„Wer die Regierung kritisiert, ist Verfassungsfeind“

von Klaus Kunze

„Wer die Regierung kritisiert, ist Verfassungsfeind“

„Wer die Regierung kritisiert, ist Verfassungsfeind“. So hat es Verfassungsschutzpräsident Haldenwang nicht formuliert. Er handelt aber so und läßt jetzt die Querdenker nachrichtendienstlich beobachten.

Um einmal einen besonders ausgebufften Verfassungsfeind zu sehen, würde für ihn allerdings möglicherweise ein Blick in den Spiegel genügen. Warum das so ist, lesen Sie weiter unten noch. „Der Staat bin ich!“, hatte Ludwig XIV. das Wesen der absoluten Monarchie prägnant formuliert. „Der Staat sind wir!“ ist heute die Devise der Auftraggeber und Brotherren Haldenwangs.

Die Spitzenfunktionäre der Regierungsparteien halten sich heute selbst für „den Staat“. Kritik an ihren Maßnahmen sehen sie darum als Kritik am Staat an, namentlich an seiner freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Schon in einer Rede vom 13.5.2019 hatte Haldenwang als ihr oberster Paladin die Phrase von der „Delegitimierung des Staates“ als Merkmal angeblicher Verfassungsfeinde verkündet.

In den gesellschaftlichen Debatten, in die sich Extremisten eingeschaltet haben, verfolgen sie eine Delegitimierung des Staates. Sie stellen ihn als inkompetent und ohnmächtig dar und entwerfen Untergangsszenarien. […] Durch die Delegitimierung des Staates, die Verächtlichmachung des Systems sowie durch extremistische Deutungsmuster und Narrative können in der Gesellschaft das Vertrauen in den Rechtsstaat und in unsere freiheitliche demokratische Grundordnung schwinden, und der demokratische Mehrheitskonsens kann verschoben werden.

Rede von Präsident Thomas Haldenwang auf dem 16. BfV-Symposium in Berlin, 13.5.2019

Die VS-Keule gegen Querdenker

Das Bundesinnenministerium teilte am 28.4.2021 mit,

daß der Verfassungsschutz einzelne Akteure und Teile der Corona-Protestbewegung bundesweit mit nachrichtendienstlichen Mitteln beobachtet. Grund dafür sei die von ihnen betriebene “verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“. Die Stuttgarter Gruppe “Querdenken 711“ gilt als eine Art Keimzelle der mittlerweile bundesweit aktiven Protestbewegung.

beck aktuell 29.4.2021
Auch die öffentlich-rechtlichen Medien wie hier der Hessische Rundfunk kommen nicht mehr um die Berichterstattung herum: aber immer brav regierungsfromm.

Vor allem nerven Herrn Haldenwang immer wieder gezeigte Schilder, die vor einer „Merkel-Diktatur“ oder neuerdings „Corona-Diktatur“ warnen.

Unter anderem Vergleiche der Bundesrepublik mit Diktaturen, etwa mit dem NS-Regime oder der Staatsführung der DDR, hatten die Verfassungsschützer alarmiert.

ZEIT online 29.4.2021

Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß ein System delegitimiert, wer es als falschen Schein betrachtet. Artikel 20 Absatz 2 Grundgesetz befiehlt die Aufteilung der Staatsgewalt auf verschiedene Organe:

„Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.“

Art. 20 IV GG

Verfassungsrechtlich ist die Gewaltenteilung das entscheidende Merkmal, deren Fehlen ein System zu einer Diktatur macht. So macht sich sofort verdächtig, wer mit dem Finger in der die offenen Wunde unseres Staates herumbohrt und nachweist, daß es bei uns um die Gewaltenteilung schlecht steht. Wer sich allerdings um die freiheitliche demokratische Grundordnung sorgt und mehr Gewaltenteilung verlangt, bekämpft diese nicht. Verfassungsfeind ist nur, wer „Diktatur!“ ruft, bloß um unseren Staat und unsere freiheitliche Ordnung zu stürzen und vielleicht seine eigene Diktatur zu errichten.

Nachdem der Bauer gestürzt wurde, etablieren die Schweine eine neue Diktatur: Die Angst sitzt ihnen aber im Nacken. (Aus dem Film „Animals Farm“ nach Georg Orwell)

An ihren Taten sollt ihr sie erkennen

Meiner Erfahrung nach haben die meisten Leute nur nebulöse Vorstellungen davon, was verfassungsrechtlich eine Diktatur ist. Als Demonstranten meinen sie es auch weder in einem verfassungsrechtlichen noch in einem staatsfeindlichen Sinn. Die Bundestagsparteien und ihre Regierung hingegen sind rechtlich beraten und wissen genau, was sie tun. Sie führen gern das Wort „Demokratie“ im Munde. Doch ihr tatsächliches Handeln greift an die Wurzeln unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

Eine strikte Trennung der für Regierung, Gesetzgebung und Rechtsprechung vorgesehenen Institutionen haben wir ohnehin nicht. Vollends verblaßt die Erinnerung an die Gewaltenteilung, wenn uns Regierungsparteien, ihre Abgeordnetenmehrheit im Bundestag, der von ihr gewählte und stets abhängige Bundeskanzler und die Bundesverfassungsrichter allesamt derselben parteipolitischen Richtung angehören. Diese besteht zur Zeit aus einer sozialdemokratisch gewordenen Union und einer zum Sozialismus tendierenden SPD, die sich noch sozialdemokratisch nennt.

Zwar sind die Staatsorgane der Gesetzgebung, Regierung und Rechtsprechung voneinander getrennt. Es sitzen aber überall die gleichen Leute. Noch in der Weimarer Republik hatte der Reichstag die Gesetze gemacht, und die Regierung hat sie vollzogen. Heute übernimmt der Bundestag das Regieren gleich mit. Der Freiburger Verfassungsrechtler Dietrich Murswiek hat am 22.4.2021 eine Verfassungsbeschwerde gegen sie Neufassung des § 28b Infektionsschutzgesetz erhoben:

Ein wesentlicher Baustein des Systems rechtsstaatlichen Freiheitsschutzes ist die Unterscheidung von Gesetz und Gesetzesvollzug, verbunden mit der Zuständigkeit unterschiedlicher Staatsorgane für Gesetzgebung und Vollziehung. Das pflichtenbegründende Gesetz muss prinzipiell abstrakt und generell sein. Das ist ein wesentliches Element der Sicherung von Gerechtigkeit und Ausschluss von Willkür.

Dietrich Murswiek, Verfassungsbeschwerde für Gebauer, Post u.a. vom 22.4.2021, S.24

Diese Neufassung regelt alle Maßnahmen bis ins Kleinste, die im Falle bestimmter sogenannter Virus-Inzidenzen zu treffen sind. Sie gebietet und verbietet unmittelbar und bewehrt Verstöße mit Bußgeldern.

Mit dem Grundsatz der Unterscheidung von Gesetz und Gesetzesvollzug und somit von Legislative und Exekutive ist § 28b Abs. 1 IfSG nicht vereinbar. Da diese Vorschrift selfexecuting ist, sich also selbst vollzieht, fungiert der Gesetzgeber hier zugleich als Exekutivorgan. Der Gesetzgeber entscheidet selbst über die Vollziehung des Gesetzes, indem er in das Gesetz einen Vollzugsautomatismus einbaut. Die Entscheidung, die im gewaltenteilenden Rechtsstaat von dem für den Gesetzesvollzug zuständigen Exekutivorgan vorzunehmen wäre, hat der Gesetzgeber selbst programmiert, und sie wird dann durch den Inzidenzwert-Automatismus ausgelöst.

Dietrich Murswiek, Verfassungsbeschwerde für Gebauer, Post u.a. vom 22.4.2021, S.25

Die Regierungsmehrheit um Bundestag scherte sich einen Teufel um Verfassungsrecht und  Gewaltenteilung. Zugleich aber hält sie sich eine Regierung und diese sich einen obersten Verfassungsschützer, der Demonstranten bespitzelt, die „Diktatur!“ schreien.

Das Gesetz ist daher ein mit dem Rechtsstaatsprinzip prinzipiell unvereinbares Maßnahmegesetz. Es betrifft zwar nicht nur eine Person oder einen Einzelfall (wie bei einer Legislativenteignung), sondern es betrifft eine unbestimmte Vielzahl von Menschen; es enthält eine generelle Regelung. 25 Aber es ist auf eine bestimmte konkrete Lage zugeschnitten, nämlich auf das, was als die durch SARS-CoV-2 ausgelöste „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ bezeichnet wird; und es beschränkt sich nicht darauf, auf diese Lage bezogene abstrakt-generelle Regeln zu erlassen, die dann bei Vorliegen ihrer Voraussetzungen die Exekutive zu Freiheitseinschränkungen ermächtigen und gegebenenfalls auch verpflichten, sondern es legt selbst fest, welche Beschränkungen der Freiheit durch den Inzidenzwert-Automatismus ausgelöst werden. Damit usurpiert der Gesetzgeber eine Funktion, die im rechtsstaatlichen Gewaltenteilungssystem der Exekutive zusteht.

Dietrich Murswiek, Verfassungsbeschwerde für Gebauer, Post u.a. vom 22.4.2021, S.25

Bald wird das Bundesverfassungsgericht darüber entscheiden. Die Richter wurden durch den Richterwahlausschuß des Bundestages nach Parteipräferenz handverlesen. Wenn hier nicht richterliches Pflichtenethos über die Versuchung siegt, Liebkind zu bleiben und sich der Parteipolitik für noch höhere Ämter zu empfehlen, kann es nur eine klare Entscheidung geben: Den Verfassungsfeinden der Regierungskoalition ihr Gesetz metaphorisch um die Ohren zu hauen.

Mehr oder weniger Gewaltenteilung

Das Verfassungsrecht spricht von Diktatur, wo alle Staatsgewalt in einer Hand vereinigt ist. Darum gehört ihre Teilung zu den tragenden Grundsätzen unserer Verfassung. Sie hat aber zugleich einen Parlamentarismus eingeführt, in dem die Bundesregierung direkt und jederzeit und in der die Verfassungsrichter durch Wahlakt vom Bundestag abhängig sind. Um trotzdem soviel Gewaltenteilung wie möglich zu gewährleisten, bezeichnete man das System als eines der „checks and balances“, in welchem nicht zuletzt auch durch den Bundesrat ein Machtgleichgewicht hergestellt werden sollte.

Man darf sich die Verfassungswirklichkeit nicht als ein Entweder-Oder vorstellen. Wir haben nicht von heute auf morgen plötzlich eine Diktatur. Vielmehr können wir uns eine Skala mit einem Schiebe-Regeler vorstellen: Wir können ihn beliebig hin zu mehr Gewaltenteilung oder mehr in Richtung auf eine Diktatur hin- und herschieben. Die Neuregelung des Infektonsschutzgesetzes schiebt ihn deutlich von der Gewaltenteilung weg, ohne aber auf der anderen Seite den Anschlag zu erreichen. Unser Staat ist weder verfassungsrechtlich noch in seiner Verfassungswirklichkeit eine Diktatur.

Parlamentsdiktatur auf Dauer einer Legislaturperiode

Seine selbsternannten Staatsparteien fühlen sich aber in ihrem Machtanspruch so sehr mit dem Rücken zur Wand gedrängt, daß sie sich nicht mehr um die Verfassung scheren. Seit Jahrzehnten ist die institutionalisierte Machtballung in Händen immer derselben Parteien mehr als bedenklich. Wir befinden uns an einem Kipp-Punkt, der in eine Diktatur umschlagen könnte.

