„Normale Katastrophen“ – Für eine andere Sicht auf Krisen

von Florian Sander

„Normale Katastrophen“ – Für eine andere Sicht auf Krisen

Der amerikanische Soziologe Charles Perrow hat in den 80er Jahren einen risikosoziologischen Ansatz entwickelt, den er mit der Formulierung der „normal accidents“ umschrieb. Er schuf damit eine Katastrophensoziologie, die zur sozialen Systematisierung insbesondere von technischen Unfällen beitrug und zugleich die in Opposition etwa zu Ulrich Beck stehende These vermittelte, dass Unfälle und Katastrophen nicht grundsätzlich vermeidbar und daher ein Stück weit Normalzustand sind. Angesichts sowohl der „Krisen“ rund um Euro, Finanzen, Staatsschulden, Terrorismus und Atomkraft bis hin zu Migration und nicht zuletzt der „Krise der Krisen“ schlechthin, Corona, wird es Zeit, sich diese These ins Gedächtnis zu rufen und zu fragen, inwieweit sie auch außerhalb von techniksoziologischen Fragestellungen zur Anwendung kommen kann und sollte.

Der große Brand von London, 1666 (unbekannter Künstler)

Vier Risikokulturen

In Zeiten wie diesen, in denen über die neue Hegemonie des linksgrünen Zeitgeistes auch eine Art neuer politischer Utopismus Einzug gehalten hat (Vision: ein multikultureller Superstaat EU, bis hin zum kosmopolitischen liberalen Weltstaat), ist auch der Umgang mit Krisen und Risiken ein anderer geworden – wie es immer der Fall ist, wenn semitotalitärer Utopismus zum Mainstream wird. Hier kommt eine andere Größe der Risikosoziologie ins Spiel: Die Anthropologin Mary Douglas umschrieb diese Art der politischen Kultur in ihrer „Cultural Theory“ mit dem Begriff der egalitären „Sektierer“. Eine Form der politischen und sozialen Herangehensweise, die zum „Nullrisiko“ tendiert: Risiken sollen komplett vermieden werden, Krisen und „Unglück“ mittels vor allem staatlicher Intervention eliminiert werden. Am Ende steht die Vision eines moralisch reinen, sicheren, glücklich machenden Utopia.

Dieser politischen Kultur stellt Douglas in ihrer Typologie außerdem die Kulturen der Hierarchie (Konservatismus), des Fatalismus (Politikverdrossene) und des Marktindividualismus (Liberalismus) gegenüber. Erster will die Dinge staatlich regeln und Ordnung in das Chaos bringen. Fatalisten ist es einfach egal. Der Individualist wiederum verfolgt das Trial-and-Error-Prinzip: Fortschritt wird als Chance begriffen, individuelle Freiheit als höchster Wert angesehen.

Nun haben es gerade soziologische Typologien stets an sich, dass sie analytische Kategorien schaffen, die Reinformen von etwas darstellen, die in der Empirie eher als Mischmodelle vorkommen. Mit der neuen Dominanz des grünen Mainstreams jedoch ist ernsthaft die Frage zu stellen, ob wir nicht immer mehr auf eine Reinform dieses moralistisch-egalitären Sektierer-Typus hinsteuern – und ob hier nicht mit Elementen anderer politischer Kulturen gegengesteuert werden sollte. In dieser Zielsetzung geht es jedoch nicht um neue „Reinformen“, sondern um besser dosierte Mischverhältnisse.

Unnormale Katastrophen und Krisenverschärfung

Aufmerksame Beobachter politischer Vorgänge konnten in den letzten Jahren immer wieder erkennen, wie echte oder vermeintliche Krisen gezielt genutzt wurden, um dadurch politische Veränderungen zu bewirken. Im Falle von Terrorismus (Al Qaida und IS) und Sicherheitsgesetz-Verschärfungen wurde dies vor etwa 20 Jahren besonders sichtbar, ebenso aber auch im Zuge der Eurokrise, die genutzt wurde, um durch die Hintertür die Voraussetzungen für einen neuen Super-Staat und kontinuierliche Bankenrettungspolitik zu schaffen. Das Resultat bestand in zunehmender Gewalt in griechischen Städten, Deutschenfeindlichkeit dort und in Italien sowie Massenprotesten in Spanien. Was die politische Reaktion auf Corona anrichtet (und der etablierten Politik ermöglicht), muss an dieser Stelle nicht mehr erklärt werden: Die sozioökonomischen Folgen für Millionen von Menschen sind verheerend und übertreffen das das Ausmaß der Folgen von Covid-19 selbst mittlerweile deutlich.

