Welt ohne Menschen: Die antihumane Wende

von Dr. Winfried Knörzer

Welt ohne Menschen: Die antihumane Wende

Der Mensch lebt von seiner Umwelt. Mit allem, was er tut, verbraucht und verändert er Natur. Menschliches Leben geht zu Lasten der Umwelt.

Der Umstieg von Kohle und Öl auf Windkraft zerstört Landschaft und tötet Vögel, die von den Rotorblättern zerfetzt werden. Der Verzicht auf Fleisch zugunsten vegetarischer Nahrung erhöht den Pestizid- und Wasserverbrauch. Eine Reduktion von Pestiziden und Dünger erfordert wegen der Ertragsreduktion pro Hektar eine Ausdehnung der Ackerflächen, was zur Abholzung der Wälder führt, die als Sauerstoffspender und Kohlendioxidvertilger benötigt werden. Dieselben Folgen ergeben sich beim Ersatz von Plastikprodukten durch Stoff- oder Papierbehältnisse.

Wie man es auch dreht und wendet: die Substitutionslogik ist ein Trugschluß. Was auf der einen Seite des Kontos als Verbesserung verbucht werden kann, schlägt auf der anderen als Nachteil durch. Die Bilanz bleibt immer negativ.

Alle Strategien der Nachhaltigkeit und des Substituierens können bestenfalls die Umweltzerstörung verlangsamen, nicht aber beseitigen. Wer wirklich konsequenten Umweltschutz will, kann nur zu dem Ergebnis kommen, daß die Menschheit verschwinden muß.

Verständlicherweise dürfte es schwerfallen, die Menschen zum Selbstmord zu überreden oder auch nur zum Reproduktionsverzicht zu zwingen. Solch drastische Maßnahmen sind (noch?) nicht durchsetzbar. Dennoch zeichnet sich in den westlichen Ländern ein Wille zur Umkehr ab. Nicht ein Besser, ein Mehr, sondern ein Schlechter, ein Weniger wird angestrebt. Konkret heißt dies: keine Autos, keine Urlaubsreisen, kein Fleisch, kleinere und kältere Wohnungen, weniger Bequemlichkeit, allgemeine Verteuerung. Da eine umweltbewußte Lebensweise sich bislang darauf beschränkte, mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zum Bäcker zu fahren oder Bioprodukte zu kaufen, ist noch nicht ins Bewußtsein gedrungen, was Umkehr tatsächlich bedeutet.

Ich sehe mich außerstande, auch nur eine einzige Idee zur Lösung der Krise beizusteuern. Einige wohlfeile Ratschläge wären zudem vollkommen lächerlich und dilettantisch, da unzählige berufenere Leue sich schon damit befaßt haben. Ich muß mich darauf beschränken, die Lage zu durchdenken. Das heißt vor allem, zu verstehen, in welcher Art Denken sich das Existieren in der Umweltkrise konstituiert.

Das Grundprinzip dieser neuen Denkweise besteht im Gegensatz von Mensch und Umwelt. Auch bisher wurde die Auswirkung menschlichen Handelns auf die Umwelt bedacht. Man ist aber davon ausgegangen, daß deren Schädlichkeit begrenzt werden könnte. Man glaubte, sich in einem beherrschbaren Gleichgewicht zwischen einem einerseits schädlichen, andererseits förderlichen Verhältnis zur Umwelt einrichten zu können. Jetzt aber wird dieses Verhältnis als Gegensatz gedacht. Was gut ist für den Menschen, ist schlecht für die Umwelt – und umgekehrt. Zu diesem Gegensatz muß man Stellung beziehen. Die Ökologisten ergreifen für die Umwelt Partei. Sie wollen, daß die Menschen zum Wohle der Umwelt Opfer erbringen. Natürlich versäumen sie nicht, darauf hinzuweisen, daß all die geforderten asketisierenden Maßnahmen letztlich dem Wohl der Menschheit dienen, da nur eine umweltverträgliche Lebensweise deren Überleben ermöglicht. Indem sie aber die unmittelbaren, konkreten Folgen der Verschlechterung der Lebensverhältnisse ignorieren, betreiben sie faktisch eine antihumane Politik. Sie fragen schon gar nicht mehr, ob und wie sich menschliches Handeln mit Umweltverträglichkeit vereinbaren ließe, sondern verlangen, daß durchweg die Umwelt Vorrang haben müsse. Die Umwelt ist der neue Gott, dem sich die Menschen unterordnen müssen. Wer das Verhältnis von Mensch und Umwelt als Gegensatz und nicht als Miteinander begreift, kann gar nicht anders, als dieses Verhältnis in hierarchischer Form zu konzipieren. Vor die Alternative gestellt, sich in einem konkreten Fall für die Belange der Menschen oder der Umwelt zu entscheiden, wird der Ökologist sich gegen die Menschen entscheiden – zumindest wenn er nicht selbst direkt betroffen ist. Die Behauptung, Umweltschutz diene letztendlich dem Überleben der Menschheit besagt nichts anderes, als daß zuerst der Umweltschutz und dann erst danach die Menschheit kommt. Natürlich intendiert diese Behauptung, daß der Umweltschutz das Mittel und die Menschheit der Zweck sei. Aber Mittel tendieren dazu, sich von ihren Zwecken zu emanzipieren. Hat sich eine ursprünglich nur als Mittel geplante Praxis organisatorisch verfestigt, wird die Organisation sich selbst zum Zweck. Eine Umweltorganisation wird sich daher primär für die Umwelt interessieren und nicht für die von der Umweltpolitik betroffenen Menschen – und dies umso mehr, je mehr Macht sie hat und keine Rücksicht auf konfligierende Belange nehmen muß.

Antihumane Wende heißt, daß der Mensch aus dem Zentrum politischen Handelns gerückt wird. In der antihumanistischen Weltsicht wird der Mensch nicht in einem hegenden Verhältnis zur Umwelt gedacht, als „Hüter des Seins“ (Heidegger), sondern als Störenfried und Schädling. Die anfangs gemachte Feststellung, daß die Menschheit verschwinden solle, ist leider nicht so spaßig-sarkastisch gemeint, wie es vielleicht den Anschein haben mag. Der Mensch soll nicht mehr hegen, sondern eingehegt werden. Er kann nur so lange geduldet werden, wie er sich klein macht und seine Schadlosigkeit unter Beweis stellt, wobei die Ökologisten die Kriterien vorgeben, worin schadloses Verhalten besteht. Wenn sich eine Weltsicht durchsetzt, die das Verschwinden der Menschheit als das Beste für die Umwelt hält, wird man es als Gnade empfinden, irgendwie fortexistieren zu dürfen und man wird, um sich dieser Gnade würdig zu erweisen, auch die härtesten Restriktionen klaglos erdulden. Eine solch radikale Konsequenz liegt bisher noch in weiter Ferne. Sie wird aber näherrücken, wenn sich Umweltschutzmaßnahmen als untauglich herausstellen werden. Dies wird auf jeden Fall geschehen, da, wie oben gezeigt, eine umweltförderliche Maßnahme auf einem Gebiet einen Umweltschaden auf einem anderen Gebiet bewirkt. Wenn somit Umweltpolitik an ihre Grenzen stößt, wird nicht mehr ein Handeln von Menschen, sondern ihr bloßes Vorhandensein zum Problem. Bislang bezog sich Feindschaft immer auf eine konkrete Andersheit. Feind war: eine andere Nation, andere Religion, andere Klasse, andere Ideologie. Jetzt aber wird der Mensch sich selbst in seiner Eigenschaft als Lebewesen zum Feind. Welche Folgen auch immer sich daraus ergeben, eines jedenfalls ist sicher: das menschliche Leben ist nicht mehr Selbstzweck, sondern wird unter den Vorbehalt der Umweltverträglichkeit gestellt. Auch wenn der Endpunkt einer solchen Entwicklung noch lange nicht erreicht ist, so hat die Entwicklung selbst schon eingesetzt. Die Umkehr der Orientierung ist bereits erfolgt, da die Beziehung von Mensch und Umwelt als Gegensatz gedacht wird und, daraus folgend, der Umwelt der Vorrang zugewiesen wird. Damit etwas getan werden kann, muß es zuerst gedacht werden können. Die Grundlagen eines Denkens der Antihumanität sind vorhanden.

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Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Am 25. Juni 2021 erscheint das Buch „Farben der Macht“ von Dr. Winfried Knörzer im Lindenbaum Verlag. Hier können Sie es direkt beim Verlag versandkostenfrei bestellen: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/farben-der-macht-der-rechte-blick-auf-die-gesellschaft-der-gleichen-winfried-knoerzer/

Die Feuernacht 1961 in Südtirol – eine Dokumentation

Diese Dokumentation, die anläßlich des Gedenkens an die Geschehnisse in Südtirol vor 10 Jahren, also zur 50. Wiederkehr des Jahrestages der Anschläge durch südtiroler Freiheitskämpfer, vom Sender RAI in Bozen ausgestrahlt wurde, zeichnet sich weitgehend durch Sachlichkeit und Ausgewogenheit aus.

Die Feuernacht vom 11. auf den 12. Juni 1961: Wie kam es zu den Anschlägen am Herz-Jesu-Sonntag des Jahres 1961? Und was haben sie tatsächlich bewirkt? Mit diesen und weiteren brennenden Fragen setzt sich die spannende Dokumentation „Südtirol – Zwischen Hoffnung und Gewalt“ auseinander; sie lässt Zeitzeugen, Südtirol-Aktivisten der sechziger Jahre und Historiker zu Wort kommen.

Am 12. Juni 1961, in der Herz-Jesu-Nacht, werden im ganzen Land 37 Strommasten gesprengt. Die Nacht sollte als „Feuernacht“ in die Geschichte Südtirols eingehen.

Der Paukenschlag gelingt, die europäische Öffentlichkeit wird aufgerüttelt, doch der Preis ist hoch: Bereits Mitte Juli 1961 rollt eine Verhaftungswelle durch das Land. Drei Südtiroler sterben an den Folgen von Misshandlungen.

50 Jahre nach der Feuernacht will die Dokumentation „Südtirol – Zwischen Hoffnung und Gewalt“ ein dramatisches Kapitel Zeitgeschichte verständlich machen. Wie konnte ein solcher Konflikt entstehen – in einem Europa auf dem Weg zur Einigung? Welche Rolle spielte Österreich? Wer waren die Drahtzieher?

Dazu äußern sich ehemalige Attentäter wie Sepp Innerhofer, Josef Mitterhofer, Klaudius und Herlinde Molling und Sepp Forer, Sprecher aller Lager, so zum Beispiel der (verstorbene) langjährige Landtagsabgeordnete Pietro Mitolo, Franz Widmann, der ehemalige Senator Lionello Bertoldi, der frühere österreichische Außenminister Peter Jankowitsch und Botschafter Ludwig Steiner.

Bis heute wird den Südtirolern das Selbstbestimmungsrecht verwehrt!

60 Jahre Feuernacht – Das große Interview mit Dr. Eva Klotz

Vor 60 Jahren, in der Herz-Jesu-Nacht (vom 11. auf den 12. Juni) 1961, sprengten Süd-Tiroler Freiheitskämpfer an die 40 Strommasten in die Luft, um die Weltöffentlichkeit auf das Süd-Tirol-Problem aufmerksam zu machen. Es war der Höhepunkt des Widerstandes gegen die Unterdrückung durch den italienischen Staat.

Im ausführlichen Interview spricht die langjährige Landtagsabgeordnete und Tochter des Freiheitskämpfers Jörg Klotz, Dr. Eva Klotz, über die Geschichte ihres Vaters, über das Jahr 1961, über die schwere Zeit davor und danach. Sie erzählt von Mut und Feigheit, von Treue und Verrat, von Entschlossenheit und Resignation. Ein Streifzug durch die Zeitgeschichte Süd-Tirols am Beispiel des Freiheitskämpfers Jörg Klotz.

Dieses Interview führte die Süd-Tiroler Freiheit – Freies Bündnis für Tirol.

Hier könnt Ihr Euch über die Arbeit der Süd-Tiroler Freiheit informieren: Süd-Tiroler Freiheit.

Frei.Wild mit dem Video zu „Wahre Werte“ aus dem Album Gegengift.

Lassalle, Heller und das verratene Erbe des deutschen Sozialismus

von Dr. Dr. Thor von Waldstein

Lassalle, Heller und das verratene Erbe des deutschen Sozialismus

I.

