Deutscher Selbsthass und linke Ideologie

von Manfred Kleine-Hartlage

Deutscher Selbsthass und linke Ideologie

Dieser Artikel, den wir in zwei Teilen veröffentlichen, geht auf einen Vortrag von Manfred Kleine-Hartlage zurück, den er anläßlich eines Kollegs im Rahmen des Instituts für Staatspolitik unter dem Titel „Deutschenfeindlichkeit – eine Bestandsaufnahme“ gehalten hat. Der Vortrag wurde nicht vom IfS veröffentlicht. Im 2. Teil geht es um die Übernahmen des westlichen antideutschen Narrativs durch die Deutschen selbst und die Konsequenzen daraus. Im Schlussteil untersucht Kleine-Hartlage die Ausweitung des deutschfeindlichen Paradigmas auf den Westen insgesamt.

Hier können Sie den ersten Teil des Artikels lesen: https://wir-selbst.com/2021/11/27/deutschenfeindlichkeit-eine-bestandsaufnahme/

Übernahme des westlichen Narrativs durch Deutsche

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es unter kräftiger Einwirkung verschiedenster amerikanischer Propagandakanäle zu einer grundlegenden Umwälzung des politischen Denkens in Deutschland, und zwar in Richtung auf die angelsächsische Ideologie des revolutionären Liberalismus, später auch des Marxismus, in jedem Fall aber zur Übernahme der Basisannahmen der revolutionären Metaideologie. Dies implizierte unter anderem, dass eine Wir-Sie-Unterscheidung auf ideologischer statt auf ethnischer oder staatlich-politischer Basis als selbstverständliche Norm akzeptiert wurde. „Wir“, das waren nicht mehr „die Deutschen“, und nicht einmal „die Europäer“, jedenfalls nicht im Sinne einer Völkergemeinschaft. „Wir“ – das war eine Partei im globalen ideologischen Bürgerkrieg; der „Westen“, die „westliche Wertegemeinschaft“, die „Freie Welt“. „Wir“ war, wer die utopisch-revolutionären Ideale teilte, und nach dem Untergang der Sowjetunion stießen auch große Teile der Linken zu diesem „Wir“, wie sich nicht zuletzt an den Karrieren ehemaliger Achtundsechziger unschwer ablesen lässt.

Eine solche Definition der Wir-Gruppe nach dem Kriterium ideologischer Zugehörigkeit bedeutete schon für die Völker der Siegermächte einen latenten Widerspruch zu ihrem Selbstverständnis als Völker. Nicht nur für die Russen, die mehr für Mütterchen Russland als für den Kommunismus gekämpft hatten (deren Sieg aber dem Kommunismus mehr nutzte als Russland), auch für Amerikaner und Briten war „Right or wrong – my country“ mit dem Projekt „to make the world safe for democracy“ nicht bruchlos unter einen Hut zu bringen. Nur blieb bei diesen Völkern, wie gesagt, der Widerspruch latent, weil sie in beiden Weltkriegen gleichermaßen als Völker wie als Bannerträger bestimmter Ideen gekämpft hatten.

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Deutschenfeindlichkeit und Deutschfeindlichkeit – das westliche antideutsche Narrativ

von Manfred Kleine-Hartlage

Deutschenfeindlichkeit und Deutschfeindlichkeit – das westliche antideutsche Narrativ

Dieser Artikel, den wir in zwei Teilen veröffentlichen, geht auf einen Vortrag von Manfred Kleine-Hartlage zurück, den er anläßlich eines Kollegs im Rahmen des Instituts für Staatspolitik unter dem Titel „Deutschenfeindlichkeit – eine Bestandsaufnahme“ gehalten hat. Der Vortrag wurde nicht vom IfS veröffentlicht.

Deutschenfeindlichkeit ist ein ausgesprochen vielschichtiges Phänomen. Es gibt das traditionelle Ressentiment vieler Völker – Polen, Franzosen, Briten, Juden – aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Kriege davor. Es gibt eine intellektuelle Form der Deutschfeindlichkeit, die weniger mit der Abneigung gegen die Deutschen als Menschen zu tun hat, als mit der Abneigung gegen und die Furcht vor dem deutschen Staat, dem man jederzeit zutraut, zu mächtig zu werden. Es gibt Misstrauen gegen den deutschen Volkscharakter. Es gibt die Deutschfeindlichkeit hier lebender Migranten. Es gibt die Deutschfeindlichkeit der Deutschen selbst. Und es gibt eine Ideologie, zu deren zentralen Bestandteilen Deutschfeindlichkeit gehört. [Das Thema des Vortrages war Deutschenfeindlichkeit. Wenn ich im Folgenden meist das Wort Deutschfeindlichkeit verwende, dann um deutlich zu machen, dass es nicht einfach um Ressentiment gegen Deutsche, sondern in einem umfassenderen Sinn um verschiedene Arten von Feindseligkeit gegen das Deutsche schlechthin geht: das Volk, den Staat, die Menschen usw.]

Die verschiedenen Facetten und Ebenen des Gesamtkomplexes „Deutschfeindlichkeit“ stehen nicht unverbunden nebeneinander. Sie durchdringen und verstärken einander und wachsen sich zusammen zu einer Gefahr für das deutsche Volk aus. Die Deutschfeindlichkeit von Migranten, die Götz Kubitschek und Michael Paulwitz in ihrem Buch „Deutsche Opfer – fremde Täter“ thematisiert haben, ist nur die eine Seite der Medaille, und darauf komme ich noch zu sprechen. Die andere Seite ist die Deutschfeindlichkeit im eigenen Lager, die es überhaupt erst möglich macht, dass wir durch Massenmigration Gefahr laufen, zu Minderheit im eigenen Land zu werden, und dass die Deutschfeindlichkeit von Migranten zu einem Problem der inneren Sicherheit werden konnte.

Zu diesem „eigenen Lager“, dessen Deutschfeindlichkeit zum Problem wird, gehören in diesem Zusammenhang die Deutschen selbst, speziell deren Funktionseliten; in einem größeren Zusammenhang aber auch der westliche Kulturkreis, in den Deutschland eingebunden ist, und dessen Eliten für ihre Deutschfeindlichkeit Gründe haben, die weniger mit eigentlichem Ressentiment als mit Ideologie zu tun haben.

Das westliche antideutsche Narrativ

Die allgemeinste und verbreitetste Grundlage von Deutschfeindlichkeit ist das, was ich das westliche antideutsche Narrativ nennen möchte. „Narrativ“ ist ein neudeutscher Ausdruck; man kann auch sehr gut von einer Geschichtsideologie sprechen. Einer Ideologie, die über Filme, Literatur, populäre Geschichtsdarstellungen verbreitet wird, und derzufolge Deutschland eine Gefahr für seine Nachbarn gewesen (und potenziell auch heute noch) sei und daher gefesselt, entmachtet und verdünnt werden müsse, weil der deutsche Volkscharakter antidemokratisch, obrigkeitshörig, kollektivistisch, gewalttätig, kriegslüstern, genozidal usw. sei. Zwar sind sich die heutigen Historiker meistens zu fein dazu, eine direkte Linie Luther-Friedrich-Bismarck-Hitler zu ziehen, aber die Nachwirkungen dieser Art von propagandistischer Geschichtsschreibung sind noch heute deutlich spürbar und äußern sich nicht zuletzt in der Neigung, die gesamte deutsche Geschichte als Vorgeschichte des Dritten Reiches zu behandeln.

Man begreift dieses Geschichtsbild nicht, wenn man den historischen Kontext außer Acht lässt, und dieser Kontext ist der europäische Bürgerkrieg, der seit 1789 tobt. [Noch immer lesenswert in diesem Zusammenhang ist Hanno Kestings 1959 erschienenes Werk „Geschichtsphilosophie und Weltbürgerkrieg. Deutungen der Geschichte von der Französischen Revolution bis zum Ost-West-Konflikt“. Zur Zeit ist es anscheinend nicht einmal antiquarisch verfügbar, aber gut sortierte Bibliotheken sollten es haben; die Berliner Staatsbibliothek jedenfalls hat es.] Dieser Bürgerkrieg wird von den Anhängern dreier Ideologien ausgefochten, die immer mal wieder ihre Namen, Parolen und Programme ändern, aber doch eine erkennbare Identität und Kontinuität aufweisen. Es handelt sich um zwei utopische und eine nichtutopische Weltanschauung, also um Liberalismus und Sozialismus auf der einen Seite; auf der anderen Seite um, wie auch immer man das nennen will, die konservative Weltanschauung, die Reaktion oder auch einfach die politische Rechte.

Der deutsche Michel, August 1842, Karikatur von Johann Richard Seel (1842)

Die beiden utopischen, revolutionären Ideologien, worin auch immer sie sich sonst unterscheiden, haben benennbare Gemeinsamkeiten, durch die sie sich so fundamental von der Rechten unterscheiden, dass es zulässig ist, sie auf eine gemeinsame Metaideologie zurückzuführen. Dies betrifft vor allem den utopischen Ansatz als solchen. Der utopische Ansatz geht davon aus, dass die Möglichkeit des friedlichen und zivilisierten Zusammenlebens von Menschen nicht ein erklärungsbedürftiges Wunder, sondern eine Selbstverständlichkeit sei, weswegen man den Grundlagen der Existenz von Gesellschaft schlechthin auch keine Beachtung schenken müsse und sich gleich – durch schrittweise Reformen oder per revolutionärem Parforceritt – der Verwirklichung des Paradieses auf Erden widmen könne.

Die utopischen Ideologien implizieren eine Reihe von Annahmen:

Erstens, der Mensch sei von Natur aus gut, nur die gesellschaftlichen Verhältnisse, kurz gesagt Unfreiheit und Ungleichheit seien für das Böse verantwortlich, weswegen sie beseitigt werden müssten. Der rechte Ansatz geht dagegen davon aus, dass der Mensch unvollkommen und schwach und in die Erbsünde verstrickt und deshalb auf die Existenz einer ihn stützenden sozialen Ordnung angewiesen ist, wobei ein gewisses Maß an Unfreiheit und Ungleichheit notwendig in Kauf genommen werden muss, weil die Alternative nicht Freiheit und Gleichheit, sondern Chaos, Gewalt und Barbarei sind.

Zweitens, dass Gesellschaft rational geplant werden könne und ihre Gestaltung eine Frage der Vernunft sei. Die Rechte dagegen geht davon aus, dass die Gesellschaft auf die Geltung des Vorgefundenen und Nichthinterfragten angewiesen ist, das durch Kritik zwar zerstört, aber nicht auf rationalem Wege durch etwas Besseres ersetzt werden kann: etwa auf Familie, Glaube, Tradition, Vaterland.

