Der Antiquar im Niemandsland

von Hans-Ulrich Kopp

Der Antiquar im Niemandsland – eine Ortsbestimmung

Das Antiquariat Historica in Dresden feiert sein 30jähriges Bestehen

Nicht nur in literarisch versierten Kreisen ist eine Sentenz bekannt, die Ernst Jünger in seiner Dankrede zur Verleihung des Literaturpreises der Freien und Hansestadt Bremen 1956 formulierte: „Ich habe die Erfahrung gemacht, daß man im Niemandslande die besten Kameraden trifft“. Er sprach damals von einem „undankbaren Bereich, nämlich dem eines deutschen Autors“ und davon, daß er dennoch „zufrieden gewesen“ sei. Zwei Jahre später schreibt er an Alfred Andersch, mit dem er eine von gegenseitigem Verständnis getragene, die weltanschaulichen Linien überbrückende Korrespondenz führte: „Das Niemandsland ist einer der wenigen Orte der Initiation in unserer Welt, und obwohl dort jeder etwas anderes sieht, sieht er doch Bedeutsames“. Jahrzehnte danach, in den Tagebüchern „Siebzig verweht V“, leuchtet der einst dem Militärischen entlehnte Begriff eines Landstriches, über den keiner die Herrschaft besitzt, erneut auf, nunmehr bei der Betrachtung von Wolkenschleiern: „Der Schreck darüber, daß etwas da ist und verschwindet, so daß nichts mehr da ist, wird durch die Einsicht gemildert, daß die Erscheinung Stufen der Sichtbarkeit durchläuft. Im Niemandsland harren die Abenteuer.“ Weitere Belegstellen ließen sich finden, die Literaturwissenschaft hat sich ihrer angenommen und deutet sie als Chiffre für einen geistigen Ort, „unmarkiert, unbekannt, aus allen gewohnten Erfahrungsbildern, eingeübten Wahrnehmungen und gültigen Bestimmungen herausgehoben“ (Cornelia Vismann).

Am 13. Dezember 1990 öffnete die „Historica“ im Dresdner Norden, heute findet sich das Antiquariat im Barockviertel Innere Neustadt. Viel hat sich in den zurückliegenden 30 Jahren verändert, doch der kürzeste Weg zu den Abenteuern der Vergangenheit bleibt noch immer das Buch …

Es war kein Zufall, daß in den geisteshungrigen Nachwendejahren immer auch einige Jüngeriana im Zimelienschrank des Antiquariats Historica Platz fanden, die auf Nachfrage meist adoleszenter Sammler nicht ohne Stolz herausgegeben wurden. Damals schon konnte man den Eindruck gewinnen, man befinde sich in einer Sphäre, wo übliche Abgrenzungen wenig galten. In der Historica verschrieb man sich nicht dem Öde-Eindeutigen und der Parole, es immer schon gewußt zu haben, hier war man weder naiv begeistert vom Neuen, noch weinte man selbstgerecht dem Altvertrauten nach. Zwischen durchaus wohlbedacht, nicht aber appellmäßig stramm aufgestellten Bücherreihen und manch anderen Objekten im noch spärlich ausgeleuchteten Lokal ergab sich wie von selbst eine Aura, die nicht nur dem seiner Bedrängnis entronnenen Ex-DDR-Bürger wohltat, sondern auch dem Besucher aus der westlichen Hemisphäre, der glaubte, er könne hier nur wenig Überraschendes erleben.

Historica – Bücherlandschaft

Doch das „wie von selbst“ hatte seinen Grund in der Person des Antiquars. Der war schon als Rockmusiker keiner der Mausgrauen gewesen und verstand es jetzt, seine Umsicht – die Fähigkeit, in mehr als eine Richtung zu sehen – ins Werk zu setzen. Alfred Polgars Beschreibung der Bibliothek – „Kasten und Schränke voller geistiger Nahrung, Schweres und Leichtes, Süßes und Saures, Hausbrot und Delikatessen“ – traf es auch hier, und keine Beschränkung auf die literarischen Einheitsbreie à la mode konnte das Angebot verkürzen. Was ihm süß oder sauer vorkam, darüber hatte der Kunde schon selbst zu befinden! Bald bildeten sich illustre Runden, in denen die über die Zeit aufgehäufte Perspektivenfülle gleichsam anwesender Autoren in vitalen Gesprächen aufleben sollte.

So spiegelt das Antiquariat Historica, das nun sein 30jähriges Bestehen vermeldet, die Abenteuerlichkeit des Niemandslandes selbst zweifach wider: Ein Abenteuer war und ist das Leben des Hausherrn Bert Wawrzinek, das nicht so sehr auf weichen Daunen gebettet war, als gewissermaßen auf zähledernen Buchdeckeln Platz finden mußte, da es den Verlockungen sanft-diktatorischen Zeitgeistes selten entsprach. Auf Abenteuer aber geht vor allem aus, wer nicht nur als eifriger Erwerber das kleine Reich betritt, vielmehr dem Wunsche folgend, sich dem Erwartbaren einer Alltagsexistenz zu entziehen, um Unerwartetem im besten Sinne – dem von nichts und niemandem Beherrschten – Gelegenheit und neuen Raum zu geben.

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