Von der Banalität des Bösen: der Multikulturalismus und die normativierende Kraft des Faktischen.

von Klaus Kunze

Von der Banalität des Bösen: der Multikulturalismus und die normativierende Kraft des Faktischen.

Benötigen wir eine neue Metaphysik?

Die Reste unserer Kultur und unseres Volkes fristen im multikulturellen Experiment ein Nischendasein. Machen wir uns keine Illusionen:

Extremer als die Jugend anderer Länder strebt die deutsche nach einer kunterbunten Weltbürgerschaft, die ungenau allerlei ist, nämlich umwelt- und klimabewußt, genderneutral, antiimperialistisch, antikolonialistisch, antirassistisch und antisexistisch, nur eben bitte nicht deutsch – mit dem Nebeneffekt, daß ebensowenig von Vaterland wie von Muttersprache die Rede sein darf und folgerichtig die Kenntnis der eigenen Sprache und des kulturellen Erbes nicht nur als unnötig, sondern bereits als verdächtig gelten.

Heino Bosselmann, Kollektive Psychologie, 26.10.2021

Eine kulturelle Kluft gähnt zwischen alten Kulturträgern und einem Teil der Jugend. Die einen sind oft noch am Lateinischen oder Griechischen und alten Philosophen geschult, sie wissen um unsere Geschichte, ihre Glanzpunkte und ihre tragischen Tiefen. In solch einem tiefen Loch sehen sie soeben die Zukunft unseres Volkes verschwinden. Mit in den Orkus des Vergessens wandern das Dichten und Denken, unsere Rechtschreibung und Grammatik, die Wertschätzung persönlicher Freiheit und das ehrende Andenken all derer, die einst für unser Volk Leib und Leben geopfert haben.

Tatsächlich wäre schwer zu verstehen, warum ein Mustafa Öztürk oder eine Sawsan Chebli auf einmal irgendeine Art von Liebe zum deutschen Volk entwickeln sollte. Viele würden bereits lügen, wenn sie nur den Mund aufmachten und von Muttersprache und Vaterland sprächen. Das tun sie auch nicht, klugerweise.

Das deutsche Volk ist durch seine pure Existenz ein Hindernis für jeden, der sein Gedeihen dem Umstand verdankt, daß unser Staat jahrzehntelang Ausländer importiert hat wie andere Industrieländer ihre materiellen Rohstoffe. Der alleinige Primat ökonomischer Faktoren wie dem Bruttosozialprodukt oder dem angeblichen Arbeitskräftemangel hat so viele Ausländer nach Deutschland gespült, daß auf den Bänken vieler Schulen keine Deutschen mehr sitzen.

„Jetzt sind sie nun mal da“, würde Angela Merkel dazu sagen. Jedenfalls haben sie sich häuslich niedergelassen. Wie alle anderen Menschen auch machen sie sich Ideologien zu eigen, nach deren Prämissen sie persönlich vorteilhaft wegzukommen hoffen. Liebe zu Deutschland, Hochachtung vor Goethe und Schiller oder Dankbarkeit für die Gefallenen des Befreiungskieges 1813-15 gehören eher nicht dazu. Auch für die Gefahren totalitärer Machtausübung scheint die Masse der Ausländer in Deutschland nicht besonders sensibel zu sein. Wo sie unserer Verfassungsordnung nicht gleichgültig gegenüberstehen, liebäugeln viele mit religiösen Verheißungen oder den Verlockungen autokratischer Macht. Die türkischen Heerscharen auf den Kölner Rheinwiesen, die Erdogan zugejubelt hatten, werden wohl kaum jemals die freiheitliche demokratische Grundordnung verteidigen.

Der marginalisierte Otto Normalverbraucher

In unseren ländlichen Gebieten gibt es noch deutsche Mehrheiten. Hier überwiegen noch traditionelle Lebenseinstellungen. Städtische und ländliche Milieus stehen sich oft fremd gegenüber. Ein auf dem Dorf lebender deutscher Handwerker und eine ausländische Gendersternchenliebhaberin aus der nahen Universitätsstadt haben sich nichts zu sagen. Ein Erstkontakt mit einer fremden Spezies nahe Alpha Centauri hätte größere Chancen für ein gegenseitiges Verstehen. In den Medien und der sogenannten Öffentlichkeit geben aber die städtischen Milieus den Ton an.

Die verbliebenen Restbestände des früheren Otto Normalverbrauchers werden marginalisiert. Die Normalverbraucher versuchen vergeblich, sich auf dem Weg demokratischer Abstimmungen ihr normales Deutschland zurückzuholen. Für eine strategische Mehrheit gibt es zu wenige, die sich bewußt als Normale verstehen. Die normale Restbevölkerung weiß aus dem Fernsehen, daß alle Leute rechts von der Union Nazis sind, was sie denn auch nicht für normal halten würden und darum nicht wählen können.

Damit ist die Kausalkette fast perfekt: Linke Utopisten haben vor vierzig Jahren die multikulturelle Gesellschaft gefordert und wurden ausgelacht. Über die Jahrzehnte stieg der Ausländeranteil immer weiter an, und zugleich zerfiel die frühere deutsche Mehrheitsgesellschaft. Sie segmentierte sich entlang ideologischer, religiöser und soziologischer Bruchlinien. Sie löste sich in einander nicht mehr verstehende Szenen auf, von denen jede ihre eigenen Echokammern bildete, unfähig und auch unwillig, Außenstehenden überhaupt noch zuzuhören. Wer mit wem noch öffentlich reden darf, wurde zum Politikum.

Der Multikulturalismus wurde in Deutschland nicht durch Abstimmungen oder Parlamentsbeschlüsse herbeigeführt, sondern durch die normativierende Kraft des Faktischen. Man kann eine multikulturelle Gesellschaft nicht nur auf demokratischem Wege herbeiführen, sondern auch, indem man für Millionen fremder Menschen schlicht alle Türen öffnet. Das Faktische wird über kurz oder lang ihr Bewußtsein bestimmen, und dieses wird keine deutsche Identität beinhalten.

Chaos: das ganz banale Böse

Aus konservativer Sicht haben unsere politisch Verantwortlichen der letzten Jahrzehnte nicht nur fremden Völkerschaften, sondern der gänzlichen Zersetzung alles dessen Raum gegeben, was unser Land einst im Innersten zusammenhielt. Diese Zersetzung empfindet er als das heute alltägliche ganz banale Böse. Banal ist es, weil es kein eigenes ideales Ziel beinhaltet oder zu erreichen verspricht. Als Böse empfindet er es, weil es nur zerstört, aber nichts aufbaut, und anstelle der gewohnten Ordnung eine chaotische Nichtordnung setzt.

Triumph des Todes von Pieter Bruegel dem Jüngeren, 1629

Nachdem alles so ist, wie es ist, kann man je nach Lebensalter grollend in seinem Rollstuhl im Pflegeheim auf und ab fahren. Man kann sich auch zürnend eine radikalen Jugendbewegung anschließen und warten, bis die Polizei kommt. Das wird sie unweigerlich, denn Jugend ist oft unbedenklich und maßlos in Wort und Tat. Das noch zu sagen und zu schreiben Erlaubte zerbröselt uns wie Sandstein.

Innerhalb der Verhältnisse, die sind, wie sie sind, kann man allerdings auch versuchen, aus der Not eine Tugend zu machen. Wenn im neuen multikulturellen Utopia für jede abgedrehte Szene und jeden fremden Klüngel ein Zimmer frei ist, dürfen wir sagen: Wir sind auch da. Wir sind sogar schon länger hier. Und wo wir sind, beanspruchen wir für uns denselben Schutz unserer selbstgewählten Lebensweise, den Fremde in unserem Land für sich beanspruchen.

Sind wir in unserer Heimat nicht Indigene? Seit unvordenklicher Zeit wohnen unsere Ahnen hier. Zuwanderer gab es seit der Eiszeit des öfteren. Das waren aber verwandte Zuwanderer. In nichts Wichtigem unterschieden sich genetisch und kulturell unsere Urahnen, die Megalithgräber errichteten und die Himmelsscheibe von Nebra schufen, von ihren Verwandten aus der östlichen Steppe, die indogermanische Sprachen über Europa verbreiteten. Wir sind die Nachkommen von Ureinwohnern. Jedem indigenen Stamm halb nackter Wilder winden Multikulturalisten Lorbeerkränze und stellen ihn unter Schutz.

Das Normale – wo gibt es das noch?

Den können wir erst recht gebrauchen. Reservate für Deutsche in unseren eigenen Städten! Deutschenquoten in Grundschulen!

Sicherlich kann man den Multikulturalismus auf diese Weise persiflieren. Der wahre Kern besteht aber darin, daß wir tatsächlich Keimzellen benötigen, in denen wir bleiben können, wer wir sind und wie wir sind. Heino Bosselmann rät: „Konservative Alternative: Lieber im Kleinen das Normale versuchen!“ (1) Wer es noch nicht einmal in seinem eigenen Umkreis vermag, normal zu leben und den Seinen ein Leben in Normalität zu ermöglichen, wird uns von der Rettung unseres Volkes und Vaterlandes nichts Nützliches zu erzählen haben.

Dabei geht es nicht nur um die nackte Fortexistenz eines alternden und schrumpfenden Volkes vor dem Hintergrund steigender Anteile Fremder. Es geht auch um unseren kulturellen Fortbestand und die Sicherung unserer freien Lebensweise. Diese hat sich als freie demokratische Grundordnung bewährt und verdient umso mehr Verteidigung, als die realistischen Alternativen zu ihr sozialistische, anarchistische, islamistische, jedenfalls totalitäre sind. Sie ist der politische Ausdruck unserer historischen Erfahrungen.

Unsere historischen Erfahrungen – der Kampf des deutschen Volkes für Freiheit und Selbstbestimmung: Arthur Kampf: Gold gab ich für Eisen

Ohne deutsches Volk mit gerade diesen historischen Erfahrungen und seiner jahrhundertelangen Freiheitstradition wird es auch unsere freiheitliche Ordnung nicht mehr geben. Der Haß auf das deutsche Volkstum geht Hand in Hand mit der versteckten Uminterpretation oder offenen Anfeindung unserer Verfassung. Als Meister des Bandwurmsatzes formulierte David Engels:

Betrachtet man nämlich in der Tat den Selbsthaß, mit dem zahlreiche einflußreiche Politiker nicht nur die Geschichte ihres eigenen Landes auf eine bloße Abfolge von Verbrechen reduzieren, sondern ganz offen auch die Abschaffung des eigenen Volkes durch Aufgehen in einem multikulturellen Massenmenschentum begrüßen, ja sogar bewußt einleiten, und zu diesem Zwecke gar unter fadenscheinigen Vorwänden skrupellos sämtliche bildungstechnischen, gesellschaftlichen und migrationspolitischen Weichen stellen, kann man nicht anders, als tiefe Verwunderung zu empfinden – Verwunderung nicht nur angesichts der inneren Verwahrlosung jener Menschen, sondern auch angesichts des offensichtlichen Versagens einer gesamten Gesellschaft, in ihren Bürgern ein Mindestmaß an Verständnis und Liebe für die großartigen geistigen, künstlerischen und politischen Schöpfungen vergangener Generationen zu wecken.

Prof. David Engels, Leben mit dem Niedergang, Renovatio-Analysen 1/2020 = Die Neue Ordnung, Nr. 2/2020, S. 102-111 (2).

Engels verwirft einen Gärtner-Konservatismus als unbrauchbar, der meint, „durch einige wenige ausgewählte politische Handlungen zum status quo ante zurückkehren zu können, der in der Vorstellung der Betroffenen meist eine oder doch nur wenige Generationen in der Vergangenheit liegt.“ Wir werden die Biedermeierzeit der alten Bundesrepublik niemals zurückbekommen.

Das Rad der Geschichte dreht sich vorwärts, nicht rückwärts. In den Jahrzehnten nach dem 1. Weltkrieg starb die kaisertreue Generation aus. Am Ende gab es keinen Kaiser, aber auch keine Monarchisten mehr. In den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg ereignete sich unter anderem ideologischen Vorzeichen das Gleiche. Politische Streitfragen werden von der Geschichte niemals entschieden oder beantwortet. Sie werden ganz einfach irgendwann nicht mehr gestellt, wenn die alten Fragesteller nicht mehr leben. Auch uns kann das so gehen.

Es wird so gehen, wenn sich unsere Nachkommen nicht unsere Fragen und Sorgen zu eigen machen und selbst stellen: Was macht mich als Deutscher aus? Messen wir uns als Deutsche einen Eigenwert bei? Lohnt es sich, für ihn einzutreten? Worin besteht der Kern unserer deutschen Identität?

Die Antworten auf diese Fragen sind keinesfalls Selbstläufer. Fremdentümelei und Weltbürgertum haben in Deutschland eine stärkere Tradition, als es die nationale Geschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert wahrhaben wollte. Es genügt nicht mehr, der Auflösung unseres Volkes und seiner Ersetzung durch andere Menschen den biedermeierlichen Geist der alten Bundesrepublik entgegenzusetzen. Dieser hat uns nämlich genau dahin geführt, wo wir heute stehen.

Extrapolieren wir aus dem Erfahrungsschatz der Vergangenheit, ergibt sich der Eindruck, daß nicht nur die meisten sogenannten Altparteien, welche zunehmend mit dem gegenwärtige Scheitern des modernen politischen Systems assoziiert werden, zum Untergang verurteilt sind, sondern auch, daß die meisten der sogenannten populistischen Parteien, welche oft wenig mehr als einen müden Aufguß jener Wahlprogramme bieten, die vor Einzug der Ideologie der politischen Korrektheit vor etwa zwei Jahrzehnten charakteristisch für die meisten im mittleren rechten Spektrum verorteten Parteien waren und sich durch eine Mischung zwischen Liberalismus und gemäßigtem Nationalismus kennzeichnen, ebenfalls keinerlei Aussicht haben, in dieser Form die Kämpfe der nächsten Jahrzehnte zu überleben.

David Engels

Innerhalb der Katarakte der industriellen Massengesellschaft befindet sich das deutsche Volk geradewegs auf halber Strecke. Schwer leck geschlagen dümpelt unser Schiff im Kausalstrom globaler Einflüsse. Es gibt kein Zurück. Die besten Seeleute sind bereits tot. In wenigen Jahrzehnten werden unsere Nachkommen restlos in der Minderheit sein. Dann wird sich nicht mehr die Frage stellen, ob in Köln der Muezzin rufen darf, sondern ob die Glocken läuten dürfen.

Christliches Abendland oder des Reiches Herrlichkeit?

Wenn wir retten wollen, was noch Substanz hat und den Keim für eine deutsche Zukunft unserer Nachkommen bilden kann, müssen wir ihnen das geistige Rüstzeug dafür an die Hand geben und ihnen unsere Normalität vorleben. Was kaputt ist, ist kaputt. Wenn es einen Weg gibt, dann nur vorwärts. Engels sieht Metaphysik auf diesem Weg als notwendiges Rüstzeug an:

Als letzter Punkt ist nun das zu besprechen, was gemeinhin „Revolutionärer Konservatismus“ genannt wird und wohinter der Versuch steckt, die reale oder doch zumindest angenommene Grundstimmung einer idealisierten archaischen Vergangenheit mit den Mitteln modernster Technik neu erstehen zu lassen, wobei sowohl ein erheblich weiter reichender Rückgriff in das kollektive Unterbewußtsein vonnöten ist als auch eine weitaus größere Aufgeschlossenheit gegenüber den allgemeinen Tendenzen historischer Dynamik: Der Gang der Zeit soll hier nicht etwa zurückgedreht oder aufgehalten werden, sondern im Gegenteil unter Beschleunigung des Tempos in eine utopische, zyklisch an die Grundanfänge der jeweiligen Gesellschaft anschließende Zukunft gelenkt werden.

David Engels

Dem Katholiken David Engels schwebt dabei der Rückgriff auf das christliche Abendland vor. Welche Idee auch immer sich als zündend erweist, mit welcher Metaphysik auch immer die Herzen unserer Jugend entflammt werden können, bleibt sich gleich. Alle Metaphysik und jede Religion beruht auf inneren Vorstellungen, die in der realen Welt keine Entsprechungen haben. Sie muß nur wirken, keine letzte „Wahrheit” widerspiegeln. Mythen enthalten viele metaphyische Elemente und sollten bewahrt werden, weil sie zur kollektiven Existenz gehören.

Mythos: idealisiertes Standbild Kaiser Barbarossas vor der Kaiserpfalz Goslar

Die Metaphysik eines Kaisers Barbarossa, der einst des Reiches Herrlichkeit wiedererrichten wird, hatte einst die Herzen ganzer Generationen entflammt. Vorher war es die Idee eines Sacrum Imperium, eines christlichen Abendlandes, die David Engels bevorzugt. Später erwuchs der Gemeinschaftsgeist aus völkischen Idealen. Alles das waren begeisternde, psychologisch funktionierende Mythen. Sie wurden von wehmütigen Alten an Kinder weitergegeben, die mit großen, glänzenden Augen zuhörten.

Das normale Leben besteht nicht darin, abends vor der Flimmerkiste zu sitzen und sich Multikultipropaganda aus Soft-Operas anzutun. Es webt im Familienkreis und kann nur hier als wertvoll erfahren werden. Der Teufelskreis aus Aufhetzung unserer Jugend gegen ihre Vorfahren, Generationen-Entfremdung, Selbsthaß und Aufgabe des eigenen Selbst kann nur noch innerhalb funktionierender Familienverbände durchbrochen werden. Verantwortungsbewußtsein für unsere nachfolgenden Generationen kann kein Spahn und kann keine Merkel aufbringen, weil sie keine Kinder haben. Und Liebe zur althergebrachten eigenen Identität kann nur aufbringen, wer als Kind im Familienkreis geborgen war und den Alten lauschen durfte.


(1) Heino Bosselmann, Kollektive Psychologie, 26.10.2021, https://sezession.de/64875/kollektive-psychologie.

(2) Prof. David Engels, Leben mit dem Niedergang, Renovatio-Analysen 1/2020 = Die Neue Ordnung, Nr. 2/2020, S. 102-111.

Dieser Artikel erschien auch auf der stets sehr informativen Seite von Klaus Kunze:

Von der Banalität des Bösen zu des Reiches Herrlichkeit

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Klaus Kunze



Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

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Und das neue Werk von Klaus Kunze: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

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Zeitschriftenkritik: CATO – „Deutschland hatte die Wahl“

von Werner Olles

Zeitschriftenkritik: CATO – „Deutschland hatte die Wahl“

„Deutschland hatte die Wahl“ lautet das Titelthema der aktuellen Ausgabe (Nr. 6, Oktober/November 2021) von CATO, dem „Magazin für Neue Sachlichkeit“. Tatsächlich fällt es vielen Lesern vermutlich schwer, angesichts der Wahlergebnisse immer „sachlich“ zu bleiben, doch erkennt Thorsten Hinz in seinem Beitrag „Ein Zug ins Blaue“ richtig, daß die schlechte Lage der Nation nicht allein Merkel zuzuschreiben ist: „Die seit sechzehn Jahren amtierende Kanzlerin (hat) nur Tendenzen aufgegriffen und exekutiert, die in der Geschichte der Bundesrepublik seit je angelegt waren. Kräfte, die den weiteren Niedergang aufhalten könnten, sind auch nach der Bundestagswahl nicht zu erkennen.“ Das deckt sich wiederum mit der Einschätzung des CATO-Chefredakteurs Andreas Lombard: „ …möglichst keiner sollte merken, daß es um echte Richtungsentscheidungen schon gar nicht mehr ging. Jene Oppositionspartei, die diesen Namen verdient, (ob man sie mag oder nicht), wurde weit im Vorfeld aus dem „Verfassungsbogen“ und damit von jeglicher Aussicht auf Regierungsbeteiligung ausgeschlossen – ein Sachverhalt, der sonst als Kennzeichen demokratiefeindlicher Staaten gilt. Wer hierzulande wirklich oppositionelle Positionen vertritt, egal bei welchem Thema, wird umgehend zum Paria degradiert.“

Bruno Bandulet befaßt sich eingehend mit dem „monumentalen Staatsversagen“ und der Diskursverweigerung in Sachen „Klimaneutralität“, dem Euro, der Enteignung der Sparer, der europäischen Schuldenunion mit Deutschland als Zahlmeister und der Außen- und Sicherheitspolitik. Themen ,die im Wahlkampf nicht vorkamen, stattdessen gab es einen „Hang zur Gleichschaltung“, eine politische Justiz in Karlsruhe, die unbewiesene Behauptungen von Lobbyorganisationen wie Greenpeace und der umstrittenen und berüchtigten sogenannten „Deutschen Umwelthilfe“ und angeblich klimageschädigten Aktivisten aus Nepal und Bangladesch kurzerhand in den Grundgesetzartikel 20a integrierte, womit der Staat nun zum „Klimaschutz“ und zur „Klimaneutralität“ verpflichtet ist. Die Öffentlichkeit wurde von dem Verfahren ebenso ausgeschlossen wie unabhängige Sachverständige. Die geschätzten Kosten für das aus dem Wahlprogramm abgeschriebene „Projekt“ betragen locker 2.000 Milliarden Euro zum Zweck einer unerreichbaren „Klimaneutralität“. Ein größerer „Ausfluß von Weltfremdheit“ ist in der Tat nur schwer vorstellbar, angesichts des allgemeinen Staatsversagens, der unausrottbaren Torheit und dem unübersehbaren Qualitätsschwund der herrschenden Klasse auch nicht überraschend.

