Warum wir die Natur lieben und dennoch zerstören

von Irenäus Eibl-Eibesfeldt

Lebensgefährdende Grenz-Verletzungen als Folge menschlicher Kurzzeitstrategie

Warum wir die Natur lieben und dennoch zerstören

Wir sind eine überaus erfolgreiche Art. Als Volltreffer der Evolution charakterisierte uns Hubert Markl (1986). Wir haben den Erdball bis in die entlegensten Winkel bevölkert und werden dennoch immer mehr. Zugleich schufen wir uns mit der technischen Zivilisation ein Instrumentarium, das uns Macht über Natur und Mitmenschen in die Hand gibt, mit der wir nicht so recht umzugehen wissen. Wohlge­merkt, ich spreche von einer Geschichte des Erfolges, denn ohne die anonymen Großgesellschaften, ohne die technische Zivilisation und ohne die Ballung von Menschen in großen Städten gäbe es nicht die Hochkulturleistungen, an denen wir uns erfreuen, keine Universitäten, keine Forschung, kein Theater, keine Bibliotheken, Konzertveranstaltungen, keine technische Zivilisation, die uns vielleicht den Aufbruch ins All ermöglicht, und keine weltweite Kommunikation über Satelliten. Wir haben es in knapp hundert Jahren geschafft, uns von den ersten unbeholfenen Automobilen zur Raumfahrt vorzuarbeiten, vom mechanischen Zeitalter ins elektronische. Kaum auszudenken, was unsere Spezies alles in weiteren tausend, ja zehntausend Jahren erreichen könnte, wenn, ja wenn da nicht einige Probleme wären.

Irenäus Eibl-Eibesfeld (2005), Quelle: Von Peter Korneffel, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38654673

Früher vorteilhafte Überlebensstrategien erweisen sich heute als überlebensgefährdend

Diese Probleme ergeben sich aus der Tatsache, daß unsere Vorfahren über die längste Zeit ihrer Geschichte mit der einfachen Technologie des altsteinzeitlichen Jägers und Sammlers in Kleingesellschaften lebten, in denen jeder jeden kannte. In ihr erwiesen sich bestimmte Überlebensstrategien als vorteilhaft, die auch heute noch zu der uns angeborenen Aktions- und Reaktionsausstattung gehören und die sich in dieser neuen Situation allerdings als Problemanlagen erweisen, indem sie sich in bestimmten Situationen schädlich, das heißt überlebensgefährdend auswirken. Das gilt unter anderem für unsere Programmierung auf den Wettlauf im Jetzt und für unser ausgeprägtes Machtstreben.

Beiden Programmierungen verdanken wir einerseits unseren Erfolg, aber beide erweisen sich in ihrer unbewußten Dynamik heute als höchst gefährlich. Wir Europäer haben an dieser Entwicklung entscheidenden Anteil. Wir haben der Menschheit die Naturwissenschaft und damit die technische Zivilisation beschert, den Gedanken des Weltbürgertums entwickelt und damit Entwicklungen angestoßen, die einer vernünftigen ebenso wie humanitär engagierten Steuerung bedürfen, damit sie sich weiterhin segensreich auswirken können. Dazu müssen wir uns der uns unbewußten Motive unseres Handelns bewußt werden.

Wettlauf im Jetzt

Eine der stammesgeschichtlich ältesten Problemanlagen ist unsere Programmierung auf den Wettlauf im Jetzt. Seit die ersten Organismen vor vielleicht zwei Milliarden Jahren um begrenzte Ressourcen konkurrierten, zählte, wer in diesem Wettlauf im Jetzt schneller war. Die Algen, die andere schneller überwucherten und ihnen so das Licht raubten, die Organismen, die anderen schneller die Nahrung nahmen, kurz, die im Jetzt erfolgreicher waren, machten das Rennen und überlebten in Nachkommen. Dieser Wettlauf im Jetzt formte auch uns. Er bewirkte eine opportuni­stische Grundhaltung, die dazu drängt, sich bietende Chancen ohne Rücksicht auf Spätfolgen maximal zu nützen. Wir befolgen daher ausbeuterische, gewinnmaximierende Kurzzeitstrategien, die uns heute zur Falle werden können und vor denen wir uns daher hüten müssen.

