Ewald von Kleist-Schmenzin – ein Konservativer gegen Hitler

von Bodo Scheurig

Ewald von Kleist-Schmenzin

Ein Konservativer gegen Hitler

Er war einer der letzten großen Preußen, ein Cato der Ideen des preußischen Staates. Schon das Wilhelminische Deutschland erweckte in ihm Kritik und Widerwillen. Die Abkehr vom Altbewährten, die er allenthalben beobachtete, empfand er als Gefahr für den Bestand von Ordnung und Recht.

Ewald von Kleist – 1890 in Groß-Dubberow geboren – studierte Jura an den Universitäten Leipzig und Greifswald. Im Ersten Weltkrieg war er Offizier. Ab 1919 lebte er als Gutsherr in Schmenzin (Hinterpommern). Konservativer und Monarchist, focht er mit ungewöhnlicher Glaubensstärke und Strenge für seine Weltanschauung. Konservatismus ließ sich – nach seinem Verständnis – nicht vom Menschen, sondern allein von Gott her begründen. Aufgabe des Menschen blieb ihm, Gottes Willen „zu erkennen und zu tun oder, mit anderen Worten, Religion zu leben“. Das monarchische Preußen umfaßte, was Kleists Idealen nahekam: eine hierarchisch gegliederte Gesellschaft, die im Glauben wurzelte und jedem Stand seine Pflichten zuwies; Dienst zugunsten des Ganzen, der allem „Begehren“ voranging; und die regierende Krone, die Recht und Einheit verbürgte. Bis zuletzt erstrebte Kleist eine konstitutionelle Monarchie.

Rittergut Schmenzin, Kreis Belgard, Provinz Pommern (letzer Eigentümer: Ewald von Kleist-Schmenzin). Das Gut wurde 1945 ausgeplündert und verfällt heute.

Wie alle Konservativen bekämpfte er die Weimarer Republik als widergöttliche Ordnung. Zügelloser Parlamentarismus konnte in seinen Augen einzig innere Wirren erzwingen, Spaltungen des Volkes. So wollte er das „System der Zerrissenheit“ durch eine autoritäre parlamentsunabhängige Staatsführung ersetzen, der er allein zutraute, Gebrechen zu heilen und die Nation vor der Diktatur zu bewahren. Diese Diktatur sah er mit Adolf Hitler heraufziehen. Kompromißlos machte er Front gegen den Nationalsozialismus, in dem er, unbeirrbar klarsichtig, den Totengräber des Deutschen Reiches erblickte. Er warnte vor dessen Rassismus und Imperialismus, „antikonservativen und kriegsanstiftenden Zielen“, die er in Reden und Schriften anprangerte. 1933 suchte er die verantwortlichen Konservativen zu einer Anti-Hitler-Regierung anzuspornen, 1938 England gegen die territorialen Forderungen des „Führers“ zu mobilisieren.

Partei und Gestapo verfolgten Kleist. Hausdurchsuchungen, Haft und Aufmärsche der Schmenziner SA trachteten ihn einzuschüchtern. Mehrfach mußte er ausweichen, um sich zu retten. All das belastete Kleist um so mehr, als jede seiner versuchten politischen Aktivitäten erfolglos geblieben war. Fast schien es, als solle die Klarsicht stets an der Blindheit scheitern. Zug um Zug – und zuletzt mit schier unaufhaltsamer Konsequenz – fielen die Schranken, die von der Kriegskatastrophe trennten: tragische Vorgänge hier insbesondere im Leben eines isolierten Mannes.

Kleist – niemals Imperialist, sondern Patriot des außenpolitischen Augenmaßes – erlebte den Zweiten Weltkrieg tief deprimiert. Schneidend seine Verachtung vor allem der Wehrmachtspitzen, die Hitlers Feldzüge und Verbrechen deckten, den Aufbruch ins Nichts. Wiederholt betonte er, daß solch ein Deutschland von Gott keine Gnade mehr erbitten dürfe. Gleichwohl stand er – und nach Stalingrad ungeduldig – immer auf seiten der Fronde. Von Goerdeler war er als Oberpräsident für Pommern vorgesehen, doch der mißglückte Staatsstreich am 20. Juli 1944 tilgte alle Hoffnungen. Kleist wurde verhaftet, angeklagt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. So skeptisch zuletzt seine Einschätzung des Widerstandes: offen bekannte er sich vor Freisler und dem Volksgerichtshof zu seinem Handeln. Kampf gegen den Nationalsozialismus war ihm – so das Verhandlungsprotokoll – „ein von Gott verordnetes Gebot“.