Als der 28jährige Kieler Habilitand Hermann Heller 1919 zu den Sozialdemokraten stieß, war der Geist Ferdinand Lassalles, der den Vorläufer der SPD, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV), 1863 in Leipzig gegründet hatte, seit fast einem halben Jahrhundert tot und begraben. Lassalle (1825 – 1864) hatte sich selbst verstanden als „ein(en) Mann …, der seine ganze Existenz einer heiligen Sache, der Sache des Volkes, bis in ihre äußersten Konsequenzen gewidmet hat“1. Als Fichteaner war er mit diesem davon überzeugt, „daß die großen Nationalangelegenheiten immer nur vom Volke, nie von den gebildeten Ständen in die Hand genommen werden.“2 Geprägt von Rousseaus Ideenwelt und von Hegels Staatsidee strebte Lassalle einen volksgebundenen Sozialismus als Ziel an. In diesem sollten die Forderungen der wachsenden unteren Volksschichten nach politischer Teilhabe in Einklang gebracht werden mit den sich Mitte des 19. Jahrhunderts verstärkenden Sehnsüchten der Deutschen nach einem einheitlichen Nationalstaat. Lassalle, schon als junger Redner eine beeindruckende Persönlichkeit, hatte sich in seinem Stil von den rhetorischen Pulverköpfen des „Jungen Deutschland“, allen voran Heinrich Heine und Ludwig Börne, anstecken lassen. Das gab seinen Vorträgen und Schriften jenes stürmische Timbre, das den Zuhörer und Leser zwar in seinen Bann zog, das aber auch – vor und nach 1848 – den einen oder anderen Gefängnisaufenthalt für den streitbaren Sozialisten mit sich brachte. Von Karl Marx, „dem Ökonom gewordenen Hegel“3, mit dem er seit 1848 bekannt war, nabelte sich Lassalle spätestens Ende der 1850er Jahre wegen Marxens nationaler Seinsvergessenheit ab. Angesichts der pan-ökonomistischen Geschichtsdeutungen Marxens sah er sich veranlaßt, seinem einstigen Vorbild im Jahr 1860 nach London zu schreiben: „Vergiß nicht, daß Du ein deutscher Revolutionär bist und für Deutschland wirken willst und mußt. Veranglisiere Dich nicht.“4 Diese Ermahnungen konnten indes nicht fruchten, weil Marx als internationalistischer Revolutionstheoretiker dem Lassalle‘schen Bemühen um die deutsche Einheit und die in diesem Nationalstaat (und eben nicht in Globalistan) zu realisierenden Rechte des Arbeiters bereits vom Ansatz her fern stand.

Lassalle, Ferdinand (1825 – 1864), Deutscher Politiker und Publizist, Gründer der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie; Ferdinand Lassalle; Foto: Fotograf unbekannt, um 1860

Es gehört zur Tragik der deutschen Linken, daß das Lassalle‘sche Ideal eines allein in autochthonem Rahmen zu verwirklichenden Sozialismus nach seinem frühen Tod 1864 mehr und mehr von einem volkvergessenen Dogmatismus überwuchert wurde, in dem der spiritus Marxii purus und nicht der deutsche Geist den Ton angab.5 Über das Lassalle’sche Credo, daß die soziale Frage des industriellen Zeitalters in erster Linie ethisch und dann erst wirtschaftlich zu beantworten sei, schien die historische Entwicklung spätestens mit der 1875 in Gotha vollzogenen „Aufsaugung der Lassalleaner durch die Marxisten“6 hinweggegangen zu sein. Die Liaison zwischen Nation und Sozialismus war danach einstweilen beendet. Mit ihren deutschen Satrapen Liebknecht und Bebel entwickelten Marx und Engels von der anderen Kanalseite aus konsequent einen staatsfeindlichen7 Marxismus, der den deutschen Arbeiter in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg nach und nach von der eigenen Nation entfremdete.

II.

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches 1918 und dem die Deutschen knechtenden Versailler Diktat 1919 waren die Anfänge republikanischer Staatlichkeit von Anfang an von dunklen Wolken verhangen. Dieses düstere Szenario hellte sich auch in der Folge – trotz einer sich ökonomisch leicht verbessernden Zwischenphase von 1924 bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 – nicht auf. In diesem äußerlich fragilen Rahmen der Weimarer Republik entfaltete sich für Hermann Heller eine wissenschaftliche Karriere, die ihn von Stationen in Kiel, Leipzig, Berlin über einen halbjährigen Studienaufenthalt im faschistischen Italien bis zur 1932 endlich erreichten Ordinarienstelle für Öffentliches Recht in Frankfurt/Main führte. In diesem knapp bemessenen Zeitraum von wenig mehr als einem Jahrzehnt entwickelte er ein staatsrechtliches und rechtsphilosophisches Werk, das wegen seiner Wiederanknüpfung an die Lassalle’sche Symbiose von Nation und Sozialismus und wegen seines brillanten Stils in der deutschen Staatslehre des 20. Jahrhunderts ohne Beispiel dasteht.

Für den Kenner nicht überraschend ist zunächst, daß Heller mit Carl Schmitt, seinem berühmten Antipoden beim Preußenschlag-Prozeß vor dem Reichsstaatsgerichtshof in Leipzig im Herbst 1932, inhaltlich, gerade in bezug auf die Topoi Staat, Volk und Nation, mehr verbindet als trennt. Die Parallele beginnt mit der übereinstimmenden Ablehnung von Hans Kelsens „Nomokratie“8, gegen die sich Heller mit der Argumentation wendet, die Staatslehre dürfte sich nicht von der Soziologie isolieren: „Rechtswissenschaft … harmonisiert soziale Gegebenheiten, insbesondere die staatliche Ordnung, sie konstituiert sie aber nicht, sondern findet sie bereits vor.“9 Die Gemeinsamkeiten mit Schmitt setzen sich fort in Hellers Gegenposition zu der angelsächsisch dominierten Interessenphilosophie des 19. Jahrhunderts, die den geistigen und seelischen Horizont des Menschen in Verkennung seiner Natur auf das Ökonomische verkürzen wolle. Wirtschaft sei, so Heller, „nur eine neben anderen Kulturbetätigungen des Menschen“10 und „die stärksten und dauerndsten menschlichen Vergemeinschaftungen beruhen nicht auf organisatorischer, zweckbewußter Interessenverbindung, sondern haben einen organischen, naturhaften Kern. Die wichtigsten naturhaften Bindungen, welche die Menschen ohne ihr Zutun zusammenführen und von anderen absondern, sind … die Abstammung und die Landschaft. Beide bilden auch natürliche Grundlagen der Nation.11 Die Adam Smith’sche „Metaphysik des sacro egoismo“12 gehe an der soziologischen Realität, an dem Leben des Menschen in tradierten und emotional determinierten Gemeinschaftsgefügen, vorbei:

„Zum Teufel mit diesen wirklichkeitsfremden Gespenstern ohne Instinkt und Gefühl, ohne Mark und Bein! Die Menschheit gliedert sich in Gesamtheiten, die jeden Tag auseinanderfallen müßten, wenn ihr einziger oder auch nur ihr wesentlicher Kitt das vernünftige Interesse wäre. So sicher uns die sittliche Vernunftidee des Sozialismus aufgegeben ist, so sicher wird sie nur an und in Gemeinschaftskörpern verwirklicht werden, die durch feste, Jahrtausende alte Lebensordnungen zusammengehalten sind. Solange wir nicht wandelnde Geister, sondern Menschen von Fleisch und Blut sind, wird das Rationale nur getragen werden vom Irrationalen, werden Organisationen nur dann Bestand haben, wenn sie äußerer Ausdruck, letztes Vorwerk einer durch Blut, Boden, irrationale Gefühlswerte, Geschichte, gemeinsamen Kulturbesitz verbundenen Gemeinschaft sind.“13

Weitgehend identisch sind die Demokratieanalysen Schmitts und Hellers schließlich in Bezug auf die überragende Rolle, die beide der sozialen Homogenität für die politische Einheit eines Volkes zumessen. Unter Homogenität versteht Heller einen „sozial-psychologische(n) Zustand, in welchem die stets vorhandenen Gegensätzlichkeiten und Interessenkämpfe gebunden erscheinen durch ein Wirbewußtsein und -gefühl, durch einen sich aktualisierenden Gemeinschaftswillen.“14 Die soziale Homogenität fächere sich auf in anthropologische, kulturelle, religiöse und ökonomische Elemente15, die quasi den politischen Nenner eines Staates verkörpern. Dessen ungeschriebene Autorität beruhe nicht auf Diktaten „von oben“, sondern auf demokratischen Harmonisierungsprozessen, deren Wirkkraft sich – entsprechend Renans plébiscite de tous les jours – allein „von unten“ entfalten könne. Schwinde dieses Homogenitätsbewußtsein, könne sich das Volk im Staat nicht mehr wiedererkennen und mit dessen Repräsentanten nicht mehr identifizieren. Denn Parlamentarismus sei „nicht der Glaube an die öffentliche Diskussion als solche, sondern der Glaube an die Existenz einer gemeinsamen Diskussionsgrundlage“16. Entfalle diese Plattform, sei eine einheitliche politische Willensbildung nicht mehr möglich; die bis dahin nur parlierende Partei werde dann zur diktierenden Partei: „In diesem Augenblick ist die Einheit gespalten, sind Bürgerkrieg, Diktatur, Fremdherrschaft als Möglichkeiten gesetzt.“17 Heller leugnet nicht „die ewig antagonistische gesellschaftliche Vielheit“ in einem Staat18. Er leitet vielmehr aus diesen zentrifugalen Tendenzen die Hauptaufgabe der Staatslehre dahingehend ab, daß die „individuellen Willen zur Wirkungseinheit eines Gemeinwillens“19 zentripedal zusammenzuführen seien. Politik sei – so Heller weiter – die „Organisation von Willensgegensätzen aufgrund einer Willensgemeinschaft“20. Dem Staat komme dabei die Aufgabe zu, „das geordnete Zusammenwirken aller gesellschaftlichen Handlungen auf einem bestimmten Gebiet in letzter Instanz (zu sichern).“21

III.

Wendet man sich nun der Frage zu, wer nach Hellers Ansicht den Staat verkörpern und von welchem Ordnungsgefüge dieser Staat geprägt sein soll, so stechen in seinem Werk die Begriffe Volk, Nation und Sozialismus hervor, die daher nachfolgend näher betrachtet werden sollen:

1. Volk

Ganz in Hegel‘scher Tradition verankert, begreift Heller den „Staat als Volkspersönlichkeit“22, wobei der – zu organisierende – Staatswille viel mehr sei als der organische, gleichwohl von Gegensätzen gekennzeichnete Volkswille.23 Das Volk stelle im 20. Jahrhundert keine ursprüngliche Abstammungsgemeinschaft mehr dar, sondern sei im Laufe der Zeit „aus rassisch und ethnisch sehr verschiedenen Stämmen zusammengewachsen.“24 Gleichwohl bilde das Volk „auf die Dauer doch einen physischen Generationenzusammenhang“25, wobei es darauf ankomme, daß der objektiv gegebene Volkszusammenhang – in Sprache, Kultur, Religion und Politik – „subjektiv aktualisiert und gelebt werden muß, damit er Wirklichkeit werde“.26 Das Volk ist dennoch nach Hellers Verständnis „durchaus kein rein geistiges Wesen“27; die romantische Lehre von der ursprünglichen Volksgeistsubstanz verkenne den „grundsätzlichen Dualismus von Staat und Volk“28 und gehöre „in das Reich schlechter Metaphysik“29. Volkszugehörigkeit sei regelmäßig „eine Wesensprägung, die im Unwillkürlichen begründet ist und durch einen bloßen Bewußtseinsakt weder zu erwerben noch zu verändern ist.“30 Auf der anderen Seite betont Heller, daß ohne subjektivische Elemente,

– ohne „das Bewußtsein (des Volkes) von seiner Eigenart und

damit von seiner Verschiedenheit andern Völkern gegenüber“31 und

– ohne das „willentliche Einstehen für dieses Volk mit

seinen Vorzügen und … auch mit seinen Fehlern“32,

ein Wirgefühl, eine „Volksgemeinschaft“33, nicht entstehen könne.

2. Nation

Sei ein Kulturvolk als solches zunächst „politisch amorph“34, so könne es zu einer Nation werden „dadurch, daß es sein Zusammengehörigkeitsbewußtsein zu einem politischen Willens-zusammenhang entwickelt.“35 Ein „bloß ethnische(s) Gemein-samkeitsgefühl“ sei für eine solche Konstituierung einer Nation nicht ausreichend.36 Das könne man z.B. an den Deutschschweizern oder den Elsässern sehen, die zwar „in den geistigen Überlieferungszusammenhang des deutschen Volkes einbezogen“ seien37, aber gleichwohl nicht zur deutschen Nation zählten. Heller stellt den voluntaristischen Gesichtspunkt bei der Nationwerdung in den Vordergrund: „Erst wenn ein Volk seine Eigenart durch einen relativ einheitlichen politischen Willen zu erhalten und auszubreiten strebt …, sprechen wir von einer Nation“38. Die Nation sei nicht nur „ein Staatsbildungsprinzip von hervorragendster politischen Bedeutung“39, die Nation sei daneben „die notwendige Erscheinungsform des Sozialismus“40.

