Der Kapitalismus ist kein Verein für Heimat- und Naturschutz

BASF-Werk Ludwigshafen 1881

von Werner Olles

Der Kapitalismus ist kein Verein für Heimat- und Naturschutz

Die Linke hat in jeder Beziehung, vor allem intellektuell und als Anwalt der kleinen Leute, abgedankt. Das begann ja schon 1968, als die Arbeiterklasse sich standhaft
weigerte, unseren geschwollenen Parolen zu folgen. Ich erinnere mich noch
ganz gut an unsere Parole „Was wir wollen? Arbeiterkontrollen!“ Die Antwort
kam prompt: „Ihr wollte uns kontrollieren, haut bloß ab!“ Zwar war das ein
Mißverständnis, aber es war auch ein Symptom. So verlegten wir uns eben auf
das sogenannte Lumpenproletariat, das für eine echte Revolution sicher gut
geeignet ist, denn für eine Revolution braucht man in der Tat Schläger,
Gauner etc., aber die Arbeiterklasse interessierte sich nicht für uns und
wir uns nicht mehr für sie.

Irgendwie hat die heutige Linke daran angeknüpft, ihr Lumpenproletariat sind
die Flüchtlinge, Asylanten, Drogenhändler etc., während sie für den Rest,
der noch von der Arbeiterklasse übrig geblieben ist, nichts als Verachtung
hat, weil die Leute halt ihr Häuschen brav abbezahlen und mit ihrem Diesel
nach Spanien in Urlaub fahren wollen. Und warum auch nicht?

Der AfD-Flügel um Höcke hat das wohl verstanden, und das ist nun wirklich
eine große Chance. Auch Alain de Benoist und die französische Rechte sieht
das ähnlich. Klar muß das noch weiter diskutiert werden, aber Kunze (siehe den Kommentar von Klaus Kunze auf meinen Artikel „Die Rechte – eine Stütze der kapitalistischen und globalismushörigen Gesellschaft?“) denkt da
wirklich zu verkürzt. Es wäre ja sehr dumm von der Rechten, die Krise des
Kapitalismus und Globalismus, der keinerlei zivilisatorische Mission mehr
hat, sondern bereit ist, bis zur drohenden Weltvernichtung zu gehen, nicht
auszunutzen. Verstehen Rechte wie Kunze denn nicht, daß hier Stück für Stück
der „neue Mensch“ der Warengesellschaft entsteht, schließlich selbst zur
Ware wird, und es kein Zurück mehr gibt? Das Versprechen der Biotechnologie,
Schwulen das Kinderkriegen zu ermöglichen, hat nichts Menschenfreundliches
an sich, sondern ist nur ein weiterer Schritt zum vollautomatischen Subjekt.

„Recht in seiner Unmittelbarkeit ist Eigentum“, schreibt Hegel. Doch eben
dieses löst sich mit fortschreitendem Kapitalismus und grenzenloser
Globalisierung auf, sei es durch fortwährende Monopolbildung, sei es durch
Kurzlebigkeit der Waren. Was wir erleben, ist eine Sozialisierung ohne
Sozialismus, bei der Normalität und Legalität immer weiter
auseinanderfallen. Das Spiel zwischen Regulierung und Deregulierung wirkt
zusehends ausgereizt. Regulierung ist jedoch, wie das Wort ja nahe legt,
niemals als gesellschaftliche Planung mißzuverstehen, wie die Rechte dies
vielfach leider tut, sondern soll gerade verhindern, daß wir in die staats-
und rechtsfreie Gesellschaft steuern. Nichts anderes passiert aber im
Moment. Das Recht spürt erstmals seinen beschränkten historischen Charakter,
spürt erstmals sein dämmerndes Ende. Was danach kommt, ist augenblicklich
jenseits unseres Erkenntnishorizonts, weil wir uns nicht vorstellen können,
wie diese nachrechtlichen Ordnungsprinzipien aussehen könnten. Es ist mit
der Begrifflichkeit von Staat und Demokratie, Recht und Gesetz jedenfalls
nicht zu fassen.

Karl Marx

Die historische Groteske sei so formuliert: Wer das zivilisatorische Niveau,
die Errungenschaften des Abendlandes retten will, und hier gilt es im besten
Sinne des Wortes gar manches zu bewahren, der muß sich auf die Überwindung
der westlichen Formprinzipien des Kapitalismus und Globalismus  einstellen.
Die Beseitigung der Krise der Linken zu überlassen ist sinnlos,
weil diese instinktiv die Krise von Demokratie, Sozial- und Rechtstaat
erkannt hat und sie immer offener für diktatorische Konzepte ausnützen will,
siehe die MP-Wahl in Thüringen. Dumm sind aber jene, die dem in
demokratischer Bescheidenheit nur defensiv begegnen und sich hinter den
bürgerlich-demokratischen Werten vergraben, denn diese gehen auf jeden Fall
den Bach runter. Die neue Qualität der kapitalistischen und ökologischen
Krise als gesellschaftliche Naturkatastrophe zu verstehen muß nicht
unbedingt in der Sackgasse des Kulturpessimismus enden, auch wenn das
durchaus verständlich ist. Der Aschermittwoch des Marxismus, der Abgesang
der Linken und die Krise der politischen Ökonomie, die Verkleinbürgerung der
Neo-Sozialdemokratie im Zeitalter des Neo-Liberalismus und globaler
Kulturkämpfe, das Outsourcing des Staates, Bauernaufstände und eine linke
„Globalisierungskritik“, die ihr eigenes Prinzip verleugnet, sind genau
genommen Steilvorlagen für eine Rechte, die endlich ihre Scheuklappen ablegt, Marx von rechts liest, und erkennt, daß der Wolf nicht zum Veganer und der
Kapitalismus nicht zum Verein für Heimat- und Naturschutz  und zum
Verteidiger der nationalen Souveränität wird. Ist das globale Marktsystem
erst in Dreckwasser und Schlamm abgesoffen, ist es jedoch für eine
vernünftige Organisation der Gesellschaft, die nur von rechts
kommen kann, wahrscheinlich zu spät.

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

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