Agnes Miegel – eine Reise nach Frankfurt a. d. Oder

von Agnes Miegel

Agnes Miegel – eine Reise nach Frankfurt a. d. Oder

Über die helle, schöngeschwungene, große Brücke, die die alte Stadt mit der Vorstadt verbindet, die hier auf dem früher immer wieder vom Hochwasser bedrohten Damm aufwuchs, treibt mittägliches Leben, rasen die Autos, die Marktwagen rattern, Gemüsefrauchen mit hochbepackten Spankörben auf dem Rücken biegen in die Pappelallee, die an den frühlingsdunstigen Flußauen entlang zu den kieferdunklen Hügelkuppen führt, durch deren Wälder die sonnenweiße Rauchfahne eines Zuges schleift. Vergißmeinnichtblau glänzt der breite Fluß, wenige, langgereckte, dunkle Kähne ziehen langsam mit der Strömung. Sonnendunst liegt über der Vorfrühlingslieblichkeit der Auenufer, die in goldenem Duft verschwimmen. Auf dem linken Stromufer liegt die Altstadt, das „Vrankenvordere” der deutschen Siedler, die hier, wo die uralten Handelsstraßen vom Nordostdeutschland und den Gebirgsländern Schlesiens, von der Mark und den slawischen Ostgebieten sich schnitten, die feste Stadt an der Oder anlegten, berühmt durch Messen und Gelehrsamkeit durch die Jahrhunderte. Von dem alten Glanz Frankfurts ist nicht viel geblieben, aber das Stadtbild hier vom Fluß, mit der wuchtigen Marienkirche, mit dem schlanken Rathausturm, mit den Doppeltürmen der Reformierten Kirche und dem ungeheuerlichen turmlosen Schiff der backsteinernen Barfüßerkirche gibt doch noch gut das Bild der Stadt wie es Jahrhunderte lang der Märker sah, wie es die Menschen sahen, deren Namen ich trage. Denn hier, in der Odergegend, wohnten meine Vatersväter. Sie saßen in den Auen, auf den Hügeln, waren freie Leute in ihren Mühlen, auf ihren Höfen, bis der deutsche Siedler sie und die Ihren in den Kietz drängte. Wurden allgemach wieder frei, sprachen und fühlten wie die Zugezogenen, mit deren Blut und Art sie sich vermischten, und sahen, ob sie im Bruch, ob sie in der kleinen Stadt östlich an den Hügeln saßen, die damals Wein trugen, in dieser Stadt an der Oder ihre Hauptstadt.

Von einem berühmten Schriftsteller las ich in einem Reisebericht, wie er in die Stadt kommt, aus der sein Vater einmal in die Großstadt gezogen war. Der große Mann bemerkte mißbilligend, daß es eine sehr kleine Stadt sei – sonst fand er kein Wort mehr, daß er an solchen Unwert verschwendete! Nun geht es mir ja, wie den meisten Ostpreußen – wo ich in Deutschland hinkomme, einer meiner Ureltern ist sicher von dort nach Ostpreußen gezogen. Und es war ein großer Augenblick in meinem Leben, als ich zum erstenmal in den Bergen war, aus denen die Voreltern meiner Mutter stammten. Johannisabend war´s, auf allen Bergwiesen flammten die Sonnwendfeuer, die Radstätter Bauern standen im Schnee, und in den Tälern, die die rasche, blaue Dämmerung füllte, blühten Rosen und Linden. Ueberschwenglich herrlich standen die blassen Schneefelder, die dunkelblaue Kuppelwucht des Heiligen Untersbergs überm Tal, und ich verstand, wie trotz aller Bitternis des Vertriebenen, trotz gläubiger Fassung, trotz Dank gegen die neue Heimat, die Acker und Wohlstand gab, bis zum Tod das Heimweh nach diesem Land in den Herzen der Auswanderer brannte.
Ich sah das Straßburger Münster wie eine Monstranz über dem „beau jardin” des blühenden Elsaß, das bis zum Ende mit Tränen ersehnte Jugenddorado des Vorfahren, dem ich am meisten gleiche. Ich sah Amsterdam, das alte, düstere men-schenkribbelnde, das für viele unter den Meinigen nicht nur die schönste Stadt der Waterkant war, und die einzige, wo man zu leben, zu kochen und Blumen zu lieben verstand – sondern auch das Jerusalem, wo das Allerheiligste ihres reformierten Glaubens war.