3. Sozialismus

Wirklich originell wird Hellers Staatslehre dadurch, daß er die gewachsenen politischen Größen Volk und Nation in untrennbare Verbindung setzt zu seinen sozialistischen Idealen. Die Dominanz der Wirtschaft, von der spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts fast alle anderen Lebensbereiche gekennzeichnet seien, habe eine Seelenlosigkeit und eine ichfixierte und vernutzte Welt hervorgebracht, die der Natur des Menschen als gemeinschaftsorientiertem Wesen widerspreche. Der liberalistisch-individualistisch geprägte Zeitgeist als dem ewigen Begleiter materialistischer Geschichtsepochen habe einen „Neo-Machiavellismus eines desillusionierten Bürgertums“41 entstehen lassen, in dem Heller den Feind erkennt: „Der Sozialismus kämpft deshalb gegen den Geist der kalten Rechenhaftigkeit, der die heutigen Gegenseitigkeitsbeziehungen völlig beherrscht. Der Sozialismus ist der Ausdruck der tiefen, im Menschengeschlecht nie ersterbenden Sehnsucht nach Verinnerlichung des Verhältnisses von Mensch zu Mensch; er ist im letzten der Wunsch nach Umgestaltung der äußeren Gesellschaft in innere Gemeinschaft.“42 In Lassalle’scher Tradition stehend, lehnt Heller den internationalistischen Geltungsanspruch eines Marxismus ab, der in seiner Ortlosigkeit43 auf gespenstische Weise seinem ideologischen Widersassen, dem Kapitalismus, ähnele. Ein solcher – im wahrsten Sinne des Wortes – bodenloser Marxismus offenbare in seinen Schriften ein „erstaunliche(s) Staatsunverständnis“44 und verkenne, „daß wirklicher Sozialismus nicht in der Luft, sondern in einer bestimmten Gemeinschaft, auf einem bestimmten Erdenfleck gebaut (werde)“45. Nation und Sozialismus seien keine Gegensätze, sondern müßten zur Herstellung der „sozialen Volksgemeinschaft“46 ideengeschichtlich zusammengeführt werden: „Die Nation ist eine endgültige Lebensform, die durch den Sozialismus weder beseitigt werden kann noch beseitigt werden soll. Sozialismus bedeutet keineswegs das Ende, sondern die Vollendung der nationalen Gemeinschaft, nicht die Vernichtung der nationalen Volksgemeinschaft durch die Klasse, sondern die Vernichtung der Klasse durch eine wahrhaft nationale Volksgemeinschaft.“47 Der Zwietracht, die der marxistische Klassenkampf im Volk geschürt habe, müsse durch den Rekurs auf die Nation der Nährboden entzogen werden: „Die Parole des Klassenkampfes kann nur lauten: Klasse muß Nation werden! Nicht aus der Nation heraus, sondern in die Nation hinein wollen wir uns kämpfen! Der Sozialismus ist seinem Ziel um so näher, je näher die Arbeiterklasse der Nation gerückt ist. Sie kann und darf in die Nation nicht eintreten als kleinbürgerliches Anhängsel der kapitalistischen Lebensform. Ihre weltgeschichtliche Bestimmung ist es, in der Nation die sozialistische Idee zu verwirklichen.“48 Auch in größerem Rahmen internationaler Organisationen könne Deutschland nur wirken, „wenn wir als Nation geeint und frei dastehen“49. Mit einem Appell, den die heutigen Eurokraten in Brüssel wohl als „europafeindlich“, als orbanesk abkanzeln würden, faßt Heller ein Weltbild zusammen, in dessen Zentrum die deutsche Nation steht, das aber gleichwohl an übergeordneten humanitären Zielen festhalten will: „Wir deutschen Sozialisten haben das stärkste Interesse daran, die nationale Selbstbestimmung des deutschen Volkes innerhalb einer europäischen Völkerorganisation gesichert zu sehen. … Uns ist die Nation kein Durchgangspunkt zu einem kulturlosen Menschenbrei, sondern die schicksalsgebundene Lebensform, in der wir an den übernationalen Zwecken der Menschheit allein mitarbeiten können und wollen.“50

IV.

Hermann Heller blieb es verwehrt, sein geistiges Werk zu vollenden und sein politisches Ideal, die Versöhnung von Nation und Sozialismus, zu verwirklichen. Als volksbewußter deutscher Jude erlag er im Madrider Exil im Alter von nur 42 Jahren den Folgen eines Herzleidens, das er sich als Kanonier an der galizischen Front im Ersten Weltkrieg zugezogen hatte. Viele seiner Schriften wurden 1933 ein Opfer der Flammen; die nicht verbrannten Bücher Hellers wurden nach 1945 ganz überwiegend ein Opfer der Volksvergessenheit in den fremdbestimmten Scheinstaatsgebilden DDR und BRD.51 Im heutigen bundesdeutschen Wissenschaftsbetrieb, in dem eine „seelenlose Vielwisserei“ (Hugo von Hofmannsthal) herrscht und in dem „Registrierfrösche mit kalt gestellten Eingeweiden“ (Friedrich Nietzsche) den Ton angeben, können Hermann Heller und sein Werk als weitgehend vaporisiert angesehen werden. So lautet der Fachausdruck in Orwells „1984“ für die Auslöschung widerspenstiger Geister aus dem kollektiven Gedächtnis post mortem.

Angesichts dieses Befundes ist es umso mehr zu begrüßen, daß es der Jungeuropa Verlag nunmehr unternimmt, die vielleicht wirkmächtigste Schrift Hellers neu aufzulegen. „Sozialismus und Nation“ geht zurück auf das Hauptreferat „Nation, Staat und Sozialdemokratie“, das er vor der dritten Reichskonferenz der Jungsozialisten Ostern 1925 in Jena gehalten hatte.52 Die Erstauflage der Schrift erschien noch in demselben Jahr im Arbeiterjugend-Verlag; die Veröffentlichung der zweiten Auflage erfolgte im Ernst Rowohlt Verlag 1931, also in der Endphase der ersten deutschen Republik, in der das Bürgerkriegsgeschehen die politische Debatte mehr und mehr zu überschatten begann.

V.

Was bleibt von Heller in Zeiten wie diesen, in denen die soziologische Größe „Arbeiter“ nurmehr eine aussterbende Spezies und die Metamorphose der Arbeiterbewegung zur get together party ortloser Intellektueller abgeschlossen zu sein scheint? In Zeiten eines repräsentativen Konsums, in denen der freizeitentfesselte bourgeois die Szenerie bestimmt, während der citoyen seine staatsprägende Kraft verloren hat und froh sein kann, wenn er von den catilinarischen Existenzen, die dieses Land heute beherrschen, keine Prügel bezieht? In Zeiten, in denen sich der Leviatan an der kurzen Leine der pressure groups herumzotteln läßt und der staatliche Ordnungsanspruch nach und nach unter die Räder der Interessen geraten ist? In Zeiten, in denen die Wortsymbiose aus Nation und Sozialismus ihren einstigen politischen Eros verloren hat und bei den umerzogenen Deutschen, die ein pathologisches Verhältnis zu ihrer Geschichte pflegen, allenfalls noch Angstschweißperlen hervorzubringen in der Lage ist?

Wer nach bündigen Antworten auf diese Fragen sucht, kommt um eine Befassung mit den programmatischen Dilemmata der Rechten und der Linken kaum herum. Das Paradoxon der Rechten bestand seit jeher darin, die Beseitigung des politischen
(Links-)Liberalismus anzustreben, um im gleichen Atemzug den Wirtschaftsliberalismus und eben auch den Kapitalismus gegen Angriffe von links zu verteidigen.53 Das Dilemma der Linken ist und bleibt eine ausgeprägte Demophobie und damit eine inzidente Kampfansage gegen die eigen(tlich)e politische Geschäftsgrundlage. Diese Volksfremdheit hat sich zwischenzeitlich zu einer vollständigen dogmatischen Blindheit gegenüber dem Schicksal der Globalisierungsverlierer ausgewachsen. Das politische Kapital, das sich dort in dem vergangenen Jahrzehnt aufgehäuft hat und für das wir immer noch nach der richtigen soziologischen Begrifflichkeit suchen, ist der Linken keines Blickes (mehr) würdig. Sie hat das Volk aufgegeben und sich mit den Liberalindividualisten ins flauschige Bett gelegt. Eingehüllt in Worthülsen, bei denen sich bisweilen Dümmlichkeit mit subkutaner Aggressivität paart („Menschenrechte statt rechte Menschen“), verfrühstückt man dort einträchtig die noch verbliebenen Reste deutscher Substanz. Diese Mesalliance der Linken mit den Davosmenschen und ihrem geldfixierten Individualismus hat indes einen hohen politischen Preis: den Verlust des Vertretungsanspruchs für diejenigen, die einem elementaren ökonomischen Existenzkampf ausgesetzt sind, die der „Unterm-Strich-zähl-ich“-Gesellschaft des Westens den Rücken zugewendet haben und die nach neuen Wegen einer Gemeinschaftsorientierung für Familie, Volk und Staat suchen. An dieser Nahtstelle offenbart sich die Aktualität Hellers wie von selbst.

Die Gretchenfrage der kommenden Jahre lautet nämlich: Ist die oppositionelle Rechte in Heller’schem Geist fähig und willens, zum Zwecke der Zuspitzung der eigenen Programmatik an das verratene Erbe des nicht-internationalistischen deutschen Sozialismus vor 1933 anzuknüpfen? Nichts anderes hatte Oswald Spengler im Sinn, als er in den Räterepublikwirren 1919 den Versuch unternahm, den Begriff des Sozialismus der Linken zu entreißen und ihn preußisch aufzuladen:

„Preußentum und Sozialismus (sind) dasselbe. … (Sie) stehen gemeinsam gegen das innere England, gegen die Weltanschauung, welche unser ganzes Leben als Volk durchdringt, lähmt und entseelt. … Die Arbeiterschaft muß sich von den Illusionen des Marxismus befreien. … Der Sinn des Sozialismus ist, daß nicht der Gegensatz von reich und arm, sondern der Rang, den Leistung und Fähigkeit geben, das Leben beherrscht. Das ist unsre Freiheit, Freiheit von der wirtschaftlichen Willkür des einzelnen … Sozialismus bedeutet Können nicht Wollen. Nicht der Rang der Absichten, sondern der Rang der Leistungen ist entscheidend. … Wir sind Sozialisten. Wir wollen es nicht umsonst gewesen sein.“54

Es versteht sich von selbst, daß bei einer solchen politischen Operation genau geprüft werden muß, welche Elemente i.e. von links nach rechts transplantiert werden können, ohne daß das Ganze Schaden nimmt.55 Wilde Enteignungsphantasien z.B., wie sie in den 1920er Jahren nicht selten waren, erscheinen kaum tradierungswürdig, während beispielsweise die Heller’sche Forderung nach einem Primat des Staates gegenüber den Machtavancen der Verbände aktueller denn je ist. Ob der Begriff des Sozialismus56, der auch bei Heller an vielen Stellen schemenhaft bleibt, angesichts der kommunistischen Verwüstungen des 20. Jahrhunderts noch recyclebar ist, erscheint ebenso zweifelhaft wie unwesentlich. Denn entscheidend ist allein die inhaltliche Qualität politischer Ordnungsangebote. Und deren Verwendbarkeit hängt nicht davon ab, unter welchen Schlagworten sie gemeinhin rubriziert werden. Gerade in dem immer mehr in den Bereich des Möglichen rückenden – nicht nur ökonomischen – Ernstfall, wenn der bereits heute stark erodierende polit-mediale Überbau delegitimiert sein und die obszöne Güterfülle der Jetztzeit ihre benebelnde Kraft verloren haben wird, wird es um ganz anderes gehen als um Begriffskriege. In einer solchen unübersichtlichen Lage wird derjenige politisch das Rennen machen, der das Dickicht überkommener Begrifflichkeiten durchstößt und – jenseits von links und rechts – die Idee der (europäischen) Nation(en) neu erfindet. Vulgärmarxistischer Jargon, gesinnungsethisches „Solidaritäts“tamtam und neidgesteuerte Umverteilungsexzesse sind für die Beschreitung dieser neuen Wege ebenso entbehrlich wie das hohle Markt- und „Freiheits“krakeele der ins Ich und die „ganze ökonomische Scheiße“57 verliebten Libertären, die – wie die 68er58 – nie etwas anderes waren und sind als die nützlichen Idioten der real existierenden Davokratie (Renaud Camus).

In der deutschen Ideengeschichte waren es nicht selten Wanderer zwischen verschiedenen Geisteswelten, die im Hegel’schen Sinne frühere historische Stufen aufgehoben und neue Horizonte eröffnet haben. In politicis gehören linke Leute von rechts, wie z.B. Ernst Niekisch oder rechte Leute von links, wie eben Hermann Heller oft zu den originellsten Köpfen. Wenn die Mauer der westlichen Lebenslügen fällt, werden wir auf deren Esprit und deren analytische Schärfentiefe nicht verzichten können.

Anmerkungen:

1 Zitiert nach: Hermann Oncken, Lassalle – Eine politische Biographie, Stuttgart und Berlin 1920, S.196.

2 Ferdinand Lassalle, Die Wissenschaft und die Arbeiter (1863), Berlin 1919, S.31.

3 Lassalle über Marx, zitiert nach Hellmut Diwald, Geschichte der Deutschen (1978), 4. Aufl., Frankfurt am Main u.a. 1979, S.368.

4 Zitiert nach Oncken aaO S. 168 + 350.

5 Vgl. i.e. Werner Sombart, Sozialismus und soziale Bewegung, 6. Aufl., Jena 1908, S.183 ff.; Ernst Nolte, Marxismus und industrielle Revolution, Stuttgart 1983, S.379 ff.

6 Oncken aaO S.495.

7 Daß der Begriff der Vaterlandslosigkeit des in London ersonnenen Marxismus durchaus wörtlich zu nehmen ist, belegen die landesverräterischen Geheimkontakte des SPD-Vorsitzenden August Bebel zu dem britischen MI6 vor dem Ersten Weltkrieg, die im bundesdeutschen Geschichtsbetrieb unter der Rubrik „Friedensförderung“ gewürdigt werden; vgl. dazu die Studie des Fritz-Fischer-Schülers Helmut Bley, die unter dem euphemistischen Titel „Bebel und die Strategie der Kriegsverhütung 1904 – 1913“ 1975 in Göttingen erschienen ist.