Über die perfiden Schikanen und erpresserischen Methoden der EU-Kommission gegen Polen zugunsten der familienfeindlichen LGTBIQ-Idologie und einem ideologisch manipulierten Verständnis sogenannter „Menschenrechte“ berichtet David Engels in seinem „Brief aus Warschau“. Er hat die berechtigte Sorge, daß es Brüssel gelingen könnte, das vom Covid-Lockdown geschwächte Polen zum Sturz seiner Regierung zu bewegen und Donald Tusk erneut als „Statthalter der linken Eliten“ einzusetzen. Thomas Fasbender erklärt in „Der Mann des Staates“ den Aufstieg und Erfolg Putins und dessen verständliche Abwendung vom Westen, da dieser nichts unterlasse Rußland zu demütigen und zu provozieren.

Hervorzuheben ist Andreas Lombards Essay „Herr Sibelius ist Mutter geworden“ über die fatalen Änderungen des Adoptions- und Familienrechts zugunsten kinderloser Erwachsener und primär der Kinderwünsche Homosexueller. In einer selten gewordenen Dichtigkeit schildert er schlüssig die „bedenkliche Verwirrung“, die ideologisch unterstützt nicht nur das Naturrecht außer Kraft setzt, sondern im Rahmen einer unsinnigen Gleichstellungspolitik Unvereinbares, nämlich Homosexualität und Elternschaft, mit allen Mitteln realisieren will. Zwar handele es sich numerisch um ein belangloses Anliegen, doch sei die Adoption im Falle von Homosexuellen ein „verblüffend gut gewählter Angriffspunkt.“ Um das Kindeswohl gehe es bei der „medial befeuerten Verwirklichung abstrakter Gleichheitsideen“ schon lange nicht mehr. Lombard bricht jedoch nicht nur eine Lanze für die Konversionstherapie, er spricht auch offen von der „Umwandlung des Menschen in eine Handelsware, die man planen und manipulieren kann“ und einem „Türöffner“, um die gravierenden ethischen Bedenken zu umgehen, die der Entwicklung eines milliardenschweren biotechnischen Marktes im Wege stehen.“ Die Linke agiere hier einmal mehr de facto als Handlanger derer, die einen der letzten kostenlosen Lebensvollzüge des Menschen in eine kostenpflichtige Dienstleistung verwandelten.

Hier findet man das komplette Inhaltsverzeichnis.

Kontakt: CATO-Verlag. Fasanenstr. 4, 10623 Berlin. Einzelheft 14,50 Euro, Jahresabo 76 Euro. http://www.cato-magazin.de

Die Afrikaanse Nation als Superethnos? – Konzept für einen Ausweg aus der Sackgasse

Buchbesprechung von Eberhard Hofmann – zuerst erschienen in der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia/Südwestafrika

Die Afrikaanse Nation als Superethnos? – Konzept für einen Ausweg aus der Sackgasse

Gibt es einen Schulterschluss afrikaanser Gruppen im südlichen Afrika? Wie kommt ein deutscher Völkerkundler und Kulturhistoriker auf die Idee, ein leidenschaftliches, auch hintergründiges Plädoyer für die „Autonomie der afrikaansen Nation“ auszurufen? Umgekehrt scheint es undenkbar, dass ein solches Werk aus einer britischen Feder hätte stammen können. Der Buchumschlag mit dem bekannten Gemälde von Davidson Bell, Jan van Riebeecks Ankunft am Kap, im Hintergrund Devil´s Peak, als Schilderung der ersten Begegnung mit den indigenen Khoi-Khoi könnte auf den ersten Blick irreführend sein, dass es sich um eine nostalgisch-nationalistische Streitschrift für die Buren handelt.

Ist Völkerkunde, Social Anthropology, wie im vorigen Jahrhundert an südafrikanischen Universitäten gelehrt und dosiert, noch ein Bildungsfach, eine aktuelle Disziplin? Es ist still geworden um das Fach, es sei denn frühere Autoren des Fachbereichs werden im Lichte gegenwärtiger Kritik vorgeführt.

Überwölbende Gruppierung

Was auf den über 350 Seiten der Schrift „Autonomie der afrikaansen Nation“ von Christian Böttger folgt, ist einmal eine intensive Auseinandersetzung mit dem Begriff des Superethnos, der bereits als Untertitel auf dem Buchdeckel erscheint und vom russischen Ethnologen und Historiker Lew Gumiljow (1912 – 1992) entlehnt ist. Aufbauend auf Gumiljow schnürt Böttger aus allen afrikaans-sprechenden Gruppen eine afrikanische Nation mit authochtonem, mit bodenständigem Existenzrecht. Superethnos wird hier als eine überwölbende sprachliche Gruppierung bestehend aus verschiedenen Volksgruppen verstanden, die sich dazu eignen, eine Nation zu bilden. Die Gruppierung hat Stufen der Herkunft und Entstehung durchlaufen, was mit dem Begriff Ethnogenese, umschrieben wird,ein Terminus, der vom deutschen Historiker Reinhard Wenskus in Umlauf gebracht wurde.

Der Leser ist gefordert, sich mit mehreren ethnologischen Begriffen der Fachsprache vertraut zu machen. In diesem anthropologischen Rahmen schildert Böttger die Entstehung aller Volksgruppen des südlichen Afrika, die zur holländisch-afrikaansen Herkunft und Kultur gehören, auch wenn sie mit einem Bein in einer anderen Sprache verwurzelt sind und in verschiedenen Hautfarben erscheinen.

Zur sachlichen Schilderung der Herkunft und der Entstehungsgeschichte (Ethnogenese) dieser Gruppen führt Böttger ebenso in die Geographie, Landschaften der Regionen und Kurzgeschichte ein, die diese Gruppen geprägt, bzw. zur Migration, zum Trek bewogen haben. Die Existenz dieser Gruppen als „afrikaanse Nation“ sieht Böttger im Großen und Ganzen vom Superethnos der Bantu als getrennt, die aus dem Nordosten von Südafrika in Richtung Westkap wandern und die Einheimischen zahlenmäßig zu überfluten drohen.

Jan van Riebeeck land in Tafelbaai in April 1652. Gemälde von Charles Davidson Bell (1813-1882)

So fasst der Autor die Khoi-Khoi, die Afrikaner-Buren, Bruinmense vom Kap (Cape Coloureds), Baster und Griqua, Nama und Oorlam, die Korana sowie – an der Peripherie – auch die Kapmalaien in einem überethnischen System zusammen. Um den Begriff zu verfeinern zitiert Böttger noch einen anderen Autoren, Otto Bauer, der die Nation als „die Gesamtheit der durch Schicksalsgemeinschaft zu einer Charaktergemeinschaft verknüpften Menschen“ definiert. Es ist die Sprache, die Kultur vermittelt, nicht die Hautfarbe. Böttger distanziert sich von der Apartheidspolitik: „Den Buren erschien die Apartheid in einer Art Selbstbetrug als konsequenteste Form des Selbstbestimmungsrechtes der Völker. Sie haben in ihrer Geschichte die Schwarzen aber weder ausgerottet noch vor sich hergetrieben wie die Weißen in Nordamerika die Indianer.“

Trennung an der 400-mm-Niederschlagsgrenze

Für die autonome afrikaanse Nation wie oben umrissen, sieht Böttger in Anlehnung an andere Analytiker einen geschlossenen geographischen Raum als Staatsgrund, der sich westlich der (durchschnittlich) 400-Millimeter-Niederschlagsgrenze Südafrikas in zunehmend aridere Gebiete des Westkaps hinein erstreckt, von der Westgrenze des Oranje-Freistaats bis zum Süd-Atlantik und damit auch das Kapsche Boesmanland und Namaqualand einschließt. Im System der ANC-Regierung sieht Böttger „die Idiotie des zentralistischen Ansatzes“, wo Hautfarbe im Neo-Rassismus erneut – wie vormals in der Apartheid – ökonomisiche Relevanz verleiht. Die Autonomie der so definierten afrikaansen Nation könnte die Rettung vor der „Diktatur der Inkompetenz“ sein. Die angesprochene Inkompetenz samt Staat als Beute der regierenden Partei hat just während Böttgers Niederschrift des vorliegenden Buches im korrupten Zuma-Regime, auf das er nicht direkt Bezug nimmt, ihren Höhepunkt gefunden.

Böttger kennt sich in allen afrikaansen Kulturorganisationen und den Interessen-Körperschaften der Bruinmense aus und behandelt die Zielvorgaben – ermüdend für den Leser – detailliert bis in ihre Satzungen hinein. Bei der Niederschrift seines Bandes war vermutlich der aktuelle afrikaanse Band zur ähnlichen ethnisch-kulturellen Existenzfrage Die Pad na selfbestuur noch nicht ershienen. Darin ist exakt und in größerem Detail das Dilemma der Afrikaans-Sprachigen in Südafrika beschrieben, mit Konzepten, wie die Südafrikaner im Rahmen der Staatsverfassung sich vor der „Diktatur der Inkompetenz“ Auswege verschaffen können. Behandelt werden u.A. der Neo-Rassismus, der Mangel an Schutz für die Zivilbevölkerung, darunter Farmer-Morde, der Staatsverfall … : Die Pad na selfbestuur – Anderkant die mislukking van staatsbestuur deur Flip Buys. Kraal Uitgewers, Centurion 2019. ISBN: 978-1-990915-00-0. Eine Publikation der Solidariteit Beweging

Aufteilung als Option

Theoretisch sieht Böttger in einer Aufteilung Südafrikas für die „afrikaanse Nation“, keine politische Schwierigkeit, da es zeitgenössiche Beispiele gibt, wo neue Länder aus größeren Territorien heraus- und abgetrennt wurden: Tschechien und Slowakei, eine Reihe von Balkan-Staaten aus dem früheren Jugoslawien und der Süd-Sudan. Der Autor erwähnt die kleine, völkische afrikaanse Orania-Enklave als „Rückzugsgebiet einer Gesinnungsgemeinschaft“, die er aber nicht als Antwort auf die Herausforderung des ANC-Einheitsstaates sieht, den er als „hinterhältig und zynisch“ betitelt.

Auf den theoretischen Strecken von Böttgers Buch kann sich der Leser von außerhalb der Völkerkunde die Zähne ausbeißen, aber viele brisante und anregende Passagen helfen weiter, mit Parallelen, die – nich nur historisch – Namibia ebenfalls berühren. Ansprechend ist ferner, dass der Autor seine Herangehensweise kritisch definiert und vom so genannten Konstruktivismus abgrenzt, der in den Geisteswissenschaften wiederum mit der postfaktischen Schule verwandt ist, die vielfach wähnt, das dogmatische Deutungsmonopol zu besitzen, nachdem sie sich von grundleglender Basis abgehoben und in die Schwebe begeben hat. Die ausgesprochene Relevanz des Werkes für die afrikaansen Gruppen macht es unerlässlich, dass die Schrift auch in der autochthonen Sprache Afrikaans erscheinen sollte.

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Der Autor des Buches „Autonomie für die Afrikaanse Nation“, Dr. Christian Böttger, geb. 1954, studierte von 1983 – 1988 Ethnographie, deutsche Geschichte und Volkskunde an der Humboldt-Universität, Berlin. Danach wurde er Mitarbeiter im Bereich Kulturgeschichte/Volkskunde am Zentralinstitut für Geschichte/Akademie der Wissenschaften der DDR. 1993 promovierte er zum doctor philosophiae.

Wir danken der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia/Südwestafrika für die Genehmigung, diese Besprechung, die in der AZ am 7. Oktober 2021 erschienen ist, auf auf unserer Seite zu veröffentlichen.

Von Dr. Christian Böttger ist auch das grundlegende Werk „Ethnos. Der Nebel um den Volksbegriff“ im Lindenbaum Verlag erschienen. Sehr zu empfehlen!

Ethnos. Der Nebel um den Volksbegriff von Christian Böttger

Vom Reichswehrleutnant zum Kommunisten – Interview mit Richard Scheringer (1983)

Vom Reichswehrleutnant zum Kommunisten – Interview mit Richard Scheringer (1983)

Anfang Januar 1983 führten sechs Mitarbeiter der Zeitschrift wir selbst ein Gespräch mit Richard Scheringer auf dem Dürrnhof in Kösching bei Ingolstadt. Scheringers Weg vom kämpferischen Antiseparatisten zur Zeit der französischen Besatzung des Rheinlandes nach dem Ersten Weltkrieg über eine nationalrevolutionäre Phase Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts bis zum Mitglied der DKP und des DKP-Parteivorstandes ist nachfolgend dokumentiert. Obwohl unsere Redaktion nie einen Zweifel an unserer antikommunistischen Grundhaltung hat aufkommen lassen und wir den Sowjetimperialismus als Unterdrückungssystem in zahlreichen Artikeln beschrieben hatten, hat uns doch der Werdegang des sozialistischen Patrioten Scheringer interessiert, der als radikaler Nationalist seine Laufbahn begann, vom Gedanken der nationalen und sozialen Befreiung Deutschlands lebenslang getragen wurde und dies auch als Sozialrevolutionär und Kommunist nie verleugnet hat. Sein Interview in unserer Zeitschrift führte 1983 zu einem großen Presserummel und einem Gezeter der linken selbsternannten „Antifaschisten“. Uns schien es wichtig, in dieser Phase der Blockkonfrontation in Europa, in der die Gefahr bestand, daß Deutschland zum atomaren Schlachtfeld der Supermächte hätte werden können, die nationale Frage (also eine Perspektive der Neuvereinigung der beiden deutschen Staaten) als Friedensalternative ins Gespräch zu bringen. Wir denken bis heute mit Dankbarkeit an Richard Scheringer (gestorben im Mai 1986), der dem Druck seiner damaligen Partei nicht nachgegeben und sich der Diffamierungskampagne, die gegen unsere Zeitschrift begonnen wurde, widersetzt hat. Ein aufrechter und verdienstvoller Patriot und Kommunist, dem wir unseren Respekt zollen. Das Interview mit Richard Scheringer aus dem Jahr 1983 halten wir für ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte, weshalb wir es hier noch einmal der Öffentlichkeit zugänglich machen möchten.

„Vom Reichswehrleutnant zum Kommunisten – Interview mit Richard Scheringer (1983)“ weiterlesen

Bedingungsloses Grundeinkommen: unsozial und wider die menschliche Natur

von Dr. Florian Sander

Bedingungsloses Grundeinkommen: unsozial und wider die menschliche Natur

Die Tücken des Bedingungslosen Grundeinkommens

Eine der größten, nicht immer präsentesten, aber dennoch grundlegendsten Streitfragen des linken Spektrums ist die Frage nach dem Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE). Seine Befürworter, nicht selten aus dem eher grünen und links- bis schlicht neoliberalen – und weniger aus dem orthodox-linken – Milieu kommend, argumentieren dabei gerne von einem humanitären und zugleich utopistischen Standpunkt aus, demzufolge eine Gesellschaft den Zwang zur Arbeit grundsätzlich ablegen müsse, um echte Humanität zu erreichen. Damit einher geht letztlich die – erstaunliche – Prämisse, dass Arbeit über ihre verbindliche Natur etwas Inhumanes an sich habe. Deutlich wird hierbei, an welchen Stellen die Postmoderne die politische Linke erreicht hat: Der Drang nach Abschaffung von Verbindlichkeiten macht auch vor der Arbeit als solcher nicht halt.

Wie zutiefst unsozial diese Prämisse im Kern ist, scheint dabei, abermals erstaunlicherweise, kontinuierlich ausgeblendet zu werden: Das Zurückweisen der Verbindlichkeit durch den einen bedeutet immerhin doppelte Verbindlichkeit für den anderen, der das Fehlen von Arbeitskraft wird kompensieren müssen. Doch dieser Gedanke läuft auf eine eher makrosoziologische – wenn nicht gar volkswirtschaftliche – Betrachtung des Themas hinaus, um die es in diesem Rahmen nicht gehen soll – und die für eine konsequente Ablehnung des BGE auch gar nicht notwendig ist.

„Trägheit“ – Kupferstich, 1558, von Pieter van der Heyden nach einer Zeichnung von Pieter Bruegel dem Älteren.

Weg in die Apathie

Entscheidende Argumente gegen das BGE lassen sich viel früher finden. Eine sorgfältige und wissenschaftshistorisch informierte soziologische Perspektive auf die Mikro-Ebene liefert bereits Hinweise darauf, wie unsozial und zugleich inhuman die Zurückweisung der Arbeit als solcher, die in der politischen Befürwortung des BGE letztendlich zum Ausdruck kommt, wirklich ist.

Bereits in der legendären Studie über „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel (1933), die quasi den Beginn der empirischen Sozialforschung darstellte, wurde in beeindruckender Präzision festgehalten, wohin lang andauernde Arbeitslosigkeit führt: Resignation, Passivität, Lethargie. Zustände also, die, psychologisch weitergedacht, mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Depression enden, sofern es nicht durch maßgebliche andere, „psychohygienische“ Faktoren kompensiert werden kann.

Nun gibt es – dieses absehbare Gegenargument nehmen wir an dieser Stelle vorweg – natürlich einen massiven Unterschied zwischen finanziell kritischer Langzeitarbeitslosigkeit in einem österreichischen Dorf Anfang der 30er Jahre einerseits und einem utopischen Zustand bezahlten Nicht-Arbeitens im Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts andererseits. Finanzielle, sozioökonomische Nöte treiben Menschen in der Tat zunächst in die Apathie, da sie es ihnen ermöglicht, in einem Zustand möglichst geringer emotionaler Involvierung einfach zu „ertragen“ – gewissermaßen innere Mauern zu errichten, die sowohl die absehbaren Ängste fernhalten als aber eben auch positive Gefühle. Wut und Aggression, also die tragenden Emotionen jeder Revolution, erwachsen eben erst aus der Wahrnehmung einer „relativen Benachteiligung“. Will heißen: Wütend wird man erst, wenn man in sozioökonomischen Nöten ist und zugleich beobachten muss, wie andere es nicht sind, wie andere im Wohlstand leben, man selbst aber nicht. Die Relation, der Vergleich kreiert die Beobachtbarkeit und damit erst die Benachteiligungswahrnehmung.

Wir wollen gebracht werden

Wer jedoch meint, Apathie, Lethargie und Depression infolge von Langzeitarbeitslosigkeit ergäben sich einzig und allein aus der damit – auch heute noch – verbundenen sozioökonomischen Not, der gibt sich einer Illusion hin, die jeder sozialpsychologischen Erkenntnis zuwiderläuft. Denn: Die Wahrnehmung, gebraucht zu werden, in seiner sozialen Existenz einen Zweck zu erfüllen, eine soziale Funktion für die Gemeinschaft einzunehmen, ist immer noch und auch weiterhin ein unauslöschliches Grundbedürfnis eines jeden Menschen – Eremiten und „Aussteiger“ vielleicht einmal ausgenommen.