Für unsere altsteinzeitlichen Vorfahren bewährte sich diese opportunistische Grundhaltung. Sie bevölkerten diesen Planeten in dünner Besiedlung und konnten mit ihrer einfachen Technologie auf die Lebensgemeinschaften, die ihre Existenzgrundlage bildeten, keinen auf Dauer zerstörerischen Einfluß ausüben. Daher hat uns die natürliche Auslese für den Umgang mit der Natur keine Bremsen angezüchtet. Man liest oft, der Mensch der Vorzeit hätte in Harmonie mit der Natur gelebt und sich umweltfreundlich verhalten. Das ist eine romantische Vorstellung. Der Mensch hat bereits als steinzeitlicher Wildbeuter manche Tierarten ausgerottet, und er hat Feuer gelegt, damit sich auf den neu begrünenden Flächen das Jagdwild konzentrierte. Im großen und ganzen hielten sich jedoch seine Einwirkungen in ökologisch verkraftbaren Grenzen.

Die exploitative Grundhaltung konnte man bis vor kurzem noch an den verbliebenen Jäger- und Sammlervölkern beobachten. Solange sie ihre eigene traditionelle Gerätekultur verwendeten, hielt sich der Schaden in Grenzen. Aber als die Prärieindianer Nordamerikas gelernt hatten, die Bisons auf Pferden mit Feuerwaffen zu erjagen, unterschieden sie sich in ihrem Jagdrausch wenig von ihren weißen Vorbildern. Als die Eskimos Feuergewehre bekamen, gefährdeten sie mit ihrem Jagdeifer ihre eigene Subsistenz­ basis, so daß die dänische Regierung Schutzgesetze für Walrosse erlassen mußte, die wegen ihrer Zähne besonders begehrt waren.

Die riesigen Büffelherden wurden fast ausgerottet. Das Foto zeigt eine Pyramide aus Schädeln der Tiere
Quelle: Wikipedia/Public Domain

Machtstreben

Für dieses Konkurrenzverhalten hat uns die Natur mit einem Dominanzstreben begabt. Es wurde ursprünglich sicher für die innerartliche Auseinandersetzung entwickelt, für den Wettstreit um begrenzte Güter wie Territorien oder Geschlechtspartner. Beim Menschen erwies es sich auch bei der Auseinandersetzung mit der Natur dienlich. Wir kämpfen mit den Naturgewalten, wir machen uns die Natur untertan, verbeißen uns in Aufgaben und attackieren Pro­ bleme. Und das ist ja nicht grundsätzlich schlecht. Aber die aggressive Terminologie weist auf den Ursprung dieser Motivation zum „Sieg“ über die Natur hin und damit auf ein Problem. Das Streben nach Dominanz und Macht ist nämlich gegen Eskalation nicht abgesichert. Während Hunger, Durst und andere Triebe über das Erreichen einer abschaltenden Endsituation oder interne abschaltende, physiologische Mechanismen gegen ein Zuviel und damit auch gegen den Mißbrauch der mit ihnen verbundenen Lustmechanismen abgesichert sind, wird das Streben nach Macht beim Mann bei Erfolg durch einen Hormonreflex in positiver Rückkoppelung bekräftigt. Gewinnen Tennisspieler ein Match, dann steigt ihr Bluttestosteronspiegel innerhalb von 24 Stunden signifikant an; verlieren sie, dann sinkt er deutlich ab. Das gleiche Phänomen beobachtet man auch bei Erfolg in anderen Bereichen. Bestehen Medizinstudenten eine Prüfung mit Erfolg, dann steigt ihr Bluttestosteronspiegel ebenfalls an, und er sinkt ab, wenn einer durchfällt. Dieser Hormonreflex belohnt also jeden Erfolg, über ihn wird das Selbstwertgefühl bekräftigt. Diese positive Rückkoppelung führt dann allerdings auch dazu, daß unser Streben nach Macht und Ansehen von Erfolg zu Erfolg angeheizt wird, daher neigt es zur Eskalation.