Das Verfassungssystem des Grund­gesetzes wirkt wie ei­ne Parlamentsdiktatur auf Dauer einer Legislaturperiode. Wer über die Mehr­heit im Bundestag ver­fügt, herrscht weit­ge­hend frei über die bei­­den wichtig­sten Staatsgewal­ten und un­terschei­det sich nur noch durch die organisatori­sche Aufteilung auf meh­rere Parteien in Form des Posten­ver­tei­lungskartells von der Parteidikta­tur. (1)

Die von Locke und Montesquieu ent­wic­kel­te Lehre zur Aus­balancierung der Gewalten ist eine typisch liberal-auf­klä­reri­sche Verfas­sungs­idee. Von dieser Lehre ist heute vor­nehm­lich der Grund­gedanke an­wend­bar geblie­ben: Die Idee, dem Bürger mög­lichst viel Si­cherheit zu geben, indem die Staats­be­fugnis­se auf ver­schie­dene Häup­ter verteilt werden. Sobald in ein und der­sel­ben Per­son oder “Beamtenschaft” die legislative Befugnis mit der exe­ku­tiven verbun­den werde, gebe es keine Freiheit. (2)

Dem englischen Vorbild fol­gend (3) sind die ge­setzge­ben­de Ge­walt und die Spitze der Exe­ku­tive in Bund und Ländern näm­lich in dop­pel­ter Weise mit­ein­an­der ver­schmolzen:

Zum einen wird nach Art.63 und 67 GG der Kanzler vom Bun­des­tag ge­wählt und kann von ihm jeder­zeit durch einen ande­ren er­setzt werden. Durch diesen Zustand ist die Bun­desre­gierung (Art.62 GG) tech­nisch auf die Funk­tion eines Parla­ments­aus­schus­ses be­schränkt. Da auch der Kanzler selbst – nicht zwangs­läu­fig rechtlich, aber prak­tisch – Par­laments­mit­glied ist, recht­fertigt sich für die­ses Regierungs­sy­stem der Begriff Parla­ments­re­gie­rung. Dieses parlamen­tarische Re­gierungssystem ist nicht zu ver­wechseln mit der par­la­men­ta­ri­schen De­mokra­tie. (4) Der erste Begriff ist eine ex­treme Un­ter­­­form des zweiten. Es wi­der­spricht der Lehre von der Ge­wal­ten­tei­lung und ver­­zerrt diese bis zur Unkennt­lich­keit. (5)

Im parlamentarischen Regierungssystem regiert das Parlament gleich selbst. Es beruht auf dem Gedanken der Repräsentation: Die Abgeordneten sollen das Volk repäsentieren. Alle macht geht vom Volke aus und damit weit von ihm weg. Das ruft Kritik immer dann hervor, wenn das Volk sich aus besonderem Anlaß entmündigt fühlt. Waren wir nicht einst alle mündige Bürger? Heute trauen viele dem parlamentarischen Regierungssystem nicht mehr. Der hessische Verfassungsschutz ist alarmiert:

Man beobachte zum Beispiel mit Sorge, dass bei entsprechenden Protestkundgebungen nicht nur Parlamente und Regierende, sondern auch Teile der Medien verächtlich gemacht werden und so zumindest indirekt die Pressefreiheit infrage gestellt wird. Dadurch könnte das Vertrauen in die repräsentative Demokratie beschädigt werden.

Volker Siefert, Auch hessischer Verfassungsschutz beobachtet “Querdenker”, Hessenschau 28.4.2021.

Mir kommen die Tränen der Rührung.

Das Grundgesetz kennt keine Vorkehrungen dagegen, daß ein und die­sel­be Partei die Ge­setze macht, anwendet und noch aus ihren Rei­hen Richter be­stimmt, die über die Auslegung des Ge­setzes zu wa­chen ha­ben. Es ist ge­gen­­über der Existenz politi­scher Partei­en fast blind, und in Ausnutzung dieses blinden Flecks konnten diese die Macht über Exekutive und Le­gislative voll­ständig und über die Recht­sprechung im aus­schlag­gebenden Teilbereich der Ver­fas­sungs­ge­richtsbar­keit und der oberen Ge­rich­te usurpie­ren.

Panajotis Kondylis erkannte

“zwei Grundformen von Nichtrealisierung der Gewalten­tei­lung”, von denen er unse­re beschreibt: “Die Legislative wird zwar vom sou­veränen Volk gewählt, wie auch immer dessen Zusammensetzung ausfällt, und als Re­präsentantin des Volks­willens trifft sie souveräne Entschei­dungen. Sie wird aber ihrerseits durch die stärkste poli­ti­sche Partei beherrscht, deren aus­führendes Organ faktisch die Re­gierung ist. Die stärkste Parteiführung dominiert also im Par­lament, sie kontrolliert die Exeku­tive, und sie bestimmt direkt oder indirekt die Zusammensetzung und die Zu­stän­digkei­ten der Judikative.” (6)

Panajotis Kondylis, Montesquieu und der Geist der Gesetze, Berlin 1996, S. 96 f.

Alle Ge­wal­ten sind von Mitglie­dern der­sel­ben Parteien be­setzt. Sie kon­sti­tuieren letztlich den Staat und zwin­gen allen seinen Teilen ihre Ge­setzlichkeit auf. (7) Ihre “fettfleckartige Ausbreitung” (8)über alle staatlichen und halb­staat­li­chen Ein­flußbe­reiche bringt es mit sich, daß wir uns – wie im Mär­chen vom Ha­sen und vom Igel – am An­blick der Staatspar­tei­en tagtäglich er­freuen dürfen, sei es im Bun­destag, sei es in der par­tei­pro­portionier­ten Ver­wal­tung, bei den par­tei­pro­portio­nierten Ober­ge­richten oder im Medienbe­reich, dessen Chefses­sel heißbe­gehrte Beu­testücke der Parteien sind.

Das Staats-Parteien­system hat die klas­si­sche Ge­walten­teilung außer Kraft ge­setzt, (9) weil alle Ge­wal­ten glei­chermaßen von par­tei(an)ge-hörigen Seil­schaf­ten durch­setzt sind, de­nen Par­tei­räson vor Staatsräson geht. Der Par­teienstaat läßt die Ge­waltentei­lung “un­wirk­lich und fas­sa­den­haft” erschei­nen. (10)

Weiß das Herr Haldenwang nicht?


(1) Vierhaus, Zeitschrift für Rechtspolitik 1991, 473.

(2) Montesquieu, Vom Geist der Gesetze, S.212 = 11.Buch, 6.Kapitel.

(3) Vgl. Emil Hübner, Ursula Münch, Das politische System Großbritanniens, Eine Einführung, München 1998: Die Regierung wirke als Exekutivausschuß des Parlaments, der mit Hilde sei­ner Mehrheit im Unterhaus auch über das legislative Recht verfügt. Die Gewaltenteilung in ih­rer reinen Form existiere schon lange nicht mehr.

(4) Roman Herzog, in Maunz-Dürig-Herzog, Art.20 GG, II. Rdn.78, 79.

(5) Roman Herzog, in M-D-H, Art.20 GG, V. Rdn.28 unter c).

(6) Panajotis Kondylis, Montesquieu und der Geist der Gesetze, Berlin 1996, S. 96 f.

(7) Hans Herbert von Arnim, Staat ohne Diener, 1993, S.107.

(8) Richard von Weizsäcker a.a.O., Wird unsere Parteiendemokratie überleben? 1983, S.155.

(9) Erwin Scheuch, Cliquen, Klüngel und Karrieren, S.12 Fn.5, nach Wilhelm Hennis, Überdehnt und abgekoppelt – An den Grenzen des Partei­enstaa­tes, in: Christian Gr.v. Krockow (Hrg.), Brauchen wir ein neues Partei­ensystem, Frankfurt 1983.S.32.

(10) Werner Weber, zit. nach Arnim, Staat ohne Diener, S.107.

Dieser Beitrag ist auch unter dem Titel „Wer die Regierung kritisiert, ist Verfassungsfeind“ auf Klaus Kunzes Blog erschienen: http://klauskunze.com/blog/2021/05/01/wer-die-regierung-kritisiert-ist-verfassungsfeind/:

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist kunze-klaus.jpg.
Klaus Kunze

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

Und das neue Werk von Klaus Kunze ist nun auch lieferbar: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

Hier bestellen!

Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

Klaus Kunze: Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen. Von der Vormundschaft zum Genderismus. Hier erhältlich!

Schlesien heute – Spuren der deutschen Vergangenheit

Zeitschriftenkritik von Werner Olles

Schlesien heute – Spuren der deutschen Vergangenheit

Über deutsche Spuren in Breslau berichtet Marie Baumgarten in ihrem Beitrag „Unter dem Putz das deutsche Breslau – wachsendes Interesse an Spuren der Vergangenheit“ in der aktuellen Ausgabe (Nr. 270, 4/2021) der monatlich im 24. Jahrgang erscheinenden Zeitschrift „Schlesien heute“ (Untertitel „Mit Blick auf die östlichen Nachbarn“).

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Schlesien heute“

War bis zur Wende 1989 in Polen noch alles Deutsche tabu und saßen die Ressentiments gegen den vermeintlich ewigen Feind tief, hat sich dies nun langsam geändert. Inzwischen entdecken junge Polen das deutsche Erbe ihres Landes neu, wie Maciej Wlazlo aus Breslau, ein Jurist, der jedoch im Herzen ein Künstler ist und mit seiner Fotokamera durch die Straßen Breslaus zieht, und sich für die jahrzehntelang tabuisierte Vergangenheit seiner Stadt interessiert. Tatsächlich erzählen die Fassaden der alten Bürgerhäuser noch immer davon, daß die niederschlesische Metropole einmal eine andere Nationalität hatte, eine deutsche. In der Odervorstadt, einem Kultviertel mit Galerien, Cafés und Restaurants findet er einige seiner Lieblingsmotive. Da das Viertel in Zweiten Weltkrieg kaum zerstört wurde, sind noch viele deutsche Aufschriften erhalten. Für Maciej sind sie eine faszinierende Erinnerung daran, wie aus der deutschen die polnische Stadt Breslau wurde und sich bei seiner Suche nach und nach eine andere Stadt, mehr und mehr weiße Flecken, die darauf warteten entdeckt und erzählt zu werden, vor seinen Augen enthüllten. Die Geschichte Breslaus ist über eintausend Jahre alt. Entstanden auf slawischem Gebiet, wird die Stadt bis zum Ende des 2.Weltkriegs von einer mehrheitlich deutschsprachigen Bevölkerung geprägt, ist aber zugleich Schmelztiegel vieler Kulturen und Religionen. Im Jahr 1945 wird Breslau gemäß dem Potsdamer Abkommen unter polnisch-kommunistische Verwaltung gestellt. Dann wird damit begonnen, alles Deutsche auszuradieren. Und in der Folge wird auch fast die gesamte deutsche Bevölkerung der Stadt vertrieben. Der starke Kolonialisierungsdrang nach dem Krieg verfälschte oder verschwieg die Geschichte Breslaus. Das soll sich nun ändern, sagt Maciej: „Wir haben angefangen, uns für diese Geschichte zu interessieren. Wir sollten uns dessen bewußt sein, daß in diesen Gebäuden einst andere Menschen gelebt haben. Wir sind die neuen Eigentümer, wir sollten die Identität dieser Stadt, ihr kulturelles Erbe und vor allem ihre Geschichte pflegen. Heute sind wir dafür verantwortlich“.

Schloss Fürstenstein um 1860, Sammlung Alexander Duncker

Über ein „Juwel im Waldeburger Land“, die alte Burg Fürstenstein, erzählt der Beitrag von Iza Liwacz. Die malerische Burgruine aus dem Ende des 18. Jahrhunderts stellt ein ausgezeichnetes Wanderziel für diejenigen dar, die es bevorzugen, allein wildromantische Landschaft zu erkunden und Stille zu finden. Gebaut von Hans-Heinrich IV. von Hochberg, empfing man auf der schloßartigen Burg illustre Gäste und veranstaltete Spiele. Schon im Jahr 1800 organisierte man auf dem Burggelände ein Turnier des schlesischen Adels zu Ehren des preußischen Königspaares, Friedrich Wilhelm III. und Königin Louise. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts trafen Touristen und Kurgäste aus dem benachbarten Bad Salzbrunn ein. Noch bis zum Zweiten Weltkrieg konnten sie im Erdgeschoß der Burg übernachten oder im Wirtshaus ihren Hunger stillen und die Sammlung der Familie von Hochberg besichtigen. Nach dem Einmarsch der Roten Armee 1945 ging die Burg in Flammen auf. Heute präsentiert sich die Anlage als eine romantische Burgruine, die zum Teil durch einen unter Naturschutz stehenden dunkelgrünen Efeu bewachsen wurde. Es sind stumme Zeugen einer nicht immer einfachen Geschichte des Landes. Dennoch macht die Anlage einen guten, gepflegten Eindruck.

Carl Ernst Morgenstern, Schneegruben und Veilchespitze, 1910
Carl Ernst Morgenstern, Schlingelbaude mit Schneekoppe, Ansichtskarte

Jürgen Karwelat schreibt über das Leben des Landschaftsmalers Karl Ernst Morgenstern, einem der bekanntesten Riesengebirgsmaler. Morgenstern war nicht nur bekannt wegen seiner Landschaftsgemälde, sondern vor allem dafür, daß er ab 1899 die Vorlagen für Ansichtskarten lieferte. Es war die Zeit des beginnenden Massentourismus. Das Riesengebirge und die Schneekoppe gehörten zu den bedeutendsten touristischen Zielen Preußens. Karl Morgenstern war nicht der erste und erst recht nicht der letzte Künstler, der von der eigentümlichen, die Seele berührenden Landschaft im Hirschberger Tal beeindruckt war. Zu den bekanntesten zählte der berühmte Landschaftsmaler der Romantik, der aus Greifswald stammende Caspar David Friedrich. Hunderte von Künstlern hat das Riesengebirge fasziniert und zu vielfältigen Werken inspiriert. Im „Morgenstern-Haus“ in Krummhübel wird die Erinnerung an den Namensgeber wachgehalten. Auf einer Informationstafel hat die Gemeinde hervorgehoben, daß die von Morgenstern gestalteten Postkarten weite Verbreitung erzielten, und er wird als der „König der Postkarten“ bezeichnet.

Kontakt: Senfkorn Verlag Alfred Theisen, Brüderstr. 13, 02826 Görlitz. Das Einzelheft kostet 4 Euro, das Jahrsabo 45 Euro. www.schlesien-heute.de

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist olles-werner.jpg.
Werner Olles

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor der Bücher:

Grenzgänger des Geistes. Vergessene, verkannte und verfemte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Feindberührungen – Wider den linken Totalitarismus!

