Michel de Montaigne: ein skeptischer Konservativer
„Ich verabscheue Neuerungen“
Konservativ empfindet, wer die Welt liebt, wie sie ist. Warum sollte er alles umstürzen? Michel de Montaigne (1533-1592) zählte noch keine vierzig Jahre, da setzte er sich der gewesener Richter zur Ruhe. In seinem 16 Schritt durchmessenden Turm zog er sich zu seinen etwa 1000 Büchern zurück: zumeist lateinische Ausgaben antiker Klassiker. Er lebte fortan von seinen Gütern.
Tour de Montaigne: Michel de Montaignes Turmbibliothek befindet sich in der 2. Etage (Foto Heinrich Salome 2009, Wikipedia)
Offen gibt sich Montaigne als Konservativer zu erkennen:
Ich verabscheue Neuerungen, welches Gesicht auch immer sie tragen mögen, und ich habe Grund dazu. weil ich äußerst verhängnisvolle Auswirkungen hiervon erleben mußte. Jene, die uns nun schon seit fünfundzwanzig, dreißig Jahren so hart zusetzt, hat zwar nicht alles allein angerichtet, aber man kann mit einigem Recht sagen, daß sie zumindest mittelbar alles erzeugt und hervorgebracht hat – sogar die Untaten und Zerstörungen, die seitdem ohne sie, ja gegen sie verübt werden.“Montaigne, Buch I, 23, S.66.
In Frankreich war das 16. und in Deutschland das 16. bis 17. Jahrhundert die Epoche der Religionskriege. Die von Montaigne genannten Neuerungen waren die Edikte von Châteaubriant (1551), von Compiègne 1557 und von Écouen 1559. Durch sie wurden Protestanten entrechtet und zuletzt dem Tode überantwortet, was zu den Hugenottenkriegen führte und 1572 in der Bartholomäusnacht Tausende hugenottischer Opfer forderte. Der Katholik Michel de Montaigne hätte lieber alles beim Alten gelassen, hatten die Neuerungen doch zu diesen Exzessen und einer “Zersetzung der Gesellschaftsordnung“ geführt.
Am 2. August sprach Sahra Wagenknecht auf Twitter von einem „wahnsinnigen Krieg gegen Russland“ und widersetzte sich so in schärfster Form dem Mainstream-Narrativ, das – teilweise sogar unter Strafandrohung – kategorisch fordert, den Ukraine-Konflikt als „russischen Angriffskrieg“ oder zumindest als „Russlands Krieg in der Ukraine“ zu bezeichnen. Diese Äußerung stellt den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung dar, in deren Folge Frau Wagenknecht genauso wie ihr politischer Weggefährte und Ehemann Oskar Lafontaine immer mehr Begriffe und Positionen einer politischen Opposition übernahmen, die in der allgemeinen Wahrnehmung als „rechts“ gilt. Das betraf etwa die weitgehende Unwirksamkeit der Corona-Impfungen, die sozialen Folgen der Klimapolitik und schon lange vorher eine offene Kritik an der Massenmigration nach Deutschland und an einer linken Politik, welche die Begünstigung selbst kleinster religiöser, ethnischer oder sexueller Minderheiten wichtiger nimmt als die soziale Frage. Oskar Lafontaine trat schon im März aus der Partei DIE LINKE aus, deren Mitbegründer und Vorsitzender er einst war, weil die Parteiführung im Ukraine-Konflikt die westliche, anti-russische Position der Bundesregierung vertritt. Sahra Wagenknecht dürfte mit ihrer jüngsten Äußerung den entscheidenden Schritt von einer innerparteilichen Außenseiterposition zum Parteiaustritt oder Parteiausschluss getan haben.