So angetrieben haben wir unsere Erde erobert wie keine Wirbeltierart zuvor. Zu dieser Dynamik kommt noch der Umstand, daß wir sprach- und damit kulturbegabte Generalisten mit einer Werkzeugkultur sind, die uns mit ablegbaren Organen ausstattete und uns damit zu vielseitiger Spezialisierung befähigte. Ein Maulwurf ist mit seiner Grabschaufel zeitlebens verhaftet. Wir können sie ergreifen, wenn wir sie gerade benötigen, aber auch wieder ablegen, um uns mit einer Axt vorübergehend eine neue Spezialisierung anzueignen. Hans Hass prägte für uns die treffende Bezeichnung des „Spezialisten für vielseitige Spezialisierung“ (Hans Hass 1994).

Wir können überdies die Folgen unseres Handelns über längere Zeit im voraus abschätzen und wissen daher, daß der gegenwärtig mit archaischen Kurzzeitstrategien aufgetragene Konkurrenzkampf die Ressourcen und damit die Lebensgrundlagen künftiger Generationen gefährdet. Dieses Wissen sollte uns in verantwortlicher Weise zu einem generationenübergreifenden Überlebensethos verpflichten lassen, das die Zukunft auch uns nachfolgender Generationen absichert. Wir sind immerhin die ersten Wesen auf diesem Planeten, die sich Ziele dieser Art setzen können, und wenn sich in dieser Zielsetzung Vernunft und fürsorgliches Engagement in ausgewogener Weise verbinden und wenn wir überdies zur rechtzeitigen Fehlerkorrektur bereit bleiben, sollte sich der beschrittene Weg als Irrweg erweisen, dann eröffnen sich, wie schon eingangs angedeutet, ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten. Dogmatische Zielsetzung kann sich als höchst gefährlich erweisen. Es würde den Rahmen dieser Ausführung sprengen, wollte ich auf die Falle des Dogmatismus hier näher eingehen. Ich möchte aber ausdrücklich auf sie verweisen (Näheres dazu in Eibl- Eibesfeldt 1988, 1994).

Bäuerlich-fürsorgliche Kultur als Bezugspunkt für generationenübergreifendes Handeln

Für die Entwicklung eines solchen generationenübergreifenden Überlebensethos ist unsere in ihren Wurzeln auf einer bäuerlichen Ethik basierende Kultur in gewisser Hinsicht vorbereitet. Wir leben nicht in den Tag. In verschiedenen Regionen unserer Erde, vor allem in jenen, die klimatisch weniger begünstigt sind, haben Menschen, die vom Ackerbau und von der Viehzucht leben, das Haushalten gelernt ebenso wie das pflegliche Behandeln ihrer Ressourcen und das Planen für die weitere Zukunft. Sie haben gelernt, Bäume zu pflanzen, die erst nachfolgenden Generationen von Nutzen sind, und sie pflegen das Land, das sie bestellen und mit dem sie geradezu affektiv verbunden sind.

Ich fahre täglich von meinem Heim im bayerischen Söcking zu meinem Institut in Andechs durch eine bäuerliche Kulturlandschaft, die seit gut 2.000 Jahren bewirtschaftet wird. Kelten und Römer lebten von diesem Land, und viele Generationen von Bayern bis zum heutigen Tag. Und es zeigt keinerlei Zeichen von Zerstörung. Auf den bronzezeitlichen Hügelgräbern weiden Kühe, mittelgroße Felder und Wiesen wechseln mit kleineren Wäldern. Dazwischen eingestreut kleine Ortschaften mit Wohlstand verkündenden Höfen. Die auf pflegliche Art erwirtschafteten Produkte waren von hoher Qualität, und sie reichten aus, die Bevölkerung dieses Landes mit gesunden Produkten zu versorgen und den Produzenten einen gewissen Wohlstand zu sichern.

Dies änderte sich in den letzten zwei Jahrzehnten durch die industrielle Feldbestellung und durch die Massentierhaltung in dramatischer Weise. Beides gefährdet nunmehr das bisher Erreichte. In bestimmten Gebieten Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Spaniens werden heute sehr große Flächen mit schweren Maschinen bestellt, die den Boden verdichten. Die intensive Düngung tötet zwei Drittel der Bodenorganismen, die ihn wieder lockern würden. Daher dringt das Regenwasser nicht schnell genug ein, und das wirkt sich vor allem nach der Ernte verhängnisvoll aus. Denn dann liegen die Felder viele Monate ohne schützende Pflanzendecke. Regen wäscht das Erdreich weg, und bei Trockenheit verbläst es der Wind. Glaubt man so weitere zweitausend Jahre wirtschaften zu können? Keineswegs, aber das schert wenige. Im Augenblick erwirtschaftet man auf diese Weise die Produkte billiger als auf die traditionelle Art, da man Arbeitskräfte spart. Und nur die Gegenwart zählt. Man pflegt das Land nicht mehr, man beutet es aus und läßt es verkommen. Einige werden dabei reich, aber viele zugleich arbeitslos.

