Vor 50 Jahren starb der SDS-Theoretiker Hans-Jürgen Krahl

von Werner Olles

Prophet der Neuen Linken

Vor 50 Jahren starb der SDS-Theoretiker Hans-Jürgen Krahl

In der Nacht vom 14. zum 15. Februar 1970 geriet auf der eisglatten Bundesstraße 252 in der Nähe der nordhessischen Ortschaft Wrexen im Kreis Waldeck ein PKW ins Schleudern und stieß in einer Kurve mit einem entgegenkommenden LKW frontal zusammen. Der 27jährige Student Hans-Jürgen Krahl, der sich auf dem Beifahrersitz befand, war auf der Stelle tot, der 25jährige Franz-Josef Bevermeier, der das Auto fuhr, starb kurz nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus, drei weitere Insassen, darunter die Tochter des IG Metall-Funktionärs Jakob Moneta, Claudia Moneta, wurden zum Teil schwer verletzt.

Der Tod von Hans-Jürgen Krahl enthielt in der Tat nichts, „was einer nachträglichen Mystifizierung fähig wäre“, wie Detlev Claussen, Bernd Leineweber und Oskar Negt in ihrer „Rede zur Beerdigung des Genossen Hans-Jürgen Krahl“ schrieben: „Er bezeichnet den brutalen und dürftigen Tatbestand eines Verkehrsunfalls, ein kontingentes Geschehen des Alltagslebens, das sich nur schwer in einen zwingenden Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Zuständen bringen läßt.“

Zwar waren die beiden früheren SDS-Vorsitzenden Karl Dietrich und Frank Wolff noch in der gleichen Nacht zum Unfallort geeilt und hatten die Verletzten aufgesucht, aber eine eilends einberufene Mitgliederversammlung lehnte es entschieden ab, „den bürgerlichen Gepflogenheiten und Wertmaßstäben entsprechend“ einen Nachruf zu veröffentlichen. In der Frankfurter Rundschau konnte Wolfram Schütte es jedoch nicht lassen, Krahl mit Robespierre zu vergleichen, „die schneidende Konsequenz seiner theoretischen Einsichten, die er kompromißlos zu Ende dachte“ zu rühmen, auf „sein überragendes agitatorisches Vermögen“ hinzuweisen und ihn „neben Rudi Dutschke eine der beherrschenden Figuren des SDS“ zu nennen.

Doch selbst in diesen geschmäcklerischen linksliberalen Anbiederungen an einen politischen Gegner, der solcherlei kanonisierende Mediumismen sein Leben lang scharf bekämpft hatte, waren neben einem Quentchen Wahrheit noch Relikte eines Respekts zu spüren, die Krahls Lebensweg auch jenen abverlangte, die nie seinen Mut und seine Unbestechlichkeit besaßen und seine Biographie weder geistig noch politisch nachvollziehen konnten. Nach seiner Beisetzung auf dem Ricklinger Friedhof trafen sich in der TU Hannover rund einhundert SDS-Mitglieder aus ganz Westdeutschland und West-Berlin und beschlossen informell die Auflösung ihres Studentenverbandes. Tatsächlich fand diese aber genau einen Monat später in Frankfurt am Main statt.

Hans-Jürgen Krahl, 1943 in Sarstedt bei Hannover geboren, machte 1963 sein Abitur und studierte zunächst in Göttingen Philosophie, Geschichte, Germanistik und Mathematik. Zwei Jahre später wechselte er nach Frankfurt über, und dies war bereits eine eminent politische Entscheidung. Über den „Ludendorff-Bund“, die welfische Deutsche Partei und eine schlagende Verbindung – hier hörte er eines Tages einen Lammkeule verzehrenden Alten Herrn über die ewige Unmündigkeit der Arbeiterklasse dozieren – war er schließlich zur Jungen Union gestoßen, was er später einmal als einen Schritt in die Richtung eines „aufgeklärten Bürgertums“ bezeichnen sollte.

Seine Entscheidung für Frankfurt war primär eine Entscheidung für Adorno, der sein Doktorvater wurde. Krahl hätte vermutlich eine große akademische Karriere gemacht, er war einer der begabtesten Schüler Adornos, aber seine zunehmend stärker werdende politische Arbeit im SDS, dessen Mitglied er 1964 geworden war, und natürlich sein jäher Tod verhinderten dies.