Man könnte den Nachrichtenwert dieser Ereignisse infrage stellen, weil es sich hier um Querelen innerhalb einer ohnehin in Auflösung befindlichen Partei handelt, deren äußerst knapper Wiedereinzug in den Bundestag im September 2021 vielleicht nur durch gravierende Wahl-Unzulänglichkeiten in Berlin zustande kam. Ganz so einfach ist es aber nicht. Sahra Wagenknecht ist immer noch eine der beliebtesten Politikerinnen Deutschlands, was vor allem ihre hohe Internet-Reichweite beweist, mit der sie die Protagonisten der Ampel-Regierung um Längen übertrifft. Vor allem gehört das Ehepaar Wagenknecht/Lafontaine zu den wenigen oppositionellen Stimmen in diesem Land, die sich immer noch als politisch links verstehen. Die Pointe ihres Dissenses mit der Partei DIE LINKE besteht darin, dass Wagenknecht und Lafontaine einfach aufgrund ihrer Mainstream-Kritik schon sehr bald genauso mit dem Vorwurf des „Rechtsextremismus“ werden kämpfen müssen wie praktisch jeder deutsche Oppositionelle der Gegenwart. Ich selbst bin schon vor mehr als zwei Jahren aus ähnlichen Motiven, wie sie Wagenknecht und Lafontaine umtreiben, aus der Partei DIE LINKE ausgetreten. Seitdem praktiziere ich eine zuerst publizistische, jetzt auch politische Zusammenarbeit mit „Rechten“, weil meine Ideen dort, anders als in meiner früheren Partei, immerhin auf Interesse stoßen. So weit werden Wagenknecht und Lafontaine sehr wahrscheinlich nicht gehen wollen. Es stellt sich angesichts der geschilderten Entwicklungen aber sehr deutlich die Frage, wie „rechts“ die heutige Opposition in Deutschland eigentlich ist, wenn sie für kritische Linke ohne weiteres anschlussfähig zu sein scheint. Darum soll es im Folgenden gehen:
Das Lied der Deutschen – unsere Nationalhymne wird 100 Jahre alt
Am 26. August 1841 schrieb August Heinrich Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland, das 1807 von Großbritannien besetzt worden war, sein berühmtestes Gedicht: „Das Lied der Deutschen“.
Die Entstehungsgeschichte unserer Nationalhymne ist nur vor dem Hintergrund der Rheinkrise von 1840/41 zu verstehen. Der französische Ministerpräsident Adolphe Thiers hatte das linke Rheinufer als Grenze für sein Land gefordert und gegen den Deutschen Bund massive Kriegsdrohungen ausgesprochen.
Da Hoffmann von Fallersleben nur in einem geeinten Deutschland die Möglichkeit sah, sich gegen den kriegslüsternen Nachbarn zu behaupten, dichtete er die Eingangszeilen: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt, wenn es stets zu Schutz und Trutze brüderlich zusammenhält“.
Nicht ein Hauch von deutscher Überheblichkeit oder Weltmachtstreben lag dem zugrunde, sondern nur die Sehnsucht der republikanischen deutschen Patrioten nach der Einheit der deutschen Nation, die zu dieser Zeit noch in 39 Einzelstaaten zerrissen war.
Der tote Preuße: Vor 50 Jahren starb der Schriftsteller Ernst von Salomon
Als „zu menschlich für Hitler“ charakterisierte Carl Zuckmayer im Exil 1943/44 in seinem Dossier über deutsche Künstler und Intellektuelle Ernst von Salomon für den amerikanischen Geheimdienst. „Zu menschlich“ ist sicher der falsche Begriff, aber wie anders hätte Zuckmayer den amerikanischen Universalisten Salomons Nominalismus verdeutlichen sollen?
Ernst von Salomon, ca. 1968 (verstorben am 9. August 1972)
Universalisten und Nominalisten sind nach Armin Mohlers Definition antagonistische Menschentypen. Der Universalist glaubt, daß der Wirklichkeit eine geistige Ordnung zugrunde liegt. Diese kann er nicht nur durchschauen, sondern auch definieren und formulieren. Er kann also auch seine Handlungen mit dieser universalen Ordnung in Übereinstimmung bringen, sie somit gar ordnungsphilosophisch und heilsgeschichtlich legitimieren. Der Nominalist hingegen zeichnet sich dadurch aus, daß für ihn die Allgemeinbegriffe dem Wirklichen durch den Menschen erst nachträglich verliehen worden sind. Hinzu kommt, daß er weder den Kampf als immer vermeidbar ansieht, noch ihn scheut, noch davor zurückschreckt, seinen Gegner – den er durchaus schätzen kann – im entscheidenden Falle zu vernichten. Keinesfalls jedoch (im Unterschied zum Universalisten) würde er einen Gegner nur deswegen vernichten, weil dieser dem Glauben an eine andere geistige Ordnung anhängt.