Ähnliches gilt für die Massentierhaltung. In manchen Gegenden des europäischen Nordens werden Hunderte von Schweinen und Rindern in Ställen gehalten. Massentierhaltung verdrängt die bewährten bäuerlichen Methoden der Viehhaltung. Auch hier werden einige wenige wohlha­ bend, während viele der kleineren und mittelgroßen bäuerlichen Betriebe zugrundegehen. Daß die Produkte vom seuchenhygienischen Standpunkt nicht unbedenklich sind und überdies von minderer Qualität und daß die Methoden der Tierhaltung gegen unsere Ethik verstoßen, wird ebenso verdrängt wie die sozialen Probleme. Es zählt der Wettlauf im Jetzt. Wirtschaftlich funktioniert dies nur, weil die durch die Arbeitslosigkeit verursachten Soziallasten dem Staat und damit der Gemeinschaft aufgebürdet werden, während der Nutzen allein den rücksichtslos Wirtschaftenden zufällt. Das alte Problem der Allmende in neuer Form. Würde man diese Soziallasten in die Kosten-Nutzen-Rechnung miteinbeziehen, die so erwirtschafteten Produkte dürften ziemlich teuer kommen. Ganz abgesehen davon ist eine solche Kurzzeitstrategie höchst riskant. Wir haben immerhin bereits zwei Ölkrisen erlebt, aber in unserem Kurzzeitdenken auch schnell vergessen.

Lebensqualität contra Gewinnmaximierung

Im industriellen Bereich bahnen sich ähnliche Entwicklungen an. Wir hatten in den Ländern der Europäischen Gemeinschaft in Industrie und Landwirtschaft bereits einen hohen Standard umweltfreundlichen und zugleich sozial verantwortlichen Wirtschaftens erreicht. „Soziale Marktwirtschaft“ hieß die von Ludwig Erhard in die Welt gesetzte Parole. Sie zivilisierte den Kapitalismus, indem sie umweltfreundliches und sozial verantwortliches Wirtschaften mit freiem Wettbewerb verband. Schnelligkeit der Leistungserfüllung, Qualität des Angebots und der Dienst­ leistungen, Innovation und Geschicklichkeit der Märkteerschließung unter anderem durch kundenorientiertes und daher nicht notwendigerweise gewinnmaximierendes Verhalten waren dabei die Konkurrenzfaktoren, während dem ökologischen und sozialen Unterbieten durch Auflagen Grenzen gesetzt wurden. An diesem System gibt es sicherlich mancherlei zu korrigieren. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müßten in Vereinbarungen symbiotische Beziehungen erwirtschaften zu beiderseitigem Vorteil, in denen sich beide bereitfinden sollten, sich an die jeweilige Wirtschaftslage anzupassen und sowohl der Ausbeutung wie dem Mißbrauch von Sozialleistungen entgegenzusteuem. Hier befinden wir uns in der Experimentierphase, aber mit der sozialen Marktwirtschaft sicherlich auf einem guten Weg.

Gelingt es, die richtige Balance zu finden, dann sichern wir unsere Zukunft durch Erhaltung des inneren Friedens. Was nützt die schönste Villa, wenn ich sie wie in manchen Ländern der neuen Welt mit stacheldrahtbewehrten Mauern umgeben muß, wenn ich nachts nicht ungefährdet die Straßen der Großstädte betreten darf und wenn mein Gewissen durch den Anblick krasser Armut bedrückt wird, von Menschen, die im Winter in Kartons in Kaufhauseingängen übernachten oder über Entlüftungsschächten, aus denen warme Luft strömt. Es gehört eine gewisse soziale Blindheit dazu, wenn ein Land sich des höchsten allgemeinen Lebensstandards brüstet, in dem soziales Elend dieser Art zum Alltag gehört. Mag sein, daß es sich so statistisch errechnet, aber einem Optimum an Lebensqualität ist das gewiß nicht gleichzusetzen.

