er geschaffen hat, nicht ertragen kann.
Der in das hinduistische Denken eingeweihte Akademiker und der Autor, der sich in den Schützengräben von 1914 den Urgewalten – Angst, Tod, erotische Impulse, Feuer – gestellt und die moralische Einsamkeit des Zweiten Weltkriegs erlitten hatte, wollten auf eine seelische Erneuerung hinwirken, ihre Zeitgenossen heilen, sie befähigen, die Belastungen der Geschichte zu ertragen. Das gemeinsame Projekt markiert ihren Willen, in der Geschichte zu handeln, in Gesellschaften, in denen Spiritualität für sie zunehmend keinen Platz mehr hatte. Die Veröffentlichung von Antaios wurde zu einem erklärten Akt metaphysischen Trotzes, zu einem geistigen Kampf gegen die Qualen einer modernen, amnesischen und wurzellosen Welt. Sehen wir es als eine Reaktion auf den Kult des abstrakten Denkens, wie er vor mehr als einem Jahrhundert verehrt wurde. Ihre Waffen waren die beschwörende Kraft des Wortes und ihr Wissen über die traditionelle Welt.
Was sie verband, war ihr Verständnis von mythischen Mustern und die Bedeutung, die sie ihnen beimaßen. „Der Mythos“, sagt Ernst Jünger in „Die Abhandlung des Rebellen“, „ist keine Vorgeschichte, sondern eine zeitlose Wirklichkeit, die sich in der Geschichte wiederholt.“ Der Mythos, der unverrückbare Kern, dessen Substanz durch die Zeit nicht verwelkt, ist das Fundament der Geschichte, weil er es dem Menschen ermöglicht, das zeitliche Triptychon von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in seiner Gesamtheit zu verstehen. Sie ist der Grundpfeiler in unserem Leben als Menschen, der für Gleichgewicht sorgt und es uns ermöglicht, Zeit, Ewigkeit und Freiheit zu verstehen. Und wir verstehen den Sinn ihres Projekts besser: Der Mythos und seine Exemplarität, die archetypischen Figuren, denen die Leser in ihren Romanen oder Essays begegnen, geben Antworten auf die Fragen, die sie vielleicht stellen.
PHILITT: Warum wurde die Publikation 1971 eingestellt? Sollte die Zeitschrift 1992 neu aufgelegt werden?
Isabelle Grazioli-Rozet: Das Abenteuer Antaios dauerte etwa zehn Jahre, von Mai 1959 bis März 1971. Die uns zur Verfügung stehenden Zahlen wurden damals vom Klett-Verlag mitgeteilt, der bereits Jüngers Bücher verlegt und die Redaktion der Zeitschrift übernommen hatte. Die vierteljährliche Auflage der Hefte, die etwa 100 Seiten umfasste, betrug in den ersten Jahren 3.000 Exemplare und sank am Ende auf 1.200 Exemplare, eine Zahl, die deutlich zeigt, dass die Zeitschrift finanziell nicht mehr tragfähig war. Dafür gab es viele Gründe. Ende der sechziger Jahre verblasste in Westeuropa die Erinnerung an das jüngste Leid oder starb ab; die heranwachsende Generation verfolgte andere Ziele und führte einen Lebensstil, der sich von dem ihrer Eltern maßgeblich unterschied. Die Jahre 1967-68 markierten den Aufstand einer wohlhabenden studentischen Jugend, die meinte, von der Geschichte scheinbar verschont geblieben zu sein, eine Ära wissenschaftlicher und technischer Revolutionen… Eine Welt, die genauso gefährlich war wie die vorherige – aber diese Generationen waren nicht mehr bereit, den Erzählungen ihrer Väter zuzuhören.