Arbeitslose beim Stempeln, ca. 1929

Das, was wir gemeinhin als „Selbstwertgefühl“ bezeichnen, hat stets mehrere Dimensionen. So ist dieses natürlich primär abhängig von erlebten Gefühlen wie Liebe, Zuneigung, Freundschaft etc., die über die Familie, Liebesbeziehungen und Freundschaften kommuniziert werden. Doch auch diese werden stets nur dadurch erlebt, dass der Eindruck gespiegelt wird, dem anderen etwas „gegeben“ zu haben. Menschen sind deswegen soziale Wesen, weil sie dadurch spüren, dass sie jemandem etwas wert sind, dass sie in ihrer Existenz für andere unverzichtbar sind. Diese Wahrnehmung wird zwar primär in den oben genannten sozialen Systemen des Privatlebens vermittelt, aber bereits direkt danach über das soziale System „Arbeitsplatz“.

Rast bei der Feldarbeit vor weiter Landschaft, 19. Jahrhundert, Künstler unbekannt

Dessen Macht ergibt sich dabei über seine Mehrdimensionalität: Wer arbeitet, erlebt Zufriedenheit idealerweise in gleich mehreren Hinsichten. Man arbeitet in dem Wissen, der Gesellschaft etwas gegeben zu haben wie auch in jenem, mit den Kollegen mitgehalten zu haben, auch kleineren sozialen Einheiten, also etwa dem Betrieb, einen unverzichtbaren Dienst erwiesen zu haben, den dieser nicht ohne Grund ent- und dadurch belohnt. Irgendwann kommt womöglich das Wissen hinzu, damit sogar zur Ernährung seiner Familie und damit zur Aufrechterhaltung eines weiteren sozialen Systems beigetragen zu haben.

Sicherlich gilt: Wir reden hier über Idealformen, die längst nicht immer erfüllt und auf diese, positive Art und Weise gelebt werden können. Wenn dies der Fall ist, so resultiert dies aber nicht aus der Arbeit als solcher, sondern vielmehr aus der Entfremdung der Arbeit, die aus neoliberalen Strukturen herrührt, die die Prioritäten verschiebt – vom Arbeitenden weg und hin zum Kapital. Das beschriebene Grundbedürfnis des Menschen nach Selbstwertgefühl durch Arbeit negiert dies jedoch ganz gewiss nicht. Arbeit als sozialer Vorgang ist in diesem Zusammenhang schlicht unersetzlich.

Wer diesen Zusammenhang negiert – sei es nun nur für sich persönlich oder gar gesamtgesellschaftlich – der hat entweder gute temporäre Kompensationsmechanismen gefunden (wie bspw. ehrenamtliche Tätigkeiten, die in psychologischer Hinsicht zeitweilige Substitute bilden können, aber schwerlich eine gesellschaftsweite Lösung für die Problematik bieten) oder reduziert kognitive Dissonanzen (anders gesagt: macht sich etwas vor). Es bleibt jedoch dabei: Das BGE als politisches Instrument würde den psychosozialen Grundbedürfnissen des Menschen zutiefst zuwiderlaufen.

Kapitalformen nach Bourdieu

Dies gilt umso mehr, als dass wir mit der oben beschriebenen Problematik nur die primäre Dimension dessen berührt haben, was die widernatürlichen Aspekte des BGE ausmacht. Wer seinen Bourdieu richtig gelesen hat, der stößt schnell auch auf die sekundäre, aber durch ihre Macht nicht weniger relevante Dimension. So dient Arbeit nämlich nicht nur der Spiegelung des eigenen Selbstwerts neben den Instanzen Familie, Liebesbeziehung und Freundeskreis, sondern ist oft genug auch jener soziale Raum, aus dem diese drei letztgenannten Instanzen „rekrutiert“ werden! Wo es an Arbeit fehlt, da kommt es in der Regel auch allzu häufig zu sozialer Isolation, Einsamkeit und dadurch – wiederum – Depression. Eine Entwicklung, die mit dem BGE abermals weiter forciert würde.

Denn – und hier tritt die immer wieder äußerst instruktive Unterscheidung der Kapitalformen nach Pierre Bourdieu zutage – ökonomisches Kapital (welches das BGE über den Geldfluss stärken würde) ersetzt eben weder das soziale noch das kulturelle oder das symbolische Kapital. Im Gegenteil: Das BGE würde diese für die menschliche Bedürfnisbefriedigung voneinander untrennbaren Kapitalformen sogar künstlich auseinanderdividieren, indem es ökonomisches Kapital fließen ließe, aber durch die Entkopplung von der Arbeit die übrigen Kapitalformen gezielt davon trennt, was letzten Endes dann eben auch für den Einzelnen darin münden würde, dass seine Chancen auf Vermehrung seines sozialen, kulturellen und symbolischen Kapitals sinken. Anders gesagt: Das BGE läuft nicht nur der menschlichen Natur und ihren Grundbedürfnissen zuwider, sondern schadet dem Menschen und dem sozialen Miteinander, indem es soziale Ungleichheit verstärkt.

Zur Erläuterung des Bourdieu-Modells: Unter sozialem Kapital verstehen wir den Wert sozialer Beziehungen, über die Menschen verfügen, und über die sie die Möglichkeit erlangen, sozial aufzusteigen bzw. sozialen Abstieg zu verhindern. Beginnend mit der Familie, die über die Sozialisation die entscheidenden Prämissen für die soziale Position eines Menschen setzt (etwa auch, indem sie dem Kind überhaupt erst vor Augen führt, welche Relevanz diese eigentlich hat, was dann wiederum seinen Ehrgeiz formt, diese zu erhalten oder zu stärken) bis hin zu sozialen Netzwerken – Freunden und Bekannten – welche einem „Connections“ / „Vitamin B“ verschaffen, Vorbildwirkung über das „richtige Umfeld“ usw. usf. Das soziale Kapital ist ein entscheidender Faktor für das Wohlergehen eines Menschen, sowohl in psychosozialer als auch letztlich in sozioökonomischer Hinsicht. Das BGE würde es vom ökonomischen Kapital trennen, indem über das Wegfallen der Verbindlichkeit „Arbeit“ die Rekrutierung des sozialen Kapitals massiv leiden würde. Die möglichen Folgen dessen wurden oben hinreichend beschrieben.

Das Elend der Faulheit, Georg Morland, 1780

Weiter geht es beim kulturellen Kapital, worunter nicht zuletzt Aspekte der Bildung zu verstehen sind: Bildungstitel genauso wie auch „Skills“, welche man über Bildung erlangt hat, sowie Fähigkeiten, die über die Sozialisation erworben wurden. Nun würde das BGE zwar nicht zwingend die Institutionen Schule, Hochschule und berufliche Bildung aushebeln, wohl aber das Motiv, im Rahmen dieser etwas zu erreichen, um hinterher davon auf dem Arbeitsmarkt zu profitieren. Denkt man ferner das BGE über mehrere Generationen weiter, würde unweigerlich ein negativer Effekt auch in Sachen Sozialisation eintreten, denn wo kein Bedarf nach Arbeit mehr ist, da ist auch keine Notwendigkeit, nach Fähigkeiten für diese zu streben und seinem Kind diese zu vermitteln. Heißt: Das BGE würde den sozialen Graben zwischen jenen, die arbeiten und jenen, die es nicht tun, auch über Generationen hinweg massiv verschärfen und die Kinder der letzteren gegenüber den Kindern der ersteren buchstäblich unaufhebbar benachteiligen, indem es Sozialisationsunterschiede über Generationen zementiert. Die soziale Ungleichheit würde verfestigt; die ohnehin schon große Wirkungsmacht des sozialen Kapitals („In welche Familie wurde man hineingeboren?“) würde nochmal verstärkt werden.

Leiden würde auch das symbolische Kapital, unter das man die Wirkungsmacht von Prestige und sozialer Ankerkennung fassen kann, die sich mal mehr, mal weniger subtil, etwa auch über den Habitus, auf den sozialen Auf- und Abstieg von Menschen auswirken (man denke hier etwa an Bewerbungsgespräche für eine Stelle mit Repräsentationsfunktion, mit zwei formal gleich qualifizierten Bewerbern, von denen aber einer der beiden reines Hochdeutsch spricht, der andere dagegen mit dem Dialekt eines sozialen Brennpunktviertels – man muss nicht lange überlegen bei der Frage, wer am Ende beim Personalchef besser ankommt). Sogar hier schlüge das BGE negativ zu, indem es jene, die nicht gearbeitet haben, prestigemäßig stets hinter jene anderen zurückfallen lassen würde, die sich für ein Leben mit Arbeit entschieden haben.

Faktische Zwei-Klassen-Gesellschaft

Gewiss: Schon heute bedeutet Arbeitslosigkeit einen massiven Ansehensverlust in vielen Milieus. Es ist aber ein Unterschied, ob man versucht, dem politisch entgegenzuwirken, indem man Menschen in Arbeit bringt, oder ob man auf eine faktische Zwei-Klassen-Gesellschaft hinarbeiten will, in der die eine Klasse arbeitet und die andere nicht, und in der dieser sie prägende Zustand sogar noch über Generationen weiter verfestigt wird (bis hin zu dann denkbaren „Schulen für BGE-Kinder“, in denen Schüler nur die Mindestbildungsziele vermittelt bekommen, weil sie nicht-arbeitenden Elternhäusern entstammen und sie somit – Stichwort: soziales Kapital! – nie gelernt haben, warum Arbeit auch ein positiver Wert sein kann und sollte, weswegen sie ohnehin nicht dorthin streben und daher auch nicht dafür ausgebildet werden müssen).

Am Ende dieser „Vision“ steht eine Dystopie: Eine Gesellschaft, die in zwei verfestigte Klassen gespalten ist, die zu durchbrechen mit dem steigenden Alter der BGE-Einführung immer schwieriger wird. Begleitet von absehbaren sozialen Konflikten, die aus Sozialneid und Unzufriedenheit darüber resultieren, dass man selbst zur arbeitenden Klasse gehört, damit eine nicht-arbeitende ernährt, deren Kinder sich ihrerseits gar nicht mehr vorstellen können, zu der anderen zu gehören, weil sie vom sozialen, kulturellen und symbolischen Kapitalzufluss der arbeitenden Klasse abgeschnitten wurde.

Nicht umsonst entstammt das BGE als Idee der Big-Tech-Zentrale Silicon Valley, wo nicht nur die postmoderne Zensur-Dystopie des 21. Jahrhunderts geplant und umgesetzt wird, sondern wo man auch gezielt und durchweg fatalistisch-schulterzuckend damit kalkuliert, dass die „Abgehängten“ dauerhaft nicht mehr beruflich qualifizierbar seien, weswegen man sie mit dem BGE schließlich abspeisen möchte. Bezahlen soll das natürlich der Staat – die Wirtschaft wäre fein raus, hätte zugleich noch den Vorteil, dass mit dem Verweis auf das BGE klassische sozialstaatliche Institutionen, für die sie mit einzustehen hat (Sozialversicherung, Mindestlohn etc.), ja angeblich wegfallen könnten. In den Planungen manch liberaler BGE-Befürworter bleibt das Grundeinkommen dabei dann auf einem Niveau, das das von Hartz IV unterschreitet, und das bei gleichzeitigem Wegbrechen des Sozialstaates – während es in der öffentlichen Kommunikation zugleich von einem Nimbus eines neuen sozialen Paradieses verziert würde, dem weniger informierte zunächst auf den Leim gehen. Bezahlen würde all das derweil der Steuerzahler. So treibt man Heuchelei auf die Spitze. Und doch passt es eben allzu gut zur passenderweise mit Corona begründbaren, weiteren Schein-Utopie des voll-digitalisierten, global konsumierenden, in seiner Identität entfremdeten Stubenhocker-Arbeitnehmers der „Great-Reset“-Verfechter.

Ausblick

Wer visionäre Politik betreiben will – was ja an sich nicht falsch ist –, der kann und darf nicht darauf verzichten, seine Positionen möglichst soziologisch informiert weiterzudenken und aus ihnen Konsequenzen abzuleiten. Anders kann und darf man Utopien nicht verfolgen, wenn sie nicht zu Dystopien werden sollen. Die Befürworter des BGE lassen es an diesem Grundsatz fehlen, was es umso erstaunlicher macht, dass ihr Konzept mit einer solchen Beharrlichkeit weiter durch die sozialpolitischen Debatten geistert. Weniger erstaunlich dabei ist freilich, dass es auch von der links- bis neoliberalen Seite immer häufiger bereitwillig aufgegriffen wird.

Wahrhaft soziale Politik muss Menschen dort abholen, wo sie stehen. Dass dies nicht als Floskel gemeint ist, sollte die vorangegangene Argumentation deutlich gemacht haben: Menschen sind soziale Wesen, die einer Vielzahl an Kapitalformen bedürfen, um zu Wohlstand zu kommen. Ein wirklich sozialer Staat – was ein Staat, der das BGE verwirklichen würde, genauso wenig ist wie die grenzoffene, alle Welt versorgende, LGTBIQ- und Gender-affine, aber den eigenen Bürgern gegenüber skrupellos autokratisch vorgehende Bundesrepublik – müsste darauf hinwirken, soziale Ungleichheit zu beseitigen, indem er Menschen ermöglicht, besser an ökonomisches, an soziales, an kulturelles und an symbolisches Kapital zu gelangen. Das BGE, das das erstere zu Ungunsten der drei anderen Kapitalformen stärkt und dadurch sogar den Zugang zum ersteren durch die Hintertür wieder schwächt, ist hierbei rundweg kontraproduktiv.

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Dr. Florian Sander

Florian Sander

Dr. Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD in NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er schrieb u. a. für ‚Le Bohémien‘, ‚Rubikon‘, ‚Linke Zeitung‘, den ‚Jungeuropa‘-Blog und ‚PI News‘ und ´Arcadi`, ist inzwischen Autor für ‚Sezession‘, ‚Glauben und Wirken‘, ‚Wir selbst‘ und ‚Konflikt‘ und betreibt den Theorieblog ‚konservative revolution‘.

„Institut für Staatspolitik“ als geistiges Gravitationszentrum und die Repression des Verfassungsschutzes

Interview mit Dr. Erik Lehnert (Geschäftsführer des IfS)

„Institut für Staatspolitik“ als geistiges Gravitationszentrum und die Repression des Verfassungsschutzes

Der Verfassungsschutz von Sachsen-Anhalt stuft das „Institut für Staatspolitik“ (IfS) als „gesichert rechtsextrem“ ein. Im TAGESSTIMME-Interview spricht IfS-Leiter Erik Lehnert über die neue Einstufung, die Vorwürfe des Verfassungsschutzes und was aus seiner Sicht dahintersteckt.

TAGESSTIMME: Gestern brachten allen großen Zeitungen die Meldung, dass das „Institut für Staatspolitik“ nun vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft wurde. Was heißt das zunächst einmal?

Erik Lehnert: Die Meldung bezieht sich auf den noch unveröffentlichten Verfassungsschutzbericht des Landesamtes für 2020. Wir haben von der Einstufung auch erst aus der Presse erfahren. Zum jetzigen Zeitpunkt bedeutet diese Einstufung zunächst einmal viele Presseanfragen von den üblichen Verdächtigen, die sich die Hände reiben. Kritische Berichterstattung findet nicht statt, weil die Presse mit dem Parteienstaat an einem Strang zieht und zu einem Verlautbarungsorgan der Behörden verkommen ist.

Ihr Institut ist wie alle oppositionellen Gruppen und Denker schon länger im Visier der Repressionsorgane. Haben Sie die „Heraufstufung“ bereits erwartet oder kommt diese nach nunmehr 20 Jahren erfolgte Einschätzung überraschend?

Wir mussten damit rechnen, dass irgendwann aus dem Verdachtsfall ein Beobachtungsfall wird. Allerdings würde uns schon interessieren, welche neuen Erkenntnisse die Behörde hat, um zu dieser Einstufung zu kommen. Ich kann nicht finden, dass sich unsere Arbeit in den letzten Jahren so verändert hat, dass diese Verschärfung gerechtfertigt wäre. Es drängt sich ja förmlich der Verdacht auf, dass man das Jahr zwischen Verdachtsfall und Beobachtungsfall nur aus formalen Gründen verstreichen ließ, die Einstufung aber längst beschlossene Sache war. Die Landesämter müssen offensichtlich Munition für das Großvorhaben „Beobachtungsfall AfD“ liefern, da die von den Konkurrenzparteien geführten Innenministerien realisiert haben, dass die AfD nicht von allein wieder verschwindet.

Die AfD ist nur ein Beispiel für Organisationen, die in den letzten Jahren ins Visier des Verfassungsschutzes geraten sind, hinzu kommen beispielsweise auch das Bürgernetzwerk „Ein Prozent“ und die Zeitschrift „Compact“. Was steckt dahinter?

Dabei handelt es sich um eine konzertierte Aktion gegen die „Neue Rechte“, zu der Thomas Haldenwang, der Präsident des Bundesamtes, im letzten Jahr den Startschuss gegeben hat. Er konnte dabei allerdings auf die Arbeit seines Vorgängers aufbauen, der für die Beobachtung der Identitären Bewegung gesorgt hatte. Ziel ist es, Kritiker mundtot zu machen. Das eigentliche Ziel ist zweifellos die AfD, bei der sich der Angriff aber aufgrund ihres Parteienstatus‘ und dem hohen Zuspruch, den sie in einigen Bundesländern genießt, schwieriger gestaltet. Wenn der Verfassungsschutz es in dieser Richtung übertreibt, droht die schon geringe Akzeptanz für diese Einrichtung weiter zu schwinden. Also nimmt man sich erst einmal alles vor, was kleiner ist und über irgendeinen Bezug zur AfD verfügt. Mit diesem Vorgehen erhöht man den Druck auf das Milieu insgesamt und hofft vermutlich weiterhin, dass sich dadurch Distanzierungen und womöglich die Parteispaltung provozieren lassen. Es handelt sich um ein Spiel über Bande.

Das IfS vertrete „rassistische und biologistische Sichtweisen“ und sei ein „geistiges Gravitationszentrum“ für die ganze deutsche Neue Rechte, wird Ihnen vom Verfassungsschutz vorgeworfen. Was sagen Sie dazu?

Natürlich erheben wir den Anspruch ein geistiges Gravitationszentrum zu sein, wenn man darunter einen zentralen Anziehungspunkt des freien Geistes versteht. Dass das den Mächtigen nicht schmeckt, darf einen nicht wundern. Die Macht ist ihren Kritikern nie wohlgesonnen. Was an diesem Vorgang heute so abstoßend wirkt, ist weniger die Tatsache als solche, sondern vielmehr die moralische Verbrämung des Machterhalts. Dem Kritiker wird die Satisfaktionsfähigkeit abgesprochen, um sich mit seinen Argumenten nicht auseinandersetzen zu müssen. Der Vorwurf, wir würden „rassistische und biologistische Sichtweisen“ vertreten, ist Blödsinn. Da würden mich mal die Belege interessieren.

Weiter wird ihnen vorgeworfen, eine „vermeintliche linke Hegemonie in Gesellschaft und Politik aufbrechen“ zu wollen und eine „Diskursverschiebung nach ,rechts’“ anzustreben.

Das ist das normale Geschäft einer oppositionellen Denkrichtung, dass sie den politischen Gegner angreift. Dass es eine linke Hegemonie gibt, wird niemand ernsthaft bestreiten. Schon das gemeinsame Vorgehen von Politik und Presse in unserem Fall beweist das doch zur Genüge. Wenn es diese Hegemonie nicht gäbe, wären irgendwo wenigstens Zwischentöne in der Berichterstattung zu hören, oder ein Politiker würde zur Mäßigung aufrufen. Insofern ist auch dieser Vorwurf absurd und entlarvt diejenigen, die ihn erheben.

Mutmaßlich um den Einsatz von nachrichtendienstlichen Mitteln als angemessen und notwendig erscheinen zu lassen, wird die mangelnde Transparenz des IfS kritisch vermerkt. Das Institut habe bisher weder Ideologie noch Struktur offengelegt, heißt es.