Ökologische und soziale Grenzen der Globalisierung

Wir müssen befürchten, daß sich eine ähnliche Entwicklung bei uns in Europa anbahnt. Unter dem Stichwort „Globalismus“ fordert man den weltweiten Abbau der Zollschranken. Wir sollen uns der Welt öffnen. Aber man kann nicht umweltfreundlich wirtschaften und seine Arbeitnehmer angemessen bezahlen, wenn man zuläßt, daß Billigprodukte aus Ländern, denen es an sozialer und ökologischer Verantwortung mangelt, importiert werden. Die Wirtschaft neigt dazu, sich die Natur beziehungsweise deren über die natürliche Auslese gesteuerten Konkurrenzkampf zum Vorbild zu nehmen. Aber die Natur ist rücksichtslos. Sie kennt keine Moral und keine langfristige Zukunftsperspektive. Wir können aus ihr zwar viel lernen, aber auch, wie wir es nicht machen sollten. Kurzfristig mag eine am natürlichen Vorbild orientierte Marktwirtschaft Vorteile bringen, langfristig zerstört sie eine Gemeinschaft. Der freie Verkehr von Menschen und Waren würde zu einem sozialen und ökologischen Dumping führen. Nicht die Nivellierung der Menschheit auf ein Niveau der allgemeinen Armut kann das Ziel sein, sondern die allmähliche Angleichung nach oben. Die kann man aber aus einer Reihe von Gründen nicht mehr global erreichen. Jene Philanthropen, die unentwegt laut „Wir, die Reichen müssen…“ rufen, sind wirklichkeitsblind. Ganz abgesehen davon, daß wir so reich nicht sind – junge Akademiker können sich in den seltensten Fällen in München eine Wohnung leisten, die es ihnen erlauben würde, zwei oder drei Kinder ohne erhebliche Einschränkungen aufzuziehen –, würde die Wirtschaftleistung der gesamten Industriestaaten der nördlichen Erdhalbkugel nicht ausreichen, die dritte Welt zu sanieren, die jährlich 2 bis 3 Prozent wächst, so daß sich die Weltbevölkerung vor allem durch den Zuwachs in diesen Regionen alle drei bis vier Jahre um die Bevölkerung der Europäischen Union vermehrt. Da ist guter Rat teuer, zumal die Industriestaaten ihre Entwicklungshilfe bereits über eine Verschuldung künftiger Generationen finanzieren.

Auch mit der Aufnahme von Menschen aus den Armutsländern wäre nicht geholfen. Wir könnten jährlich aus diesen Regionen 1 Millionen in Europa einwandern lassen, und es würde, wie Hubert Markl vorrechnet, nichts in den notleidenden Regionen ändern, denn dies ist der dortige Geburtenzuwachs einer einzigen Woche. Wir würden uns allerdings mit Problemen belasten, die den inneren Frieden und die dringend gebotene Sanierung unseres Naturhaushaltes ernsthaft gefährden.

Ich sehe in der gegenwärtigen Situation nur den Weg der schrittweisen Sanierung, wobei wir zunächst den eigenen Haushalt in Ordnung bringen sollten. Das gilt für die einzelnen Staaten Europas ebenso wie für die Europäische Union, die so zu einer Zone ökologischen und sozialen Friedens heranwachsen könnte. Von solchen gesundeten Regionen könnte über Nachbarschaftshilfe eine Anhebung ärmerer Regionen erfolgen, wobei die erzieherische Modellwirkung über die wirtschaftliche und ausbildungsmäßige Hilfe hinaus zusätzlicher Ansporn sein könnte. Zwischen Wirtschaftsregionen, die einen vergleichbaren ökologischen und sozialen Standard pflegen, könnte ein freier Handel statt­finden, so daß der frische Wind des Wettbewerbs als belebender Ansporn wirkte. Die Marktwirtschaft darf dabei nicht das Soziale und dieses nicht die Marktwirtschaft fressen. In einem höchst bemerkenswerten Beitrag zur Debatte über die Globalisierung schreibt Josef Schmid (Josef Schmid. Unausweichlich, aber kein Fortschritt. Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 185 (22.8.1996). S. 11): „Globalisierung ist nicht nur Schicksal oder Ausgeliefertsein, demgegenüber nichts als Anpassung gefragt wäre. Sie zwingt dazu, sich über die eigenen Vorlieben klarzuwerden und darüber, was gegenüber Weltbewegungen als erhaltenswert erscheint.“