Drittens, das „Gute“, also Freiheit und Gleichheit sei rational ableitbar, müsse mithin auch kulturunabhängig und universell gültig sein, weswegen man die gesamte Menschheit zum Heil führen könne, wenn man die aus den Prinzipien der Aufklärung folgenden Utopien global verwirkliche. Für Konservative dagegen ist jede Kultur eine einzigartige, nicht planbare und unwiederholbare Antwort auf die elementare Frage, wie Gesellschaft möglich ist. Sie betonen daher das Recht des Partikularen gegenüber den Geltungsansprüchen universalistischer Ideologie.

Viertens, dass man Gesellschaft von der Utopie her deuten und analysieren müsse, dass heißt von Normen statt von Fakten, vom Sollen statt vom Sein, von den Rechten statt von den Pflichten her.

Deutschland verkörpert die „rechte“ Partei, also das „Böse“ schlechthin: Deutschfeindliches Propaganda-Poster in Amerika während des Ersten Weltkriegs (1917): „Zerstört dieses wahnsinnige Tier – Werdet Soldat“

Von diesem utopischen Gesellschaftsverständnis her, das sich selbst schon deshalb mit „der Vernunft“ verwechselt, weil es auf wirklichkeitslosen Kopfgeburten statt auf krummer Wirklichkeit aufbaut, und das sich selbst mit dem „Guten“ verwechselt, weil es von dem Axiom ausgeht, dass der Mensch schlechthin gut sei, weswegen das „Böse“ in den gesellschaftlichen Strukturen (einschließlich Traditionen, Glaubenswahrheiten etc.) stecken müsse, deren Verteidiger folgerichtig ebenfalls „böse“ sein müssen – von einem solchen Gesellschaftsverständnis her ist Toleranz nicht begründbar (und sie wird demgemäß auch umso weniger geübt, je weniger seine Anhänger es nötig haben). Aus dem utopischen Gesellschaftsverständnis resultiert folgerichtig ein apokalyptisches Politikverständnis, wonach Politik ein Kampf zwischen den Mächten des Lichts und denen der Finsternis sei. Krieg etwa ist kein tragisches, letztlich unentrinnbares Verhängnis. Er ist gerechtfertigt, wenn er für revolutionäre Ziele geführt wird (und dann ist auch jedes Verbrechen erlaubt), und von vornherein verbrecherisch, wenn er für konterrevolutionäre Ziele geführt wird (und dann kommt es auf die Mittel, mit denen er geführt wird, nicht mehr an).

“Sus au monstre!“

(Gegen den Drachen! – Der Drache trägt die deutsche Pickelhaube).
Karikatur.
Aus: Le Petit Journal (Paris), 20.9.1914..

Was hat all dies mit Deutschfeindlichkeit zu tun?

Nun, wenn wir die Kriege des 20. Jahrhunderts als Teile des ideologischen Weltbürgerkrieges auffassen, dann verkörperte Deutschland offensichtlich die rechte Partei. Die Vorstellung, dass Kriege zur globalen Verwirklichung einer schlechthin guten Ordnung geführt werden müssten, wie sie dem utopischen Politikverständnis entsprach und als liberale Weltordnung von den westlichen Mächten, als kommunistische Weltordnung später von der Sowjetunion angestrebt wurde, musste Deutschland fremd sein. Der schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhobene Vorwurf, Deutschland strebe nach der Weltherrschaft, wäre auch dann absurd gewesen, wenn er nicht ausgerechnet von den angelsächsischen Mächte erhoben worden wäre, die zu jedem Zeitpunkt im 19., 20. und 21. Jahrhundert der Weltherrschaft näher waren und sind, als Deutschland es jemals gewesen ist.

Französische Darstellung des deutschen „Barbaren“. Karikatur von Guillaume Morinet, 1915

Ein Denken, das auf die Verwirklichung einer Weltordnung – welcher auch immer – abzielte, lag Nationen nahe, die im Schutz ihrer Insellage kühnen Idealen nachhängen konnten und durch denselben Umstand in der Lage waren, globale Politik zu machen. Die liberale Neue Weltordnung, die sich als Idee schon vor dem Ersten Weltkrieg deutlich abzeichnete, war ebenso die passende Ideologie für einen globalen Imperialismus, wie imperialistische Machtpolitik so etwas wie der bewaffnete Arm der Utopie war. Es ist nicht etwa so, dass das eine nur eine Funktion des anderen gewesen wäre. Beide Aspekte angelsächsischer, besonders amerikanischer Politik waren Aspekte ein und desselben Politikverständnisses.

Deutschland dagegen war geradezu die institutionalisierte Konterrevolution. Ein Denken in globalen Utopien musste seinen Eliten bereits deshalb fremd sein, weil sie in dem Bewusstsein lebten, ein von innen und außen stets hochgradig gefährdetes Staatswesen zu regieren, und ihr politischer Horizont war strikt kontinental und auf die Konsolidierung des Bestehenden gerichtet. Das Kaiserreich übernahm durchaus liberale, demokratische und sogar sozialistische Ideen, man denke nur an die Bismarcksche Sozialgesetzgebung, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie die bestehende Ordnung konsolidieren, auch fortentwickeln, aber keinesfalls sprengen sollten. Dieses Politikverständnis, also die Absage an revolutionäre, utopische Entwürfe, prägte in Deutschland nicht nur die Politik der Konservativen, sondern auch die der Liberalen und auf die Dauer auch die der Sozialdemokraten. Das ganze Denken in abstrakten Idealen war Deutschland einfach fremd.

Deutschland war also einerseits zu schwach und gefährdet, um selbst Weltordnungs- oder gar Weltherrschaftsgelüsten zu folgen oder auch nur in solchen Kategorien zu denken. Es war aber – zumindest potenziell – stark genug, Europa in seinen Machtbereich zu ziehen und damit die Verwirklichung einer Weltordnung zu verhindern, zu der ja, wenn sie ihren Namen verdienen sollte, Europa in jedem Fall gehören musste. In dem Krieg gegen Deutschland, der nach Winston Churchills zutreffenden Worten von 1914 bis 1945 dauerte, der also keineswegs wegen irgendwelcher Verbrechen der Nationalsozialisten geführt wurde, ging es nicht darum, Europa vor dem deutschen Joch zu schützen, sondern darum, dieses Europa in die liberale Weltordnung und damit zugleich in den angelsächsischen Machtbereich zu zwingen.

Deutschland verkörperte also kein universell zu verwirklichendes Prinzip, sondern eine konkret verortete Nation, die ihre Ordnung und ihre Ziele nicht aus utopischen Entwürfen, sondern aus praktischen Notwendigkeiten ableitete. Es kannte keine abstrakte Loyalität gegenüber liberalen und demokratischen Idealen; das trug den Deutschen den Vorwurf der „Obrigkeitshörigkeit“ ein. Es strebte nicht nach Menschheitsbeglückung und musste die Interessen eines nicht ideologisch, sondern ethnisch bzw. staatlich definierten „Wir“ gegen die Außenwelt verteidigen, was als „Nationalismus“ gedeutet wurde. Es musste auf der Geltung von Gemeinschaftswerten beharren statt auf individualistischen Rechtsansprüchen (nicht zufällig war die Gegenüberstellung von „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ ein Thema gerade der deutschen Soziologie); dies machte den „Kollektivismus“ aus, der den Deutschen unterstellt wurde. Solche Gemeinschaftsideale funktionieren nur, wenn sie gefühlsmäßig verankert sind; daher das Klischee vom „Romantizismus“ und „Irrationalismus“ der Deutschen.

Deutschland mußte sein ethnisch bzw. staatlich definiertes „Wir“ gegen die Außenwelt verteidigen!

Kurz und gut, die Tatsache, dass die Deutschen anders waren und anders dachten als die Angelsachsen, dass sie insbesondere keinen Sinn für die Utopie hatten, dass sie aber zugleich eine Gefahr für die globale Verwirklichung dieser Utopien waren, machte sie zum Gegen- und Feindbild des westlichen revolutionär-utopischen Denkens. Die Klischees über den deutschen Nationalcharakter stellen die demagogisch verzerrte Beschreibung von Dispositionen dar, die in diesem Nationalcharakter tatsächlich vorhanden waren (und sind), und die auch vorhanden sein mussten (und müssen), weil ein Land wie Deutschland sich den liberalen Globalismus und Utopismus nicht leisten konnte, und wie wir heute sehen, nicht kann. (Ob die Angelsachsen, und damit meine ich die Völker, selber ihn sich leisten können, sei fürs erste dahingestellt.)

In Teil II (Deutscher Selbsthass und linke Ideologie) wird es um die Übernahmen des westlichen antideutschen Narrativs durch die Deutschen selbst und die Konsequenzen daraus gehen.

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Manfred Kleine-Hartlage

Manfred Kleine-Hartlage ist Jahrgang 1966, Diplom-Sozialwissenschaftler in der Fachrichtung Politische Wissenschaft und bekannt als konservativer Islam- und Globalismuskritiker. Er betreibt einen politischen Blog: Korrektheiten und schreibt für Sezession im Netz und die Druckausgabe der Sezession. Im Juli 2013 ist Kleine-Hartlages grundsätzliche Auseinandersetzung mit den ideologischen Grundlagen des liberalen Systems in der Reihe Antaios Thema erschienen: Die liberale Gesellschaft und ihr Ende. Über den Selbstmord eines Systems (vergriffen). Bei Antaios publizierte Kleine-Hartlage außerdem „Neue Weltordnung“. Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie? (reihe kaplaken, Bd. 30) sowie Warum ich kein Linker mehr bin (reihe kaplaken, Bd. 33).

Stets lesenswert ist Manfred Kleine-Hartlages Blog:

http://korrektheiten.com/

Soeben ist das neue Buch von Manfred Kleine-Hartlage „Systemfrage. Vom Scheitern der Republik und dem Tag danach“ im Antaios Verlag erschienen und kann dort direkt bestellt werden:

Wolfszeit – „Jetzt sind sie halt da!“

von Dr. Winfried Knörzer

Wolfszeit – „Jetzt sind sie halt da!“

Gelegentlich bediene ich mich einer rhetorischen Technik, die darin besteht, dem Gegner ein Stück weit entgegenzukommen, seinen Thesen eine gewisse Berechtigung zuzubilligen. Das mache ich nicht aus purer Menschenfreundlichkeit, die hier nicht angebracht wäre, noch in der Erwartung eines sportlich-ritterlichen Kräftemessens. Darauf legt der Gegner, mit dem man es allzumeist in der aktuellen Lage zu tun hat, keinen Wert, weshalb auf das Angebot eines Austauschs von Höflichkeiten verzichtet werden kann. Wenn der Gegner absolut dumm und seine Argumentation völlig unsinnig wäre, brächte es keine Ehre, einen solch hilflosen Wurm niederzuringen. Darum muß man sich einen Gegner aussuchen, dessen Argumente zumindest im Ansatz oder teilweise richtig sind. Denn erst wenn man nachweisen kann, daß auch das ansatzweise Richtige letztlich in die Irre führt und selbst das Beste, was der Gegner aufbieten kann, nicht ausreicht, um einem diskursiven Angriff standzuhalten, hat man einen echten Sieg errungen.