Das ist etwas merkwürdig, weil es ja gleichzeitig heißt: „Stärker als viele andere rechtsextremistische Gruppierungen setzt das IfS auf die Schrift als Mittel zur Verbreitung der eigenen Ideologie.“ Dass wir nicht sagen, was wir meinen, kann man uns daher eigentlich nicht vorwerfen. Alles, was wir tun, ist öffentlich, sei es als gedrucktes oder gesprochenes Wort. Aber ein Geheimdienst braucht natürlich irgendeine Begründung für seine Arbeit. Wenn es da nichts Verborgenes gibt, das zu erschnüffeln wäre, behauptet er einfach, es gäbe etwas. Da ausgerechnet beim Verfassungsschutz die Beweislastumkehr gilt, muss der Verfassungsschutz seine Behauptungen nicht belegen. Und das Gegenteil zu beweisen, ist beim Vorwurf der mangelnden Transparenz unmöglich solange es keine vollends gläsernen Menschen gibt und Gedanken nicht lesbar sind.

Inwieweit sind Ihrerseits Gegenmaßnahmen geplant, beispielsweise eine Klage gegen die Einstufung?

Nun, wir prüfen das, allerdings sind die Aussichten nicht besonders gut. Seitdem die Verfassungsschutzbehörden den Joker „Menschenwürde“ entdeckt haben, und die Gerichte ihnen darin folgen, ist jede Aussage, die sich beispielsweise positiv auf den Fortbestand des deutschen Volkes bezieht, ein potentieller Verstoß gegen diese Menschenwürde. Das klingt im ersten Moment absurd, denn auch Deutsche sind ja Menschen, aber das Prinzip „Menschenwürde“ wird so ausgelegt, dass jede Differenzierung innerhalb der Menschheit als Exklusion von anderen Menschen interpretiert wird. Normalerweise wäre das eine philosophischen und keine juristische Auseinandersetzung.

Die Einstufung ermöglicht sowohl weitere Maßnahmen gegen Sie, wie nachrichtendienstliche Überwachung, als auch gegen Unterstützer und Besucher von Veranstaltungen. Was heißt das konkret für eine Person die beispielsweise eine der Akademien in Schnellroda besuchen will?

Wie der Presseberichterstattung zu entnehmen war, werden wohl schon seit zwei Jahren nachrichtendienstliche Mittel gegen uns eingesetzt. Insofern wird sich an der Praxis nicht viel ändern, nur dass manch einer die anderen Teilnehmer mit etwas Argwohn betrachten wird. Genau das will der Verfassungsschutz erreichen. Wer nach einem historischen Vorbild für dieses Vorgehen sucht, wird bei der Staatsicherheit der DDR fündig, Stichwort „Zersetzung“. Auch damals haben sich Leute, die ernsthaft an Veränderungen interessiert waren, davon nicht abschrecken lassen. Es erfordert Mut zu seinen Überzeugungen zu stehen, auch im offiziell „freiesten Staat der deutschen Geschichte“.


Zur Person:

Dr. Erik Lehnert: geboren 1975 in Berlin, studierte Philosophie, Geschichte sowie Ur- und Frühgeschichte. Er war anschließend DFG-Stipendiat in Bamberg und wurde 2006 über Karl Jaspers und die Philosophische Anthropologie zum Dr. phil. promoviert. Anschließend Lektor bei Antaios und Redakteur der Sezession, seit 2008 Geschäftsführer des Instituts für Staatspolitik (IfS), seit 2015 Wissenschaftlicher Leiter. Mitbegründer des Netz-Tagebuchs der Sezession.

Wir bedanken uns bei der Redaktion des Nachrichtenportals TAGESSTIMME für die Genehmigung, dieses Interview mit Dr. Erik Lehnert, das dort am 06.10.2021 veröffentlich wurde, auch auf unserer Seite veröffentlichen zu dürfen.

Die TAGESSTIMME ist ein österreichisches Nachrichtenportal für den gesamten deutschsprachigen Raum, das den unabhängigen und kritischen Journalismus sowie die freie und demokratische Meinungsbildung fördert. Besonderen Wert legen die Redakteure auf die Darstellung differenzierter Sichtweisen und Positionen. Sehr empfehlenswert!

Lohnend ist auch ein Besuch der Internetseite des Magazins Freilich

Weltrevolution gegen die Globalisierung

von Jens Woitas

Weltrevolution gegen die Globalisierung

Alain de Benoist gilt wegen seines Standardwerkes Kulturrevolution von rechts (1985) als Altmeister nicht nur der französischen nouvelle droite, sondern auch der politischen Rechten in Deutschland. Es ist daher verwunderlich, dass viele seiner jüngeren Publikationen keine deutsche Übersetzung erfahren haben und deshalb in den politischen Diskussionen unserer Tage praktisch keine Rolle spielen, obwohl sie uns aus meiner Sicht in der verworrenen Problematik unserer Gegenwart erhellende Erkenntnisse liefern könnten. Ich denke hier vor allem an Le moment populiste – Gauche-droit, c’est fini („Der populistische Moment – Rechts-links, das ist vorbei“, 2017) und Contre le liberalisme („Gegen den Liberalismus“, 2018). Die zentrale Aussage dieser Bücher ist, dass der klassische politische Links-rechts-Gegensatz in unserer Zeit durch einen Konflikt zwischen globalistischen Eliten einerseits und Globalisierungsverlierern und –gegnern andererseits abgelöst worden ist, wobei letztere durch einen Populismus politisch repräsentiert werden, der seinem Wesen nach weder „links“ noch „rechts“ ist. Gemeinsamer Gegner von „Linken“ und „Rechten“ ist in diesem Bild der globalistische Liberalismus. In dessen Bewertung kann es keine Differenzierung zwischen Wirtschaftsliberalismus („Neoliberalismus“) und Gesellschaftsliberalismus (Gender, diversity, Menschenrechtsideologie, Auflösung gewachsener Identitäten und Bindungen) geben, weil beide Spielarten des Liberalismus untrennbar miteinander verbunden sind. Dazu kommt eine Erkenntnis, die Alain de Benoist schon im April 2020, also unmittelbar nach dem Ausbruch der Corona-Krise, in seinem Aufsatz After Covid bei Telospress publizierte: Die Globalisierung ist Geschichte!

Diese theoretischen Versatzstücke liefern uns ein Werkzeug, mit dessen Hilfe eine Vielzahl scheinbar widersprüchlicher Entwicklungen unserer politischen Gegenwart in ein geschlossenes Bild gebracht werden können. Die Bundestagswahl hat ein Ergebnis mit sich gebracht, in welchem die AfD bei einer letztlich unbefriedigenden Stimmenzahl verharrt, gleichzeitig meine frühere Partei DIE LINKE eine katastrophale Niederlage erleidet und auch die Grünen trotz der Allgegenwart des Klima-Themas weit hinter den Erwartungen zurückbleiben. Trotz einer allgemein verbreiteten Unzufriedenheit steht am Ende dieser Wahl eine klare Mehrheit für ein „Weiter so!“ einer unbestimmten liberalen „Mitte“. Entweder führt dies zu einer in sich widersprüchlichen und damit kaum handlungsfähigen Dreierkoalition oder sogar zu einer „Zombifizierung“ der Merkel-Regierung, die angesichts fruchtloser Bemühungen um eine Regierungsbildung noch für lange Zeit geschäftsführend im Amt bleiben könnte. Angesichts der oben erwähnten Erkenntnisse Alain de Benoists ist ziemlich klar, warum alle Ansätze zu einer deutlichen politischen Veränderung bei der Wahl gescheitert sind: Die Linken versteifen sich in ihrem phantomhaften „Kampf gegen rechts“ darauf, die menschliche Sehnsucht nach gewachsenen Bindungen und Identitäten zu verteufeln. Diese Dinge widersprechen aber bei näherer Betrachtung dem Ziel einer sozialen Gesellschaft nicht, sondern befördern sogar diese Zielsetzung. Die Rechten übersehen in ihrem durchaus berechtigten Eintreten für Volk und Nation, dass man dabei nicht gleichzeitig an einer globalisierten Weltwirtschaft festhalten kann, weil die Zersetzung der Nationalstaaten und auch die Massenmigration in hohem Maße das Ergebnis von Sachzwängen des globalen Kapitalismus sind. Zumindest der „westliche“ Teil der AfD denkt und handelt noch immer noch wirtschaftsliberal und somit automatisch auch globalistisch, während im „östlichen“ Teil zwar inzwischen von „Sozialpatriotismus“ (Benedikt Kaiser) gesprochen wird, aber ohne damit wirklich konkrete Ideen zur Lösung drängender wirtschaftlicher Probleme, vor allem der beständigen Instabilität des Finanz- und Eurosystems, zu verbinden. Die Grünen haben sich schließlich die falsche Vorstellung zu Eigen gemacht, dass man die Klimaproblematik durch „grünes Wirtschaftswachstum“ im Einklang mit Globalisierung und Kapitalismus lösen könnte. Dies ist aus rein physikalischen Gründen ein Irrweg: Wirtschaftswachstum bedingt immer einen höheren Energieumsatz, und damit auch eine stetige Erwärmung des thermodynamischen Systems „Planet Erde“.

Man könnte fast alle diese Widersprüche vermeiden und so zu sehr viel besseren Politikansätzen kommen, wenn man begreifen würde, dass für alle drei genannten politischen Richtungen der Liberalismus ein gemeinsamer Gegner ist, und zwar in seiner unauflösbaren Kombination aus Wirtschafts- und Gesellschaftsliberalismus. Es scheint mir aber so zu sein, dass an diesem Punkt ein großer Teil der Menschen schon weiter ist als die Politik und ihre Organisationen. Parallel zu der Verzweiflung, die sich in unserer Gegenwart gleichermaßen bei „Rechten“, „Linken“ und „Grünen“ breitmacht, gibt es eine mächtige, praktisch weltweite, Bewegung gegen den globalen Liberalismus, die sich Woche für Woche in stetig wachsenden Demonstrationen von Australien bis Europa äußert. Man muss wahrscheinlich bis 1968 zurückgehen, um eine Protestbewegung von ähnlich globalem Ausmaß zu finden. Der Begriff „global“ führt hier nicht zu einem Widerspruch in sich, denn er bezieht sich nur auf den Wunsch praktisch aller Völker dieser Welt nach nationaler und demokratischer Selbstbestimmung. Der Widerstand gegen die repressive Corona-Politik ist dabei aus meiner Sicht nur ein gemeinsamer Ansatzpunkt für eine Opposition gegen die gesamte Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik der letzten 30 bis 40 Jahre. Man mag aus einer eigenen ideologischen Verortung – sei sie links oder rechts – skeptisch auf solche Proteste blicken, die offensichtlich noch nicht wirklich Form und Inhalt gefunden haben. Aber werden hier nicht – in marxistischer Sprechweise ausgedrückt – die Globalisierungsverlierer und –gegner, Hillary Clintons basket of deplorables, von einer „Klasse an sich“ zu einer revolutionären „Klasse für sich“, indem sie den Mechanismus ihrer Unterdrückung erkennen, um sich dann erfolgreich gegen diese Unterdrückung wehren zu können? Dazu kommt, dass der gegenwärtige Zustand von Weltwirtschaft und Weltfinanzsystem tatsächlich in hohem Maße an Karl Marx‘ Beschreibung des an seinen eigenen Widersprüchen scheiternden Spätkapitalismus aus dem Kapital erinnert. Mit der Entleihung dieser marxistischen Begrifflichkeiten rede ich keineswegs einer Rückkehr zum spätestens 1991 katastrophal gescheiterten Staatssozialismus das Wort. Den geistigen Bezugsrahmen für die heutige Weltrevolution liefert nicht Lenin, sondern Julius Evola mit seiner Revolte gegen die moderne Welt. Die Zielvorstellung ist also nicht irgendeine Form von „Kommunismus“, sondern eine Überwindung des Kapitalismus in einer Synthese, welche die traditionelle, vorkapitalistische Gesellschaft der gewachsenen Bindungen und Identitäten mit den materiellen Errungenschaften des Industriezeitalters vereinigt.

Alain de Benoist: der Anfang vom Ende der Globalisierung

Ist dies nicht allzu utopisch? An dieser Stelle kommt die letzte der eingangs zitierten Erkenntnisse von Alain de Benoist ins Spiel, nämlich dass das Ende der Globalisierung unter Umständen bereits stattgefunden hat, ohne dass uns dies bewusst ist. Bei der praktisch weltweiten Panikreaktion auf „Corona“ wurde im Frühjahr 2020 faktisch der „Aus“-Schalter des globalen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems gedrückt ohne sich bewusst zu sein, dass für solche – im Liberalismus immer nur informellen – Ordnungen nicht ohne weiteres ein „Ein“-Schalter existiert (Gertrud Höhler: „Die Corona-Bilanz“). Die Folgen zeigen sich mit etwas Verspätung in diesen Tagen: Der Abbruch von internationalen Lieferketten und die krisenbedingte Entlassung von Transportarbeitern führen bereits jetzt zu merklichen Engpässen bei der Güterversorgung, die sich aller Voraussicht nach noch dramatisch verschärfen werden. Zusätzlich zu den dadurch verursachten Preissteigerungen treten inflationäre Tendenzen auf, deren Ursache eine kaum wieder zu bereinigende Verzerrung des Geldwertes durch die Injektion von Billionen nicht wertgedeckten Zentralbankgeldes in die Finanzmärkte während der Corona-Krise ist. Zumindest auf dem Gebiet der Wirtschaft könnte es also selbst nach einer Aufhebung der Corona-Maßnahmen keine Rückkehr zum global-liberalen status quo vor der Krise geben. Die Untrennbarkeit von Wirtschafts- und Gesellschaftsliberalismus stellt aber dann automatisch auch letzteren infrage.

Man kann dies auch als Globalisierungsgegner nicht bejubeln, weil die unvermeidliche Folge davon spürbare Wohlstandsverluste sind, und wahrscheinlich sogar Mangelerscheinungen wie sie jüngere oder mittelalte Deutsche nie erlebt haben. In ärmeren Weltregionen führen diese Kollateralschäden der Corona-Politik schon heute zu einer fünfstelligen Zahl von Hungertoten pro Tag und zur Paralysierung ganzer Staaten wie etwa des Libanon, was wiederum unberechenbare Kriegsrisiken mit sich bringt. In der bundesdeutschen Wohlstands- und Migrationsgesellschaft drohen zudem bislang unbekannte Gewaltausbrüche, sobald der Sozialstaat angesichts einer zunehmenden Wertlosigkeit des Geldes die ohnehin schon bestehenden inneren Konflikte nicht mehr mit materiellen Gaben zuschmieren kann. Trotzdem ist es gut, dass wir einem Punkt nahe gekommen sind, an dem eine Politik des „Weiter so!“ ganz einfach krachend an der Realität scheitern muss. Nur über einen solchen Tiefpunkt hinweg kann nämlich ein sehr viel besserer, post-globalistischer, Zustand erreicht werden. Die notwendige Rückkehr von Nationalstaaten und Regionen als hauptsächlicher Bezugsrahmen von Politik und Wirtschaft und die erlebte Bedeutung von Familie und Nachbarschaft in einer Krise führen nämlich nicht nur zu einer Renaissance gewachsener Bindungen und Identitäten. Sie erzeugen darüber hinaus quasi von selbst eine soziale und auch nachhaltige Gesellschaft. Wer sich Gemeinschaften zugehörig führt, die schon lange vor der eigenen Geburt existiert haben und noch lange nach dem eigenen Tod weiterexistieren werden, der wird von selbst darauf achten, dass er den folgenden Generationen dieselbe lebenswerte Umwelt hinterlässt, die er in seiner Kindheit vorgefunden hat. Zusammen mit dem Wegfall vieler unnötiger Reisen und Transporte durch die De-Globalisierung könnten auf diese Weise Umwelt und Klima wirksam geschützt werden, ohne dass es dazu die Verbiesterung und die Verbote der heutigen „Klima-Bewegung“ bräuchte.

Auch das aus „rechter“ Sicht zentrale Problem des schleichenden Verschwindens der europäischen Völker im Zuge der Massenmigration könnte durch die anti-globale Weltrevolution eine unkonventionelle, überraschende Lösung finden. Ich lasse keinen Zweifel daran, dass auch für mich der ethno-kulturelle Volksbegriff eine hohe Bedeutung besitzt. Ohne ethnos gibt es nämlich auch keinen demos, und die sichtbaren Folgen der globalistischen Verneinung des ethno-kulturellen Volkes sind heute schon Re-Tribalisierung und Staatszerfall. Trotzdem ist der ethnos nicht allein durch seine schiere Existenz schon ein demos, also ein demokratisches Staatsvolk.Ein politisches „Volk“ ist nicht gleichsam automatisch immer schon vorhanden, es entsteht erst dadurch, dass es sich in einem politischen Willensakt selbst als ein solches begreift. Die Franzosen wurden erst durch die Revolution von 1789 zu einem selbstbestimmten Volk, die Polen wurden es erst nach dem gewaltsamen Ende ihres Königreiches (1795) durch den zähen inneren Widerstand gegen die Auslöschung ihrer Staatlichkeit, und auch ein politischer Begriff von „Deutschland“ entstand erst im 19. Jahrhundert durch Befreiungskriege, Vormärz und die – leider unvollendete – Revolution von 1848. Die Folgerung daraus ist, dass die anti-globale Revolution auch ein erneuertes politisches Bewusstsein von einem demokratisch selbstbestimmten deutschen Volk hervorbringen könnte. Dieses politische Bewusstsein wäre aber weitgehend von der ethnischen Abstammung unabhängig und könnte so meiner Ansicht nach ohne weiteres von einer nennenswerten Zahl von Migranten geteilt werden. So würde den heutigen ethno-kulturellen Spaltungstendenzen auf einer politischen Ebene entgegengewirkt, ohne damit Begriffe wie „Volk“ und „Nation“ irgendwie in ihrer Bedeutung zu schmälern. Mir erscheint ein solcher Ansatz sehr viel aussichtsreicher als die aus schierer Verzweiflung geborenen Diskussionen um „Reconquista oder Sezession“ (Martin Sellner), wie sie zurzeit unter rechten Dissidenten geführt werden.

Zusammenfassend möchte ich feststellen, dass es auch und gerade in der finster und hoffnungslos erscheinenden Gegenwart unserer Tage deutliche Vorzeichen einer besseren Zukunft gibt. Man muss sie nur wahrnehmen und in der Lage sein, sie richtig zu deuten. Das Spätwerk von Alain de Benoist kann dabei auch für uns Deutsche ein wichtiger Wegweiser sein.

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Dr. Jens Woitas

Dr. Jens Woitas

Jens Woitas, geboren 1968 in Wittingen (Niedersachsen), verheiratet, lebt (mit einigen Unterbrechungen) seit 1970 in Wolfsburg. Abitur 1988, dann Zivildienst und Tätigkeit als Gartenarbeiter. Studium der Physik in Clausthal-Zellerfeld und Tübingen, dann Promotion zum Doktor der Naturwissenschaften in Heidelberg (1999). Wissenschaftlicher Mitarbeiter an astronomischen Forschungsinstituten in Tübingen, Heidelberg und Tautenburg (1995-2005), dann Unternehmensberater. Seit 2011 Erwerbsunfähigkeitsrentner. Von Kindheit an lebhaft an Politik, Geschichte, Literatur und Religion interessiert, Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche und von 2017 bis 2020 Mitglied der Partei DIE LINKE. Neben einer Reihe von Artikeln in astronomischen Fachzeitschriften auch Autor einer autobiographischen Erzählung (Schattenwelten, Mauer Verlag, Rottenburg am Neckar 2009). In den letzten Jahren intensive Beschäftigung mit dem Denken des Neomarxismus und der „Neuen Rechten“ unter Einbeziehung französischer Originaltexte, insbesondere von Alain de Benoist und Jean-Claude Michéa.

Im Lindenbaum Verlag ist soeben das Buch „Revolutionärer Populismus. Das Erwachen der Völker Europas“ von Dr. Jens Woitas erschienen.