Als Antaios 1992 als Zeitschrift neu aufgelegt wurde, trug sie den Namen Revue d’Études Polythéistes und erschien zweimal im Jahr in der gleichen Weise wie bei der Erstveröffentlichung. Man kann von einer Weitergabe der Fackel sprechen, da ihr Leiter, Christopher Gérard, ein Kenner des griechischen Denkens, Ernst Jünger vor seiner Initiative gewarnt hatte, und die Erwähnung dieser Neuerung in Jüngers Tagebüchern erscheint. Die Zeitschrift, die von Brüssel aus geleitet wurde, verwendet Französisch. Diese zweite Auflage bedeutete eine Erneuerung der Namen der Mitwirkenden, aber der Wille war dennoch mehr oder weniger derselbe: Es ging darum, wie die Verwendung des Begriffs „polytheistisch“ zeigt, anzuerkennen, dass Symbole und antike Mythen im Alltag präsent sind und eine Kraft haben. Sehr schöne Artikel verschiedener Autoren, die über Interviews mit Persönlichkeiten der literarischen Welt berichten, sich mit Mythen, archaischen Religionen, Kunst befassen, die Sonne von Delphi, von Benares wiederbeleben, vielleicht um Julian den Philosophen besser zu erleuchten, andere Artikel heben manchmal Gedichte hervor, die einem kultivierten, aber französischsprachigen Publikum unbekannt sind, ich denke da zum Beispiel an Theodor Körners „Wilde Jagd“… Natürlich können wir immer noch die erneute Einstellung von Antaios bedauern, die nicht von der logistischen Unterstützung eines Verlags wie Klett profitiert hat. Christopher Gérard, der die Zeitschrift leitete, Artikel und Rezensionen schrieb, sollte aber früher oder später – mit Zuversicht – andere Formen der Reflexion und des Ausdrucks erkunden.
PHILITT: Glauben Sie, dass eine Wiederauferstehung der Zeitschrift eines Tages möglich ist?
Isabelle Grazioli-Rozet: Der Bedarf ist immens. Wie könnte man da nicht an eine zwar schon alte, aber immer noch sehr aktuelle Feststellung Ernst Jüngers denken, die 1938 in Blätter und Steine (Hamburg, 1938) erschien: „Auf den verlassenen Altären wohnen die Dämonen„. Einige dieser Dämonen sind uns bekannt, aber die Situation hat sich noch verschlimmert, da unsere Schulen in ihrer Gesamtheit ihren Bildungsauftrag nicht mehr erfüllen und geistig entwaffnete Generationen hervorbringen, die des Wissens und der Möglichkeit beraubt sind, ein logisches System aufzubauen, Menschen, die verletzlich und leichtgläubig sind und keinen Zugang mehr zu der von Eliade und Jünger verteidigten inneren Freiheit haben. Ein homo oeconomicus, konsumorientiert und in der Tat in seiner menschlichen Dimension reduziert, dem jedes höhere Streben verboten zu sein scheint. Der Rahmen unseres Interviews erlaubt es uns nicht, eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Realität zu erstellen. Wenn ein Volk nicht von den Erträgen seiner Vergangenheit leben kann, kann es sich auch keine Zukunft vorstellen und keine neuen Ziele schaffen, wenn es das künstlerische, handwerkliche und symbolische Erbe nicht kennt, das ihm von früheren Generationen hinterlassen wurde und aus dem es hervorgegangen ist. Antaios wird sich erholen, weil einige Menschen, „Erwecker“, wie Ernst Jünger sagen würde, Wissen, freudige Neugier und Glauben an die kommenden Generationen weitergeben werden. Unabhängig davon, ob das Projekt überarbeitet wird, ob es neue Technologien nutzt, um im modernen Web präsent zu sein, wird es immer noch den Willen markieren, das Bewusstsein des Menschen durch den Mythos und die schönen Künste wieder ins Gleichgewicht zu bringen, kurz, die Welt durch den Geist zu beherrschen.