Das Thema, um das es hier gehen soll, ist der Wolf. Bei diesem Thema bin ich gerne bereit, mich dem Gegner anzunähern, denn auch ich bin davon überzeugt, daß die Erde nicht nur dem Menschen gehört, denn auch ich schätze die Gegenräume zur total verstädterten Hyperzivilisation, schätze die ursprüngliche Natur, zu der eben nicht nur niedliche Häschen und rundäugige Rehe, sondern auch Wölfe und Bären gehören. Allerdings meine ich, daß die gegenräumlichen Tummelplätze der Bären und Wölfe in Sibirien, Norwegen oder den Karpaten liegen sollten und nicht in Schleswig-Holstein, dem Harz oder gar im Ruhrgebiet.

Der Wolf und das Lamm, Jean Baptiste Oudry (1686-1755)

Auch dem aus dem Osten hereinwandernden Wolf hat man eine Willkommenskultur beschert. Begeistert hat man die in diesem Tier inkarnierte Rückkehr zur Natur begrüßt. Berauscht hat man sich an der scheinbar Wirklichkeit gewordenen Synthese von archaischer Natur und moderner Zivilisation. Ursprüngliche Natur ist also hier und heute doch noch möglich – so lautet der Grundgedanke der offiziell verordneten Lykophilie. Der Wolf avancierte zum Totemtier einer im Vollgefühl der Sicherheit städtischer Zivilisation ausgeübten Zivilisationskritik. Bedauerlicherweise konnte sich der Wolf allerdings nicht dazu überwinden, die ihm zugedachte Rolle als Projektionsfläche rousseauistischer Sehnsüchte zu spielen, sondern beharrte eigensinnig darauf, ein Wolf zu sein.

Sein traditionsverhaftetes Wolfsein stellte der Wolf in keineswegs überraschenden Aktivitäten unter Beweis, als da vor allem wären das Zerfleischen und Verspeisen von Schafen. Aber auch von aggressiven Annäherungen an Spaziergänger wurde bereits berichtet. So war das natürlich nicht gedacht. Was man sich gedacht hat, falls der Begriff des Denkens in diesem Fall überhaupt anwendbar ist, soll später erörtert werden. Man reagierte auf diese Vorkommnisse so wie jeder in Bedrängnis geratene Verantwortliche reagiert – mit Beschönigen und Beschwichtigen, mit dem Herausstreichen des wenigen Positiven und dem Verschweigen des vielen Negativen. Zu den Wölfen verhält man sich wie zu den menschlichen Migranten. Nach dem Abklingen der Initialfreude ob der spektakulären, den langweiligen Alltag aufbrechenden Novität begnügt man sich zu konstatieren: „Jetzt sind sie halt da“ und hofft darauf, daß schon irgendwie alles gutgehen werde. Wenn nun aber früher oder später doch das Schreckliche eintritt und ein Mensch getötet wird, wird man vielleicht in bewährter Manier dem Opfer die Schuld geben (es habe provoziert, sich falsch verhalten oder Warnhinweise nicht beachtet), sicherlich aber kleinlaut schließlich doch den Wolf zum Abschuß freigeben.

Junge Bauern müssen sich eines Wolfs erwehren – Gemälde von François Grenier de Saint-Martin (1833)

Man sollte nicht umstandslos alles Unerfreuliche den Linken anlasten. Nicht nur setzt man sich dadurch dem Verdacht des Verschwörungstheoretischen aus („Die“ sind an allem schuld, auch an Corona und dem verregneten Sommer), sondern man würde sich auch an der zum würde- und gedankenlosen Gesellschaftsspiel gewordenen Diabolisierung des Gegners beteiligen. Die Lizenzierung der Wolfsmigration war kein forciert vorangetriebenes politisches Projekt, sondern vornehmlich das Resultat administrativer Akte, die freilich tatkräftig von einschlägigen NGOs unterstützt wurden. Allerdings ist linke Mentalität, ohne daß dies den meisten Betroffenen bewußt geworden wäre, durch jahrzehntelang ununterbrochen anhaltende mediale und pädagogische Indoktrination subkutan bis in die feinsten Verästelungen aller relevanten Institutionen eingedrungen. Darum läßt sich mit einiger Berechtigung behaupten: alles, was der Fall ist, ist links. Wenn also alle sozialen Tatsachen links imprägniert sind, scheint es keinen Erkenntnisgewinn zu bringen, noch eigens zu betonen, daß sie links sind. Nichtsdestotrotz kann es nicht schaden, die allumfassende linke Normalität am Leitbild des Wolfes zu dekonstruieren.

Zunächst ist eines typisch und auffällig: die Zeche zahlen stets die anderen, hier die Bauern und Schäfer, deren Tierbestände dezimiert werden, und die Bewohner der betroffenen Gebiete, die in beständiger Angst leben müssen und sich nicht mehr zum Wandern in den Wald trauen. Stets wird ein in der Theorie grandioses, ideologisches Projekt rücksichtslos exekutiert, wobei man sich, wenn der Schaden eingetreten ist, aus der Verantwortung stiehlt. Nach der Wende 1990 hingen an einigen Marx/Engels-Statuen ein Schild, auf dem zu lesen stand: „Sorry, wir haben uns geirrt.“ Immer und immer wieder verhallen die sich nachträglich stets als zutreffend erweisenden Kassandrarufe der Rechten ungehört, ganz so wie es den modernen Avataren der Kassandra vom Schicksal bestimmt ist. Die Zivilisiertheit des modernen europäischen Menschen schützt die bösartig-starrsinnigen Herrschenden selbst bei einem Systemwechsel wie in der DDR vor Racheorgien. Im Normalfall, dem Fortbestehen des politischen Systems, braucht erst recht niemand, Konsequenzen zu fürchten, da die Mächtigen weiterhin über die Macht verfügen, Sanktionen zu verhindern. Allenfalls rafft man sich zu einer widerwillig dahingenuschelten Entschuldigung auf (Baerbock: „Da habe ich eben Sch… gebaut“) oder es wird ein besonders exponierter Schwarzer Peter zum Rücktritt genötigt. Diese Verantwortungslosigkeit hat freilich nicht nur mit der in allen politischen Systemen anzutreffenden Arroganz der Macht zu tun. Der Marxismus in seiner ursprünglichen ideologischen Form ist erledigt. Aber nach Aufgabe seiner expliziten Dogmen haben sich, ähnlich wie beim Christentum, wesentliche Glaubensinhalte in verwässerter, zu vagen Werten verdünnter Form nicht nur erhalten, sondern diese haben sich nach Unkenntlichwerden ihres Ursprungs umso fester als mentalitätsmäßige Prägung in den Köpfen der Menschen verankert. Einer dieser Glaubensinhalte besteht in der unumstößlichen Gewißheit, im Recht zu sein, weil man dank wissenschaftsfundierter Prophetie den Lauf der Welt erkannt habe. Man kann schlichtweg nicht irren, solange man nicht den vom geschichtsmetaphysischen Heilsplan vorgezeichneten Pfad verläßt. Dies unterscheidet linke Postdemokratien von liberalen Demokratien aber auch von klassischen, nicht-totalitären Diktaturen. Die Politiker dieser beiden politischen Systeme wissen, daß ihre Herrschaft von der hier freiwilligen, da erzwungenen Zustimmung der Beherrschten abhängig ist, weshalb sie in der Wahl ihrer Mittel auf deren zustimmungsbefähigende Tauglichkeit achten müssen, weshalb diese Wahl sich an zweckrationalen Überlegungen ausrichtet. Dagegen zieht der von der irrationalen Überzeugung von der grundsätzlichen Richtigkeit seines Handelns durchdrungene mentalitätsmäßige Linke potentiell falsifizierende Momente überhaupt nicht in Betracht. Er ist der Gute und deshalb prädestiniert, das Richtige zu erkennen. Das als gut und richtig Erkannte wird sich über kurz oder lang durchsetzen; es bedarf nur des Anstoßes des von ihm ausgehenden Handelns. Diese verharmlosend als Gesinnungsethik bezeichnete Haltung ist überhaupt keine Ethik, weil eine Ethik verlangt, Verantwortung zu übernehmen, was der echte Gesinnungsethiker auch tut. Der Linke an der Macht verschwendet keinen Gedanken an Verantwortung, weil er sich als Instrument des Weltgeistes dünkt. Wenn dann doch etwas schiefläuft, dann wurde dies im Stalinismus auf Sabotage und konterrevolutionäre Machenschaften zurückgeführt, heute auf unvorhersehbare Friktionen, Systemzwänge, individuelle Unfähigkeit irgendwelcher Anderer oder dem aktuell angesagten Niveau grundschulhafter Entschuldigungsrhetorik gemäß auf schlichtes Pech. Wer hätte denn auf die Idee kommen können, daß ein ökologisch so wertvolles Tier wie ein Wolf plötzlich Schafe anfällt! Mit treuherzigem Augenaufschlag bittet man um Verständnis und hält damit die Sache für abgetan, wenn man sich nicht sogar erdreistet, den Spieß umzudrehen und den Kritikern vorzuwerfen, durch ihre Kritik die nach wie vor unzweifelhafte Gutheit der ursprünglichen Intention in Frage zu stellen.

Überzeugt von der eigenen Gutheit und dem Besitz der Wahrheit, kann der Opponent nur böse sein und sich irren. Das ist die Grundannahme, aus der alles Weitere folgt. Wegen der prinzipiellen Bosheit des Opponenten wird seinen Diskursen nicht zugebilligt, wahre Aussagen über die Wirklichkeit zu sein. Wenn er einen schlechten Ausgang eines linken Vorhabens vorhersagt, dann ist dies nur die Projektion seiner eigenen Schlechtigkeit. Gerade weil die Kritik von der falschen Seite kommt, die immer nur Böses und Falsches absondert, ist man umso sicherer, das Richtige zu tun. Aufgrund dieser von vornherein feststehenden Pathologisierung muß man die Diskurse der Rechten auch dann nicht ernst nehmen, auch wenn sie recht behalten. Die wissenschaftlich erwiesene Absurdität der Behauptung, Wölfe seien Raubtiere, gebietet von selbst, derlei Unsinn zu ignorieren.

So wendet sich für den Linken das Gute stets zum Besten. Erstens: Es tritt kein legitimer Kritiker auf den Plan, der mir eine Schuld vorwerfen könnte, weil entweder fast alle meiner Meinung sind und die wenigen, die dies nicht sind, eh nichts zu sagen haben. Zweitens: ich bin nicht schuld, weil ich das Gute gewollt habe. Darum frischauf ans Werk, um die braven Bürger mit neuen, noch besseren, noch phantastischeren Plänen zu beglücken!

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Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Die Neuerscheinung im Juni2021: „Farben der Macht“ von Dr. Winfried Knörzer im Lindenbaum Verlag. Sie können dieses Buch direkt beim Verlag versandkostenfrei bestellen.