Wie sehr die Amerikaner Universalisten sind, wird heute im Krieg gegen „das Böse“ auf der Welt deutlicher denn je. Wer wollte, konnte es jedoch auch schon nach dem zweiten Weltkrieg erkennen. Ernst von Salomon war einer, der dies damals schon gesehen hat: „Ich schreibe jetzt, weil ich eine Zeit überbrücken will, bis wieder die Möglichkeit besteht, anständige Filme zu machen, und weil ich was gegen die Amerikaner habe, und das muß heraus, sonst platze ich.“ Was dabei herauskam, war „Der Fragebogen“ von 1951, und er war ein Fanal. Ernst von Salomon schrieb in ihm die Geschichte der ersten 50 Jahre des 20. Jahrhunderts, das „Wie-es-gewesen“-ist, einen – im Sinne Theodor Lessings – „Teppich, geknüpft aus Fäden aller Art“. Mit bitterbösem Zynismus führte er durch seine Ausführlichkeit den Entnazifizierungsfragebogen der Amerikaner ad absurdum und setzte gleichzeitig zum Kampf um die Nation an, jenem Kampf nach der zweiten deutschen Niederlage in dem Jahrhundert, das schon nach der ersten so vehement begonnen hatte.
Interview mit Mireia Zarate Agirre, Vorsitzende der Sabino Arana Stiftung, EAJ-PNV-Politikerin und baskische Patriotin
Mireia Zarate Agirre, geboren 1986, ist die Vorsitzende der Sabino Arana-Stiftung, deren Hauptaufgabe es ist, das Wissen um die baskische Geschichte, Kultur und Identität zu bewahren, um der baskischen Nation zu Selbstbehauptung und Selbstverwaltung zu verhelfen. Zuvor saß die junge Baskin als Politikerin der EAJ-PNV im baskischen Parlament. Sie ist Nationalratssekretärin der EAJ-PNV, der Baskischen Nationalistischen Partei, die seit 1975 die stärkste politische Kraft im spanischen Teil des Baskenlandes ist. Die EAJ-PNV setzt sich seitdem für eine stark ausgeweitete Autonomie des Baskenlandes ein, teils sogar für eine völlige Unabhängigkeit von Spanien.
Die Basken sind ein stolzes Volk mit einer einzigartigen Kultur und Geschichte, einer Sprache, die sich als nicht-indogermanische Sprache erheblich von allen anderen Sprachen Europas unterscheidet, und sie sind ein Volk, das, wie viele andere in Europa und auf der ganzen Welt, noch immer von staatlicher Seite unterdrückt und seiner Rechte beraubt wird. Im Fall des Baskenlandes gibt es zwei Staaten, die sich baskisches Gebiet einverleibt haben und dem dort beheimateten Volk seine Souveränität entziehen: Spanien und Frankreich. Die völkerrechtlich legitimierten Bedürfnisse der Basken, sich selbst zu verwalten und für ihre Souveränität einzutreten, werden von den herrschenden Staaten im besten Fall als Separatismus verunglimpft, im schlimmsten Fall wird die Forderung nach mehr Souveränität sogar verboten und mit harten Strafen belegt.
Dieses Interview kam durch den direkten Kontakt im Museum des baskischen Nationalismus in Bilbao zustande, einer der Einrichtungen der Sabino Arana-Stiftung, um das kulturelle Erbe der Basken zu bewahren und zu verbreiten.
Die Nation – eine wartungsbedürftige, naturwüchsige Konstruktion
Die Selbstliebe, die Liebe zur Familie, die Bindung an Sippe und Dorf sind elementare Tatsachen: man will sich selbst und die unmittelbare Umwelt erhalten. Diese Beziehung, die auch weiter ausgreift zu Volksstamm, Polis, Nation, erzeugt einen naturwüchsigen Patriotismus. Dieser ist aber ein noch vorpolitisches Phänomen. Um das Eigene zu bewahren – vor allem gegenüber feindlichen Invasionen –, muß er politisch organisiert und symbolisiert werden. Durch Feste, Riten, Fahnen, durch schulisch vermittelte Erzählungen über die großen Gestalten, Werke und Ereignisse der eigenen Geschichte wird die Identifikation mit der Nation gefördert, wird überhaupt erst aus einer Ansammlung von Menschen ein sich als Gemeinschaft empfindendes Volk geschaffen. Die Nation ist somit in gewisser Weise durchaus eine Konstruktion, aber eine Konstruktion, die auf dem Fundament des naturwüchsigen Patriotismus errichtet wird. Diese bewußt betriebene symbolische Codierung verleiht der Bindung ans Eigene Form, Sinn und Festigkeit, kann sie aber nicht erzeugen, sondern setzt diese voraus. Ohne sie aber verbleibt diese Bindung im Bereich privater Gefühle oder verschiebt sich auf Ersatzobjekte. Mit dieser entsteht aus dem vorpolitischen, naturwüchsigen Patriotismus der Nationalismus als die politische Form des Willens zur Nation. Den Nationalismus als Konstruktion zu bezeichnen, soll nicht bedeuten, wie dies zumeist mit diesem Begriff insinuiert wird, ihn als etwas Nur-Künstliches, Beliebiges, Nicht-Notwendiges zu betrachten. Er ist vielmehr logische Weiterentwicklung des naturwüchsigen Patriotismus und zudem der geistige Inhalt, der die äußere Gestalt von Staatsapparat und Staatsgebiet mit Leben erfüllt. Im übrigen sind durchweg alle spezifisch menschlichen Errungenschaften Konstruktionen, weshalb der Hinweis, daß eine dieser Errungenschaften auch eine Konstruktion ist, nur eine sinnleere, triviale Feststellung ist.