Dieses Interview mit Isabelle Grazioli-Rozet wurde in französischer Sprache zuerst veröffentlicht auf der Internetseite von Philitt:
Der Weg der Rußlanddeutschen von einer ethnischen Gruppierung zu einer nationalen Minderheit
Eine wichtige Grundfrage bei der Einwanderung von Angehörigen einer bestimmten ethnischen Gemeinschaft in das Gebiet eines anderen Ethnos ist die, ob die Einwanderer von dem dominierenden Ethnos assimiliert werden, oder ob es ihnen gelingt, sich nach Annahme der neuen Staatsbürgerschaft als nationale Minderheit zu etablieren. Diese Frage hat gegenwärtig insbesondere im Hinblick auf die immer wieder erhobene Forderung nach einer doppelten Staatsbürgerschaft für Einwanderergruppen an Relevanz gewonnen. Der historische Vergleich kann hier wesentliche Denkanstöße vermitteln und schließlich Klarheit auf diesem hoch sensiblem politischen Problemfeld schaffen.
Im Zusammenhang mit der Ansiedlung von Deutschen in Rußland, die nach 1871 in das Spannungsfeld von Autonomiebestrebungen und Russifizierung gerieten, drängt sich diese Frage förmlich auf. Vorab soll schon verraten werden, daß es hier bis zum Ende des Ersten Weltkrieges nicht zu einer vollständigen Integration in die russische Gesellschaft und schon gar nicht zu einer anschließenden Assimilation durch das russische Ethnos gekommen ist.
Aber warum war das so? Schließlich hatten sich im 19. Jh. die deutschen Einwanderer in Amerika auch zum größten Teil schon nach wenigen Generationen assimiliert. Die Hugenotten in Deutschland benötigten ebenfalls nur wenige Generationen, um ein fester Bestandteil des deutschen Volkes zu werden.
Ausschlaggebend für das Gelingen ethnischer Integrations- und Assimilationsprozesse sind offenbar ganz bestimmte Bedingungen und Faktoren, die derartige Prozesse beschleunigen, verlangsamen oder gar verhindern. Dazu gehört zunächst Siedlungsform der Einwanderer, d. h. die Art und Weise, wie die Ansiedlung organisiert wird.
Antimoderne Appelle – Gedichtband von Björn Clemens erschienen
“Was tun?“ sprach Zeus, bekanntlich zu dem Poeten, “die Welt ist weggegeben, der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein. Willst du in meinem Himmel mit mir leben, So oft du kommst, er soll dir offen sein.“ (1)
Wir wissen seitdem: Das banale Diesseits ist die Welt des Künstlers nicht. „Ich stehe mit beiden Beinen auf der Erde“, soll der Modeschöpfer Karl Lagerfeld gesagt haben, „aber nicht auf dieser!“ Solange er das modische Bedürfnis der Damenwelt stillte, verlangte das auch niemand von ihm. Man mißt auch Poeten nicht an ihrer realistischen Bodenhaftung. Wer Poesie liest, möchte selbst geistige Höhenflüge erleben, der schnöden Welt für einen Augenblick „Ade!“ sagen und sich entführen lassen.
Dichtende Juristen gab es schon viele, an ihrer Spitze Theodor Storm. Man mag schließlich nicht „mit finsterem Amtsgesicht“ immer nur „Relationen schreiben.“(2) Auch der Düsseldorfer Rechtsanwalt Björn Clemens mochte das nicht. Man kann nicht immer nur Bürostaub atmen. Darum möchte er die Blicke auf Höheres richten:
Wendet die Blicke zur leuchtenden Sonne Vom Tale zum Berge zum Hohen empor Ihnen erwachet im Hades kein Morgen Da Euch zur Verheißung das Schicksal erkor.
