Warum wir die Natur lieben und dennoch zerstören

von Irenäus Eibl-Eibesfeldt

Lebensgefährdende Grenz-Verletzungen als Folge menschlicher Kurzzeitstrategie

Warum wir die Natur lieben und dennoch zerstören

Wir sind eine überaus erfolgreiche Art. Als Volltreffer der Evolution charakterisierte uns Hubert Markl (1986). Wir haben den Erdball bis in die entlegensten Winkel bevölkert und werden dennoch immer mehr. Zugleich schufen wir uns mit der technischen Zivilisation ein Instrumentarium, das uns Macht über Natur und Mitmenschen in die Hand gibt, mit der wir nicht so recht umzugehen wissen. Wohlge­merkt, ich spreche von einer Geschichte des Erfolges, denn ohne die anonymen Großgesellschaften, ohne die technische Zivilisation und ohne die Ballung von Menschen in großen Städten gäbe es nicht die Hochkulturleistungen, an denen wir uns erfreuen, keine Universitäten, keine Forschung, kein Theater, keine Bibliotheken, Konzertveranstaltungen, keine technische Zivilisation, die uns vielleicht den Aufbruch ins All ermöglicht, und keine weltweite Kommunikation über Satelliten. Wir haben es in knapp hundert Jahren geschafft, uns von den ersten unbeholfenen Automobilen zur Raumfahrt vorzuarbeiten, vom mechanischen Zeitalter ins elektronische. Kaum auszudenken, was unsere Spezies alles in weiteren tausend, ja zehntausend Jahren erreichen könnte, wenn, ja wenn da nicht einige Probleme wären.

Irenäus Eibl-Eibesfeld (2005), Quelle: Von Peter Korneffel, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38654673

Früher vorteilhafte Überlebensstrategien erweisen sich heute als überlebensgefährdend

Diese Probleme ergeben sich aus der Tatsache, daß unsere Vorfahren über die längste Zeit ihrer Geschichte mit der einfachen Technologie des altsteinzeitlichen Jägers und Sammlers in Kleingesellschaften lebten, in denen jeder jeden kannte. In ihr erwiesen sich bestimmte Überlebensstrategien als vorteilhaft, die auch heute noch zu der uns angeborenen Aktions- und Reaktionsausstattung gehören und die sich in dieser neuen Situation allerdings als Problemanlagen erweisen, indem sie sich in bestimmten Situationen schädlich, das heißt überlebensgefährdend auswirken. Das gilt unter anderem für unsere Programmierung auf den Wettlauf im Jetzt und für unser ausgeprägtes Machtstreben.

Beiden Programmierungen verdanken wir einerseits unseren Erfolg, aber beide erweisen sich in ihrer unbewußten Dynamik heute als höchst gefährlich. Wir Europäer haben an dieser Entwicklung entscheidenden Anteil. Wir haben der Menschheit die Naturwissenschaft und damit die technische Zivilisation beschert, den Gedanken des Weltbürgertums entwickelt und damit Entwicklungen angestoßen, die einer vernünftigen ebenso wie humanitär engagierten Steuerung bedürfen, damit sie sich weiterhin segensreich auswirken können. Dazu müssen wir uns der uns unbewußten Motive unseres Handelns bewußt werden.

Wettlauf im Jetzt

Eine der stammesgeschichtlich ältesten Problemanlagen ist unsere Programmierung auf den Wettlauf im Jetzt. Seit die ersten Organismen vor vielleicht zwei Milliarden Jahren um begrenzte Ressourcen konkurrierten, zählte, wer in diesem Wettlauf im Jetzt schneller war. Die Algen, die andere schneller überwucherten und ihnen so das Licht raubten, die Organismen, die anderen schneller die Nahrung nahmen, kurz, die im Jetzt erfolgreicher waren, machten das Rennen und überlebten in Nachkommen. Dieser Wettlauf im Jetzt formte auch uns. Er bewirkte eine opportuni­stische Grundhaltung, die dazu drängt, sich bietende Chancen ohne Rücksicht auf Spätfolgen maximal zu nützen. Wir befolgen daher ausbeuterische, gewinnmaximierende Kurzzeitstrategien, die uns heute zur Falle werden können und vor denen wir uns daher hüten müssen.

Für unsere altsteinzeitlichen Vorfahren bewährte sich diese opportunistische Grundhaltung. Sie bevölkerten diesen Planeten in dünner Besiedlung und konnten mit ihrer einfachen Technologie auf die Lebensgemeinschaften, die ihre Existenzgrundlage bildeten, keinen auf Dauer zerstörerischen Einfluß ausüben. Daher hat uns die natürliche Auslese für den Umgang mit der Natur keine Bremsen angezüchtet. Man liest oft, der Mensch der Vorzeit hätte in Harmonie mit der Natur gelebt und sich umweltfreundlich verhalten. Das ist eine romantische Vorstellung. Der Mensch hat bereits als steinzeitlicher Wildbeuter manche Tierarten ausgerottet, und er hat Feuer gelegt, damit sich auf den neu begrünenden Flächen das Jagdwild konzentrierte. Im großen und ganzen hielten sich jedoch seine Einwirkungen in ökologisch verkraftbaren Grenzen.

Die exploitative Grundhaltung konnte man bis vor kurzem noch an den verbliebenen Jäger- und Sammlervölkern beobachten. Solange sie ihre eigene traditionelle Gerätekultur verwendeten, hielt sich der Schaden in Grenzen. Aber als die Prärieindianer Nordamerikas gelernt hatten, die Bisons auf Pferden mit Feuerwaffen zu erjagen, unterschieden sie sich in ihrem Jagdrausch wenig von ihren weißen Vorbildern. Als die Eskimos Feuergewehre bekamen, gefährdeten sie mit ihrem Jagdeifer ihre eigene Subsistenz­ basis, so daß die dänische Regierung Schutzgesetze für Walrosse erlassen mußte, die wegen ihrer Zähne besonders begehrt waren.

Die riesigen Büffelherden wurden fast ausgerottet. Das Foto zeigt eine Pyramide aus Schädeln der Tiere
Quelle: Wikipedia/Public Domain

Machtstreben

Für dieses Konkurrenzverhalten hat uns die Natur mit einem Dominanzstreben begabt. Es wurde ursprünglich sicher für die innerartliche Auseinandersetzung entwickelt, für den Wettstreit um begrenzte Güter wie Territorien oder Geschlechtspartner. Beim Menschen erwies es sich auch bei der Auseinandersetzung mit der Natur dienlich. Wir kämpfen mit den Naturgewalten, wir machen uns die Natur untertan, verbeißen uns in Aufgaben und attackieren Pro­ bleme. Und das ist ja nicht grundsätzlich schlecht. Aber die aggressive Terminologie weist auf den Ursprung dieser Motivation zum „Sieg“ über die Natur hin und damit auf ein Problem. Das Streben nach Dominanz und Macht ist nämlich gegen Eskalation nicht abgesichert. Während Hunger, Durst und andere Triebe über das Erreichen einer abschaltenden Endsituation oder interne abschaltende, physiologische Mechanismen gegen ein Zuviel und damit auch gegen den Mißbrauch der mit ihnen verbundenen Lustmechanismen abgesichert sind, wird das Streben nach Macht beim Mann bei Erfolg durch einen Hormonreflex in positiver Rückkoppelung bekräftigt. Gewinnen Tennisspieler ein Match, dann steigt ihr Bluttestosteronspiegel innerhalb von 24 Stunden signifikant an; verlieren sie, dann sinkt er deutlich ab. Das gleiche Phänomen beobachtet man auch bei Erfolg in anderen Bereichen. Bestehen Medizinstudenten eine Prüfung mit Erfolg, dann steigt ihr Bluttestosteronspiegel ebenfalls an, und er sinkt ab, wenn einer durchfällt. Dieser Hormonreflex belohnt also jeden Erfolg, über ihn wird das Selbstwertgefühl bekräftigt. Diese positive Rückkoppelung führt dann allerdings auch dazu, daß unser Streben nach Macht und Ansehen von Erfolg zu Erfolg angeheizt wird, daher neigt es zur Eskalation.

So angetrieben haben wir unsere Erde erobert wie keine Wirbeltierart zuvor. Zu dieser Dynamik kommt noch der Umstand, daß wir sprach- und damit kulturbegabte Generalisten mit einer Werkzeugkultur sind, die uns mit ablegbaren Organen ausstattete und uns damit zu vielseitiger Spezialisierung befähigte. Ein Maulwurf ist mit seiner Grabschaufel zeitlebens verhaftet. Wir können sie ergreifen, wenn wir sie gerade benötigen, aber auch wieder ablegen, um uns mit einer Axt vorübergehend eine neue Spezialisierung anzueignen. Hans Hass prägte für uns die treffende Bezeichnung des „Spezialisten für vielseitige Spezialisierung“ (Hans Hass 1994).

Wir können überdies die Folgen unseres Handelns über längere Zeit im voraus abschätzen und wissen daher, daß der gegenwärtig mit archaischen Kurzzeitstrategien aufgetragene Konkurrenzkampf die Ressourcen und damit die Lebensgrundlagen künftiger Generationen gefährdet. Dieses Wissen sollte uns in verantwortlicher Weise zu einem generationenübergreifenden Überlebensethos verpflichten lassen, das die Zukunft auch uns nachfolgender Generationen absichert. Wir sind immerhin die ersten Wesen auf diesem Planeten, die sich Ziele dieser Art setzen können, und wenn sich in dieser Zielsetzung Vernunft und fürsorgliches Engagement in ausgewogener Weise verbinden und wenn wir überdies zur rechtzeitigen Fehlerkorrektur bereit bleiben, sollte sich der beschrittene Weg als Irrweg erweisen, dann eröffnen sich, wie schon eingangs angedeutet, ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten. Dogmatische Zielsetzung kann sich als höchst gefährlich erweisen. Es würde den Rahmen dieser Ausführung sprengen, wollte ich auf die Falle des Dogmatismus hier näher eingehen. Ich möchte aber ausdrücklich auf sie verweisen (Näheres dazu in Eibl- Eibesfeldt 1988, 1994).

Bäuerlich-fürsorgliche Kultur als Bezugspunkt für generationenübergreifendes Handeln

Für die Entwicklung eines solchen generationenübergreifenden Überlebensethos ist unsere in ihren Wurzeln auf einer bäuerlichen Ethik basierende Kultur in gewisser Hinsicht vorbereitet. Wir leben nicht in den Tag. In verschiedenen Regionen unserer Erde, vor allem in jenen, die klimatisch weniger begünstigt sind, haben Menschen, die vom Ackerbau und von der Viehzucht leben, das Haushalten gelernt ebenso wie das pflegliche Behandeln ihrer Ressourcen und das Planen für die weitere Zukunft. Sie haben gelernt, Bäume zu pflanzen, die erst nachfolgenden Generationen von Nutzen sind, und sie pflegen das Land, das sie bestellen und mit dem sie geradezu affektiv verbunden sind.

Ich fahre täglich von meinem Heim im bayerischen Söcking zu meinem Institut in Andechs durch eine bäuerliche Kulturlandschaft, die seit gut 2.000 Jahren bewirtschaftet wird. Kelten und Römer lebten von diesem Land, und viele Generationen von Bayern bis zum heutigen Tag. Und es zeigt keinerlei Zeichen von Zerstörung. Auf den bronzezeitlichen Hügelgräbern weiden Kühe, mittelgroße Felder und Wiesen wechseln mit kleineren Wäldern. Dazwischen eingestreut kleine Ortschaften mit Wohlstand verkündenden Höfen. Die auf pflegliche Art erwirtschafteten Produkte waren von hoher Qualität, und sie reichten aus, die Bevölkerung dieses Landes mit gesunden Produkten zu versorgen und den Produzenten einen gewissen Wohlstand zu sichern.

Dies änderte sich in den letzten zwei Jahrzehnten durch die industrielle Feldbestellung und durch die Massentierhaltung in dramatischer Weise. Beides gefährdet nunmehr das bisher Erreichte. In bestimmten Gebieten Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Spaniens werden heute sehr große Flächen mit schweren Maschinen bestellt, die den Boden verdichten. Die intensive Düngung tötet zwei Drittel der Bodenorganismen, die ihn wieder lockern würden. Daher dringt das Regenwasser nicht schnell genug ein, und das wirkt sich vor allem nach der Ernte verhängnisvoll aus. Denn dann liegen die Felder viele Monate ohne schützende Pflanzendecke. Regen wäscht das Erdreich weg, und bei Trockenheit verbläst es der Wind. Glaubt man so weitere zweitausend Jahre wirtschaften zu können? Keineswegs, aber das schert wenige. Im Augenblick erwirtschaftet man auf diese Weise die Produkte billiger als auf die traditionelle Art, da man Arbeitskräfte spart. Und nur die Gegenwart zählt. Man pflegt das Land nicht mehr, man beutet es aus und läßt es verkommen. Einige werden dabei reich, aber viele zugleich arbeitslos.

Ähnliches gilt für die Massentierhaltung. In manchen Gegenden des europäischen Nordens werden Hunderte von Schweinen und Rindern in Ställen gehalten. Massentierhaltung verdrängt die bewährten bäuerlichen Methoden der Viehhaltung. Auch hier werden einige wenige wohlha­ bend, während viele der kleineren und mittelgroßen bäuerlichen Betriebe zugrundegehen. Daß die Produkte vom seuchenhygienischen Standpunkt nicht unbedenklich sind und überdies von minderer Qualität und daß die Methoden der Tierhaltung gegen unsere Ethik verstoßen, wird ebenso verdrängt wie die sozialen Probleme. Es zählt der Wettlauf im Jetzt. Wirtschaftlich funktioniert dies nur, weil die durch die Arbeitslosigkeit verursachten Soziallasten dem Staat und damit der Gemeinschaft aufgebürdet werden, während der Nutzen allein den rücksichtslos Wirtschaftenden zufällt. Das alte Problem der Allmende in neuer Form. Würde man diese Soziallasten in die Kosten-Nutzen-Rechnung miteinbeziehen, die so erwirtschafteten Produkte dürften ziemlich teuer kommen. Ganz abgesehen davon ist eine solche Kurzzeitstrategie höchst riskant. Wir haben immerhin bereits zwei Ölkrisen erlebt, aber in unserem Kurzzeitdenken auch schnell vergessen.

Lebensqualität contra Gewinnmaximierung

Im industriellen Bereich bahnen sich ähnliche Entwicklungen an. Wir hatten in den Ländern der Europäischen Gemeinschaft in Industrie und Landwirtschaft bereits einen hohen Standard umweltfreundlichen und zugleich sozial verantwortlichen Wirtschaftens erreicht. „Soziale Marktwirtschaft“ hieß die von Ludwig Erhard in die Welt gesetzte Parole. Sie zivilisierte den Kapitalismus, indem sie umweltfreundliches und sozial verantwortliches Wirtschaften mit freiem Wettbewerb verband. Schnelligkeit der Leistungserfüllung, Qualität des Angebots und der Dienst­ leistungen, Innovation und Geschicklichkeit der Märkteerschließung unter anderem durch kundenorientiertes und daher nicht notwendigerweise gewinnmaximierendes Verhalten waren dabei die Konkurrenzfaktoren, während dem ökologischen und sozialen Unterbieten durch Auflagen Grenzen gesetzt wurden. An diesem System gibt es sicherlich mancherlei zu korrigieren. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müßten in Vereinbarungen symbiotische Beziehungen erwirtschaften zu beiderseitigem Vorteil, in denen sich beide bereitfinden sollten, sich an die jeweilige Wirtschaftslage anzupassen und sowohl der Ausbeutung wie dem Mißbrauch von Sozialleistungen entgegenzusteuem. Hier befinden wir uns in der Experimentierphase, aber mit der sozialen Marktwirtschaft sicherlich auf einem guten Weg.

Gelingt es, die richtige Balance zu finden, dann sichern wir unsere Zukunft durch Erhaltung des inneren Friedens. Was nützt die schönste Villa, wenn ich sie wie in manchen Ländern der neuen Welt mit stacheldrahtbewehrten Mauern umgeben muß, wenn ich nachts nicht ungefährdet die Straßen der Großstädte betreten darf und wenn mein Gewissen durch den Anblick krasser Armut bedrückt wird, von Menschen, die im Winter in Kartons in Kaufhauseingängen übernachten oder über Entlüftungsschächten, aus denen warme Luft strömt. Es gehört eine gewisse soziale Blindheit dazu, wenn ein Land sich des höchsten allgemeinen Lebensstandards brüstet, in dem soziales Elend dieser Art zum Alltag gehört. Mag sein, daß es sich so statistisch errechnet, aber einem Optimum an Lebensqualität ist das gewiß nicht gleichzusetzen.

Ökologische und soziale Grenzen der Globalisierung

Wir müssen befürchten, daß sich eine ähnliche Entwicklung bei uns in Europa anbahnt. Unter dem Stichwort „Globalismus“ fordert man den weltweiten Abbau der Zollschranken. Wir sollen uns der Welt öffnen. Aber man kann nicht umweltfreundlich wirtschaften und seine Arbeitnehmer angemessen bezahlen, wenn man zuläßt, daß Billigprodukte aus Ländern, denen es an sozialer und ökologischer Verantwortung mangelt, importiert werden. Die Wirtschaft neigt dazu, sich die Natur beziehungsweise deren über die natürliche Auslese gesteuerten Konkurrenzkampf zum Vorbild zu nehmen. Aber die Natur ist rücksichtslos. Sie kennt keine Moral und keine langfristige Zukunftsperspektive. Wir können aus ihr zwar viel lernen, aber auch, wie wir es nicht machen sollten. Kurzfristig mag eine am natürlichen Vorbild orientierte Marktwirtschaft Vorteile bringen, langfristig zerstört sie eine Gemeinschaft. Der freie Verkehr von Menschen und Waren würde zu einem sozialen und ökologischen Dumping führen. Nicht die Nivellierung der Menschheit auf ein Niveau der allgemeinen Armut kann das Ziel sein, sondern die allmähliche Angleichung nach oben. Die kann man aber aus einer Reihe von Gründen nicht mehr global erreichen. Jene Philanthropen, die unentwegt laut „Wir, die Reichen müssen…“ rufen, sind wirklichkeitsblind. Ganz abgesehen davon, daß wir so reich nicht sind – junge Akademiker können sich in den seltensten Fällen in München eine Wohnung leisten, die es ihnen erlauben würde, zwei oder drei Kinder ohne erhebliche Einschränkungen aufzuziehen –, würde die Wirtschaftleistung der gesamten Industriestaaten der nördlichen Erdhalbkugel nicht ausreichen, die dritte Welt zu sanieren, die jährlich 2 bis 3 Prozent wächst, so daß sich die Weltbevölkerung vor allem durch den Zuwachs in diesen Regionen alle drei bis vier Jahre um die Bevölkerung der Europäischen Union vermehrt. Da ist guter Rat teuer, zumal die Industriestaaten ihre Entwicklungshilfe bereits über eine Verschuldung künftiger Generationen finanzieren.