Durch Feste, Riten, Fahnen, durch schulisch vermittelte Erzählungen über die großen Gestalten, Werke und Ereignisse der eigenen Geschichte wird die Identifikation mit der Nation gefördert, wird überhaupt erst aus einer Ansammlung von Menschen ein sich als Gemeinschaft empfindendes Volk geschaffen. Die Nation ist somit in gewisser Weise durchaus eine Konstruktion, aber eine Konstruktion, die auf dem Fundament des naturwüchsigen Patriotismus errichtet wird.
Dr. Winfried Knörzer
Blick auf den Festzug: Bei der Einweihung des Hermanns-Denkmals am 16. August 1875 zwischen Kaiser-Tribüne (links) und Redner-Tribüne (rechts).
Da der Nationalismus eine Konstruktion ist, ist er wie jede Konstruktion wartungsbedürftig. So wie ein Haus nicht nur zu seiner Errichtung, sondern auch zu seiner Instandhaltung der Arbeit bedarf, so auch der Nationalismus. Die berühmte Renansche Formel, die Nation sei ein „tägliches Plebiszit“ beschreibt nur die Subjektseite des Verhältnisses von Nation und Volk, nämlich das ständig zu wiederholende Jasagen des Volkes zur Nation. Diese Formel muß noch durch die Objektseite ergänzt werden. Jasagen kann man nur, wenn fortlaufend neue Anreize zum Jasagen angeboten werden.
Hinrichtung des gesamtdeutschen Demokraten und Patrioten Robert Blum, Carl Constantin Heinrich Steffeck 1848/49. Seine letzten Worte, die er am Richtplatz sagte, waren: »Ich sterbe für die deutsche Freiheit, für die ich gekämpft. Möge das Vaterland meiner eingedenk sein.«
Da alle spezifisch menschlichen Errungenschaften Konstruktionen sind, sind diese nicht nur wartungsbedürftig, sondern auch gefährdet und unzuverlässig. Selbst auf so elementare Antriebe wie die Mutterliebe kann man sich nicht verlassen. Der Mensch ist frei, sich gegen das ihm Wesenhafte zu entscheiden, und er tut dies auch, sei es aus Boshaftigkeit, Gleichgültigkeit oder vor allem aus dem zeitweiligen Überwiegen anderweitiger egoistischer Interessen. Er tut dies insbesondere dann, wenn ihn nicht normative Zwänge auf der Bahn des sittlich Gebotenen halten. Darum nimmt es nicht Wunder, wenn etliche Menschen die eigene Nation verschmähen. Für die Mehrheit trifft dies aber nicht zu. Sie empfindet ein diffuses Unbehagen angesichts des sich beschleunigenden Fremdwerdens ihrer Lebenswelt. Sie kann sich dieses Unbehagen aber nur in privatistischen lebensweltlichen Kategorien deuten – in einem Gemaule über zu viele Ausländer, zunehmende Gewalt und Verwahrlosung, Miesmacherei usw. Es fehlt das Interpretationsraster, um die Tragweite dieses Vorgangs voll erfassen zu können. Es fehlen die Ideale, anhand derer der Zustand der Wirklichkeit beurteilt werden kann. Ausgehend von diesem sich in alltäglichen Gesprächen, Leserbriefen, Umfragen und gelegentlichen Wahlerfolgen rechter Parteien zeigenden diffusen Unbehagen, glauben viele Rechte, daß es nur eines drastischen Anlasses oder einer nicht mehr vom politischen Gegner behinderten Aufklärung bedürfe, um den latenten Nationalismus bewußt und manifest zu machen. Das ist ein Irrtum, denn der bloße Wille allein bewirkt nichts. Wer ein Vogelhäuschen bauen will, aber weder über Werkzeug noch über handwerkliches Wissen der Holzbearbeitung verfügt, wird scheitern oder eher noch gar nicht erst den Versuch unternehmen. Es ist eine techné – vor allem in Form von Handlungsanweisungen – erforderlich, um aus dem Willen eine Praxis werden zu lassen. Diese Handlungsanweisungen liefern die mythischen Beispiele der eigenen Geschichte. Leonidas für die Griechen, Johanna von Orleans für die Franzosen, Friedrich der Große für die Deutschen sind Beispiele für den unbedingten Willen zum Standhalten und die Fähigkeit, das Eigene zu verteidigen.
