Welt ohne Menschen: Die antihumane Wende

von Dr. Winfried Knörzer

Welt ohne Menschen: Die antihumane Wende

Der Mensch lebt von seiner Umwelt. Mit allem, was er tut, verbraucht und verändert er Natur. Menschliches Leben geht zu Lasten der Umwelt.

Der Umstieg von Kohle und Öl auf Windkraft zerstört Landschaft und tötet Vögel, die von den Rotorblättern zerfetzt werden. Der Verzicht auf Fleisch zugunsten vegetarischer Nahrung erhöht den Pestizid- und Wasserverbrauch. Eine Reduktion von Pestiziden und Dünger erfordert wegen der Ertragsreduktion pro Hektar eine Ausdehnung der Ackerflächen, was zur Abholzung der Wälder führt, die als Sauerstoffspender und Kohlendioxidvertilger benötigt werden. Dieselben Folgen ergeben sich beim Ersatz von Plastikprodukten durch Stoff- oder Papierbehältnisse.

Wie man es auch dreht und wendet: die Substitutionslogik ist ein Trugschluß. Was auf der einen Seite des Kontos als Verbesserung verbucht werden kann, schlägt auf der anderen als Nachteil durch. Die Bilanz bleibt immer negativ.

Alle Strategien der Nachhaltigkeit und des Substituierens können bestenfalls die Umweltzerstörung verlangsamen, nicht aber beseitigen. Wer wirklich konsequenten Umweltschutz will, kann nur zu dem Ergebnis kommen, daß die Menschheit verschwinden muß.

Verständlicherweise dürfte es schwerfallen, die Menschen zum Selbstmord zu überreden oder auch nur zum Reproduktionsverzicht zu zwingen. Solch drastische Maßnahmen sind (noch?) nicht durchsetzbar. Dennoch zeichnet sich in den westlichen Ländern ein Wille zur Umkehr ab. Nicht ein Besser, ein Mehr, sondern ein Schlechter, ein Weniger wird angestrebt. Konkret heißt dies: keine Autos, keine Urlaubsreisen, kein Fleisch, kleinere und kältere Wohnungen, weniger Bequemlichkeit, allgemeine Verteuerung. Da eine umweltbewußte Lebensweise sich bislang darauf beschränkte, mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zum Bäcker zu fahren oder Bioprodukte zu kaufen, ist noch nicht ins Bewußtsein gedrungen, was Umkehr tatsächlich bedeutet.

Ich sehe mich außerstande, auch nur eine einzige Idee zur Lösung der Krise beizusteuern. Einige wohlfeile Ratschläge wären zudem vollkommen lächerlich und dilettantisch, da unzählige berufenere Leue sich schon damit befaßt haben. Ich muß mich darauf beschränken, die Lage zu durchdenken. Das heißt vor allem, zu verstehen, in welcher Art Denken sich das Existieren in der Umweltkrise konstituiert.

Das Grundprinzip dieser neuen Denkweise besteht im Gegensatz von Mensch und Umwelt. Auch bisher wurde die Auswirkung menschlichen Handelns auf die Umwelt bedacht. Man ist aber davon ausgegangen, daß deren Schädlichkeit begrenzt werden könnte. Man glaubte, sich in einem beherrschbaren Gleichgewicht zwischen einem einerseits schädlichen, andererseits förderlichen Verhältnis zur Umwelt einrichten zu können. Jetzt aber wird dieses Verhältnis als Gegensatz gedacht. Was gut ist für den Menschen, ist schlecht für die Umwelt – und umgekehrt. Zu diesem Gegensatz muß man Stellung beziehen. Die Ökologisten ergreifen für die Umwelt Partei. Sie wollen, daß die Menschen zum Wohle der Umwelt Opfer erbringen. Natürlich versäumen sie nicht, darauf hinzuweisen, daß all die geforderten asketisierenden Maßnahmen letztlich dem Wohl der Menschheit dienen, da nur eine umweltverträgliche Lebensweise deren Überleben ermöglicht. Indem sie aber die unmittelbaren, konkreten Folgen der Verschlechterung der Lebensverhältnisse ignorieren, betreiben sie faktisch eine antihumane Politik. Sie fragen schon gar nicht mehr, ob und wie sich menschliches Handeln mit Umweltverträglichkeit vereinbaren ließe, sondern verlangen, daß durchweg die Umwelt Vorrang haben müsse. Die Umwelt ist der neue Gott, dem sich die Menschen unterordnen müssen. Wer das Verhältnis von Mensch und Umwelt als Gegensatz und nicht als Miteinander begreift, kann gar nicht anders, als dieses Verhältnis in hierarchischer Form zu konzipieren. Vor die Alternative gestellt, sich in einem konkreten Fall für die Belange der Menschen oder der Umwelt zu entscheiden, wird der Ökologist sich gegen die Menschen entscheiden – zumindest wenn er nicht selbst direkt betroffen ist. Die Behauptung, Umweltschutz diene letztendlich dem Überleben der Menschheit besagt nichts anderes, als daß zuerst der Umweltschutz und dann erst danach die Menschheit kommt. Natürlich intendiert diese Behauptung, daß der Umweltschutz das Mittel und die Menschheit der Zweck sei. Aber Mittel tendieren dazu, sich von ihren Zwecken zu emanzipieren. Hat sich eine ursprünglich nur als Mittel geplante Praxis organisatorisch verfestigt, wird die Organisation sich selbst zum Zweck. Eine Umweltorganisation wird sich daher primär für die Umwelt interessieren und nicht für die von der Umweltpolitik betroffenen Menschen – und dies umso mehr, je mehr Macht sie hat und keine Rücksicht auf konfligierende Belange nehmen muß.