Die Kühlerfigur des Westens: Alexej Nawalny

von Florian Sander

Die Kühlerfigur des Westens: Alexej Nawalny

Kühlerfiguren sind die glänzende Zierde teurer Autos mit zumeist wohlhabenden Besitzern und Passagieren. Autos mit Kühlerfigur machen zumeist etwas her. Sie zu fahren, bedeutet Wohlstand und Prestige. Kühlerfiguren sind zugleich – und gerade wegen dieser auffällig symbolischen Rolle – die ersten Opfer all derer, die auf offene Prestigesymbolik und Zurschaustellung von Wohlstand allergisch reagieren. Noch vor den zerstochenen Reifen, noch vor dem zerkratzten Lack, erst recht noch vor schlimmeren Delikten kommt, in Sachen Häufigkeit, das Abbrechen der Kühlerfigur, was dem Delinquenten buchstäblich oft „mal eben“, im Vorbeigehen möglich ist, sofern der jeweilige Autohersteller keine Option für den Besitzer eingebaut hat, die Figur oder das Symbol zeitweilig abzuschrauben.

Alexei Nawalny erfüllt alle Kriterien einer Art „politischen Kühlerfigur“ auf der Luxuskarosse der westlichen Welt, wie diese sie sich dutzendfach in Staaten hält, die bislang nicht ihrer Hegemonie unterworfen sind. Die politische Kühlerfigur ist schillernd und glamourös, steht stellvertretend für einen prachtvollen westlichen Anhang, der – wie die chauffeurgesteuerte Luxuskarosse – die hoffnungsversprechende Mixtur aus Wohlstand, Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft beinhaltet. Zugleich zieht sie die Aufmerksamkeit aller auf sich, die von glanzvollen Oberflächen fasziniert sind, die in den hohen Sphären feinsinniger westlicher Liberalität schweben: Anywheres. Andere hingegen möchten nichts mehr als genug zu essen, Arbeit, Gesundheit, Familie und Mobilität. Ob mit oder ohne glänzende Kühlerfigur ist eben diesen Somewheres egal; zur Not tut es auch der Gebrauchtwagen. Hauptsache, er fährt.

Was wir bereits beim sogenannten Arabischen Frühling im Jahre 2011 erleben durften; ja, was sogar schon bei der Studentenrevolte 1968 galt, gilt auch heute wieder, bei den Protesten in Russland: Die oft so lauten und von der westlichen Presse oft so bejubelten Massenproteste für „Freiheit und Demokratie“ sind in der Regel Demonstrationen einer lauten Minderheit. Echter Wandel kommt zumeist eher mit ökonomischen Krisen, die auch die Lebensverhältnisse der Mehrheit tangieren. Derlei ist im Rußland des Jahres 2021 trotz US-interessenbasierter westlicher Wirtschaftssanktionen nicht in Sicht.

Westliche Kühlerfiguren sind oftmals propagandistische Blendwerke, die zur Spaltung und Provokation der adressierten Staaten und ihrer Gesellschaften ebenso gedacht sind wie zur liberalen Selbstvergewisserung der Gesellschaften der westlichen Hemisphäre. Um die Etablierung von „Freiheit und Demokratie“ geht es in den allermeisten Fällen genauso wenig wie bei der US-unterstützten Installation von Augusto Pinochet in Chile. Faktisch geht es um geostrategische und ökonomische Interessen, wie sie sich im Falle der USA in der erwünschten Verhinderung des Nord-Stream-2-Projektes zugunsten des Handels mit US-Fracking-Gas manifestieren. Ein Zusammenhang, über den in der und durch die moralinsaure westliche Presse ebenso regelmäßig hinweggetäuscht wird wie die glänzende Kühlerfigur den Gestank der Abgase eines Rolls-Royce vergessen macht.

Nawalny selbst spiegelt den Wandel des Westens vom Kalten Krieg bis heute fast symbolhaft wider. Gestartet ist der 44-jährige als bekennender Nationalist und Vorsitzender einer nationalliberalen Partei. Um 2013 herum zog er mehr und mehr die positive Aufmerksamkeit des Westens auf sich. Seit dieser Zeit distanzierte er sich Stück für Stück von seinen früheren rechten Positionen. Die westliche Unterstützung wuchs, ebenso wie sich die Schlinge der Justiz zunehmend zuzog; insbesondere infolge mehrerer Betrugs- und Veruntreuungsvorwürfe gegen Alexei Nawalny und seinen millionenschweren Bruder Oleg. Westliche Medien sprachen von „politisch motivierten Verfahren“.

Spätestens nach dem Nervengift-Anschlag auf Nawalny 2020 und nach seiner erneuten Verhaftung 2021 haben USA und transatlantische Presse ihren Ansatzpunkt gefunden, um moralummantelte Geo- und Energiepolitik zu betreiben. Man empört sich über das Abbrechen der Kühlerfigur beim Parken im sozialen Brennpunkt – und glaubt so endlich eine Legitimation zu haben, dessen ungeliebte Sozialwohnungen durch eine profitable Fast-Food- Filiale ersetzen zu können. Doch so wirkmächtig die Kräfte der liberalen McDonaldisierung auch sein mögen – Rußland ist kein instabiler Nahost-Staat und hat sich schon oft als renitent gegen westliche Interventionen erwiesen. So möglicherweise auch diesmal.

Unser Titelbild zeigt: Der Recke am Scheideweg von Viktor Michailowitsch Wasnezow

Florian Sander

Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD in NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er schrieb u. a. für ‚Le Bohémien‘, ‚Rubikon‘, ‚Linke Zeitung‘, den ‚Jungeuropa‘-Blog und ‚PI News‘, ist inzwischen Autor für ‚Arcadi‘, ‚Sezession‘, ‚Glauben und Wirken‘, ‚Wir selbst‘ und ‚Konflikt‘ und betreibt den Theorieblog ‚konservative revolution‘.

Leidet Deutschland an moralischer Altersschwäche?

von Klaus Kunze

Leidet Deutschland an moralischer Altersschwäche?

Daß auch der Seelenschatz so vielen abgerungen”

Ein Volk kann sich bis zur Erschöpfung verausgaben. Uns wurde zwischen 1914 und 1945 alles an materiellen und seelischen Opfern abverlangt. Zuletzt verloren wir noch den Glauben an uns selbst. Uns war, wie zuletzt nach dem 30jährigen Krieg 1618-1648 „der Seelen Schatz abgerungen“, wie Andreas Gryphius dichtete:

Wir sind doch nunmehr ganz,
ja mehr denn ganz verheeret:
Der fremden Völker Schar,
die rasende Posaun,
Das von Blut fette Schwert,
die donnernde Kartaun
Hat allen Schweiß und Fleiß
und Vorrat aufgezehret.

Die Türme stehn in Glut,
die Kirch’ ist umgekehret,
Das Rathaus liegt in Graus,
die Starken sind zerhaun,
Die Jungfern sind geschänd’t,
und wo wir hin nur schaun,
Ist Feuer, Pest und Tod,
der Herz und Geist durchfähret.

Hier in der Schanz der Stadt
rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr,
als unser Ströme Flut
Von Leichen fast verstopft,
sich langsam fortgedrungen.

Doch schweig ich ganz von dem,
was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest
und Glut und Hungersnot:
Daß auch der Seelenschatz
so vielen abgerungen.

Andreas Gryphius (1616-1664)

Zum Seelenschatz gehörte 1945 vor allem der Glaube an uns selbst. Die Überlebenden empfanden gegenüber allen Idealen ein überwältigendes „Ohne mich!“  

Die historische Substanz ist verbraucht. Man nimmt nichts mehr ernst außer den groben Genüssen und dem, was der Alltag abverlangt. Der soziale Körper gleicht einem Pilger, der, von der  Wanderung erschöpft, sich zur Ruhe begibt.

Ernst Jünger, Eumeswil, 1977, S.66

Sie glaubten nicht mehr an eine „deutsche Sendung“, an ein deutsches Wesen, an welchem mittels seiner Dichter und Denker einst „die Welt genesen“ sollte.“

Entideologisierung und Reideologisierung

Auf jeden Zusammenbruch einer geistig-moralischen Orientierung folgt nach einer gewissen Pause eine ideologische Neuorientierung. Gesetzmäßig folgen Epochen hoher Ideologisierung und Ent-Ideologisierung aufeinander. Auf die Ent-Täuschung der idealistischen Kriegsgeneration und ihr Ohne-mich folgte seit 1968 eine heftige Re-Ideologisierung.

Diese kehrte die Prämissen um, stellte alle Ideale auf den Kopf und fand just alles dasjenige moralisch, daß zuvor als verbrecherisch gegolten hatte, und erhob das vormals Verwerfliche zum neuen Ideal. Ihre Faustegel lautete: Es ist immer das Gegenteil von dem richtig, was für „die Nazis“ Verpflichtung bedeutet hatte.

Unter dem Druck moralisierender Schuldvorwürfe wollte man gern seinem Schicksal entkommen, Deutscher zu sein, und flüchtete sich in moralisierenden Internationalismus.

Vaterlandsliebe fand ich stets zum Kotzen. Ich wußte mit Deutschland noch nie etwas anzufangen und weiß es bis heute nicht.

Robert Habeck, Patriotismus: Ein linkes Plädoyer, 2010.[1]

Die billigste Methode, die kollektive „Vergangenheit zu bewältigen“, bestand in der Leugnung, mit ihr noch irgendetwas zu tun zu haben. „Deutsch?“, fragen Leute wie Habeck, „was soll das eigentlich sein. Das gibt es eigentlich gar nicht. Es ist bloß ein Konstrukt.“ Noch vor den Klimaleugnern, den Coronaleugnern und anderen Leugnern waren die Aussteiger aus dem deutschen Volk die ersten, die Volksleugner.

Charakteristisch ist, daß sie nicht mehr in der Lage sind, sich als Deutsche, als eigenes Volk mit eigentümlichen Merkmalen einzuschätzen.

Hellmut Diwald, Geschichte der Deutschen, 1978, S.123.

Gleichzeitig aber benötigen die gleichen Leute wieder das deutsche Volk als Kollektiv, um ihm spezielle moralische und finanzielle Lasten aufzuerlegen, aus „unserer besonderen historischen Verantwortung“. Alles Leugnen nützt nichts, denn

vor einer deutschen Not kannst Du Dich nirgends verstecken auf der Erden, wenn Du ein Deutscher bist – sie findet Dich doch.

Hans Grimm, Suchen und Hoffen, 1960, S.19.

Sie findet uns allerdings in heller Auflösung, denn den Volksleugnern genügt nicht, das Volk, das es als bloßes Konstrukt angeblich gar nicht gibt, zu leugnen. Sie müssen es zerstören, weil sie sich als Deutsche und damit ihr Land im Stillen neurotisch hassen. In guter deutscher Tradition gingen sie nach 1933 jetzt, in der Nachkriegszeit, erneut in eine Falle, nur war der Fallensteller nicht mehr derselbe. Sie fielen dem denkbar subtilsten Angriff zum Opfer, dem moralischen:

“Es ist die bedeutendste geschichtliche Leistung einer Nation, sich überhaupt für eine so verfaßte geschichtliche Einheit zu halten, und den Deutschen ist sie nicht geglückt. Die Selbsterhaltung schließt die geistige Behauptung und das Bekenntnis einer Nation zu sich selbst vor aller Welt ebenso ein wie die Sicherheit im großpolitischen Sinne, und diese besteht in der Macht eines Volkes, den physischen wie den moralischen Angriff auf sich selbst unmöglich zu machen.”

Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral; 1986, S.103.

“Der Feind muß aufhören, an sich zu glauben!”

Der Dichter Hans Grimm erinnerte sich aus der Zeit des 1. Weltkriegs

an einen Kriegsaufsatz des Student of War in der Times. Der Aufsatz beschäftigte sich mit gewissen englischen propagandistischen Unternehmungen. Er enthielt den Satz: »Die Moral des deutschen Feindes muß gebrochen werden. Es ist der Verlust an Moral, nicht der Verlust an Boden oder an Menschen oder an Material, was Sieg oder Niederlage ausmacht. Der Feind muß aufhören, an sich zu glauben.«

Hans Grimm, Suchen und Hoffen, 1960, S.146.

