Die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 – bewegte und bewegende Tage

von Matthias Koeppel

Die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 – bewegte und bewegende Tage

Die Öffnung der Berliner Mauer vollzog sich aus meiner Sicht — und ich war überall mit dem Skizzenblock dabei — in drei Schritten: Da war die Nacht vom 9. November 1989, die Tage darauf fand die große „Besetzung“ der breiten Mauer am Brandenburger Tor statt, und dann das Herausheben des ersten Mauerstückes am Potsdamer Platz in den frühen Morgenstunden des 12. Novembers. Unser damaliger Bundespräsident traf erstmalig mit einem Offizier der Volkspolizei zusammen, der den ordnungsgemäßen Ablauf der Aktion bestätigte und seine Aussage mit dem historisch gewordenen Halbsatz beendete: „Keine besonderen Vorkommnisse, Herr Präsident“.

Ich habe diese bewegten und bewegenden Tage alle mit dem Zeichenstift verfolgt.

Am Abend des 9. November war ich zur Geburtstagsparty von Ulrich Schamoni eingeladen, als Klaus Landowsky reingestürmt kam und verkündete, er käme gerade vom Brandenburger Tor, die Mauer sei offen. Ein aufgeregtes Raunen ging durch die Menge der Gäste, der Saal leerte sich sofort, und alles strömte in Richtung Mauer. Ich hatte einen Smoking an und darüber einen viel zu leichten Trenchcoat. Es war bitterkalt in jener Nacht, aber in dem Trenchcoat steckten gottseidank mein kleiner Skizzenblock und ein Bleistift, so daß ich vor Ort die ersten Zeichnungen machen konnte.

„Stasi-Schwein, hau ab!“ riefen mir irritierte Bürger zu, die dachten, daß jemand, der mit Block und Bleistift hantiert und sich dazu noch mit einem Smoking tarnt, die Autonummern der Ankommenden notierte, um sie ordnungsgemäß der Staatssicherheitsbehörde melden zu können. Wenn ich dann meinen Zeichenblock vorzeigte, erntete ich sehr schnell ein verständnisvolles Lächeln.

Öffnung der Berliner Mauer – gemalt von Matthias Koeppel 1998

In den folgenden Tagen trieb ich mich zwischen Invalidenstraße, Brandenburger Tor und Potsdamer Platz herum und skizzierte die vielen kleinen Szenen, in denen auch hin und wieder Politiker auftauchten, die Interviews gaben oder wie Walter Momper zum Beispiel, erstmal den Verkehr mit dem Megaphon regelten. Dieses umfangreiche Skizzenmaterial war Ausgangsbasis für dieses Triptychon.

Linker Teil: Die Öffnung des Grenzübergangs Invalidenstraße
in der Nacht des 9. Novembers. In der rechten Ecke der Regierende
Bürgermeister Momper, der mit einem Megaphon den Verkehr regelt.

Rechter Teil: Das Herausheben des ersten Mauersegments am
Potsdamer Platz in den frühen Morgenstunden des 12. Novembers
in Anwesenheit des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker,
der einen Offizier der DDR-Grenztruppen begrüßt.

Wo denn nun dieses Gemälde stilistisch einzuordnen sei? Diese Frage können natürlich nur Kunsthistoriker beantworten. Die gläubigen Vertreter dieser Zunft werden dabei keinen leichten Stand haben. Unerschütterlich steht da die Behauptung im Wege, die moderne Malerei habe sich als Gegenbewegung zum Historienbild entwickelt, das sich im 19. Jahrhundert besonderer Wertschätzung erfreute. Wo diese Entwicklung mit ihren Höhenflügen und Abgründen hingeführt hat, können wir beispielsweise im Berliner „Hamburger Bahnhof“ betrachten. Dort kann man auch über das Bibelwort sinnieren, das Jesus zum ungläubigen Thomas sprach: „Selig sind die, die nicht sehen und dennoch glauben“.

Hier ist nun plötzlich wieder ein Historienbild, und es gibt viel darauf zu sehen. Ob Sie es so viele Jahre nach der Maueröffnung noch glauben wollen, überlasse ich Ihnen und wünsche viel Vergnügen bei der Betrachtung.

Prof. Matthias Koeppel

geboren 1937 in Hamburg, realistischer Maler in Berlin, wurde mit seinen Bildern zum Chronisten deutscher Geschichte.

Prof. Koeppel stellte unserer Zeitschrift diesen Beitrag 10 Jahre nach dem Fall der Mauer zur Veröffentlichung zur Verfügung.

Das Triptychon „Die Öffnung der Berliner Mauer“ befindet sich im Besitz vom Abgeordnetenhaus von Berlin und ist im Preußischen Landtag im Rahmen von Führungen durch das Haus zu besichtigen.

Hier finden Sie eine Übersicht verschiedener Werke von Prof. Matthias Koeppel auf seiner Internetseite: http://www.matthiaskoeppel.de/aktuelles.htm

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