Björn Clemens, Triage, Licht aus Schatten, 2021, ISBN 978-3-949653-00-1 (3)
Babysitter Bundeswehr – humanitaristischer Interventionismus und überbordende Gesinnungsethik
Die Bundeswehr wird mit allerlei Wunderlichkeiten traktiert: Erhöhung des Frauenanteils, Berücksichtigung von LBQT-Belangen, schwangerengerechte Uniformen und Einstiegsluken, Diversity-Schulungen usw., während die Elitetruppen mit Mißtrauen beäugt werden und das veraltete technische Gerät verkommt. Mit einem Wort: in das Militär soll das progressive Dispositiv der Zivilgesellschaft injiziert werden. Was ist der geistige Hintergrund dieser angestrebten Transformation?
Carl Spitzweg, Der strickende Wachtposten (1855)
Dieser geistige Hintergrund besteht im Wesentlichen aus zwei Faktoren.
Erstens: Es wird angenommen, daß alle gesellschaftlichen Subsysteme prinzipiell gleichartig sind, weshalb auch auf alle ein einheitliches Verhaltens- und Werteschema angewandt werden kann. Deshalb wird auch unterstellt, daß Verhaltens- und Werteschemata, die sich in einigen Subsystem bewährt oder immerhin als durchsetzungsfähig erwiesen haben, ohne weiteres auf andere Subsysteme übertragen werden können. Gedankliche Konstruktionen, zumindest wenn sie auf eine politikförmige praktische Umsetzung abzielen und daher ideologisch konnotiert sind, sind niemals nur rein theoretische Aussagen, die sich selbstreferentiell auf theorieimmanente Diskurszusammenhänge beziehen, sondern immer auch Ausdruck eines Machtwillens. Für die Linke ist das Militär immer die Verkörperung eines ihm feindlichen Prinzips gewesen. Durch sein – im Vergleich zur Polizei deutlich gesteigertes – effektives Gewaltmonopol ist es ein potentieller Machtfaktor sui generis, der sich grundsätzlich von Mechanismen des politischen Betriebs unterscheidet und daher unberechenbar ist. Jeder Uniformierte erweckt in einem Linken eine mythische Furcht, die sich in Bildern aufmarschierender Freikorps oder des Bombardements von Pinochets Präsidentenpalast konkretisiert. Auch wenn die von Anfang an zivilgesellschaftlich gezähmte Bundeswehr („Bürger in Uniform“) als der Notwendigkeit geschuldete Armee wider Willen keinen Anlaß für derartige Befürchtungen bietet, ist sie dennoch allein aufgrund ihrer substantiellen Funktion als eben Armee für die Linke eine fremde Gegenwelt. In ihr dominieren, wie in jeder Armee, der Linken völlig inkompatible Gegenwerte: Disziplin, Härte, Hierarchie, Männlichkeit, Opferbereitschaft, Patriotismus, Tradition. Je weiter sich die tonangebende Mainstream-Linke von der ursprünglich auch auf seiten des Sozialismus vorhandenen Kampfgesinnung, die im Rahmen realer Klassenkämpfe unumgänglich war, entfernt und sich kontinuierlich noch mehr pazifiziert und feminisiert, desto fremder und archaischer erscheint ihr das Militär, das trotz aller Einhegung zur Erfüllung ihres Zwecks ein Mindestmaß an soldatischem Ethos bewahren muß. Um diese suspekte, widerständige Materie in den Griff zu bekommen, soll die spezifische militärische Mentalität beseitigt werden, indem die aus dieser Mentalität erwachsenden Praktiken durch zivilgesellschaftliche ersetzt werden. Durch das Eingewöhnen an Babysitten