von Dr. Jens Woitas
Die metapolitische Falle
Der Begriff „Metapolitik“ verbindet sich – zumindest im Zusammenhang mit systemverändernden, revolutionären Bewegungen – mit dem Namen des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci (1891-1937). Gramsci beschäftigte sich in den 1920er Jahren mit der Frage, warum es nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in Italien keine sozialistische Revolution nach dem Vorbild Russlands gegeben hatte, obwohl die ökonomischen Verhältnisse im Sinne des klassischen Marxismus-Leninismus für einen solchen Umsturz reif gewesen wären. Stattdessen übernahm der Faschismus die Macht in Italien und machte Gramsci zum politischen Gefangenen. Seine Überlegungen führten Gramsci zu dem Schluss, dass nicht nur – im Sinne von Karl Marx – das wirtschaftliche Sein das politische Bewusstsein bestimmt. Der ideelle „Überbau“ muss stattdessen nach Gramsci schon vor einer politischen Revolution durch eine „Kulturrevolution“ im Sinne der Revolutionäre gestaltet werden, damit erstere erfolgreich sein kann. Zu diesem Zweck müssen in einem langfristigen Prozess solange „metapolitische“, wörtlich also überpolitische, in heutiger Sprechweise „weiche“ Themen öffentlich propagandistisch angesprochen werden, bis die revolutionäre Ideologie in den Köpfen der Menschen eine Hegemonialstellung errungen hat

Gramscis Ideen wurden in den 1980er Jahren von Alain de Benoist aufgenommen und zu einem zentralen Gedanken der Neuen Rechten (nouvelle droite) erklärt. Durch de Benoists Buch „Kulturrevolution von rechts“ (1984) hat diese Vorstellung auch das Denken und Handeln deutschsprachiger Rechter wesentlich beeinflusst und tut dies bis heute. Der Begriff „Metapolitik“ ist in rechten Diskussionen über eine mögliche politische Wende allgegenwärtig. In diesem Essay werde ich Gramscis und de Benoists Vorstellungen in dem Sinne kritisieren, dass sie gerade in der gegenwärtigen Situation zu einer Falle werden können, die praktische Verbesserungen verhindern, anstatt sie zu befördern.
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