Linksnationalismus – Traumgebilde und historische Realität

von Dr. Winfried Knörzer

Linksnationalismus – Traumgebilde und historische Realität

Seit Gründung der Zeitschrift wir selbst im Jahre 1979 haben sich die Macher der Zeitschrift (die Gründungsmannschaft rekrutierte sich ausschließlich aus rechten politischen Gruppierungen) darum bemüht, die Lagerkonfrontation zwischen links und rechts aufzulockern. Mit dem Aufkommen der GRÜNEN schien ohnehin die alte Gesäßgeographie der Vergangenheit anzugehören. Wertkonservative, Natur- und Heimatschützer, ehemalige Kommunisten, unorthodoxe Sozialisten und Nationalpazifisten fanden zusammen, denn die ökologische Frage (Kampf gegen AKW, die Maßlosigkeiten einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft, zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft, Umweltzerstörungen einer profitorientierten Gesellschaft) ließ die alten ideologischen Gegensätze als nebensächlich erscheinen. Auch die NATO-Nachrüstungspolitik zwang zu neuen Allianzen. Die nationale Frage wurde nun auch von Linken als Frage nach der fehlenden staatlichen Souveränität wahrgenommen und die fehlende Einheit der deutschen Nation als „Wunde namens Deutschland“ (Walser) von manchen Linken mit einer patriotischen Sensibilität schmerzhaft empfunden. Im Gegensatz zu vielen anderen Linken war auch für Rudi Dutschke die „Nationale Frage“ ein Thema. Dies wurde spätestens mit seinen Diskussionsbeiträgen in Klaus-Rainer Röhls Zeitschrift „dasda/Avanti“ 1977/78 klar, wo er beispielsweise fragte: „Wer hat Angst vor der Wiedervereinigung?“ oder „Warum denken deutsche Linke nicht national?“ In dieser kurzen Zeitspanne (von 1978 bis zur Wiedervereinigung) gab es ein kleine Chance, linksnationale und rechtspatriotische Positionen miteinander zu versöhnen. Die Autorenliste unserer Zeitschrift gibt darüber beredt Auskunft. Armin Mohler nannte in einer WELT-Besprechung unsere blauäugigen Versuche, die ideologischen Gräben zu überwinden, eine „politische Topographie des Hufeisens“ (das linke und rechte Ende sind sich recht nah, weit entfernt von beiden das verachtete politische Establishment der Mitte). Uns das Etikett „linksnationalistisch“ anzuheften, wie es von medialen Beobachtern der „linken Leute von rechts“ (z. B. Hans-Gerd Jaschke) damals zuweilen geschah, war auch vor 30 Jahren schon fragwürdig, allenfalls eine bescheidene Anerkennung unseres Abschieds aus dem altrechten, erneuerungsunfähigen Milieu.

Wir möchten mit dem Artikel von Dr. Winfried Knörzer die Debatte über die Vereinbarkeit von links und national neu entfachen und bitten um rege Beteiligung! (wir selbst-Redaktion)

Linksnationalismus ist kein theoretisches Konstrukt, sonder ein reales politisches Phänomen. Darum kann man auf diesen Begriff nicht Wunschvorstellungen projizieren, wie idealerweise die Verbindung einer nationalen mit einer solidarischen bzw. sozialen Orientierung aussehen sollte. Man muß sich an das halten, was es in der historischen Wirklichkeit an Bewegungen gegeben hat oder gibt, die nach dem Selbstverständnis ihrer Protagonisten bzw. nach dem Urteil von Fachleuten mit einiger Berechtigung als linksnationalistisch bezeichnet werden können. Wie jedes politische Phänomen antwortet auch der Linksnationalismus auf eine konkrete historische Lage, woraus sich Sinn und Funktion einer politischen Positionsbestimmung ergeben. Nur indem eine politische Bewegung reale und für die Allgemeinheit bedeutsame politische Probleme aufgreift, kann sie wirkmächtig werden; andernfalls verbleibt sie im Abseits sektiererischer Theoriezirkel.

Erstürmung der indischen Stadt Shrirangapattana durch britische Truppen im Jahr 1799. Die Stadt war Hauptstadt des unabhängigen indischen Staates Myosore, der sich gegen die britischen Kolonialbestrebungen wehrte. Im dargestellten vierten „Myosore-Krieg“ verlor der Staat seine Unabhängigkeit, der Herrscher Tipu Sultan wurde getötet. Ausschnitt aus einem Gemälde von Henry Singleton, ca. 1800.

Die große Stunde des Linksnationalismus schlägt immer dann, wenn eine Konstellation auftritt, in der die Mehrheit eines Volkes gleichermaßen sozialer wie nationaler Benachteiligung/Unterdrückung ausgesetzt ist. Dies ist regelmäßig dann der Fall, wenn die herrschende Schicht sich entweder aus Angehörigen eines fremden Volkes zusammensetzt oder im Dienste eines solchen steht, und die Mehrheit des Volkes wirtschaftlich ausbeutet, sowie bestrebt ist, dessen Widerstandswillen durch Zerstörung der nationalen Eigentümlichkeiten wie Sprache, Kultur, Traditionen zu brechen. Die herrschende Schicht ist darum für die Mehrheit des Volkes sowohl in sozialer wie nationaler Hinsicht der Feind. Typische Beispiele sind hierfür Kolonien, wo die Kolonialherren einem fremden Volk angehören und denen Teile der autochthonen Bourgeoisie zuarbeiten oder Länder mit großen und räumlich konzentrierten nationalen Minderheiten (in Europa: Basken, Korsen, die Iren Nordirlands innerhalb des Vereinigen Königreiches). Der Kampf um nationale Unabhängigkeit geht daher mit dem Kampf gegen wirtschaftliche Ausbeutung Hand in Hand. Man kann daher gleichermaßen sagen, daß der nationale Befreiungskampf eine sozialistische Komponente enthält, wie daß der soziale Klassenkampf eine nationale Färbung besitzt. Ein Linksnationalismus ist darum für alle, die unter der beschriebenen Konstellation leiden, die naheliegendste politische Bewegung.

Baskenland und Freiheit: Abertzale-Linke und Mitglieder der Partei Batasuna demonstrieren 2008 gegen die Internierung von ETA-Gefangenen in Bilbao

Diese Konstellation ist die Ausgangslage. Aber dabei bleibt es nicht – die Lage entwickelt sich weiter. Die weitere Entwicklung kann langfristig im Grunde nur in folgender Alternative münden: der Linksnationalismus ist entweder erfolgreich oder er ist es nicht.

Betrachten wir zunächst den Erfolgsfall: die Kolonialherren wurden vertrieben, die Kollaborateure entmachtet und die nationale Unabhängigkeit wurde erreicht, oder ein Volk hat sich aus dem Zusammenhang eines Vielvölkerstaates gelöst und einen eigenen Staat gegründet. Was passiert dann? Im schlimmsten Fall, der häufig in Afrika und Arabien anzutreffen ist, versteht die siegreiche Befreiungsbewegung unter Sozialismus: Beutemachen für die eigene Clique (Junta, Clan, Volksstamm) und unter Nationalismus: ein Territorium zur freien Verfügung erhalten zu haben, in dem Beute gemacht werden kann. Auch wenn eine solche Entwicklung faktisch am häufigsten eintritt, möchte ich es mir nicht einfach machen und möchte daher die Idee des Linksnationalismus nicht durch den Verweis auf dieses worst case Szenario diskreditieren, sondern gestehe zu, daß auch Besseres möglich ist. Als Beispiel wähle ich Vietnam. Nach der Vertreibung der Besatzer und der Wiedervereinigung des Landes wurde ein kommunistisches Regime errichtet. Auch wenn die Kommunistische Partei eine privilegierte herrschende „neue Klasse“ (Dijalas) darstellt, unterscheidet sich dieses Regime doch grundlegend von den eben erwähnten Tyrannis-Regimes Afrikas und Arabiens. Tyrannis sei hier im klassisch-griechischen Sinne verstanden als Diktatur zum nahezu ausschließlichen Zweck der rein egoistischen Chancenmaximierung (vor allem Bereicherung) des Herrschers. Das kommunistische Regime Vietnams ist ein echter, am Gemeinwohl orientierter Staat – allerdings im Rahmen dessen, was Kommunismus unter Gemeinwohl versteht. Durch den erfolgreichen Abschluß des nationalen Befreiungskampfes hat sich allerdings die nationale Komponente des Linksnationalismus gewissermaßen von selbst erledigt. Sie hat kein Ziel mehr für konkretes, auf bestimmte Punkte bezogenes politisches Handeln. Vom ursprünglichen Linksnationalismus ist nur die sozialistische Komponente übriggeblieben. Die nationalistische Komponente hat ihren kämpferischen, aktivistischen Elan verloren und sich zu einem gewöhnlichen „Normalpatriotismus“ verdünnt, der mittels Symbolpolitik (z.B. durch permanentes Erinnern an die ruhmreiche Vergangenheit) das nationale Selbstbewußtsein stärkt.

An dieser Stelle berühren wir ein grundlegendes Dilemma des Nationalismus. Jede politische Bewegung hat ein bestimmtes, sie charakterisierendes Zentralthema, bzw. zentrales Ziel und einen konkreten Feind. Ich möchte dies schlagwortartig verdeutlichen, wobei ich mir im Klaren bin, daß Schlagworte einen Sachverhalt nur grob umreißen können und nicht den Ansprüchen einer wissenschaftlichen Definition, die hier aus Platzgründen nicht geleistet werden kann, genügen.

Sozialismus: Zentralthema: die wirtschaftliche, soziale und rechtliche Besserstellung der Arbeiterklasse, Feind: die besitzende Klasse

Liberalismus: Zentralthema: Freiheits- und Bürgerrechte, wirtschaftlicher Fortschritt; Feind: die ein Machtmonopol beanspruchende staatliche Obrigkeit

Konservativismus: Bewahrung der überlieferten Sitten, Werte und Gesellschaftsordnung; Feind: alle Akteure, welche die Modernisierung weiter vorantreiben (Beispiele: der bürokratische, ständische Ordnungen beseitigende Zentralstaat, progressive Intellektuelle).

Nationalismus: die machtgestützte Selbständigkeit einer Nation, die es einem Volk ermöglicht, ihrer Eigenart gemäß zu leben und diese weiterzuentwickeln; Feind: Fremdherrschaft (Besatzer), konkurrierende Nationen.

Liberalismus und Konservativismus kommen nie zur Ruhe. Da jeder Staat bestrebt ist, seine Macht zuungunsten bürgerlicher Freiheiten auszudehnen, gibt es für Liberale immer etwas zu tun. Ebenso entsteht allein durch die wirtschaftlich-technische Dynamik ein „Fortschrittsdruck“, der in bestimmten Personenkreisen sich in eine entsprechende politische Programmatik umsetzt, gegen den sich der Konservative zur Wehr setzt. Die Problematik, von der das politischen Streben des Konservativismus und Liberalismus seine Berechtigung erhält, entsteht gewissermaßen immer wieder von Neuem. Das heißt nicht zwingend, daß deren Programmatik allgemeines Interesse erweckt. Sobald ein gewisses Maß garantierter Bürgerrechtlichkeit vorhanden ist, wird das Verlangen nach mehr Freiheit gedämpft, vor allem wenn dieses durch Angebote von mehr Wohlstand oder mehr Sicherheit überlagert wird. Wenn sich das Tempo des Fortschritts so weit gesteigert hat, daß alles Bestehende in seinem Lauf mitgerissen wird, wird das auf dem inneren Wert des Überlieferten beruhende Bewahrenwollen zunehmend unverständlich. Nichtsdestotrotz bleiben die Zentralthemen von Liberalismus und Konservativismus relevant, weil die entsprechende Problematik fortexistiert.

Dagegen erlahmt die geschichtliche Kraft von Sozialismus und Nationalismus, wenn sie ihr selbstgestecktes Ziel erreicht haben. Nach dem Sieg der sozialistischen Revolution, wenn die Besitzenden enteignet und alles sozialisiert wurde, gibt es nichts mehr zu sozialisieren. An die Stelle des Kampfes um die Macht im Namen eines politischen Prinzips tritt Verwaltung, die zwar den bestehenden Sozialismus noch sozialistischer machen will, aber das Bestehende nicht mehr grundsätzlich ändern möchte. Auch wenn objektiv immer noch unwürdige Lebens- und Arbeitsverhältnisse und vor allem ungleiche Machtverhältnisse vorhanden sein mögen, ist mit der Überführung der Produktionsmittel in Gemeineigentum das eigentliche Ziel des Sozialismus erreicht. Etwas anderes zu wollen, etwa gar im Sinne individualistischer Freiheits- und Glückschancen, kann sich darum nicht auf die Idee des Sozialismus berufen, sondern gilt als Konterrevolution. Ebenso gelangt das nationalistische Streben an ein (vorläufiges) Ende, wenn die nationale Einheit und Unabhängigkeit hergestellt sind. Entweder gibt man sich mit diesem Erfolg zufrieden, wodurch der Nationalismus, wie am Beispiel Vietnams gezeigt, sich zu einem Normalpatriotismus abmildert, der keine geschichtsbildende Kraft mehr besitzt, oder die nationale Leidenschaft steigert sich zum Chauvinismus, der sich neue Feinde sucht und neue, über die Grenzen der Nation hinausgreifende Ziele setzt. Falls eine solche Entwicklung ihren Ursprung in einem wie auch immer gearteten Linksnationalismus hatte, tritt die soziale Komponente in den Hintergrund, da alle politischen Energien sich im Streben nach nationaler Machtausdehnung konzentrieren. Dies trifft auf die Französische Revolution, den italienischen Faschismus und das heutige China zu.

Kommen wir nun zu den historischen Konstellationen, in denen der Linksnationalismus scheiterte. Diese betreffen vornehmlich die regionalistischen Unabhängigkeitsnationalismen Europas in Nordirland, Korsika, in der Bretagne und im Baskenland. Man kann hier sehr genau den engen Zusammenhang von nationaler und sozialer Problematik beobachten. Wirtschaftliche und nationale Diskriminierung greifen ineinander. Der Engländer, Franzose, Spanier ist nicht nur der (ethnisch-kulturell) Fremde, sondern zugleich auch der Ausbeuter. Ein im Sinne des Sozialismus sans phrase vorgetragene, auf soziale und wirtschaftliche Themen bezogene Politik, kann hier nicht funktionieren, weil die ethnische Kluft zu groß ist, um ein gemeinsames Klassenbewußtsein zu ermöglichen. Der wirtschaftliche Klassengenosse wird primär als ethnischer Volksfeind wahrgenommen. Darum ist die sozialistische Politik der ursprünglichen IRA gescheitert, die in den 50er Jahren begonnen hatte, auf eine Aktionseinheit zwischen irischstämmigen und britischstämmigen Arbeitern zu setzen. Sie wurde bald von der Provisional IRA überflügelt, die einen klaren linksnationalistischen Kurs einschlug. Genauso wenig kann eine rein nationalistische Politik reüssieren, da der mit den Besatzern paktierende Bourgeois, der aus Opportunismus oder des ökonomischen Vorteils wegen mit diesen Handel treibt und für ihn Bütteldienste verrichtet, sich als Volksgenosse disqualifiziert hat.

Warum ist trotz dieser stimmigen Ausgangslage und des Rückhalts einer soliden Massenbasis den regionalistischen Unabhängigkeitsnationalismen nicht das gelungen, was nahezu alle Befreiungsnationalismen der 3. Welt zuwege brachten? Entscheidend ist das quantitative Ausmaß der Differenz zwischen den Kontrahenten. Der Kolonialherr ist gegenüber dem kolonisierten Volk der sich in wirklich jeder Hinsicht unterscheidende, total Andere. Dagegen sehen die Briten und Iren gleich aus, sprechen dieselbe Sprache, teilen eine ähnliche Lebenswelt. Der gemeinsame europäische Hintergrund reduziert die Spannweite des Abstands. Das ist ein Faktor, der konfliktmindernd wirken kann, aber nicht muß. Schon geringe Differenzen können bekanntlich tiefgehende Feindschaften bewirken, wenn der Wille da ist, diese Differenz zu etwas Bedeutsamen zu machen. Dieser Faktor führt aber auf eine Fährte, der es nachzuspüren gilt. Es sind daher weitere abstandsreduzierende Faktoren zu suchen.

1. Mit einiger Verspätung erreichte der Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit auch die Randregionen, wodurch sich eine Egalisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse einstellte.

2. Der Staat war bereit, Abstriche an seinem Konzept des Zentralismus zu machen und den Regionen eine gewisse Eigenständigkeit zuzugestehen. Im härtesten Konflikt dieser Art, dem nordirischen Bürgerkrieg, verzichtete die britische Regierung wohlweislich auf massive militärische Vergeltung und nahm lieber höhere Opferzahlen unter den britischen Soldaten als unter den IRA-Kämpfern in Kauf, als die irischstämmige Bevölkerung vollends gegen sich aufzubringen.

Diese beiden Faktoren waren noch nicht entscheidend, aber sie verschoben die Waagschale der Bereitschaft zum separatistischen Engagement doch ein Stück weit in Richtung Stillhalten. Gerade weil der separatistische Kampf den vollen Einsatz verlangt, wird er nicht leichtfertig eingegangen. Je geringer der Leidensdruck der nationalen und sozial-ökonomischen Diskriminierung durch politische Zugeständnisse und spürbare Verbesserung der Lebensverhältnisse wird, desto geringer wird auch die Bereitschaft, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Das Kosten/Nutzenverhältnis zwischen dem – auch persönlichen – Nutzen nationaler Unabhängigkeit und dem Risiko, zu langen Gefängnisstrafen verurteilt oder getötet zu werden, hat sich gegenüber der Ausgangslage verändert, wodurch die Bereitschaft, alles für die nationale Sache zu wagen, zunehmend schwindet.

Am wichtigsten freilich ist ein Faktor, den ich die Globalisierung auf nationaler Ebene nennen möchte. Ein eigenständiger und sich vom übrigen nationalen Umfeld scharf absondernder lebensweltlicher Zusammenhang, der die mentale Basis für eine separatistische Politik bildet, kann sich nur bei langandauernder relativer Abgeschlossenheit herausbilden. Auch in der Tier- und Pflanzenwelt führt räumliche Abgeschlossenheit zur Herausbildung neuer Arten. Diese Abschließung wurde in Spanien und Frankreich durch die natürliche Randlage und in Nordirland durch die unsichtbaren Grenzen zwischen britischen und irischen Wohnvierteln bewirkt. Diese Grenzziehungen wurden durch die sich immer schneller vollziehende Globalisierung auf nationaler Ebene eingeebnet. Hierbei verstärkten sich zwei von verschiedenen Seiten her eingreifende Prozesse gegenseitig. Zum einen rückte die gesamte Nation durch Automobilisierung und vor allem den Medienkonsum in den normalen Erfahrungshorizont hinein. Der Fernsehkrimi, die Quizsendung, die Fußballspiele der nationalen Liga machten die Belange der Gesamtnation ganz zwanglos viel interessanter und attraktiver als dies irgendeine staatliche Propaganda je hätte leisten können. Die separatismusgeneigte Region wird somit immer stärker in den Kommunikationszusammenhang der Gesamtnation integriert, wodurch sich der kulturell-lebensweltliche Abstand der Region zur übrigen Nation reduziert. Des weiteren werden die Region und die übrige Nation gleichermaßen ins Netz der weltumspannenden „Coca-Cola-Kultur“ hineingewoben, wodurch von beiden Seiten her die kulturellen Differenzen abgeschliffen werden. Verstärkt wird dieser Effekt durch die „Verfreizeitlichung“ der heutigen Lebensweise. Man definiert sich nicht primär durch Arbeit oder Herkunft, sondern über den freizeitzentrierten Lebensstil. Die Lebensstile in vergleichbaren sozialen Lagen gleichen sich in allen westlichen Ländern immer weiter an. Die Freizeitaktivitäten werden wiederum in großem Umfang von den Inhalten der globalen Populärkultur (Hollywood, Popmusik) bestimmt, die gegenüber den kulturellen Eigenheiten sowohl der Gesamtnation wie der der Region neutral sind.

Zusammenfassend läßt sich feststellen: In dem lebensweltlichen Erfahrungsraum treten immer weniger Elemente hervor, die als Ansatzpunkte zur Manifestation eines nationalen Gegensatzes dienen könnte. Dadurch schwindet die Bedeutung des nationalen Aspekts. So wie ein Angehöriger der Gesamtnation (der typische Franzose) aufgrund des Bedeutungsschwunds des nationalen Faktors keinen Anlaß mehr sieht, auf den seltsamen, rückständigen Randregionenbewohner herabzublicken, so hat auch dieser keinen Anlaß mehr, sich von der der Gesamtnation abzugrenzen. Nachdem die nationalkulturellen Eigentümlichkeiten beider Seiten gleichermaßen abgeschliffen sind, schwimmen nun die einstigen Kontrahenten als friedlich vereinte Bröckchen im Brei der One-World-Kultur.