Wo ist nur das Volk geblieben? – Der moderne Feudalismus

von Dr. Jens Woitas

Wo ist nur das Volk geblieben? – Der moderne Feudalismus

Gleich mehrere auf gesellschaftliche Veränderungen abzielende Bewegungen oder politische Richtungen müssen in unserer Gegenwart die Erfahrung machen, dass ihre Appelle weitgehend wirkungslos verhallen, obwohl sie sich an breite gesellschaftliche Mehrheiten richten. Dies gilt etwa für den Kampf, den national-identitäre Gruppen für den Erhalt des ethno-kulturellen deutschen Volkes angesichts zunehmender demographischer Verschiebungen durch Massenmigration führen. Sie verbleiben aber mit diesem Anliegen meistens in einer kleinen, nach außen weitgehend abgeschlossenen, „rechten Szene“, während der polit-mediale Mainstream ihnen Ablehnung, teilweise sogar Hass, entgegenbringt. Ähnliches widerfährt Corona-Maßnahmenskeptikern wie den „Querdenkern“, die für die im Grundgesetz verankerten Rechte auf persönliche Freiheit und demokratische Selbstbestimmung eintreten, aber damit nur eine Minderheit der Bundesbürger erreichen. Man kann diese Erfahrung sogar auf die Klima-Demonstranten von „Fridays for future“ und anderen Bewegungen erweitern. In diesem Fall gibt es zwar eine geradezu überwältigende, positive Resonanz der Proteste in Medien und Politik, aber trotzdem wird in der Praxis nur sehr wenig von der Forderung nach einem radikalen wirtschaftlichen Umsteuern in Richtung des „Klimaschutzes“ umgesetzt.

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Konservatismus – einige Bemerkungen zu diesem Begriff

von Andrzej Madela

Einige Bemerkungen zum „Konservatismus“-Begriff

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Das eigentlich Schwierige an einem Vorhaben, die Grenzen und den Inhalt eines Konservatismus zu umreißen, besteht wohl darin, daß die Objekte dessen, was „konserviert“ (bewahrt) werden soll, eine nahezu verwirrende Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit aufweisen. Dies ist für Konservatismusforscher insofern ein Problem, als es auch Versuche gibt, den erwähnten Begriff vom zu bewahrenden Gegenstand her zu bestimmen. Die Konsequenz solchen Verfahrens muß aber in der Endfolge auf Beliebigkeit hinauslaufen, die der Chance einer wertenden Unterscheidungsfähigkeit sich selbst beraubt und, zumindest potentiell, Gefahr lauft, in Zusammenhängen aufzuwachen, die nicht die ihren sind.

Diese Gefahr ist in der jüngeren Konservatismus-Forschung (Armin Mohler, Gerd-Klaus Kaltenbrunner, Hans-Christof Kraus) mehrfach thematisiert worden und ließe, mit unvermeidlicher Vereinfachung, etwa folgendermaßen sich formulieren: Die Bestimmung des Begriffs vom Gegenstand her mache eine Klassifizierung und Gliederung weitestgehend unmöglich, da der gesamte Inhalt des Konservatismus auf eine natürliche menschliche Reaktion der Bewahrung des Vorhandenen hinauslaufe; diese Reaktion könne jedoch unter recht unterschiedlichen Umständen auftreten und müsse nicht unbedingt mit einer wertorientierten Haltung verbunden sein.

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Zum Volkstrauertag

Zwei Lieder zum Volkstrauertag

Zum Volkstrauertag

Wir möchten Euch diese beiden Lieder zum Gedenken an unsere Gefallenen besonders ans Herz legen:

Agnes Miegel – eine Reise nach Frankfurt a. d. Oder

von Agnes Miegel

Agnes Miegel – eine Reise nach Frankfurt a. d. Oder

Über die helle, schöngeschwungene, große Brücke, die die alte Stadt mit der Vorstadt verbindet, die hier auf dem früher immer wieder vom Hochwasser bedrohten Damm aufwuchs, treibt mittägliches Leben, rasen die Autos, die Marktwagen rattern, Gemüsefrauchen mit hochbepackten Spankörben auf dem Rücken biegen in die Pappelallee, die an den frühlingsdunstigen Flußauen entlang zu den kieferdunklen Hügelkuppen führt, durch deren Wälder die sonnenweiße Rauchfahne eines Zuges schleift. Vergißmeinnichtblau glänzt der breite Fluß, wenige, langgereckte, dunkle Kähne ziehen langsam mit der Strömung. Sonnendunst liegt über der Vorfrühlingslieblichkeit der Auenufer, die in goldenem Duft verschwimmen. Auf dem linken Stromufer liegt die Altstadt, das „Vrankenvordere” der deutschen Siedler, die hier, wo die uralten Handelsstraßen vom Nordostdeutschland und den Gebirgsländern Schlesiens, von der Mark und den slawischen Ostgebieten sich schnitten, die feste Stadt an der Oder anlegten, berühmt durch Messen und Gelehrsamkeit durch die Jahrhunderte. Von dem alten Glanz Frankfurts ist nicht viel geblieben, aber das Stadtbild hier vom Fluß, mit der wuchtigen Marienkirche, mit dem schlanken Rathausturm, mit den Doppeltürmen der Reformierten Kirche und dem ungeheuerlichen turmlosen Schiff der backsteinernen Barfüßerkirche gibt doch noch gut das Bild der Stadt wie es Jahrhunderte lang der Märker sah, wie es die Menschen sahen, deren Namen ich trage. Denn hier, in der Odergegend, wohnten meine Vatersväter. Sie saßen in den Auen, auf den Hügeln, waren freie Leute in ihren Mühlen, auf ihren Höfen, bis der deutsche Siedler sie und die Ihren in den Kietz drängte. Wurden allgemach wieder frei, sprachen und fühlten wie die Zugezogenen, mit deren Blut und Art sie sich vermischten, und sahen, ob sie im Bruch, ob sie in der kleinen Stadt östlich an den Hügeln saßen, die damals Wein trugen, in dieser Stadt an der Oder ihre Hauptstadt.

Von einem berühmten Schriftsteller las ich in einem Reisebericht, wie er in die Stadt kommt, aus der sein Vater einmal in die Großstadt gezogen war. Der große Mann bemerkte mißbilligend, daß es eine sehr kleine Stadt sei – sonst fand er kein Wort mehr, daß er an solchen Unwert verschwendete! Nun geht es mir ja, wie den meisten Ostpreußen – wo ich in Deutschland hinkomme, einer meiner Ureltern ist sicher von dort nach Ostpreußen gezogen. Und es war ein großer Augenblick in meinem Leben, als ich zum erstenmal in den Bergen war, aus denen die Voreltern meiner Mutter stammten. Johannisabend war´s, auf allen Bergwiesen flammten die Sonnwendfeuer, die Radstätter Bauern standen im Schnee, und in den Tälern, die die rasche, blaue Dämmerung füllte, blühten Rosen und Linden. Ueberschwenglich herrlich standen die blassen Schneefelder, die dunkelblaue Kuppelwucht des Heiligen Untersbergs überm Tal, und ich verstand, wie trotz aller Bitternis des Vertriebenen, trotz gläubiger Fassung, trotz Dank gegen die neue Heimat, die Acker und Wohlstand gab, bis zum Tod das Heimweh nach diesem Land in den Herzen der Auswanderer brannte.
Ich sah das Straßburger Münster wie eine Monstranz über dem „beau jardin” des blühenden Elsaß, das bis zum Ende mit Tränen ersehnte Jugenddorado des Vorfahren, dem ich am meisten gleiche. Ich sah Amsterdam, das alte, düstere men-schenkribbelnde, das für viele unter den Meinigen nicht nur die schönste Stadt der Waterkant war, und die einzige, wo man zu leben, zu kochen und Blumen zu lieben verstand – sondern auch das Jerusalem, wo das Allerheiligste ihres reformierten Glaubens war.

Aber nichts hat mich so ergriffen wie diese Wanderung durch die Oderstadt. Vielleicht weil sie, die hier einmal wohnten, die letzten meiner Väter waren, die nach Preußen gingen, weil ihr Erleben hier mir noch durch direkte Überlieferung vertraut. Aber doch vielleicht, weil sie es waren, deren Name ich führe. Kein modern aufgeklärtes Großstadtempfinden auch bei dem Traditionslosesten kommt über die mystische Bedeutung des Namens hinweg, und sei er wunderlich oder häßlich oder alltäglich, jeder ist stolz auf seinen Vatersnamen. Auch wenn weise Leute einem gern klarmachen wollen, daß er (und überhaupt ein Vater) eigentlich ganz was Überflüssiges sei, sozusagen eine rein theoretische Spielerei des Standesamts. Im Grund denkt jeder dabei wie ich: das kannst du mir lange erzählen! und sieht den Vatersnamen nach wie vor als die schicksalsbestimmte Ergänzung zu seinem Taufnamen an. Der ist der Ruf, mit dem Gott ihn einmal zu sich befehlen wird; dieses der, mit dem die Umwelt ihn nennt, die für ihn, wenn er ein rechter Bürger ist, doch Gleichnis und Gewähr des anderen Reiches bedeutet.
Immer habe ich hier reisen wollen, immer zerschlug es sich. Nun auf einmal fügte alles sich und am Vorabend meines goldenen Lebensjahres, gerade da, wo man noch frohen Anteils voll ist und doch schon beschaulich und nicht ohne Erwartung verschiedener Reisen, auf die man sich in der Jugend weniger zu freuen pflegt, wird mir dieser Wunsch auf´s freundlichste erfüllt.