Hans-Jürgen Krahl, (Band 1, Frankfurter Schule und Studentenbewegung, S.483, Kraushaar)

Dem linksradikalen Milieu der Frankfurter Studentenbewegung imponierte er – philosophisch an Kant und Hegel geschult – mit druckreifen Reden und einer biographischen „Legende“, mit der er den staunenden Genossen suggerierte, er entstamme einer alten preußischen Adelsfamilie, sei gar ein leibhaftiger Nachfolger von Novalis, dem Freiherrn von Hardenberg. Im Frankfurter SDS, einer zunächst durchaus männerbündischen Gemeinschaft, fand Krahl schließlich nach einigen Anläufen jene Gefolgschaften, die – wie er selbst – die Kritische Theorie nicht allein als akademisches Projekt verstanden, sondern daraus auch einen praktisch-politischen Nutzen zu ziehen versuchten.

In dieser antiautoritären Phase der Studentenbewegung zwischen 1967 und 1969 avancierte Hans-Jürgen Krahl neben Frank Böckelmann zum führenden theoretischen Kopf des SDS, der zwar nicht die agitatorische Massenwirkung eines Rudi Dutschke erreichte, dessen scharfsinnige Thesen aber dennoch wie Peitschenschläge auf seine Zuhörer niederfuhren. Ein eigentlich eher skurril wirkender Intellektueller, der keinerlei Wert auf seine äußere Erscheinung legte, noch dazu Alkoholiker und homosexuell war, der noch 1967 bei einem Teach-in gegen die Erschießung Benno Ohnesorgs mit seiner fast unverständlichen „Hegelei“, die von kompliziertesten soziologischen Begriffen nur so wimmelte, die Studenten aus dem Hörsaal getrieben hatte, wurde zum „Theoretiker einer emanzipatorischen Praxis“ (Detlev Claussen), der das ehrgeizige Ziel anstrebte, die Neue Linke in eine emanzipative soziale Bewegung zu verwandeln, die sich einerseits vom sozialdemokratischen Reformismus und andererseits vom autoritären Charakter des Staatssozialismus sowjetmarxistischer Prägung und leninistischer Kaderparteien klar abzusetzen hatte.

Daß er damit in Gegensatz zu seinen akademischen Lehrern geraten mußte, war fast zwangsläufig. Während Max Horkheimer schon 1967 postulierte, daß „radikal sein heute heißt konservativ sein“ und die „Zuchthaussysteme des Ostens“ als „viel schlimmer als die teilweise grobe Verfälschung der demokratischen Ordnung im Westen“ bezeichnete, war Theodor Adorno tief niedergeschlagen, als eine radikale Gruppe unter Krahls Führung symbolisch sein Institut für Sozialforschung besetzte, und er die Polizei rufen mußte. Carlo Schmid, dessen Vorlesung über „Theorie und Praxis der Außenpolitik“ der SDS durch ein Go-in störte, ihn als „Notstandsminister“ beschimpfte und zwingen wollte, über die Notstandsgesetzgebung und den Vietnamkrieg zu diskutieren, war entgegen der großen Mehrheit seiner Kollegen der Meinung, daß man vor Nötigungsversuchen nicht zurückschrecken dürfe, wenn man selbst Autorität in Anspruch nehmen wolle. Schmid setzte unter physischem Einsatz seine Vorlesung durch, weil er am „Untergang der Staatsautorität“ nicht mitschuldig werden wollte: „L’autorité ne recule pas…“ Die Autorität weicht nicht zurück.

Adorno hat Krahl in einem Brief an Günter Grass hingegen verteidigt: Kaum hätte dieser seine Attacken gegen ihn beendet, hätte er ihm auch schon zugeflüstert, dies sei nicht persönlich, sondern bloß politisch gemeint gewesen. Ob er tatsächlich Adornos Nachfolger geworden wäre, wie immer wieder gemutmaßt wurde, muß offen gelassen werden. Immerhin hätte er uns damit Habermas erspart, dessen krude linksliberale Theorien jeden Abend in den Nachrichten widerlegt werden. Krahl nahm Adornos plötzlichen Tod im August 1969, als die Aktionen der Studentenbewegung ihren Höhepunkt erreichten, zum Anlaß, die politischen Widersprüche in dessen Kritischer Theorie zu artikulieren und seine eigene „Position einer dritten Generation kritischer Theorie“ (Detlev Claussen) zu konkretisieren. Noch an Adornos Grab drohte er jedem Prügel an, der bei dieser „bourgeoisen Leiche“ die Internationale anstimmen würde. Er warnte aber auch die inzwischen in diverse Fraktionen zerfallende Bewegung, die individuelle Verweigerungspraxis der antiautoritären Phase und ihren subkulturellen Hedonismus mit straffer Organisationsmoral und dem leninistischen Prinzip der Disziplin zu vertauschen.