Dazu gehört für uns die Pflege unserer eigenen abendländischen und nationalen Identität als Beitrag Europas zur multikulturellen Weltgemeinschaft. Und in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung eines verantwortlichen generationenübergreifenden Überlebensethos, das dem Wohlergehen unserer Enkel Rechnung trägt. Den egalisierten Weltstaat mit einer homogenisierten Weltbevölkerung wird es wohl nie geben. Er müßte extrem repressiv sein, denn Leben drängt nach Vielfalt und zwar nicht nur auf der Ebene der Tier- und Pflanzenarten, sondern auch auf der der menschlichen Populationen und Kulturen, denn nur so kann Leben sich im Strom der Zeit behaupten.

Auf das Wirtschaftliche bezogen, meint Schmid: „Eine Wirtschaftspolitik, die den Menschen dient und nicht nur den Betriebseinheiten, wird in gewissem Umfange Nationalökonomie bleiben müssen. Die verzweifelte Suche nach dem „patriotischen Unternehmer“, der nicht auslagert, dem unverdrossenen Biologen, der nicht nach Asien geht, nach dem Arbeiter, der nicht pausiert, kann beginnen“.

Welche angeborenen Verhaltensdispositionen können ein generationenübergreifendes Lebensethos stützen?

Hilft Einsicht allein, mit unseren Problemanlagen zurechtzukommen und etwa die Falle der Kurzzeitstrategie oder des Machtstrebens zu vermeiden? Daran habe ich meine begründeten Zweifel, kann man doch an vielen Beispielen, wie etwa an unserem Umgang mit den nichtersetzbaren Ressourcen – ich denke hier zum Beispiel an die fossilen Energieträger – erkennen, daß das rational sicher als notwendig Erkannte uns kalt läßt, wenn die negativen Folgen unseres Tuns erst zwei Generationen später spürbar werden“. ,Nach uns die Sintflut’ ist eine Haltung, die der Entwicklung eines generationenübergreifenden Überlebensethos entgegenwirkt. Den stark affektiv besetzten Hindernissen, die einer einsichtigen Verhaltenssteuerung entgegenstehen, müssen wir außer unserer Einsicht auch ein starkes affektives Engagement entgegensetzen. Welche der uns ebenfalls angeborenen Verhaltensdispositionen können wir nutzen? Es sind im wesentlichen drei: unsere Natur­ liebe, unser starkes fürsorgliches Engagement für Kinder und unser auf der universalen Regel der Reziprozität basierendes Gefühl für Verpflichtung. Alle drei basieren auf uns angeborenen Dispositionen, die wir bewußt kultivieren können.

Die Liebe zur Natur speist sich aus verschiedenen Wurzeln. So zeichnet uns Menschen eine ausgesprochene „Phytophilie“ aus, eine Vorliebe für Pflanzen. Hier dürfte es sich um eine archetypische Biotopprägung handeln. Pflanzen charakterisieren einen Lebensraum, der fruchtbar ist und in dem es sich gut leben läßt. Der altsteinzeitliche Jäger und Sammler lebte naturnah, in einem Habitat, das etwa der afrikanischen Savanne entspricht, mit reichlichem Pflanzenwuchs und reichlichem Tierleben. Und daß wir ein ästhetisches Bedürfnis nach einer solchen Umgebung haben, zeigt sich dann, wenn Menschen naturfern leben. Dann nämlich zeigen sie eine Reihe von Ersatzhandlungen: Sie dekorieren ihre Wohnung zum Beispiel mit Farnen, Gummibäumen und anderen Grünpflanzen, die keinem anderen Zweck dienen als dem Auge Ersatznatur zu bieten. Wir lieben Natur, was allerdings nicht verhindert, daß wir sie ausbeuten. Wir erwähnten schon, daß es ursprünglich keine Notwendigkeit gab, uns da Einschränkungen aufzuerlegen. Aber das ästhetische Bedürfnis nach Natur setzt der Zerstörung Grenzen, wenn wir sie unmittelbar betroffen erleben. Wir lieben ferner Gewässer und wir lieben Tiere, denn auch sie sind Indikatoren einer gesunden Umwelt.