Marienkirche 1900 auf einer Ansichtskarte

So wandere ich denn fröhlich und ein bißchen feierlich durch die Stadt, die sich (mir als Königsberger recht angenehm) bergan auf den Uferhügeln überm Stadtkern im sumpfigen Flußtal aufbaut. Wunderschön, prunkvoll wie oft in der Mark, ist der Südgiebel des Rathauses. Um das Rathaus steht Bude an Bude, es ist Jahrmarkt, der letzte Nachklang der berühmten Remi-niszeremesse, aus der Zeit, als Frankfurt eine große Handelsstadt war und Stapelrecht besaß. Die alten Häuser am Markt und in den Nebenstraßen sind imponierend hoch, gar nicht kleinstädtisch, mit riesigen, mehrstöckigen Böden, wie in Nürnberg, und die alten Kirchen beweisen das Selbstgefühl der Bürger, die sie bauten und dotierten. Die schönste, die Marienkirche, muß einmal ein erhebender gotischer Dom gewesen sein. Aber unter Schinkels Leitung ist sie im Innern grausig und ganz unvertilgbar ins Klassische umfrisiert. Es ist das lehrreichste Kolleg, das je in Frankfurt gelesen ist, diese Verballhornung. Jeder, der einmal in diese Kirche ging, weiß sofort, wie ewig fremd diese Kunstrichtung unserem deutschen Empfinden war, er weiß, daß man in ihr keine Kirchen bauen konnte. Es gibt heute noch einen Schauer religiöser Ergriffenheit, wenn man vor den Ruinen der antiken Tempel steht, ihre ungeheure Säulenkrone über der Verlassenheit der purpurnen Ebene aufragen sieht. Aber das in Bildungsséancen beschworene Gespenst der Antike war so bleichsüchtig, areligiös, wie ein Großstadtbackfisch, und was es hier in seiner Superklugheit zerstört hat, ahnt man noch vor einigen Ueberbleibseln. Aber selbst das schöne Taufbecken des kunstreichen Gießermeisters Arnold, selbst die triumphierende Freude seines siebenarmigen Leuchters, der seine gewundenen Arme weit ausbreitet, können gegen so viel weißgetünchte und verbildete Nüchternheit nicht an.
Gern hätte ich den schönen, spätgotischen Altar genau besichtigt. Aber St. Hedwig wurde gerade photographiert, und die Märchenkrone der entzückenden Mutter Gottes – blond und rosig strahlend – wurde von einem eifrigen Gehilfen, hoch auf einer Jakobsleiter, mit einem extra großen Flederwisch abgestäubt, während der stattliche Meister eine Art Jupiterlampe über das Goldgefunkel spielen ließ. So hielt ich mich an die alten Epitaphbilder im Chorumgang. Man hat sie mit größter Sorgfalt aufgefrischt und aufgestellt, und unter ihnen ist eins der tiefsten und ergreifendsten Totentanzbilder, das ich je antraf.


Trotz dieser Einzelschönheiten kommt aber keine Stimmung auf, man wundert sich nicht, daß die Marienkirche über der Vorahnung dieser Restaurierung halb den Kopf verlor und am Pfingstmontag vor Schinkels Wirken ihren einen Turm niederprasseln ließ (ohne daß auch nur ein Spatz dabei zu Schaden kam). Jetzt nach hundert Jahren hat man dem Turmstumpf einen soliden Giebelhelm in braver Backsteingotik aufgesetzt. Er bringt die altersdunkle Eigenwilligkeit der wohlerhaltenen Außenhülle der Kirche, an der Generationen ihr Können ansetzten wie Austern an ihrer Bank, zu reizvoller Wirkung.
Neben der Kirche, am Rathausplatz, läßt das sehr erneuerte Leinweberhaus noch ahnen, wie stattlich es einmal war. Dort in dem Gäßchen nach der Taufkapelle zu hielten die Bunzlauer ihr blaubuntes und braunes Töpferzeug feil.
Festlich war die alte Hansestadt noch mit dem Nachglanz ihrer Messe. Und nicht nur für meine Augen schön, die überall das Alte suchten, das noch Augen sahen wie meine. Wie viele unsrer Mittelstädte quirlt sie von Leben und Lebenswillen, zeigt auf Schritt und Tritt, auch in Abputz und Anstrich, vorbildliche Neubauten, vom Musterbahnhof bis in die Siedlungen an den Hügelhängen. Und besitzt allerschönste Gartenanlagen. Die alte Stadtmauer sieht aus den Fensterchen ihrer eingebauten spitzgiebeligen Fachwerkhäuschen in eine Wirrnis uralten Baumbestandes, an den Resten des Wallgrabens. In der sanfteren, märkischen Märzluft blühen Schneeglöckchen und Winterling, erste, lichtgrüne Grashalme schimmern über der feuchten Erde, das Gebüsch ist dunkelpurpurn von Erlenkätzchen, scharlachrot und strahlend gelbgrün glänzen die saftquellenden Zweige der Weiden und Hartriegelsträucher, Haseln stäuben, Birken wehen mit braunem Kätzchenhaar, und aus dem efeudunklen Grund, aus den sonnetropfenden Kronen der riesigen, uralten, einzig schönen Silberpappeln, die den Ruhm dieses Parks bilden, kommt Vogelschlag, der ganze Hain ist ein seliges Frühlingslied.


Am süßesten ist das Trillern auf dem alten, großen Friedhof, in dessen Gartenstille Ulrike von Kleist, die geliebte Schwester des Dichters, schläft. Er hat sein schönes Gedenkmal mitten in der Stadt, vor dem alten Barockbau des St.-Spiritus-Hospitals, dort auf dem ehemaligen Kirchhof, wo auch das Denkmal für Ewald von Kleist steht. Im Mondschein stand ich dort, das erste war’s, was ich sah. Eine mächtige Pappel ragt hinter dem sinnenden Genius, über den gebrochenen Dächern dämmerte silberne Bläue, und die mondglänzende, ruhige Jünglingsgestalt mit der Leier blickte hinauf nach der ew´gen Flur überm Gitter der kahlen Zweige, wo der himmlische Jäger mit seinen Hunden jagte. Und ich fühlte hier, mehr als vor dem einsamen Grab in Wannsee, was Kleist uns bedeutet, und was es meint, Preuße zu sein.


Tiefer aber noch fühlte ich es an meinem letzten Morgen dort auf der Terrasse des wunderschönen Ostmarkstadions, vor den Waldhöhen, deren grüne Kiefernkronen leise im Morgenwind orgelten. Drüben, jenseits des Stromes, lag die alte Stadt mit Türmen und Dächergewirr, in den Dammwiesen dunkelten schlanke Alleepappeln, glänzten die gelblichen Rasenflächen des Sportplatzes, über die schimmernde Bläue der Schwimmbecken zogen die Schwäne, und breit und ländlich behaglich lag da unten das „Rote Vorwerk”, Obstbaum an Obstbaum badete seine Krone im milden Licht.
„Dort lag Laudon! Dort, wo damals noch alles Sumpf war, schlug er den Knüppeldamm! So schnitt er den Weg ab, so erreichten seine Truppen die Höhen vor den abgekämpften Preußen.”

Die älteste Stadansicht von Frankfurt / Oder – Holzschnitt von 1548

Die Stimme des alten Herrn bebt vor Erregung, er zeigt nach dem Wald, wo das Unheil über Friedrichs Heer hereinbrach am Schicksalstag von Kunersdorf.
Und wir beide, die uns nie vorher sahen, nie wieder begegnen werden, der Greis und ich, der Märker und die Ostpreußin, sind auf einmal einander nah wie Geschwister, glühend in dem Gefühl, höher als alle Vernunft, das neben der Flamme des Glaubens uns Sterblichen als Stärkstes und Bewegendstes verliehen ist. Fühlen wieder beim Klang des großen Namens den Schauer, der unsre Vorväter durchrann, den jede Nation fühlt, wenn aus ihr der Genius aufsteigt, der das Antlitz der Welt wandelt – die Gnadengewißheit, auserwählt zu sein unter den Völkern. Und schmetterten noch einmal mit den Zerstäubten nieder im Ikarussturz jenes Tages. Sie suchten nach Trost, heimlich, in der Bodenkammer, wo der Kleinste, geborgen vor der feindlichen Soldateska, die durch das Haus lärmte, im Wiegenkorb schlief, däumelten sie in der Bibel.
Unten glänzt die Au, Sonne streift die Krone der alten Eiche im Halbrund des Stadions. Trost wurde uns mehr, als jene Verstörten zu hoffen wagten nach alter Verheißung. Wir sahen den Sonnenflug unsrer Adler. Aber wir sahen auch ein Abendrot, blutiger als das von Kunersdorf.
Die Kiefern sausen, Harzduft und der Hauch sprossenden Grases treibt im milden Märzwind, ein Fink probt seinen Schlag. Das schöne Stadion liegt heiter und festlich bereit für eine neue, blühende Jugend, für die Kinder der alten wiedererwachenden Hansestadt drüben an der Oder. Wir gehen, Märker und Preuße, zum Staub unsrer Väter, die der Heimat lebten.

24.3.1928, 2. Beil.

Dieser Artikel wurde erstmals seit Erscheinen in der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ wiederveröffentlicht in dem Buch:

Agnes Miegel, Wie ich zu meiner Heimat stehe – Neuauflage im Dezember 2021 –Vorbestellung sind erwünscht!
Agnes Miegel, Wie ich zu meiner Heimat stehe (Hrsg. Helga und Manfred Neumann)

Feuilletonistische Texte

Zum 1. Oktober 1926 wechselte Agnes Miegel von der „Ostpreußischen Zeitung“ als freie Mitarbeiterin zur „Königsberger Allgemeinen Zeitung“. Ihre Beiträge umfaßten Begebenheiten aus dem Alltag, einfühlsame Natur- und Landschaftsbeschreibungen, interessante Reiseberichte und sachkundige Stadtführungen in ganz Deutschland – Artikel, die nahezu ausnahmslos in der anspruchsvollen Unterhaltungsbeilage der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ erschienen. Ab dem Jahre 1930 ließ Agnes Miegel ihre journalistische Mitarbeit auslaufen. Dennoch meldete sie sich in den Folgejahren immer wieder mit vereinzelten Publikationen bei ihrer Leserschaft zurück.
Erstmals liegen nun ihre feuilletonistischen Texte und Gedichte in Buchform vor. Die Wiederentdeckung dieser wertvollen Zeitungsbeiträge bedeutet für die Literaturwissenschaft eine kleine Sensation, für die Leser und Verehrer Agnes Miegels ein ganz besonderes Erlebnis und Lesevergnügen.

1879-1964
Gedichte von Agnes Miegel aus iherer letzten Lesung – von ihr selbst gesprochen. Dazu ostpreußische Heimatlieder.

Scheitert der „Great Reset“?

von Dr. Jens Woitas

Scheitert der „Great Reset“?

Der „Great Reset“ oder die „Große Transformation“ ist ein Begriff, über den – besonders innerhalb der demokratischen Gegenöffentlichkeit – im Zusammenhang mit der Corona-Krise viel diskutiert wird. Gemeint ist damit eine Veränderung, welche den Menschen und seine Lebensweise an hauptsächlich technische Erfordernisse anpasst, die von den Befürwortern dieser Transformation als alternativlos angesehen werden. Dies bedeutet vor allem ein „klimaneutrales“ Wirtschaften ohne Erzeugung von „Treibhausgasen“, aber auch eine Anpassung der menschlichen Arbeit und Lebensgestaltung an die Anforderungen der „Digitalisierung“. Weiterhin soll ein dauerhafter Weltfrieden dadurch entstehen, dass sich die bisherigen Völker durch Migrationsbewegungen miteinander vermischen und die heutigen Nationalstaaten weitgehend zugunsten von globalen bzw. europäischen Strukturen abgeschafft werden. „Geschlechtergerechtigkeit“ im Sinne des gender mainstreaming vervollständigt dieses Programm, für dessen Umsetzung manche seiner Protagonisten sogar den Transhumanismus, also die Verschmelzung des biologischen Menschen homo sapiens mit künstlicher, digitaler Intelligenz als gerechtfertigtes und wünschenswertes Mittel ansehen.