Rückblickend muß man ihn ebenso als Frondeur der äußersten Rechten zuordnen. Sicher hätte er sich mit Beck, Goerdeler, Hassell, Popitz und Canaris verständigen können: Sie, die sogenannten „Honoratioren“, waren Männer seiner Generation, Verfechter konservativer Ziele. Weiter hätte er Moltke und dem Kreisauer Kreis darin zugestimmt, daß Hingabe für das Gemeinwohl mehr als gute ethische Prinzipien voraussetzte. Auch Moltkes Wille zu einer Ordnung kleiner, überschaubarer Gemeinschaften wäre nach Kleists Geschmack gewesen. Seit je hatte er als konservatives Kampfziel eine kraftvolle Selbstverwaltung proklamiert. Doch ob er im ganzen dem konservativ-sozialistischen Ausgleich zugestimmt hätte, der den Kreisauern vorschwebte, darf man eher bezweifeln. Gewiß ist nur, daß er von dem Sozialismus abgerückt wäre, dem Stauffenberg und die Sozialdemokraten um Julius Leber anhingen.

Aber selbst wenn er im Widerstand gegen Hitler gesiegt hätte, wäre die Zeit von neuem über ihn hinweggegangen. Schon nach 1918 hatte er – und zwar unter weit besseren Bedingungen – Demokratie und Gleichheit vergebens bekämpft. Erst recht wäre er ihnen 1945 erlegen. Denn nun, nach dem Ende Hitlers, schienen Demokratie und Gleichheit mehr denn je gerechtfertigt. Nun war Konservatismus zum Sinnbild der schwärzesten Reaktion geworden. Mit alledem ist kein abschließendes Werturteil ausgesprochen. Kleist kann zwischen den Zeiten gestanden haben. Er verfocht Ideen, die sich einst ausgeprägt und bewährt hatten; in ihm lebten, ja glühten sie noch einmal auf. Wenn er mit diesen Ideen auch zu spät kam, so könnte doch konservativen Maximen wieder Zukunft beschieden sein, und im Rückblick zeugen die Jahre 1919 – 1945 nicht nur gegen den Konservatismus.

Eine konstitutionelle Monarchie – wichtigstes unter Kleists Zielen – wäre Deutschland zu größerem Segen ausgeschlagen. Sie hätte ihm die vergiftenden Spannungen der Weimarer Republik erspart, Volk und Armee vorbehaltloser, fester mit dem Staat verschmolzen. Sie hätte – als oberste, ausgleichende Instanz – nie die Alleinherrschaft eines Kanzlers zugelassen, Adolf Hitler, wie er war und sein wollte, unmöglich gemacht oder ihm Zügel angelegt. Keine der Bastionen, die der NS-Diktator nahm, wäre zu erobern gewesen: selbst nicht bei Durchschnittlichkeit in den deutschen Führungsschichten. Fachliche und moralische Resistenz hätten Rückhalte besessen, Krieg und Zusammenbruch verhindern können und wohl auch verhindert. Muß man an das Exempel erinnern, das 1943 Italiens König gegenüber Mussolini statuierte, als er den staatsgefährdenden „Duce“ absetzte?

Um so mehr ist im Falle Kleists von Tragik zu sprechen, da seine Einsichten und Warnungen ertraglos blieben. Daß er innenpolitisch scheiterte, lag an seiner Weltanschauung, die ihm verbot, Kompromisse zu schließen, doch auch derartige „Schatten“seiten löschen nicht die großen Züge. Konservatismus hieß hier Frontstellung gegen ein System maßloser Gewalt, das Tugenden verdarb und alle besseren Kräfte knebelte, Frontstellung gegen ein Universum des Bösen, wie es keine „reaktionäre“ Ordnung ersinnen konnte. Trotz äußerer Mißerfolge war Ewald von Kleist ein überragender Mann seiner Zeit. Er bezeugte das Preußentum, zu dem Gehorsam und Rebellion, unnachsichtige Beharrung und leidenschaftlicher Revolutionswille gehörten; ihn leiteten Pflichten, für die er einstand und das eigene Leben opferte. Sein Verstand befähigte zu noch immer gültigen Analysen, sein Glaube aber zu dem Kampf gegen Hitler, in dem ihn niemand übertroffen hat.

Ernst Jünger in einem Gespräch über Ewald von Kleist: „Kleist war hochgezüchtet, von sehr empfindlichem verletzbaren Ethos. Ich habe den Typus im Fürsten Sunmyra der Marmorklippen festzuhalten versucht. Daß er dem Untergang geweiht war, ließ schon die Aura ahnen.“

Dr. Bodo Scheurig

Dr. Bodo Scheurig (1928 – 2008), studierte nach sowjetischer Kriegsgefangenschaft Neuere Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin und an der Columbia University, New York. Zahlreiche zeitgeschichtliche Veröffentlichungen, u.a. Standardwerke über Ewald von Kleist-Schmenzin (Neuauflage in Kürze im Lindenbaum Verlag), Henning von Tresckow und Generaloberst Alfred Jodl (Alfred Jodl. Gehorsam und Verhängnis. Biographie im Bublies Verlag).

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