Babysitter Bundeswehr – humanitaristischer Interventionismus und überbordende Gesinnungs-ethik

von Dr. Winfried Knörzer

Babysitter Bundeswehr – humanitaristischer Interventionismus und überbordende Gesinnungsethik

Die Bundeswehr wird mit allerlei Wunderlichkeiten traktiert: Erhöhung des Frauenanteils, Berücksichtigung von LBQT-Belangen, schwangerengerechte Uniformen und Einstiegsluken, Diversity-Schulungen usw., während die Elitetruppen mit Mißtrauen beäugt werden und das veraltete technische Gerät verkommt. Mit einem Wort: in das Militär soll das progressive Dispositiv der Zivilgesellschaft injiziert werden. Was ist der geistige Hintergrund dieser angestrebten Transformation?

Carl Spitzweg, Der strickende Wachtposten (1855)

Dieser geistige Hintergrund besteht im Wesentlichen aus zwei Faktoren.

Erstens: Es wird angenommen, daß alle gesellschaftlichen Subsysteme prinzipiell gleichartig sind, weshalb auch auf alle ein einheitliches Verhaltens- und Werteschema angewandt werden kann. Deshalb wird auch unterstellt, daß Verhaltens- und Werteschemata, die sich in einigen Subsystem bewährt oder immerhin als durchsetzungsfähig erwiesen haben, ohne weiteres auf andere Subsysteme übertragen werden können. Gedankliche Konstruktionen, zumindest wenn sie auf eine politikförmige praktische Umsetzung abzielen und daher ideologisch konnotiert sind, sind niemals nur rein theoretische Aussagen, die sich selbstreferentiell auf theorieimmanente Diskurszusammenhänge beziehen, sondern immer auch Ausdruck eines Machtwillens. Für die Linke ist das Militär immer die Verkörperung eines ihm feindlichen Prinzips gewesen. Durch sein – im Vergleich zur Polizei deutlich gesteigertes – effektives Gewaltmonopol ist es ein potentieller Machtfaktor sui generis, der sich grundsätzlich von Mechanismen des politischen Betriebs unterscheidet und daher unberechenbar ist. Jeder Uniformierte erweckt in einem Linken eine mythische Furcht, die sich in Bildern aufmarschierender Freikorps oder des Bombardements von Pinochets Präsidentenpalast konkretisiert. Auch wenn die von Anfang an zivilgesellschaftlich gezähmte Bundeswehr („Bürger in Uniform“) als der Notwendigkeit geschuldete Armee wider Willen keinen Anlaß für derartige Befürchtungen bietet, ist sie dennoch allein aufgrund ihrer substantiellen Funktion als eben Armee für die Linke eine fremde Gegenwelt. In ihr dominieren, wie in jeder Armee, der Linken völlig inkompatible Gegenwerte: Disziplin, Härte, Hierarchie, Männlichkeit, Opferbereitschaft, Patriotismus, Tradition. Je weiter sich die tonangebende Mainstream-Linke von der ursprünglich auch auf seiten des Sozialismus vorhandenen Kampfgesinnung, die im Rahmen realer Klassenkämpfe unumgänglich war, entfernt und sich kontinuierlich noch mehr pazifiziert und feminisiert, desto fremder und archaischer erscheint ihr das Militär, das trotz aller Einhegung zur Erfüllung ihres Zwecks ein Mindestmaß an soldatischem Ethos bewahren muß. Um diese suspekte, widerständige Materie in den Griff zu bekommen, soll die spezifische militärische Mentalität beseitigt werden, indem die aus dieser Mentalität erwachsenden Praktiken durch zivilgesellschaftliche ersetzt werden. Durch das Eingewöhnen an Babysitten in der Kaserne soll dort ein weiblich-familiärer Geist Einzug halten. Die vollkommene Herrschaft über die Gesellschaft ist erst erreicht, wenn das Herrschaftsprinzip der Herrschenden sich auf alle gesellschaftlichen Subsysteme ausgedehnt hat. Nachdem Bastionen des Agonalen in Wirtschaft und Sport relativ widerstandslos geschliffen und weichgespült wurden, kann vermutet werden, daß dies auch beim Militär funktioniert. Man mag einwenden, daß Diversity-, Antirassismus- und Ökobekenntnisse sowie lockere Umgangsformen in Wirtschaft und Sport nur oberflächliche Manifestationen von Symbolpolitik seien, während darunter weiterhin der Wettkampf ausgetragen wird. Dieses Argument verkennt die Wirksamkeit von Symbolpolitik, traut ihr zu wenig zu. Durch die Omnipräsenz der Medien werden massenhaft und kontinuierlich als vorbildhaft dargestellte Verhaltensweisen und Werte zur Identifikation angeboten und mangels Alternative schließlich als Standard durchgesetzt. Darum hat Symbolpolitik eine viel größere reale Wirkung als vor Beginn des Medienzeitalters. Darüber hinaus darf Symbolpolitik nicht als Notbehelf, nicht als Ersatz für „eigentliche“ Politik betrachtet werden. Sie ist vielmehr genau das, was intendiert ist. Im Gegensatz zur klassischen Linken will die heutige gar nicht mehr die der gesellschaftlichen Wirklichkeit zugrundeliegenden Produktionsverhältnisse umstürzen, die Besitzenden enteignen und das Wettbewerbsprinzip abschaffen. Sie hat gelernt, daß Wettbewerb nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Sport zur Ruhigstellung der Massen qua panem et circenses unverzichtbar ist. Sie will die Herrschaft über die Köpfe, auf die Herrschaft über die Maschinen kann sie getrost verzichten. Dieses Ziel hat sie erreicht, wenn es ihr gelingt, die Menschen dazu zu veranlassen, freiwillig die symbolpolitisch präsentierten Geßlerhüte zu grüßen.