Da bei diesem Thema sehr leicht in den Bereich der „Spinnerei“ abgeglitten werden kann, sind an dieser Stelle einige Bemerkungen und Abgrenzungen notwendig: Zunächst einmal ist der „Great Reset“ alles andere als ein Hirngespinst. Der Begriff selbst stammt von einem seiner Protagonisten, nämlich von Klaus Schwab, seines Zeichens Vorsitzender des World Economic Forum (WEF, auch bekannt als „Davos-Konferenz“). Auch Angela Merkel sprach wiederholt von der „Notwendigkeit einer umfassenden Transformation unseres Lebens“, zuletzt bei der Weltklimakonferenz in Glasgow. Andererseits kann aus meiner Sicht der „Great Reset“ nicht als umfassender, sinistrer Plan von im Geheimen wirkenden „Verschwörern“ angesehen werden. Es gibt zwar eher lose Organisationsformen wie das bereits erwähnte WEF, aber keine aktive Konspiration. Es ist jedoch eine Tatsache, dass sich die große Mehrheit des weltweiten Aktien- und Finanzkapitals in der Hand von nur 150 bis 200 Einzelpersonen bzw. Familien befindet. Diese Gruppe stellt ein Konglomerat heimlicher Weltmächte dar, zu denen noch eine ebenfalls relativ kleine Zahl von staatliche Akteuren und mächtigen globalen Nichtregierungs-Organisationen (NGOs) hinzukommt, so dass wir es hier in der Tat mit einer weltbeherrschenden Oligarchie zu tun haben. Wirkliche „Verschwörung“ ist dabei gar nicht notwendig, da die – vor allem wirtschaftlichen – Interessen der einzelnen Spieler in den meisten Fällen nahezu von selbst parallel laufen.

In Teilen der Gegenöffentlichkeit wird der Fehler gemacht, im „Great Reset“ und seinen Vertretern die Inkarnation eines absoluten Bösen zu sehen, das sich in letzter Konsequenz auf den Satanismus zurückführen ließe. Es kann zwar nicht ausgeschlossen werden, dass einige „Global-Fürsten“ aus einem Cäsaren- und Größenwahn heraus destruktiven Antrieben folgen oder sich an satanistischen Praktiken beteiligen. Dennoch sind ihre Ziele nicht an sich böse. Wer wäre schon gegen ökologische Nachhaltigkeit, Völkerfrieden, technischen Fortschritt, soziale Gerechtigkeit, etwa durch ein bedingungslosen Grundeinkommen, oder gegen die wirksame Prävention von Covid-19, Krebs und anderen Krankheiten durch gentechnische Verfahren? Die Vision eines erfolgreichen „Great Reset“ hat offensichtlich große Ähnlichkeit mit Karl Marx‘ Bild des vollendeten Kommunismus, der allerdings in unserer Gegenwart durch den globalen Kapitalismus herbeigeführt werden soll. In beiden Fällen liegt das Böse nicht in der Zielsetzung selbst, sondern vielmehr in den Mitteln, die zum Zwecke ihrer Erreichung eingesetzt werden. Diese haben allerdings die ungute Eigenschaft, dass sie statt des Paradieses der Theorie fast immer die Hölle der Praxis erschaffen.

Im Unterschied zu vielen Vertretern der demokratischen Gegenöffentlichkeit sehe ich in unserer Gegenwart auch keinen von langer Hand vorbereiteten Plan zur Ausführung des „Great Reset“, bei dem „Verschwörer“ nach festen Vorgaben unerbittlich zum Schaden der Menschheit handeln würden. Dagegen spricht nämlich ein wesentlicher Glaubenssatz der global-liberalen Ideologie, auf den uns Alain de Benoist in seinem jüngst auch in deutscher Sprache erschienenen Werk „Gegen den Liberalismus“ hinweist: „Der Markt“ erschafft in den Augen der Liberalen auch aus dem größten Chaos heraus immer die bestmögliche Ordnung. Der Weg zu großen positiven Veränderungen besteht in dieser Denkweise also nicht in Planung, sondern darin, Unordnung und Unsicherheit zu erzeugen, auf dass daraus von selbst der Heilszustand des „Great Reset“ entstehe. Diese Vorgehensweise weist übrigens sehr deutliche Parallelen zum Maoismus auf. Der „Große Vorsitzende“ Mao Zedong erzeugte während der „Großen proletarischen Kulturrevolution“ absichtlich ein großes Chaos in China, um auf diese Weise den mühevollen Weg zum vollendeten Kommunismus abzukürzen. Das katastrophale Scheitern dieses Vorhabens ist allzu bekannt. Ohne diese Analogie zu weit zu treiben, kann man eine solche „kulturrevolutionäre“ Haltung auch als Leitmotiv der Kanzlerinnenschaft Angela Merkels verstehen. Sie erzeugte in ihren 16 Amtsjahren immer wieder durch disruptive Handlungen wie die Energiewende von 2011 oder die Massenmigration von 2015/16 bewusst Instabilität, wahrscheinlich in der (vergeblichen) Hoffnung, dass liberale Marktkräfte nach ihren „Rettungsaktionen“ die Verhältnisse von selbst in ein neues, besseres Gleichgewicht bringen würden. In der Corona-Krise wird dieses riskante Spiel mit einem neuen, diesmal sehr viel höheren, Einsatz auf die Spitze getrieben und damit in den letzten Tagen von Frau Merkels Amtszeit zu einem großen Finale gebracht, in dem sich die politische Bilanz der gesamten letzten 16 Jahre entscheiden wird.

Damit sind wir nun an einer Stelle angekommen, an der wir das bisher Gesagte auf unsere Gegenwart beziehen können. Ich habe an dieser Stelle schon früher die Ansicht vertreten, dass die Corona-Krise zwar keine „Plandemie“ ist, die uns von den Herrschenden nur als Mittel zu völlig anderen Zwecken vorgespielt wird, dass aber im praktischen Umgang mit dem realen Phänomen Covid-19 Interessen und Haltungen der politischen Akteure, die alles andere als medizinisch-virologischer Natur sind, eine gewichtige Rolle spielen. Hier werde ich mich auf den Punkt fokussieren, dass der Ausbruch der Corona-Krise im Frühjahr 2020 von den oben genannten globalistischen Mächten auch als ein willkommener Anlass dazu gesehen worden ist, weltweite Unsicherheit und Unordnung zu erzeugen, um auf diese Weise die Entwicklung zum „Great Reset“ dramatisch zu beschleunigen. Für diese These lässt sich eine Reihe von handfesten Begründungen anführen, sodass es sich dabei aus meiner Sicht keineswegs um eine „Verschwörungstheorie“ handelt. Erstens wurde mit dem geradezu putschartigen Übergang zu einem praktisch weltweiten Ausnahmezustand die öffentliche Meinung in einem vielleicht nie vorher dagewesenen Ausmaß uniformiert und „auf Linie gebracht“, was entscheidend wichtig für die gesellschaftliche Akzeptanz der angestrebten „umfassenden Transformation unserer Lebensweise“ ist. Gerade in Deutschland erfuhr gleichzeitig mit dem Beginn der Corona-Maßnahmen der „Kampf gegen rechts“ eine ungeheure Verschärfung bis hin zu staatlichen Willkürmaßnahmen, und gleichzeitig wird ein weitgehend unbelegter Pauschalvorwurf des „Rechtsextremismus“ bis heute zur Diffamierung aller Maßnahmen-Kritiker missbraucht. Zweitens wurde der Beginn der Corona-Krise in fast allen westlichen Staaten zum Anlass genommen, um – vordergründig zum Zwecke der Finanzierung wirtschaftlicher Ausgleichsmaßnahmen für den Lockdown – von einer Kreditaufnahme der Staaten am Kapitalmarkt zu einer direkten Staatsfinanzierung durch die Notenbanken umzusteigen. Dies ist deshalb so wichtig, weil zentrale Elemente des „Great Reset“ wie Energiewende und bedingungsloses Grundeinkommen (als sozialer Ausgleich für durch Digitalisierung verlorengegangene Arbeitsplätze) derartig kostenintensiv sind, dass sie sich überhaupt nur durch Gelddrucken nach Maßgabe der Modern Monetary Theory (MMT) finanzieren lassen. Drittens wurde die Corona-Politik von Anfang an mit dem Thema des „Klimaschutzes“ verquickt, insbesondere im Zusammenhang mit dem Green New Deal der Europäischen Union. Zu diesem Zweck fand eine gravierende Umdeutung des deutschen Verfassungsrechtes statt, welche erst den Corona-Schutz, dann auch den Klimaschutz zu „Super-Grundrechten“ erklärte, die weit über den eigentlichen Grundrechten stehen und diese dann auch nach Belieben außer Kraft setzen können (Klima-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 29. April 2021). Viertens wurden selbst angesichts von Lockdown, Quarantäne-Maßnahmen und Grenzschließungen keine Abstriche von der Forderung gemacht, dass jeder Asylbegehrende mit dem Überschreiten der deutschen Staatsgrenze ein Recht auf dauerhaften Aufenthalt, Familiennachzug und unbegrenzten Bezug von Sozialleistungen erwirbt. Die flächendeckende Beschallung der im Lockdown ausgestorbenen deutschen Städte durch Muezzin-Gesänge im Frühjahr 2020 wirkte wie ein Zeichen dafür, dass der deutsche Nationalstaat zugunsten globalistischer „Multikulturalität“ faktisch aufgehört hatte zu existieren. Fünftens ist spätestens heute klar erkennbar, dass die Corona-Politik von Anfang mittels der Covid-19-Impfungen den weltweiten Durchbruch der sogenannten mRNA-Technologie erreichen wollte, also eine flächendeckende Anwendung der Gentechnologie am lebenden Menschen. Auch wenn die mRNA-Impfstoffe nicht unser Erbgut verändern, sondern „nur“ unsere Immunabwehr, kann man dies durchaus als Einstieg in den Transhumanismus auffassen.