Auch mit der Aufnahme von Menschen aus den Armutsländern wäre nicht geholfen. Wir könnten jährlich aus diesen Regionen 1 Millionen in Europa einwandern lassen, und es würde, wie Hubert Markl vorrechnet, nichts in den notleidenden Regionen ändern, denn dies ist der dortige Geburtenzuwachs einer einzigen Woche. Wir würden uns allerdings mit Problemen belasten, die den inneren Frieden und die dringend gebotene Sanierung unseres Naturhaushaltes ernsthaft gefährden.

Ich sehe in der gegenwärtigen Situation nur den Weg der schrittweisen Sanierung, wobei wir zunächst den eigenen Haushalt in Ordnung bringen sollten. Das gilt für die einzelnen Staaten Europas ebenso wie für die Europäische Union, die so zu einer Zone ökologischen und sozialen Friedens heranwachsen könnte. Von solchen gesundeten Regionen könnte über Nachbarschaftshilfe eine Anhebung ärmerer Regionen erfolgen, wobei die erzieherische Modellwirkung über die wirtschaftliche und ausbildungsmäßige Hilfe hinaus zusätzlicher Ansporn sein könnte. Zwischen Wirtschaftsregionen, die einen vergleichbaren ökologischen und sozialen Standard pflegen, könnte ein freier Handel statt­finden, so daß der frische Wind des Wettbewerbs als belebender Ansporn wirkte. Die Marktwirtschaft darf dabei nicht das Soziale und dieses nicht die Marktwirtschaft fressen. In einem höchst bemerkenswerten Beitrag zur Debatte über die Globalisierung schreibt Josef Schmid (Josef Schmid. Unausweichlich, aber kein Fortschritt. Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 185 (22.8.1996). S. 11): „Globalisierung ist nicht nur Schicksal oder Ausgeliefertsein, demgegenüber nichts als Anpassung gefragt wäre. Sie zwingt dazu, sich über die eigenen Vorlieben klarzuwerden und darüber, was gegenüber Weltbewegungen als erhaltenswert erscheint.“

Dazu gehört für uns die Pflege unserer eigenen abendländischen und nationalen Identität als Beitrag Europas zur multikulturellen Weltgemeinschaft. Und in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung eines verantwortlichen generationenübergreifenden Überlebensethos, das dem Wohlergehen unserer Enkel Rechnung trägt. Den egalisierten Weltstaat mit einer homogenisierten Weltbevölkerung wird es wohl nie geben. Er müßte extrem repressiv sein, denn Leben drängt nach Vielfalt und zwar nicht nur auf der Ebene der Tier- und Pflanzenarten, sondern auch auf der der menschlichen Populationen und Kulturen, denn nur so kann Leben sich im Strom der Zeit behaupten.

Auf das Wirtschaftliche bezogen, meint Schmid: „Eine Wirtschaftspolitik, die den Menschen dient und nicht nur den Betriebseinheiten, wird in gewissem Umfange Nationalökonomie bleiben müssen. Die verzweifelte Suche nach dem „patriotischen Unternehmer“, der nicht auslagert, dem unverdrossenen Biologen, der nicht nach Asien geht, nach dem Arbeiter, der nicht pausiert, kann beginnen“.

Welche angeborenen Verhaltensdispositionen können ein generationenübergreifendes Lebensethos stützen?

Hilft Einsicht allein, mit unseren Problemanlagen zurechtzukommen und etwa die Falle der Kurzzeitstrategie oder des Machtstrebens zu vermeiden? Daran habe ich meine begründeten Zweifel, kann man doch an vielen Beispielen, wie etwa an unserem Umgang mit den nichtersetzbaren Ressourcen – ich denke hier zum Beispiel an die fossilen Energieträger – erkennen, daß das rational sicher als notwendig Erkannte uns kalt läßt, wenn die negativen Folgen unseres Tuns erst zwei Generationen später spürbar werden“. ,Nach uns die Sintflut’ ist eine Haltung, die der Entwicklung eines generationenübergreifenden Überlebensethos entgegenwirkt. Den stark affektiv besetzten Hindernissen, die einer einsichtigen Verhaltenssteuerung entgegenstehen, müssen wir außer unserer Einsicht auch ein starkes affektives Engagement entgegensetzen. Welche der uns ebenfalls angeborenen Verhaltensdispositionen können wir nutzen? Es sind im wesentlichen drei: unsere Natur­ liebe, unser starkes fürsorgliches Engagement für Kinder und unser auf der universalen Regel der Reziprozität basierendes Gefühl für Verpflichtung. Alle drei basieren auf uns angeborenen Dispositionen, die wir bewußt kultivieren können.

Die Liebe zur Natur speist sich aus verschiedenen Wurzeln. So zeichnet uns Menschen eine ausgesprochene „Phytophilie“ aus, eine Vorliebe für Pflanzen. Hier dürfte es sich um eine archetypische Biotopprägung handeln. Pflanzen charakterisieren einen Lebensraum, der fruchtbar ist und in dem es sich gut leben läßt. Der altsteinzeitliche Jäger und Sammler lebte naturnah, in einem Habitat, das etwa der afrikanischen Savanne entspricht, mit reichlichem Pflanzenwuchs und reichlichem Tierleben. Und daß wir ein ästhetisches Bedürfnis nach einer solchen Umgebung haben, zeigt sich dann, wenn Menschen naturfern leben. Dann nämlich zeigen sie eine Reihe von Ersatzhandlungen: Sie dekorieren ihre Wohnung zum Beispiel mit Farnen, Gummibäumen und anderen Grünpflanzen, die keinem anderen Zweck dienen als dem Auge Ersatznatur zu bieten. Wir lieben Natur, was allerdings nicht verhindert, daß wir sie ausbeuten. Wir erwähnten schon, daß es ursprünglich keine Notwendigkeit gab, uns da Einschränkungen aufzuerlegen. Aber das ästhetische Bedürfnis nach Natur setzt der Zerstörung Grenzen, wenn wir sie unmittelbar betroffen erleben. Wir lieben ferner Gewässer und wir lieben Tiere, denn auch sie sind Indikatoren einer gesunden Umwelt.

Bei der Tierliebe kommt noch eine weitere affektive Komponente dazu. Jungtiere sprechen uns an, wenn sie Merkmale des Menschenkindes aufweisen und damit Betreuungsreaktionen auslösen. Ich habe über viele Jahre die Yanomami-lndianer des Oberen Orinoko besucht.

Diese Bewohner des Regenwaldes halten als Haustier nur den Hund. Sie sind Jäger, aber wenn sie einen Affen abschießen, der ein Junges trägt, oder ein Aguti oder einen Vogel mit Jungen, dann pflegen sie die Jungtiere aufzuziehen. Eine Ansiedlung der Yanomami gleicht oft einem kleinen Zoo. Da laufen Agutis herum, kleine Tukane, Waldhühner, Papageien, Äffchen, und die Tiere werden gehegt und geliebt. Kein Yanomami würde daran denken, sie später einmal zu verspeisen. Diese Anteilnahme an der Kreatur hat sicher ihre affektive Begründung in unserer Disposition zur Kindesfürsorge, die über bestimmte Kindsignale ausgelöst wird. Konrad Lorenz (1943) sprach von eigenen Auslösern, auf die wir dank uns angeborener zentraler Referenzmuster, dem Kindchenschema, reagieren. Die Anteilnahme wird heute durch die Einsicht vertieft, daß es sich beim Leben um ein erstaunliches, einmaliges Phänomen handelt und daß wir selbst nur in einer gesunden Lebensgemeinschaft gedeihen können. Letztlich dient ein pfleglicher Umgang mit der Natur und den durch sie zur Verfügung gestellten Ressourcen unserem eigenen Interesse, das lautet: das größtmögliche Lebensglück für alle, und das nicht nur in der Gegenwart, sondern auch für künftige Generationen.

Dem „Nach uns die Sintflut“ kann ferner unser affektiv betontes Interesse am Schicksal unserer Kinder abhelfen. So wie es uns gelungen ist, das familiale Kleingruppenethos auf die Großgruppe auszudehnen und uns über Symbole und andere Gemeinsamkeiten auch mit Menschen zu identifizieren, die wir gar nicht kennen und die wir dennoch über die Verwendung von Verwandtschaftsbegriffen quasi-familial in unsere Solidargemeinschaft einbeziehen (wir sprechen bekanntlich von unseren Brüdern und Schwestern, von einem Vaterland und von Nationen), so sollte es auch gelingen, über eine affektive Ankoppelung nicht nur ein Engagement für unsere Kinder und Enkel, sondern auch für danach folgende Generationen zu entwickeln. Dazu mag schließlich das verpflichtende Bewußtsein beitragen, daß wir den ungezählten Generationen unserer Vorfahren das kulturelle Erbe verdanken, auf dem wir weiter aufbauen – ein Bewußtsein, das uns eine moralische Verpflichtung auferlegt, so zu handeln, daß auch künftige Generationen Lebensglück erfahren können.

Dazu kommt, daß wir Gefahren, die nach statistischer Wahrscheinlichkeit nicht in einem Lebensalter eintreten, nicht als bedrohlich erleben, auch wenn wir sie rational erkennen. So siedeln wir immer wieder an Vulkanabhängen, auch wenn die Dörfer alle paar hundert Jahre verschüttet werden. Die Selektion konnte in solchen Fällen keine Meidereaktionen anzüchten. Nur was mit Wahrscheinlichkeit in einem Menschenleben eintritt, wird gemieden.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der wir selbst-Druckausgabe „Grenzen“ 1/1998. Die Ausgabe ist im Bublies Verlag erhältlich: Zu den wir selbst-Druckausgaben

Prof. Dr. Dr.h.c. Irenäus Eibl-Eibesfeldt

geboren am 15.06.1928 in Wien, ehemaliger Leiter der Forschungsstelle für Humanethologie in der Max-Planck-Gesellschaft (bis Juni 1996), später Prof. Emeritus am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie, Humanethologie sowie Leiter des Humanethologischen Filmarchivs; apl. Prof. für Zoologie an der Universität München; Direktor des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Stadtethologie in Wien. Eibl-Eibesfeldt war seit 1950 verheiratet und hatte zwei Kinder. Prof. Eibl-Eibesfeldt ist am 2. Juni 2018 verstorben.

Der Kampf um den Begriff der bürgerlichen Mitte

Der Denker-Club, 1819, Karikatur zur Zensur der Meinungsfreiheit

von Klaus Kunze

Der Kampf um den Begriff der bürgerlichen Mitte

Im großen Spiel um politische Positionen und Begriffe ist plötzlich die bürgerliche Mitte der Hauptpreis. Jeder möchte zu ihr gehören. Aber wie im Gesellschaftsspiel der Reise nach Jerusalem gibt es immer zu wenig Plätze.

Linke können sich auf die Schenkel klopfen vor Lachen. Ungläubig staunend stehen sie links eines Bürgertums, das sich wechselseitig die Bürgerlichkeit bescheinigt oder auch abspricht, je nach Parteipräferenz. Der Nachweis, zu bürgerlichen Mitte zu gehören, wird hoch gehandelt wie vor 1945 der Ariernachweis oder danach der Persilschein für die „Unbelasteten“.

Die Linke war nie bürgerlich. Sie ist Kind des proletarischen Milieus. Die Bürger waren immer die Besitzbürger, verspottet von roten Funktionären aber heimliches Vorbild des proletarischen Fußvolks, das auch gern bürgerlichen Besitz gehabt hätte. Jene alten Zeiten sind vorbei. Die Milieus der Arbeiterklasse haben sich aufgelöst. Übrig gelassen haben sie eine Massenklientel, die nicht mehr von ihrer Hände Arbeit lebt und keine bürgerlichen Besitztümer hat. Sie bildet heute die primäre Zielgruppe der Sozialneid-Parteien SPD und SED (Linke).

Mit Bürgerlichkeit meinen die Sozialwissenschaften nicht die juristische Tatsache des staatlichen Bürgerrechts. Sie meinten ursprünglich eine durch Besitzverhältnisse abgrenzbare Bevölkerungsgruppe. Diese hatte im 19. Jahrhundert ihr Hoch und krönte es im liberalen Verfassungsstaat. Sein politisches Vermächtnis konkretisiert sich idealtypisch in der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

Seit dem 19. Jahrhundert hat er innenpolitisch einen sozialen und einen nationalen Flügel. Der soziale sorgte sich um das Wohl der Armen aus Angst, diese revolutionären Agitatoren zu überlassen. So motivierten sich Bismarcks Sozialgesetze. Der nationale Flügel des Bürgertums sorgte sich um Gefährdungen des Besitzstandes aus Angst vor ausländischer Konkurrenz und Handelskriegen.

Habituell läßt sich das Bürgertum immer noch gut von anderen Milieus abgrenzen. Eine gewisse saturierte Behäbigkeit, das Familienauto vor der Tür des Eigenheims oder doch der Wunsch nach einem solchen Hort bürgerlicher Gemütlichkeit sind häufige Merkmale. Signifikanter aber ist die emotionale Grundierung:

Die bürgerliche Mitte verinnerlicht heute noch die klassischen bürgerlichen Tugenden des Fleißes, der Zuverlässigkeit, der Pflichterfüllung, des Anstandes, der Verläßlichkeit und Pünktlichkeit, des Aufstiegsstrebens und der familiären Verbundenheit.

Heinrich Kley, Verehrung, 1909

Geblieben sind aber auch ein Hang zum Gehorsam vor der Obrigkeit, ein seltsam weltfremdes Nichtverhältnis zum Politischen und die überwältigende Feigheit dessen, der weiß, was er zu verlieren hat. Wenn auf der Straße die Revolution marschiert, finden wir den Bürger immer hinter der Gardine. Je nach Sieg oder Niederlage einer Partei im Bürgerkrieg hat der echte Bürger schon die passende Hißflagge in der Schublade.

Seine Werte sind ihm lieb und teuer, aber nicht so lieb und teuer wie sein Status, sein Einkommen und sein Besitz. Bürgerliche kämpfen nicht und widerstehen keiner Bedrohung. Der Sprecher der Werte-Union Ralf Höcker trat letzte Woche zurück:

“Mir wurde vor zwei Stunden auf denkbar krasse Weise klar gemacht, dass ich mein politisches Engagement sofort beenden muß, wenn ich keine ‘Konsequenzen’ befürchten will”, schrieb Höcker auf Facebook. “Die Ansage war glaubhaft und unmißverständlich. Ich beuge mich dem Druck und lege mit sofortiger Wirkung alle meine politischen Ämter nieder und erkläre den Austritt aus sämtlichen politischen Organisationen.”

Der Bürgerliche Thomas Kemmerich von der FDP kündigte seinen Rücktritt vom Amt des Thüringer Ministerpräsidenten an, nachdem ihn sein „Parteifreund“ Lindner in wohl im Beichtstuhl ein wenig in die Mangel genommen hatte. Beide, Höcker und Kemmerich, sind geradezu Musterexemplare bürgerlichen Mutes: Er endet, wo die Angst beginnt.

Der Bürgerliche hat ein feines Gespür für kollektivistische Bedrohungen. Gleichmacherei erkennt er sofort als Gefahr für seinen Status und Besitzstand. Das historische Bewußtsein des Bildungsbürgers sieht die gerade Linie vom Terror der französischen Revolution über die gelungene Oktoberrevolution und die mißlungenen Spartakus-Aufstände in Deutschland, die DDR und ihre Enteignungen bis hin zu Mauerbau, Schießbefehl und tausenden politischen Gefangenen. Marschierende Massen und aufpeitschende Agitatoren sind ihm ein Greuel.

Bis zur „Wende“ 1989 hatte sich das Bürgertum mehrheitlich in der CDU gesammelt, wenige auch in der FDP. Seine sogenannten Werte zentrierten sich um zwei Pole: systemerhaltende und allgemein-moralische. Die ersteren besagen, daß Freiheit nur in einem demokratischen Rechts- und Verfassungsstaat gewährleistet werden kann. Die anderen fordern moralisierende Bekenntnisse ab, meist säkularisierte Varianten des christlichen Glaubens.

Weil alle diese Werte scheinbar von keiner relevanten Kraft bezweifelt wurden, bestand die realpolitische Funktion der Union darin, einen Kanzlerwahlverein zu bilden. Alle führten die Werte der Partei im Munde. Tatsächlich war sie für viele nur das Vehikel, persönliche Karriere zu machen. Ich habe solche jungen Köfferchenträger saturierter Abgeordneter in den 1970er Jahren zur Genüge kennengelernt, und zwar als CDU-Mitglied wie auch auf vielen Seminaren der Konrad-Adenauer-Stiftung der Union. Aus den Köfferchenträgern von einst sind Parteipolitiker geworden, deren Werte immer genau in dem bestehen, was mutmaßlich gerade angesagt ist: „Realos“ der Bürgerlichkeit gewissermaßen.

Für Postenjäger zählen nur Machtteilhabe und persönliche Karriere als Politiker im Hauptberuf. Sie sind die erbitterten Gegner der Unions-„Fundis“ der Werte-Union. In der Werte-Union hat man klar erkannt, daß eine bürgerliche strategische Mehrheit nur in einer Koalition mit der AfD zu gewinnen ist. Die Alternative besteht in einer weiteren Anbiederung an die Linke und einer „Volksfront“, die schließlich auch die Union umfassen würde: als antifaschistisch gewendete Blockpartei wie in DDR-Zeiten nach dem Satz Ulbrichts: „Es muß demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“

Für Unions-Realos ist kein Gegner so abscheulich wie die Werte-Union. Diese appelliert nämlich ständig an das demokratische Gewissen und die Werte der Union, Dabei stört sie empfindlich bei rein strategischen Machtspielen. Diese Machtoptionen sehen offenbar mittelfristig eine Koalition aus Union, Grünen und vielleicht der linken SED vor. Während selbst die AfD für Friedrich Merz nur „Gesindel“ ist, bezeichnet Elmar Brok die Werte-Union als Krebgeschwür. Im CDU-Präsidium denkt man bereits über eine Unvereinbarkeit nach.

Wer die Gründung der WerteUnion, ursprünglich als konservativ-liberaler Arbeitskreis in der CDU/CSU konzipiert, durch Alexander Mitsch und zahlreiche weitere frühere Stipendiaten der Konrad Adenauer Stiftung miterlebt hat, kann diese Formulierungen und Vorschläge nur als absurd und partei- und demokratieschädigend empfinden. Die WerteUnion besteht zum größten Teil aus engagierten jüngeren Mitgliedern der CDU/CSU, die es sich angesichts gravierender inhaltlicher Kurswechsel der Union in zentralen politischen Themen zur Aufgabe gemacht haben, die konservativen Wurzeln der Partei wieder sichtbarer zu machen. Auf diese konservativen Fundamente hat sich die CDU neben weiteren liberalen und sozialen Aspekten in ihrer Programmatik aber seit ihrer Gründung stets berufen.