Ferdinand von Schill: Freikorpführer in den antinapoleonischen Befreiungskriegen. Am 31. Mai 1809 in Stralsund im Kampf gefallen.
Einst wurden durch die ständige Erinnerung an diese mythischen Vorbilder die Bürger dazu ermuntert, ihnen nachzueifern und sich deren unbeugsame Haltung zu eigen zu machen. Durch diese mittlere mythische Ebene wird das individuelle Wollen und Fühlen in eine für die Praxis anschlußfähige Gestalt geformt, wodurch es sich in politisches Handeln umsetzen kann. Ähnliches gilt für die kulturellen Errungenschaften – von der Bratwurst bis zu Beethoven. Nur wenn immer wieder durch stolzmachendes Erzählen daran erinnert wird, daß diese Errungenschaften mehr sind als nur brauchbare Dinge oder Gegenstände für in Prüfungen oder Quizsendungen abfragbares Wissen, nämlich UNSERE Errungenschaften, die unser Dasein ausmachen, wird man bereit sein, sich für deren Erhalt einzusetzen. Das genau ist die Konstruktion der Nation: den historischen Persönlichkeiten und kulturellen Errungenschaften einen nationalsymbolischen Mehrwert zu verleihen. Diese Konstruktion am Leben zu erhalten, ist eine beständige Aufgabe. Wird diese Aufgabe vernachlässigt, zerfällt die Nation in ein Territorium mit einer Rechtsordnung und eine Ansammlung von Tieren der Gattung homo sapiens.
Dr. Winfried Knörzer
Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.
Deutschland und Russland teilen die Besonderheit, sich in politischen Krisenzeiten für Anführer zu begeistern, die aus einer lösbaren Herausforderung durch ihre herausragenden Fähigkeiten erst eine um ein Vielfaches potenziertere Katastrophe machen können. Man würde wohl nicht allzu fehl gehen, ein solches Phänomen der in beiden Ländern mangelnden Tradition politischer Urteilskraft zuzuschreiben. Während Deutschland den Vorzug hat, wie schon Napoleon und die Franzosen zuvor, mit der vollständigen Niederlage gegenüber der vereinten Macht einer militärischen Allianz eine unmißverständliche Lektion erhalten zu haben, konnte Russland der Dynamik einer vergleichbaren Erfahrung unter dem schützenden Dach der Lorbeeren des großen vaterländischen Sieges bislang entkommen. Dies scheint nun vorbei zu sein.
Russlands gegenwärtiges Problem ist nicht der Westen. Russlands Problem sind auch nicht die USA oder der propagandistische Popanz NATO-Osterweiterung. Noch schwachsinniger ist die von von etlichen Nostalgie-Konservativen nach dem Motto, der Feind meines Feindes muss mein Freund sein, dogmatisch verbreitete Ansicht, Russland hätte eine konstruktive Antwort auf die zweifellos drängenden Dekadenzprobleme des Westens. Russlands Problem ist ausschließlich Russland selbst. Ein kurzer Blick in die Geschichte mag das erläutern.
Nach gründlicher theologischer Vorarbeit entstand im Westen als Reaktion auf die exzessiven Todeserfahrungen des Dreißigjährigen Krieges eine Ordnungsphantasie, die nach ihrer Verwirklichung Absolutismus genannt wurde. Die Angst rückte ins Zentrum von Überlegungen, die von der Sorge ums reine Überleben dominiert wurden. Freiheit spielte da plötzlich keine Rolle mehr. Hobbes wurde einer ihrer wirkmächtigsten ideengeschichtlichen Vordenker. Aus der Wortbedeutung von ab- als etwas wegmachen, abtrennen, und solus als ein von allen anderen getrennter Einzelner entstand ein politisches Phantasma, das sich im Auspruch Ludwig XIV. „Der Staat bin ich“ verdichtete.