8 Hermann Heller, Genie und Funktionär in der Politik (1930), in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 1 – 3, Leiden 1971, hier: Bd. 2, S.616.

9 Hermann Heller, Die Krisis der Staatslehre (1926), in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 2, S.8, 24.

10 Hermann Heller, Sozialismus und Nation (1925), 2. Aufl., Berlin 1931, unveränderter Neudruck Dresden 2019, S.57.

11 Heller, Sozialismus und Nation ebd. S.21.

12 Hermann Heller, Hegel und der nationale Machtstaatsgedanke in Deutschland (1921), unveränderter Neudruck Aalen 1963, S.129.

13 Heller, Sozialismus und Nation ebd. S.53.

14 Hermann Heller, Politische Demokratie und soziale Homogenität, in ders., Gesammelte Schriften, Bd. 2, S.428.

15 Ebd. S.433.

16 Ebd. S.427.

17 Ebd. S.428.

18 Hermann Heller, Europa und der Faschismus (1929), in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 2, S.467.

19 Hermann Heller, Die Souveränität (1927), in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 2, S.105.

20 Hermann Heller, Staatslehre, Leiden 1934, S.166; gegen Schmitts berühmte Freund-Feind-Politikdefinition, die wesentlich außenpolitisch bestimmt ist, hatte Heller auf der innenpolitischen Ebene daran erinnert, daß „Politik (komme) von polis, nicht von polemos, wenn auch die Gemeinsamkeit der Sprachwurzel bedeutsam bleibt.“ (Politische Demokratie und soziale Homogenität, ebd. S.425).

21 Heller, Sozialismus und Nation S.55.

22 Heller, Hegel, S.106.

23 Heller, Staatslehre, S.164 ff.

24 Ebd. S.158; rassetheoretische Politikkonzepte lehnte Heller nicht nur grundsätzlich ab (Staatslehre ebd. S.148 – 159), er maß darüberhinausgehend „dem Rassenglauben die allergrößte Bedeutung für die völlige Zersetzung der nationalen Kulturgemeinschaft und politischen Volkseinheit“ zu (Staatslehre ebd. S.156).

25 Heller, Staatslehre, S.159.

26 Ebd. S.160.

27 Ebd. S.158.

28 Ebd. S.164.

29 Ebd. S.161.

30 Ebd. S.160.

31 Ebd. S.161, Hervorhebung nicht i.O.

32 Ebd. S.160 f.; H. nicht i.O.

33 Ebd. S.161.

34 Ebd. S.161.

35 Ebd. S.161.

36 Ebd. S.161.

37 Ebd. S.161.

38 Ebd. S.161.

39 Heller, Sozialismus und Nation, S.55.

40 Heller, Sozialismus und Nation, S.44.v

41 Heller, Politische Demokratie und soziale Homogenität, S.429.

42 Heller, Sozialismus und Nation, S.12.

43 Zu der Ortlosigkeit des Marxismus grundlegend: Hans-Dietrich Sander, Marxistische Ideologie und allgemeine Kunsttheorie (1970), 2. Aufl., Tübingen 1975, S.291 – 360 sowie ders., Die Auflösung aller Dinge, München 1988, insbes. S.96 ff. Zu der Ortlosigkeit des Kapitalismus, in dem die anywhere-Nomaden mit ihren tragbaren Identitäten den Ton angeben und in dem die somewhere-Seßhaften mit ihrer Verwurzelung in der Heimat das Nachsehen haben (sollen): David Goodhart, The Road to Somewhere – The Populist Revolt and the Future of Politics, London 2017, insbes. S.19 ff., 221 ff.

44 Heller, Sozialismus und Nation, S.55.

45 Ebd. S.52.

46 Ebd. S.77.

47 Ebd. S.38.

48 Ebd. S.46.

49 Ebd. S.101.

50 Ebd. S.101.

51 Kennzeichnend hierfür ist die Tatsache, daß sowohl Hellers aus dem Nachlaß herausgegebenes Hauptwerk „Staatslehre“ (1934), als auch die dreibändige Gesamtausgabe seines Werks „Gesammelte Schriften“ (1971) in einem niederländischen Kleinstverlag in Leiden erschienen ist.

52 Otto-Ernst Schüddekopf, Linke Leute von rechts, Stuttgart 1960, S.171; diese Konferenz wiederum stand in der Tradition des sog. „Hofgeismarkreises der Jungsozialisten“, der sich Ostern 1923 auf einer Tagung in Hofgeismar konstituiert hatte, bei der u.a. auch Heller gesprochen hatte und „die mit einem Bekenntnis zu Deutschland am Osterfeuer schloß“ (Schüddekopf ebd. S.71).

53 So auch Panajotis Kondylis, Konservativismus, Stuttgart 1986, S.505.

54 Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, München 1919, S.98f.; H.i.O.

55 So auch Benedikt Kaiser, Marx von rechts?, in: ders./Alain de Benoist/Diego Fusaro, Marx von rechts, Dresden 2018, S.45, 59 und passim. Zu recht erinnert Kaiser auch an die „Ausgangslegitimation“ der Oktoberrevolution 1917 (ebd. S.49 mit Fn 58), die ohne die schwerwiegenden sozialen Verwerfungen im Vorkriegsrußland ebensowenig einen politischen Nährboden gefunden hätte wie die Hitlerbewegung ohne Versailles im Nachkriegsdeutschland.

56 Wie schillernd und problematisch der Begriff des Sozialismus schon vor 85 Jahren war, belegt: Werner Sombart, Deutscher Sozialismus, Berlin 1934, insbs. S.44 – 80 sowie S.120 ff. Sombarts Unterfangen, den NS-Tiger zu reiten und „die offenbar starken Kräfte, die einer Vollendung der nationalsozialistischen Idee nach ihrer sozialistischen Seite hin zustreben, in Bahnen zu lenken, in denen sie nicht verheerend, sondern befruchtend sich auswirken können“ (Deutscher Sozialismus ebd., S.XVI), kann als grandios gescheitert betrachtet werden. Die rassefixierten Ideologen à la Rosenberg e tutti quanti wollten gar nicht vordekliniert bekommen, was sie als Nation und als Sozialismus aufzufassen hätten und was nicht. Immerhin hatte Sombart als gesettelter Emeritus des Jahrgangs 1863 im Sommer 1934, kurz nach der Ausschaltung der führenden NS-Sozialisten („Röhm-Putsch“), den Mut, öffentlich den ideologischen Vorgaben eines Regimes zu widersprechen, das gerade unter Beweis gestellt hatte, daß ihm auch andere Disziplinierungsmaßnahmen als „Berufsverbote“ o.ä. zu Gebote stehen (vgl. i.e.: Friedrich Lenger, Werner Sombart [1994], 2. Aufl., München 1995, S.366 ff.). Nach Professoren solchen charakterlichen Zuschnitts kann man im heutigen Deutschland lange suchen.

57 Karl Marx dixit, Brief vom 2.4.1851 an Friedrich Engels, in: Karl Marx – Friedrich Engels, Der Briefwechsel, Bd. 1, München 1983, S.180.

58 Zur Instrumentalisierung der deutschen Linken nach 1945 als „ein(em) Strategem der Besatzungsmächte zur Niederhaltung des deutschen Volkes“ vgl. die leider wenig angestaubte Analyse von Hans-Dietrich Sander, Die Theatrokratie als höchstes Stadium des Weltbürgerkrieges, in: Jean Baudrillard, Die göttliche Linke, München 1986, S.143 ff.

Dieser Artikel von Thor von Waldstein erschien zuerst als Vorwort zur Neuauflage des Werkes „Sozialismus und Nation“ von Hermann Heller (Jungeuropa Verlag, 2019).

Dr. Dr. Thor von Waldstein

Wir möchten Ihnen ganz besonders das wunderbare Buch „Zauber des Eigenen. Volk und Nation in der deutschen Geistesgeschichte“ aus der Feder Thor von Waldsteins ans Herz legen. Hier können Sie es direkt auf der Internetseite des Lindenbaum Verlages bestellen.

US-Dominanz in Europa: eine Gefahr für Demokratie und Stabilität

Der unabhängige Filmemacher Dr. Uwe Sauermann aus Deutschland hat eine neue Dokumentation für verschiedene Internet-Videoplattformen gedreht, in der er ein besonders heißes Eisen anpackt: die militärische, politische und kulturelle Dominanz der USA in Europa und vor allem in Deutschland – und deren Folgen für die Demokratie und die Stabilität unseres Kontinents.

Welche Auswirkung hat die Amerikanisierung in Europa gehabt? Was sind die Folgen des amerikanischen Zugriffs auf Osteuropa? Was hat es auf sich mit der Behauptung der US-Administration, sie trage Demokratie in die von ihr anvisierten Länder? Ein 37 Minuten langer Film versucht, darauf Antworten zu geben. Gedreht haben ihn Uwe Sauermann, der bereits für das öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen Dokumentationen über Krisengebiete wie dem Irak oder Afghanistan gedreht hat, und ein Studio- und Kamerateam von Ein Prozent. Dr. Sauermann trifft in „After Democracy“ verschiedene Gesprächspartner, darunter Politiker und Experten, die kenntnisreich über die Folgen der US-Politik in Europa Auskunft erteilen. Im Mittelpunkt stehen Interviews in den USA, in Polen und der Ukraine. Im deutschsprachigen Bereich werden Steffen Kontré, Manfred Kleine-Hartlage, Thor Kunkel und Johannes Hübner befragt. Der Film trägt den Titel „After Democracy“. International gehalten wegen des Plans, ihn neben Deutsch und Englisch auch in die nord- und osteuropäischen Sprachen zu übertragen.

Vor allem auch die Aktivitäten der USA in der Ukraine stehen im Fokus der Dokumentation, denn gerade dort treten die Folgen der US-Dominanz besonders dramatisch zu Tage: ausufernde Korruption, Demokratieabbau – letztlich die Ausplünderung und Auflösung des Staates.

Hier kann man das Buch von Dr. Uwe Sauermann direkt beim Verlag bestellen: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/ernst-niekisch-widerstand-gegen-den-westen/

Vor 100 Jahren: Deutsche Freiwillige erstürmen den Annaberg

von Joseph Mergenthaler

Vor 100 Jahren: Deutsche Freiwillige erstürmen den Annaberg

Aus Dresden kommt ein Kurzfilm, der an die Auseinandersetzungen um Oberschlesien im Jahre 1921 erinnert, die sich heuer zum 100. Mal jähren. Mit dem deutschen Zusammenbruch von 1918 war ein Ringen auch um jene preußische Provinz mit ihrem mächtigen Industriegebiet entbrannt, die nach dem Willen der Versailler Siegermächte dem neuen polnischen Staat zufallen sollte. Als eine Volksabstimmung am 20. März bei hoher Wahlbeteiligung (97,2 %) der Oberschlesier eine klare Mehrheit (59,6 %) für den Verbleib bei Deutschland ergab, suchten polnische Freischärler das Land gewaltsam zu erobern. Da ein Einsatz von Reichswehr nicht riskiert werden konnte, standen dem lediglich örtliche Selbstschutzverbände (SSOS) gegenüber, unterstützt von aktivistischen Freiwilligen aus allen Teilen Deutschlands, Österreichs, dem Sudetenland und Südtirol, meist ehemaligen Freikorpsangehörigen und Studenten, die dem Aufruf „Oberschlesien brennt! Auf zur Tat und Rettung Oberschlesiens!“ an die Oder bald gefolgt waren. Mit deren erfolgreichem Sturm auf den Annaberg am 21. Mai verlor der Aufstand an Kraft; erst eilig aufmarschierte französische Truppen konnten die völlige Niederlage ihrer polnischen Verbündeten aufhalten. Wenn wir uns heute dieser Ereignisse vergewissern, geschieht dies ohne Ressentiment und nicht, um alte Wunden aufzureißen. Längst stehen die europäischen Völker gemeinsam vor der Frage nach dem Erhalt ihrer Identität, die eine voranschreitende Globalisierung herausfordert. Gerade deshalb aber bleibt der Sieg vom Annaberg auch ein Symbol, und nicht allein für Deutsche: Erfolg ist möglich, gemeinschaftliches Handeln in solidarischer Verantwortung kann Krisen überwinden. Damals in Oberschlesien und vielleicht auch heute!

„S.O.S. am Annaberg, 1921 – 2021“. (U. a. mit Aufnahmen einer Annaberg-Gedenkfeier in Schliersee/Obb. (1994) sowie Teilen eines Interviews mit dem letzten damals noch lebenden deutschen Annaberg-Kämpfer Fridolin v. Spaun (1901-2004).

Titelbild: Der Annaberg in Oberschlesien im 19. Jahrhundert. Zeichnung von Theodor Blätterbauer und Stich von Huber.

Ernst Wiechert, ein ostpreußischer Schriftsteller – im Dienste höherer Ideale

von Werner Olles

„Ernst Wiecherts Vorstellungswelt wurde bestimmt durch die Worte und Gestalten der Bibel und durch das Erlebnis der Seen, Moore und Wälder seiner ostpreußischen Heimat“ (Ernst Fuchs). Hatte er sich in seinen ersten Romanen noch gegen alle duldsame Lebenshaltung und hergebrachte Ordnung gewandt, standen seine späteren Novellen ganz im Zeichen der Suche nach dem wahren Menschentum seiner Heimat. Er verherrlichte den Wald als Symbol des Bleibenden und verabsolutierte seine naturreligiöse Haltung bei einem sich steigernden Ringen um Gott.