Trotz dieser scheinbaren „Erfolgsbilanz“ der Protagonisten des „Great Reset“ wage ich hier die These, dass sich in unserer unmittelbaren Gegenwart das Scheitern dieses Programmes schon deutlich abzeichnet. An mindestens drei zentralen Punkten wurden nämlich die Erwartungen der globalen Eliten nicht erfüllt. Erstens misslang die ideologische „Gleichschaltung“ der westlichen Gesellschaften. Eines der wesentlichen bisherigen Ergebnisse der Corona-Krise ist nämlich ein dramatischer Vertrauensverlust bisheriger „Leitmedien“, wie er sich etwa an drastisch sinkenden Auflage-Verlusten vormals meinungsbildender Printmedien äußert, zugunsten eines ungeheuren Aufschwunges einer Gegenöffentlichkeit – vor allem, aber nicht nur im Internet. Auch die zunehmende Meinungszensur der Internet-Konzerne kann daran kaum etwas ändern, weil es nämlich in der Anfangsphase der Corona-Krise nicht gelungen ist den – damals hauptsächlich „rechten“ – Gegner und damit die Meinungsfreiheit als solche völlig auszuschalten. Heute müssen selbst Propagandamedien wie die ARD-„Tagesschau“, wenn auch in diffamierender Weise, immer wieder über die Gegenöffentlichkeit berichten und damit zeigen, dass diese ernst genommen werden muss und keineswegs nur aus „Spinnern“ besteht. Zweitens sind die gegenwärtigen inflationären Tendenzen – im Unterschied zur Meinung von Teilen der Gegenöffentlichkeit – mit Sicherheit nicht im Sinne der Urheber des „Great Reset“. Sie zeigen nämlich überdeutlich die Grenzen der erwähnten Modern Monetary Theory und damit der Illusion einer unbegrenzten Verfügbarkeit von Finanzmitteln auf. Darüber hinaus ist eine Analogie zwischen dem heutigen internationalen Kapital und den „Inflationsgewinnlern“ von 1923 schlichtweg falsch. Gerade typische Global Player wie Amazon, Apple, Google oder Facebook verfügen kaum über Sachwerte, welche eine Hyperinflation unbeschadet überstehen könnten, sondern nur über ein bereits jetzt inflationäres Geldvermögen. Drittens ist auch das heute bereits offensichtlich gewordene Scheitern der Corona-Impfkampagne mit Sicherheit nicht Bestandteil eines sinistren Planes. Im Gegenteil: Nur eine wirklich stabile Immunisierung durch zwei Injektionen hätte zum einen den dringend benötigten Erfolg der mRNA-Technologie dargestellt, zum anderen aber auch das notwendige Vertrauen in die Protagonisten des „Great Reset“ gesichert bzw. wiederhergestellt. Stattdessen findet nunmehr ein Vertrauensverlust sowohl in die Impfungen als auch in die gesamte Corona-Politik statt, dessen Folgen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht überblickt werden können. Im Sinne der Urheber des „Great Reset“ ist dies jedoch mit Sicherheit nicht. Man könnte hier noch als einen vierten Punkt anführen, dass sich die bisherige Strategie für eine „Energiewende“ zunehmend als praktisch unausführbar erweist, weil sich bereits heute Energie- und Rohstoffknappheit zu einem Zeitpunkt deutlich bemerkbar machen, an dem etwa die flächendeckende Einführung der „Elektromobilität“ erst in ihren Anfängen steckt. Allenfalls die verteufelte Kernenergie könnte hier für Besserung sorgen, was mit Sicherheit nicht in das Konzept eines „Great Reset“ passen würde.

Was bedeutet dies alles für die demokratische Gegenöffentlichkeit? Wer gegen die Globalisierung und die damit verbundenen Politik des „Great Reset“ ist, der wird natürlich mit Erleichterung die Tatsache registrieren, dass diese Entwicklungen sichtbar an ihren eigenen Widersprüchen scheitern. Damit ist es jedoch nicht getan. Eine große Gefahr für uns alle liegt nämlich darin, dass die etablierte Politik nicht mehr dazu in der Lage sein könnte, Auswege aus dem selbsterzeugten Chaos zu finden. Das große Problem wäre dann nicht ein verborgener Plan für einen „Great Reset“, sondern vielmehr das völlige Fehlen eines solchen Planes. Wer eine Alternative zu dieser Politik vertreten will, muss also zu allererst ein Konzept dafür besitzen, wie sich möglichst schnell wieder geordnete Verhältnisse herstellen lassen. Ein großer Schwachpunkt von Corona-skeptischen Bewegungen wie den „Querdenkern“ besteht dabei aus meiner Sicht darin, dass sie in ihrem berechtigten Widerstand gegen die Corona-Politik den status quo ante der Jahreswende 2019/20 gleichsam zu einem Idealzustand erklären. In Wirklichkeit waren aber schon zu diesem Zeitpunkt viele Fehlentwicklungen sehr weit fortgeschritten, die sich im Zuge der Corona-Krise nochmals dramatisch verschärft haben: Die internationale Schulden- und Finanzkrise, die Staatszersetzung im Gefolge der Massenmigration, eine wachsende Bereitschaft zu politisch-religiöser Gewalt, weltpolitische Instabilität, Verschleiß der staatlichen Substanz, Demokratieabbau, Verarmung, Bildungsverfall und auch die aus meiner Sicht durchaus reale Umwelt- und Klimaproblematik. Ein Zurück zum Zustand „vor Corona“ wäre also weder realistisch noch wünschenswert. Stattdessen kommt es meiner Meinung nach darauf an, dem Begriff des „Great Reset“ einen neuen, besseren Sinn zu geben. Eine Transformation unserer Lebensverhältnisse muss keine Schreckensvision darstellen, wenn sie sich an den Bedürfnissen des biologischen Menschen homo sapiens orientiert, anstatt diesen Menschen nach den Vorgaben scheinbar alternativloser technologischer Zwänge neu erschaffen zu wollen. Dazu ist es vor allem anderen notwendig, dass sich das demokratische Staatsvolk auf nationaler und europäischer Ebene endlich wieder als ein solches konstituiert und sich dann in einer ergebnisoffenen und realitätsbezogenen Diskussion die Frage stellt: „Wie wollen wir leben?“ Eine detaillierte Beschreibung eines solchen positiven „Great Reset“ würde den Rahmen dieses Essays sprengen. Daran interessierte Leser verweise ich auf mein im Lindenbaum-Verlag erschienenes Buch Revolutionärer Populismus. An dieser Stelle ist vor allem wichtig, dass trotz der riesigen Probleme unserer Gegenwart und der scheinbaren Übermacht unserer Gegner durchaus eine nicht geringe Hoffnung auf Besserung besteht.

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Dr. Jens Woitas

Jens Woitas, geboren 1968 in Wittingen (Niedersachsen), verheiratet, lebt (mit einigen Unterbrechungen) seit 1970 in Wolfsburg. Abitur 1988, dann Zivildienst und Tätigkeit als Gartenarbeiter. Studium der Physik in Clausthal-Zellerfeld und Tübingen, dann Promotion zum Doktor der Naturwissenschaften in Heidelberg (1999). Wissenschaftlicher Mitarbeiter an astronomischen Forschungsinstituten in Tübingen, Heidelberg und Tautenburg (1995-2005), dann Unternehmensberater. Seit 2011 Erwerbsunfähigkeitsrentner. Von Kindheit an lebhaft an Politik, Geschichte, Literatur und Religion interessiert, Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche und von 2017 bis 2020 Mitglied der Partei DIE LINKE. Neben einer Reihe von Artikeln in astronomischen Fachzeitschriften auch Autor einer autobiographischen Erzählung (Schattenwelten, Mauer Verlag, Rottenburg am Neckar 2009). In den letzten Jahren intensive Beschäftigung mit dem Denken des Neomarxismus und der „Neuen Rechten“ unter Einbeziehung französischer Originaltexte, insbesondere von Alain de Benoist und Jean-Claude Michéa.

Im Lindenbaum Verlag ist soeben das Buch „Revolutionärer Populismus. Das Erwachen der Völker Europas“ von Dr. Jens Woitas erschienen und kann hier bestellt werden: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/revolutionaerer-populismus/

Polens rechtstreuer Grenzschutz und die unheilige Allianz der perfiden Migrantenlobbyisten!

von Klaus Kunze

Polens rechtstreuer Grenzschutz und die unheilige Allianz der perfiden Migrantenlobbyisten!

Die unheilige Allianz

Als in Mainz einst noch gesungen und gelacht wurde, fragte der Karnevalspräsident das Publikum vor dem Auftritt von Karnevalisten: “Wolle mer se neilasse?” Das ist lange her. Heute ist uns das Lachen vergangen, denn wir werden nicht mehr gefragt, ob und wen wir reinlassen wollen.

“Jetzt sind sie nun mal da”, hatte unsere oberste Vertreterin von Migranteninteressen 2015 scheinheilig geseufzt. Tatsächlich besteht eine unheilige Allianz verschiedener Interessengruppen, die möglichst viele Ausländer in Deutschland ansiedeln möchten. Die Konzerne benötigen neue Verbraucher, der Staat sehnt sich nach Steuer- und Beitragszahlern, Linksextremisten möchten das deutsche Volk ethnisch umkrempeln und verrecken lassen, Kirchenfürsten mahnen von der Kanzel Nächstenliebe an.

Die Melodie ist überall dieselbe, nur die Texte leicht unterschiedlich. Diese Sänger lieben Ausländer so sehr, daß sie möglichst viele in Deutschland haben wollen. Sie instrumentieren sie auf ihre jeweils eigene Weise. Deutschland soll sich von Grund auf verändern, darauf freuen sie sich, und das bezwecken sie. Darum hängen sie selbst jenen, die sich an den Außengrenzen zusammenrotten und gewaltsam eindringen wollen, das Mäntelchen des armen Flüchtlings um und versehen ihn mit dem Heiligenschein des Asylsuchenden.

Während unsere europäischen Nachbarn buchstäblich ihre Knochen dafür hinhalten, nicht von Grenzbrechern überrannt zu werden, müssen sie sich von unserer linksextremen Medienschickeria und Parteivertretern noch beschimpfen lassen. Aus schwarz machen sie weiß, aus Unrecht Recht und Recht soll als Unrecht dastehen. Nachdem Lukaschenko sich in arabischen Ländern 5000 € für eine Flug nach Minsk mit garantierter Schleusung nach Polen zahlen läßt, bringen die armen Verfolgten schon Bolzenschneider und Äxte mit, um Stacheldraht zu überwinden und Bäume als Rammen zu fällen. Die Bilder gingen um die Welt.

Polen verhält sich rechtmäßig

Jedes Land hat das Recht, seine Grenzen gegen gewaltsame Eindringlinge zu verteidigen. Gäbe es ein höherrangiges, ein internationales Recht, welches dem Land den Schutz seiner Grenzen verbietet, wäre das Land gut beraten, aus einem solchen Rechtssystem auszutreten.

Das EU-Recht gibt dazu allerdings keinen Anlaß. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat genau solch einen Fall 2020 entschieden, wie er sich an der polnischen Ostgrenze jetzt wieder ereignet. Das war geschehen:

Am 13.8.2014 versuchten sie um 4 Uhr 42 mit rund 600 anderen Migranten, die Grenze zu Melilla zu überwinden. Während die meisten von der Guardia Civil daran gehindert werden konnten, über den Zaun zu klettern, gelang es den beiden Bf. und circa 75 anderen, den höchsten Punkt des innersten Zauns zu erreichen. Nachdem sie rund acht Stunden auf dem Zaun ausgeharrt hatten, verließen sie diesen am frühen Nachmittag mit Hilfe einer von der Guardia Civil bereitgestellten Leiter. Sobald sie festen Boden unter den Füßen hatten, wurden sie von den Beamten festgenommen. Diese legten ihnen Handfesseln an, brachten sie zurück nach Marokko und übergaben sie den marokkanischen Behörden.