in der Kaserne soll dort ein weiblich-familiärer Geist Einzug halten. Die vollkommene Herrschaft über die Gesellschaft ist erst erreicht, wenn das Herrschaftsprinzip der Herrschenden sich auf alle gesellschaftlichen Subsysteme ausgedehnt hat. Nachdem Bastionen des Agonalen in Wirtschaft und Sport relativ widerstandslos geschliffen und weichgespült wurden, kann vermutet werden, daß dies auch beim Militär funktioniert. Man mag einwenden, daß Diversity-, Antirassismus- und Ökobekenntnisse sowie lockere Umgangsformen in Wirtschaft und Sport nur oberflächliche Manifestationen von Symbolpolitik seien, während darunter weiterhin der Wettkampf ausgetragen wird. Dieses Argument verkennt die Wirksamkeit von Symbolpolitik, traut ihr zu wenig zu. Durch die Omnipräsenz der Medien werden massenhaft und kontinuierlich als vorbildhaft dargestellte Verhaltensweisen und Werte zur Identifikation angeboten und mangels Alternative schließlich als Standard durchgesetzt. Darum hat Symbolpolitik eine viel größere reale Wirkung als vor Beginn des Medienzeitalters. Darüber hinaus darf Symbolpolitik nicht als Notbehelf, nicht als Ersatz für „eigentliche“ Politik betrachtet werden. Sie ist vielmehr genau das, was intendiert ist. Im Gegensatz zur klassischen Linken will die heutige gar nicht mehr die der gesellschaftlichen Wirklichkeit zugrundeliegenden Produktionsverhältnisse umstürzen, die Besitzenden enteignen und das Wettbewerbsprinzip abschaffen. Sie hat gelernt, daß Wettbewerb nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Sport zur Ruhigstellung der Massen qua panem et circenses unverzichtbar ist. Sie will die Herrschaft über die Köpfe, auf die Herrschaft über die Maschinen kann sie getrost verzichten. Dieses Ziel hat sie erreicht, wenn es ihr gelingt, die Menschen dazu zu veranlassen, freiwillig die symbolpolitisch präsentierten Geßlerhüte zu grüßen.
Zweitens: ebensowenig wie die heutige Linke beabsichtigt, die Unternehmen zu verstaatlichen, will sie die Bundeswehr abschaffen. Sie wird nämlich als Instrument des humanitaristischen Interventionismus gebraucht. Dazu genügt an sich eine moralisch und technisch auf Minimalmaß zurückgestutzte Schwundarmee ohne nennenswerte Kampfkraft. Da man aber auch Bündnisverpflichtungen nachkommen und hinsichtlich der Akzeptanz im „bürgerlichen“ Milieu auf allzu radikale Maßnahmen verzichten muß, soll die Bundeswehr in ihrem nominellen Bestand erhalten bleiben. Angesichts der sich seit den 90er Jahren häufenden Einsätze der Bundeswehr kann nicht ausgeschlossen werden, daß sie eines Tages in ernsthafte kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt wird. Wie stehen da ihre Chancen? Generell ist, wie die jüngsten Erfahrungen hinsichtlich Corona und der Flutkatastrophe zeigen, die Krisenbewältigungsfähigkeit staatlicher Stellen schwach ausgeprägt. Zwischen Ignorieren und Überreagieren schwankend, wird stets zielstrebig das Effizienz garantierende, richtige Maß verfehlt. Diese Inkompetenz wird häufig einem Denken zugeschrieben, das nicht auf den Ernstfall ausgerichtet ist. Das Nichtbedenken des Ernstfalls ist aber selbst nur Teil und Ausdruck eines größeren, tieferliegenden Syndroms.