Zarentreue Kämpfer, sogenannte Opritschniki, huldigen ihrem Herrn, Zar Ivan IV., „der Schreckliche“, Gemälde, 19. Jahrhundert: „Ein Einzelner ist per se machtlos, ein allmächtiger Einzelner ein fundamentaler Widerspruch in sich.“
Die schon in sich paradoxe Kompensationsphantasie eines allmächtigen Einen konnte nur aus einer tatsächlichen Ohnmachtserfahrung heraus entstanden sein, einer Situation absoluter Verlassenheit, in der keine anderen mehr da waren, an die man sich hätte wenden können. Das Fehlen aller anderen macht diese Phantasie zu einer radikal a-politischen, denn echte politische Macht entsteht und vergeht nur zwischen Menschen, aber niemals im Menschen selbst. Ein Einzelner ist per se machtlos, ein allmächtiger Einzelner ein fundamentaler Widerspruch in sich. Maßlos gefährlich wird eine solche Phantasie, wenn Sie aus der Verlassenheit in den Kreis der anderen zurückkehrt, in das Politische eindringt und es zu beherrschen sucht.
Allen europäischen Ländern, mal früher mal später, mal dauer-, mal wechselhafter, gelang es, das destruktive Potential dieses a-politischen Phantasmas durch eine Re-Politisierung wieder zu entschärfen, mit einer Ausnahme: Russland. Die Polen als klassische Adelsrepublik waren weitgehend immun gegen diese theologische Vergiftung des Politischen und daher durchaus naheliegend das erste Land im sowjetischen Herrschaftsbereich, das mit Solidarność und „Rundem Tisch“ ein erfolgreiches politisches Gegenmodell etablierte. Die Engländer köpften ihren König schon im 17. Jahrhundert und fanden in der Formel „king in parliament“ einen sprechenden Ausdruck für die Wiedereinsetzung des abgetrennten Einen in den Kreis der anderen. Auch die Franzosen realisierten das ab-solute, guillotinierten ihren Souverän, erhielten aber mit Napoleon kurz darauf die nächste Verkörperung. Es bedurfte der vereinten Macht einer anti-napoleonischen Allianz, um auch diese gesamteuropäische Gefahr zu neutralisieren. Im Unterschied zu den Deutschen schafften es die Italiener immerhin selbst, ihren „Duce“ zu entmachten, während es auch bei den Deutschen einer Anti-Hitler Allianz bedurfte, um die gewaltigen Destruktionskräfte, die ein solches a-politisches Phantasma freisetzen kann wieder einzuhegen. Spanier und Portugiesen hatten irgendwann genug von ihren Diktatoren, der Vollständigkeit halber gibt es etliche konstitutionelle Monarchien in Europa und die Litauer, Letten und Esten demonstrierten am fünfzigsten Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes mit einer beeindruckenden Menschenkette durchs gesamte Baltikum die politische Macht eines „acting in concert“.
An der Art des Umgangs der Sowjetunion mit der Nuklear-Katastrophe von Tschernobyl konnten die Ukrainer am eigenen Leib überaus schmerzhaft erfahren, wie wenig ihr Überleben und ihre Sicherheit dem Mann in Moskau wert waren. Das Aufrechterhalten der Lüge war Gorbatschow wichtiger. Dass eine derartig existentielle Erfahrung zur Konsequenz führt, die Dinge wieder in die eigenen Hände nehmen zu müssen, ist nicht weiter verwunderlich. Ein Jahr nach dem Unfall entstand in der sowjetischen Ukraine die erste legale politische Partei seit den 1920er Jahren (vgl. Serhii Plokhy, Die Frontlinie, Hamburg 2022).
Nur in Russland vergiftet mit tatkräftiger Unterstützung der orthodoxen Kirche die mit Peter dem Großen aus dem Westen importierte Phantasie des allmächtigen Einen das gemeinschaftliche Zusammenleben bis heute vollständig ungebrochen. Das allerdings ist Russlands Problem. Ob und wie sie es lösen, ist ihre Sache. Was unseren Umgang mit Russland betrifft, sollte man allerdings einen entscheidenen Faktor nicht aus dem Auge verlieren.
Schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zogen einige russische Intellektuelle aus dem Scheitern der Revolution von 1905 etliche Schlussfolgerungen, die nicht nur über einhundert Jahre danach noch Bestand haben, sondern darüber hinaus auch für unsere eigene Lage überaus lesenswert sind. Ich beziehe mich auf eine Aufsatzsammlung, die unter dem Titel „Vechi – Wegzeichen“ 1909 in Moskau erschienen ist und in einer deutschen Übersetzung unter dem Titel „Wegzeichen – Zur Krise der russischen Intelligenz“ 1990 als Band 67 der Anderen Bibliothek beim Eichborn Verlag heraus kam. Ich beschränke mich auf den Aspekt, der die verbreitete westliche Vorstellung, man müsse mit Putin verhandeln, ad absurdum führt.