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, N. D. und N. T. gg. Spanien, Aktenzeichen 8675/15 und 8697/15, Urteil vom 13.2.2020, Große Kammer

Die gewaltsamen Grenzbrecher hatten ebensowenig versucht, an einer regulären Grenzübergangsstelle Asyl zu beantragen, wie es die von Lukaschenko in den tiefen Wald gekarrten Araber nicht für nötig halten. Die Bilder gleichen sich, ob an der spanischen Grenze in Ceuta, an der griechischen Landgrenze zur Türkei oder im polnischen Wald: Ein gewaltbereiter, teils bewaffneter Mob versuchte die Grenze im Sturm zu nehmen. Beim EuGH gab es dafür keinen Rabatt:

Nach Ansicht des Gerichtshofs (GH) muß derselbe Grundsatz auch gelten, wenn durch das Verhalten von Personen, die eine Landgrenze auf rechtswidrige Weise überqueren und dabei bewußt ihre große Zahl ausnutzen und Gewalt anwenden, eine eindeutig destabilisierende Situation geschaffen wird, die schwer zu kontrollieren ist und die öffentliche Sicherheit gefährdet. In diesem Kontext wird der GH allerdings bei der Prüfung einer Beschwerde unter Art. 4 4. Prot. EMRK maßgeblich berücksichtigen, ob der belangte Staat unter den Umständen des konkreten Falls wirklichen und wirksamen Zugang zu Mitteln der rechtmäßigen Einreise vorsah, insbesondere durch Verfahren an der Grenze. Wenn der belangte Staat solchen Zugang vorsah, ein Bf. aber keinen Gebrauch davon gemacht hat, wird der GH im vorliegenden Kontext und vorbehaltlich der Anwendung von Art. 2 und Art. 3 EMRK berücksichtigen, ob es zwingende Gründe dafür gab, dies nicht zu tun, und ob diese Gründe auf objektiven Tatsachen beruhten, für die der belangte Staat verantwortlich war.

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, N. D. und N. T. gg. Spanien, Aktenzeichen 8675/15 und 8697/15, Urteil vom 13.2.2020, Große Kammer

Der EuGH hat die Klage abgewiesen und Spanien Recht gegeben. Es durfte die Eindringlinge kurzerhand am Kragen packen und wieder hinauswerfen.

Wo solche Vorkehrungen bestehen und das Recht gewährleisten, in wirklicher und wirksamer Weise nach der Konvention und insbesondere Art. 3 Schutz zu begehren, hindert die EMRK Staaten nicht daran, in Erfüllung ihrer Verpflichtung, die Grenzen zu kontrollieren, zu verlangen, daß Anträge auf einen solchen Schutz bei den bestehenden Grenzübergängen gestellt werden […]. Folglich können sie Fremden, einschließlich potentieller Asylwerber, die es ohne zwingende Gründe verabsäumt haben, diesen Regelungen zu entsprechen, indem sie versuchen, die Grenze an einem anderen Ort zu überqueren – und dabei insbesondere wie im vorliegenden Fall ihre große Zahl ausnutzen und Gewalt anwenden – die Einreise in ihr Staatsgebiet verweigern.

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, N. D. und N. T. gg. Spanien, Aktenzeichen 8675/15 und 8697/15, Urteil vom 13.2.2020, Große Kammer

Die polnischen Grenzer haben alles Recht, gewaltsam Eingedrungene am Kragen zu packen und zu den drüben grinsend wartenden Weißrussen zu schicken.

Die Mär von den illegalen Pushbacks

Gleichwohl trommeln unsere üblichen Verdächtigen in ihren Propagandamedien tagein tagaus und singen ihr Lied von den angeblich illegalen Pushbacks. Sie greifen seit Monaten Ungarn und Kroatien an, die ihre Grenzen und damit zugleich uns vor gewaltbereiten Eindringlingen verteidigen.

Tränendrüsen- und Lügenpropaganda

Ihre Propaganda zielt auf unsere moralischen Tränendrüsen und ist im Kern eine Lügenpropaganda.

Wie 2015 im Fall der wirklichen oder vorgeblichen Kinderleiche am Strand der Ägäis lügen sie mit Bildern.

Eine bebilderte Twitter-Meldung zeigte ein Kind auf der weißrussischen Seite der polnischen Grenze, dem Rauch in die Augen gepustet wurde, um sogleich von einem polnischen Tränengaseinsatz berichten zu können. Vielfach wird solche Desinformation von Minsk oder Moskau gesteuert. Putin ist da von Hause aus vom Fach. Mit Desinformation sollen die EU und ihre Mitgliedsländer destabilisiert werden.

Solche Propaganda wirkt nur, wenn die Fachleute schon vor solchen getürkten Vorfällen am Ort sind, um sie zu filmen und ihre Lügen medial zu verbreiten. Ohne eine eingespielte Infrastruktur könnten sie nicht “zur rechten Zeit am rechten Ort” sein.

Die Bemühungen der östlichen Potentaten, die EU und unser Land zu destabilisieren, vereinen sich mit gleichgerichteten Absichten eines Teiles unserer einheimischen Linksextremisten, den Profitinteressen von Schleusern und den Plänen sogenannter Menschenrechtsaktivisten. So jammerte bereits ein “Generalsekretär” eines eingetragenen Berliner Vereins mit hochtrabendem Namen:

Menschenrechtler sind fassungslos.  […] Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bedeutet für Schutzsuchende offenbar keine Hoffnung mehr. Aber das kann sich auch wieder ändern. Gerichte sind nur die letzte Zuflucht. Wir müssen gemeinsam dafür kämpfen, dass die Europäer wieder für die von ihnen behaupteten Werte und vor allem für die Grundrechte aller Menschen einstehen.

Wolfgang Kaleck, Jahrgang 1960, ist Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR), hier im Interview mit Steffen Lüdke, Der Spiegel 14.2.2020, “Das Urteil macht die Festung Europa dicht”

Auch mir kommen da die Tränen der Fassungslosigkeit und der Rührung.

Dieser Artikel erschien auch auf der stets sehr informativen Seite von Klaus Kunze:

“Wolle mer se neilasse?”



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Klaus Kunze



Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

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Und das neue Werk von Klaus Kunze: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

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Die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 – bewegte und bewegende Tage

von Matthias Koeppel

Die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 – bewegte und bewegende Tage

Die Öffnung der Berliner Mauer vollzog sich aus meiner Sicht — und ich war überall mit dem Skizzenblock dabei — in drei Schritten: Da war die Nacht vom 9. November 1989, die Tage darauf fand die große „Besetzung“ der breiten Mauer am Brandenburger Tor statt, und dann das Herausheben des ersten Mauerstückes am Potsdamer Platz in den frühen Morgenstunden des 12. Novembers. Unser damaliger Bundespräsident traf erstmalig mit einem Offizier der Volkspolizei zusammen, der den ordnungsgemäßen Ablauf der Aktion bestätigte und seine Aussage mit dem historisch gewordenen Halbsatz beendete: „Keine besonderen Vorkommnisse, Herr Präsident“.

Ich habe diese bewegten und bewegenden Tage alle mit dem Zeichenstift verfolgt.

Am Abend des 9. November war ich zur Geburtstagsparty von Ulrich Schamoni eingeladen, als Klaus Landowsky reingestürmt kam und verkündete, er käme gerade vom Brandenburger Tor, die Mauer sei offen. Ein aufgeregtes Raunen ging durch die Menge der Gäste, der Saal leerte sich sofort, und alles strömte in Richtung Mauer. Ich hatte einen Smoking an und darüber einen viel zu leichten Trenchcoat. Es war bitterkalt in jener Nacht, aber in dem Trenchcoat steckten gottseidank mein kleiner Skizzenblock und ein Bleistift, so daß ich vor Ort die ersten Zeichnungen machen konnte.

„Stasi-Schwein, hau ab!“ riefen mir irritierte Bürger zu, die dachten, daß jemand, der mit Block und Bleistift hantiert und sich dazu noch mit einem Smoking tarnt, die Autonummern der Ankommenden notierte, um sie ordnungsgemäß der Staatssicherheitsbehörde melden zu können. Wenn ich dann meinen Zeichenblock vorzeigte, erntete ich sehr schnell ein verständnisvolles Lächeln.

Öffnung der Berliner Mauer – gemalt von Matthias Koeppel 1998

In den folgenden Tagen trieb ich mich zwischen Invalidenstraße, Brandenburger Tor und Potsdamer Platz herum und skizzierte die vielen kleinen Szenen, in denen auch hin und wieder Politiker auftauchten, die Interviews gaben oder wie Walter Momper zum Beispiel, erstmal den Verkehr mit dem Megaphon regelten. Dieses umfangreiche Skizzenmaterial war Ausgangsbasis für dieses Triptychon.

Linker Teil: Die Öffnung des Grenzübergangs Invalidenstraße
in der Nacht des 9. Novembers. In der rechten Ecke der Regierende
Bürgermeister Momper, der mit einem Megaphon den Verkehr regelt.

Rechter Teil: Das Herausheben des ersten Mauersegments am
Potsdamer Platz in den frühen Morgenstunden des 12. Novembers
in Anwesenheit des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker,
der einen Offizier der DDR-Grenztruppen begrüßt.

Wo denn nun dieses Gemälde stilistisch einzuordnen sei? Diese Frage können natürlich nur Kunsthistoriker beantworten. Die gläubigen Vertreter dieser Zunft werden dabei keinen leichten Stand haben. Unerschütterlich steht da die Behauptung im Wege, die moderne Malerei habe sich als Gegenbewegung zum Historienbild entwickelt, das sich im 19. Jahrhundert besonderer Wertschätzung erfreute. Wo diese Entwicklung mit ihren Höhenflügen und Abgründen hingeführt hat, können wir beispielsweise im Berliner „Hamburger Bahnhof“ betrachten. Dort kann man auch über das Bibelwort sinnieren, das Jesus zum ungläubigen Thomas sprach: „Selig sind die, die nicht sehen und dennoch glauben“.

Hier ist nun plötzlich wieder ein Historienbild, und es gibt viel darauf zu sehen. Ob Sie es so viele Jahre nach der Maueröffnung noch glauben wollen, überlasse ich Ihnen und wünsche viel Vergnügen bei der Betrachtung.

Prof. Matthias Koeppel

geboren 1937 in Hamburg, realistischer Maler in Berlin, wurde mit seinen Bildern zum Chronisten deutscher Geschichte.

Prof. Koeppel stellte unserer Zeitschrift diesen Beitrag 10 Jahre nach dem Fall der Mauer zur Veröffentlichung zur Verfügung.

Das Triptychon „Die Öffnung der Berliner Mauer“ befindet sich im Besitz vom Abgeordnetenhaus von Berlin und ist im Preußischen Landtag im Rahmen von Führungen durch das Haus zu besichtigen.

Hier finden Sie eine Übersicht verschiedener Werke von Prof. Matthias Koeppel auf seiner Internetseite: http://www.matthiaskoeppel.de/aktuelles.htm