Der anglophile Grimm nahm sich ein Beispiel an den Engländern und legte uns an Herz, „daß ein Volk sich zu keiner Zeit selbst verneint, daß ein Volk sich so wenig selbst verneint, wie die Engländer.“[2]

Genau diese Selbstverneinung bildet das Hintergrundrauschen aller linker Politk, von der SED (Die Linke) über die Grünen bis weit in die SPD. Sie kulminiert in der eigenen Abschaffung. „Thorsten Hinz hatte in seinem 2011 erschienenen Werk über die „Psychologie der Niederlage“ eine ähnliche These vertreten wie Richter und Ulrich. Die deutsche Nachkriegsidentität beruhe demnach auf einem kollektiven geistig-moralischen Schuldgefühl sowie auf der Annahme, daß die deutsche Kultur als Ganzes durch die Verbrechen des Nationalsozialismus diskreditiert sei. Dadurch sei eine Situation entstanden, in der eine Nation sich selbst verneine und eine auf ständiger Selbstverneinung beruhende Politik betreibe, die selbstdestruktiv wirken müsse.“[3]

Gegenüber allem neurotischen Selbsthaß können wir als Volk und als Staat mit demokratischer Selbstbestimmung nur überleben, wenn wir unsere gebrochene Identität wiederherstellen und die gesamte Schuldmetaphysik abstreifen, die uns einredet, wir seien moralisch oder in irgendeiner anderen Weise minderwertig. Wir müssen um unsere Moral kämpfen wie um unsere letzte Bastion –  um unsere, nicht um deren Moral. Uns droht sonst, was Christian von Massenbach schon 1795 angesichts der vorrückenden französischen Armeen fürchtete:

Von der Überzeugung, daß Deutschland untergehen werde, niedergedrückt, gebe ich hier nur einige Ideen an, wie vielleicht noch einem edeln Volk geholfen werden könne. … Die Geschichte der künftigen Jahrhunderte wird keine Germanier mehr nennen. – Unglückliches deutsches Vaterland!
Potsdam, im November 1795

Christian von Massenbach, Memoiren zur Geschichte des preußischen Staates, S.460.

Unsere Aufgabe besteht darin, alles zu fördern, was unsere Identität stärkt: unsere Kultur, unsere freiheitliche demokratische Lebensform, die Erinnerung an unsere große Geschichte und nicht zuletzt unsere Sprache.

In einer Endzeit, in der es als rühmlich galt, am Untergang des eigenen Volkes mitgewirkt zu haben, konnte es nicht wundernehmen, daß man auch der Sprache die Wurzeln kappte. Geschichtsverlust und Sprachverfall bedingen sich gegenseitig. […] Sie fühlen sich berufen, einerseits die Sprache zu entlauben und andererseits dem Rotwelsch Anstand zu verleihen. So rauben sie unten mit dem Vorwand, das Sprechen zu erleichtern, dem Volk die Sprache und mit ihr die Dichtung, während sie auf den Höhen ihre Fratzen aufstellten. Der Angriff auf die gewachsene Sprache und Grammatik, auf Schrift und Zeichen, bildet einen Teil der als Kulturrevolution in die Geschichte eingegangenen Vereinfachung. Der Erste Weltstaat warf seine Schatten voraus.

Ernst Jünger, Eumeswil, 1977, S.93.

Dieser Weltstaat ist der emotionale Bezugs- und Fluchtpunkt der entnationalisierten Kosmopoliten. In ihm werden wir unsere Freiheit und unsere Identität verlieren. Wer den Kampf um seine Freiheit und seine Idenität noch nicht aufgegeben hat, für den gilt das Dichterwort:

Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben,
an deines Volkes Auferstehn!
Laß diesen Glauben dir nie rauben
trotz allem, allem, was geschehn.

Und handeln sollst du so als hinge
von dir und deinem Tun allein
das Schicksal ab der deutschen Dinge,
und die Verantwortung wär’ dein!

Albert Matthäi

Es hatte gegolten für jene Studenten der Lützower Jäger, die 1813 in einem besetzten, ausgeplünderten und erniedrigten Deutschland ihre Moral und ihren Lebenswillen gegen die Siegermoral der Besatzungstruppen richteten. Ohne einen konsequenten Abbruch der gegnerischen Ideologeme, ihrer Moral und ihrer täglichen Repression wird es keinen neuen Aufbruch wie 1813 geben.

Ferdinand Hodler schuf 1908 das Gemälde in der Aula der Universität Jena vom Aufbruch der Lützower Jäger zum Befreiungskampf gegen die Truppen Napoleons (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

[1] Das Zitat lautet im Kontext vollständig: „Als Adressat und Verbindung zwischen den Gegensätzen, zwischen ‚Liberalität‘ und ‚Paternalismus‘, zwischen ‚verantwortungsvoll‘ und ‚kreativ‘, zwischen ‚Bürger‘ und ‚Konsument‘ braucht man ein positives Gesellschaftsverständnis. Man braucht es, um eine sinnstiftende, politische Erzählung zu schaffen, die Zutrauen und Zuversicht gibt, dass Veränderungen gut sind und es sich lohnt, für sie zu streiten. Man braucht eine Erzählung, die auf Veränderung setzt, auf Gerechtigkeit und Internationalität. Dieses Engagement nenne ich einen ‚linken Patriotismus‘. Ich schreibe das in vollem Bewusstsein, dass ich Widerspruch provozieren werde. Patriotismus, Vaterlandsliebe also, fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland nichts anzufangen und weiß es bis heute nicht.“

[2] Hans Grimm, Suchen und Hoffen, 1960, S.125

[3] Renovatio 8.4.2021.

Dieser Beitrag ist auch unter dem Titel „Leidet Deutschland an moralischer Altersschwäche“ auf Klaus Kunzes Blog erschienen: http://klauskunze.com/blog/2021/04/10/leidet-deutschland-an-moralischer-altersschwaeche/

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist kunze-klaus.jpg.

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

Und das neue Werk von Klaus Kunze ist nun auch lieferbar: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

Hier bestellen!

Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

Klaus Kunze: Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen. Von der Vormundschaft zum Genderismus. Hier erhältlich!

Empathie und Verstehen im politischen Diskurs

Empathie und Verstehen im politischen Diskurs

von Florian Sander

Beobachtung zweiter Ordnung als diskursives Instrument

In politischen Debatten sind Emotionen an der Tagesordnung. Die Stimme wird lauter, man unterbricht sich mitunter gegenseitig, wird unter Umständen polemisch. Bei schriftlich geführten Diskussionen, gerade in sozialen Netzwerken, bei YouTube oder in Kommentarfeldern von Blogs und Online-Medien, geschieht das gleiche: Ausrufungszeichen häufen sich, Beleidigungen vermehren sich. Die schützende Anonymität des Internets begünstigt das Phänomen – egal, auf welcher Seite des politischen Spektrums: Unter Videos, die in YouTube eingestellt werden (seien sie nun politischer oder ganz anderer Natur), stapeln sich geradezu Kommentare, die nur so strotzen vor Beschimpfungen, Bedrohungen, Vulgärausdrücken und anderen Inhalten, die an der Mündigkeit der Nutzer oft gewisse Zweifel aufkommen lassen. Der Debattenkiller Nazi-Vergleich ist dabei noch eines der harmloseren „Stilmittel“. Politische Diskussionen werden somit de facto zur Qual, konstruktive Ergebnisse unmöglich.

Das Internet eröffnet dabei zwar neue Kommunikationswege und wichtige Gegenöffentlichkeiten; zugleich werden diese hoffnungsvollen Instanzen aber zu nicht-sanktionierten Artikulationswegen asozialer Kommunikation pervertiert, in der Beschimpfungen und Drohungen dominieren. Langfristig führt dies zu einem qualitativen Niedergang der politischen Kultur und zum Ende konstruktiver Diskurse. Und nicht nur das: Dem politischen Establishment wird dadurch eine Waffe gegen konservative und rechte Akteure in die Hand gegeben, da es dadurch mit dem Verweis auf vermeintliche „Hassreden“ – die eigentlich eher „Wutreden“ sind, die früher eben am Stammtisch stattfanden anstatt im Netz – unter dem Beifall der Mainstream-Medien Zensurgesetze beschließen kann und die großen Datenkraken-Konzerne des Silicon Valley und die ihnen zugehörigen sozialen Netzwerke darauf basierend ihre globalistische Agenda repressiv durchsetzen können.

Reflexion – Empathie – Verstehen

Was also tun? Fehlverhalten in Debatten und fehlende Diskussionskultur wurzeln tief und liegen nicht selten in Psychologie und Sozialisation begründet. Eine besonders wichtige Beobachtung ist dabei die besondere Rolle dessen, was man gemeinhin als Reflexion oder, im Falle des Gelingens, auch als Empathie bezeichnet. Es geht darum, sich in andere hineinzuversetzen, auch wenn dies sicherlich ein soziologisch untauglicher Begriff ist, da psychische Systeme stets nur voneinander getrennt existieren können und sich daher niemand in den anderen direkt „hineinversetzen“ kann.

Der Soziologe Niklas Luhmann bezeichnete es präziser als „Beobachtung zweiter Ordnung“: Diese zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, zu beobachten, wie wiederum andere beobachten. Dies macht die Komponente des Verstehens in der Kommunikation aus: Man vollzieht nach, auf der Basis welcher ihm eigenen Rationalität der andere zu seiner Meinung kommt, indem man beispielsweise seine Lebensumstände bedenkt, seine soziale Situation, seine Sozialisation. Man kalkuliert das mit ein, was die Anthropologin Mary Douglas als „cultural bias“ bezeichnet hat: Die Prämissen, mit denen der andere an das Leben als solches herangeht, seine Vorstellungen von dem, was erstrebenswert ist und von dem, was bedrohlich ist. Gelingt dies, so gelingt die Beobachtung zweiter Ordnung. Diskutanten, die sich auf diese Weise verhalten, können gelassener miteinander umgehen, da sie einander die jeweils eigene Logik und somit die jeweils eigene politische Schlussfolgerung und Position zugestehen, ohne sie deswegen automatisch teilen zu müssen.

Grenzen der Moralkommunikation

Wer diese Fähigkeit besitzt, der ist imstande, mit Menschen aus verschiedensten politischen Lagern nicht nur sachlich debattieren zu können, sondern – man stelle sich vor – sogar mit ihnen persönlich befreundet zu sein, ohne dass politische Diskussionen pausenlos in persönliche Beschimpfungen und Freundschaftskündigungen ausarten müssen. Ja, man ist sogar imstande, Diskussionen – nicht allen, aber den meisten – mit einer größeren Gelassenheit entgegen zu treten. Natürlich: Manch einer wird dies zweifellos als Fatalismus und Gleichgültigkeit einschätzen. Das Gegenteil jedoch ist der Fall: Wer in zweiter Ordnung beobachtet und dadurch gelassener diskutiert, der bleibt auch länger politisch motiviert. Gleiches gilt dann in der Folge auch für die Diskussionspartner, da die fehlende Emotionalisierung die Atmosphäre der Diskussion grundlegend verbessern und zu konstruktiveren Ergebnissen führen wird.

Grundbedingung für die Einhaltung eines solchen „Kodex“ ist jedoch ein basales Eingeständnis, das für so manchen, insbesondere für so manchen Linken, schwer zu schlucken sein wird. Es geht um das Eingestehen der Tatsache, dass moralische Gut/Böse-Unterscheidungen immer nur einen selbst gelten, niemals jedoch per se auf andere übertragen werden können. Beobachtung zweiter Ordnung bedeutet, anderen die ihnen eigene Art der Rationalität und somit auch ihre eigene Moral zuzugestehen, die nicht automatisch keine Geltung mehr hat, nur weil sie der eigenen widerspricht.

Die zerstörte Brücke, Hubert Robert (1733-1808)

Meinungsfreiheit und politische Toleranz

Politische Toleranz kann es deswegen nur ganz geben – oder gar nicht. Ab dem Moment, in dem Einzelne abseits von den eigens dafür eingerichteten gesetzlichen Institutionen darüber zu urteilen versuchen, wo die Toleranz aufhört, bis wohin also die Moral und die Rationalität anderer von der jeweils eigenen abweichen darf, ab diesem Moment ist die Grundlage dafür gelegt, dass der politische Diskurs misslingt, da er potenzielle Diskurspartner ausschließt. Dies wiederum führt zur Abschottung der Gruppe der Ausgeschlossenen, dadurch zum Groupthink-Phänomen und somit letztendlich zur Radikalisierung. So wie Meinungsfreiheit also absolut gelten muss – Bedrohungen und Beschimpfungen, also Äußerungen, die offenkundig keinen sachlichen Inhalt haben und gerade auf die Diskreditierung des anderen und somit seinen Ausschluss aus der Kommunikation abzielen, ausgenommen –, so muss auch die Beobachtung zweiter Ordnung zunächst jedem gegenüber ausgeübt werden, und wenn das sachlich Geäußerte für den Zuhörenden noch so absurd, noch so falsch, noch so moralisch schlecht klingen mag.

Wir würden gut daran tun, bereits in der Schule mit dem Vermitteln einer solchen Form von Diskussionskultur zu beginnen. Es geht dabei nicht nur um eine Form der Bildung, die sich darauf beschränkt, den Kindern einzutrichtern, dass sie den anderen ausreden lassen sollen. Es geht genauso um die Frage, wie mit dem Gesagten konkret umgegangen wird und um eine Bildung, die darauf basiert, Kinder via Lehre von Beobachtung zweiter Ordnung zu sozialer Kommunikation zu erziehen – und damit zu sozialem Verhalten. Das Ergebnis wäre eine dialogfähige und demokratische politische Kultur, in der auch konservative und alternative politische Positionen wieder ihren legitimen Platz finden, anstatt eines sanft-totalitären, globalistischen Konsensbreis, in dem jeder Ansatz freien und kritischen Denkens im Gift des linken Moralins erstickt wird.