Zweitens: ebensowenig wie die heutige Linke beabsichtigt, die Unternehmen zu verstaatlichen, will sie die Bundeswehr abschaffen. Sie wird nämlich als Instrument des humanitaristischen Interventionismus gebraucht. Dazu genügt an sich eine moralisch und technisch auf Minimalmaß zurückgestutzte Schwundarmee ohne nennenswerte Kampfkraft. Da man aber auch Bündnisverpflichtungen nachkommen und hinsichtlich der Akzeptanz im „bürgerlichen“ Milieu auf allzu radikale Maßnahmen verzichten muß, soll die Bundeswehr in ihrem nominellen Bestand erhalten bleiben. Angesichts der sich seit den 90er Jahren häufenden Einsätze der Bundeswehr kann nicht ausgeschlossen werden, daß sie eines Tages in ernsthafte kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt wird. Wie stehen da ihre Chancen? Generell ist, wie die jüngsten Erfahrungen hinsichtlich Corona und der Flutkatastrophe zeigen, die Krisenbewältigungsfähigkeit staatlicher Stellen schwach ausgeprägt. Zwischen Ignorieren und Überreagieren schwankend, wird stets zielstrebig das Effizienz garantierende, richtige Maß verfehlt. Diese Inkompetenz wird häufig einem Denken zugeschrieben, das nicht auf den Ernstfall ausgerichtet ist. Das Nichtbedenken des Ernstfalls ist aber selbst nur Teil und Ausdruck eines größeren, tieferliegenden Syndroms.

Eine moralisch und technisch auf Minimalmaß zurückgestutzte Schwundarmee ohne nennenswerte Kampfkraft: Die sieben Schwaben, Paul Hey