Aber nichts hat mich so ergriffen wie diese Wanderung durch die Oderstadt. Vielleicht weil sie, die hier einmal wohnten, die letzten meiner Väter waren, die nach Preußen gingen, weil ihr Erleben hier mir noch durch direkte Überlieferung vertraut. Aber doch vielleicht, weil sie es waren, deren Name ich führe. Kein modern aufgeklärtes Großstadtempfinden auch bei dem Traditionslosesten kommt über die mystische Bedeutung des Namens hinweg, und sei er wunderlich oder häßlich oder alltäglich, jeder ist stolz auf seinen Vatersnamen. Auch wenn weise Leute einem gern klarmachen wollen, daß er (und überhaupt ein Vater) eigentlich ganz was Überflüssiges sei, sozusagen eine rein theoretische Spielerei des Standesamts. Im Grund denkt jeder dabei wie ich: das kannst du mir lange erzählen! und sieht den Vatersnamen nach wie vor als die schicksalsbestimmte Ergänzung zu seinem Taufnamen an. Der ist der Ruf, mit dem Gott ihn einmal zu sich befehlen wird; dieses der, mit dem die Umwelt ihn nennt, die für ihn, wenn er ein rechter Bürger ist, doch Gleichnis und Gewähr des anderen Reiches bedeutet.
Immer habe ich hier reisen wollen, immer zerschlug es sich. Nun auf einmal fügte alles sich und am Vorabend meines goldenen Lebensjahres, gerade da, wo man noch frohen Anteils voll ist und doch schon beschaulich und nicht ohne Erwartung verschiedener Reisen, auf die man sich in der Jugend weniger zu freuen pflegt, wird mir dieser Wunsch auf´s freundlichste erfüllt.

Marienkirche 1900 auf einer Ansichtskarte

So wandere ich denn fröhlich und ein bißchen feierlich durch die Stadt, die sich (mir als Königsberger recht angenehm) bergan auf den Uferhügeln überm Stadtkern im sumpfigen Flußtal aufbaut. Wunderschön, prunkvoll wie oft in der Mark, ist der Südgiebel des Rathauses. Um das Rathaus steht Bude an Bude, es ist Jahrmarkt, der letzte Nachklang der berühmten Remi-niszeremesse, aus der Zeit, als Frankfurt eine große Handelsstadt war und Stapelrecht besaß. Die alten Häuser am Markt und in den Nebenstraßen sind imponierend hoch, gar nicht kleinstädtisch, mit riesigen, mehrstöckigen Böden, wie in Nürnberg, und die alten Kirchen beweisen das Selbstgefühl der Bürger, die sie bauten und dotierten. Die schönste, die Marienkirche, muß einmal ein erhebender gotischer Dom gewesen sein. Aber unter Schinkels Leitung ist sie im Innern grausig und ganz unvertilgbar ins Klassische umfrisiert. Es ist das lehrreichste Kolleg, das je in Frankfurt gelesen ist, diese Verballhornung. Jeder, der einmal in diese Kirche ging, weiß sofort, wie ewig fremd diese Kunstrichtung unserem deutschen Empfinden war, er weiß, daß man in ihr keine Kirchen bauen konnte. Es gibt heute noch einen Schauer religiöser Ergriffenheit, wenn man vor den Ruinen der antiken Tempel steht, ihre ungeheure Säulenkrone über der Verlassenheit der purpurnen Ebene aufragen sieht. Aber das in Bildungsséancen beschworene Gespenst der Antike war so bleichsüchtig, areligiös, wie ein Großstadtbackfisch, und was es hier in seiner Superklugheit zerstört hat, ahnt man noch vor einigen Ueberbleibseln. Aber selbst das schöne Taufbecken des kunstreichen Gießermeisters Arnold, selbst die triumphierende Freude seines siebenarmigen Leuchters, der seine gewundenen Arme weit ausbreitet, können gegen so viel weißgetünchte und verbildete Nüchternheit nicht an.
Gern hätte ich den schönen, spätgotischen Altar genau besichtigt. Aber St. Hedwig wurde gerade photographiert, und die Märchenkrone der entzückenden Mutter Gottes – blond und rosig strahlend – wurde von einem eifrigen Gehilfen, hoch auf einer Jakobsleiter, mit einem extra großen Flederwisch abgestäubt, während der stattliche Meister eine Art Jupiterlampe über das Goldgefunkel spielen ließ. So hielt ich mich an die alten Epitaphbilder im Chorumgang. Man hat sie mit größter Sorgfalt aufgefrischt und aufgestellt, und unter ihnen ist eins der tiefsten und ergreifendsten Totentanzbilder, das ich je antraf.