Mechthild Löhr, Die WerteUnion ist kein Krebsgeschwür, The European 14.2.2020.

Während sich CDU-Realos durch Formulierungen wie Krebsgeschwür habituell immer weiter von der Bürgerlichkeit entfernen, weist die AfD alle Merkmale der bürgerlichen Mitte auf. Entgegen einem von linker Seite verbreiteten Vorurteil rekrutiert sie sich keineswegs aus zu kurz Gekommenen, sondern aus bürgerlichen Kreisen. Ihr Bundes-Parteiprogramm soll dem der CDU von 2005 entsprechen, schrieb die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach auf Twitter. Das bürgerliche Spektrum umfaßt zur Zeit soziologisch und programmatisch die AfD, die FDP und die Union. Alle gegenteiligen Etikettierungen sind substanzlos.

Wer vertritt heute das Erbe des bürgerlichen Konservatismus?
(Foto: Klaus Kunze mit Franz-Josef-Strauß-Poster 1976)

Wer sein Leben lang bürgerlich-konservative Werte vertreten und diese niemals geändert hat, bleibt bürgerlich und gehört immer noch zum demokratischen Spektrum, auch wenn sich die Union inzwischen mehrheitlich sozialdemokratisiert hat und sich anschickt, der “antifaschistischen” Deutungshoheit der Linken zu unterwerfen.

Der von Seiten der Union immer haßerfülltere Kampf gegen Werte-Union und AfD gilt der Lufthoheit über den bürgerlichen Stammtischen. Sie erhebt einen Alleinvertretungsanspruch der Bürgerlichkeit. Linke stören diese Union nicht, aber AfD und Werte-Union sind Fleisch vom Fleische der Union. Hier geht es ihr an die Substanz. Darum wird jeder rechte Demokrat als Extremist verteufelt, mag er auch dieselben Werte vertreten wie die Union noch vor wenigen Jahren. Der Kampf wird um die Deutungshoheit über den Begriff der Gutbürgerlichkeit geführt.

Geführt wird der Kampf seitens der Union nicht mit argumentativen Mitteln. Es wäre auch zu peinlich, immer wieder eingetunkt zu bekommen, daß Werte-Union und AfD die von der CDU geräumten Positionen der alten bürgerlichen Mitte vertreten. Geführt wird der Kampf darum mit Methoden der Stigmatisierung, der Ausgrenzung, der Verleumdung, der Falschbehauptung, der Beleidigung und des Etikettenschwindels.

Dieser besteht darin, jemandem ein Nazi-Etikett aufzukleben. Daß dieses sogar gegenüber harmlosen FDP-Leuten wirkt und wie es wirkt, haben die letzten Tage gezeigt. Auf die falschen Etiketten folgen die antifaschistischen Hilfstruppen der sich bildenden Volksfront mit Gewalt gegen Personen und Andersdenkende auf dem Fuße.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf Klaus Kunzes Blog: http://klauskunze.com/blog/2020/02/18/sag-mir-wo-die-buerger-sind-wo-sind-sie-geblieben/

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

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Vor 50 Jahren starb der SDS-Theoretiker Hans-Jürgen Krahl

von Werner Olles

Prophet der Neuen Linken

Vor 50 Jahren starb der SDS-Theoretiker Hans-Jürgen Krahl

In der Nacht vom 14. zum 15. Februar 1970 geriet auf der eisglatten Bundesstraße 252 in der Nähe der nordhessischen Ortschaft Wrexen im Kreis Waldeck ein PKW ins Schleudern und stieß in einer Kurve mit einem entgegenkommenden LKW frontal zusammen. Der 27jährige Student Hans-Jürgen Krahl, der sich auf dem Beifahrersitz befand, war auf der Stelle tot, der 25jährige Franz-Josef Bevermeier, der das Auto fuhr, starb kurz nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus, drei weitere Insassen, darunter die Tochter des IG Metall-Funktionärs Jakob Moneta, Claudia Moneta, wurden zum Teil schwer verletzt.

Der Tod von Hans-Jürgen Krahl enthielt in der Tat nichts, „was einer nachträglichen Mystifizierung fähig wäre“, wie Detlev Claussen, Bernd Leineweber und Oskar Negt in ihrer „Rede zur Beerdigung des Genossen Hans-Jürgen Krahl“ schrieben: „Er bezeichnet den brutalen und dürftigen Tatbestand eines Verkehrsunfalls, ein kontingentes Geschehen des Alltagslebens, das sich nur schwer in einen zwingenden Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Zuständen bringen läßt.“

Zwar waren die beiden früheren SDS-Vorsitzenden Karl Dietrich und Frank Wolff noch in der gleichen Nacht zum Unfallort geeilt und hatten die Verletzten aufgesucht, aber eine eilends einberufene Mitgliederversammlung lehnte es entschieden ab, „den bürgerlichen Gepflogenheiten und Wertmaßstäben entsprechend“ einen Nachruf zu veröffentlichen. In der Frankfurter Rundschau konnte Wolfram Schütte es jedoch nicht lassen, Krahl mit Robespierre zu vergleichen, „die schneidende Konsequenz seiner theoretischen Einsichten, die er kompromißlos zu Ende dachte“ zu rühmen, auf „sein überragendes agitatorisches Vermögen“ hinzuweisen und ihn „neben Rudi Dutschke eine der beherrschenden Figuren des SDS“ zu nennen.

Doch selbst in diesen geschmäcklerischen linksliberalen Anbiederungen an einen politischen Gegner, der solcherlei kanonisierende Mediumismen sein Leben lang scharf bekämpft hatte, waren neben einem Quentchen Wahrheit noch Relikte eines Respekts zu spüren, die Krahls Lebensweg auch jenen abverlangte, die nie seinen Mut und seine Unbestechlichkeit besaßen und seine Biographie weder geistig noch politisch nachvollziehen konnten. Nach seiner Beisetzung auf dem Ricklinger Friedhof trafen sich in der TU Hannover rund einhundert SDS-Mitglieder aus ganz Westdeutschland und West-Berlin und beschlossen informell die Auflösung ihres Studentenverbandes. Tatsächlich fand diese aber genau einen Monat später in Frankfurt am Main statt.

Hans-Jürgen Krahl, 1943 in Sarstedt bei Hannover geboren, machte 1963 sein Abitur und studierte zunächst in Göttingen Philosophie, Geschichte, Germanistik und Mathematik. Zwei Jahre später wechselte er nach Frankfurt über, und dies war bereits eine eminent politische Entscheidung. Über den „Ludendorff-Bund“, die welfische Deutsche Partei und eine schlagende Verbindung – hier hörte er eines Tages einen Lammkeule verzehrenden Alten Herrn über die ewige Unmündigkeit der Arbeiterklasse dozieren – war er schließlich zur Jungen Union gestoßen, was er später einmal als einen Schritt in die Richtung eines „aufgeklärten Bürgertums“ bezeichnen sollte.

Seine Entscheidung für Frankfurt war primär eine Entscheidung für Adorno, der sein Doktorvater wurde. Krahl hätte vermutlich eine große akademische Karriere gemacht, er war einer der begabtesten Schüler Adornos, aber seine zunehmend stärker werdende politische Arbeit im SDS, dessen Mitglied er 1964 geworden war, und natürlich sein jäher Tod verhinderten dies.

Hans-Jürgen Krahl, (Band 1, Frankfurter Schule und Studentenbewegung, S.483, Kraushaar)

Dem linksradikalen Milieu der Frankfurter Studentenbewegung imponierte er – philosophisch an Kant und Hegel geschult – mit druckreifen Reden und einer biographischen „Legende“, mit der er den staunenden Genossen suggerierte, er entstamme einer alten preußischen Adelsfamilie, sei gar ein leibhaftiger Nachfolger von Novalis, dem Freiherrn von Hardenberg. Im Frankfurter SDS, einer zunächst durchaus männerbündischen Gemeinschaft, fand Krahl schließlich nach einigen Anläufen jene Gefolgschaften, die – wie er selbst – die Kritische Theorie nicht allein als akademisches Projekt verstanden, sondern daraus auch einen praktisch-politischen Nutzen zu ziehen versuchten.

In dieser antiautoritären Phase der Studentenbewegung zwischen 1967 und 1969 avancierte Hans-Jürgen Krahl neben Frank Böckelmann zum führenden theoretischen Kopf des SDS, der zwar nicht die agitatorische Massenwirkung eines Rudi Dutschke erreichte, dessen scharfsinnige Thesen aber dennoch wie Peitschenschläge auf seine Zuhörer niederfuhren. Ein eigentlich eher skurril wirkender Intellektueller, der keinerlei Wert auf seine äußere Erscheinung legte, noch dazu Alkoholiker und homosexuell war, der noch 1967 bei einem Teach-in gegen die Erschießung Benno Ohnesorgs mit seiner fast unverständlichen „Hegelei“, die von kompliziertesten soziologischen Begriffen nur so wimmelte, die Studenten aus dem Hörsaal getrieben hatte, wurde zum „Theoretiker einer emanzipatorischen Praxis“ (Detlev Claussen), der das ehrgeizige Ziel anstrebte, die Neue Linke in eine emanzipative soziale Bewegung zu verwandeln, die sich einerseits vom sozialdemokratischen Reformismus und andererseits vom autoritären Charakter des Staatssozialismus sowjetmarxistischer Prägung und leninistischer Kaderparteien klar abzusetzen hatte.

Daß er damit in Gegensatz zu seinen akademischen Lehrern geraten mußte, war fast zwangsläufig. Während Max Horkheimer schon 1967 postulierte, daß „radikal sein heute heißt konservativ sein“ und die „Zuchthaussysteme des Ostens“ als „viel schlimmer als die teilweise grobe Verfälschung der demokratischen Ordnung im Westen“ bezeichnete, war Theodor Adorno tief niedergeschlagen, als eine radikale Gruppe unter Krahls Führung symbolisch sein Institut für Sozialforschung besetzte, und er die Polizei rufen mußte. Carlo Schmid, dessen Vorlesung über „Theorie und Praxis der Außenpolitik“ der SDS durch ein Go-in störte, ihn als „Notstandsminister“ beschimpfte und zwingen wollte, über die Notstandsgesetzgebung und den Vietnamkrieg zu diskutieren, war entgegen der großen Mehrheit seiner Kollegen der Meinung, daß man vor Nötigungsversuchen nicht zurückschrecken dürfe, wenn man selbst Autorität in Anspruch nehmen wolle. Schmid setzte unter physischem Einsatz seine Vorlesung durch, weil er am „Untergang der Staatsautorität“ nicht mitschuldig werden wollte: „L’autorité ne recule pas…“ Die Autorität weicht nicht zurück.

Adorno hat Krahl in einem Brief an Günter Grass hingegen verteidigt: Kaum hätte dieser seine Attacken gegen ihn beendet, hätte er ihm auch schon zugeflüstert, dies sei nicht persönlich, sondern bloß politisch gemeint gewesen. Ob er tatsächlich Adornos Nachfolger geworden wäre, wie immer wieder gemutmaßt wurde, muß offen gelassen werden. Immerhin hätte er uns damit Habermas erspart, dessen krude linksliberale Theorien jeden Abend in den Nachrichten widerlegt werden. Krahl nahm Adornos plötzlichen Tod im August 1969, als die Aktionen der Studentenbewegung ihren Höhepunkt erreichten, zum Anlaß, die politischen Widersprüche in dessen Kritischer Theorie zu artikulieren und seine eigene „Position einer dritten Generation kritischer Theorie“ (Detlev Claussen) zu konkretisieren. Noch an Adornos Grab drohte er jedem Prügel an, der bei dieser „bourgeoisen Leiche“ die Internationale anstimmen würde. Er warnte aber auch die inzwischen in diverse Fraktionen zerfallende Bewegung, die individuelle Verweigerungspraxis der antiautoritären Phase und ihren subkulturellen Hedonismus mit straffer Organisationsmoral und dem leninistischen Prinzip der Disziplin zu vertauschen.

Krahl selbst war auf der Suche nach einer neuen Organisationsform, in der eine Art Interessenidentität zwischen Intellektuellen und Arbeiterklasse hergestellt werden könnte. Diese Suche endete im Februar 1970 tödlich. Hans-Jürgen Krahl überlebte den „Kurzen Sommer der Anarchie“ – um einen Romantitel von Hans Magnus Enzensberger zu zitieren – nicht.

Mit Krahl starb auch der Geist von 1968. Am 21. März 1970, genau fünf Wochen nach seinem Tod, trafen sich rund 400 SDS-Mitglieder im Studentenhaus der Frankfurter Universität auf einer nicht-formellen Versammlung, um per Akklamation den Bundesvorstand und damit auch den Verband aufzulösen. Das Vorstandsmitglied Udo Knapp erklärte, daß der SDS „für das entscheidende Verhältnis von Massenaktionen und Organisierung des politischen Kampfes nichts mehr beizutragen habe“. Dies war in der Tat die schlichte Wahrheit. Nach langwierigen Verhandlungen über die Frage des Nachlasses erklärte sich die Versammlung zwar für nicht kompetent, da es sich um keine ordentliche Delegiertenkonferenz handele, aber das triste Ende des SDS, den die eigenen Mitglieder schließlich nur noch als „Ballast“ empfanden, war damit eingeläutet.

Nun kam die Stunde der Desperados um Andreas Baader und Ulrike Meinhof, die den blutigen Terror der RAF begründeten und der verschiedenen marxistisch-leninistischen Parteiinitiativen, in Wirklichkeit aber durch und durch stalinistischen Gruppierungen um Schmierer, Horlemann, Semler, Aust und Katarski, die lemurengleich ans Tageslicht krochen und vor deren begrifflosem Konkurrieren um überholte politische Positionen Krahl die radikale Linke immer gewarnt hatte. Anstelle der argumentativen Auseinandersetzung und der Problematisierung der Gewaltfrage verlor man sich jetzt in der Stilisierung und Ästhetisierung kraftmeierischer Gewaltaktionen, der hämischen Denunziationen oder im besten Fall der kritischen Sammelrezension. Daß all dies noch schneller und vor allem jämmerlicher auf dem Müllhaufen der an Enttäuschungen reichen Geschichte der deutschen Linken landete, bedeutet auch im Nachhinein immer noch keinen Trost.

In der Erinnerung an den Revolutionär Hans-Jürgen Krahl, der sich in der Wesenslogik des Kapitals ebenso frei bewegte wie in den Bildern und Gedanken der deutschen Romantik, bleibt aber vor allem jene programmatisch formulierte Position, die er in seiner Selbstdarstellung während des Senghor-Prozeßes vor dem Frankfurter Landgericht formulierte: „Es ist nicht das bloße Trauern um den Tod des bürgerlichen Individuums, sondern es ist die intellektuell vermittelte Erfahrung dessen, was Ausbeutung in dieser Gesellschaft heißt, nämlich die restlose und radikale Vernichtung der Bedürfnisentwicklung in der Dimension des menschlichen Bewußtseins. Es ist immer noch die Fesselung der Massen, bei aller materiellen Bedürfnisbefriedigung, an die elementarsten Formen der Bedürfnisbefriedigung – aus Angst, das Kapital und der Staat könnten ihnen die Sicherheitsgarantien entziehen.“

Eine intelligentere und entschiedenere Definition der Unterdrückung in den privat- und staatskapitalistischen Massengesellschaften westlicher und östlicher Prägung hat seit Ende der zwanziger Jahre, als Martin Heidegger mit seinem Buch „Sein und Zeit“ auf Georg Lukacs „Geschichte und Klassenbewußtsein“ antwortete, niemand mehr geleistet.

Aktualisierte und erweiterte Fassung eines Textes, der zu Krahls 30. Todestag am 11. Februar 2000 in der Jungen Freiheit 7/2000 erschienen ist

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor des Buches:

Die Zerstörung Dresdens durch alliierte Bomberverbände vor 75 Jahren

von Bert Wawrzinek

Zum 13. Februar 2020:

Erinnerung an Gottfried Benndorf (1894-1945)

Am 13. Februar 2020 jährt sich die Zerstörung der sächsischen Landeshauptstadt durch alliierte Bomberverbände zum 75. Mal. Dresden wurde Sinnbild einer europäischen Katastrophe, bei der zehntausende Menschen starben, unersetzliche Kunstschätze und mehr als 12 000 Gebäude zerstört wurden. Während das Leid der Dresdner Zivilbevölkerung nach Jahren der Umdeutung zunehmend in den Hintergrund gerät, wird erbittert um das „richtige“ Gedenken gestritten. Kaum Erwähnung finden dabei jene stillen Helden, die inmitten des Feuersturms ihren Mitmenschen zu Hilfe eilten und dabei selbst den Tod fanden: Feuerwehrleute, Luftschutzmelder, Krankenschwestern; Pflichtmenschen, die das ihnen Anvertraute zu schützen suchten, wie der Bibliothekar Gottfried Benndorf.

Dr. Gottfried Benndorf (1894-1945)

Am 12. April 1894 in Roitzschen bei Meißen geboren, besuchte der Sohn eines Eisenbahnbeamten die 9. Dresdner Bürgerschule und das König-Georg-Gymnasium, wo er 1913 das Abitur ablegte. Anschließend studierte Benndorf an der Leipziger Universität Germanistik, Geschichte und Geographie und promovierte 1918 mit einer Arbeit über den kolonialen Verkehr Deutsch-Ostafrikas zum Dr. phil. Die angestrebte Lehrertätigkeit blieb ihm durch eine Kehlkopferkrankung verwehrt. Als Assistent am Historischen Seminar in Leipzig hatte er eine Affinität zur Bibliotheksarbeit entwickelt und sich an der Sächsischen Landesbibliothek (SLB) in Dresden beworben. Als eine der ältesten deutschen Büchereien war diese wesentlich aus der kurfürstlichen Bibliothek hervorgegangen, welche von 1786 an im Japanischen Palais in Dresdens Innerer Neustadt untergebracht war.

Das Japanische Palais in der Dresdner Innenstadt, Foto: Archiv B. Wawrzinek

Benndorf begann seine Laufbahn 1919 als Volontär, wurde 1924 zum wissenschaftlichen Hilfsarbeiter ernannt und im April 1927 Landesbibliothekar. Bereits im Vorjahr fand er als Vorstand der Kartensammlung Erwähnung, die auch später seine Hauptaufgabe blieb. Unter Benndorfs Leitung kaufte die SLB etwa 250 Karten – meist Saxonica – aus der aufgelösten Sekundogeniturbibliothek des vormaligen Königshauses. Deren Bibliothekarin Helene Richter wurde 1929 Benndorfs Ehefrau. In der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 teilt das Japanische Palais das Schicksal der Dresdner Innenstadt. Nachdem der Dachstuhl Feuer gefangen hatte, gehörte Benndorf zu den vier Bibliotheksangehörigen, die bei den Löscharbeiten ums Leben kamen. Erst nach einem Jahr, am 9. Mai 1946, konnten ihre sterblichen Überreste – „Knochen und Knochenkalk“ – gefunden werden. Helene Benndorf hat ihren Mann noch identifizieren können, der in Radebeul seine letzte Ruhe fand.

Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land. Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er im 30. Jahr das Historica Antiquariat im Dresdner Barockviertel und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu Themen sächsischer Geschichte und Kultur.

Erinnerungen an Sachsens volkstümlichen König Friedrich August III. (1865-1932)

von Bert Wawrzinek

Erinnerungen an Sachsens volkstümlichen König Friedrich August III. (1865-1932)

Sachsen und die Wettiner

Als am 18. Februar 1932 Sachsens letzter König Friedrich August III. im schlesischen Sibyllenort verstarb, bereitete die frühere Residenzstadt Dresden ihrem Ehrenbürger einen bewegenden Abschied. Über 500 000 Menschen aus allen Teilen des Landes sollen zusammengekommen sein, um ihrem einstigen Landesvater, der mit militärischen Ehren in der Krypta der Hofkirche beigesetzt wurde, ein würdiges Trauergeleit zu geben.

Am 25. Mai 1865 als ältester Sohn Prinz Georgs von Sachsen in Dresden geboren, hatte Friedrich August nach Studium und Militärdienst die österreichische Erzherzogin Luise von Toscana (1870-1947) geheiratet. Mit einer Affäre und anschließender Flucht provozierte Luise einen europäischen Skandal; doch getragen von der Sympathie der Bevölkerung, war der Thronfolger nach Kräften bemüht, seinen sieben Kindern die Mutter zu ersetzen. Seit 1904 König, suchte Friedrich August III. den Ausgleich zwischen Tradition und Fortschritt und legte das Schwergewicht auf die schöpferische Entfaltung von Wirtschaft und Kultur. Die Sachsen schätzten sein offenes natürliches Wesen, die Güte und seinen schlagfertigen Humor. Ohne Begleitung schlenderte Friedrich August durch die Straßen der Residenz, kam mit den Dresdnern ins Gespräch, und da er die richtigen Worte fand, wurde er im Volk verstanden und geliebt.

Friedrich August III. von Sachsen (1865-1932)

Während des Weltkrieges waren es Frontreisen, die den König zu seinen sächsischen Regimentern führten. Er teilte die Trauer um gefallene Landeskinder und bangte um das Leben auch der eigenen Waffendienst leistenden Söhne. Doch nach vier Kriegsjahren zerbrach die Heimatfront, griffen Unruhen auch auf Sachsen über. Als Vertreter der Armee die Auffassung vertraten, daß Widerstand unmöglich sei, da zuverlässige Truppen fehlten, resignierte auch Friedrich August. Auf dem Schloßturm ging die rote Fahne hoch. „Ich verzichte auf den Thron“ – ganze fünf Worte – zogen den Schlußstrich unter eine mehr als 800 Jahre währende Ära, in der die Wettiner, eines der ältesten deutschen Fürstengeschlechter, im Gebiet des heutigen Sachsens und der Lausitz, als Markgrafen, Herzöge, Kurfürsten und Könige die politischen Geschicke in den Händen hielten. Es entbehrt nicht der Tragik, daß ausgerechnet jener „Bilderbuchkönig einer für ihre Zeit freiheitlich-demokratischen und rechtsstaatlichen sächsischen Kulturmonarchie“ (Christoph Jestaedt), dieses Zeitalter beschließen sollte. Nach der Abdankung zog sich Friedrich August auf eine Besitzung des Königshauses im schlesischen Landkreis Oels zurück, um als Privatmann im Kreise seiner Familie zu leben.

Eindrucksvoll bleibt die Bilanz, welche das Sachsenvolk unter Führung der Wettiner aufzuweisen vermag. Aus einer umkämpften Grenzmark war durch den Fleiß und die Innovationskraft von Generationen die höchstindustrialisierte Region des Kaiserreichs geworden. Sachsen, dessen Bevölkerung sich zwischen 1871 und 1914 nahezu verdoppelte, besaß das dichteste Städte-, Eisenbahn- und Straßennetz Deutschlands. Mit seinen blühenden Wirtschafts- und Handelszentren bot das Königreich nachgerade „das Musterbild eines aufstrebenden Industriestaates“ (Frank-Lothar Kroll). Sinnfälliger Ausdruck jener fruchtbaren Kontinuität, die in der Einheit von Herrscherhaus und Landesnation begründet lag, ist ein 102 Meter langes Wandbild, der „Fürstenzug“ am Dresdner Residenzschloß, dessen Faszination seit seiner Entstehung (1876/1907) nicht nur die Sachsen in seinen Bann zieht.

Der Fürstenzug am Residenzschloß Dresden

Auf die politischen Weichenstellungen aber kam es an. So ebnete Sachsens erste Verfassung vom September 1831 frühzeitig den Weg des Landes vom Absolutismus hin zum bürgerlichen Rechtsstaat. Seither waren die Grundrechte des heutigen Staatsbürgers – die Freiheit der Person und des Eigentums, freie Berufswahl und Religionsausübung sowie die Gleichheit aller vor dem Gesetz – im sächsischen Königreich garantiert. Im Land der albertinischen Wettiner entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine vielgestaltige Kulturlandschaft, der auch Bach, Händel, Schumann, Wagner, Lessing, Fichte, Novalis, Nietzsche und Martin Luther entstammten. Um wieviel ärmer wäre die heutige Bundesrepublik ohne jene sächsische „Mitgift“, die Barockschöpfungen des Augustäischen Zeitalters, die Kostbarkeiten in Schlössern, Burgen und Sammlungen, die Musikstätten in Leipzig und Dresden, das Meißner Porzellan? Selbst wenn besagte Entwicklung 1918 ein Ende fand und die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts auch an Elbe und Mulde Spuren hinterließen, bleiben Kurfürstentum und Königreich wesentlicher Teil jener leuchtenden Gesamtüberlieferung, die den Namen Sachsens in der Welt bis heute charakterisiert.

Über alle Umbrüche hinweg haben die Sachsen ihre Identität zu bewahren verstanden und 1989 mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ Mauer und Diktatur zum Einsturz gebracht. Doch auch in jüngerer Zeit wurden im weiß-grünen Freistaat das Bedürfnis nach echter Mitbestimmung und mancher Zweifel an einer beunruhigenden Berliner Politik selbstbewußt artikuliert. Dafür haben besonders die unbotmäßigen Einwohner der Landeshauptstadt manche Schmähung über sich ergehen lassen, wurde das „Tal der Ahnungslosen“ zum Sinnbild „Dunkeldeutschlands“, wo undankbare Ossis leben, die den Errungenschaften der Merkel-BRD durchaus kritisch gegenüberstehen. Um so heller strahlt die Erinnerung an jene Zeit, als Sachsen noch ein Königreich war und von einem volkstümlichen Monarchen regiert wurde, bei dessen Heimgang eine halbe Million Menschen die Straßen säumten, 14 Jahre nach dem Ende der Monarchie!

Literatur:

  • Karlheinz Blaschke: Der Fürstenzug zu Dresden. Denkmal und Geschichte des Hauses Wettin. Leipzig, Jena und Berlin 1991
  • Suzanne Drehwald / Christoph Jestaedt: Sachsen als Verfassungsstaat. Leipzig 1998
  • Friedrich Kracke: Friedrich August III. Sachsens volkstümlichster König. München 1964
  • Frank-Lothar Kroll: Geschichte Sachsens. München 2014

Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land. Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er im 30. Jahr das Historica Antiquariat im Dresdner Barockviertel und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu Themen sächsischer Geschichte und Kultur.

Normale Vaterlandsliebe und pathologischer Selbsthaß

von Klaus Kunze

Normale Vaterlandsliebe und pathologischer Selbsthaß

Die verfassungsfeindliche Dekonstruktion des Volkes

Die Zerstörung des Nationalbewußtseins ist Teil einer komplexen Angriffsstrategie. Sie richtet sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, verkörpert durch unseren Staat und und seine Institutionen. Letztes Angriffsziel sind aber nicht bloß der Staat und seine Institutionen, sondern das diesen Staat konstituierende deutsche Volk.

Dieses hat sich das Grundgesetz als Verfassung gegeben. Nach unserem Staatsverständnis sind ein Staat und seine Gesetze für die Menschen da und nicht umgekehrt. Diese Menschen sind das deutsche Staatsvolk.

Linke Kosmopoliten wollen es abschaffen, und zwar nicht nur als Rechtsbegriff, sondern biologisch: Der Linksextremismus ist siegessicher genug, dieses mittlerweile offen einzuräumen:

 „Viele glauben, es sei im Kampf gegen den völkischen Nationalismus und Rassismus der beste Weg, die Begriffe „Volk“ und „Rasse“ theoretisch zu dekonstruieren. Ich glaube, es ist noch wirkungsvoller, Volk und Rasse praktisch durch eine fröhliche Völkermischung aufzulösen. Jene „liebevolle Verschmelzung der Nationen“, von der schon der Philosoph Friedrich Schlegel träumte, vollzieht sich von ganz allein, wenn die Staaten nicht mit Verboten dazwischenhauen. Sie wird in Deutschland von den Völkischen zur Zeit besonders gerne als „Volkstod“ bezeichnet. Der „Volkstod“ ist der ewige Alptraum der Rassisten – sehen wir zu, dass dieser Traum wahr wird! Machen wir alle Grenzen durchlässig, sodass die Kinderlein zu- und miteinander kommen können! Jene „durchmischte und durchrasste Gesellschaft“, die den jungen Edmund Stoiber in Angst und Schrecken versetzte, die brauchen wir!

Michael Bittner, Es lebe der Volkstod! 12.3.2015
Haßpropaganda gegen das eigene Volk!

Die „theoretische Dekonstruktion“ besteht darin, die tragenden Elemente der Idee zu zerstören, es gebe ein Volk. Diese tragenden Elemente sind begriffliche Kategorien, die ihrerseits gesellschaftliche Wirklichkeit widerspiegeln: So wiederspiegelt der Begriff der Familie es, wenn in der Lebenswirklichkeit Vater, Mutter und Kinder zusammenleben und füreinander einstehen. Der Begriff enthält eine deskriptive Komponente, soweit er nur die Realität beschreibt, aber auch eine normative Komponente.

Weil Menschen gemeinsam eine Familie bilden, sollen sie füreinander einstehen. Was für die Familie als kleinen Baustein gilt, ist für das Große und Ganze die Grundlage unserer Vorstellung einer das ganze Volk umspannenden Solidargemeinschaft. Diese Vorstellung wiederum speist den Sozialstaatsgedanken als Forderung, in unserem Staate solle, wie in einer Familie, niemand hängengelassen werden.

Wie man es dreht und wendet: Ohne den Begriff und die Vorstellung eines Volkes mit allen sich daraus ergebenden normativen Einstandspflichten füreinander ist ein Sozialstaat nicht zu begründen und eine Demokratie als Volksherrschaft schon gar nicht. Wer das Volk abschaffen will, ist darum offener Verfassungsfeind.

Die Strategie der Delegitimierung

Die solidarische Verbundenheit aller Angehörigen der deutschen Nation erwächst aus einem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Also nutzt die beabsichtigte Zerstörung des Volkes die Strategie, das Volk und die sich aus ihm durch gemeinsames Bewußtsein gebildete Nation begrifflich in Mißkredit zu bringen.

Das Volk und die Nation werden bewußt verunglimpft, indem jede Liebe zum Volk als völkisch und jede Vaterlandsliebe als Nationalismus bezeichnet und diese Begriffe wieder implizit als mit der nationalsozialistischen Ideologie dargestellt werden.

Begriffliche Trennschärfe ist nicht gerade Kennzeichen des gegenwärtigen politischen Diskurses, sofern man überhaupt den Begriff Diskurs für die öffentliche Austragung und den Wettbewerb divergierender Meinungen anwenden kann. Man hat eher den Eindruck von verbalen Schlammschlachten, die seitens der Vertreter der politisch korrekten Elite lediglich zur Verunglimpfung Andersdenkender sowie zu ihrer eigenen moralischen Selbsterhöhung beitragen sollen. Das offensichtlichste Beispiel: Die ständige Wiederholung der Begriffskombination Nationalismus/ Rassismus/ Antisemitismus beabsichtigt einen Zusammenhang herzustellen, der abwegiger nicht sein könnte. Es liegt auf der Hand. Die Nachbarschaft schmutziger Wörter verunreinigt einen Begriff wie Nation und verhilft zu dessen assoziativ erwünschter Diskreditierung. Die Überwindung des Nationalen wird so uminterpretiert zur Überwindung von Unmenschlichkeit und nazigeprägtem Denken. Das Bekenntnis zur eigenen Nation wird – bewusst unscharf – zugleich semantisch gleichgesetzt mit Nationalismus, baugleich mit Chauvinismus. Wer national denkt, ist folglich genotypisch ein Chauvinist, ein überheblich Vorgestriger, den es zu bekämpfen gilt.

Josef Hüber, Nationalbewußtsein – Brutstätte reaktionärer Gesinnung? Blogartikel 5.2.2020

Wem das klare begriffliche Denken noch nicht abhanden gekommen ist, sieht zwischen Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus keinen Zusammenhang. Er erkennt den gehässigen Dreiklang als das, was er ist: als eine Propagandaphrase der Delegitimierung und Dekonstruktion.

Eine zeitgenössische Illustration zum Zug auf das Hambacher Schloss im Mai 1832.

Nationalismus ist Freiheitsliebe

Vielleicht sollte nicht seltener als diese Propagandaphrase zu hören sein und nötigenfalls wiederholt werden:

Ein allgemeiner, als universelles Gestaltungsprinzip gemeinter Nationalismus knüpft an das Bedürfnis jedes Menschen an, individuell und kollektiv entsprechend der eigenen Identität leben zu dürfen. Er fordert darum im Einklang mit dem internationalen Völkerrecht, daß jede Nation selbstbestimmt über ihre kollektives Schicksal entscheiden dürfen und können soll.

Der israelische Theologen Yoram Hazoni äußerte sich dazu in einem Kongreß am 4.2.2020 zum Begriff der Nation:

Aus ihrem Vorhandensein folge wie aus dem Vorhandensein der Familie eine Verpflichtung, die der Einzelne nicht in Abrede stellen könne, da ihm die Nation wie die Familie vorgehe. Der einen wie der anderen verdanke er seine Existenz, auch seine individuelle Freiheit. Denn ohne die Macht, die die Nation konstituiere, und ohne das Recht, das sie begründe, könne es keine Freiheit geben. Wer diesen Grundsatz verfechte, könne durchaus als „Nationalist“ bezeichnet werden. Wie schon in seinem vielbeachteten Buch The Virtue of Nationalism versuchte Hazoni, auch hier den Begriff zu rehabilitieren und beharrte darauf, daß er heute unzulässig verengt werde.

Das Eintreten für die eigene Nation bedeute gerade nicht, daß man den Übergriff auf andere Nationen gutheiße. Im 21. Jahrhundert müsse es vielmehr darum gehen, eine „Bruderschaft“ von Nationen zu begründen, die ihre Unabhängigkeit verteidigten und gleichzeitig dort zusammenstünden, wo das notwendig sei, angesichts der Gefahren, die von vielen Seiten drohten.

Karlheinz Weißmann, Kongreßbericht 5.2.2020, Kongreß Internationale der Nationalen,

Ohne die Nation als beschirmendes Dach über den einzelnen Menschen kann keiner dieser Einzelnen seine Freiheit entfalten.

Begrifflich versteht man hingegen unter Chauvinusmus eine Überheblichkeit, die anderen Nationen den Wert abspricht.

Sängerfest in Tallinn – für viele Esten Teil ihrer nationalen Identität (imago images / Scanpix / EESTI MEEDIA / MIHKEL MARIPUU)

Vaterlandsliebe

Und Patriotismus ist schlicht ein anderes Wort für Vaterlandsliebe. Vaterland ist eine Metapher. Solche Wortbilder erkennt man daran, daß sie keinen konkreten Einzelgegenstand bezeichnen. Begriffe wie das Meer, die Natur oder das Vaterland bezeichnet nichts unmittelbar Gegenständliches, sondern fassen viele konkreten Einzeldinge in der Vorstellung zusammen. Das Wort Vaterland bringt auf einen Begriff, was Menschen sich darunter vorstellen.

Diese Vorstellung der Menschen bezieht sich wiederum auf – Menschen! Auf wen oder was sollte sie sich sonst beziehen? Wer von seiner Familie spricht, kann deren Mitglieder wohl noch an den Fingern abzählen, meint aber mit dem Wort immer die Summe der konkreten Familienmitglieder. Ideell gilt ihm diese Familie mehr als die numerische Summe der Einzelpersonen. Und wer von seinem Vaterland spricht, meint damit im Zweifel nicht die hübschen Hügel und Täler, sondern die ihm verbundenen Menschen.

Vaterlandsliebe ist – Liebe! Das ist vielleicht für manche Irregeleitete eine verblüffende, aber doch auch eine banale und selbstverständliche Feststellung. Sie ist Liebe und damit eine grundsätzliche und starke emotionale Verbundenheit mit den Menschen, denen man sich nah fühlt. Wer sie empfindet, erweitert seine familiäre Solidarität ganz einfach auf die ihm vertrauten Menschen seiner Heimat und seines Landes.

Mit ihnen kann er sich identifizieren, weil sie seine Sprache sprechen, kollektive Erinnerungen mit ihm teilen und mit ihm mehr oder weniger weitläufig verwandt sind.

Jeder Mensch bildet eine Identität heraus, die ihn von anderen unterscheidet, zu der aber auch ein kollektives Identitätsgefühl gehört. Ein Willi Schulze ist erstens Willi, zweitens aber dann ein Schulze. Er zählt sich – kollektiv- zu dieser Familie. Er lernt Muttersprache und Vaterlandsliebe. Der Dank, den er seinen Eltern schuldet, gibt er seinen Kindern zurück. Daß er von der Wiege bis zum Berufsbeginn von der staatlich verfaßten Solidargemeinschaft behütet und geleitet wird, gibt er ihr durch Steuerzahlen, Bürgersinn und Solidarität zurück.

Es gibt auch pathologische Exemplare, bei denen die positive Persönlichkeitsbildung fehlschlägt, die sich selbst und ihre Identität hassen. Wer sich selbst haßt und keine von ihm selbst bejahte Identität aufbauen konnte, der haßt und verneint auch die kollektive Identität, der er angehört.