Krahl selbst war auf der Suche nach einer neuen Organisationsform, in der eine Art Interessenidentität zwischen Intellektuellen und Arbeiterklasse hergestellt werden könnte. Diese Suche endete im Februar 1970 tödlich. Hans-Jürgen Krahl überlebte den „Kurzen Sommer der Anarchie“ – um einen Romantitel von Hans Magnus Enzensberger zu zitieren – nicht.

Mit Krahl starb auch der Geist von 1968. Am 21. März 1970, genau fünf Wochen nach seinem Tod, trafen sich rund 400 SDS-Mitglieder im Studentenhaus der Frankfurter Universität auf einer nicht-formellen Versammlung, um per Akklamation den Bundesvorstand und damit auch den Verband aufzulösen. Das Vorstandsmitglied Udo Knapp erklärte, daß der SDS „für das entscheidende Verhältnis von Massenaktionen und Organisierung des politischen Kampfes nichts mehr beizutragen habe“. Dies war in der Tat die schlichte Wahrheit. Nach langwierigen Verhandlungen über die Frage des Nachlasses erklärte sich die Versammlung zwar für nicht kompetent, da es sich um keine ordentliche Delegiertenkonferenz handele, aber das triste Ende des SDS, den die eigenen Mitglieder schließlich nur noch als „Ballast“ empfanden, war damit eingeläutet.

Nun kam die Stunde der Desperados um Andreas Baader und Ulrike Meinhof, die den blutigen Terror der RAF begründeten und der verschiedenen marxistisch-leninistischen Parteiinitiativen, in Wirklichkeit aber durch und durch stalinistischen Gruppierungen um Schmierer, Horlemann, Semler, Aust und Katarski, die lemurengleich ans Tageslicht krochen und vor deren begrifflosem Konkurrieren um überholte politische Positionen Krahl die radikale Linke immer gewarnt hatte. Anstelle der argumentativen Auseinandersetzung und der Problematisierung der Gewaltfrage verlor man sich jetzt in der Stilisierung und Ästhetisierung kraftmeierischer Gewaltaktionen, der hämischen Denunziationen oder im besten Fall der kritischen Sammelrezension. Daß all dies noch schneller und vor allem jämmerlicher auf dem Müllhaufen der an Enttäuschungen reichen Geschichte der deutschen Linken landete, bedeutet auch im Nachhinein immer noch keinen Trost.

In der Erinnerung an den Revolutionär Hans-Jürgen Krahl, der sich in der Wesenslogik des Kapitals ebenso frei bewegte wie in den Bildern und Gedanken der deutschen Romantik, bleibt aber vor allem jene programmatisch formulierte Position, die er in seiner Selbstdarstellung während des Senghor-Prozeßes vor dem Frankfurter Landgericht formulierte: „Es ist nicht das bloße Trauern um den Tod des bürgerlichen Individuums, sondern es ist die intellektuell vermittelte Erfahrung dessen, was Ausbeutung in dieser Gesellschaft heißt, nämlich die restlose und radikale Vernichtung der Bedürfnisentwicklung in der Dimension des menschlichen Bewußtseins. Es ist immer noch die Fesselung der Massen, bei aller materiellen Bedürfnisbefriedigung, an die elementarsten Formen der Bedürfnisbefriedigung – aus Angst, das Kapital und der Staat könnten ihnen die Sicherheitsgarantien entziehen.“

Eine intelligentere und entschiedenere Definition der Unterdrückung in den privat- und staatskapitalistischen Massengesellschaften westlicher und östlicher Prägung hat seit Ende der zwanziger Jahre, als Martin Heidegger mit seinem Buch „Sein und Zeit“ auf Georg Lukacs „Geschichte und Klassenbewußtsein“ antwortete, niemand mehr geleistet.

Aktualisierte und erweiterte Fassung eines Textes, der zu Krahls 30. Todestag am 11. Februar 2000 in der Jungen Freiheit 7/2000 erschienen ist

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

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