Florian Sander

Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD in NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er schrieb u. a. für ‚Le Bohémien‘, ‚Rubikon‘, ‚Linke Zeitung‘, den ‚Jungeuropa‘-Blog und ‚PI News‘, ist inzwischen Autor für ‚Arcadi‘, ‚Sezession‘, ‚Glauben und Wirken‘, ‚Wir selbst‘ und ‚Konflikt‘ und betreibt den Theorieblog ‚konservative revolution‘.

„Aus Liebe zur Kirche“ – Zum 30. Todestag von Erzbischof Marcel Lefebvre

„Aus Liebe zur Kirche“ – Zum 30. Todestag von Erzbischof Marcel Lefebvre

von Werner Olles

Das „Mitteilungsblatt“ der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) vom März 2021 widmet sich in einem umfangreichen Beitrag von Weihbischof Msgr. Bernard Tissier de Mallerais dem 30. Todestag des Gründers der „Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii Decimi“, der am 25. März 1991 im Schweizer Martigny verstarb. Am 29. November 1905 in der nordfranzösischen Stadt Tourcoing in einer kinderreichen, tiefgläubigen katholischen Familie geboren, trat er mit 18 Jahren in das französische Seminar in Rom ein und wurde im September 1929 zum Priester geweiht. Nach seinem Doktorat in Theologie begann er in der Diözese Lille seine pastorale Arbeit. Nach dem Noviziat in der Kongregation der Väter vom Heiligen Geist schickte man ihn nach Gabun, hier wurde er bald zum Rektor befördert und legte nach drei Jahren missionarischer Arbeit bei den Vätern vom Heiligen Geist seine ewigen Gelübde ab. 1945 rief ihn der Ordensobere nach Frankreich zurück und benannte ihn zum Rektor des Priesterseminars in Mortain. Im September 1947 wurde Pater Marcel Lefebrve zum Bischof geweiht und von Papst Pius XII. zum Apostolischen Gesandten für Französisch-Afrika ernannt. Hier gründete er Diözesen, Seminaren, Konvente und Schulen und wurde im September 1955 erster Erzbischof von Dakar.

Bischofsweihe von Marcel Lefebvre (4. von links, mit Krummstab und Mitra) am 18. September 1947 durch den Bischof von Lille, Achille Liénart.

Nach der Wahl von Johannes XIII. nahm er seit Juni 1960 an der Vorbereitungskommission des Zweiten Vatikanischen Konzils teil. In diese Zeit fiel seine Ernennung zum Bischof von Tulle, einer kleinen Diözese in Frankreich. Der Aufenthalt hier war jedoch recht kurz. Der Erzbischof spürte bereits den sich immer stärker ausbreitenden Modernismus, der mit der „Öffnung zur Welt“ einherging und augenfällig wurde im Ablegen der Soutane, dem sogenannten „Volksaltar“ und der Feier des Messopfers mit dem Rücken zum Kreuz und zum Tabernakel. Die Messe, an der immer weniger Gläubige teilnahmen, wurde vielfach nicht mehr so würdig gefeiert wie früher, konservative Priester und Bischöfe waren zunehmend entmutigt.

Am 11. Oktober 1962 wurde in Rom das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet. Die von der Vorbereitungskommission ausgearbeiteten Beschlüsse wurden sogleich verworfen und durch neue liberale und modernistische Texte ersetzt. Zwar widersetzte sich eine konservative Gruppe, der „Coetus Internationalis Patrium, die der Erzbischof maßgeblich prägte, dem Einzug liberaler Tendenzen in die Konzilstexte, doch letztlich konnte sie sich nicht gegen die besser organisierte Gruppe der Modernisten, die sogenannte „Rheinische Allianz“, durchsetzen, die die Unterstützung von Johannes XXII. und Paul VI. genossen. Die Progressisten siegten auf ganzer Linie, Erzbischof Lefebvre und die konservative Minderheit, die die Beschlüsse des Konzils zur Religionsfreiheit, zur bischöflichen Kollegialität und dem Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen scharf kritisierte und abgelehnt hatten, zogen den Kürzeren.

Als auch seine Ordensgemeinschaft den „Geist des Konzils“ annehmen sollte, legte er sein Amt als Generaloberer nieder und überlegte sich mit dreiundsechzig Jahren zurückzuziehen. Als ihn jedoch immer mehr Bitten junger Männer erreichten, die eine traditionelle priesterliche Ausbildung suchten, eröffnete er in der Schweiz ein neues Seminar, zunächst in Fribourg, später dann in Ecône. Am 1. November 1970 unterzeichnete Bischof Charriere das Errichtungsdekret der FSSPX, Kardinal Wright, Präfekt der Kleruskongregation in Rom schickte ein lobendes Ermutigungsschreiben. Im Juni 1971 wies der Erzbischof den neuen Ordo Missae offiziell zurück, wie auch den Tadel der beiden von Rom beauftragten „Visitatoren“, den Msgr. Lefebvre mit seinem „Bischöfliches Manifest“ adäquat beantwortete. In den 1980er und 1990er Jahren rissen die Berufungen aus aller Welt nicht ab. Neue Priesterseminare mußten gegründet werden, beispielsweise in den USA, in Deutschland, in Frankreich, in Argentinien und Australien. Rom reagierte auf die Bischofsweihe der Priester Bernard Tissier de Mallerais, Bernard Fellay, Alfonso de la Galaretta und Richard Williamson durch den Erzbischof mit der Exkommunikation derselben, die jedoch am 7. Juli 2007 von Papst Benedikt XVI. in Zusammenhang mit seinem Motu Proprio „Summorum pontificum“, das erlaubte die lateinische Messe im alten Ritus feiern, wieder aufgehoben wurde. Gleichzeitig stellte Benedikt fest, daß die „alte lateinische Messe“ nie verboten war. Damit befindet sich die FSSPX auch nicht im Schisma mit Rom, wenngleich ihr bis heute kein kanonischer Status zugestanden wird, der es ihr erlauben würde, eine Personalprälatur zu errichten. Natürlich gab es auch etliche Rückschläge, viele Priester verließen die Bruderschaft, um sich tradionalistischen Vereinigungen wie der Priesterbruderschaft St.Petrus, dem Institut St. Philipp Neri oder den Servi Jesu et Mariae anzuschließen, die der Ecclesia Dei-Kommission unterstehen und von Rom kanonisch anerkannt sind. Der Skandal um den englischen Bischof Williamson, der im schwedischen Fernsehen den Holocaust leugnete, erschütterte die FSSPX, die Williamson schließlich wegen Ungehorsam ausschloß. Ein Problem besteht auch mit den Sedisvakantisten, die den Hl. Stuhl nach dem Tod von Papst Pius XII. für nicht besetzt halten und die nachfolgenden Päpste als Häretiker beziehungsweise Apostaten bezeichnen. Zwar hatte auch Erzbischof Lefebvre den Zustand der Sedisvakanz nach dem Zweiten Vaticanum nie völlig ausgeschlossen, letztlich jedoch vor einem solchen Schritt zurückgeschreckt, um den Kontakt zu Rom nicht gänzlich abreißen zu lassen. Tatsächlich ist die Haltung der FSSPX zur Papstfrage in mancherlei Hinsicht widersprüchlich. Man kann wohl nicht einerseits einem Papst den Gehorsam verweigern und ihn dennoch als rechtmäßigen Papst anerkennen, auch wenn er theologisch eine liberale, modernistische Haltung einnimmt und ihm andererseits gehorchen, wenn er sich konservativ beziehungsweise traditionalistisch äußert. Zudem verwendet auch die FSSPX das bereits von Johannes XXIII. geänderte Meßbuch von 1962, in dem einige wichtige Passagen gestrichen wurden.

Dennoch muß man, auch wenn man vielleicht der Priesterbruderschaft St. Pius X. in bestimmten theologischen Fragen durchaus kritisch gegenübersteht, ihr neidlos zugestehen, daß sie „aus Liebe zur Kirche“ – wie der Titel des neuen Interviewbuches mit dem ehemaligen Generaloberen Bischof Fellay lautet –, in ihrem inzwischen über fünf Jahrzehnte währenden Widerstand gegen den geistlosen Modernismus und zeitgeistigen Opportunismus, der auch in die Römisch-Katholischen Kirche eingezogen ist, Großes geleistet hat.

Heute hat die Piusbruderschaft weltweit über 700 Priester, drei Weihbischöfe, zahlreiche Seminare und Schulen, und Berufungen von jungen Männern aus vielen Völkern. Das Werk des Erzbischofs, lebt in der Tat weiter, wenngleich die Probleme mit Rom fortbestehen, und eine offizielle kanonische Anerkennung trotz weiterhin bestehender Kontakte in weiter Ferne zu liegen scheint. Doch wie man als gläubiger Christ weiß, ist bei Gott kein Ding unmöglich. Und so stehen auf dem Grabstein des Erzbischofs auch die Worte: „Traditi quod acecpi“ („Ich habe weitergegeben, was ich empfangen habe“).

Kontakt: Priesterbruderschaft St. Pius X. Stuttgarter Str. 24, 70469 Stuttgart. www.fsspx.de

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor der Bücher:

Die LGBTQ-Ideologie und die Auflösung der westlichen Identität

Die LGBTQ-Ideologie und die Auflösung der westlichen Identität

von Prof. Dr. David Engels

Seit die Europäische Union am 11. März 2021 zur “LGBTQ-Freiheitszone” erklärt wurde, ist die Debatte um die “LGBTQ”-Ideologie in den Medien allgegenwärtig – und damit auch die Kritik an jenem “intoleranten” und “autoritären” Polen, in dem Homosexuelle angeblich ständige Angriffe auf ihre “Rechte” und sogar ihre körperliche Unversehrtheit erleiden. Abgesehen von den zahlreichen Absurditäten, die aus der bewussten Verdrehung der Tatsachen selbst resultieren, finden wir im Kern dieser Debatte einen Mangel an Unterscheidungsvermögen, der ganz typisch für unsere heutige Welt ist: den zwischen der Person und der Ideologie.

Zwar war Polen eines der ersten Länder in Europa, das die Homosexualität entkriminalisiert hat (1932; Deutschland im Vergleich dazu erst 1969), aber zwischen der Toleranz der freien Gestaltung des Privatlebens einerseits und der Gleichstellung hetero- und homosexueller Beziehungen andererseits liegt ein gewaltiger Schritt, den die Mehrheit der polnischen Bevölkerung und damit auch ihr Parlament und ihre Regierung nicht zu gehen bereit sind. Es geht in der aktuellen Debatte also keineswegs um den bloßen “Schutz von Minderheiten”, denn diese Minderheiten haben schon heute von der Gesellschaft oder dem Staat absolut nichts zu befürchten. Im Gegenteil, es handelt sich um eine fundamentale ideologische Entscheidung mit schwerwiegenden Folgen für die gesamte Gesellschaft, und aus diesem Grund müssen wir von einer echten “LGBTQ-Ideologie” sprechen, die untrennbar mit dem gesamten “politisch korrekten” Universalismus verbunden ist.

Dieser Ideologie zufolge ist die sexuelle Identität eines Menschen eine bloße “soziale Konstruktion” ohne realen Bezug zu seiner körperlichen Konstitution, und die Freiheit des Individuums besteht darin, ständig ein anderes “Geschlecht” und damit andere sexuelle Rollen annehmen zu können. Dies impliziert nicht nur die Forderung nach der Ehe für alle, die Liberalisierung des Adoptionsrechts, die Verharmlosung von Geschlechtsumwandlungstherapien und -operationen, die Forderung nach repräsentativen “Quoten” in allen denkbaren Körperschaften und die Einführung von LGBTQ-Themen bereits in der Grundschule oder sogar im Kindergarten, sondern auf lange Sicht, wie wir sehen werden, auch die Auflösung des Begriffs der natürlichen Familie selbst. Als ein auf jeder Stufe zentrales Argument erscheint hier (abgesehen von den rein rhetorischen Appellen an den Respekt vor der “Liebe”) die Kunstfigur des “kleineren Übels”, das beständig die (schädlichen) Folgen gescheiterter heterosexueller Beziehungen mit den (nützlichen) erfolgreicher homosexueller Verbindungen vergleicht: das “kleinere Übel”, dass Kinder besser bei liebenden homosexuellen Eltern aufwachsen als bei unglücklichen heterosexuellen Eltern; das kleinere Übel, dass homosexuelle Paare besser mit dem Segen der Kirche heiraten als dem Glauben„entfremdet“ werden; das “kleinere Übel”, dass die Ehe für alle zusammen mit der finanziellen Stabilität auch die politische Inklusion homosexueller Paare garantiert; usw. Aber wie üblich fehlt in dieser rein individualistischen und rationalistischen Gleichung der Gedanke an die Interessen der Gesellschaft als einer Gesamtheit, denn was für einige wenige Individuen ein “kleineres Übel” sein mag, kann die Grundlagen einer ganzen Zivilisation destabilisieren.