Eigenliebe, Familienliebe und Vaterlandsliebe sind Grundvoraussetzungen für geistige Gesundheit. Selbsthaß, Ablehnung der eigenen Eltern und Haß auf das Vaterland sind sichere Anzeichen für eine psychopathisch gestörte Persönlichkeit. Wer andere Menschen haßt, kann selbst psychisch und emotional nicht gesund sein.

Wer Vaterlandsliebe mit einer wie auch immer gearteten Art von Haß gleichsetzt, will betrügen. Die Strategen dieses Betruges manipulieren Begriffe, deuten sie um und hämmern ihre Parolen dem Publikum immer wieder ein.

Wir sollten ihnen nicht zuhören.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf Klaus Kunzes Blog: http://klauskunze.com/blog/2020/02/05/normale-vaterlandsliebe-und-pathologischer-selbsthass/

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

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Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

Klaus Kunze: Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen. Von der Vormundschaft zum Genderismus. Hier erhältlich!

Preußen – keine Renaissance?

Auszug der ostpreußischen Landwehr 1813 ins Feld, (Öl auf Leinwand) von Gustav Graef, 1860

von Dr. Bodo Scheurig

Preußen – keine Renaissance

Die Auflösung Preußens im Februar 1947 war ein Akt der Siegermächte. Daß dieser Akt den historisch Hauptschuldigen traf, bestreitet inzwischen eine kaum noch übersehbare Literatur. Gleichwohl sind vorbehaltlose Apologien des ausgelöschten Staates auch heute nicht erlaubt. Preußens Renaissance ist von seiner Endphase her am wenigsten zu verfechten.

Wohl schien 1933 die Vorstellung absurd, daß Hingabe und Pflichterfüllung mißbraucht werden könnten. Eide hatten bis dahin wechselseitig gebunden. Totalitäre Praktiken waren allen Schichten fremd. Entscheidend wirkte, daß Hitler an patriotische Empfindungen und Überzeugungen rührte, Stichworte: Volksgemeinschaft, Überwindung der Arbeitslosigkeit und des Versailler Diktats. Mit solchen Appellen konnte er täuschen, aber über die nationalsozialistische „Bewegung“ war einem intakten Preußentum keine Illusion erlaubt.

Hitler schürte den Führerkult und plante, das Recht nach dem Nutzen des Volkes zu bestimmen; sein Rassismus erklärte Menschen einzig wegen ihrer Abstammung zum Freiwild; er wollte nicht allein über Deutschland, sondern gottähnlich auch über die Gewissen herrschen. All das war – vom verstiegenen NS-Imperialismus ganz zu schweigen – zutiefst unpreußisch und hätte preußische Menschen von vornherein warnen müssen. Damals, 1933, widersetzten sich nur Außenseiter. Hier wäre insbesondere Ewald von Kleist-Schmenzin hervorzuheben, in dem Preußentum noch lebendig war und der dem Nationalsozialismus mit der Unerbittlichkeit eines Cato Kampf ansagte. In der Mehrheit dagegen waren preußische Instinkte ertaubt: Sie bejubelte Hitler und trug, tatkräftig wie je, zu einer preußischen Jammergeschichte bei.

Vorwürfe müssen im Rückblick Politiker, Beamte und nicht zuletzt die Generalität treffen, die an der Spitze des Heeres stand. Gewiß köderten gerade die Generalität „Gründe“: Wiederaufrüstung und nationale Erneuerung waren Parolen, die namentlich die Armee verführten. Bald darauf schreckten Hitlers Nimbus und ein Volk, von dem man annehmen mußte, daß es dem Nationalsozialismus erlegen sei. Schließlich waren Militärs nicht erzogen, politisch zu denken oder gar zu folgern. Aber daß die Generalität die Verfemung jüdischer Kameraden, den Kommissar-, Kriegsgerichtsbarkeits- und Kommandobefehl hinnahm, ohne eine eindeutige und geschlossene Abwehrfront zu bilden, blieb moralisches Versagen. Nach den ersten Kriegsniederlagen wurde ihr demonstriert, daß Hitler jeden vernünftigen Führungsgrundsatz mißachtete. Damit meldete sich der Krebs auch auf militärischem Gebiet, also in dem Bereich, in dem ranghöchste Soldaten traditionsgemäß Mitverantwortlichkeit zu zeigen hatten. Erkennbar war, daß im Endeffekt die Wehrmacht zerbrochen würde. Erkennbar war, daß Deutschland, wehrlos geworden, dem Willen der Gegner verfallen mußte.

Preußische Landesflagge (1892–1918)

Das sind keine nachträglichen Weisheiten. Schon das allgemeine Trauerspiel um Stalingrad sprach beredt genug. Vollends konnten dessen Folgen aufrütteln. Doch die führenden Militärs duckten sich und duldeten auch die unsinnigsten Zumutungen des Diktators und seines OKW. Sehenden Auges und beunruhigten Gewissens ertrugen sie, was ihnen Auge und Gewissen hätten verbieten müssen. Schwächen dieser Art richteten vor allem Feldmarschälle wie Manstein, Kluge und Rundstedt. Sie waren keine Nationalsozialisten; ihr militärisches Können begriff, was Hitler der Truppe zufügte; sie wurden von der Opposition bestürmt und gestanden, die Ruchlosigkeit des Staatsoberhauptes und Obersten Befehlshabers durchschaut zu haben, aber sie versagten sich und handelten nicht. Im Gegenteil: sie fesselte, obgleich der Marschallstab zur Teilhabe an der Souveränität verpflichtete, mißverstandener Gehorsam – ein Gehorsam, bei dem keine Unterschiede zwischen Feldmarschall und Grenadier zu bestehen schienen. Solch ein Preußen war verächtlich und durfte zum Teufel fahren. Leider ist mit ihm auch das Deutsche Reich, das eine höhere Pflichterfüllung verlangte, zusammengebrochen und auf der Strecke geblieben.

„Ohne Preußen“, hieß es einmal, „ist Deutschland keine Nation.“ Diese Worte stammen nicht etwa von einem verbohrten Preußen, der auf Deutschlands übrige Staaten nur dünkelhaft herabsehen kann, sondern von Charles de Gaulle, der – eher ein Antipode Preußens – auch hier historisches Gefühl bewies. Mit Preußen wäre Deutschland kaum so leicht zu spalten gewesen. Mit Preußen hätte es nicht seine europäische Mittellage zwischen West und Ost verleugnet, aber Preußen gehört der Vergangenheit an. Wenngleich es sich gegen Hitler und den eigenen Untergang auflehnte: Preußen ist – insgesamt – an seinen Führungsschichten zugrunde gegangen. Diese Führungsschichten verdammten die Fronde des 20. Juli 1944 zu tragischer Einsamkeit. Sie beklagten lediglich Wahn und Mißbrauch, Schande und Verbrechen. Was bei ihnen überwog, war funktionalistischer Gehorsam, mit dem sie widerstandslos in die Katastrophe des Ganzen taumelten. So wurden sie geprüft und auch ohne Gerichtsprozesse schuldig gesprochen. Soweit Reste von ihr leben, haben sie besondere Anrechte eingebüßt. Das gilt nicht nur moralisch. Mit dem Ende des Deutschen Reiches, in dem Preußen trotz aller Spannungen noch immer Aufgaben wahrzunehmen hatte, sind sie historisch ortlos geworden. Niemand kann an sie anknüpfen, ohne ein falsches und fruchtloses Epigonentum zu fördern. Preußen endete am Galgen oder muß aus Scham verstummen.

Die DDR vermochte für Preußen nicht einzuspringen. Obgleich sie sich auf Berlin, die Mark Brandenburg und preußische Traditionen stützte, obgleich sie sich mit Eifer und Zucht preußisch großhungerte, lenkte sie – vorsätzlich unpreußisch – eine diesseitige Ideologie, forderte sie einzig den Gehorsam unterwürfiger Dienstwilligkeit. Wenn auch Preußentum und soziale Haltung bei guten Preußen seit je zusammengehörten: selbst nach Metamorphosen wäre die Deutsche Demokratische Republik kein neues Preußen gewesen. Verabsolutierte Menschenordnung und nicht-religiöse Heilsgewißheit standen im Weg. Die Bundesrepublik Deutschland aber, in der ohnehin nur matte preußische Erinnerungen zu mobilisieren waren, wurde entsprechend Adenauers Willen zu einem bewußt antipreußischen Staatsgebilde. Dieser Kanzler, preußisch in der Pflichtauffassung, doch ein Feind Ostelbiens, blieb durchdrungen davon, daß Preußen nie wieder aufkommen dürfe. Er entschied sich gegen Berlin und für die vorbehaltlose West-Integration. Die damalige Bundesrepublik – geographisch ein zweiter Rheinbund – erleichterte, ja diktierte geradezu seine Politik. Mit ihr kehrte sich Bonn Frankreich und den angelsächsischen Mächten zu, während es Osteuropa vier Jahrzehnte lang beiseite ließ: auch dies kein zufälliger Vorgang.

Die Wende hat Deutschland wieder in die Nachbarschaft Ost-Mittel-Europas gerückt. Preußische Erfahrungen könnten erneut gefragt oder zumindest dienlich sein, doch selbst wenn man hier Chancen sähe, würde Preußen als Wirklichkeit nicht wiedererstehen. Dieser Staat gründete auf unseren Ostprovinzen. Da sie mit Brief und Siegel an Polen verloren sind, können wir ihn schwerlich zu neuem Leben erwecken. Auch der Menschenschlag Pommerns, Schlesiens und Ostpreußens, den Preußen prägte und der Preußen repräsentierte, dürfte keine Renaissance mehr erleben. Er wurde von Grund und Boden vertrieben und damit seiner ursprünglichen Kraftquellen beraubt. Man muß sich nicht die Schönheiten der Ostprovinzen vergegenwärtigen, um ermessen zu können, welche Wunden Preußens Wirklichkeit erlitten hat. Noch mögen manche Pommern, Schlesier und Ostpreußen ein Bewußtsein von der einstigen Heimat wachhalten. Mit ihrem Abgang wird – ganz gewiß zur inneren Verarmung Deutschlands – auch dieses Bewußtsein geschwunden sein.

Preußen 1905, aus: Meyers Großes Konversations-Lexikon

So bliebe von Preußen bestenfalls die Idee. Kein Zweifel: preußische Tugenden sind heute, milde formuliert, kaum anerkannt. Man will nicht mehr dienen, sondern verdienen. Jeder Beschwörung, die auf das Gegenteil abzielt, haftet der Geruch des Rückständigen, wenn nicht gar des Inhumanen an. Vielleicht aber erwächst der preußischen Idee in Zukunft eine Chance? Die Geschichte liebt nicht nur Fortschritte: oft streben Entwicklungen auf Umwegen zu erprobten Werten zurück. Fleiß, Sauberkeit, Sparsamkeit und Hingabe für das Ganze stellen zeitlose Tugenden dar. Diese Tugenden – sicher nicht allein preußisch, doch Inbegriff der preußischen Idee – helfen immer. Ohne sie ist „kein Staat zu machen“.

Dr. Bodo Scheurig

Dr. Bodo Scheurig (1928 – 2008), studierte nach sowjetischer Kriegsgefangenschaft Neuere Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin und an der Columbia University, New York. Zahlreiche zeitgeschichtliche Veröffentlichungen, u.a. Standardwerke über Ewald von Kleist-Schmenzin (Neuauflage in Kürze im Lindenbaum Verlag), Henning von Tresckow und Generaloberst Alfred Jodl (Alfred Jodl. Gehorsam und Verhängnis. Biographie im Bublies Verlag).

Ewald von Kleist-Schmenzin – ein Konservativer gegen Hitler

von Bodo Scheurig

Ewald von Kleist-Schmenzin

Ein Konservativer gegen Hitler

Er war einer der letzten großen Preußen, ein Cato der Ideen des preußischen Staates. Schon das Wilhelminische Deutschland erweckte in ihm Kritik und Widerwillen. Die Abkehr vom Altbewährten, die er allenthalben beobachtete, empfand er als Gefahr für den Bestand von Ordnung und Recht.

Ewald von Kleist – 1890 in Groß-Dubberow geboren – studierte Jura an den Universitäten Leipzig und Greifswald. Im Ersten Weltkrieg war er Offizier. Ab 1919 lebte er als Gutsherr in Schmenzin (Hinterpommern). Konservativer und Monarchist, focht er mit ungewöhnlicher Glaubensstärke und Strenge für seine Weltanschauung. Konservatismus ließ sich – nach seinem Verständnis – nicht vom Menschen, sondern allein von Gott her begründen. Aufgabe des Menschen blieb ihm, Gottes Willen „zu erkennen und zu tun oder, mit anderen Worten, Religion zu leben“. Das monarchische Preußen umfaßte, was Kleists Idealen nahekam: eine hierarchisch gegliederte Gesellschaft, die im Glauben wurzelte und jedem Stand seine Pflichten zuwies; Dienst zugunsten des Ganzen, der allem „Begehren“ voranging; und die regierende Krone, die Recht und Einheit verbürgte. Bis zuletzt erstrebte Kleist eine konstitutionelle Monarchie.

Rittergut Schmenzin, Kreis Belgard, Provinz Pommern (letzer Eigentümer: Ewald von Kleist-Schmenzin). Das Gut wurde 1945 ausgeplündert und verfällt heute.

Wie alle Konservativen bekämpfte er die Weimarer Republik als widergöttliche Ordnung. Zügelloser Parlamentarismus konnte in seinen Augen einzig innere Wirren erzwingen, Spaltungen des Volkes. So wollte er das „System der Zerrissenheit“ durch eine autoritäre parlamentsunabhängige Staatsführung ersetzen, der er allein zutraute, Gebrechen zu heilen und die Nation vor der Diktatur zu bewahren. Diese Diktatur sah er mit Adolf Hitler heraufziehen. Kompromißlos machte er Front gegen den Nationalsozialismus, in dem er, unbeirrbar klarsichtig, den Totengräber des Deutschen Reiches erblickte. Er warnte vor dessen Rassismus und Imperialismus, „antikonservativen und kriegsanstiftenden Zielen“, die er in Reden und Schriften anprangerte. 1933 suchte er die verantwortlichen Konservativen zu einer Anti-Hitler-Regierung anzuspornen, 1938 England gegen die territorialen Forderungen des „Führers“ zu mobilisieren.

Partei und Gestapo verfolgten Kleist. Hausdurchsuchungen, Haft und Aufmärsche der Schmenziner SA trachteten ihn einzuschüchtern. Mehrfach mußte er ausweichen, um sich zu retten. All das belastete Kleist um so mehr, als jede seiner versuchten politischen Aktivitäten erfolglos geblieben war. Fast schien es, als solle die Klarsicht stets an der Blindheit scheitern. Zug um Zug – und zuletzt mit schier unaufhaltsamer Konsequenz – fielen die Schranken, die von der Kriegskatastrophe trennten: tragische Vorgänge hier insbesondere im Leben eines isolierten Mannes.

Kleist – niemals Imperialist, sondern Patriot des außenpolitischen Augenmaßes – erlebte den Zweiten Weltkrieg tief deprimiert. Schneidend seine Verachtung vor allem der Wehrmachtspitzen, die Hitlers Feldzüge und Verbrechen deckten, den Aufbruch ins Nichts. Wiederholt betonte er, daß solch ein Deutschland von Gott keine Gnade mehr erbitten dürfe. Gleichwohl stand er – und nach Stalingrad ungeduldig – immer auf seiten der Fronde. Von Goerdeler war er als Oberpräsident für Pommern vorgesehen, doch der mißglückte Staatsstreich am 20. Juli 1944 tilgte alle Hoffnungen. Kleist wurde verhaftet, angeklagt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. So skeptisch zuletzt seine Einschätzung des Widerstandes: offen bekannte er sich vor Freisler und dem Volksgerichtshof zu seinem Handeln. Kampf gegen den Nationalsozialismus war ihm – so das Verhandlungsprotokoll – „ein von Gott verordnetes Gebot“.

Rückblickend muß man ihn ebenso als Frondeur der äußersten Rechten zuordnen. Sicher hätte er sich mit Beck, Goerdeler, Hassell, Popitz und Canaris verständigen können: Sie, die sogenannten „Honoratioren“, waren Männer seiner Generation, Verfechter konservativer Ziele. Weiter hätte er Moltke und dem Kreisauer Kreis darin zugestimmt, daß Hingabe für das Gemeinwohl mehr als gute ethische Prinzipien voraussetzte. Auch Moltkes Wille zu einer Ordnung kleiner, überschaubarer Gemeinschaften wäre nach Kleists Geschmack gewesen. Seit je hatte er als konservatives Kampfziel eine kraftvolle Selbstverwaltung proklamiert. Doch ob er im ganzen dem konservativ-sozialistischen Ausgleich zugestimmt hätte, der den Kreisauern vorschwebte, darf man eher bezweifeln. Gewiß ist nur, daß er von dem Sozialismus abgerückt wäre, dem Stauffenberg und die Sozialdemokraten um Julius Leber anhingen.

Aber selbst wenn er im Widerstand gegen Hitler gesiegt hätte, wäre die Zeit von neuem über ihn hinweggegangen. Schon nach 1918 hatte er – und zwar unter weit besseren Bedingungen – Demokratie und Gleichheit vergebens bekämpft. Erst recht wäre er ihnen 1945 erlegen. Denn nun, nach dem Ende Hitlers, schienen Demokratie und Gleichheit mehr denn je gerechtfertigt. Nun war Konservatismus zum Sinnbild der schwärzesten Reaktion geworden. Mit alledem ist kein abschließendes Werturteil ausgesprochen. Kleist kann zwischen den Zeiten gestanden haben. Er verfocht Ideen, die sich einst ausgeprägt und bewährt hatten; in ihm lebten, ja glühten sie noch einmal auf. Wenn er mit diesen Ideen auch zu spät kam, so könnte doch konservativen Maximen wieder Zukunft beschieden sein, und im Rückblick zeugen die Jahre 1919 – 1945 nicht nur gegen den Konservatismus.

Eine konstitutionelle Monarchie – wichtigstes unter Kleists Zielen – wäre Deutschland zu größerem Segen ausgeschlagen. Sie hätte ihm die vergiftenden Spannungen der Weimarer Republik erspart, Volk und Armee vorbehaltloser, fester mit dem Staat verschmolzen. Sie hätte – als oberste, ausgleichende Instanz – nie die Alleinherrschaft eines Kanzlers zugelassen, Adolf Hitler, wie er war und sein wollte, unmöglich gemacht oder ihm Zügel angelegt. Keine der Bastionen, die der NS-Diktator nahm, wäre zu erobern gewesen: selbst nicht bei Durchschnittlichkeit in den deutschen Führungsschichten. Fachliche und moralische Resistenz hätten Rückhalte besessen, Krieg und Zusammenbruch verhindern können und wohl auch verhindert. Muß man an das Exempel erinnern, das 1943 Italiens König gegenüber Mussolini statuierte, als er den staatsgefährdenden „Duce“ absetzte?