Am 18.Mai 1887 im Forsthaus Kleinort in Ostpreußen geboren, aufgewachsen in der Einsamkeit ostpreußischer Wälder, studierte er in den Jahren 1905 bis 1911 und war anschließend in Königsberg als Studienrat tätig. Anfang der zwanziger Jahre erschienen seine ersten Bücher „Der Wald“ und „Der Totenwolf“. Ihre Protagonisten waren wie Wiechert ehemalige Weltkriegsoffiziere und vertraten eine nationalistische und gegenrevolutionäre Haltung. 1928 erschien die Novellensammlung „Der silberne Wagen“, zwei Jahre später die Erzählungen „Die Flöte des Pan“. Ihren Stil charakterisierte ein östliches Element des Lyrisch-Weichen und Breiten. Nach dem großen Erfolg seines Romans „Die Magd des Jürgen Doskocil“ (1932) hängte Wiechert den Lehrerberuf endgültig an den Nagel und ließ sich in München als freier Schriftsteller nieder.

Neuauflage im Lindenbaum Verlag (erstmals seit 1936)


Dem nationalsozialistischen Regime stand der Dichter von Anfang an feindlich gegenüber. Schon im Juli 1933 wandte er sich vor der Münchner Studentenschaft gegen Fremdbestimmung und Machtmißbrauch. Von den Funktionären der Partei mißtrauisch beäugt erschien 1934 der Roman „Die Majorin“. Als Wiechert schließlich gegen die Verhaftung Martin Niemöllers protestierte, war das Maß voll. Im Mai 1938 wies man ihn für drei Monate in das Konzentrationslager Buchenwald ein.

Ernst Wiechert, 1938


Obwohl er bis 1945 unter Aufsicht der Gestapo stand, konnte 1939 ein neuer Roman erscheinen: „Das einfache Leben“. In ihm versucht der Dichter die im Titel angedeutete Lebenshaltung, die den Menschen das Heil bringen soll, zu gestalten. Wie in allen seinen Werken kommt auch hier die unstillbare Sehnsucht nach einem unkomplizierten, religiös mystifizierten Leben zum Ausdruck. Seine Helden sind einfache, schlichte Naturmenschen, die sich, in idealisierter Weise dargestellt, ihren eigenen Lebensweg gegen den Strom der Zeit suchen. Schon in der „Hirtennovelle“ (1935), vor allem aber in seiner ein Jahr später erschienenen Autobiographie „Wälder und Menschen“ war diese Flucht aus der Zeit spürbar, feierte der Dichter die Menschen, die sich – wie er selbst – bewußt aus dem hektischen Leben der Großstädte zurückzogen, um in der Naturverbundenheit ihre Ideale zu verwirklichen.
1945 erschien der erste Band des Familien- und Dorfromans „Die Jeromin-Kinder“, den die Literaturkritiker an die Seite von Thomas Manns „Buddenbrooks“ stellten. Wiecherts „Rede an die deutsche Jugend“ im gleichen Jahr im Münchner Schauspielhaus fand zwar eine breite Aufnahme, stieß jedoch gerade bei der jungen Generation nicht auf einhellige Zustimmung. Gewiß wurde seine moralische Integrität nicht bestritten – neben Ernst Jünger war er einer der wenigen Intellektuellen, die im Reich geblieben waren und sich den Verhältnissen gestellt hatten –, aber seine Vermittlung eines antimodernistischen und antiemanzipatorischen Lebenssinns rief doch bei vielen Jüngeren Ablehnung hervor. Es verletzte den Dichter zutiefst, daß das, was er als Zeitlosigkeit der Dichtung empfand, offenbar nicht verstanden wurde. „Nie wieder will ich zu Deutschland sprechen, auch nicht zur deutschen Jugend“, resümierte er und folgerte, daß, „wenn Hitler morgen wiederkäme, sechzig bis achtzig Prozent der Deutschen ihn mit offenen Armen aufnehmen würden“.
Enttäuscht und resigniert emigrierte er 1948 in die Schweiz. In „Jahre und Zeiten“ (1949), Erinnerungen, die an „Wälder und Menschen“ anschließen, aber auch in seinem letzten Roman „Missa sine Nomine“ (1950), drückt er diese Resignation in Thematik und Sprache der deutschen Innerlichkeit noch einmal aus. Am 24.August 1950 starb Ernst Wiechert im schweizerischen Uerikon im Alter von 63 Jahren.
Als einer jener Dichter der von den Exilanten immer bestrittenen „inneren Emigration“, dessen Ideale jenseits der Gegenwart lagen, gehörte er zu den Solitären einer Zeit, die nicht nur mit der Darstellung humanistischer Werte gegen den Nationalsozialismus ihr Leben eingesetzt hatten, sondern bis zuletzt standhaft an ihrem Weg nach innen festhielten.

Der Artikel erschien zuerst in der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ am 18. August 2000.

Danach auch in dem Buch „Grenzgänger des Geistes – Vergessene, verkannte und verfemte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts“. Hier kann man das Buch bestellen: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/grenzgaenger-des-geistes/

Das Foto von Ernst Wiechert entstand um 1938 (Aufn. Hanns Holdt, München)

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Werner Olles

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor der Bücher:

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Grenzgänger des Geistes. Vergessene, verkannte und verfemte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

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Feindberührungen – Wider den linken Totalitarismus!

Das Verblassen heidnischer Glaubensvorstellungen bei den Germanen und die Ausbreitung des Christentums

von Dr. Christian Böttger

Das Verblassen heidnischer Glaubensvorstellungen bei den Germanen und die Ausbreitung des Christentums

Oft begegnet man der Auffassung, bei den Vorfahren unseres Volkes sei das Christentum ausschließlich gewaltsam verbreitet worden. Aber war das wirklich so? Oder handelte es sich bei der „Überwindung urgesellschaftlicher Glaubensvorstellungen“ vielleicht sogar um einen gesetzmäßigen Prozeß, wie es marxistische Religionswissenschaftler herausgestellt haben? Eines scheint aber festzustehen: dieser historische Vorgang ist von einem ganzen Komplex unterschiedlicher Faktoren beeinflußt worden. Monokausale Erklärungsversuche werden sich hier immer als untauglich erweisen. Auch bei dieser Entwicklung müssen Faktoren wie Anpassungsfähigkeit, Wechselwirkungen, Rückkopplungen und Selbstorganisation Berücksichtigung finden. Das macht diesen Vorgang so spannend. Schauen wir uns deshalb zunächst das System der Glaubensvorstellungen bei den Germanen etwas näher an.

1. Zur altgermanische Religion

1. 1. Einige allgemeine Bemerkungen

Bei den Germanen, wie auch bei den antiken Völkern, wird die Beziehung zum Transzendenten nicht erst durch einen Kultakt hergestellt, sondern die ganze menschliche Lebenswelt ist geheiligt. Heiliger Boden ist überall, nicht nur auf dem Thingplatz, in heiligen Hainen, oder in einem Tempel, sondern auch auf dem Acker und auf dem Bauernhof. (1)

Obwohl den germanischen Göttern große Ehrfurcht entgegengebracht wurde, können sie keinesfalls als sittliche, tugendhafte Vorbilder für ihre Verehrer betrachtet werden. Sie sind aus demselben Holz geschnitzt wie die Menschen und handeln nicht nach abstrakten moralischen Grundsätzen. Tugendhaftes Verhalten wird nicht durch Jenseitsvorstellungen motiviert, sondern gründet sich auf ein Ehrgefühl, welches die feste Verankerung des Individuums in der Gemeinschaft erzwingt. Durch ein Opfer setzt sich der Mensch in unmittelbare Beziehung zu den göttlichen Mächten. Die Gottheit wird aber keineswegs verpflichtet, dem Opfernden eine Bitte zu gewähren, es ist keinesfalls als eine Art Tauschhandel anzusehen. „Das Opfer öffnet nur den Weg zu einem Wirken der Gottheit“ (2), die aber eine unverkürzte Freiheit behält.

Setzt der Mensch sich in unmittelbare Beziehung zu den Göttern, muß er sich im Klaren sein, daß er eine gefährliche Sphäre betritt. Er kann auch den Zorn der Götter auf sich ziehen, wenn er zu hohe Anforderungen stellt.

Opfer wurden meist in der Nähe markanter Punkte niedergelegt, wie z. B. bei großen Steinen, Bäumen, auch an Quellen, in Flüssen und Mooren, besonders aber auf Hügeln oder Bergen. In der Bedeutung, die den Bergen zukommt, zeigt sich die im ganzen vorchristlichen Europa verbreitete Anschauung, daß jede Erhebung des Bodes eine Kraftstelle der Erde darstellt, „wo sich die unterirdische Mächtigkeit zusammengeballt hat“ (3), und deshalb Anlaß zur kultischen Verehrung gibt.

Eine geschlossene Priesterkaste, wie sie uns z. B. von den Kelten überliefert ist, fehlte bei den Germanen völlig, obwohl die Priester z. T. eine sehr einflußreiche Stellung hatten und größere Autorität als die Stammesoberhäupter und Könige besaßen.

Eine sehr große Rolle im religiösen Leben spielten die Frauen in denen man etwas Heiliges und Prophetisches vermutete. Seherinnen wie die Veleda konnten eine gewaltige Machtfülle erlangen und Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten ausüben.

Veleda – Gemälde von Alexandre Cabanel (1852)

Die Wahrsagekunst spielte überhaupt eine wichtige Rolle im öffentlichen und persönlichen Leben; geweissagt wurde aus dem Vogelflug, aus dem Verhalten heiliger weißer Pferde und vor allem aus den Runen. (4)

Auch magische Gebräuche waren üblich, obwohl man hier sich stets den Unterschied zwischen Magie und Religion deutlich machen sollte. Dennoch ist die Trennungslinie zwischen Religion und Magie nicht sehr scharf gezogen.

Der Glaube an eine Wiedergeburt war sehr verbreitet. Den Kindern wurde oft der Name von verstorbenen Familienangehörigen gegeben, weil man annahm, sie würden dadurch wiedergeboren. (5)

Ein Dogma, daß man als Grundvoraussetzung des Glaubens annehmen mußte, kannte der Germane nicht. Er kannte nur die uralte Überlieferung und die sich daraus ergebenden sittlichen Verpflichtungen gegenüber Sippe, Stamm oder Gefolgschaft.

1. 2. Wandlungen

Die kultischen und mythologischen Vorstellungen der germanischen Stämme sind keineswegs als eine über die Jahrhunderte hinweg konstante, unveränderliche Erscheinung aufzufassen, sondern sie tragen vielmehr stets der gesellschaftlichen Wirklichkeit Rechnung, auch wenn sich einzelne Elemente wie z. B. der Fruchtbarkeitskult als relativ stabil erwiesen haben.

Mit den sich verstärkenden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen germanischen Stämmen und den Römern, begannen sich noch vor Beginn unserer Zeitrechnung die stammesgesellschaftlichen Verhältnisse allmählich zu zersetzen. Das zeigt sich besonders in dem stärkeren Hervortreten des Gefolgschaftswesens und einer verstärkten Absonderung des Stammesadels.

Diese Veränderung im sozialen Gefüge fand auch eine Widerspiegelung in den Göttervorstellungen. „Es entstand eine Hierarchie von Geistern und Göttern, in der die einen den anderen untergeordnet und dienstbar waren.“ (6) Auch die Festigung besonderer Jenseitsvorstellungen ist in diesem Zusammenhang zu nennen. „Tapfere und gefallene Krieger wurden von den Wallküren in die Palasthalle Odins (Walhall) geleitet, wo sie schmausten, zechten und kämpften.“ (7) Der Wodans- oder Odinskult verdrängte mit dem stärkeren Hervortreten des Gefolgschaftswesens den Kult anderer Götter, die nun auf den 2. Platz rückten, wie z. B. den Kult des Himmelsgottes Tiwaz (Ziu, Thiu, Tyr).

Der Aufstieg Odins (Wodan), der Gott der Edlen, vom ursprünglichen Sturm- und Totendämon zum obersten Himmels-, Toten- und Kriegsgott, trägt der gewachsenen Rolle des Stammesadels innerhalb der Gesellschaft Rechnung.

Abbildung des einäugigen Odin auf Sleipnir mit vielfachem Dreizack aus der isländischen Eddahandschrift aus dem Jahre 1760

Odin/Wodan galt als Meister der Kriegslisten und verkörpert eher die magische Seite des Krieges. Er hat eine düstere, dämonische Wesensart und unterscheidet sich darin grundlegend von Thor/Donar.

Thor/Donar, der eigentliche Krieger, der das Kampfgetöse liebt und mit vernichtender Wucht seinen Hammer schwingt, ist ansonsten im Gegensatz zu Odin der echte treuherzige Menschenfreund. Er ist keine königliche Figur wie Odin, sondern der Gott der freien Bauern, der als Ase eher einen wanischen Wesenszug trägt, d. h. er hat einen Anteil an der Fruchtbarkeit der Erde.