Trotz dieser Einzelschönheiten kommt aber keine Stimmung auf, man wundert sich nicht, daß die Marienkirche über der Vorahnung dieser Restaurierung halb den Kopf verlor und am Pfingstmontag vor Schinkels Wirken ihren einen Turm niederprasseln ließ (ohne daß auch nur ein Spatz dabei zu Schaden kam). Jetzt nach hundert Jahren hat man dem Turmstumpf einen soliden Giebelhelm in braver Backsteingotik aufgesetzt. Er bringt die altersdunkle Eigenwilligkeit der wohlerhaltenen Außenhülle der Kirche, an der Generationen ihr Können ansetzten wie Austern an ihrer Bank, zu reizvoller Wirkung.
Neben der Kirche, am Rathausplatz, läßt das sehr erneuerte Leinweberhaus noch ahnen, wie stattlich es einmal war. Dort in dem Gäßchen nach der Taufkapelle zu hielten die Bunzlauer ihr blaubuntes und braunes Töpferzeug feil.
Festlich war die alte Hansestadt noch mit dem Nachglanz ihrer Messe. Und nicht nur für meine Augen schön, die überall das Alte suchten, das noch Augen sahen wie meine. Wie viele unsrer Mittelstädte quirlt sie von Leben und Lebenswillen, zeigt auf Schritt und Tritt, auch in Abputz und Anstrich, vorbildliche Neubauten, vom Musterbahnhof bis in die Siedlungen an den Hügelhängen. Und besitzt allerschönste Gartenanlagen. Die alte Stadtmauer sieht aus den Fensterchen ihrer eingebauten spitzgiebeligen Fachwerkhäuschen in eine Wirrnis uralten Baumbestandes, an den Resten des Wallgrabens. In der sanfteren, märkischen Märzluft blühen Schneeglöckchen und Winterling, erste, lichtgrüne Grashalme schimmern über der feuchten Erde, das Gebüsch ist dunkelpurpurn von Erlenkätzchen, scharlachrot und strahlend gelbgrün glänzen die saftquellenden Zweige der Weiden und Hartriegelsträucher, Haseln stäuben, Birken wehen mit braunem Kätzchenhaar, und aus dem efeudunklen Grund, aus den sonnetropfenden Kronen der riesigen, uralten, einzig schönen Silberpappeln, die den Ruhm dieses Parks bilden, kommt Vogelschlag, der ganze Hain ist ein seliges Frühlingslied.


Am süßesten ist das Trillern auf dem alten, großen Friedhof, in dessen Gartenstille Ulrike von Kleist, die geliebte Schwester des Dichters, schläft. Er hat sein schönes Gedenkmal mitten in der Stadt, vor dem alten Barockbau des St.-Spiritus-Hospitals, dort auf dem ehemaligen Kirchhof, wo auch das Denkmal für Ewald von Kleist steht. Im Mondschein stand ich dort, das erste war’s, was ich sah. Eine mächtige Pappel ragt hinter dem sinnenden Genius, über den gebrochenen Dächern dämmerte silberne Bläue, und die mondglänzende, ruhige Jünglingsgestalt mit der Leier blickte hinauf nach der ew´gen Flur überm Gitter der kahlen Zweige, wo der himmlische Jäger mit seinen Hunden jagte. Und ich fühlte hier, mehr als vor dem einsamen Grab in Wannsee, was Kleist uns bedeutet, und was es meint, Preuße zu sein.