Um so mehr ist im Falle Kleists von Tragik zu sprechen, da seine Einsichten und Warnungen ertraglos blieben. Daß er innenpolitisch scheiterte, lag an seiner Weltanschauung, die ihm verbot, Kompromisse zu schließen, doch auch derartige „Schatten“seiten löschen nicht die großen Züge. Konservatismus hieß hier Frontstellung gegen ein System maßloser Gewalt, das Tugenden verdarb und alle besseren Kräfte knebelte, Frontstellung gegen ein Universum des Bösen, wie es keine „reaktionäre“ Ordnung ersinnen konnte. Trotz äußerer Mißerfolge war Ewald von Kleist ein überragender Mann seiner Zeit. Er bezeugte das Preußentum, zu dem Gehorsam und Rebellion, unnachsichtige Beharrung und leidenschaftlicher Revolutionswille gehörten; ihn leiteten Pflichten, für die er einstand und das eigene Leben opferte. Sein Verstand befähigte zu noch immer gültigen Analysen, sein Glaube aber zu dem Kampf gegen Hitler, in dem ihn niemand übertroffen hat.

Ernst Jünger in einem Gespräch über Ewald von Kleist: „Kleist war hochgezüchtet, von sehr empfindlichem verletzbaren Ethos. Ich habe den Typus im Fürsten Sunmyra der Marmorklippen festzuhalten versucht. Daß er dem Untergang geweiht war, ließ schon die Aura ahnen.“

Dr. Bodo Scheurig

Dr. Bodo Scheurig (1928 – 2008), studierte nach sowjetischer Kriegsgefangenschaft Neuere Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin und an der Columbia University, New York. Zahlreiche zeitgeschichtliche Veröffentlichungen, u.a. Standardwerke über Ewald von Kleist-Schmenzin (Neuauflage in Kürze im Lindenbaum Verlag), Henning von Tresckow und Generaloberst Alfred Jodl (Alfred Jodl. Gehorsam und Verhängnis. Biographie im Bublies Verlag).

Die Rechte – kapitalismus- und globalismushörig?

Carl Wilhelm Hübner: Die schlesischen Weber (1846)

von Werner Olles

Die Rechte – eine Stütze der kapitalistischen und globalismushörigen Gesellschaft?

Für ein antikapitalistisches Frühlingserwachen

Die Konservativen haben sich leider nur selten ernsthaft mit der sozialen Frage befaßt. Es ist müßig darüber zu spekulieren, warum das so ist. Möglicherweise haben sie einfach vor der überlegenen Definitionsmacht kapituliert, die der Linken bei dieser Problematik, oft genug allerdings zu Unrecht, zugestanden wird. Vielleicht haben sie aber auch realistischerweise frühzeitig erkannt, daß Konservative und Rechte in aller Regel keine oder zumindest nur eine mäßige Ahnung davon haben, was den berühmten „kleinen Leuten“ wirklich auf den Nägeln brennt. Die Nichtbefassung mit der sozialen Frage ist jedoch ein schwerer Fehler, denn wenn man sich über deren Wesen nicht im klaren ist, ist es prinzipiell ziemlich schwierig, überhaupt noch irgendeine politische Aktion zu begründen. Es nützt dann auch wenig, darauf hinzuweisen, daß selbst der Marxismus schon relativ lange die Utopie aufgegeben hat, daß der Kapitalismus an seinen systemimmanenten Widersprüchen sterben wird. Denn der Kapitalismus lebt im Gegenteil ganz ausgezeichnet von seinen Widersprüchen, sie sind in gewisser Weise sogar seine wichtigste Geschäftsgrundlage.

Unausgesprochen geht damit auch die banale Frage einher, wer unser Publikum ist und wen wir ansprechen wollen? Die sich hartnäckig durchgesetzte implizite Orientierung auf die Konservativen und ihre Restbestände sollte denn doch entschiedener hinterfragt werden. Nicht, daß die Konservativen kein Bezugsfeld darstellten, ist damit gemeint, wohl aber doch, daß es sich dabei nicht um das primäre oder gar einzige handeln sollte. Und es muß die Frage erlaubt sein, welcher positive politische Bezug auf den konstituierten Sozialcharakter des Konservativismus und seine ohnehin schwindenden oder bereits verschwundenen Lebenswelten und Lebensweisen überhaupt noch möglich ist. Den bejammernswerten, zwischen Genügsamkeit und Obskurantismus lavierenden Zustand der Konservativen kann man zwar schmerzlich zur Kenntnis nehmen, und sich bisweilen zurückversetzt fühlen in schlimmste Zeiten der K-Gruppen. Man spürt aber dann schon bald, daß die innerkonservative Kommunikation alles andere als auf dem Niveau der Anforderungen ist. Die längst überfällige intellektuelle Polarisierung in der Neuformulierung rechter bzw. konservativer Gesellschaftskritik ist jedoch eine der Voraussetzungen, die eigene unklare gesellschaftskritische Ausrichtung endlich zu beenden.

Der vorliegende Text versteht sich daher als Einstieg in diese Auseinandersetzung um den Zusammenhang von konservativer Fortschrittsgläubigkeit, bürgerlichem Aufklärungsdenken und kapitalistischer Entgrenzungsdynamik samt dem damit verbundenen unaufhaltsamen Abdriften in eine staats- und rechtsfreie Gesellschaft. Er ist bewußt keine betulich differenzierende und relativierende Abhandlung mit Verbeugungen nach allen Seiten, sondern auch der Form nach eine scharfe Positionsbestimmung. Ohnehin ist der sich bisweilen geckenhaft spreizende postmodernistische Konservativismus ähnlich wie der Gewohnheits-Konservativismus nichts weiter als eine kulturalistische Karikatur auf die Konservative Revolution der Zwischenkriegszeit und ihre Aporien. Der in den achtziger Jahren entstandene rechte Postmodernismus hat zwar einen ästhetisierenden und selbstästhetiserenden Sozialisationstypus herausgebildet, doch objektive Erkenntnisse im Hinblick darauf, was gegeben ist, wird man bei ihm nicht finden, sondern nur dunkle Vorstellungen irrealen, mystifizierenden Charakters. Alles bleibt, wie es so schön heißt, „in der Schwebe“, unbestimmt vage oder ambivalent. Der bloße Schein wird für die Wirklichkeit gehalten und ausgegeben. Das scheinbare Aufbegehren gegen zu Recht als unerträglich empfundene Zustände entpuppt sich in aller Regel schnell als Zwergenaufstand. Derart entschärft, stellt dieser postmodernistische Konservativismus in seiner zombiotischen Existenz nur eine Farce der Farce dar. Was man sich dort holen kann, ist – siehe „Werte-Union“ – höchstens eine Leichenvergiftung.

Selbst die sogenannte Spaßgesellschaft, Inbegriff der begriffslosen Konsumfröhlichkeit mit zusammengebissenen Zähnen, erscheint den rechten Postmodernisten als zivilisatorische Errungenschaft, die es gegen kulturkritische Pessimisten und Fundamentalisten zu verteidigen gilt. Doch eine Gesellschaft, die, wie der frühere CDU-Generalsekretär Bruno Heck in den sechziger Jahren völlig zu Recht feststellte, „kein Ethos jenseits der Ökonomie“ mehr kennt, muß gerade von Konservativen und Rechten, die noch etwas auf sich halten, einer strikten Fundamentalkritik unterzogen werden. Zerstörung der Vielfalt der Kulturen, Nivellierung von Individuen und Gesellschaft, Reduktion des Menschen auf einen kontrollierbaren und reproduzierbaren Mechanismus – so stellt sich die westlich-kapitalistische Moderne des 21. Jahrhunderts dar. Die stetige Verminderung politischer Freiheit gerade unter Berufung auf demokratische Werte, und die Weigerung, die gesellschaftliche Realität zu sehen und kritisch anzugehen, was bedeuten würde, zum wirklichen Kern der politischen Herrschaft vorzudringen, dürften indes auch unserem Staatswesen bald schon gefährlich werden.

Noch ist es allerdings nicht ganz soweit. Noch strömt in diesem Netz das Blut gesellschaftlichen Lebens. Transporte von Personen, Waren und Lebensmitteln, vielfältige Transaktionen, Aufträge zu verkaufen und zu kaufen, rein intellektuelle oder affektive Formen von Austausch. Dieser unaufhörliche Strom betäubt die Menschen, die von den kadaverhaften Zuckungen ihrer eigenen Aktivitäten ganz besessen sind. So haben wir an den Schnittpunkten unserer Kommunikationswege gigantische und häßliche Metropolen gebaut, wo jeder, isoliert in einem anonymen Apartment inmitten eines Wohnblocks, genau dem anderen gleicht und dabei felsenfest glaubt, der Mittelpunkt der Welt und der Maßstab aller Dinge zu sein.

Käthe Kollwitz, Aus dem Zyklus »Ein Weberaufstand«, 1893–1897

Der liberale Kapitalismus hat also nicht nur „die Inhumanität seiner Anfänge beibehalten“ (Alain de Benoist), er hat seinen Einfluß auf das Bewußtsein der einzelnen ausgedehnt und damit einher gehen der Utilitarismus, der Merkantilismus, die Werbung, der absurde und höhnische Kult wirtschaftlicher Effektivität und die ausschließliche und unveränderliche Gier nach materiellen Gütern, die in der Warengesellschaft, ob man will oder nicht, nun einmal Fetischcharakter annehmen. Schlimmer noch, der Liberalismus hat sich vom Bereich der Wirtschaft ausgedehnt in die Privat- und Intimsphäre jedes einzelnen, und dabei alle traditionellen Werte und sentimentalen Fiktionen brutal zerschmettert. Unter seiner gnadenlosen Diktatur sind Gottesfurcht, Gläubigkeit, Anstand, Liebe, Treue, Freundschaft, Ehrlichkeit, Würde, Ästhetik und Schönheit zu lächerlichen Stigmata geworden. Der Wert eines menschlichen Wesens bemißt sich heute nach seiner ökonomischen Effektivität und seinem finanziellen Potential, und das sind genau die beiden Dinge, die die ökonomische Logik angesichts einer umfassenden gesamtgesellschaftlichen Krise leicht in eine Selektions- und Entsorgungslogik umkippen lassen. So hat ein anständiger Staatsbürger künftig bis 67 zu arbeiten und mit 68 gefälligst tot zu sein. Schöne Aussichten!

Nun sind fundamentalistische Oppositionelle und konservative Revolutionäre im allgemeinen Reaktionäre, und zwar ganz einfach deshalb, weil sie ganz besonders, man könnte auch sagen, von Berufs wegen, von der Bosheit und Gefährlichkeit des Menschen überzeugt sind, wie dies ja auch bereits in den Evangelien unmißverständlich ausgedrückt wird: Der Mensch ist von Jugend auf dem Bösen zugeneigt! Der Reaktionär weiß zudem, daß der ganze menschliche Prozeß ein einziges Jammertal ist, in dem man mühselig der menschlichen Anarchie nur durch Ordnung, Autorität und Repression Herr wird. Und hier wird es nun wirklich interessant. Als Konservativer und Rechter muß man die globale kapitalistische Struktur ablehnen, weil sie die permanente Zerstörung alles organisch Gewachsenen und jeglicher Territorialisierung ist. Als Rechter hat man auch eine grundlegende Skepsis gegenüber der menschlichen Aktivität zu pflegen, während die Linke bekanntlich an die Emanzipation und die Emanzipierbarkeit des Menschen glaubt, an den ewigen Frieden, den Parlamentarismus usw. usw. Doch entpuppen sich dann ganz plötzlich sogenannte Rechte als peinliche Links-Rousseauisten, die vielleicht nicht an das Gute im Menschen, aber doch im Volke glauben, denn schlecht kann ja scheinbar immer nur der Staat oder die Administration sein. Fast noch schlimmer ist es jedoch, wenn sich Ordo-Liberale als Konservative feiern lassen, aber bei der Beschleunigung und Revolutionierung aller menschlichen Lebensbereiche begeistert dabei sind und dann, um das Maß voll zu machen, auch noch treuherzig erklären, man müsse doch die Bevölkerung endlich fit machen für die Globalisierung und die technologischen Erfordernisse des 21.Jahrhunderts, und diesen Paläo-Liberalismus dann auch noch als Rechts-Konservativismus ausgeben. Das ist nicht nur beschämend, sondern aufgeklärtes Geschwätz im Endstadium. Regression pur. Diese „Rechts“-Intellektuellen bewegen sich auf der Ebene vorprogrammierter Arbeitsbienen. Es ist dies letztlich das sich eigenhändig ins Delirium versetzte Raunen bürgerlicher Vernunft, das sich hier einmal mehr als der Weisheit letzter Schluß intoniert.

Tatsächlich hat man als Rechter eine sich ständig beschleunigende und anonymisierende kapitalistische Welt, eine auf vollkommener Vermassung beruhende Individualisierung, aber auch die Entwertung von Erfahrung im postindustriellen Komplex und in einer völlig atomisierten Gesellschaft einer geharnischten Kritik zu unterziehen. Oder sollte es doch wahr sein, daß gewisse konservative Momente heute nur noch bei der Linken gedeihen, wenngleich diese Linke natürlich zum System gehört wie der Deckel zum Topf, weil sie zeitlebens die Funktion einer Avantgarde der kapitalistischen Warengesellschaft innehatte, und selbst noch im Todeskampf und in ihrer intellektuellen Selbstverabschiedung von dieser fragwürdigen Rolle nicht loskommt und als Hyperparasit – als Parasit, der von Parasiten lebt – bestens gedeiht.

In der termitisierten Gesellschaft, die ständig gegen die menschliche Anthropologie verstößt, bieten weder Ort, Nation, Milieu, Klasse oder Religion noch eine Heimat. Dieser Prozeß scheint in der Tat irreversibel zu sein. Was allein noch funktioniert ist die sogenannte Vergangenheitsbewältigung, angetrieben von einer sehr gut daran verdienenden Vergangenheitsbewältigungsindustrie. Sie fungiert inzwischen als einziges Bindemittel einer völlig nihilistischen, glaubenslosen und überhaupt nicht humanen Gesellschaft, in der beispielsweise jedes Jahr mit staatlicher Unterstützung etwa 100.000 ungeborene Kinder abgetrieben werden. Es sind dies die namenlosen Opfer einer Zivilreligion, die zwar Begriffe wie Menschenrechte und Toleranz auf ihre Banner geschrieben hat, deren Anhänger aber in keinerlei Hinsicht sanft wie die Tauben sind, auch wenn sie solche auf ihre Transparente malen, möglichst noch mit einem grünen Friedenszweiglein im Schnabel. Zudem ist die Abtreibung eine Sache, die viel dämonischer ist, als es auf den ersten Blick erscheint. Denn kann man zur Not noch verstehen, wenn jemand ermordet wird, weil ein anderer an dessen Geld wollte oder jahrelang mit ihm im Streit lag, ist diese Massenausmordung vollkommen Unschuldiger ein Drama von solch ungeheurem Ausmaß, das eigentlich den menschlichen Verstand übersteigt und nur als Kannibalenhumanität zu bezeichnen ist. In dieser „Welt der Massenanonymität, des affektiven Elends und der allgemeinen Vereinsamung“ (Alain de Benoist), in der jede dritte Ehe geschieden wird (in den urbanen Metropolen ist es inzwischen jede zweite), die Familie privatisiert wurde und Freundschaften zunehmend durch Rivalitätsbeziehungen ersetzt werden, ist die Auflösung aller sozialen Bindungen inzwischen zur brutalen Normalität geworden.

Zwar sind Konservative und bürgerliche Rechte in der Regel zu einem nostalgischen Rekurs auf eine bereits abgeschlossene Epoche fähig und haben auch die stärksten Affekte gegen die Auswüchse der „bunten, weltoffenen“ Gesellschaft, dies öffnet jedoch noch keinen neuen Entwicklungshorizont und ist beim besten Willen nicht mit einem Hinausgehen über die kapitalistische Ordnung zu verwechseln. Aber eine umfassende Gesellschaftskritik von rechts – die bislang nur im Mikrologischen erkennbar war – führt sich selbst hinters Licht, wenn sie auf den Verlust der Fähigkeit der postmodernen Warengesellschaft zur gesellschaftlichen Integration, wie er in den Etatisierungsschüben des rheinischen Kapitalismus in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zum Ausdruck kam, nicht reagieren würde. Denn nach einem Vierteljahrhundert neoliberaler Offensive hat sich das vollmundige Versprechen der Marktideologen, Globalisierung bedeute in letzter Instanz mehr Wohlstand für die ganze Gesellschaft und Frieden für alle Völker, gründlich blamiert. Der Desintregations-Kapitalismus speit die Menschen vielmehr massenhaft aus, und rettet sich gerade damit immer weiter über die Runden. Aber anstatt dies radikal, und das bedeutet von den Wurzeln her, zu kritisieren, bemüht man sich im Höchstfall – übrigens gerade bei den linken Globalisierungskritikern –, gewisse ökologische und soziale „Nebenkostenrechnungen“ aufzumachen. Nur eine Minderheit, etwa die französischen Souveränisten, will den verblichenen Nationalstaat in seine alten Rechte einsetzen, die meisten Linken und Liberalen träumen von „Global Governance“ als eine Art „kosmopolitischer Demokratieform“.

Die theoretische Schwäche dieser Position ist jedoch mit Händen zu greifen, denn der Kapitalismus als Totalisierung der Warenform hat sich längst selbst zum Inbegriff der gesamten Zivilisationsgeschichte ernannt. Er unterwirft den Menschen und die Natur gleichermaßen und triumphiert so über alle geschichtlichen Epochen hinweg als vorerst letzter Steigerungsfall abendländischer Rationalität. Für Konservative müßte dieser Zustand eigentlich heillos wirken, zerreibt doch der Kapitalismus ihre sämtlichen Ideen, Ideale und Utopien zwischen Realpolitik und Retrospektive, zwischen geschichtsphilosophischer Historisierung und programmatischer Selbstbehauptung. Leider kommen sie dann doch nicht über das bloße ständige Konstatieren einer fortschreitenden Dissoziation alles Sozialen und Nationalen hinaus. Die überraschende Konfrontation mit dem globalen Fremden, im toleranztrunkenen Deutschland volkspädagogisch inspiriert als „Multi-Kulti“ verniedlicht, stellt sich bei näherem Hinschauen dann aber auch nur als die andere Seite der unaufhaltsamen Verwandlung der Welt in einen Absatzmarkt für Coca Cola, McDonald’s, Smart Phones, Cybersex und allerlei digitalen Pippifax dar. Als Resultat werden u.a. in ca. vierzig Jahren mehr als die Hälfte der europäischen Sprachen ausgestorben sein.