Man wird nun vielleicht einwenden, daß nach dem Abklingen der „klassischen“ europäischen Unabhängigkeitsnationalismen gegen Ende des 20. Jahrhunderts zwei neue Separatismen beträchtlichen Zulauf erhalten haben – nämlich die Schottlands und Kataloniens. Beiden ist gemeinsam, daß sie es nie wagten, den Rubikon zu überschreiten. Zum Ausgang des schottischen Unabhängigkeitsreferendums hatte ich seinerzeit vermerkt: Das schottische Unabhängigkeitsreferendum war zum Scheitern verurteilt, weil es ein Ding der Unmöglichkeit anstrebte: ein nationalistisches Projekt ganz ohne Nationalismus durchführen zu wollen. Zwar ist in beiden Fällen eine historisch bedingte Animosität gegenüber der Titularnation vorhanden, die sich an der Erinnerung an die frühere Selbständigkeit und an den Kampf um deren Bewahrung festmacht, doch wird dieser Gesichtspunkt in der offiziellen Separatismuspolitik nicht thematisiert. Das hat seinen Grund darin, daß das allzu ostentative Hervorkehren einer dezidiert nationalistischen Politik wegen der nachhaltigen Diskreditierung des Nationalismus als solchem durch die historischen Faschismen kein gangbarer Weg ist. Darum hat man sich aufs Wirtschaftliche verlegt und den nationalen Gegensatz in den unverfänglicheren wirtschaftlichen Gegensatz umgemünzt. Aber eine hauptsächlich an wirtschaftlichen Belangen orientierte Politik muß es sich gefallen lassen, auch ausschließlich nach wirtschaftlichen Kriterien bewertet zu werden. Es wird das rationale Kalkül angestellt: wird sich meine wirtschaftliche Lage durch die Unabhängigkeit gegenüber der jetzigen deutlich verbessern? Denn nur ein deutlicher Unterschied rechtfertigt es, die unwägbaren Risiken nationaler Eigenständigkeit in Kauf zu nehmen. Da sich die wirtschaftliche Entwicklung nicht voraussehen läßt, werden viele ängstlichere Naturen vor einem „Ja“ zur Unabhängigkeit zurückschrecken. Mit dem Taschenrechner läßt sich keine nationale Politik machen. Natürlich spielt unterschwellig das nationale Ressentiment eine gewisse Rolle. Da es sich aber nicht in expliziter Form manifestieren kann, trägt es nicht dazu bei, dem Willen zur Loslösung den zusätzlichen, entscheidenden Impuls zu verleihen. Diesem Wohlstandsseparatismus fehlen die beiden zentralen Komponenten des eigentlichen Linksnationalismus: die echte, spürbare und intentional betriebene Unterdrückung durch eine Fremdherrschaft und die dadurch bewirkte wirtschaftliche Not.

Nach diesem Überblick über die verschiedenen, in der historischen Wirklichkeit realisierten Formen des Linksnationalismus sollen nun die Chancen einer linksnationalistischen Programmatik in der BRD beleuchtet werden. Entscheidend für meine Argumentation ist die Tatsache, daß der Linksnationalismus nicht aus dem Nichts heraus entstanden ist, nicht etwas vollkommen Neues war. Seine Neuheit bestand vielmehr in der neuartigen Kombination bereits vorhandener Strömung: der nationalen Orientierung und des Sozialismus.

Nationale Orientierung: der positive Bezug zur eigenen Nation und der Wille, das Eigene zu verteidigen waren bis vor Kurzem etwas Selbstverständliches. Das eigene Herrschaftsgebiet zu schützen und, wenn möglich, auszudehnen, war lange Zeit über das zentrale Anliegen politischen Handelns. Mit der Durchsetzung des Absolutismus beschränkte sich die Kompetenz zu politischem Handeln auf die Person des Fürsten; das Volk war nicht Subjekt, sondern bloßes Objekt des politischen Handelns. Dies änderte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts, als immer mehr soziale Gruppen mit dem Anspruch auf politische Partizipation auf den Plan traten. Der Nationalismus war gewissermaßen das Vehikel, um diesen Anspruch zu legitimieren, indem die Wortführer der Volksmassen bekundeten, die Idee des Nationalen besser, radikaler und umfassender zu verwirklichen, als es die bislang herrschenden Eliten getan hatten. Aber diese Idee war bereits vorhanden. Dieser neue Nationalismus von unten konnte deshalb im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zu einer wirkungsmächtigen Bewegung emporwachsen, weil er sich auf ein legitimes, allgemein anerkanntes Prinzip, nämlich das Ziel, Größe, Ruhm, Macht und Stärke der eigenen Nation zu fördern, stützen konnte.

Sozialismus: Ebenso konnte der neue Nationalismus von unten an den bereits existierenden Sozialismus anknüpfen. Eine irgendwie sozialistische Orientierung ist dem Nationalismus inhärent: Wenn das Ziel des Nationalismus in der Herstellung einer Volksgemeinschaft als Träger des politischen Willens der Nation besteht, dann muß auch die Arbeiterklasse in diese Volksgemeinschaft integriert werden. Da angenommen wurde, daß das Bürgertum die egoistischen Interessen wirtschaftlicher Vorteile im Zweifelsfalle dem nationalen Interesse vorziehe und da dessen zögerlicher, phlegmatisch-saturierter Habitus nicht dem schwungvoll-kämpferischen Elan eines echten Patrioten entsprach, gab es keinen Grund, sich mit den herrschenden Schichten zu solidarisieren. In dem Bestreben, alle mit dem herrschenden System Unzufriedenen zu sammeln, mußte man sich zwangsläufig nach links hin öffnen und in gewissem Umfang Programmpunkte des Sozialismus zu übernehmen. Nur so konnte eine über das Segment der national Radikalisierten innerhalb der bürgerlichen Klasse hinausgehende Massenbewegung geschaffen werden. Voraussetzung für den Erfolg einer durch sozialistische Elemente angereicherten nationalistischen Programmatik aber war, daß der Sozialismus bereits sich als allgemein anerkanntes und angestrebtes Prinzip in den anvisierten Zielgruppen etabliert hatte.

Zusammengefaßt: Nationalismus und Sozialismus sind weithin, wenn auch in unterschiedlichen sozialen Segmenten, anerkannt. Sie sind darum nicht eigens begründungsbedürftig. Man muß einen Arbeiter genauso wenig dazu überreden, mehr Lohn, mehr Rechte und mehr Anerkennung gut zu finden, wie einen durchschnittlichen Bürger, die eigene Nation gut zu finden.

Diese Voraussetzungen sind in der heutigen BRD nicht gegeben. Ebenso fehlen eine klar als solche erkennbare Fremdherrschaft und die durch diese bewirkte soziale Not. Wenn es den separatistischen Bewegungen in Katalonien und Schottland nicht opportun erscheint, eine deutlich nationalistische Position zu beziehen, so ist eine derartige Positionsbestimmung in einer historisch „vorbelasteten“ Nation wie Deutschland erst recht problematisch. Alle nationalen Belange, die über reine ökonomische Interesen innerhalb des „Wirtschaftsstandorts“ hinausgehen, gelten als Anathema. Das ist der wesentliche Unterschied zur Lage in der Vergangenheit, wo eine dezidiert nationalistische Bewegung auf der generell positiven Wertschätzung des Nationalen aufsetzen konnte. Das ist bekannt und muß daher nicht weiter erörtert werden.

Interessanter ist die Beziehung zum Komplex Links/Sozialismus. Für die heutige Lage ist charakteristisch, daß die Linke sich weitgehend vom Sozialismus klassischer Prägung verabschiedet hat und sich der sogenannten Identitätspolitik, also der politischen Interessenvertretung nicht ökonomisch, sondern irgendwie biologisch bestimmter Minderheiten, zugewandt hat. Die Adressaten dieser Politik sind nicht mehr die Arbeiter oder allgemeiner: die „kleinen Leute“, sondern Frauen, Homosexuelle, Einwanderer usw. Primär artikuliert wird diese Politik von Angehörigen der akademisch gebildeten Mittel- und Oberschicht. Da auch Großkonzerne in dieser Strömung mitschwimmen, gilt Kapitalismuskritik paradoxerweise mittlerweile als rechts. Ein sich irgendwie links verstehender Nationalismus kann daher nicht mehr an eine breite sozialistische Bewegung anknüpfen, die ihm eine Massenbasis verschaffen könnte. Das, was heute als links firmiert, ist die Kombination des Klassenfeindes mit dem Volksfeind. Diese veränderte Lage kann freilich auch positiv gesehen werden. Durch die Preisgabe einer originär sozialistischen Orientierung von seiten der Linken ist die Interessensvertretung der „kleinen Leute“ verwaist. In diese Lücke sind auch alle nationalen Parteien der BRD hineingestoßen und haben in diesem sozialen Segment auch ihre größten Erfolge erzielt. Sofern Nationalismus aber mehr war als der Stammtischpatriotismus von Honoratioren oder Vehikel zur Gewinnmaximierung der Rüstungsindustrie hat er sich immer als Interessensvertretung der Volksmassen unterhalb der herrschenden Schichten verstanden. Dazu bedurfte er nicht der Anbiederung an die parteiförmig organisierte Linke.

Daher stellt sich für mich die Frage, welchen Zweck die Bezugnahme auf den Komplex Linksnationalismus heutzutage noch haben kann. Die heutige Linke ist nahezu durch und durch antinational. Wo dies nicht der Fall ist, wo sie die kapitalismusförderlichen Konsequenzen der Ideologie des universalistischen Humanismus durchschaut, wo sie erkennt, daß die Identitätspolitik die Verteilungskämpfe von der gegen das Kapital gerichteten Stoßrichtung abzieht und ins Innere der Gesellschaft hineinverlagert, dann beschränkt sich diese Einsicht auf kleine Studierzirkel der letzten aufrechten Marxisten. Mit solchen Leuten zu diskutieren, mag spannend und erkenntnisfördernd sein, bringt beide Seiten aber nicht aus den Hinterzimmern heraus.

Ich muß es noch einmal betonen: Linksnationalismus ist dort sinnvoll, wo – wie im Falle einer Fremdherrschaft – der Zusammenhang von nationaler und sozialer Problematik für die breite Masse qua tagtäglichen Erlebens unmittelbar evident ist. In einem solchen Fall haben die nationalistische und die sozialistische Bewegung einen gemeinsamen Feind, weshalb es für beide Seiten von Vorteil ist, sich zusammenzutun. Linksnationalismus ist darum der Ausdruck einer Linksbewegung der nationalistischen Bewegung, um in einem Aktionsbündnis auf den sozialistischen Partner zuzugehen. Voraussetzung dafür aber ist, daß beide Seiten gleich stark sind, denn nur so können die Partner voneinander profitieren. Der Linksnationalismus der bundesrepublikanischen „Neuen Rechten“ der 70er und 80er Jahre war deshalb zum Scheitern verurteilt, weil die Linke – nicht zu Unrecht – fürchten mußte, daß diese marginalen Gruppen sich parasitär von der weit überlegenen Stärke der Gesamtlinken nähren wollten. Daher trat genau das ein, was ich in meinem ersten Aufsatz zum Linksnationalismus beschrieben hatte: die einen gaben das Buhlen um die Gunst der Linken wieder auf und kehrten zu einem „reinen“, wenn auch theoretisch modernisierten Nationalismus zurück, während die anderen sich immer weiter nach links bewegten, bis sie selbst Linke geworden waren.

Heute aber gilt es einzusehen, daß es keinen Anknüpfungspunkt für eine Aktionsgemeinschaft mit linken Gruppierungen gibt. Die nationale Bewegung tut das, was sie tun muß: die – auch sozialen und ökonomischen – Sorgen und Nöte der vom herrschenden juste milieu vernachlässigten Schichten des Volkes ansprechen. Das kann man, wenn man will, links oder sozialistisch nennen, ist aber nichts anderes als das, was schon von jeher Anliegen des reinen Nationalismus war. Bei diesem Vorhaben kann aber nichts schädlicher und dem eigentlichem Adressaten, dem Durchschnittsdeutschen, unwillkommener und unverständlicher sein, als sich mit Phrasen aus der Mottenkiste (mehr staatliche Regulierung, Kollektivierung, Konsumaskese, geschlossener Handelsstaat) sich als Gralshüter eines wahrhaft verstandenen Sozialismus zu profilieren. Die Sorgen und Nöte der normalen Deutschen aufzugreifen – das genau ist das dicke Brett, das ein nationaler Politiker zu bohren hat. Mit welchen Namen man dieses Dickbrettbohren bezeichnen will, ist völlig belanglos.

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Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Die Neuerscheinung im Juni2021: „Farben der Macht“ von Dr. Winfried Knörzer im Lindenbaum Verlag. Sie können dieses Buch direkt beim Verlag versandkostenfrei bestellen.

Interview mit Alain de Benoist: Drieu la Rochelle und Ernst Jünger – revolutionäre Konservative und die Bewahrung ewiger Werte

Interview von Benjamin Fayet mit Alain de Benoist

Interview mit Alain de Benoist: Drieu la Rochelle und Ernst Jünger – revolutionäre Konservative und die Bewahrung ewiger Werte

Alain de Benoist ist Schriftsteller und Journalist. Als Theoretiker der „Neuen Rechten“ war er an der Gründung der Zeitschriften Elements, Nouvelle École und Krisis beteiligt. Die Kritik an der Moderne, dem Ethnozentrismus und die Verteidigung regionaler und ethnischer Autonomien stehen im Mittelpunkt seines produktiven Werks (mehr als 50 Bücher und 3.000 veröffentlichte Artikel). Vor kurzem veröffentlichte er Ernst Jünger, entre les dieux et les titans (Via Romana), in dem er die Verbindungen zwischen den Werken des Autors von „In Stahlgewittern“ und Drieu la Rochelle erörtert.

PHILITT: Ernst Jünger und Drieu la Rochelle, beide Veteranen, die 1914 an die Front gingen, können nicht ohne eine Analyse ihrer Beziehung zum Krieg untersucht werden. Diese einschneidende Erfahrung hatte einen tiefen Einfluss auf ihre Sicht der Welt und ihr Verhältnis zur Technologie. Haben die beiden Männer, die sich an der Front gegenüberstanden, dennoch eine gemeinsame Vision des Krieges entwickelt?

Alain de Benoist: Zweifellos hat der Erste Weltkrieg bei Drieu und Jünger unauslöschliche Spuren hinterlassen: für Drieu eine eher existenzielle Erfahrung, für Jünger eine eher innere Erfahrung. In „In Stahlgewittern“ schrieb Jünger: „Von allen erregenden Momenten, die man im Krieg erlebt, ist keiner so stark wie der der Konfrontation zwischen zwei Sturmtrupps in der Enge der Kampfstellungen“. Unvergessen bleibt die Feuerprobe von Drieu in der Ebene von Charleroi am 23. August 1914, bei der er selbst mehrere seiner Kameraden anführte. Es war, wie er immer wieder sagte, die stärkste Erfahrung seines Lebens. „In diesem Moment spürte ich die Einheit des Lebens. Dieselbe Geste, um zu essen und zu lieben, um zu handeln und zu denken, um zu leben und zu sterben„. Mit anderen Worten, er fühlte sich plötzlich in der Lage, für einen kurzen Moment die widersprüchlichen Impulse, die er immer in sich gespürt hatte, in Einklang zu bringen. Hinzu kommt, dass Drieu und Jünger manchmal am selben Ort, auf beiden Seiten der Frontlinie (aber nicht gleichzeitig) kämpften. Und als sie in den Krieg zogen, hatten sie offenbar beide ein Exemplar von Nietzsches Zarathustra in ihrem Tornister.

Pierre Drieu la Rochelle (geb. 3. Januar 1893, Selbsttötung am 16. März 1945)

Der Vergleich ihrer Gemeinsamkeiten zeigt aber auch am besten, was sie unterscheidet. Während Drieu als Wehrpflichtiger an die Front geht, meldet sich Jünger im August 1914 freiwillig. Zwei Jahre zuvor hatte er bereits versucht, der Fremdenlegion beizutreten. Es ist bekannt, dass sein Engagement und sein Mut ihm vierzehn Verwundungen und das Verdienstkreuz einbrachten. Dennoch blieb er bis zum Schluss an der Spitze einer Angriffsabteilung, die er nie verließ. Drieu nahm nur sporadisch an den Kämpfen teil. In Verdun wurde er am 26. Februar 1916, nach nur einem Tag Kampf, verwundet und musste evakuiert werden. Das Gleiche geschah in Charleroi, wo er im Dezember in den Hilfsdienst versetzt wurde, bevor er erneut evakuiert wurde. Das Croix de Guerre erhielt er erst nach dem Waffenstillstand. In einem der Texte in Sur les écrivains („Überlegungen zu seinem Werk“) räumt er selbst ein, dass im Gegensatz zu Erich Maria Remarque, dem Autor von À l’Ouest rien de nouveau, „weder ich noch Montherlant jemals lange an der Front waren, und das macht den Unterschied aus„. Das ist in der Tat ein großer Unterschied.

Wir wissen, dass Jüngers erste Bücher von seinen Kriegstagebüchern inspiriert wurden. In Stahlgewittern, das 1920 erstmals im Selbstverlag veröffentlicht wurde und ab der zweiten Auflage 1922 immer erfolgreicher wurde, zeigt deutlich, dass der Erste Weltkrieg, den er fast noch im Eifer des Gefechts beschrieb, der Ursprung seiner schriftstellerischen Berufung war. Drieu seinerseits hat, mit Ausnahme seiner ersten beiden Gedichtbände, Interrogation und Fond de cantine, kaum über den Krieg geschrieben. Er wartete zwanzig Jahre, um die sechs Kurzgeschichten zu schreiben, aus denen die Komödie von Charleroi besteht (außerdem nahm er nicht am Zweiten Weltkrieg teil, da er 1939 aus der Armee entlassen wurde).

Drieus Erfahrung mit dem Krieg war eine sehr persönliche: Der Krieg gab ihm die Möglichkeit, Situationen zu erleben, die er nie vergessen würde. Jünger, der dem Mut eine viel größere Bedeutung beimaß als Drieu, sah in ihm ein Mittel zur Auswahl eines Menschentyps. Außerdem vertrat er zu dieser Zeit eine kriegerische Auffassung des Daseins („es ist das Leben, unter dem schrecklichsten Aspekt, den der Schöpfer ihm je gegeben hat„), ja sogar eine Mystik des Krieges, was bei Drieu (der in den 1920er Jahren sogar zum Pazifismus neigte) keineswegs der Fall war. Für ihn ist der Krieg eine Tatsache der Natur, vor allem der menschlichen Natur: „Der Krieg ist nicht vom Menschen gemacht, ebenso wenig wie der Sexualtrieb; er ist ein Naturgesetz, und deshalb können wir uns seiner Herrschaft nicht entziehen.“ Man könnte sagen, dass der Mensch paradoxerweise gerade im Krieg die Bedingungen findet, um seine volle Menschlichkeit zu verwirklichen – einschließlich der Führung eines Krieges ohne Hass auf den Feind (der wahre Krieger führt den Krieg für sich selbst, bevor er ihn gegen seine Gegner führt). „Eine Zivilisation kann so überlegen sein, wie sie will, wenn der menschliche Nerv nachlässt, ist sie nicht mehr als ein Koloss auf tönernen Füßen.“

Ernst Jünger (geb. 29. März 1895 in Heidelberg; † 17. Februar 1998 in Riedlingen)

Beide Autoren waren sich jedoch bewusst, wie sehr sich der Große Krieg, der 1914 als klassischer Krieg begann, allmählich in einen völlig neuen Kriegstypus verwandelte: ein Aufmarsch gigantischer unpersönlicher Kräfte, ein „Duell von Maschinen, die so gewaltig sind, dass der Mensch sozusagen nicht mehr existiert„, wie Jünger es ausdrückte. Doch das Aufkommen des „technischen Krieges“ – „dieser Krieg des Eisens und nicht der Muskeln“ – rief bei Drieu Entsetzen hervor, der darin eine „böse Revolte der vom Menschen versklavten Materie„, ein wahrhaftiges „industrielles Gemetzel“ sah, während bei Jünger, der klar erkannte, dass dieser Krieg einer vulkanischen Schmiede glich, in der die Elemente in titanischer Weise entfesselt wurden, die Intuition eines neuen Menschentyps entstand, der dem des Bourgeois völlig entgegengesetzt war: Der Arbeiter, dessen „heroischer Realismus“ in der Lage wäre, die Welt in Bewegung zu setzen (Mobilmachung). Während Drieu sich darauf beschränkt, die „Armeen der Maschinen“ zu beklagen, kündigen für Jünger die „Bataillone der Arbeiter“ an, die Erfahrung des Krieges, die dem Menschen eine Bereitschaft zur „totalen Mobilisierung„, d.h. einen Willen zur Herrschaft, der sich in den Mitteln der Technik ausdrückt, zu realisieren. Auch wenn Drieu schrieb, dass „der Mensch jetzt lernen muss, die Maschine zu beherrschen, die ihn im Krieg überholt hat“, teilte er nicht diese optimistische und zugleich voluntaristische Vision, die der deutsche Schriftsteller 1932 in seinem berühmten Buch „Der Arbeiter“ entwickelte, indem er diese Technologie lobte, deren „titanische“ Natur er später unter dem Einfluss seines Bruders Friedrich Georg verurteilte.