Bei der Tierliebe kommt noch eine weitere affektive Komponente dazu. Jungtiere sprechen uns an, wenn sie Merkmale des Menschenkindes aufweisen und damit Betreuungsreaktionen auslösen. Ich habe über viele Jahre die Yanomami-lndianer des Oberen Orinoko besucht.

Diese Bewohner des Regenwaldes halten als Haustier nur den Hund. Sie sind Jäger, aber wenn sie einen Affen abschießen, der ein Junges trägt, oder ein Aguti oder einen Vogel mit Jungen, dann pflegen sie die Jungtiere aufzuziehen. Eine Ansiedlung der Yanomami gleicht oft einem kleinen Zoo. Da laufen Agutis herum, kleine Tukane, Waldhühner, Papageien, Äffchen, und die Tiere werden gehegt und geliebt. Kein Yanomami würde daran denken, sie später einmal zu verspeisen. Diese Anteilnahme an der Kreatur hat sicher ihre affektive Begründung in unserer Disposition zur Kindesfürsorge, die über bestimmte Kindsignale ausgelöst wird. Konrad Lorenz (1943) sprach von eigenen Auslösern, auf die wir dank uns angeborener zentraler Referenzmuster, dem Kindchenschema, reagieren. Die Anteilnahme wird heute durch die Einsicht vertieft, daß es sich beim Leben um ein erstaunliches, einmaliges Phänomen handelt und daß wir selbst nur in einer gesunden Lebensgemeinschaft gedeihen können. Letztlich dient ein pfleglicher Umgang mit der Natur und den durch sie zur Verfügung gestellten Ressourcen unserem eigenen Interesse, das lautet: das größtmögliche Lebensglück für alle, und das nicht nur in der Gegenwart, sondern auch für künftige Generationen.

Dem „Nach uns die Sintflut“ kann ferner unser affektiv betontes Interesse am Schicksal unserer Kinder abhelfen. So wie es uns gelungen ist, das familiale Kleingruppenethos auf die Großgruppe auszudehnen und uns über Symbole und andere Gemeinsamkeiten auch mit Menschen zu identifizieren, die wir gar nicht kennen und die wir dennoch über die Verwendung von Verwandtschaftsbegriffen quasi-familial in unsere Solidargemeinschaft einbeziehen (wir sprechen bekanntlich von unseren Brüdern und Schwestern, von einem Vaterland und von Nationen), so sollte es auch gelingen, über eine affektive Ankoppelung nicht nur ein Engagement für unsere Kinder und Enkel, sondern auch für danach folgende Generationen zu entwickeln. Dazu mag schließlich das verpflichtende Bewußtsein beitragen, daß wir den ungezählten Generationen unserer Vorfahren das kulturelle Erbe verdanken, auf dem wir weiter aufbauen – ein Bewußtsein, das uns eine moralische Verpflichtung auferlegt, so zu handeln, daß auch künftige Generationen Lebensglück erfahren können.

Dazu kommt, daß wir Gefahren, die nach statistischer Wahrscheinlichkeit nicht in einem Lebensalter eintreten, nicht als bedrohlich erleben, auch wenn wir sie rational erkennen. So siedeln wir immer wieder an Vulkanabhängen, auch wenn die Dörfer alle paar hundert Jahre verschüttet werden. Die Selektion konnte in solchen Fällen keine Meidereaktionen anzüchten. Nur was mit Wahrscheinlichkeit in einem Menschenleben eintritt, wird gemieden.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der wir selbst-Druckausgabe „Grenzen“ 1/1998. Die Ausgabe ist im Bublies Verlag erhältlich: Zu den wir selbst-Druckausgaben

Prof. Dr. Dr.h.c. Irenäus Eibl-Eibesfeldt

geboren am 15.06.1928 in Wien, ehemaliger Leiter der Forschungsstelle für Humanethologie in der Max-Planck-Gesellschaft (bis Juni 1996), später Prof. Emeritus am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie, Humanethologie sowie Leiter des Humanethologischen Filmarchivs; apl. Prof. für Zoologie an der Universität München; Direktor des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Stadtethologie in Wien. Eibl-Eibesfeldt war seit 1950 verheiratet und hatte zwei Kinder. Prof. Eibl-Eibesfeldt ist am 2. Juni 2018 verstorben.

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