Wall Street, 1867

Weil im allgemeinen Globalisierungsprozeß die Mobilität von Waren, Dienstleistungen, Kapital, Kultur und Menschen untrennbar miteinander verbunden sind, wird es natürlich auch weiterhin Einwanderung geben. Sagen die Konservativen und Rechten: „Wir brauchen die Ausländer nicht!“, so sagen die Liberalen und Linken: „Wir brauchen die Ausländer schon!“ und denken dabei an diverse Drecksarbeiten, die Sicherung des Rentensystems – eine völlige Illusion, denn die Migranten zahlen größtenteils nichts in die Kassen ein, sondern leeren sie hemmungslos – oder nicht zuletzt an die endgültige Auflösung Deutschlands in einen identitätslosen Vielvölkerstaat. Beide Argumentationsfiguren verkennen dabei die Funktion der Globalisierung als Menschenmobilisierung. In dieser Blindheit gleichen sie unserer famosen ehemaligen Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), einem authentischen Emanzipazi-Produkt des 68er-BRD-Revolutiönchens, das seinerzeit beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten als Ikone der Aufklärung kaum die Contenance wahren konnte, als der iranische Botschafter sich weigerte, ihr – einer Frau! – die Hand zu reichen. So findet der intellektuell auf den Hund gekommene Realökonomismus der leeren Form in der schwerstens normalitätsbelasteten großkoalitionären Berliner Republik endlich zu sich selbst.

Zu diesem Thema auch: wir selbst-Ausgabe 1/1996.

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor des Buches:

Die Konstanten Ernst von Salomons

von Markus Klein

Die Konstanten Ernst von Salomons

Kadett, Freikorpskämpfer, Nationalist, Friedenskämpfer und Schriftsteller

Es gibt wenige Personen in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts‚ die während ihres gesamten Lebens solch unterschiedlichen und wechselhaften Beurteilungen von sämtlichen Seiten und Parteiungen unterworfen waren‚ wie Ernst von Salomon‚ der doch immer explizit für sich in Anspruch nahm‚ als „Deutscher“ zu handeln und zu schreiben. Die Spannweite der Urteile über ihn reicht von „literarisch hochbegabter Chronist‚ ein Verschwörer aus Veranlagung‚ ein moderner Landsknecht aus Neigung“ über „preußischer Rebell“ und „Edelfaschist“ bis zu „die begabteste und für die Geschichte des Jahrhunderts zwischen 1920 und 1930 vielleicht wesentlichste Erscheinung“. Damit sind noch längst nicht alle Urteile erfaßt.

Ohne daß vorab geklärt wurde‚ ob er denn überhaupt ein „politischer“ Mensch war‚ scheiden und schieden sich an ihm die Geister‚ entzündeten sich an seiner Person und seinen Handlungen und Stellungnahmen scharfe Konflikte bis hin zur Polarisation‚ und das selbst innerhalb nach außen homogen erscheinenden politischen Parteiungen. Mit wechselnden Vorzeichen‚ jedoch ununterbrochen‚ berief sich die eine oder andere Seite auf ihn als Kronzeugen‚ als Mitstreiter‚ oder verdammte ihn und seine Handlungen als „Opportunismus“‚ „Katzenjammer“‚ „Romantik“‚ „Naivität“‚ „Unverbesserlichkeit“‚ „Nihilismus“‚ „Verharmlosung“‚ „Kommunismus“ oder „Nationalsozialismus“. Die einen erklären ihn zum „German enemy of Germany“‚ andere gestehen ihm „Läuterung“ zu‚ mal bezeichnet man ihn als Wegbereiter des Dritten Reiches‚ und dann widmen ihm ehemalige Lagerinsassen von Buchenwald einen dankbaren Nachruf. Anscheinend nirgendwo auf Dauer hingehörend – zumal politisch –‚ aber immer Stellung beziehend‚ scheint sein Leben‚ das die ersten siebzig Jahre des 20. Jahrhunderts begleitet hat‚ unbegreiflich‚ wechselhaft‚ standortlos. Und dennoch: niemals scheint seine Person uninteressant‚ belang- oder wertlos‚ niemals wurde sie von allen Seiten zugleich ignoriert. Immer stritt man sich über ihn und mit ihm‚ verdammte ihn oder erklärte ihn gar für gefährlich; und durchgehend nahm er für sich in Anspruch‚ als Deutscher zu sprechen und zu handeln. Das scheint die einzige Konstante seines Lebens zu sein.

Ernst von Salomon ist in Deutschland erstmals unrühmlich bekannt geworden durch seine Teilnahme am Attentat auf den damaligen Reichsaußenminister Walther Rathenau im Sommer 1922. Nach Verbüßung seiner Zuchthausstrafe trat er für eine große Öffentlichkeit erneut in Erscheinung‚ als er im Januar 1930 bei Ernst Rowohlt sein literarisches Erstlingswerk „Die Geächteten“ veröffentlichte. Dieses stark autobiographisch geprägte Buch hatte im wesentlichen eben diesen Mord an Walther Rathenau zum Inhalt‚ durch den Ernst von Salomon als Figur der damaligen unmittelbaren Zeitgeschichte überhaupt interessant geworden war. Fortan galt er neben Ernst Jünger‚ Franz Schauwecker‚ Albrecht Erich Günther‚ Ernst Niekisch und Friedrich Hielscher als eine der Hauptfiguren des in der Literatur und der Publizistik jener Jahre vor dem Ende der Weimarer Republik wuchernden „Neuen Nationalismus“‚ wie sie selbst sich nannten. In dieser Zeit blühten in der geistigen Szene der Republik die literarischen Wortmeldungen der heute sogenannten „Konservativen Revolution“. In allen Veröffentlichungen zu diesem für die Geschichte und das Scheitern der Weimarer Republik so wichtigen Thema taucht immer wieder der Name Ernst von Salomons auf‚ ohne daß indes weiter auf ihn eingegangen wird. Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges sollte er sich erneut durch einen in der damaligen politischen Lage der Deutschen hochbrisanten Bestseller bemerkbar machen‚ der zum ersten Buchverkaufserfolg der neu entstandenen Republik wurde: „Der Fragebogen“. Die als Folge dieser Veröffentlichung aufeinanderprallenden Meinungen ließen erahnen‚ inwieweit Ernst von Salomon abermals mit seiner „Provokation“ in ein politisches Wespennest gestochen hatte. In weiten Kreisen der publizistischen Öffentlichkeit galt er nun als unverantwortlicher „Weißwäscher“ des Dritten Reiches‚ seiner Vorgeschichte und seiner Greuel. Zumal seine bitterböse Polemik gegen die amerikanische Besatzungsmacht polarisierte seine Leser. Und ein weiteres Mal in seinem Leben sollte er mit großer Resonanz in der Öffentlichkeit erscheinen. Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre engagierte sich der bis dahin als einschlägiger Propagandist des Soldatentums und des deutschen Nationalismus bekannt gewordene Ernst von Salomon publikumswirksam gegen die Wiederbewaffnung und die atomare Rüstung‚ nahm demonstrativ an den entstehenden Ostermärschen teil und ergriff Partei für als „kommunistisch“ bekannte oder benannte Organisationen und Parteien. Erstaunt und befremdet nahm die bundesdeutsche Öffentlichkeit zur Kenntnis‚ daß er einen Bogen vom „Rechts“-extremisten zum „Links“-extremisten geschlagen zu haben schien. Darin unterschied er sich eindeutig von den Verhaltensmustern der ansonsten als ehemalige „Nationalrevolutionäre“ bekannten Personen wie beispielsweise Ernst Jünger. Umgekehrt wiederum ist er in seinem Hausverlag‚ in dem die weitaus meisten Wortführer jener frühen Friedensbewegung zu Worte kamen‚ posthum wegen seiner nationalistischen Vergangenheit zur persona non grata erklärt worden. Das Andenken an ihn besteht dort ledglich in der Weitervermarktung seiner auflagenstärksten Bücher.

So scheint das Leben Ernst von Salomons durch einen Bruch gekennzeichnet‚ der ihn von allen anderen ehemaligen Vertretern der „Konservativen Revolution“ abhebt. Das allein sollte schon Anlaß genug sein‚ seiner Vita und den Bedingungen solcher Paradigmenwechsel nachzuspüren. Sofern man der „Konservativen Revolution“ und ihren Vertretern eine Relevanz in der deutschen Zeitgeschichte beimißt – was aufgrund der anscheinenden geistigen Verwandtschaft mit dem Nationalsozialismus naheliegt –‚ muß sich die Beschäftigung mit Ernst von Salomon als Subjekt solcher Forschungen geradezu aufdrängen. Über die anderen Vertreter dieses Forschungsthemas hinaus weist Ernst von Salomon neben dem obigen „Frontenwechsel“ noch ein besonderes Phänomen auf: er war vor seiner literarischen Laufbahn zunächst als Täter in Erscheinung getreten. Das wiederum sichert ihm eine herausragende Position innerhalb der „Konservativen Revolution“‚ die sich ansonsten primär im Literarischen abgespielt hat. Als Ansatz zur Aufhellung des Phänomens der „Konservativen Revolution“ ist seine Person somit vor jeder anderen geeignet.

Geschichte ist letzten Endes von Personen geprägt. Was immer die treibende Kraft der Geschichte sein mag‚ Utopie‚ Gewalt oder Mythos‚ was immer als Anlaß dahinterstehen mag‚ soziale‚ wirtschaftliche oder politische Konstanten der jeweiligen Gesellschaften‚ handeln tun Personen‚ und sei es auch kollektiv. Theodor Lessing hat deshalb wohl recht‚ wenn er bemerkt‚ daß die Biographie „nicht nur die lauteste‚ sondern auch die aufschlußreichste Quelle von Geschichte zu sein“ scheint. Über die Biographien der einzelnen Personen‚ ihre geistigen Hintergründe‚ Handlungen und Wirklungen auf ihre Umwelt‚ lassen sich Steinchen zu einem Gesamtbild der Geschichte zusammentragen. Für die Frage‚ wie und warum unsere deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert so verlaufen ist‚ wie sie sich uns heute präsentiert‚ ist eine Beschäftigung mit Personen vom Range eines Ernst von Salomon unerläßlich. Sie haben aktiv und passiv in das Geschehen in jenem Jahrhundert direkt und indirekt eingegriffen und somit die deutsche Geschichte mitgeprägt. Ernst von Salomon hat darüberhinaus ein stark autobiographisch gepägtes Schrifttum hinterlassen‚ das nach wie vor zu entschiedensten Stellungnahmen herausfordert. Eine Auseinandersetzung mit seinem literarischen Erbe bedeutet gleichzeitig immer auch eine Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem heutigen geistigen und politischen Gesicht Deutschlands. Andererseits prägt seine Hinterlassenschaft paradoxerweise auf französischer Seite gerade bei den dortigen Publizisten und Intellektuellen ein als positiv wahrgenommenes Bild von Deutschland und den Deutschen. Dieses Bild entspricht in keinster Weise den heutigen Gegebenheiten in Deutschland und wird umgekehrt von den Deutschen selbst als Schreckbild für unsere europäischen Nachbarn eingeschätzt. So stellt sich die Frage‚ wer dieser Ernst von Salomon war‚ woher und von wem seine weltanschaulichen und politischen Prägungen stammten‚ was er warum gewollt und unternommen hat‚ und was die Bedingungen waren‚ die seine „Konversionen“ herbeiführten – wenn es denn welche waren. Vielleicht nämlich war es ja auch nicht die Person von Salomon‚ deren Grundmuster sich änderten‚ sondern der politische Bedingungsrahmen nebst seinen Bewertungsmaßstäben‚ in dem die Deutschen fundamentale Wechsel zu vollziehen hatten.

Die Frage nach den Konstanten im Denken und Handeln Ernst von Salomons, aus denen sich eventuell eine politische Zuordnung ableiten ließe, die sein ganzes Leben erfaßt, läßt sich wohl nur dann beantworten, wenn man systematisch sein politisches Weltbild zusammenträgt. Dies soll hier geschehen.

Staat und Bürgerkrieg

Der Staat war in Ernst von Salomons Vorstellung zunächst einmal der Gegenbegriff zum Bürgerkrieg. Dies war ein Rückgriff auf den Staatsbegriff der frühen Neuzeit, als die entstehenden Staaten zu Instrumenten der Überwindung der konfessionellen Bürgerkriege wurden. Damit einher ging der zugehörige Begriff der Souveränität, wie er auch von Ernst von Salomon in Anspruch genommen wurde. Die Idee von der Souveränität des Staates verstand er in dem Sinne, den Thomas Hobbes ihr gegeben hatte: die von Natur aus ungeselligen Menschen werden erst durch die Macht des souveränen Staates zusammengezwungen und somit dem Staatszweck dienbar gemacht. Zur Souveränität in diesem Staatsverständnis gehörte ebenso, daß der Staat auf der einen Seite frei von universalistischen Interessen, andererseits frei von allen partikulären Interessen sei, die sich auf gesellschaftlicher Ebene finden. Das bedeutete zum einen, daß keine auf Utopien oder Geschichtsphilosophien gründende Ideologie zur Legitimationsgrundlage des Staates werden durfte, zum anderen, daß Staat und Gesellschaft keinesfalls miteinander zur Deckung kommen durften. Jeder Einfluß universalistischer oder partikulärer Interessen auf den Staat bedeutete nach diesem Staatsverständnis eine Negation der Souveränität. Durch eine solche Negation wiederum würde der Staat seine Funktion und seinen Sinn verlieren. So erklärt sich Ernst von Salomons grundsätzliche Ablehnung der pluralistischen Republik mit ihren Parteiungen und Einflußgruppen. Ein Staat unter dem bestimmenden Zugriff einer Partei war nach diesem Verständnis die Aufhebung des Staates selbst zurück zum Bürgerkrieg. Der Bürgerkrieg nach diesen Kategorien mußte nicht unbedingt offene Formen von Straßenschlachten oder ähnliches annehmen. Seine Existenz bewies sich bei solchem Staatsverständnis schon wesentlich sublimer: durch Identifizierung des Gegners mit dem Verbrecher, durch gleichzeitige Behauptung und Verneinung von Rechtsordnungen durch verschiedene Parteien, und durch exklusive Ideologiesierung des politischen Wettstreites.

Dieses Staatsverständnis findet sich bei Ernst von Salomons durch seine gesamte Vita. Es war in weiterem Sinne die staatstragende Grundlage des „Vernunftsstaates“ Preußen gewesen, wie er seit der napoleonischen Besatzungszeit, spätestens aber seit der Reichsgründung nicht mehr bestand. Überlebt hatte diese Vorstellung indes in einigen preußischen Adelsfamilien, deren ganze Daseinsberechtigung in der stillschweigenden Voraussetzung bestand, daß eben ein solcher Staat weiterbestände. Überlebt hatte dieses Bild vom Staat indes auch in den preußischen Kadettenanstalten und dem aus ihm hervorgegangenen Offizierskorps. Hier wurde ein anachronistisches Staatsbild in einer anachronistischen Institution weitergelebt und weitergegeben, für das es im Deutschen Reich keine Entsprechung mehr gab. So wurde Ernst von Salomon auf dieses Staatsbild hin geprägt. Es beeinflußte sein negatives Bild von der sich im Pluralismus auflösenden Weimarer Republik wie es seine Ablehnung des nationalsozialistischen Reiches prägte, in dem er vordergründig dessen Charakter als ideologische Bürgerkriegspartei erkannte. Und die aus diesem Verständnis sich ergebene Souveränität war es auch, die Ernst von Salomon nach dem Zweiten Weltkrieg für die Deutschen forderte, die er erneut, und diesmal sogar noch faktisch, ideologisch getrennt sah. Sein Rekurs auf sein idealistische Preußenbild zu jener Zeit bedeutete nichts anderes, als die Forderung nach einem deutschen Staat, der solch tiefgreifende Parteien kraft seiner Souveränität in sich aufzulösen vermöchte. Solange das nicht geschehen war, konnte für Ernst von Salomon auch keiner der deutschen Teilstaaten mit Recht die Qualität eines Staates für sich beanspruchen.

Andererseits bedingte dieses Staatsverständnis aber auch zum Teil zumindest seinen aktivistischen Widerstand gegen die Weimarer Republik mit. Aus der dem Staat zugedachten Funktion heraus glaubte Ernst von Salomon, daß es für ihn auch eine „Pflicht zum Staate“ gäbe, d.h. daß er durch seinen Kampf gegen die Republik, der er ihr Staatssein in diesem Sinne absprach, eben die Vorraussetzungen schaffen würde, erneut einen Staat zu begründen. Hierbei taucht eine in seiner vita immer wiederkehrende Widersprüchlichkeit auf, die nur dadurch zu erklären scheint, daß Ernst von Salomon damals noch nicht begriffen hatte, daß dieser preußische souveräne Staat längst nicht mehr bestand, daß er auch nicht erst mit der Gründung der Republik verschwunden war, sondern weit vorher schon. Als seine Erziehung abgeschlossen war und er Kenntnis von politischen Erscheinungen nahm, war unglücklicherweise just jener Augenblick, in dem nach vierjähriger Kriegswirtschaft die Republik ausgerufen wurde. So machte er die Staatsform der Republik für etwas verantwortlich, was schon seit Jahrzehnten vorhanden war, und so kam er nicht auf den Gedanken, daß er selbst ein Relikt mit anachronistischem Staatsverständnis darstellt.