Thor (von Marten Eskil Winge, 1872)

Zu den Wanengöttern rechnet man die für Wachstum und Zeugung verantwortlichen Fruchtbarkeitsgötter. Zu ihnen zählen Njörd (Ernte, Fischfang, Jagd), der friedfertige Vegetationsgott Freyr (auch Fricco, Ing, Frodi) als Gott der Fruchtbarkeit und des Erntesegens. Zu ihm gehören phallische Kulte. Als Wanengöttin der sinnlichen Liebe gilt Freyja.

Göttin Freya

Die Tatsache, daß besonders die friedliche Bauernbevölkerung Anhänger der Wanenreligion war, läßt die Vermutung zu, daß der Mythos vom Krieg zwischen Asen und Wanen eine Polarität in der germanischen Gesellschaft widerspiegelt, und zwar die Polarität zwischen friedlicher Bauernbevölkerung und einer sozial herausgehobenen Gesellschaftsschicht. (8)

Bis zum heutigen Tag hat der Mythos vom Krieg der beiden Göttergeschlechter zu einer Vielzahl von Spekulationen Anlaß gegeben. Einmal wollte man in den Wanen, die nach einem Friedensschluß in die Genossenschaft der Asen aufgenommen wurden, slawische oder finnische Stämme sehen, zum anderen betrachtete man diese Mythe als Reflex historischer Kriege zwischen germanischen Völkern. Wieder andere Forscher verlegten den Ursprung dieser Mythe zurück bis ins Neolithikum. Sie betrachteten die Träger der schnurkeramischen Streitaxtkultur als Anhänger der Asenreligion und die Träger der großsteingrabbauenden Trichterbecherkultur als Anhänger der Wanenreligion. (9) Eine Unterwerfung und Indoeuropäisierung der letztgenannten Gruppe hat – und dafür liefern Sprachforschung und Genanalysen Anhaltspunkte – stattgefunden. In marxistischen Darstellungen spiegelt der Konflikt zwischen Asen und Wanen die nicht ganz konfliktlose Absonderung des Gentiladels zu Beginn unserer Zeitrechnung wider.

Welcher Interpretation man auch immer zuneigen mag – fest steht eines: Gesellschaftliche Ereignisse und Veränderungen schlagen sich in irgendeiner Form auch in den Glaubensvorstellungen nieder und leiten dort ebenfalls Wandlungsprozesse ein.

Im Laufe der weiteren Entwicklung, besonders seit der Völkerwanderungszeit, wurde allmählich den stammesgesellschaftlichen Glaubensvorstellungen der „Boden“ entzogen. Die Stammesreligion ist sehr stark an den Stammesboden gebunden. In Zeiten großer Wanderungen mußten Kulthandlungen, die mit großen Steinen, Bäumen, Quellen, Flüssen und Bodenerhebungen verbunden waren, zwangsläufig ihre Bedeutung verlieren. Der ständige Ortswechsel führte so zu einer Profanisierung des ganzen Lebens, zu einem Glauben an die eigene Kraft und Macht, der den heidnischen Götterhimmel zusammenbrechen ließ. (10) Der Weg war frei für den Vormarsch des Christentums.

2. Die Ausbreitung des Christentums

Die Christianisierung der Germanen verlief in mehreren Etappen.

2. 1. Die gotische Mission

Bischof Wulfila erklärt den Goten das Evangelium. Der Holzstich wurde 1890 veröffentlicht. — Adolf Bär und Paul Quensel: Bildersaal deutscher Geschichte. Zwei Jahrtausende deutschen Lebens in Wort und Bild, Stuttgart 1890

Für das Jahr 376 kann die allgemeine Annahme des arianischen Christentums durch die Goten angenommen werden. Schon 341 war Wulfila (um 311 – 383) zum Bischof der gotischen Christen geweiht worden und hatte mit seiner Missionstätigkeit vor allem bei der einfachen Bevölkerung Erfolg.

Das arianische Christentum geht auf den alexandrinischen Presbyter Arius zurück, der die Identität zwischen Gottvater, Christus und dem hl. Geist leugnete. Er vertrat vielmehr die Auffassung, daß Christus seinem Wesen nach Gott nicht gleicht, sondern als dessen höchstes Geschöpf menschliche Qualitäten habe.

Von den Goten ausgehend gelangte das arianische Christentum auch zu anderen germanischen Stämmen, so zu Wandalen, Langobarden, Burgunden, Herulern und Rugiern. Der Einfluß gotischer Missionstätigkeit reichte bis nach Thüringen. Vom Thüringer König Hermenefred (vor 485 – vor 534) ist bezeugt, daß er arianischer Christ war. (11) Weiter nach Norden vermochte das Christentum damals aber noch nicht zu dringen.

Die größte Leistung des Gotenbischofs Wulfila besteht darin, die Bibel ins Gotische übersetzt zu haben, wofür er ein eigenes Alphabet mit 27 gotischen Buchstaben schuf, 18 oder 19 entnahm er dem griechischen Alphabet, die übrigen dem lateinischen Alphabet und einige den Runenzeichen. (12)

2. 2. Der Übertritt des Frankenkönigs zur Römischen Kirche

Von den Franken wurde der obergermanisch-rätische Limes seit Anfang des 3. Jahrhunderts immer häufiger überrannt. Die Römer versuchten sie als Föderaten im Grenzgebiet anzusiedeln und zur Abwehr neu eindringender Stämme zu verpflichten. Als dann 486 der Frankenkönig Chlodwig (466 – 511) Gallien unterwarf, wurden im Neuansiedlungsprozeß die Blutsbindungen überwunden. Eine Territorialorganisation löste die Sippenordnung ab. Die fränkischen Siedler erhielten Parzellen als Allod, aus denen sich später das Privateigentum entwickelte. Die Adligen erhielten größere Anteile. Der König hatte das ganze eroberte Land als sein Eigentum betrachtet und der Verfügungsgewalt des Things entzogen. Das alles kann als entschiedener Bruch mit den stammesgesellschaftlichen Verhältnissen angesehen werden.

Doch auch auf religiösem Gebiet wurde ein Bruch mit der Stammesgesellschaft vollzogen. Im Jahre 498 erfolgte der Übertritt Chlodwigs zur römischen Kirche. Dieser folgenschwere Übertritt war eine wohlberechnete Maßnahme von großer politischer Tragweite. Dieser Kirche gehörten die meisten Alteinwohner in den eroberten Gebieten an. Auf diese Weise konnte ein vertrauensvolles Verhältnis zur alteingesessenen romanischen Bevölkerung in den eroberten Gebieten hergestellt werden. Zum anderen war Chlodwig mit der Kirchenorganisation, deren Leitung er seinem Willen unterwarf, eine Institution zur Festigung und Ausdehnung seines Herrschaftsbereiches in die Hand gegeben. Die Entscheidung für Rom war also ganz im Sinne der beginnenden feudalen Entwicklung. Im Gegensatz zur arianischen Kirche spielten in der römischen Kirche Reichtum und Großgrundbesitz eine erhebliche Rolle. Das arianische Christentum, das gegen Dogma und Besitzstreben der römischen Kirche kämpfte, mußte so gesetzmäßig untergehen. Es entsprach nicht mehr den Erfordernissen der eingeleiteten feudalen Entwicklung.

2. 3. Die iro-schottische Mission

In der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts (496/506 und um 536) wurden die heute süddeutschen Gebiete der Alemannen und Bayern in das Frankenreich einbezogen. Die Christianisierung dieser Gebiete erfolgte aber erst am Anfang des 7. Jh. Die Missionierung ging hier gar nicht mal von fränkischen, sondern vorerst von iro-schottischen Mönchen aus, denen der desolate Zustand des Frankenreiches nach dem Tode Chlodwigs 511 zugutekam. Die iro-schottische Kirche war von Rom relativ unabhängig. Zwischen Kelten und Rom hatten sich in Britannien im 5. Jh. die noch heidnischen Angelsachsen geschoben. Diese somit isolierte iro-schottische Kirche war nach dem Abzug der Römer aus der „altbritischen“ (römische Staatsreligion) hervorgegangen und nahm dann eine Eigenentwicklung. Sie tat sich durch Aktivitäten auf geistig-kulturellem Gebiet hervor und setzte die wissenschaftlichen Kenntnisse des 4. und 5. Jh. in ununterbrochener Folge fort. Damit stand sie ganz im Gegensatz zu der langsam verweltlichenden, prunkliebenden römischen Kirche, deren Geistesleben sich in einer kritischen Situation befand. Die iro-schottischen Mönche, die auch z. T. an den Bräuchen ihrer keltischen Heimat festhielten, verstanden noch durch ihre Vorbildwirkung und ihre leidenschaftliche Art das Volk zu begeistern. Die deutsche Geschichtsschreibung des wilhelminischen Zeitalters hat dieser Kirche einen mangelnden Ordnungssinn vorgeworfen. (13) Aber es wird sich hier wohl weniger um einen mangelnden Ordnungssinn, als vielmehr um fehlende Machtstrukturen, um ein Fehlen von gewaltsamen Herrschaftspraktiken gehandelt haben. Der eigentlich fränkische Klerus war – bedingt durch die Thronwirren – in eine Krise geraten. Die Synoden hörten 695 ganz auf. Die iro-schottische Kirche füllte in Süddeutschland einstweilen die entstandene Lücke. Seit dem 8. Jh. galt auf diese Weise auch Thüringen als bekehrt.

Bonifatius fällt die Donareiche in Hessen. Farblithographie, um 1900, nach dem Fresko, 1834/44, von Heinrich Maria von Hess.

Der Umschwung für Rom erfolgte in deutschen Landen durch Bonifazius (673 – 754 n. Chr.), eigentlich Winfrid, ein angelsächsischer Benediktinermönch. In der zweiten Hälfte des 7. Jh. hatte sich bei den Angelsachsen der Katholizismus durchgesetzt. Die frühere deutsche Geschichtsschreibung glorifizierte Bonifazius als den „Apostel der Deutschen“. In Wahrheit jedoch war er nur ein fanatischer religiöser Eiferer, ein Vorkämpfer päpstlicher Allmacht. Bonifazius hatte einen wesentlichen Anteil an der Erneuerung und am Ausbau der Kirche in den später deutschen Gebieten des Frankenreiches. Auf einer erstmalig wieder 742 durchgeführten Synode wurde Bonifazius die Kirchenleitung des austrasischen Teilreiches übertragen. (14) Als Missionar hatte er sich schon Jahre vorher in Friesland, Thüringen und Hessen betätigt, wobei er sich recht zweifelhafter Praktiken bediente. Seine größte „Heldentat“ ist aus Hessen überliefert. Hier fällte er 723 angeblich eigenhändig die damals bei den Chatten heilig geltende Donareiche bei Geismar und glaubte damit eindeutig, die Überlegenheit der christlichen Religion bewiesen zu haben. Weniger Glück mit seinen Bekehrungspraktiken hatte er allerdings in Friesland. Als er 754 einen erneuten Anlauf nahm, Friesland dem christlichen Glauben zu unterwerfen, erschlugen ihn kurzerhand die um ihre Freiheit und Selbständigkeit bangenden Friesen. Und dies ist auch nicht verwunderlich. Denn, wer den Göttern abschwor und sich taufen ließ, bekannte sich nicht nur zur Staatsreligion eines nach ständiger Expansion strebenden Staates, sondern der war auch bereit eine Haltung anzunehmen, die vermutlich von den Friesen als „Knechtsgesinnung“ wahrgenommen wurde und eine entsprechende Demutsideologie beinhaltete.

Bonifatius wird bei dem Versuch einer neuerlichen Missionierung von den Friesen im Jahr 754 getötet.

2. 4. Die gewaltsame Missionierung der Sachsen

Am längsten setzten sich die Sachsen allen Versuchen einer politischen und religiösen Unterwerfung zur Wehr. Da eine friedliche Bekehrung hier keine Früchte trug, wurde der gewaltsame Weg beschritten. Im Jahre 772 zog Karl d. Große gegen sie ins Feld, ließ Massentaufen anordnen und zerstörte die Irminsul, eine Säule des Himmelsgottes Irmin oder die Darstellung der Himmelsachse, die den Sachsen als Heiligtum galt.

Hermann Wislicenus: Karl der Große zerstört die Irminsäule (Wandbild im Kaisersaal Goslar)

In Widukind fanden die zum Volkskrieg angetretenen Sachsen ihren Herzog und Volkshelden. Im Jahre 785 mußte dieser allerdings die Sinnlosigkeit des Kampfes einsehen und wurde Christ. (15) Karl der Große erließ ein Gesetz für die Sachsen, das die Unterordnung unter Kirche und Krone erzwingen sollte. Jedem drohte die Todesstrafe, der die Taufe verschmähte, wer an alten Sitten und Gebräuchen festhielt, Tote verbrannte, die Fastenzeit nicht einhielt oder ein neugeborenes Kind nicht taufen ließ. Daß diese Gesetze nicht nur auf dem Papier standen, beweist die Hinrichtung von 4.500 Aufständischen an nur einem Tag. Der letzte Widerstand wurde erst 804 endgültig gebrochen. Die Sachsen wurden aus allen Gebieten nördlich der Elbe nach Franken zwangsumgesiedelt und das Land den Obotriten übergeben. Somit waren nun alle deutschen Stämme unter die Herrschaft des Kreuzes gebracht.