Eine moralisch und technisch auf Minimalmaß zurückgestutzte Schwundarmee ohne nennenswerte Kampfkraft: Die sieben Schwaben, Paul Hey
Auch innerhalb dieses Syndroms spielt die Symbolpolitik eine entscheidende und diesmal sogar unmittelbar verhängnisvolle Rolle. Man meint, das Militär verweichlichen, Polizisten als Bullenpack schmähen, die Nation verunglimpfen, auf Investitionen in Bildung, Forschung und Verkehrsinfrastruktur verzichten und die Mittelschicht steuerlich schröpfen zu können, ohne daß dies Folgen nach sich ziehen könnte. So zu handeln, bedeutet, ein übles Doppelspiel zu betreiben. Man rechnet ganz selbstverständlich damit, daß all diese drangsalierten und vernachlässigten Institutionen und Akteure trotz allem weiterhin klaglos und ohne Einbuße ihre Funktion verrichten. Der Anschein ihres bloßen Vorhandenseins genügt, um sich ihrer Tauglichkeit gewiß zu sein. Zugleich aber heimst man durch das symbolpolitische Ausagieren linker Rhetorik den Beifall des eigenen Milieus ein. Mit der Wende vom klassischen Marxismus zum heutigen, sogenannten „Kulturmarxismus“ hat die Linke den Blick auf die materielle Basis verloren. Da sie primär an der Herrschaft über die Köpfe interessiert ist und vor allem im „Überbau“, konkret beruflich im tertiären Sektor, zu Hause ist, verwechselt sie ihr eigenes Habitat mit der Gesamtheit der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Wenn etwas im symbolpolitisch ansprechbaren Feld der Diskurse, Mentalitäten und Werte geregelt ist, dann gilt die Sache für erledigt. Um die Voraussetzungen und Folgen auf der Ebene des Materiellen kümmert man sich nicht weiter. Das läuft schon von alleine irgendwie, so lautet der Glaubenssatz. Ein schönes Wort zählt mehr als die nützliche Tat. Auf diesem gedanklichen Boden gedeiht im Übrigen auch die überbordende Gesinnungsethik, deren heutige Anhänger, die jeder wirklichen ethischen Entscheidung innewohnende Problematik dadurch ausweichen, weil sie vermeinen, daß ihre Entscheidungen ohne ernsthafte Folgen bleiben werden. Der Grund dieser Folgenvergessenheit liegt in der Fortdauer einer infantilen Welthaltung. Fehlhandeln eines Kindes wird immer von den Eltern korrigiert. Kinder können sich darauf verlassen, daß alles so da ist, wie es da sein sollte, weil dieses So-Da-Sein-Sollende von den Eltern bereitgestellt wird. Diese infantile Erwartungshaltung wird von den Subjekten des maßgeblichen juste milieus im späteren Lebenslauf auch nicht nachhaltig falsifiziert, weil sie in falsifizierungsresistenten Berufen beschäftigt sind. Eine schlecht recherchierte Reportage, eine falsche Gedichtinterpretation, ein fehlerhafter Aktenvermerk haben – im Gegensatz zu einer falschen ärztlichen Diagnose oder einem schludrig ausgefrästen Werkstück – keine unmittelbar negativen Konsequenzen, da diese nicht unmittelbar in den Bestand der materiellen Wirklichkeit eingreifen. Die Verläßlichkeit der Konsequenzentlastung in der eigenen Lebenswelt verleitetet zu der habitualisierten Annahme, daß dies generell der Fall sei. Darum denken auch Politiker nach Aufdeckung einer von ihnen verschuldeten groben Fehlleistung nicht mehr an Rücktritt, weil sie gar nicht auf den Gedanken kommen, für die Folgen ihrer Handlungen Verantwortung übernehmen zu müssen. Durch die mittlerweile allgemein akzeptierte Verfestigung dieser Einstellung eines Vertrauens auf Konsequenzentlastung wird diese rekursiv verstärkt. Für das tonangebende Milieu ist die materielle Welt nur dazu da, um sich auf der Ebene der Diskurse zu spiegeln, wo sie in schönen Worten und schönen Plänen beliebig geformt werden kann. Wenn die Worte und Pläne aber den Ideenhimmel verlassen und zur Erde zurückkehren, verwandeln sie sich aber in Taten, die Konsequenzen. Das freilich interessiert nicht mehr, weil die Welt der niederen Materie nicht die Welt von Menschen ist, welche die Macht haben, so tun zu können, als habe sie nichts mit dieser zu tun.
Dr. Winfried Knörzer
Dr. Winfried Knörzer
Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.