Ernst von Salomon als Kadett, 1911

Armee und Krieg

Das Staatsverständnis, das Ernst von Salomon in den Kadettenanstalten vermittelt bekommen hatte, bedingte zwangsläufig auch sein anachronistisches Bild vom Charakter des Krieges. Der Staat als Gegenbegriff zum Bürgerkrieg hatte nicht nur das Recht zur Gewaltanwendung im Inneren bei sich monopolisiert, sondern vor allem auch das zum Krieg nach außen. Daraus war der Kriegsbegriff des gehegten europäischen Staatenkrieges entstanden. Diesem Kriegsbegriff entsprach das Verständnis von der Rolle der Armee. Die Armee konnte nach diesem Staatsverständnis allein Repräsentantin des souveränen Staates sein, wie auch der Staat sich in seiner Armee spiegelte. So erklärt sich seine trügerische Hoffnung von Ende 1918, mit der Rückkehr der Fronttruppen ins Reich werde automatisch die Einheit der Staatsbürger wiederhergestellt. Indes erklärt es auch, warum er sich gegen eine Wiederbewaffnung nach 1945 aussprach. Da eine Armee nur eine staatliche sein könne, weder die Bundesrepublik noch die DDR aber aufgrund der Teilung Staatscharakter in diesem Sinne hätten, durfte es auch keine Bewaffnung der beiden geben, die im Endeffekt nach seiner Bürgerkriegsoptik antagonistisch gegeneinander stehen mußten. Der hier bezüglich seiner eigenen Teilnahme an den partisanenähnlichen Freikorpstruppen in den Jahren 1919-21 auftauchende Widerspruch in seiner vita hängt erneut mit dem oben schon angesprochenen Problem zusammen. Zur damaligen Zeit führte in seinem Verständnis die Vorstellung noch die Optik, daß staatliche Regularität im Sinne seines Staatsverständnisses vorhanden sei. So konnte zunächst der bürgerkriegsähnliche Charakter der Freikorps nicht in sein Bewußtsein dringen. Nachdem die Armee sich gegen die Dynastie und für die Republik entschieden hatte, in dem pragmatischen Bewußtsein, damit eher dem Staat zu dienen als wenn er zur Disposition der Spartakisten stände, konnte für Ernst von Salomon aufgrund seines Verständnisses von Staat und Armee die Frage nach dem Charakter seines Einsatzes zunächst nicht auftauchen. Er glaubte sich in seinem Wollen identisch mit den Notwendigkeiten zum Staatserhalt. Seine Motivation, in den Freikorps zu dienen, entsprang also dem Willen, wie er es selbst nachher erkannte, „der staatlichen Idee, der staatlichen Aufgabe“ zu dienen. Erste Zweifel stellten sich allerdings ein, als er zu Polizeimaßnahmen eingesetzt wurde, was seinem Verständnis von der Rolle der Armee eines souveränen Staates diametral entgegengesetzt war. Darum auch drängte es ihn an die im Baltikum noch vorhandene Frontlinie, an der er staatserhaltende Entscheidungen anstehen sah. Sein Glaube, dort in Übereinstimmung mit den staatlichen Interessen des Reiches zu kämpfen, bewirkte in ihm den grundsätzlichen Bruch mit der Republik, als diese die Freikorpskämpfer aus dem Baltikum zurückrief. Doch auch der Kapp-Putsch ließ ihn nicht erkennen, daß er damit nicht mehr in Übereinstimmung mit seiner Vorstellung von der Armee handelte. Darum auch ließ er sich gleich anschließend als Zeitfreiwilliger für den Ruhrkampf werben.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges bewirkte sein Glaube an die weitere Gültigkeit des gehegten Krieges des ius publicum europaeum, daß er dessen durch die herrschende Ideologie des Nationalsozialismus zwangsläufig von Beginn an potentiell vorhandenen tatsächlichen Charakter nicht erkannte. Das Bewußtsein, daß schon seit dem Zeitalter des europäischen Imperialismus die Periode des gehegten Krieges vorbei war, daß Krieg und Bürgerkrieg nicht mehr voneinander zu trennen waren, stellte sich bei ihm erst im Verlauf dieses Krieges ein. Ab dann begriff er den Krieg und den folgenden „Kalten Krieg“ tatsächlich als ideologische Bürgerkriege. Ob er allerdings daraus auch die unabdingbar entstehende Schlußfolgerung erkannt hat, daß es den Staat in seinem Verständnis nicht mehr geben konnte, seit Kriege den Charakter von Bürgerkriegen angenommen hatten, ist zweifelhaft.

Kollektivzuordnungen

Das Staatsverständnis vom souveränen Staat als Gegenbegriff zum Bürgerkrieg hatte eigentlich nichts mit dem französischen Nationsbegriff gemein, der Staatsvolk und Nation gleichsetzt. Auch Preußen, dessen Bild für Ernst von Salomon zum Staatsbegriff wurde, war kein Nationalstaat gewesen und wollte es auch nicht sein. So wollte es Ernst von Salomon auch verstanden wissen, als er nach 1945 sein Modell „Preußen“ für eine europäische Einheit propagierte. Zur Zeit seiner Kadettenausbildung und vor allem in den Jahren danach sah dies noch anders aus. Neben der anachronistischen preußischen Staatsüberlieferung, die in den Kadettenanstalten und in der Armee vorherrschten, traten auch bei ihnen – ihre Staatsvorstellung verfremdend – die im Reich umgehenden nationalstaatlichen und deutsch-völkischen Ideen und damit zusammenhängend spezielle Formen des Antisemitismus. Vermischt mit der als Folge der Französischen Revolution aus Frankreich stammenden Idee vom Nationalstaat, führte dies in Deutschland, wo der Begriff der Nation mit einer Vorstellung von einer Volkszugehörigkeit einherlief, zu einer begrifflich unklaren Zweigleisigkeit. Dieser Dualismus, den weder Ernst von Salomon noch die anderen Kadetten und Freikorpskämpfer zu jener Zeit erkannten, drückt er später zur Zeit des rassenideologischen Nationalsozialismus in seinem Kadetten-Buch aus. Dort erklärt er, er habe am Beispiel seines Kameraden Bachelin erfahren, „wie sich die Fremdheit des Blutes sehr wohl in deutsche Anschauung sublimieren konnte …“ Zu seiner Kadettenzeit jedoch war ihm dies nicht bewußt geworden, und so erklärt sich der Widerspruch zwischen seiner ihn bestimmenden Staatsanschauung und den völkischen Ideen, die ihn vor allem nach dem Einsatz in Oberschlesien umtrieben, und die auch beim Rathenau-Attentat eine maßgebliche Rolle spielten. Völkisch-romantische Gedanken – wenn auch anderer Art – waren es auch, die ihn noch zur Zeit seiner Teilnahme am Landvolkkampf bewegten. Endgültig abgelegt zu haben scheint er sie erst während seiner Selbstreflexion in Frankreich, als er erstmals im Ausland weilte und dabei sich auch über die ins Extrem getriebenen Ideen der Nationalsozialisten klar zu werden versuchte.

Was die unentwirrbare Vermischung solcher Gedanken noch verstärkte, war, daß Ernst von Salomon im Verlaufe seiner aktivistischen Phase über den souveränen Staat und das Volk hinweg noch eine dritte Solidarisierungsebene fand, die weder mit dem einen noch mit dem anderen etwas zu tun hatte. Dies war das frontenübergreifende Gemeinschaftsgefühl des sogenannten „Frontsozialismus“. Aus allen Kreisen und Schichten stammend, lag ihrem Empfinden und ihrem Verhalten, ebenso wie dem ihrer Jahrgangskameraden, die den entgegengesetzten Weg in die kommunistischen Truppen einschlugen, ein gemeinsames Generationserlebnis zugrunde. Dies war das Empfinden, daß mit dem Ausbruch des Krieges 1914 eine Epoche ihren Abschluß gefunden hätte, ähnlich wie dies auch bei den vergleichbaren Generationen in den anderen beteiligten Ländern begriffen wurde. Der Krieg bewirkte ein Gefühl der Auflösung sämtlicher Entzweiungen und des Durchbruchs zu einem neuen Prinzip des nationalen Zusammenlebens, was sich in dem Empfinden der Frontsoldaten noch unmittelbarer Ausdruck verschaffte. Das wurde begriffen als eine Antwort auf die Fragestellungen der vorherigen Epoche, die die Ausweichmöglichkeiten, vor allem die Jugendbewegung und der Expressionismus, nur unzureichend hatten verdrängen können. Und wo diese Fragestellungen nicht so prägnant oder auch überhaupt nicht vorhanden gewesen waren, der grenzenlose Krieg mußte sie zwangsläufig hervorrufen, denn „das Meer des vergossenen Blutes“, wie Ernst Niekisch schrieb, war nur zu ertragen, wenn sich die Aussicht auf eine neue, „höhere und `bessere΄ Ordnungswelt“ eröffnete. Um die Opfer des Krieges nicht als gänzlich sinnlos erscheinen zu lassen, mußte also ein Sinn dahinter gefunden werden, mußte am Ende all dieser Opfer stehen, und wo er es nicht tat, da war der Abgrund schier bodenlos, in den der Geist stürzte. Als aber am Ende des Krieges keine Wandlung eintrat, als die bürgerliche Ordnung weiterbestand und gar „den Sieg als Bestätigung ihrer selbst ausdeutete und feierte“, da öffnete sich eben dieser befürchtete Abgrund vor den Frontsoldaten wie vor den Kadetten, die in einem entsprechenden Geist erzogen worden waren und sich deshalb so nahtlos unter erstere einreihen konnten: „Das Ende des Krieges hat keinerlei eindeutige Lösung erbracht, hat keine Antwort gegeben, sondern hat nur die Fragestellung verschärft.“ Solche Ideen wiederum führten in Verbindung mit einer Enttäuschung über den angeblich „materialistischen“ Charakter der „Revolution“ von 1918/19 zu einer arroganten Position gegenüber den „Massen“, die doch andererseits das „Volk“ waren, das in seinen völkisch-nationalen Vorstellungen eine Rolle spielte. Und dieses elitäre Bewußtsein meinte eine Kategorie Menschen, die aktivistisch, idealistisch und „unbedingt“ handeln würden, im Gegensatz zum „bourgeoisen“ Bürger. Dieses Verbundenheitsgefühl aber bezog sich nicht ausschließlich auf deutsch Mitstreiter, sondern – auf einer gänzlich anderen Ebene – auf jeden Menschen, der dazugehören würde.

Diese völlige Vermischung unausgegorener Kollektivvorstellungen und ‑zuordnungen aber bedingte die romantischen Ideen von einer zunächst „völkischen“, dann „nationalen“ Revolution, die im Grunde nichts anderes bewiesen, als daß Ernst von Salomon zeitlebens massive (kollektive) Identitätsprobleme hatte. Das hat Wolfgang Herrmann schon 1933 und als bisher einziger richtig erkannt, der Ernst von Salomon als den Vertreter des romantischen Nationalismus innerhalb der „Konservativen Revolution“ betrachtete: „Ganz im Subjektiven wurzelnd, sucht er im Grunde nicht die Nation, sondern sich selbst.“ Das Wesen dieser politischen Romantik bestand gerade darin, daß seine Vertreter, die „ein höheres Drittes“ zu erstreben dachten, Opfer ihrer völligen Individualisierung waren. Diesem eklatanten Widerspruch unterlag auch Ernst von Salomon.

Geschichtsverständnis

Obwohl Ernst von Salomon Nominalist war, jede eschatologische Geschichtsphilosophie und die daraus folgenden Ideologien grundsätzlich abgelehnt hat, und obwohl er Spengler ausgiebig rezipiert hat, auch hinsichtlich des Kulturpessimismus, so ging ihm als Romantiker doch dessen zyklisches Geschichtsverständnis vollkommen ab. Auch er glaubte an eine „Fortentwicklung“ der Geschichte hin zu etwas „Höherem“. Deshalb galt es seinem Geschichtsverständnis nach, unbedingt im Sinne dieses „Höheren“ sich fortzuentwicklen und „Geschichte zu machen“. Das bedingte wiederum auch sein „preußisches“ Staatsverständnis und verfälschte es um ein weiteres Moment: Der Staat durfte ihm nichts statisch Seiendes sein, sondern mußte über eine Aufhebung des Bürgerkrieges hinaus seine Existenz in staatlicher Lebensäußerung und in Dynamik rechtfertigen. Dies vermischte Ernst von Salomon dabei ausgiebig mit den Volksvorstellungen, wie sie von Herder geprägt waren: die in ihrer politischen Form, dem Staat, angetretenen Völker waren ihm in Richtung eines „Höheren“ sich entwickelnde organische Individualitäten mit jeweils eigenen Anlagen, die die jeweils eigenen Aufgaben in der Weltgeschichte bestimmten.

Aus diesem Glauben an die Notwendigkeit einer normativen „Fortenwicklung“ der Geschichte entstand auch sein unbedingter Drang, „tätig“ (im Sinne von Hannah Arendts „Vom tätigen Leben“) zu sein, sich gegen den „bourgeoisen“ Stillstand des ausschließlichen Konsums zu wehren. Es war dies die Wurzel für seinen aktivistischen Idealismus. Gleichzeitig war es aber auch der tiefere Grund, der hinter Ernst von Salomons Kampf gegen die Bedrohung durch die Atombombe stand. Denn die Atombombe bedrohte nach seiner Geschichtsauffassung nicht nur die Leben der Menschen, sondern brachte durch ihr bedrohendes Dasein die Geschichte überhaupt zum Stillstand. Das aber durfte im Sinne einer solchen nicht-eschatologischen, gleichwohl aber linearen Geschichtsbetrachtung auf keinen Fall sein. Wie konnte da der Weg der Menschheit nach „höherer Humanität“ fortgesetzt werden?

Sozialismus und Liberalismus

Weder der ideologische Sozialismus noch der Liberalismus waren für Ernst von Salomon eine relevante Bezuggröße. Unter beiden verstand er eschatologische und vor allem internationalistische Ideologien, die für ihn völlig undenkbar waren. Den Liberalismus verachtete er darüber hinaus zutiefst, da er die unter seiner Verbindlichkeit lebenden Menschen „korrumpieren“ würde: statt tätigem Idealismus und „Leben“ gelte für sie nur noch eine Bezugsgröße, die des Geldes und des Konsums. In seiner geschichtsphilosophischen Terminologie würde der Liberalismus, der für Ernst von Salomon unweigerlich mit dem Kapitalismus einherging, das „Leben“ des Menschen selbst unterbinden und durch ein bloß konsumierendens Vegetieren ersetzten. Da der Liberalismus durch eine völlige Individualisierung der Menschen zudem den Staat auflösen würde, er also der Existenz des Staates per definitionem feindlich sei, würde er obendrein die Teilnahme der betreffenden Staaten an dem Fortgang der Geschichte in dem Sinne, den Ernst von Salomon ihr beimaß, unterbinden. So aber müsse der notwendige Beitrag einzelner Völker zur „Beförderung der Humanität“ entfallen. Ähnliches konstatierte er auch für den ideologischen Sozialismus. Der korrumpiere die Menschen zwar nicht hin zu einem bloßen „Vegetieren“, da er einen ihm eigenen Idealismus mit sich bringe, doch führten dessen inhärente Tendenzen zum Internationalismus ebenfalls zu Konsequenzen für die Fortentwicklung der Geschichte. Da nach seiner Geschichtsauffassung jedes Volk je einen eigenen und nur bei ihm zu erwartenden Beitrag zur Fortentwicklung der Geschichte leisten konnte, mußten diese zwangsläufig durch eine volksübergreifende Internationalisierung aufgelöst und damit der Menschheit zu deren Schaden vorenthalten werden. Gleichwohl erkannte er im Sozialismus – zurückgreifend auf sein untergründiges Staatsverständnis – immer noch eine „staatsnähere“ Ideologie als im Liberalismus, da der Sozialismus hinsichtlich der Pluralisierung der Gesellschaft gegenteilige Interessen verfolge. Verbunden mit der Ausrufung des „Großen Vaterländischen Krieges“ ist dies auch ein Grund dafür, warum Ernst von Salomon Stalin als „Staatsmann“ Achtung erwies.

Interessanterweise nahm Ernst von Salomon dennoch den Begriff des „Sozialismus“ für sich in Anspruch, doch meinte er damit etwas völlig anderes. Was er damit für sich in Anspruch nahm und was er im Sinne einer staatsverbindlichen Idee anstrebte, war der von Arthur Moeller van den Bruck und von Oswald Spengler formulierte und propagierte „dritte Weg“ eines sogenannten „Preußischen Sozialismus“. Der sollte, auch in der Vorstellung Ernst von Salomons, frei von jeder Idee des Marxismus und des Internationalismus, den von ihnen idealisierten preußischen Staatsgedanken mit den aus dem „Frontsozialismus“ hervorgegangenen Ideen verbinden. In einen solchen „Sozialismus“ sollten „natürliche Ordnungen“ herrschen statt „bürgerlicher Organisation“, und in einem dadurch bestimmten Staat sollte es allein darauf ankommen, den Willen seiner Untertanen zu richten auf daß ihr Wollen dem Sollen entsprach. Das Sollen wiederum bedeutete, in einer organischen Gestaltung der Gesellschaft nach Rang und Wert der Persönlichkeit (=Ordnung), daß jeder nach Können, Rang und Wert seine Kraft dem Staate zur Verfügung stellte, und zwar im aktiven Sinne.

Ernst von Salomon, 1933

Bewertung

Die begrifflich durchgehend unscharfen Ideen und Vorstellungen und ihre gleichzeitige Vermischung, die hinter Ernst von Salomons Weltanschauung liegen, lassen unweigerlich nur den Schluß zu, daß Ernst von Salomon alles andere als ein methodischer Denker war. Das heißt gleichwohl nicht, daß er unbedingt unsystematisch im Verlaufe seines Lebens gehandelt und seine eigenen Positionen aufgegeben hat. Teilweise abgesehen von seiner frühen aktivistischen und völlig verworrenen Phase der Jahre 1919 bis 1922, worunter die Freikorpskämpfe und das Attentat auf Walther Rathenau fallen, ist er sich den danach für sich als bindend erkannten Prinzipien und Vorstellungen treu geblieben. Der Mangel an begrifflicher Klarheit oder eindeutiger politischer wie geistesgeschichtlicher Einordbarkeit steht dem nicht entgegen. So entspringen seine über sein Leben verteilten Handlungen, die von dritter Seite den widersprüchlichsten Bewertungen unterliegen, zumindest ab dem Zeitpunkt seiner Haftentlassung zu Weihnachten 1927 einer Kontinuität, die zwar Ernst von Salomon, nicht jedoch den jeweiligen politischen Rahmenbedingungen eigen war. Durchgehende Konstanten, die hinter seinen Handlungen und Verlautbarungen standen, war der im Rahmen seiner Geschichtsphilosophie liegende Glaube an die Nationen als unabdingbar die Fortentwicklung der Geschichte beeinflussende Subjekte. Dazu gehörte auch sein unbedingtes Streben nach „Staatlichkeit“ im souveränen Sinne, sowie umgekehrt seine völlige Ablehnung jedes Internationalismus und jeder eschatologischen und auf anderer Bezugsebene denn der Nation und ihrer Organisation liegenden Ideologie.

Jede Qualifizierung innerhalb der von ihm abgelehnten Begriffssysteme kann Ernst von Salomon nur schwerlich gerecht werden. Man kann ihn deshalb weder in einem Spannungsfeld zwischen Sozialismus, Liberalismus und Nationalsozialismus einordnen noch eines – von welcher der vorgenannten Seiten wie auch immer bewerteten – Opportunismus zeihen. Sofern man unbedingt eine einordnende Bewertung über Ernst von Salomon fällen will, wird man ihm mit seiner Selbstverortung als „Preuße“ in dem von ihm gemeinten und idealisierten Sinne wohl am gerechtesten.

Markus Klein

Studium der Politischen Wissenschaften, Geschichte, Philosophie und Rechtswissenschaften; Dr. phil. (Thema: Ernst von Salomon); Nachdiplomstudium Marketing & Betriebswirtschaft. Nach diversen Berufsstationen heute tätig als international tätiger Business Developer und Innovationsberater im Bereich Rohstoffe.