Natürlich liegt das Problem nicht (oder nicht nur) auf der Ebene einer drohenden “Relativierung” der natürlichen Familie, da sich die beiden Konzepte (noch) nicht in einer unmittelbaren Konkurrenzsituation befinden: Nur wenige Heterosexuelle würden ihre sexuelle Orientierung ändern, um von den rechtlichen Vorteilen einer homosexuellen Beziehung zu profitieren oder umgekehrt. Nein, das Problem ist ein grundsätzliches: Von dem Moment an, wo nicht mehr das Naturrecht und der Respekt vor den grundlegenden historischen Institutionen die Konstruktion der Familie und der Erziehungseinheiten bestimmt, auf denen unsere Gesellschaft beruht, sondern der reine soziale Konstruktivismus, werden auch alle anderen Grenzen früher oder später fallen. Sobald die Ausnahme unter dem Deckmantel des “Minderheitenschutzes” auf das gleiche Niveau wie die Norm gehoben wird, verliert letztere jegliche Bedeutung, und die Gesellschaft implodiert schnell in eine Vielzahl von Parallelgesellschaften, in denen nicht mehr der Konsens aller, sondern die stärkste Minderheit den Rest dominiert (was natürlich nicht nur für sexuelle Minderheiten gilt, sondern auch für ethnische, kulturelle, religiöse oder politische Gruppen).

Denn die Sexualität, losgelöst von ihrem eigentlichen physischen Träger und ihrer natürlichen Rolle als Mittelder Fortpflanzung, wird notwendigerweise zu einer Art Zeitvertreib, den zu begrenzen oder auf die eine oder andere Weise zu regulieren absurd wäre: Und wenn die verschiedenen Varianten der Homosexualität nicht nur toleriert, sondern der traditionellen Familie gleichgestellt werden, gibt es auch kein logisches Argument mehr, die Legalisierung polygamer, inzestuöser oder gar pädophiler bzw. zoophiler Konstellationen zu verbieten, wie sie von der Linken und den Grünen spätestens seit den 1968er Jahren gefordert wird. Schlimmer noch: Die Integration des Sozialkonstruktivismus in die Definition von Paar und Familie birgt nicht nur die Gefahr, dass es früher oder später zu einer Trivialisierung und damit zur Ausbreitung von grundsätzlich ungesunden, ja kriminellen Praktiken kommt, sondern diese Ideologie zeichnet sich geradezu durch ihre Feindschaft gegenüber dem etablierten heterosexuellen Modell aus. Die Linke begnügt sich nicht damit, sie als eine Option unter vielen möglichen Kombinationen überleben zu lassen, sondern assoziiert die traditionelle Familie, die durch die Banalisierung von Scheidungen und das Aufkommen der Patchwork-Familie bereits auf eine harte Probe gestellt wurde, mit einem vermeintlich unterdrückerischen, reaktionären, ja “fachistoiden” “patriarchalischen” Modell, wie schon Horkheimer und Deleuze betont hatten.

Weit davon entfernt, die Rechte einer winzigen “bedrohten” Minderheit gegen eine große unterdrückerische Mehrheit zu verteidigen, untergräbt diese komplexe und zutiefst antihumanistische Ideologie derzeit die letzten Grundlagen eines Familienmodells, das von allen Seiten angegriffen wird. Indem sie versuchen, die abendländische Gesellschaft von ihren letztennaturrechtlichen und traditionalen Grundlagen abzukoppeln, agieren LGBTQ-Aktivisten also nur als “nützliche Idioten” in einem ideologischen Kampf, dessen volles Ausmaß ihnen wahrscheinlich nur selten selber voll bewusst ist. Es ist daher verständlich, dass jede wirklich konservative Regierung früher oder später sehr klare Grenzen setzen muss, um ihre Werte zu verteidigen und einen Unterschied zu machen zwischen der Duldung der persönlichen Entscheidung einzelner Individuen und der formalen Legalisierung einer Ideologie, die droht, das, was von der westlichen Identität noch übriggeblieben ist, vollends zu unterhöhlen. Polen, und mit ihm viele Länder Osteuropas, hat diese Wahl getroffen, und Westeuropa, dessen Regierungen die gegenwärtige Europäische Union dominieren, scheint seine eigene am 11. März 2021 mit Unterstützung der „Christdemokratie“ ebenfalls gefällt zu haben. Die Zukunft wird deutlich zeigen, welche Folgen diese Entscheidung für die Stabilität, den Wohlstand und die Gesundheit der jeweiligen Gesellschaften haben wird…

Übersetzt aus dem Französischen von Visegrád Post. Dort wurde es auch erstveröffentlicht: https://visegradpost.com/de/2021/03/16/die-lgbtq-ideologie-und-die-aufloesung-der-westlichen-identitaet/?fbclid=IwAR326IHs3NfJIbw_ePHhQPFshFfREUhXYdBgmXMAENrSXdevK7c-MDoYcas

Wir danken Prof. Dr. David Engels für die Veröffentlichungsgenehmigung.

David Engels
David Engels

Prof. Dr. David Engels ist ein belgischer Historiker und hat derzeit eine Forschungsprofessur am Instytut Zachodni in Posen inne, wo er verantwortlich ist für Fragen abendländischer Geistesgeschichte, europäischer Identität und polnisch-westeuropäischer Beziehungen. Als Spezialist für alte, insbesondere für römische und seleukidische Geschichte ist er auch ein Denker des europäischen Konservatismus, der sich seit über einem Jahrzehnt mit Fragen der Identität, vor allem in der französisch- und deutschsprachigen Presse, befasst. 2013 veröffentlichte er Le Déclin, wo er die derzeitige Europäische Union und die rückläufige Römische Republik methodisch verglich. 2019 veröffentlichte er Renovatio Europae: Plädoyer für einen hesperialistischen Neubau Europas, gefolgt von Que faire?, Zwei Werke, die sich der Zukunft Europas zuwandten; das erste befasste sich mit der Reform der Institutionen und das zweite wandte sich an die einzelnen Menschen.

Zeitschrift Tumult: über die Taschenspielertricks der „offenen Gesellschaft“

von Werner Olles

Zeitschrift Tumult: über die Taschenspielertricks der „offenen Gesellschaft“

Zeitschriftenkritik: Tumult

Als „Pluralismus des Abgeschmackten“ bezeichnet Herausgeber Frank Böckelmann in seinem Vorwort zur Frühjahrs-Ausgabe 2021 von „Tumult“, der „Vierteljahresschrift für Konsensstörung“, die mit einem Taschenspielertrick als Schutzherrin der Vielfalt auftrumpfende „offene Gesellschaft“. Tatsächlich zähle sie nur „Gleiche und Tolerante“ zu den Vielen: „Blendet man aber bei Deutschen und Türken, bei Katholiken und Sunniten und bei Schürzenjägern und Knabenliebhabern das Überschwängliche und Unleidliche aus, hat man nur noch theatralische Repräsentanten vor sich“. Doch schreite im Geiste der Kampagnen des „Woke Capital“ die kulturelle Einebnung auf Erden stürmisch fort. Quotenregelungen setzten sich sogar auf den Besetzungslisten der TV-Produktionsfirmen und bei der Auswahl von Kriminalstoffen durch: Es herrsche strikte Rechtfertigungspflicht unter Demokraten. Pathetischer Minderheitenkitsch, Toleranz und Vielfalt entpuppten sich als „Wegbereiter einer vormundschaftlichen Weltordnung, die aufräumt mit nationaler Halsstarrigkeit“. Am Ende stehe „die digitale Zusammenschaltung unserer Gehirne“, die ausschließlich einvernehmliche Gedanken teilen.

Frank Böckelmann, Herausgeber von Tumult – Vierteljahresschrift für Konsensstörung

Der Literaturwissenschaftler Peter J. Breuner beschreibt das Corona-Regime der Bundesregierung als „Aneinanderreihung einer so beachtlichen Anzahl von schwerwiegenden Fehlleistungen, daß es auch den Qualitätsmedien nicht verborgen bleiben konnte“. Vom lange bestrittenen Schutzeffekt einer „Maskenpflicht“ und dann deren brachiale Durchsetzung, für die wiederum die Bundeswehr ein Transportflugzeug in der Ukraine anmieten mußte, um die Masken aus China heranzuschaffen, über das Scheitern der Corona-App, der Überforderung der 380 deutschen Gesundheitsämter, der ernüchternden Ahnungslosigkeit des RKI, der irrlichternden Lockdown-Politik bis zum Impfchaos um die Jahreswende, ergab sich das Bild einer „orientierungslosen Regierung und einer funktionsuntüchtigen Verwaltung“. So blieb nur der Rückgriff auf das „Repertoire eines Notstandsregimes“, das den kalten Hauch der DDR durch das Land wehen ließ. Über DDR-Maß hinaus ging das von der Berliner Infektionsschutzverordnung verhängte Verbot des Singens in geschlossenen Räumen. Doch gebe es den Staat, der diese Ordnungsmacht ausüben und Risiken beherrschen könnte, nicht mehr. Ein schönes Beispiel dafür sei die Mitteilung des Bundesamtes für Migration vom Mai 2020, nach der über 416.000 „Flüchtlinge“ in Deutschland das Geburtsdatum 1. Januar haben. Die Praxis der Personenstandsverwaltung erlaube jedem, der einmal seinen Paß entsorgt habe, seinen Geburtstag frei zu wählen, auch über das Geburtsjahr kann ebenso beliebig verfügt werden, wie über den Geburtsort, das Herkunftsland oder das Geschlecht. So entstehe eine „behördliche Lügenwelt“, von der Wissenschaft und den Mainstreammedien gefördert und umjubelt: Die marxistische Prophezeiung vom Absterben des Staates verkomme so zum „zerschlagenen und gelähmten Staat, (der) zum Manövrierfeld globaler Hasardeure wird, die überall ihre willigen Vollstrecker finden“. Doch falle „Panikstimulation statt Krisenkommunikation“ in Deutschland auf besonders fruchtbaren Boden durch die Mobilisierung der Angstkultur seit der Friedens- und Umweltbewegung der 1970er Jahre. Heute werde speziell in der Klimadiskussion die Panikbereitschaft als politische Tugend gefeiert, „unter deren Schutzschild unreife Halbwüchsige von den durchinfantilisierten politischen und Wirtschaftsführern der westlichen Welt als Heilsbringer umjubelt werden“. Warum erwachsene Menschen sich in dieser Weise von Pubertierenden zum Narren machen lassen und politisch korrekten Brachialkitsch goutieren, bleibt wohl ewig ein Rätsel.

Der Historiker und Soziologe Friedrich Pohlmann sieht zwar „Widerstand im Reich der großen Lüge“, doch habe sich die in alle Ritzen der Gesellschaft eingedrungene „Phraseologie des humanitaristischen Moraluniversalismus“ als giftiges Lügengewebe entpuppt, um die willige Mithilfe der Bevölkerung mittels konditionierender Indoktrination eines Sprachregimes an ihrer eigenen Entmachtung und schließlichen Ersetzung im „großen Austausch“ durchzusetzen. Das als „bösartige Überwältigung“ empfunden politisch gewollte Eindringen von Millionen kulturfremder junger Männer über die ungesicherten deutschen Grenzen habe als psychische Antriebe des Widerstandswillen, Zorn, Empörung, Verachtung und Ekel bis zum Haß mobilisiert: „Im moralischen Ekel kulminiert Verachtung. Seine Ableitung vom physischen Ekel, dessen Inbegriff Erbrechen ist, zeigt, daß er eine Reaktionsform gegen Personen ist, in den „Speichelleckerei“ und Heuchelei zusammenfließen; gegen Kreaturen vom Schlage eines Haldenwang oder Maas oder gegen die vielen lobhudelnden Schreiberlinge eines Regimes, dessen klarste Verkörperung auf unterer Ebene der Denunziant ist. Ihnen gegenüber wird schon ein vorgestellter Händedruck als Beschmutzung erfahren“. Wenn die Lüge als charakterischste Sprachäußerung der Macht empfunden werde, wachse dem Haß eine „quasi metaphysische Tiefenschicht zu“, denn, so Arnold Gehlen in „Moral und Hypermoral“: „Teuflisch ist, wer das Reich der Lüge aufrichtet und andere Menschen zwingt, in ihm zu leben. Er stiftet das Reich der Verrücktheit, denn es ist Wahnsinn sich in der Lüge einzurichten“. Zwar stimuliere entgrenzter Haß Erniedrigungs- und Gewaltphantasien und dürfe nicht gewollt werden, aber der „gezügelte“, von Gewaltwünschen gereinigte Haß lasse sich unter den gegenwärtigen Bedingungen sehr wohl gutheißen. So war beispielsweise der Verfassungsschutz nie ein neutrales Organ, nach Besetzung seiner Spitze mit einem Lakaien jedoch zum „vollständig willfährigen Instrument einer Exekutive geworden, gegen die er eigentlich vorgehen müßte“. Da die politische Korrektheit mittlerweile eine Vielzahl von Themenfeldern wie Migration, EU, Euro, Klima, Geschlechterverhältnis, Geschichtspolitik, Corona fest im Griff habe, sollte „Widerstand“ im und gegen das Reich der großen Lüge eine Gegen-Sprache kultivieren gegen die argumentationsunwillige Regime-Sprache, die „inhaltliche Kontur primär als Widerpart der Leitideen des humanitaristischen Universalismus“ betone.