A. Paul Weber – Leben und Werk eines grünen nationalrevolutionären Künstlers
Zeitschriftenkritik: Weber Kurier der A. Paul Weber-Gesellschaft e.V.
Die im Oktober 1974 gegründete A. Paul Weber-Gesellschaft e.V. sieht es als ihre Aufgabe an, das künstlerische Lebenswerk des Malers und Graphikers für die Nachwelt zu erhalten, der Allgemeinheit näher zu bringen und die wissenschaftliche Forschung darüber zu fördern. Dreimal jährlich gibt sie für Ihre 600 Mitglieder und für Freunde das sechsseitige aktuelle Nachrichtenblatt „Weber Kurier“ heraus, das über Veranstaltungen, Ausstellungen, Vorträge und Treffen informiert. Andreas Paul Weber entwarf nicht nur das Signet der Gesellschaft, das auch das Nachrichtenblatt schmückt, sondern nahm in seinen letzten Lebensjahren regelmäßig an den Treffen im Frühjahr in Ratzeburg teil. Zu den weiteren Zielen der Gesellschaft zählen zudem auch die Förderung des in Ratzeburg auf der Dominsel geschaffenen A. Paul Weber Museums, des Weber-Archivs, Sammlungen seiner Werke, Illustrationen, Büchern, Zeitschriften, biographischem und kunsthistorischem Schriftgut und Erinnerungsstücken. So werden die Bestände des Archivs durch Ankauf zahlreicher Originale und Dokumente ständig erweitert. Durch Vorträge, Forschungsaufträge, Ausstellungen und die Herausgabe einer Schriftenreihe kam auch die wissenschaftliche Forschung in Gang.
Andreas Paul Weber wurde am 1. November 1893 als Sohn eines Eisenbahnassistenten im thüringischen Arnstadt geboren. Zwischen 1908 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 war er Mitglied der Wandervogel-Bewegung, die als Reaktion auf die desolaten und ungesunden Lebensverhältnisse vieler junger Menschen in Metropolen wie beispielsweise Berlin entstanden war. Bei ihren Wanderungen und Zeltlagern in ganz Deutschland suchten sie eine naturgemäße Lebensweise und natürlich auch einen neuen Lebensstil. Dies weckte auch Webers Vaterlandsliebe und Naturverbundenheit. Im Krieg wurde er dann als Eisenbahnpionier an der Ostfront eingesetzt und arbeitet ab 1916 als Zeichner und Karikaturist für die „Zeitung der 10.Armee“.
Die Konservative Revolution – Abschied vom Absoluten
Ist „konservative Revolution“ eine Option?
Seit Jahren flüstert man auf der politischen Rechten „konservative Revolution“. Jene rechtsintellektuelle Strömung entstand vor etwa hundert Jahren und war vor allem eines: eine Idee von Intellektuellen.
Zwar versprühten ihre Schöpfer jahrelang funkelnde Geistesblitze. Schließlich gehörten zu ihnen zeitweilig überragende Köpfe wie Ernst Jünger und Ernst Niekisch. Für eine Massenbewegung taugten deren Ideen aber nicht. Auf der Straße marschierte bald die Masse, und die ist bekanntlich zu geistigen Höhenflügen nicht imstande. Das verdankt sie nicht zuletzt den schweren Stiefeln an den Füßen, die schließlich in Deutschlands Straßen marschierten, während namhafte Rechtsintellektuelle sich vorsichtshalber aus der Schußlinie begaben.
Dennoch haben die Protagonisten der konservativen Revolution (KR) die Gedankenwelt bleibend befruchtet. Für ein praktisch brauchbares politisches Konzept taugt die KR heute so wenig wie damals. Zu fern steht sie der Auffassungsgabe und den tatsächlichen Bedürfnissen der Masse. Aber wurde diese Masse nicht immer von geistigen Eliten bewegt? Können wir heute etwas von ihren Geistesfrüchten nutzen?