Antihumane Wende heißt, daß der Mensch aus dem Zentrum politischen Handelns gerückt wird. In der antihumanistischen Weltsicht wird der Mensch nicht in einem hegenden Verhältnis zur Umwelt gedacht, als „Hüter des Seins“ (Heidegger), sondern als Störenfried und Schädling. Die anfangs gemachte Feststellung, daß die Menschheit verschwinden solle, ist leider nicht so spaßig-sarkastisch gemeint, wie es vielleicht den Anschein haben mag. Der Mensch soll nicht mehr hegen, sondern eingehegt werden. Er kann nur so lange geduldet werden, wie er sich klein macht und seine Schadlosigkeit unter Beweis stellt, wobei die Ökologisten die Kriterien vorgeben, worin schadloses Verhalten besteht. Wenn sich eine Weltsicht durchsetzt, die das Verschwinden der Menschheit als das Beste für die Umwelt hält, wird man es als Gnade empfinden, irgendwie fortexistieren zu dürfen und man wird, um sich dieser Gnade würdig zu erweisen, auch die härtesten Restriktionen klaglos erdulden. Eine solch radikale Konsequenz liegt bisher noch in weiter Ferne. Sie wird aber näherrücken, wenn sich Umweltschutzmaßnahmen als untauglich herausstellen werden. Dies wird auf jeden Fall geschehen, da, wie oben gezeigt, eine umweltförderliche Maßnahme auf einem Gebiet einen Umweltschaden auf einem anderen Gebiet bewirkt. Wenn somit Umweltpolitik an ihre Grenzen stößt, wird nicht mehr ein Handeln von Menschen, sondern ihr bloßes Vorhandensein zum Problem. Bislang bezog sich Feindschaft immer auf eine konkrete Andersheit. Feind war: eine andere Nation, andere Religion, andere Klasse, andere Ideologie. Jetzt aber wird der Mensch sich selbst in seiner Eigenschaft als Lebewesen zum Feind. Welche Folgen auch immer sich daraus ergeben, eines jedenfalls ist sicher: das menschliche Leben ist nicht mehr Selbstzweck, sondern wird unter den Vorbehalt der Umweltverträglichkeit gestellt. Auch wenn der Endpunkt einer solchen Entwicklung noch lange nicht erreicht ist, so hat die Entwicklung selbst schon eingesetzt. Die Umkehr der Orientierung ist bereits erfolgt, da die Beziehung von Mensch und Umwelt als Gegensatz gedacht wird und, daraus folgend, der Umwelt der Vorrang zugewiesen wird. Damit etwas getan werden kann, muß es zuerst gedacht werden können. Die Grundlagen eines Denkens der Antihumanität sind vorhanden.

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Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Am 25. Juni 2021 erscheint das Buch „Farben der Macht“ von Dr. Winfried Knörzer im Lindenbaum Verlag. Hier können Sie es direkt beim Verlag versandkostenfrei bestellen: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/farben-der-macht-der-rechte-blick-auf-die-gesellschaft-der-gleichen-winfried-knoerzer/

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