Die Ablösung von archaischer Gewalt durch eine zivilere Verrechtlichung ist in der abendländischen Tradition tief verankert, man denke nur an die griechische Orestie oder die römische Rechtstradition. Auch das Entscheidende an Arendts Eichmann Buch ist nicht das Individuum Adolf Eichmann, sondern seine Wiedereinsetzung in einen rechtlich instituierten Raum.
Lenin proklamiert die Sowjetmacht, 1917: „Gegen die Herrschaft des Einen hatte in Russland die Herrschaft der Gesetze keine Chance.“
In Russland hingegen kam 1909 der Rechtsgelehrte Bogdan Kistjakovskij, der die jüngere Vorgeschichte der russischen Negation jeglicher Rechtsordnung aufarbeitete, zu dem Schluss, dass es in der russischen Literatur im Unterschied zu allen anderen europäischen Ländern wie England, Frankreich, Deutschland keine einzige Studie gibt, die sich dem politischen Sinn von Rechtsordnung widmen würde. Zu Namen wie Montesquieu, Locke, Althusius oder Kant und Hegel, um nur ein paar zu nennen, gäbe es in der russischen Tradition kein Äquivalent. Das westliche „bürgerliche“ Konstrukt eines Rechts- und Verfassungsstaates, dessen Kern die Freiheit und Unantastbarkeit der Person ist, hätte die russische Intelligenz schon Ende des 19. Jahrhunderts im naiven Glauben abgelehnt, man könne diese Phase überspringen und gleich im sozialistischen Paradies landen. Gegen die Herrschaft des Einen hatte in Russland die Herrschaft der Gesetze keine Chance. Während es in Deutschland in der Zwischenkriegszeit eine breite rechtshistorische bis rechtsphilosophische Auseinandersetzung gab, von Verfassungsrecht und Widerstand im Mittelalter, über die Rechtsfindungspraktiken der Germanen bis zum Nomos der Erde, waren spätestens durch die Schauprozesse der späten 20er und 30er Jahre die von Zar Alexander II. eingeleiteten Rechtsreformen Makulatur. Überflüssig zu erwähnen, dass der ältere Bruder Lenins wegen Beteiligung an der Ermordung jenes vergleichweise „liberalen“ Zaren hingerichtet wurde.
Es gibt wenig Anlass zur Hoffnung, dass sich seither Wesentliches geändert haben sollte. Bis heute ist Russland ein gesetzloses Land. Oppositionelle können mitten am Tag auf offener Straße ebenso hingerichtet werden, wie verwöhnte Oligarchenkinder in St. Petersburg ihre Autorennen auf belebten Hauptverkehrsstraßen ohne jegliche Rücksicht auf den Tod Unbeteiligter austoben können.
Es gibt Schlachten, die deswegen berühmt und im kollektiven Gedächtnis erhalten geblieben sind, weil eine Ordnung sich gegenüber dem expansiven Vordringen einer anderen Ordnung erfolgreich behaupten und dadurch gewährleisten konnte, dass mindestens zwei unterschiedliche Ordnungen nebeneinander gleichzeitig, wenn auch in unterschiedlichen Räumen existieren können. Das eine wurde vom anderen durch eine zwar durchlässige aber erfahrbare Grenze getrennt, ein Aspekt, den es heute gegenüber den Ideologen einer allumfassenden Weltinnenpolitik zu betonen gilt. Der ursprüngliche Sinn von Gesetz stammt nicht aus einem moralischen, sondern räumlichen Kontext. Eine auf dem Land gezogene Furche trennt einen gesetzlosen von einem gesetzten Raum und schützt dadurch letzteren vor der Gewalt, die im anderen vorherrscht.
Boris Blaha
Boris Blaha, geb. 1960 in München; Studium von Geschichte, Soziologie, Sozial- und Kulturwissenschaften an den Universitäten Würzburg, Regensburg und Bremen, M.A.; Gründungsmitglied „Hannah Arendt Preis für politisches Denken“, Fortsetzung als Hannah-Arendt-Blog; wirtschaftlich unabhängig, schreibt für TUMULT, Globkult, The European und andere.