Der vom „Konflikt Magazin“ übernommene Beitrag „Von der Anklage hin zur Kritik“, setzt sich mit dem Artikel „Zwei Ideen fusionieren“ von David Engels auseinander. Engels zeichnet hier die Vision eines vollendeten Globalismus, in welchem eine kleine Kapitalelite über eine eigentums- und machtlose Masse herrscht. Tatsächlich sei „der angepeilte Weltstaat jedoch nicht Resultat einer ideologischen Konvergenz von Liberalismus und Sozialismus, sondern notwendiges Endergebnis eines anhaltenden kapitalistischen Strukturwandeln“, seit global agierende Konzerne wie Google, Amazon, Facebook oder Ikea ein „kulturell wie politisch links verankertes Weltbild“ propagierten, dessen moralische Werte etwa Toleranz, Multikulturalismus und Gleichberechtigung umfaßten. Die Regenbogenflagge sei somit zu einem Sinnbild neoliberal-globalistischen Hegemoniestrebens geworden und schmücke zu Recht die Botschaften westlicher Staaten in Moskau oder Bagdad.

Der Germanist und Philosoph Rainer Hackel beschäftigt sich in seinem Essay „Ernst Jünger in Afrika“ mit den Tagebuchaufzeichnungen Jüngers aus Schwarzafrika und den „Afrikanischen Spielen“. Vor allem in seinen Tagebüchern vertrat der berühmte Autor durchaus kulturrelativistische Positionen und schilderte magische Praktiken, Besessenheit und sogar Menschenopfer, ohne sie zu rationalisieren oder als Aberglaube abzutun. Als er in einem Dorf in Liberia zum Ehrenhäuptling ernannt wird und der Superintendent betont, daß die Ehrung einem Veteranen zweier Weltkriege verliehen werde, kommentiert Jünger dies mit den Worten:“ Um so etwas zu hören, muß man zu den Mohren gehen“. Bei all seinem Unbehagen und seiner Kritik an der westlichen Welt läßt er aber keinen Zweifel daran, daß die Afrikaner den Europäer zum Vorbild erkoren haben, anstatt im Sinne der historisch gewordenen Negritude ihrem „Nomos“ zu folgen: „Für Jünger wäre sowohl die Angleichung afrikanischer Kulturen an die von digitalem Nihilismus und gesellschaftlicher Atomisierung geprägte westliche Welt als auch die zu erwartende Völkerwanderung von kulturell entwurzelten Menschen verhängnisvoll – führte beides doch in den Malstrom der Seinsvergessenheit und schließlich zur Implosion der Weltgesellschaft“.

Während Konrad Adam den Verlust des schönen Geschlechts als Resultat der feministischen Ideologie, des Egalitarismus und der Gleichheitssprogramme beklagt, die inzwischen sogar die Streitkräfte erfaßt haben und alle Welt darauf wartet, daß „eine Oberkommandierende ihre Männer ins Feuer schickt“, habe die angeblich so prüde, frauen- und sexualfeindliche Kirche, lebenserfahren wie sie war, der natürlichen Sinnlichkeit und Schönheit glücklicherweise nie ganz abgeschworen und das rigorose Bilderverbot des Alten Testament ignoriert. Nachzutragen sei nur noch, daß die Emanzipation das kinderlose Ehepaar hervorgebracht habe, was beweise, daß die Emanzipationsbewegung offensichtlich unfruchtbar war und daher keine Zukunft habe, ihre Ziele jedoch leider längst erreicht habe.

Der in Taiwan als Übersetzer lebende Marius R. Winter lobt Trumps Außenpolitik, die die Gefährlichkeit des imperialen Machtanspruchs Chinas erkannt, und der im Gegensatz zu seinem völlig überschätzten Vorgänger eine realistische Vorstellung von den Blutbädern und Verbrechen der KPCh gehabt habe. In Deutschland und Europa hat sich China hingegen bereits festgesetzt und versucht sein Zensurwesen hierher zu exportieren. Wer sich freundlich über den Dalai Lama oder Taiwan äußere, den treffe der Bannstrahl und die bösartigen Drohungen Pekings, wozu auch die Geschlossenheit zwischen Partei und Volk beitrage. Die muslimischen Uiguren in Xinjang hatten schon unter Mao schlimm zu leiden, doch seit zwei Jahrzehnten versucht das Regime mit brutalen Methoden ihre Religion, Kultur und Sprache konsequent auszulöschen. Der Widerstand gegen diese Unterdrückung sei kein Terrorismus, sondern Selbstverteidigung. Trumps Unterstützung für die unabhängige Demokratie Taiwan, wurde von den Taiwanern sehr geschätzt, fand jedoch in Deutschland kein Verständnis, weil man hier einfach nicht wahrhaben will, daß die Welt kein friedlicher Ort ist. Für Taiwan ist Pazifismus hingegen Selbstaufgabe gegenüber dem kommunistisch-imperialistischen Aggressor, der im Falle einer Übernahme der Insel Massaker ungeahnten Ausmaßes verüben und eine ganze Kultur restlos vernichten würde.

Der Medizinhistoriker und Verleger Armin Geus analysiert den Koran und die Scharia und verweist auf den Staatsrechtler Schachtschneider, der schon vor zehn Jahren deren generelle Unvereinbarkeit mit dem Grundgesetz festgestellt habe. In seinem pathographischen Essay „Die Krankheit des Propheten“ hatte Geus bereits den maßlosen Größenwahn, die Gewaltexzesse, Racheorgien und sadistischen Obsessionen des sogenannten Propheten beschrieben“ und seine pädosexuellen Neigungen, Lügen und dämonischen Besessenheiten als Krankengeschicht eines vom Wahnsinn gezeichneten Mannes gedeutet. Seiner Diagnose, die Krankheit des Propheten sei eine chronisch verlaufene paranoid-halluzinatorische Schizophrenie gewesen, werden die meisten Muslime gewiß nicht zustimmen, sollte Andersgläubige jedoch nicht davon abhalten, die nur um Wählerstimmen der Mohammedaner besorgten linken Parteien und versöhnungsbedürftigen Moderatoren mit den glaubwürdigen Erkenntnissen des Autors zu konfrontieren.

Kontakt: tumult.bestellen@t-online.de Das Einzelheft kostet 10 Euro, ein Jahresabo 40 Euro. Hier kann man das aktuelle Heft direkt bestellen: http://www.tumult-magazine.net

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor des Buches:

Der Ökonomisierung der Bildung entgegentreten

von Florian Sander

Der Ökonomisierung der Bildung entgegentreten

Eine konservative Abgrenzung von neoliberalen Auswüchsen

Die britischen Liberalen, die vor Jahren als Junior-Partner der Koalition im Vereinigten Königreich mitregierten, erleben seinerzeit, welche Folgen gebrochene Wahlversprechen haben können. Nachdem sie im Wahlkampf versprochen hatten, die Studiengebühren nicht anzuheben, hatte die Regierung dann doch eine Verdreifachung der Studiengebühren beschlossen, wonach die Universitäten ab September 2012 Studiengebühren in Höhe von bis zu 9000 Pfund im Jahr erheben dürfen. Dies hat Proteste nach sich gezogen, die später gar in einem Angriff auf Prinz Charles und dessen Gattin und weiterer Gewalt mündeten.

Das Beispiel der britischen Hochschulpolitik führt eine wichtige Erkenntnis vor Augen. Die britischen Studenten kämpften, ganz ähnlich ihren deutschen Kommilitonen im Rahmen des bundesweiten „Bildungsstreiks“, nicht nur gegen eine übermäßige Belastung ihres Geldbeutels mit der häufigen Folge späterer Verschuldung und einer gesellschaftsweiten sozialen Ungleichheit in der Frage des Zugangs zur Hochschulbildung, sondern auch gegen die Abwertung der Geisteswissenschaften vor dem Hintergrund einer Ökonomisierung eben jener Hochschulbildung. Gefördert werden sollen nämlich nur noch technische, mathematische und naturwissenschaftliche Studiengänge. Geistes- und Sozialwissenschaften wurden damit – nicht offen, aber implizit – für überflüssig erklärt.

Das Unwesen der Bologna-Reform

Derartig deutlich wie im Vereinigten Königreich hat in Deutschland bisher noch keiner der relevanten politischen Akteure seine Ignoranz gegenüber den Geisteswissenschaften bekundet. Deutliche Ansätze in diese Richtung waren aber dennoch seit der Bologna-Reform zu spüren. Die deutschen Studenten sollen vor allem als Humankapital für die Wirtschaft fit gemacht werden: Die Abschlüsse sollen vergleichbarer werden, das Studium kürzer und verschulter, die Inhalte „praxisnäher“, die Organisation vermeintlich „effizienter“. Mit der Einführung der auf anglo-amerikanische Standards zurechtgestutzten Bachelor-Master-Abschlüsse wurde das bewährte deutsche Diplom, bislang überall auf der Welt unhinterfragtes akademisches Qualitätssiegel, verdrängt. Die installierten Hochschulräte, ausgestattet mit erstaunlich weitreichenden Kompetenzen, wirken in ihrer Zusammensetzung nicht selten wie operative Kopplungen, über welche das Wirtschaftssystem seine (Profit-)Interessen besser in die Wissenschaften projizieren kann.

Es ist kein Geheimnis, dass dies oftmals eher vom linken Teil des politischen Spektrums problematisiert wird, während Union und FDP derlei Strukturen zu ihrer hochschulpolitischen Zielsetzung erklärt hatten. Konservative – und zwar nicht nur Sozialpatrioten, sondern nicht zuletzt auch „bürgerliche Liberalkonservative“ – sollte dies jedoch irritieren: Grundlage jeder freiheitlichen Programmatik ist immerhin die Verteidigung der verfassungsrechtlich garantierten Freiheiten. Und diese Freiheiten beziehen sich entgegen dem, was Juristen in ihren semantischen Selbstbeschreibungen gerne erzählen, nicht nur auf Individuen, sondern im Zuge einer soziologischen Perspektive vor allem auch auf die Autonomie der Funktionssysteme der modernen Gesellschaft.

Gebote der funktionalen Differenzierung

Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft, aufrecht erhalten durch die Verfassung als struktureller Kopplung von Politik und Recht, bildet die Grundlage der liberalen Demokratie. Über die Grundrechte sichert sie u. a. die Pressefreiheit (Autonomie des Massenmediensystems), das Recht auf Eigentum (Autonomie des Wirtschaftssystems), die Freiheit der Kunst (Autonomie des Kunstsystems) oder eben die Freiheit der Forschung und der Lehre (Autonomie des Wissenschaftssystems). Dies negiert freilich keine strukturellen Kopplungen des Wissenschaftssystems mit anderen Funktionssystemen, wie sie beispielsweise über Politikberatung, Marktforschung etc. zweifelsohne vorhanden sind und als solche auch ihre Existenzberechtigung besitzen.

Gleichzeitig bedeutet „Freiheit der Wissenschaft“ aber eben auch die Freiheit von der ausufernden Hegemonie einer wirtschaftlichen Codierung: Es kann und darf in der Wissenschaft eben nicht nur darum gehen, was ökonomisch von Nutzen ist. Es kann und darf nicht das Ansinnen der Forschung sein, ausschließlich Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was wirtschaftlichen Profit bringt. Und es kann und darf nicht das Ansinnen der Lehre sein, Studenten zu möglichst adäquatem wirtschaftlichem Humankapital zu verarbeiten. Legitime Forderungen, die insbesondere im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks in den letzten zwei Jahren wieder zunehmend von Studierenden artikuliert worden sind.

Loslösung von finanziellen Zwängen

Die Geschichte der Menschheit hat gezeigt, dass die Erfahrung oder die Konstruktion des Wissens einer Gesellschaft über verschiedenste Wege zustande kommt. Wer diese Wege durch ein ökonomisches Primat beschneiden und verengen will, der arbeitet nicht nur aktiv auf eine kollektive Verblödung hin, sondern tut zugleich das, was gerade der Bologna-Zeitgeist andauernd kritisiert: Er macht die Wissenschaften ineffizient. Gute wissenschaftliche Arbeit benötigt Kreativität und Freiraum. Sie benötigt daher auch – so idealistisch dies für manchen klingen mag – die Losgelöstheit von ständigen finanziellen Zwängen und Konditionen.

Einer meiner Professoren drückte es einmal plastisch aus: „Man muss sich in der Wissenschaft auch mal mit etwas beschäftigen können, was erst einmal unnütz wirkt.“ Letztlich sind es genau diese Beschäftigungen, die in der weiteren Arbeit die Resultate bringen, die dann vom Rest der Gesellschaft schließlich doch als „nützlich“ eingeschätzt werden. Die nötige geistige Elite ist kein Produkt von hyperschnellen Studiengängen, in denen Studenten mit nichts anderem beschäftigt sind, als in der Regelstudienzeit einer Unmenge von Scheinen, Leistungs- und Teilnahmenachweisen hinterher zu jagen. Die geistige Elite ist das Produkt von Studiengängen, die wissenschaftliche Neugier stimulieren und bewusst Freiräume zulassen, in denen Studenten ihr Wissen vertiefen können.