Natürlich stimmen Drieu und Jünger auch darin überein, dass der Erste Weltkrieg dem Krieg „in der Form“ (Vattel) ein Ende setzte, der noch eine gewisse Verwandtschaft mit dem ritterlichen Krieg hatte. Jünger versteht aber auch, dass der Krieg jetzt ein „totaler Krieg“ ist, ein Ausdruck, dessen Bedeutung geklärt werden muss. Der totale Krieg ist nicht der „absolute Krieg“, von dem Clausewitz gesprochen hat und der nur das Ergebnis einer Übersteigerung ist, die schließlich zum „Vernichtungskrieg“ führen kann, bei dem der Feind, auch wenn er nicht völlig vernichtet wird, unfähig wird, den Kampf fortzusetzen. Der wichtigste Gedanke, den konservative und reaktionäre Kreise im Allgemeinen noch nicht verstanden haben, ist vielmehr der, dass der Krieg nicht mehr ausschließlich eine militärische Angelegenheit ist und dass die klassische zwischenstaatliche Kriegsführung einer wirtschaftlichen und imperialistischen Kriegsführung weicht. Dies hatte Léon Daudet bereits 1918 in seinem bahnbrechenden Buch „Der totale Krieg“ vorausgesehen: „Er ist die Ausweitung des Kampfes auf die Bereiche Politik, Wirtschaft, Handel, Industrie, Recht und Finanzen.“

PHILITT: Beide Schriftsteller haben den utopischen Roman – Jünger mit Auf den Marmorklippen oder Heliopolis und Drieu mit Beloukia oder Der Mann zu Pferde – zu einer Zeit verwendet, als dieses Genre noch recht selten war. Gibt es über diese Ähnlichkeit hinaus noch andere Gemeinsamkeiten in den literarischen Werken der beiden Autoren?

Alain de Benoist: Ich bin nicht genug Literaturkritiker, um diese Frage richtig zu beantworten. Was mir beim Schreiben an Drieu auffällt, ist seine Neigung zu einer bestimmten Form der Beichte, in der er sich ohne Umwege und Nachsicht verrät. Dies zeigt sich in den Texten, die nach seinem Tod veröffentlicht wurden, sei es der Geheime Bericht oder das Tagebuch 1939-1945 (das den vorherigen Bericht wiederholt). Wenn ich mich nicht irre, hat sich Jünger nie auf diese Weise verraten und hatte offensichtlich auch nicht das Bedürfnis, dies zu tun. Alle Notizbücher, die er führte, wurden noch zu seinen Lebzeiten veröffentlicht.

PHILITT: Wie Julien Hervier in seinem Buch Deux individus contre l’histoire: Drieu et Jünger feststellt, „ist das Auffällige an Drieu und Jünger die explosive Mischung, die sich bei beiden zwischen einem unbestreitbaren reaktionären Geist und einem revolutionären Willen ergibt.“ So stand Jünger am Ende des Ersten Weltkriegs Ernst Niekisch, dem Vordenker des Nationalbolschewismus, nahe, und Drieu wandte sich dem Faschismus zu. Wie waren ihre jeweiligen politischen Versuche, einen Dritten Weg jenseits von rechts und links in der Zwischenkriegszeit zu finden, gekennzeichnet?

Alain de Benoist: Beide waren zweifellos revolutionäre Konservative, die die Werte, die sie für ewig hielten, bewahren wollten, sich aber gleichzeitig bewusst waren, dass das Aufkommen der modernen Welt Brüche verursacht hatte, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten. Aber meiner Meinung nach geht die Ähnlichkeit nicht viel weiter. Jüngers politisches Engagement ist eine direkte Folge seiner Erfahrungen an der Front: Nach dem verlorenen Krieg muss der Soldat an der Front „die Nation gewinnen“. Aus dieser Sicht kann die deutsche Niederlage sogar zu einem Gewinn werden: „Deutschland wurde besiegt, aber diese Niederlage war heilsam, weil sie zum Verschwinden des alten Deutschlands beitrug […] Es war notwendig, den Krieg zu verlieren, um die Nation zu gewinnen.“ Nichts dergleichen geschah mit Drieu, der sich erst mit der Abkehr Jüngers von der Politik wirklich engagierte.

Gleich zu Beginn der 1920er Jahre galt Ernst Jünger schnell als der brillanteste Schriftsteller der Frontgeneration. Nach seinem Ausscheiden aus der Reichswehr ließ er sich ab 1923 in Leipzig nieder, wo er sich in den Freikorpsorganisationen (Ehrhardt-Brigade, Organisation Rossbach) und in einigen bündischen Verbänden der Jugendbewegung engagierte, zahlreiche nationalistische Zirkel und Gruppen besuchte und sich mit seinem Bruder Friedrich Georg mit ganzem Herzen der Politik widmete. Dieses glühende Engagement in einer nicht minder glühenden Zeit führte dazu, dass er für eine ganze Reihe von Zeitschriften (Arminius, Vormarsch, Die Kommenden, Widerstand) rund 140 Artikel schrieb, in denen er für einen „neuen Nationalismus“ soldatischer und nationalrevolutionärer Inspiration eintrat. (Diese frühen Schriften, die vor einigen Jahren in Deutschland neu aufgelegt und dann ins Italienische übersetzt wurden, sind bis heute nicht auf Französisch veröffentlicht worden). „Wenn wir das Programm, das Niekisch im Widerstand entwickelt hat, in die Form einer trockenen Alternative bringen wollen„, schrieb er, „dann lautet es etwa: gegen die Bourgeoisie, für den Arbeiter, gegen die westliche Welt, für den Osten.“

Die wichtigsten politischen Aufsätze erschienen ab 1929. Zuerst kam die erste Fassung von Das abenteuerliche Herz (1929), dann die Totale Mobilmachung (1931) und schließlich Der Arbeiter, der 1932 in der Hanseatischen Verlagsanstalt in Hamburg erschien und bei dem Benno Ziegler Regie führte. In seiner Jugend sah Jünger, zweifellos gerade unter dem Einfluss von Niekisch, in den Kommunisten mitunter die besten Wegbereiter für die „Revolution ohne Phrasen“, die er dann in Der Arbeiter feiern wird. Später jedoch, und aus einer ganz anderen Perspektive, betonte er, wie sehr Kommunismus und Nationalsozialismus in ähnlicher Weise die Technik in das politische Leben eingeführt hatten und damit dasselbe Festhalten an der Moderne unter dem Horizont eines Willens zur Macht demonstrierten, den Heidegger als bloßen „Willen zum Willen“ zu entlarven vermochte. Ähnliche Überlegungen finden sich in Genf oder Moskau (1928), wo Drieu betont, dass Kapitalismus und Kommunismus beide Erben der Maschine sind: „Beide sind die glühenden und dunklen Kinder der Industrie„.

Vielleicht schon besorgt über den Aufstieg des Nationalsozialismus, distanziert sich Jünger radikal von der Politik, ebenso wie Drieu sich ihr ebenso entschlossen widmet. 1934 veröffentlichte er Socialisme fasciste und schloss sich drei Jahre später der PPF von Jacques Doriot an, von der er sich 1938 distanzierte, indem er ihm vorwarf, kein „wahrer Revolutionär“ zu sein (sein endgültiger Austritt aus der PPF datiert von 1939). Er hatte sich jedoch 1933 der linken Strömung um Gaston Bergery angenähert, als dieser eine „Gemeinsame Front gegen den Faschismus“ ins Leben rief! In der Zwischenzeit hatte ihn das Spektakel der Demonstrationen vom 6. Februar begeistert.

In Socialisme fasciste stellt Drieu Nietzsche Marx gegenüber: „Nietzsche gegen Marx, Nietzsche in der Nachfolge von Marx, Nietzsche der wahre Prophet und die Inspiration der Nachkriegsrevolutionen.“ Aber es wäre ein großer Fehler zu glauben, dass Drieu Politik als eine Domäne der Ideen in Aktion sieht. Im Gegenteil, er sieht sie als reines Handeln, im Gegensatz zu jeglichem Intellektualismus, als Mittel, um sich von den Ideen, d.h. von der abstrakten Intelligenz zu verabschieden. Doch während er den Intellektualismus anprangert, ist er sich selbst nicht bewusst, dass er ein Intellektueller ist. In der „Peroration“ seines Exordiums (das erst 1961, zeitgleich mit der Geheimen Erzählung, veröffentlicht wurde) heißt es: „Ich habe mich in vollem Bewußtsein verhalten, gemäß der Vorstellung, die ich mir von den Pflichten des Intellektuellen gemacht habe. Der Intellektuelle, der Kleriker, der Künstler, ist kein Bürger wie die anderen. Er hat Pflichten und Rechte, die über denen der anderen stehen.“

Wie Julien Hervier feststellte, ist das Bedürfnis nach Engagement für Drieu also eine Ethik des Handelns um des Handelns willen. Er engagierte sich nicht aus Provokation, sondern weil es feige wäre, sich nicht zu engagieren: Im Leben muss man sich zwingen, sich die Hände schmutzig zu machen. Und vor allem, um es noch einmal zu sagen, sucht er in der Politik das, was er schon immer gesucht hat, ohne jemals Erfolg zu haben: nicht so sehr einen „Dritten Weg“, sondern eine Art absolute Synthese, dank derer es ihm gelingen würde, seine Widersprüche miteinander zu versöhnen. Er war bald enttäuscht, aber er wollte es nicht zugeben. Aus demselben Grund blieb er während der Besatzungszeit auf seinen Positionen, obwohl er von der deutschen Niederlage überzeugt war.

In seinen Romanen verwendet Drieu Figuren, die die Eitelkeit des politischen Engagements anprangern oder offenbaren. In Beloukia wird Felsan als „einer jener Mittelmäßigen, die sich in den politischen Fanatismus stürzen, um sich für die miserablen Ergebnisse zu rächen, die die übermäßige Mittelmäßigkeit ihrer Temperamente bei ihrer normalen Arbeit hervorbringt„, vorgestellt. Auch in Der Mann auf dem Pferd macht sich Felipe keine Illusionen über die Politik. Ist dies eine Selbstkritik – eine weitere?

Der von Niekisch und einigen anderen vertretene Nationalbolschewismus sah die Oktoberrevolution als eine eminent nationale Revolution an. Sie plädierte für eine „Ostorientierung“, um das besiegte Deutschland aus dem doppelten Einfluss des sich auflösenden Westens und des katholischen Südens zu befreien. Niekisch sah im sowjetischen System auch eine Verwandtschaft mit dem preußischen Geist sowie mit jenem „deutschen Sozialismus“, den auch Spengler und Sombart behaupteten. Drieu seinerseits schrieb, dass „die einzige tiefgreifende Ressource des deutschen Imperialismus ein deutscher Kommunismus wäre„, aber er stellte sich nicht in dieselbe Perspektive. Erst 1943, nachdem er begriffen hatte, dass Hitler mit seiner „sozialistischen Revolution“ gescheitert und der Hitlerismus eine Sackgasse war, lobte er offen den russischen Kommunismus: „Wir müssen eher auf den Sieg der Russen als auf den der Amerikaner hoffen […] Die Russen haben eine Form, die Amerikaner nicht […] Nichts trennt mich vom Kommunismus, nichts hat mich je von ihm getrennt, außer meiner atavistischen kleinbürgerlichen Starrheit.“

Diese letzten Worte sind aufschlussreich. Im Kommunistischen Manifest (1847) sagte Marx, dass „die moderne Regierung nur ein Ausschuss ist, der die gemeinsamen Angelegenheiten der gesamten Bourgeoisie verwaltet„. Er fügte hinzu, dass „die bürgerlichen Produktions- und Tauschbedingungen, die bürgerliche Eigentumsordnung, die moderne bürgerliche Gesellschaft […] dem Zauberer gleichen, der die von ihm heraufbeschworenen höllischen Kräfte nicht mehr zu beherrschen weiß„. Jünger hätte dieser Aussage zustimmen können, denn für ihn ist die Figur des Arbeiters das genaue Gegenteil des verhassten Bourgeois. Drieu ist viel ambivalenter. Schon seine erste Ehe mit Colette Jéramec hatte ihm ein bürgerliches Leben ermöglicht, das er nach eigener Aussage verabscheute. Sein 1937 veröffentlichter Roman Rêveuse bourgeoisie beschreibt die Geschichte einer bürgerlichen Familie vor und nach dem Ersten Weltkrieg, enthält aber nur wenige politische Überlegungen. Drieu weiß sehr wohl, dass der bürgerliche Individualismus, den er scharf verurteilt, auch Teil seines Wesens ist. Er verflucht die Dekadenz umso mehr, als er merkt, dass auch in ihm selbst etwas Dekadentes steckt.

Das Verhör enthält diese Zeile: „Und der Traum und die Handlung„. Diese Worte wurden oft zitiert, weil ihre Gegenüberstellung genau das wiedergibt, was Drieu sein ganzes Leben lang versucht hat, unter einen Hut zu bringen. Die Suche nach einem „Dritten Weg“ mag für jemanden, der immer versucht hat, Gegensätze miteinander zu versöhnen, ganz natürlich erscheinen: Träume und Taten, Schrift und Krieg, Tinte und Blut. Aber das ist ihm nie gelungen. Auch die Politik ist die Suche nach einem Absoluten, das alle Gegensätze versöhnen kann. Wie der Held von Der Mann auf dem Pferd träumte auch Drieu von „etwas Tieferem als der Politik, oder vielmehr von jener tiefen und seltenen Politik, die der Poesie, der Musik und, wer weiß, vielleicht der hohen Religion gleicht„. Aber er war nicht in der Lage, den Weg zu bestimmen, der ihn in diese Richtung führen würde. In vielerlei Hinsicht war er immer ein Dilettant. In seinem Tagebuch der Jahre 1939-1945 kann man sogar von seiner „Gleichgültigkeit gegenüber jeder tiefen ideologischen Überzeugung„, von seiner „Vielseitigkeit“ (Julien Hervier) sprechen. Im Grunde genommen verfügte er nicht über die theoretischen Mittel, um die Ideen, die er zu haben behauptete, wirklich zu verstehen.

Drieu ist einer von denen, die das schätzen, was ihnen am meisten fehlt. Er ist umso leidenschaftlicher in der Politik, weil sie ihn anwidert und enttäuscht. Das Gleiche gilt für Frauen und auch für den Körper. Drieu war ein Mann des Zögerns, des Hin und Her, des Schwankens, der widersprüchlichen Begeisterung, der Unentschlossenheit und vor allem der stets enttäuschten Impulse. Im Vergleich zu Jünger war er ein Frontsoldat, manchmal ein Rebell (Waldgänger), jedoch nie ein Anarch.

PHILITT: Beiden Männern ist gemeinsam, dass sie es für notwendig hielten, dass die europäischen Völker den nationalen Rahmen überschreiten. Wie sahen beide die Nation, über die sie nach dem Ersten Weltkrieg viel schrieben?

Alain de Benoist: In den 1920er Jahren, beginnend mit Mesure de la France (1922), setzte sich Drieu am nachdrücklichsten für einen großen kontinentaleuropäischen Block ein. Die Idee wurde 1927 in Le jeune Européen, 1928 in Genève ou Moscou und 1931 in L’Europe contre les patries wieder aufgegriffen. In La comédie de Charleroi heißt es 1934 erneut: „Heute ist Frankreich oder Deutschland zu klein„. Gleichzeitig glaubte Drieu, im Völkerbund die Umrisse dessen gefunden zu haben, was er wollte (Genf oder Moskau), was heute etwas seltsam anmutet. Noch bizarrer ist, dass er dem „europäischen Kapitalismus“ die Aufgabe zuweist, den lokalen Patriotismus zugunsten eines europäischen Patriotismus zu zerstören.

Die Idee eines „Dritten Weges“ beruht auf der offensichtlichen Notwendigkeit für Europa, sich sowohl vom amerikanischen als auch vom sowjetischen Modell zu distanzieren, zwei Kräften, die er, wie bereits erwähnt, als eng miteinander verbunden ansieht: „In den Vereinigten Staaten von Amerika tun diejenigen, die man Kapitalisten nennt, und in der UdSSR Russlands diejenigen, die man Kommunisten nennt, dasselbe.“ In seinen Romanen erklärt Boutros, die Hauptfigur von Eine Frau am Fenster, dass er, obwohl er Kommunist ist, „kein Vertrauen mehr in die Amerikaner oder die Russen“ hat.Menschen in Europa, reduziert und erschöpft, wir befinden uns zwischen zwei Massen: Amerika und Russland. Europa, das zwischen Imperien kontinentalen Ausmaßes liegt, beginnt darunter zu leiden, dass es auf fünfundzwanzig Staaten aufgeteilt ist, von denen keiner so groß ist, dass er alle anderen beherrschen oder in dem unverhältnismäßigen Wettbewerb, der sich zwischen riesigen Teilen Asiens und Amerikas auftut, würdig vertreten könnte“ (Maßnahme Frankreichs). Sein allgemeiner Gedanke ist, dass die Zukunft Europas von seiner Fähigkeit abhängt, sich zu vereinen, um den beiden konkurrierenden Imperialismen, die es gleichermaßen bedrohen, zu begegnen. Die „kleinen Nationen“, die eng gewordenen Nationalismen, sind dazu nicht in der Lage. Um Europa aufzubauen, ist es notwendig, den „kleinen Nationen“ den Kampf anzusagen, die so viele Hindernisse für seinen Aufstieg auf der Weltbühne darstellen. „Europa wird sich fusionieren oder es wird verschlungen„, heißt es in Mesure de la France. Nebenbei lobte Drieu das Kaiserreich: „Das Vaterland ist bitter für den, der vom Kaiserreich geträumt hat. Was ist ein Vaterland für uns, wenn es nicht das Versprechen eines Imperiums ist? (Der Mann zu Pferd). Europa muss auf „imperiale“ Art und Weise föderiert werden, was bedeutet, dass er es nicht auf „napoleonische“ Art und Weise als eine vergrößerte Nation begreift. Das ist etwas, was Hitler, der in seinem Nationalismus und seinem Pangermanismus gefangen war, nie verstanden hat. Drieu wiederholte es nach 1942 ständig: „Hitler ist ein deutscher Revolutionär, aber kein europäischer„.

In L’Europe des patries schrieb er: „Zunächst einmal seid ihr keine Deutschen, genug der Witze. Genauso wenig, wie wir Gallier oder Lateiner sind oder die Italiener Römer sind. Von der Poesie skizzierte Figuren, die von nostalgischen Kleinbürgern in den Tiefen der Bibliotheken des 19. Jahrhunderts zu politischen Ungeheuern verdichtet wurden […] Jetzt braucht es mehr als die Abrundung eines Nationalstaates in einer Zeit, in der man nichts ist, wenn man nicht ein Kontinent ist.“ Es ist anzumerken, dass Drieu auch den Gegensatz zwischen „jungen Völkern“ und „alten Völkern“ aufgreift, der sich bei Moeller van den Bruck findet. Dieses Thema eines mächtigen und sozialistischen Europas wird auf unterschiedliche Weise eine Konstante in seinem Werk bleiben.