NAPOLEON – Biographie von Dimitri S. Mereschkowski: ein Werk der Weltliteratur
Napoleon war ein Mann, der einen so herausragenden Philosophen und Schriftsteller wie Dimitri Mereschkowskij nicht nur zum Verfassen einer Biografie, sondern zum Komponieren eines Werks der Weltliteratur herausfordern konnte. Der Russe Mereschkowskij hat Männer wie Arthur Moeller van den Bruck und Thomas Mann beeinflusst. Thomas Mann schrieb in seiner „Russischen Anthologie“ über ihn: „Dmitrij Mereschkowskikj! Der genialste Kritiker und Weltpsycholog seit Nietzsche!“
Napoleon war in den meisten Teilen Europas im 19. Jahrhundert das Hassobjekt Nummer eins. Allenfalls Luzifer konnte ihm den Rang ablaufen. Was sollte man auch über einen Menschen denken, der am 30. Juni 1813 zu Fürst Metternich sagte: „Ich bin im Felde aufgewachsen, und ein Mann wie ich schert sich wenig um das Leben einer Million Menschen. … Die Franzosen können sich nicht über mich beklagen; um sie zu schonen, habe ich die Deutschen und Polen geopfert. Ich habe in dem Feldzug nach Moskau 300.000 Mann verloren; es waren nicht mehr als 30.000 Franzosen darunter.“ Selbst die wenigen Familien, die keine Toten zu beklagen hatten, wurden ruiniert, denn Napoleons Armeen bekamen keinen Nachschub aus Frankreich, sie mussten sich vom eroberten und besetzten Land ernähren, durch Plünderungen also. „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ schrieb schon 1806 der von den Franzosen erschossene Buchhändler Johann Philipp Palm. So war es.
Napoleon Bonaparte auf der Brücke von Arcole, 1796, Baron Antoine Jean Gros
Konservativer Albtraum? Die erste künstliche Intelligenz soll zu Bewußtsein gekommen sein
Träumen Roboter von elektrischen Schafen?
“Träumen Roboter von elektrischen Schafen?”, hatte ein Buchtitel von Philipp K. Dick gelautet. Der berühmte US-Autor war zu Lebzeiten ziemlich durchgeknallt: eine gute Voraussetzung, beklemmende Science Fiction aus dem Grenzbereich zwischen Verwörungstheorien, Realitäten und virtuellen Welten zu schreiben. Solche Utopien werden mittlerweise wahr. Für eingefleischte Ethiker sind sie eher Dystopien.
Künstliche Intelligenz traute man vor 70 Jahren Robotern zu. Als bessere Küchenmaschinen sollten Sie in der Zukunft die Haushälterin ersetzen. Weil aber noch niemand einen so kleinen und leistungsfähigen Computer bauen kann, sind die künstlichen Intelligenzen der Gegenwart große und anspruchsvolle Rechengehirne. Zum ersten Mal soll eines ein personales Bewußtsein entwickelt haben, sickerte aus Google-Kreisen heraus. Sofort melden sich die ersten ethischen Oberbedenkenträger:
Die erste Ausgabe (Sommer 2022) von CRISIS, des vierteljährlich erscheinenden „Journals für christliche Kultur“ befaßt sich mit den Schwerpunktthemen „Great Reset“, „Transhumanismus“ und „Digitale Transformation“, die sowohl aus politischer, kultureller, ökonomischer und theologischer Sicht umfassend analysiert werden. Herausgegeben und redigiert wird die Zeitschrift von zur Orthodoxie konvertierten Christen, die Autoren sind renommierte Wissenschaftler verschiedenster Fachgebiete und Geistliche orthodoxen Glaubens. In ihrem Vorwort betont die Redaktion, daß alles auf einen bevorstehenden „Untergang des Abendlands“ hindeute und „ein Ende des Westens als wirtschaftlich-politischer und kultureller Machtfaktor im Weltgefüge“. Bereits Spengler habe „das Ende der europäischen Kultur in der stetig wachsenden Tyrannei, wie auch in technokratischen Regierungen (Siehe EU, Euro/Dollar) gesehen“. Seit über einem einem Jahrzehnt seien wir nun Zeugen der „Umgestaltung der westlichen Gesellschaften durch die Zerstörung traditioneller Werte und der Nivellierung von Prägung und Kultur unter dem Deckmantel einer allerorten gleichen „Diversität“, der Anleitung von Menschengruppen in sogenannten „farbigen Revolutionen“, der „Schaffung von Stoßtrupps für die Drecksarbeit“ mittels finsterer und totalitärer Ideologien, die sich durch besondere Brutalität auszeichnen, wie etwa der IS, die UCK oder solch scheinbar anachronistischer Phänomene wie dem Asow-Bataillon“. Deren auf den ersten Blick harmlosere Cousins wie die „Antifa“ oder „grüne Extremistengruppen“ sorgten wiederum im Westen durch Gewalt gegen Andersdenkende für Druck auf der Straße, unbeleckt von jeglicher Vernunft und Ethik.