3. Christliche Glaubensinhalte in heidnischen Formen

Manchmal knüpften die Missionare auch bei der Vermittlung von bestimmten christlichen Stoffen an die Vorstellungswelt der Germanen an. Das eindrucksvollste Beispiel hierfür ist eine fast 6.000 Verse umfassende Stabreimdichtung, der Heliand.Sie entstand nach dem Tode Karls d. Großen auf Geheiß Ludwig d. Frommen, der sich, und das sei hier nur nebenbei bemerkt, dadurch hervortat, daß er die zuvor gesammelte und schriftlich fixierte germanischen Sagen und Heldenlieder verbrennen ließ.

Der Heliand, der das Leben und Wirken Christi so undogmatisch wie möglich schildert, sollte der Christianisierung besonders der nördlichen Gebiete dienen, die sich erneut zum Aufstand gegen die herrschende Klasse rüsteten (841 Stellinga-Aufstand). „Christus wird dargestellt als Gefolgsherr, als der Volkskönig, der Beschützer des Landes und des Volkes; seine Jünger erscheinen als eine Gefolgschaft, als wortweise und edelgeborene Helden…, die als das Wichtigste im Leben ihre Treue zu ihrem Herrn ansehen, die für ihn sterben wollen“ (16). Die Bergpredigt wird in einer Breite von etwa 700 Versen auf einem Volksthing wiedergegeben. „Die einzige kriegerische Handlung – als Petrus des Malchus Ohr abschlägt – wird entgegen dem neutestamentarischen Bericht breit zu einer Kampfschilderung ausgemalt“ (17). Da nun aber von Gefolgschaftstreue keine Rede sein kann, als die Jünger ihren Herrn bei der Gefangennahme verlassen, mußte der Dichter sich etwas einfallen lassen: es sei keine Feigheit gewesen, sondern schon vorher von Wahrsagern verkündet worden.

4. Das Weiterleben heidnischer Glaubensinhalte in christlichem Gewand

Überall da, wo die Einführung des Christentums nicht mit einer feudalen Unterwerfung einher ging, geschah dies beinahe problemlos. So wurde um das Jahr 1000 auf Island das Christentum durch Mehrheitsbeschluß auf dem Althing angenommen. (18) Dieser problemlose Übergang hat zu der Annahme geführt, daß es dem Germanen bei diesem Übertritt weniger um den christlichen Glaubensinhalt als vielmehr um die Kulthandlung ging. Kerzenlicht, Glockenklang und Glockenklingeln, funkelnde Meßgewänder und Weihrauchduft waren neue Erfahrungen, die sicherlich einen tiefen Eindruck hinterließen. Aber bedeutete für die Germanen der Übertritt zum Christentum nur einen Wechsel der kultischen Sitte? Wenn ja, warum? Handelte es sich beim Christentum nicht um eine Religion, die den Menschen völlig umwälzen sollte? Bei der Beantwortung dieser Frage möchte ich auf den anthroposophischen Historiker und Volkskundler Werner Georg Haverbeck (1909 – 1999) verweisen. Nach seiner Auffassung sind auch im Christentum die alten Urbilder des europäischen Urglaubens enthalten, z. B. Tod und Auferstehung (Baldurs Tod und Wiederkehr). Diese Tatsache mag den Übertritt zum Christentum erleichtert haben.

Odins letzte Worte an Baldr

Doch nicht nur die alten Urbilder kann man im Christentum wiederfinden. Die Missionare haben oft auch vorsätzlich (also ganz bewußt) an heidnische Elemente und Vorstellungen angeknüpft. Daniel von Winchester, er war dort Bischof von 705 bis 744, warnte seinen Freund Bonifazius brieflich vor dem Versuch, alles Heidnische rücksichtslos zu vernichten, weil es zu tief im Volke verwurzelt sei. Er riet vielmehr dazu, das Christliche daran anzufügen. Auf diese Weise wurden heidnische Opfermahle in christliche Freudenmahle umgewandelt. Für diese von der Kirche geduldete und geförderte Praxis gibt es zahlreiche Belege. So wurden alte heidnische Zaubersprüche, wie z. B. der Wiener Hundesegen, der Lorscher Bienensegen und die Blutsegen vom Christentum übernommen und ins christliche verkehrt. Statt der heidnischen Götter, wurden in die Texte Christus und Petrus oder Christus und Maria eingesetzt. (19) Von Jahrhundert zu Jahrhundert wurden solche Zaubersprüche im christlichen Gewand im Volke weitergegeben.

Einen Übergang zu einem allgemeineren Synkretismus bildet das formale Weiterleben heidnischer Glaubensinhalte unter christlichem Vorzeichen z. B. im sog. „Questenfest“. (20) Es wird seit alters her am Pfingstmontag in dem kleinen Ort Questenberg am Südrand des Harzes begangen – heute natürlich als „Brauch ohne Glaube“. An diesem Tag treffen sich hier die Bewohner schon bei Sonnenaufgang, um einen mit Reisig geschmückten Kranz von einem 10 Meter hohen Baumstamm herunterzuholen und zu verbrennen. Am Nachmittag wird dann der Kranz mit neuem Birken- und Buchengrün befestigt. Ein Sonnenkult wird als Ursprung des Festes vermutet, was aufgrund der frühen Tageszeit der Bauchhandlung, zum Sonnenaufgang, naheliegend wäre. Die neuerlich entfachte Diskussion über den germanischen oder slawischen Ursprung des Festes (21) ist eigentlich überflüssig, da Sonnenkulte ihre Wurzeln in der Bronzezeit haben. Wandernde Völker – hier in dem Falle die Slawen – verlieren meist ihre Bräuche und übernehmen die Flurnamen und Kulte der Vorbevölkerung, die niemals gänzlich verschwindet. So ist speziell im Wendland, auf das sich die Slawenthese mit den festgestellten Parallelen bezieht, ein größeres germanisches Restsiedlungsgebiet archäologisch nachweisbar. (22)

Heute stehen selbstverständlich bei diesem Brauch weniger Glaubensvorstellungen und ihre Herkunft, sondern vielmehr seine soziale Funktion im Vordergrund. Bräuche gewähren dem Individuum Identität durch aktives Beteiligtsein, durch soziale Interaktion. Der Einzelne findet Bestätigung und Verankerung in einer für ihn als charakteristisch erlebten Gruppenidentität, die ihm die Vorzüge und die menschliche Wärme der damit verbundenen Gruppensolidarität erlebbar macht. Die Brauchausübung vermittelte das Gefühl der Geborgenheit und die Gewähr, zur Gemeinschaft zu gehören. (23)

5. Das Verschmelzen heidnischer und christlicher Glaubensvorstellungen

Die Verschmelzung von Elementen verschiedener Kulturen zu einem neuen System nennt man in der Ethnologie „Synkretismus“. (24) Bei näherem Hinschauen ist fast jede Kultur bis zu einem gewissen Grad „synkretistisch“. Die Kombination von Traditionen und Elementen vorchristlicher und christlicher Glaubensvorstellungen sind für uns gut nachvollziehbar vor allem aus Lateinamerika überliefert. Doch auch bei den Germanen waren diese Elemente und Traditionen des vorchristlichen Glaubens durch die Missionierung keineswegs ausgerottet, sondern verschmolzen mit Elementen des neuen Glaubens zu einem eigentümlichen „Synkretismus“. Dieser Synkretismus, der im Volksglauben späterer Zeiten seine Spuren hinterlassen hat, wird zwar selbst in der Volkskunde heute manchmal geleugnet oder lächerlich gemacht, ja als NS-Phantasterei dargestellt. Dennoch können wir in vielen Bräuchen wie die der Sonnenwendfeiern, im Weihnachts- oder Fasnachtsbrauchtum zahlreiche Belege dafür finden. Warum sollte auch das, was für Lateinamerika als gesichert gelten kann, nicht für unsere Heimat ebenfalls zutreffen?

Schlußbetrachtung

Glaubensvorstellungen existieren nicht losgelöst von gesellschaftlichen Entwicklungen, sondern tragen stets auch der gesellschaftlichen Wirklichkeit Rechnung. Schon die kriegerischen Auseinandersetzungen der Germanen mit den Römern haben zu Veränderungen in der Glaubenswelt der Germanen geführt. Sie zeigen sich in einer Vertiefung der Jenseitsvorstellungen und einem stärkeren Hervortreten des Individuums. Den größten zersetzenden Einfluß auf die Glaubenswelt der Germanen hatte die Völkerwanderungszeit, denn die Stammesreligion ist sehr stark an den Stammesboden gebunden. Nur, wo die Verbindung zum Volksboden erhalten blieb, kam es zum Widerstand gegenüber dem Christentum. Die Gründung großer Reiche, in denen mehrere Stämme und Völker zusammengefaßt werden sollten, begünstigte das Vordringen einer Weltreligion wie es das Christentum darstellt. Stämme und Völker ließen sich auf diese Weise ideologisch überwölben. Das Römische Christentum stellte damit nicht nur eine neue Religion dar. Es ging auch einher mit einer neuen Gesellschaftsordnung, dem Feudalismus.

Quellen und Anmerkungen:

  1. De Vries, Jan: Die geistige Welt der Germanen, Halle/Saale 1945, S. 156
  2. Ebenda, S. 187
  3. Ebenda, S. 166
  4. Die Germanen. Ein Handbuch, Berlin 1983, Band 1, S. 183; S. 366 f.
  5. Ebenda, S. 368
  6. Die Germanen. Ein Handbuch, Berlin 1983, Band 2, S. 248
  7. Ebenda, S. 261
  8. Ebenda, S. 262
  9. Vgl. De Vries, Jan: a. a. O., S. 159
  10. Ebenda, S. 196 ff.
  11. Die Germanen. Ein Handbuch, Berlin 1983, Band 2, S. 282
  12. Mettke, Heinz: Älteste deutsche Dichtung und Prosa, Leipzig 1982, S. 10
  13. Ullsteins Weltgeschichte, hrsg. v. Pflugk-Harttung, Berlin 1905, Bd. Mittelalter, S. 79
  14. Deutsche Geschichte in 12 Bänden, Band 1, Berlin 1985, S. 291
  15. Der Historiker und Volkskundler Werner Georg Haverbeck sah in der Verständigung zwischen Karl dem Großen und dem Sachsenherzog Widukind, dem Opfer Widukinds in Form seiner Taufe, die Voraussetzung für die Entstehung des deutschen Volkes unter Einschluß des Sachsenstammes (Niedersachsen). Vgl. Haverbeck, Werner Georg: Wittekinds Sieg, Dresden 1997
  16. Mettke, Heinz: Älteste deutsche Dichtung und Prosa, Leipzig 1982, S. 53
  17. Ebenda, S. 53 f.
  18. Vgl. De Vries, Jan: a. a. O., S. 160
  19. Mettke, Heinz: a. a. O., S. 27
  20. https://www.youtube.com/watch?v=XtgfaQilUh0
  21. Reinboth, Fritz: Hat das Südharzer Questenfest wendische Wurzeln? In: Unser Harz, Jg. 49, H. 12, S. 230 ff.
  22. Vgl. Karte in: Herrmann, Joachim: Die Slawen in Deutschland. Ein Handbuch. Berlin 1985, S. 28 = Karte in: Böttger, Christian: Ethnos. Der Nebel um den Volksbegriff. Schnellbach 2014, S. 344
  23. Ulbrich, Björn: Im Tanz der Elemente: Kult und Ritus der heidnischen Gemeinschaft. Vilsbiburg 1990, S. 38 f.
  24. Haller, Dieter: dtv-Atlas Ethnologie. München 2005, S. 97

Zu Anmerkung 21

https://www.karstwanderweg.de/publika/uns_harz/49/230-233/index.htm

Dr. Christian Böttger
Dr. Christian Böttger

Dr. Christian Böttger

Christian Böttger, geb. 1954, Facharbeiterausbildung als Gärtner für Zierpflanzenbau mit Abitur 1974, studierte von 1983-1988 Ethnographie, deutsche Geschichte und Volkskunde an der Humboldt-Universität zu Berlin. Danach arbeitete er bis Ende 1991 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Wissenschaftsbereich Kulturgeschichte/Volkskunde am Zentralinstitut für Geschichte (Akademie der Wissenschaften der DDR) an einem Forschungsprojekt auf dem Gebiet der Kulturgeschichte sozialer Reformbewegungen in Deutschland um 1900. Ende 1993 promovierte er an der Humboldt-Universität zum doctor philosophiae. Anschließend war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Lexikonprojekten beschäftigt.

Autor der Bücher:

Christian Böttger: Ethnos. Der Nebel um den Volksbegriff.

NEU:

Christian Böttger: Autonomie für die Afrikaanse Nation! Ein Superethnos in Südafrika

„Normale Katastrophen“ – Für eine andere Sicht auf Krisen

von Florian Sander

„Normale Katastrophen“ – Für eine andere Sicht auf Krisen

Der amerikanische Soziologe Charles Perrow hat in den 80er Jahren einen risikosoziologischen Ansatz entwickelt, den er mit der Formulierung der „normal accidents“ umschrieb. Er schuf damit eine Katastrophensoziologie, die zur sozialen Systematisierung insbesondere von technischen Unfällen beitrug und zugleich die in Opposition etwa zu Ulrich Beck stehende These vermittelte, dass Unfälle und Katastrophen nicht grundsätzlich vermeidbar und daher ein Stück weit Normalzustand sind. Angesichts sowohl der „Krisen“ rund um Euro, Finanzen, Staatsschulden, Terrorismus und Atomkraft bis hin zu Migration und nicht zuletzt der „Krise der Krisen“ schlechthin, Corona, wird es Zeit, sich diese These ins Gedächtnis zu rufen und zu fragen, inwieweit sie auch außerhalb von techniksoziologischen Fragestellungen zur Anwendung kommen kann und sollte.