Wilhelm von Humboldt (Lithographie von Franz Krüger)

Humboldtsches Bildungsideal

Gerade Konservative sollten um die Bedeutung einer solchen, auch einmal nicht nur ökonomischen, sondern wissenschaftlichen Freiheit wissen. Stichwort: Das Bildungsideal nach Wilhelm von Humboldt – Einsamkeit und Freiheit als Grundbedingungen akademischer Tätigkeit. Diese Erkenntnis negiert nicht die Notwendigkeit von Wirtschaftlichkeit. Sie bringt jedoch die Einsicht mit sich, dass Wirtschaft ein Instrument ist – kein Selbstzweck. Letztendliche Grundlage für die Weiterentwicklung und den Fortschritt einer Gesellschaft ist nicht das Erzielen von finanziellem Gewinn, sondern das Erlangen von Wissen. Wenn Konservative für Freiheitlichkeit einstehen wollen, so sollte sich eben dieses Credo auch in der hochschulpolitischen Konzeption der AfD niederschlagen.

Florian Sander

Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD in NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er schrieb u. a. für ‚Le Bohémien‘, ‚Rubikon‘, ‚Linke Zeitung‘, den ‚Jungeuropa‘-Blog und ‚PI News‘, ist inzwischen Autor für ‚Arcadi‘, ‚Sezession‘, ‚Glauben und Wirken‘, ‚Wir selbst‘ und ‚Konflikt‘ und betreibt den Theorieblog ‚konservative revolution‘.

Verfassungsschutz als Konkurrenzschutz: …und täglich grüßt der Extremist!

von Klaus Kunze

Verfassungsschutz als Konkurrenzschutz: …und täglich grüßt der Extremist!

Das Publikum läßt sich immer weniger beeindrucken durch staatliche “Extremismus”-Alarmschreie. Es hat sich herumgesprochen, daß als Extremist immer etikettiert wird, wer der jeweiligen Regierung besonders unangenehme Konkurrenz macht.

Eine Partei amtlich als verdächtig zu stigmatisieren, hat den Zweck, ihr qualifizierte Mitglieder zu entziehen, weil Beamte und öffentliche Bedienstete um ihre Stellung fürchten. Eine inhaltliche Diskussion darüber, was Extremismus überhaupt ist, wird tunlichst vermieden. Sie könnte sonst auf ihre Urheber und die amtlichen Stigmatisierer selbst zurückfallen.

Juristisch ist ein Extremist, wer die grundlegenden Verfassungsentscheidungen des Grundgesetzes ablehnt und bekämpft. Das ist bei bei sauberer Anwendung begrifflicher Kategorien leicht möglich, weil die Merkmale der freiheitlichen demokratischen Grundordnung höchstrichterlich und gesetzlich feststehen. Zu ihnen zählen die Verfassungsentscheidungen für die Republik als Staatsform, die Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratieprinzip und andere.

Unschwer läßt sich nachweisen, daß eine Partei wie die SED, die sich jetzt die Linke nennt, nur mit einem Bein in unserer Grundordnung angekommen ist. Das herrschende politisch-mediale System will diese teilweise linksextremistische Partei aber unbedingt integrieren und mißt sie darum nicht an der verfassungsrechtlichen Meßlatte. Ihr Maßstab vermag auch bei der rechten Konkurrenz von der AfD nichts Verfassungsfeindliches aufzudecken, weshalb man lieber politologisch argumentiert.

Politologischer Extremismusbegriff

Politologisch erkennt der Extremismusforscher Harald Bergsdorf einen Extremisten daran, daß er erstens den Wahrheitsanspruch erhebe, mit seiner Doktrin die einzig wahre Weltsicht gefunden zu haben. Darum kämpfe er zweitens mit besonderem Rigorismus gegen andere Interessen, Lebensformen und Wertvorstellungen. Weil Freund-Feind-Denken und Haß die Hauptantriebskräfte extremistischer Politik seien, seien sie heterophob und wollten demokratischen Pluralismus nicht akzeptieren. (1)

Legt man diese weitgehend anerkannte Definition zugrunde, fällt es leicht, in den Medien und tagespolitischen Ereignissen Extremisten auszumachen: Sie dulden keinen politischen Pluralismus, sondern grölen “XYZ raus!”, fürchten “heterophob” abweichende Moral- und Politikvorstellungen, sehen in ihren politischen Widersachern Feinde, denen man “keinen Fußbreit” Straße zugestehen darf und von denen man nach der Machtergreifung schon mal den einen oder anderen erschießen könnte.

Die Energiewende sei auch „nötig nach ’ner Revolution. Dann sagt sie: „Und auch wenn wir das ein Prozent der Reichen erschossen haben, ist es immer noch so, dass wir heizen wollen, wir wollen uns fortbewegen.“ Ihre Worte rufen Gelächter und Beifall hervor.

Die Welt 10.3.2020

Was geht in den Köpfen von Extremisten wirklich vor? Das fragten sich Wissenschaftler um  Leor Zmigrod vom Department of Psychology & Behavioural and Clinical Neuroscience Institute, University of Cambridge. Die experimentellen Psychologen publizierten eine Studie über die Geistesverfassung solcher Leute:

Extremistische Ideologien zeichnen typischerweise ein klares Bild von Gut und Böse und präsentieren ihren Anhängern scheinbar einfache Lösungen und Handlungsstrategien. Viele Vertreter einer starken Ideologie sind bereit, diese gegebenenfalls auch mit Gewalt zu verteidigen. Präventionsprogramme gegen Radikalisierung verlassen sich bislang oft vor allem auf demographische Daten wie Alter, Rasse und Geschlecht. Diese können aber nur in sehr eingeschränktem Maße vorhersagen, welche Menschen anfällig für extremistische Positionen sind.

Elena Bernard, wissenschaft.de 23.2.2021

Wenn man einem Pfarrer ein Problem vorlegt, empfielt er Beten als Lösung, der Lehrer wird es auf schlechte Erziehung zurückführen, der Arzt auf ungesunde Ernährung und der Psychologe auf eine lockere Schraube. Der psychologische Ansatz zur Lösung des Extremismusrätsels ist aber ein Schlüssel zur Beantwortung der wichtigen Frage, wie man mit Extremismus umgehen kann.

Die Auswertungen ergaben: „Extreme Einstellungen für eine bestimmte Gruppe, einschließlich der Befürwortung von Gewalt gegen Personen außerhalb dieser Gruppe, waren mit einem schlechteren Arbeitsgedächtnis, langsameren Wahrnehmungsstrategien und Tendenzen zu Impulsivität und Sensationssucht verbunden“, berichten die Autoren.

Elena Bernard, wissenschaft.de 23.2.2021
Extremisten sehen die Welt nicht in ihrer bunten Komplexität, sondern reduzieren sie auf
hell-dunkel-, arm-reich- oder gut-böse-Kontraste.

Gut und Böse – Universalschlüssel zur Weltdeutung

Es liegt nahe, ein extremistisches Weltbild eher bei Menschen zu vermuten, die von unserer immer komplizierter werdenden Lebenswelt heillos überfordert sind. Wer “ein klares Bild von Gut und Böse” zeichnet und “scheinbar einfache Lösungen” anbietet, reduziert diese Komplexität auf einfache Grundmuster. So läßt sich vor allem in der medialen Verarbeitung täglicher Ereignisse beobachten, daß diese nicht mehr in ihrer Komplexität erfaßt werden. Vielmehr werden sie “geframt”, also eingerahmt in ein vorgekautes Schema von Gut und Böse.

Täglich zeichnen unsere Staatssender “ein klares Bild von Gut und Böse” und sind stolz auf ihren Haltungsjournalismus, der bei jeder Aussage die moralischen Implikationen bedenkt und sich von ihnen leiten läßt. Naturgemäß handelt es sich dabei um das sehr spezielle Gut und Böse der Medienleute.

Es wird konturiert durch eine komplexe Ideologie. Diese sucht in der Tendenz alle gewachsenen Institutionen wie Ehe, Familie, Volk und Vaterland zu dekonstruieren. Nach Atomisierung und Vereinzelung der Menschen sollen sie direkt abhängig werden von einem globalen Humanitarismus, der den ökonomischen Bedürfnissen multinational agierender Konzerne entgegenkommt. Wer die Haltung dieser Ideologie annimmt, für den sind Ehe, Familie, Volk und Vaterland “böse” und ist jede Emanzipation von ihnen “gut”.

Wer geistig überfordert ist und die  komplexe Wirklichkeit auf einen einfachen Nenner bringen möchte, öffnet wie mit einem Universalschlüssel scheinbar die Tür zu allen Antworten. Es gibt aber auch jenseits des Extremismus psychische Grunddispositionen, die politische Haltungen bestimmen. Je ängstlicher jemand ist, desto stärker wird er sich an schützende Institutionen klammern, die seinem Leben Orientierung und Struktur verleihen.

Eine fruchtbare Literatur hat gezeigt, dass die ideologischen Neigungen von Individuen mit verschiedenen psychologischen Merkmalen zusammenhängen, wie z. B. ihren persönlichen Bedürfnissen nach Ordnung und Struktur, kognitiver Flexibilität, Metakognition und Lernstilen und sogar Wahrnehmungsreaktivität gegenüber negativen Informationen. Das Aufkommen der politischen Neurowissenschaften, das die neuronalen Strukturen und Prozesse veranschaulicht, die der (politischen) Ideologie zugrundeliegen, wirft noch tiefere Fragen auf, wie kognitive Mechanismen zwischen Gehirn und Glauben vermitteln können.

Leor Zmigrod, The cognitive and perceptual correlates of ideological attitudes: a data-driven approach, 22.2.2021, royalsocietypublishing.org

Um das Bedürfnis nach Ordnung und Struktur zu befriedigen, taugt aber jede starre gesellschaftliche Ordnung gleichermaßen. Ob jemand die gewohnte sozialistische Ordnung der alten DDR wieder herbeisehnt oder ein anderer der alten Bonner Republik nachtrauert, bleibt sich psychologisch gleich: Beide fallen aus psychologischer Sicht unter die “Konservativen” mit spezifischen Merkmalen.

Ideologien können allgemein als Lehren beschrieben werden, die epistemische und relationale Normen oder Formen der Feindseligkeit streng vorschreiben. Die vorliegende Untersuchung vertritt einen domänenübergreifenden Blick auf die Definition von Ideologie, wobei der Schwerpunkt auf den Faktoren liegt, die mit dem ideologischen Denken in mehreren Bereichen wie Politik, Nationalismus und Religion verbunden sind. Dies schließt Dogmatismus ein, der als inhaltsfreie Dimension des ideologischen Denkens konzipiert werden kann, die die Gewißheit widerspiegelt, mit der ideologische Überzeugungen vertreten werden, und die Intoleranz gegenüber alternativen oder gegensätzlichen Überzeugungen.

Leor Zmigrod, The cognitive and perceptual correlates of ideological attitudes: a data-driven approach, 22.2.2021, royalsocietypublishing.org

Die Konvergenz von rechtlicher, politologischer und psychologischer Sicht

Daß Dogmatismus ein festes Merkmal von Extremisten und an rigide durchzusetzenden Überzeugungen zu erkennen ist, weiß auch die politologische Extremismusforschung, die sich hier mit der Psychologie trifft.

Die Intoleranz gegenüber alternativen oder gegensätzlichen Überzeugungen verführt wiederum zu politischen Überzeugungen, die anderen Ansichten “keinen Fußbreit” lassen wollen, sie für “keine Meinung, sondern ein Verbrechen” halten und darum verbieten wollen. Wer das Monopol auf eine politische Wahrheit für sich beansprucht, Andersdenkende verteufelt und aus dem Rennen um Wählergunst und demokratische Mitwirkung nehmen will, erweist sich damit auch als Verfassungsfeind: Feind der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

Wer das Monopol auf eine politische Wahrheit für sich beansprucht, Andersdenkende verteufelt und aus dem Rennen um Wählergunst und demokratische Mitwirkung nehmen will, erweist sich damit auch als Verfassungsfeind: Feind der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

Solche Feinde haben 2021 ihren langen Marsch durch die Institutionen erfolgreich abgeschlossen und instrumentieren bereits den Verfassungsschutz. Dieser sieht Extremisten überall dort, wo er sie auftragsgemäß sehen soll. Nur bei seinen politischen Instrukteuren sieht er ihn nicht.


(1) Bergsdorf, in: Backes, Uwe und Eckhard Jesse (Hrg.), Gefährdungen der Freiheit, Extremistische Ideologien im Vergleich, Göttingen 2006, S.182.

Dieser Beitrag ist auch unter dem Titel „Und täglich grüßt der Extremist“ auf Klaus Kunzes Blog erschienen:http://klauskunze.com/blog/2021/03/05/und-taeglich-gruesst-der-extremist/

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist kunze-klaus.jpg.

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

Und das neue Werk von Klaus Kunze ist nun auch lieferbar: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

Hier bestellen!

Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

Klaus Kunze: Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen. Von der Vormundschaft zum Genderismus. Hier erhältlich!