Der angestrengte Versuch der Krisenvermeidung führt zum Gegenteil. Die Nicht-Akzeptanz der „normalen Katastrophen“ verschärft eben diese und macht sie zu „unnormalen Katastrophen“. Entweder durch Hysterie oder aber durch undemokratische Hektik und die gezielte Verhinderung von Lerneffekten (Beispiel: Krampfhaftes Verhindern von Euro-Austritten – metaphorisches „Alkohol-Liefern an Alkoholiker“). Die Parallelen der Makro-Ebene mit der Mikro-Ebene des Alltags werden hier deutlich. Indem man krampfhaft versucht, Krisen und die daraus entstehenden harten Aufpralle „abzufedern“, werden Lerneffekte konsequent verhindert und die Krisen noch mehr in die Länge gezogen als eigentlich nötig. Ähnlich in der Bildungspolitik: Sitzenbleiben soll abgeschafft werden. Bloß kein Unglück. Bloß keine negativen Folgen. Schaffen wir lieber das Paradies auf Erden für alle.

Die Pest in Basel, 1493. Nach einer Darstellung von Heinrich Maria von Hess (1798-1863). Abgebildet sind: Sakramente an Kranke durch Geistliche, die Furcht im Volk und das Wegschaffen der Toten.

Kein Licht ohne Dunkelheit

Doch Leute, die nie Dunkelheit gesehen haben, können sich nicht am Licht erfreuen. Wer nie die Krise erlebt hat, wem eigene Fehler nie bewusst geworden sind, der kann aus ihnen auch nicht lernen. Kinder, denen nie Grenzen gezeigt wurden; Jugendliche, deren Fehler – sei es Gewalt, Drogen oder auch nur Faulheit – nie sanktioniert worden sind, werden am Leben mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern. Erst das Erleben und Akzeptieren einer Krise schafft das Glück im Nachhinein. Fehler, Krisen, Katastrophen und Unfälle sind Teile des Lebens und der Gesellschaft. Politisches Ziel muss es daher sein, diese nicht als Schreckgespenster zur Panikmache und für grünes Sektierertum zu missbrauchen, sondern sie zwar als Fehlerquellen kenntlich zu machen, aber aus ihnen zu lernen und in der gebotenen Gelassenheit zu akzeptieren. Ein altes Sprichwort, das einem in diesem Zusammenhang nicht sofort einfällt, aber diese Erkenntnis dennoch treffend zusammenfasst, lautet: „Not macht erfinderisch“. Es sind die Krisen, die Notlagen, die Probleme, die das Beste aus uns herausholen, sei mit „uns“ nun die Gesellschaft als Ganzes gemeint oder wir als Einzelpersonen.

So schwer es uns und einem selber – der Autor nimmt sich davon übrigens nicht aus, man möge diesen Text also bitte nicht als moralischen Zeigefinger, sondern als Vorschlag verstehen – also manchmal auch fallen mag: Wir sollten einen gelasseneren und nachdenklicheren Umgang mit Krisen wagen. Oft genug haben wir dies auch selbst in der Hand: Nicht, wenn es um unmittelbare Gefahr für Leib und Leben geht; durchaus jedoch dann, wenn besonders psychologische Faktoren im Spiel sind – sei es im Rahmen des Finanzsystems, sei es in Form gesundheitlicher Krisen oder sei es in Form persönlicher, individueller Schicksalsschläge. Auch Krisen sind sozial konstruiert und entfalten daher ihre teils panik- oder zumindest angsterzeugende Macht über Wahrnehmungen, Interpretationen, Reflexe und Assoziationen, die jedoch dekonstruiert werden können. Sicher: Es wird nicht immer funktionieren. Gesünder und effektiver als in vorauseilender Panik und krampfhaft zu versuchen, jede Krise, jedes Unwohlsein, jedes Unglücklich-Sein von Vornherein zu verhindern (und dadurch alles nur noch schlimmer zu machen), ist dies jedoch allemal.

Florian Sander

Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD in NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er schrieb u. a. für ‚Le Bohémien‘, ‚Rubikon‘, ‚Linke Zeitung‘, den ‚Jungeuropa‘-Blog und ‚PI News‘, ist inzwischen Autor für ‚Arcadi‘, ‚Sezession‘, ‚Glauben und Wirken‘, ‚Wir selbst‘ und ‚Konflikt‘ und betreibt den Theorieblog ‚konservative revolution‘.

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