Der große Brand von London, 1666 (unbekannter Künstler)

Vier Risikokulturen

In Zeiten wie diesen, in denen über die neue Hegemonie des linksgrünen Zeitgeistes auch eine Art neuer politischer Utopismus Einzug gehalten hat (Vision: ein multikultureller Superstaat EU, bis hin zum kosmopolitischen liberalen Weltstaat), ist auch der Umgang mit Krisen und Risiken ein anderer geworden – wie es immer der Fall ist, wenn semitotalitärer Utopismus zum Mainstream wird. Hier kommt eine andere Größe der Risikosoziologie ins Spiel: Die Anthropologin Mary Douglas umschrieb diese Art der politischen Kultur in ihrer „Cultural Theory“ mit dem Begriff der egalitären „Sektierer“. Eine Form der politischen und sozialen Herangehensweise, die zum „Nullrisiko“ tendiert: Risiken sollen komplett vermieden werden, Krisen und „Unglück“ mittels vor allem staatlicher Intervention eliminiert werden. Am Ende steht die Vision eines moralisch reinen, sicheren, glücklich machenden Utopia.

Dieser politischen Kultur stellt Douglas in ihrer Typologie außerdem die Kulturen der Hierarchie (Konservatismus), des Fatalismus (Politikverdrossene) und des Marktindividualismus (Liberalismus) gegenüber. Erster will die Dinge staatlich regeln und Ordnung in das Chaos bringen. Fatalisten ist es einfach egal. Der Individualist wiederum verfolgt das Trial-and-Error-Prinzip: Fortschritt wird als Chance begriffen, individuelle Freiheit als höchster Wert angesehen.

Nun haben es gerade soziologische Typologien stets an sich, dass sie analytische Kategorien schaffen, die Reinformen von etwas darstellen, die in der Empirie eher als Mischmodelle vorkommen. Mit der neuen Dominanz des grünen Mainstreams jedoch ist ernsthaft die Frage zu stellen, ob wir nicht immer mehr auf eine Reinform dieses moralistisch-egalitären Sektierer-Typus hinsteuern – und ob hier nicht mit Elementen anderer politischer Kulturen gegengesteuert werden sollte. In dieser Zielsetzung geht es jedoch nicht um neue „Reinformen“, sondern um besser dosierte Mischverhältnisse.

Unnormale Katastrophen und Krisenverschärfung

Aufmerksame Beobachter politischer Vorgänge konnten in den letzten Jahren immer wieder erkennen, wie echte oder vermeintliche Krisen gezielt genutzt wurden, um dadurch politische Veränderungen zu bewirken. Im Falle von Terrorismus (Al Qaida und IS) und Sicherheitsgesetz-Verschärfungen wurde dies vor etwa 20 Jahren besonders sichtbar, ebenso aber auch im Zuge der Eurokrise, die genutzt wurde, um durch die Hintertür die Voraussetzungen für einen neuen Super-Staat und kontinuierliche Bankenrettungspolitik zu schaffen. Das Resultat bestand in zunehmender Gewalt in griechischen Städten, Deutschenfeindlichkeit dort und in Italien sowie Massenprotesten in Spanien. Was die politische Reaktion auf Corona anrichtet (und der etablierten Politik ermöglicht), muss an dieser Stelle nicht mehr erklärt werden: Die sozioökonomischen Folgen für Millionen von Menschen sind verheerend und übertreffen das das Ausmaß der Folgen von Covid-19 selbst mittlerweile deutlich.

Der angestrengte Versuch der Krisenvermeidung führt zum Gegenteil. Die Nicht-Akzeptanz der „normalen Katastrophen“ verschärft eben diese und macht sie zu „unnormalen Katastrophen“. Entweder durch Hysterie oder aber durch undemokratische Hektik und die gezielte Verhinderung von Lerneffekten (Beispiel: Krampfhaftes Verhindern von Euro-Austritten – metaphorisches „Alkohol-Liefern an Alkoholiker“). Die Parallelen der Makro-Ebene mit der Mikro-Ebene des Alltags werden hier deutlich. Indem man krampfhaft versucht, Krisen und die daraus entstehenden harten Aufpralle „abzufedern“, werden Lerneffekte konsequent verhindert und die Krisen noch mehr in die Länge gezogen als eigentlich nötig. Ähnlich in der Bildungspolitik: Sitzenbleiben soll abgeschafft werden. Bloß kein Unglück. Bloß keine negativen Folgen. Schaffen wir lieber das Paradies auf Erden für alle.

Die Pest in Basel, 1493. Nach einer Darstellung von Heinrich Maria von Hess (1798-1863). Abgebildet sind: Sakramente an Kranke durch Geistliche, die Furcht im Volk und das Wegschaffen der Toten.

Kein Licht ohne Dunkelheit

Doch Leute, die nie Dunkelheit gesehen haben, können sich nicht am Licht erfreuen. Wer nie die Krise erlebt hat, wem eigene Fehler nie bewusst geworden sind, der kann aus ihnen auch nicht lernen. Kinder, denen nie Grenzen gezeigt wurden; Jugendliche, deren Fehler – sei es Gewalt, Drogen oder auch nur Faulheit – nie sanktioniert worden sind, werden am Leben mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern. Erst das Erleben und Akzeptieren einer Krise schafft das Glück im Nachhinein. Fehler, Krisen, Katastrophen und Unfälle sind Teile des Lebens und der Gesellschaft. Politisches Ziel muss es daher sein, diese nicht als Schreckgespenster zur Panikmache und für grünes Sektierertum zu missbrauchen, sondern sie zwar als Fehlerquellen kenntlich zu machen, aber aus ihnen zu lernen und in der gebotenen Gelassenheit zu akzeptieren. Ein altes Sprichwort, das einem in diesem Zusammenhang nicht sofort einfällt, aber diese Erkenntnis dennoch treffend zusammenfasst, lautet: „Not macht erfinderisch“. Es sind die Krisen, die Notlagen, die Probleme, die das Beste aus uns herausholen, sei mit „uns“ nun die Gesellschaft als Ganzes gemeint oder wir als Einzelpersonen.

So schwer es uns und einem selber – der Autor nimmt sich davon übrigens nicht aus, man möge diesen Text also bitte nicht als moralischen Zeigefinger, sondern als Vorschlag verstehen – also manchmal auch fallen mag: Wir sollten einen gelasseneren und nachdenklicheren Umgang mit Krisen wagen. Oft genug haben wir dies auch selbst in der Hand: Nicht, wenn es um unmittelbare Gefahr für Leib und Leben geht; durchaus jedoch dann, wenn besonders psychologische Faktoren im Spiel sind – sei es im Rahmen des Finanzsystems, sei es in Form gesundheitlicher Krisen oder sei es in Form persönlicher, individueller Schicksalsschläge. Auch Krisen sind sozial konstruiert und entfalten daher ihre teils panik- oder zumindest angsterzeugende Macht über Wahrnehmungen, Interpretationen, Reflexe und Assoziationen, die jedoch dekonstruiert werden können. Sicher: Es wird nicht immer funktionieren. Gesünder und effektiver als in vorauseilender Panik und krampfhaft zu versuchen, jede Krise, jedes Unwohlsein, jedes Unglücklich-Sein von Vornherein zu verhindern (und dadurch alles nur noch schlimmer zu machen), ist dies jedoch allemal.

Florian Sander

Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD in NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er schrieb u. a. für ‚Le Bohémien‘, ‚Rubikon‘, ‚Linke Zeitung‘, den ‚Jungeuropa‘-Blog und ‚PI News‘, ist inzwischen Autor für ‚Arcadi‘, ‚Sezession‘, ‚Glauben und Wirken‘, ‚Wir selbst‘ und ‚Konflikt‘ und betreibt den Theorieblog ‚konservative revolution‘.

Cowboys und Indianer… Chinesen auch. Über Empörungsakrobaten, Dauerbeleidigte und „rassistischen“ Sprachgebrauch

von Hans Wulsten

Cowboys und Indianer… Chinesen auch. Über Empörungsakrobaten, Dauerbeleidigte und „rassistischen“ Sprachgebrauch.

Meine Eltern waren ja so was von ungerecht, also ich meine verständnislos, also bar jeden Gefühls, was ein Cowboy wirklich braucht. Einen Meuchelpuffer nämlich, ein Schießeisen. Vermutlich waren sie frühe Gutmenschen, jedenfalls bekam ich zwar eine Cowboyausrüstung, so mit allem drum und dran, Hut, Weste, Stulpen, Gürtel, Holster, aber eben ohne Schießeisen.

Mein Vater hatte Lehren aus dem Krieg gezogen… es sollte NIE WIEDER geschossen werden, von seinem Erstgeborenen schon gar nicht. Aber, so fragte ich mich, was ist ein Cowboy ohne Knarre? Ein Nichts.

Also nahm ich Stöckchen, sägte mir dann mit der Laubsäge eine Knarre, alles ungenügender Ersatz, und tauschte meine Murmeln mit gleichaltrigen Kollegen, die ein Schießeisen hatte. Dann ging die Ballerei los. NEIN, ich bin nicht traumatisiert, ich habe meinen Eltern verziehen.

Mein jüngerer Bruder hatte eine Patentante, die kam aus den USA zurück und brachte was mit? Richtig, „echte“ Colts. 2 Stück. Mit Knallplätzchen. Und so ballerte mein Bruder rum und niemand sagte etwas, es war ja ein Geschenk der Patentante.

Dafür hatte ich dann eine Echtfeder-Indianerhaube, Ausgabe großer Häuptling, die Federn gingen bis zum Po. Na jedenfalls kämpften wir wie die Wahnsinnigen und schlachteten bevorzugt die Rothäute ab. Unsere Nachbarn wateten in Blut. Ich schwöre.

Hugh! Ich habe gesprochen.

Also waren wir ständig irgendwie verkleidet. Nicht nur zum Fasching, den man in Berlin sowieso nicht so feiert. Später übrigens auch als Chinesen, sogar mit Zopf. Und als wir uns begannen, für die Römer zu interessieren, lief ich tagelang in einer Toga umher. Ich wurde zu einem freien römischen Bürger. Leider ließ meine Lateinnote zu wünschen übrig. Aber das gehört nicht hierher.

Wir benutzten das ganze abfällige Vokabular für die verschiedenen Ethnien, ich wiederhole das jetzt nicht, sonst sperrt mich Mark Zuckerwatte. Als Erwachsener habe ich dann richtige Indianer besucht, und in Kanada hatten wir Nachbarn, die waren Mi’kmaq.

Und in unserer Zeit in Kentucky hatten wir Knarren, aber so richtig tolle, die pusteten einem Truthahn den Trut aus der Birne auf eine Distanz von 300 Metern.

Aber worauf ich hinaus will: Mit meiner humanistischen Grundhaltung kam ich nie auf die Idee, in meinem/unseren Sprachgebrauch Rassismus zu sehen. Und in unserer Verkleidung auch nicht. Im Gegenteil: Gerade mit einer ethnopluralistischen Einstellung ist man neugierig auf andere Kulturen. Was aber nicht heißt, daß meine Tochter einen Indianer, pardon Native, heiraten muß und eine Squaw werden soll.

Es bleibt den Empörungsakrobaten, gelangweilten Dauerbeleidigten und Laberfächerstudierten vorbehalten, in allem und jedem Rassismus zu sehen. Wir jedenfalls haben uns zum Beispiel bei den „Schlitzaugen“ 5 Monate lang sauwohl gefühlt. Und trotzdem rotzen wir nicht auf die Straße.

Nun ist das Cowboy- und Indianerspiel momentan leider out. Geballert wird am PC oder an der Spielekonsole. Die Luft ist da nicht ganz so frisch und man bekommt auch wesentlich weniger Bewegung. Auch habe ich nur Enkeltöchter und die haben es mit der Ballerei nicht so.

Ich würde ja gerne nochmal meine Toga anziehen. Leider bin ich rausgewachsen… in der Breite. Aber selbst wenn, sollte sich ein Italiener empören, sage ich ihm glatt:

Ihr heutigen Spaghettifres… ähm Italiener habt mit den Römern so wenig gemein, wie ein friesischer Ackergaul mit einem römischen Streitroß. (Doch – ich liebe Italien)

So, nun habe ich passende Fotos gesucht und auf die Eile nix gefunden. Nur meine Brüder, der eine als Chinese, der andere als Cowboy.

Hugh!

Zum ersten Mal erschienen am 19. März 2021 auf der FB-Seite von Hans Friedrich, https://www.facebook.com/hans.friedrich.12532

Wir danken Hans Wulsten für die Veröffentlichungsgenehmigung.

„Hans Wulsten stammt aus Berlin, war Unternehmer, hat die halbe Welt bereist, schöpft aus Erfahrungen, sieht sich als radikal-paläolibertär und in der Tradition der Österreichischen Schule. Wulsten ist seit 25 Jahren glücklich mit der Russin Svetlana verheiratet und hat mir ihr zwei Kinder. „

Unser Titelbild ist ein Gemälde von Frederic Remington (1861-1909)