Auch innerhalb dieses Syndroms spielt die Symbolpolitik eine entscheidende und diesmal sogar unmittelbar verhängnisvolle Rolle. Man meint, das Militär verweichlichen, Polizisten als Bullenpack schmähen, die Nation verunglimpfen, auf Investitionen in Bildung, Forschung und Verkehrsinfrastruktur verzichten und die Mittelschicht steuerlich schröpfen zu können, ohne daß dies Folgen nach sich ziehen könnte. So zu handeln, bedeutet, ein übles Doppelspiel zu betreiben. Man rechnet ganz selbstverständlich damit, daß all diese drangsalierten und vernachlässigten Institutionen und Akteure trotz allem weiterhin klaglos und ohne Einbuße ihre Funktion verrichten. Der Anschein ihres bloßen Vorhandenseins genügt, um sich ihrer Tauglichkeit gewiß zu sein. Zugleich aber heimst man durch das symbolpolitische Ausagieren linker Rhetorik den Beifall des eigenen Milieus ein. Mit der Wende vom klassischen Marxismus zum heutigen, sogenannten „Kulturmarxismus“ hat die Linke den Blick auf die materielle Basis verloren. Da sie primär an der Herrschaft über die Köpfe interessiert ist und vor allem im „Überbau“, konkret beruflich im tertiären Sektor, zu Hause ist, verwechselt sie ihr eigenes Habitat mit der Gesamtheit der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Wenn etwas im symbolpolitisch ansprechbaren Feld der Diskurse, Mentalitäten und Werte geregelt ist, dann gilt die Sache für erledigt. Um die Voraussetzungen und Folgen auf der Ebene des Materiellen kümmert man sich nicht weiter. Das läuft schon von alleine irgendwie, so lautet der Glaubenssatz. Ein schönes Wort zählt mehr als die nützliche Tat. Auf diesem gedanklichen Boden gedeiht im Übrigen auch die überbordende Gesinnungsethik, deren heutige Anhänger, die jeder wirklichen ethischen Entscheidung innewohnende Problematik dadurch ausweichen, weil sie vermeinen, daß ihre Entscheidungen ohne ernsthafte Folgen bleiben werden. Der Grund dieser Folgenvergessenheit liegt in der Fortdauer einer infantilen Welthaltung. Fehlhandeln eines Kindes wird immer von den Eltern korrigiert. Kinder können sich darauf verlassen, daß alles so da ist, wie es da sein sollte, weil dieses So-Da-Sein-Sollende von den Eltern bereitgestellt wird. Diese infantile Erwartungshaltung wird von den Subjekten des maßgeblichen juste milieus im späteren Lebenslauf auch nicht nachhaltig falsifiziert, weil sie in falsifizierungsresistenten Berufen beschäftigt sind. Eine schlecht recherchierte Reportage, eine falsche Gedichtinterpretation, ein fehlerhafter Aktenvermerk haben – im Gegensatz zu einer falschen ärztlichen Diagnose oder einem schludrig ausgefrästen Werkstück – keine unmittelbar negativen Konsequenzen, da diese nicht unmittelbar in den Bestand der materiellen Wirklichkeit eingreifen. Die Verläßlichkeit der Konsequenzentlastung in der eigenen Lebenswelt verleitetet zu der habitualisierten Annahme, daß dies generell der Fall sei. Darum denken auch Politiker nach Aufdeckung einer von ihnen verschuldeten groben Fehlleistung nicht mehr an Rücktritt, weil sie gar nicht auf den Gedanken kommen, für die Folgen ihrer Handlungen Verantwortung übernehmen zu müssen. Durch die mittlerweile allgemein akzeptierte Verfestigung dieser Einstellung eines Vertrauens auf Konsequenzentlastung wird diese rekursiv verstärkt. Für das tonangebende Milieu ist die materielle Welt nur dazu da, um sich auf der Ebene der Diskurse zu spiegeln, wo sie in schönen Worten und schönen Plänen beliebig geformt werden kann. Wenn die Worte und Pläne aber den Ideenhimmel verlassen und zur Erde zurückkehren, verwandeln sie sich aber in Taten, die Konsequenzen. Das freilich interessiert nicht mehr, weil die Welt der niederen Materie nicht die Welt von Menschen ist, welche die Macht haben, so tun zu können, als habe sie nichts mit dieser zu tun.

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Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Die Neuerscheinung im Juni2021: „Farben der Macht“ von Dr. Winfried Knörzer im Lindenbaum Verlag. Sie können dieses Buch direkt beim Verlag versandkostenfrei bestellen.

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