Tiefer aber noch fühlte ich es an meinem letzten Morgen dort auf der Terrasse des wunderschönen Ostmarkstadions, vor den Waldhöhen, deren grüne Kiefernkronen leise im Morgenwind orgelten. Drüben, jenseits des Stromes, lag die alte Stadt mit Türmen und Dächergewirr, in den Dammwiesen dunkelten schlanke Alleepappeln, glänzten die gelblichen Rasenflächen des Sportplatzes, über die schimmernde Bläue der Schwimmbecken zogen die Schwäne, und breit und ländlich behaglich lag da unten das „Rote Vorwerk”, Obstbaum an Obstbaum badete seine Krone im milden Licht.
„Dort lag Laudon! Dort, wo damals noch alles Sumpf war, schlug er den Knüppeldamm! So schnitt er den Weg ab, so erreichten seine Truppen die Höhen vor den abgekämpften Preußen.”

Die älteste Stadansicht von Frankfurt / Oder – Holzschnitt von 1548

Die Stimme des alten Herrn bebt vor Erregung, er zeigt nach dem Wald, wo das Unheil über Friedrichs Heer hereinbrach am Schicksalstag von Kunersdorf.
Und wir beide, die uns nie vorher sahen, nie wieder begegnen werden, der Greis und ich, der Märker und die Ostpreußin, sind auf einmal einander nah wie Geschwister, glühend in dem Gefühl, höher als alle Vernunft, das neben der Flamme des Glaubens uns Sterblichen als Stärkstes und Bewegendstes verliehen ist. Fühlen wieder beim Klang des großen Namens den Schauer, der unsre Vorväter durchrann, den jede Nation fühlt, wenn aus ihr der Genius aufsteigt, der das Antlitz der Welt wandelt – die Gnadengewißheit, auserwählt zu sein unter den Völkern. Und schmetterten noch einmal mit den Zerstäubten nieder im Ikarussturz jenes Tages. Sie suchten nach Trost, heimlich, in der Bodenkammer, wo der Kleinste, geborgen vor der feindlichen Soldateska, die durch das Haus lärmte, im Wiegenkorb schlief, däumelten sie in der Bibel.
Unten glänzt die Au, Sonne streift die Krone der alten Eiche im Halbrund des Stadions. Trost wurde uns mehr, als jene Verstörten zu hoffen wagten nach alter Verheißung. Wir sahen den Sonnenflug unsrer Adler. Aber wir sahen auch ein Abendrot, blutiger als das von Kunersdorf.
Die Kiefern sausen, Harzduft und der Hauch sprossenden Grases treibt im milden Märzwind, ein Fink probt seinen Schlag. Das schöne Stadion liegt heiter und festlich bereit für eine neue, blühende Jugend, für die Kinder der alten wiedererwachenden Hansestadt drüben an der Oder. Wir gehen, Märker und Preuße, zum Staub unsrer Väter, die der Heimat lebten.

24.3.1928, 2. Beil.

Dieser Artikel wurde erstmals seit Erscheinen in der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ wiederveröffentlicht in dem Buch:

Agnes Miegel, Wie ich zu meiner Heimat stehe – Neuauflage im Dezember 2021 –Vorbestellung sind erwünscht!
Agnes Miegel, Wie ich zu meiner Heimat stehe (Hrsg. Helga und Manfred Neumann)

Feuilletonistische Texte

Zum 1. Oktober 1926 wechselte Agnes Miegel von der „Ostpreußischen Zeitung“ als freie Mitarbeiterin zur „Königsberger Allgemeinen Zeitung“. Ihre Beiträge umfaßten Begebenheiten aus dem Alltag, einfühlsame Natur- und Landschaftsbeschreibungen, interessante Reiseberichte und sachkundige Stadtführungen in ganz Deutschland – Artikel, die nahezu ausnahmslos in der anspruchsvollen Unterhaltungsbeilage der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ erschienen. Ab dem Jahre 1930 ließ Agnes Miegel ihre journalistische Mitarbeit auslaufen. Dennoch meldete sie sich in den Folgejahren immer wieder mit vereinzelten Publikationen bei ihrer Leserschaft zurück.
Erstmals liegen nun ihre feuilletonistischen Texte und Gedichte in Buchform vor. Die Wiederentdeckung dieser wertvollen Zeitungsbeiträge bedeutet für die Literaturwissenschaft eine kleine Sensation, für die Leser und Verehrer Agnes Miegels ein ganz besonderes Erlebnis und Lesevergnügen.

1879-1964
Gedichte von Agnes Miegel aus iherer letzten Lesung – von ihr selbst gesprochen. Dazu ostpreußische Heimatlieder.

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