Auch Jünger konnte sich von engen nationalen Bindungen lösen. Auch er war ein „guter Europäer“, aber nicht in dem Sinne, den Drieu ihm gab. Der Arbeiter wirft bereits ein globales Problem auf, das sich nach dem Krieg in seinem Essay über den Universalstaat wiederfinden wird. In Der Frieden plädiert Jünger lediglich für die Wiedergeburt eines geistig geeinten und re-christianisierten Europas. Drieu hingegen träumt nur von Regeneration. Wie Nietzsche glaubt er, dass das, was zusammenbricht, nicht gerettet, sondern eher beschleunigt werden sollte. Deshalb erklärt er in seinem Tagebuch, dass er sich die Zerstörung des Westens wünscht, und ruft zu einer barbarischen Invasion auf, die diese sterbende Zivilisation hinwegfegen wird: „Mit Freude begrüße ich die Ankunft Russlands und des Kommunismus. Es wird schrecklich sein, furchtbar zerstörerisch„.

Drieu ist ein Anglomane und hat den Ruf eines Germanophilen, aber im Grunde weiß er wenig über die germanische Welt. Jünger gilt als frankophil, was nicht falsch ist, aber allzu oft vergessen lässt, vor allem die Franzosen, wie sehr er auch zum Deutschtum gehört. Drieu ist zuweilen von seiner Anglomanie geblendet: Er schrieb zunächst, dass sich die Europäer die Angelsachsen zum Vorbild nehmen sollten, deren Schönheit, Körperkult und Vornehmheit er als guter Dandy hervorhob. Erst später scheint er erkannt zu haben, dass die angelsächsischen Länder auch die Brutstätte des Kapitalismus, des Utilitarismus und der materialistischen Uniformität sind und dass es „die beiden großen angelsächsischen Mächte sind, die die Ozeane halten„. Schließlich sind die Länder des Südens, die in seinen Romanen eine große Rolle spielen, in seinen eher theoretischen Betrachtungen über Europa auffallend wenig vertreten.

PHILITT: Beide legten großen Wert auf Transzendenz und entwickelten ein Interesse an Religionen und dem Christentum – man denke an die zahlreichen Verweise auf das Alte und Neue Testament in Jüngers „Kriegstagebuch“ – und entwickelten gleichzeitig eine nietzscheanische und kritische Sicht darauf. Wie sahen sie die moderne Welt, die vom Göttlichen verlassen worden war?

Alain de Benoist: Jünger las biblische und christliche Schriften vor allem seit dem Ende des Krieges, als er den Frieden schrieb, und auch in den 1950er Jahren, in der Zeit, die mit seinem Essay über den Universalstaat (1960) endete – eine Entwicklung, die seinen damaligen Sekretär Armin Mohler sehr enttäuschte! Jünger zog eine Parallele zwischen dem Aufstieg des Totalitarismus (der „nackten Bestialität„) und dem Zerfall des Christentums.

In seinen Briefen an die Surrealisten schrieb Drieu, der auch davon geträumt hatte, Priester oder Mönch zu werden, dass „die wesentliche Funktion, die menschliche Funktion schlechthin, die sich Männern wie euch, die kühn und schwierig sind, bietet, darin besteht, Gott zu suchen und zu finden„. Aber bei ihm ist der Bezug auf Gott eher selten, und in diesem Punkt unterscheidet er sich kaum von Jünger. Mehr als die Religion selbst ist es die Spiritualität – um einen modisch gewordenen und daher überstrapazierten Begriff zu verwenden – die ihn anzieht. Daher auch sein Interesse an orientalischen Weisheiten und sogar an der Esoterik. Im Vorwort zu Gilles (1939) schreibt er, dass er, wenn er sein Leben noch einmal leben müsste, es der Geschichte der Religionen widmen würde. Wie Jünger, der Mircea Eliade sehr nahe stand (gemeinsam gaben sie die Zeitschrift Antaios heraus), interessierte er sich leidenschaftlich für Mythen und bezog sich immer wieder auf das Heilige, ohne jedoch jemals zu versuchen, es mit einer bestimmten Religion in Verbindung zu bringen. Für ihn ist das Heilige gleichbedeutend mit dem Göttlichen, und dieses Göttliche ist eher immanent als transzendent: „Gott„, sagt er, stellt vor allem die „Tiefe der Welt“ dar. Aus Nietzsches Aussage „Gott ist tot“ zieht Jünger die Überzeugung, dass „Gott neu gedacht werden muss„. Das, was man gewöhnlich als Glauben bezeichnet, ist hier kaum zu finden. Man denkt eher an Heideggers berühmten Satz: „Nur ein Gott kann uns retten„.

PHILITT: Sehen Sie in ihrer künstlerischen Anziehungskraft, die bei Drieu la Rochelle vom Surrealismus und bei Ernst Jünger vom Klassizismus geprägt ist, eine Verbindung zu ihrem politischen Engagement?

Alain de Benoist: Ich weiß nicht, ob man bei Jünger wirklich von einer künstlerischen Anziehungskraft des Klassizismus sprechen kann. In der „goetheanischen“ Periode seines Lebens hörte er zwar nicht auf, im klassischen Stil zu schreiben, was ihn aber nicht daran hinderte, sich für Maler, Graveure oder Zeichner ganz anderer Richtungen zu interessieren (Alfred Döblin, A. Paul Weber und viele andere).

Drieu seinerseits hatte schon immer eine äußerst ästhetische Vision des Lebens im Allgemeinen und der Politik im Besonderen. Er wollte ein großer Künstler sein, genauso wie er ein großer Dichter, ein großer Liebhaber, ein großer Politiker sein wollte, aber es ist schwer zu erkennen, was genau sein künstlerischer Geschmack war. In drei bekannten Hetzbriefen vollzog er schnell den Bruch mit den Surrealisten, die ihn ebenfalls enttäuschten. In einem dieser Briefe vertraute er an, dass er „das Leben als ein Gebet und die Kunst als die Art und Weise, dieses Gebet zu artikulieren“ betrachte, aber seine Aussage bezog sich nur auf die „Kunst“ im Allgemeinen, nicht auf einen bestimmten Stil. Später verteidigte er Maler wie Fernand Léger, Georges Braque, Matisse und Picasso, aber das reicht nicht aus, um uns viel über seine künstlerischen Neigungen zu erzählen.

In seinem Artikel „Künstler und Propheten“, der 1939 in Buenos Aires in der Zeitung „La Nación“ veröffentlicht wurde, stellt Drieu fest, dass die „hitlerischen Inquisitoren“ in ihrem Kampf gegen die „entartete Malerei“ „den gesamten konvulsiven Aspekt der Kunst der letzten Zeitalter zerstören wollen„. Und doch sind sie selbst, in ihrer revolutionären Bewegung, der sicherste Ausdruck des konvulsiven Charakters des Jahrhundertgeistes. Und er fügt hinzu: „Die Hitlerianer haben das Werk von Vincent Van Gogh aus den deutschen Museen verbannt. Dennoch scheint mir dieser gewalttätige und verzweifelte Maler einer der Vorläufer Hitlers zu sein.“ Eine Idee, die noch nicht erforscht wurde!

Dieses Interview mit Alain de Benoist wurde in französischer Sprache zuerst veröffentlicht auf der Internetseite von Philitt:

Wir danken für die Erlaubnis zur Veröffentlichung auf unserer Seite!

Im Jungeuropa Verlag ist in einer Neuauflage das Werk von Alain de Benoist „Kulturrevolution von rechts“ erschienen und kann dort direkt bestellt werden.

Über Wahlhelfende, freiwillige Gleichschaltung und Hannah Arendt

von Matthias Matussek

Über Wahlhelfende, freiwillige Gleichschaltung und Hannah Arendt

In diesen Tagen hat der Bundeswahlleiter Briefe an die Wahlhelfer, Quatsch, die Wahlhelfenden (aller möglichen und unmöglichen Geschlechter) verschickt mit der frohen Botschaft, dass sie eventuell für die Vorzugsbehandlung einer Corona-Impfung in Betracht kämen sowie in den Genuss einer „Erfrischungspauschale“ von 25 Euro.

Dass hier nun von „Wahlhelfenden“ die Rede ist, liegt nicht unbedingt an dem Gebot einer geschlechtsneutralen Anrede. Sie ist einfach richtiger, weil sie auch Institutionen wie die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit einschließen, die ja durch durchaus helfen auf den letzten Metern hin zu Wahlkabine, indem sie Orientierung geben im verwirrenden demokratischen Dschungel so vieler Parteien.

Gerade wir älteren Mitbürger sind da oft überfordert. Sollen wir die V-Partei wählen (Veganer und Vegetarier) oder die MLPD (Marxisten/Leninisten Deutschlands), die Gartenpartei oder die Pinken (Bündnis 21)? Fest steht nur, wen wir nicht wählen sollten, obwohl sie, ihrem Gewicht bei der letzten Wahl entsprechend, an dritter Stelle wohl oder übel auf dem Wahlzettel aufgeführt werden musste: die AfD.

Aber unsere Medien, auch die Zeitungen und Magazine, sind sich einig, dass die Wahl der AfD einen bedenklichen Mangel an demokratischem Bewusstsein der Wählenden verraten würde. Kurz: die AfD gilt als rechtsextrem und darf eigentlich nicht gewählt werden. Deshalb wurde sie bisher auch nie zu irgendwelchen irgendwie bedeutsamen TV-Auftritten gebeten.

Bisher galt es in den „Nachrichten“-Sendungen für durchaus möglich, dass eine nonchalant so genannte „Mitte-Links-Regierung“ gebildet werden könne aus linksradikalen Antifa-SPDLern (Esken), Linken, Grünen – eine „Mitte-Rechts“-Regierung aber des Teufels wäre, denn die wäre ein bürgerliches Bündnis aus CDU, AfD und FDP, und selbst die Bezeichnung als „bürgerlich“ dafür kostete einst einer Moderatorin nach der Landtagswahl in Sachsen fast den Kopf.

Für die AfD gilt im öffentlichen politischen Diskurs ein schon alttestamentarisches  Bilderverbot – man sollte sie nicht nennen bei Strafe der allgemeinen Ächtung.

Dafür beeilen sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten – sicher ist sicher – auf diesen letzten Metern noch einmal drastisch vor Augen zu führen, was passieren könnte, sollten wir doch das Kreuz an verbotener Stelle setzen – wie nun die Science Fiction Serie im ZDF mit dem Titel „Deutscher“ vorführt, die drastisch und mit blutig geschlagenen Schädeln und himmelschreiend Antifa-konform erzählt, was in Deutschland passiert, wenn “plötzlich eine rechtspopulistische Partei die Regierung in Deutschland übernehmen würde“.

Als hätten Saskia Esken (SPD) und Janine Wissler (Linke) bereits jetzt eine volkspädagogische Produktion einer künftigen rotgrünlinken Regierung in Auftrag gegeben. Dass die Wahlstände der AfD in diesem gesteuerten und gleichgeschalteten Überzeugungseifer derzeit regelmäßig zu Kleinholz verarbeitet werden, gilt als, nun, demokratisches Kavaliersdelikt.

Es geht aber auch positiver! Letzte Woche zum Beispiel setzt das ZDF seine Wahlhilfe fort mit „Eure Wut, Euer Mut“, eine Motivationsstunde für Wähler der Grünen, besser: für die Wahl der Grünen.

So einig sind sich alle in unserer Republik, dass die AfD unwählbar ist, dass es einen gruseln könnte. Denn gleichzeitig, das ist ermittelt, haben drei Viertel der Bürger Angst in diesem Lande, ihre Meinung zu sagen. Ja, sie fühlen sich „gegängelt“.

Durch wen? Durch knallende Stiefelhacken? Nein, durch die Drohung, geächtet zu sein, und die wird durch diejenigen wach gehalten, die man in England als „chattering class“ bezeichnet, die Meinungsmacher in den Salons und Redaktionstuben und TV-Programmabteilungen, die Meinungsmacher aus Medien und Politik.

Das wohl beeindruckendste Interview, das ich in letzter Zeit gesehen habe, ist ein uraltes aus den sechziger Jahren, als das Fernsehen noch schwarzweiß war, ein Gespräch von zwei Kettenrauchern, mit Günther Gaus mit Hannah Arendt, der klugen deutschjüdischen Emigrantin, die sich erinnert an den schlimmsten Freundschafts-Verrat, den sie in den 30er Jahren zu erdulden hatte – er wurde von den gleichgeschalteten Intellektuellen verübt.

Die Gleichschaltung, und das ist die historische Paradoxie, wird heute von links ausgeübt, unter dem Vorwand, eine rechte Machtübernahme zu vereiteln. Eine angesichts der Verhältnisse absurde Annahme und durchaus ein Vorwand, jede regierungskritische Haltung zu unterdrücken. Dieses Verfahren wird erspürt von der Bevölkerung („Gängelei“), aber nicht zum Ausdruck gebracht, aus Angst vor – genau, Repressalien oder Jobverlust.

Noch einmal zu Hannah Arendt, die die opportunistische Beweglichkeit der Intellektuellen unter der Bedingung der begeisterten Gleichschaltung erlebte.

„Sie glauben gar nicht, wie interessant sie diesen Hitler plötzlich fanden – sie sind in die Falle ihrer eigenen interessanten Überlegungen gerannt!“

Also hoffen wir, dass die Wahlhelfenden am Wahlabend in ihrem gleichgeschalteten „demokratischen“ Eifer nicht aus Versehen die Stimmen für jene Unaussprechlichen dahin sortieren, wohin sie offizieller Meinung nach gehören – in den Müll.

Dieser Kommentar zur bevorstehenden Bundestagswahl erschien zuerst auf der stets lesenswerten Internetseite von Matthias Matussek.

Wir danken Matthias Matussek für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf unserer Seite.

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Matthias Matussek

Matthias Matussek, geboren 1954, wollte Missionar oder Bundesliga-Spieler werden. Er schloss einen Kompromiss und wurde Maoist. (Paul Breitner!) Nach dem Abitur trieb er sich ziellos in der Welt herum (Griechenland, Balkanstaaten, Indien). Ein ebenso zielloses Studium (Theaterwissenschaften, Amerikanistik, Komparatistik, Publizistik, Schauspiel) wurde erstaunlicherweise relativ zügig mit einem Zwischendiplom in Anglistik und Germanistik beendet. Danach wechselte er auf die Journalistenschule in München, wo es Zuspruch von erfahrenen Journalisten gab, sowie eine Abmahnung seitens der Schulleitung aufgrund mangelnder Disziplin. Nach Praktika beim Bayrischen Fernsehen und der Münchner tz wechselte er zum Berliner Abend, danach zum TIP. Die Zeit: RAF-Wahnsinn, besetzte Häuser, Herointote.

Als er 1983 zum STERN nach Hamburg wechselte, hatte er das Gefühl, endlich in der Bundesliga angekommen zu sein. Allerdings purzelte ein paar Monate später das gesamte Staresemble des STERN über die gefälschten Hitlertagebücher und war fortan stark abstiegsgefährdet. Dennoch lernte Matussek – gemeinsam mit den großen STERN-Fotografen (Bob Lebeck) – die Kunst der Reportage, die zu einem nicht geringen Teil auf der Kunst besteht, im entscheidenden Moment unverschämt zu sein. Weshalb Disziplinlosigkeit durchaus Teil des Berufes sein kann.

1987 machte ihm der SPIEGEL ein Angebot, das er nicht zurückweisen konnte. Chefredakteure und Ressortleiter gingen und kamen. 1989 konnte er seine theoretischen Kenntnisse des Maoismus nutzbringend anwenden, als er in die kollabierende DDR zog und dort ins Palasthotel. Die Lehre: kein Umweg, den wir nehmen ist unbrauchbar.Schriftsteller Thomas Brussig, der im Palast-Hotel als Etagenkellner arbeitete, und Matussek zur Hauptfigur seines Romans „Wie es leuchtet“ machte, schrieb:“ Für Matthias Matussek hatte ich die meiste Bewunderung. Er schrieb eine glänzende Reportage nach der anderen. Sie lasen sich wie Rezensionen des laufenden Geschehens…Zum Reporter muss man geboren sein – und Matthias Matussek ist es“. (Natürlich hatte er Brussig dafür ganz groß in eine Pizzeria ausgeführt.) Für eine seiner Ost-Reportagen erhielt Matussek 1991 den Kisch-Preis.

Seine Frau lernte Matussek 1990 im Roten Rathaus kennen, wo sie, von Sprachstudien aus Moskau kommend, ein Praktikum absolvierte. Zwei Jahre später zogen sie um nach New York, was damals in etwa gleich weit von Ost- wie West-Berlin lag, also durchaus neutraler Boden war. In New York entstanden nicht nur der gemeinsame Sohn sondern auch ausgedehnte Reportagen und Artikel für amerikanische Zeitungen, sowie Kurzgeschichten und ein Roman. Harold Brodkey nannte Matussek „den besten seiner Generation“.

Zurück in Deutschland zog Matussek kreuz und quer durch die Nation und schrieb eine zweiteilige Bestandsaufnahme der deutschen Einheit, die wiederum für den Kischpreis nominiert wurde. Dann nahm er Stellung im Geschlechterkampf. Mit seinem Buch „Die Vaterlose Gesellschaft“ verärgerte er den Großteil deutscher Frauen und wurde von der Zeitschrift „Emma“ zum „Pascha des Monats“ ernannt. Aus seinem Buch entstand das Spielfilm-Projekt „Väter“ (Regie: Dany Levi), zu dem Matussek das Drehbuch schrieb. Mittlerweile, hat er den Eindruck, hat man ihm beides verziehen.

Im Jahr 1999 trat Matussek die Korrespondentenstelle in Rio de Janeiro an. Er bereiste den Kontinent, erlebte Putschversuche und Katastrophen, recherchierte in Favelas, unter Drogenbanden und unter den Eliten der Länder. Für eine 2-teilige Serie zog er wochenlang durch den Amazonas, und veröffentliche das Ergebnis in Buchform unter dem Titel „Im magischen Dickicht des Regenwaldes“.

Im Jahr 2003 übernahm er die Korrespondentenstelle des SPIEGEL in London, wo er sich ehrenhafte Kämpfe mit der blutrünstigen, Deutschen-hassenden Fleetstreet lieferte, was in seinem Buch „Wir Deutschen – warum uns die anderen gerne haben können“, auf das schönste dokumentiert ist. Das Buch war 13 Wochen lang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, und lieferte den Beleg dafür, dass man patriotische Gefühle nicht den Knallköpfen von rechts überlassen muss.

2003 übernahm er das Kulturressort in der Hamburger Spiegel-Zentrale. Die Presse meinte, dort sei nun „Rock n Roll im Laden“. Gleichzeitig hatte er für den SWR das TV-Format „Matusseks Reisen“ entwickelt und einen wöchentlichen Video-Blog etabliert, der 2007 mit dem Goldenen Prometheus ausgezeichnet wurde. Im gleichen Jahr entstand sein Buch „Als wir jung und schön waren“ (Fischer-Verlag).

Schon 2007 hatte Matussek seine Funktion als Ressortchef wieder abgegeben und widmete sich den Sachen, die er am besten kann: dem Schreiben und der Disziplinlosigkeit. „Matusseks Reisen“ wurde unter dem Titel „Matussek trifft“ noch ein paar Folgen fortgesetzt und fiel dann dem Sparzwang zum Opfer. Seinen wöchentlichen Videoblog betrieb er weiter und publizierte mit „Das Katholische Abenteuer“ eine „Provokation“, die es ebenfalls in die Bestellerliste schaffte.

Nach mehr als 25 Jahren beendete er seine Zeit beim Spiegel und stellte sich als Kolumnist für den Springer-Konzern zur Verfügung, eine Zusammenarbeit, die bereits nach erfüllten und produktiven 17 Monaten beendet wurde.

Fortan arbeitet er als freier Autor für die „Weltwoche“ und den „Focus“ und andere und widmet sich erneut seinen Stärken: dem Schreiben und der Disziplinlosigkeit.