Corona als politisches Phänomen – der verzögerte „Weltsystemcrash“ und die Horrorpropaganda der Herrschenden

von Dr. Jens Woitas

Corona als politisches Phänomen – der verzögerte „Weltsystemcrash“ und die Horrorpropaganda der Herrschenden

Die erstmalige Verhängung von Anti-Corona-Maßnahmen im März 2020 hatte, wahrscheinlich nicht nur für mich, den Anschein eines Putsches, mit welchem die Regierungen von Bund und Ländern jegliche politische Auseinandersetzung zugunsten einer von ihnen vorgegebenen Einheitsposition beenden wollten. Plötzlich gab es – analog zum Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 – keine Parteien mehr, sondern nur noch einen gemeinsamen „Kampf gegen das Virus“, der auf eigenartige Weise auch den „Kampf gegen rechts“ einzuschließen schien. Genau daran scheiterte in den folgenden Wochen und Monaten der schnelle Sprung in eine „Corona-Diktatur“. Zwar ließ sich der bisherige Hauptfeind des Establishments, die AfD, viel zu lange von „Corona“ paralysieren, aber es verblieben einige neurechte Widerstandsnester, die von Anfang an die inhaltliche Begründung der Corona-Politik, und damit auch die Zwangsmaßnahmen selbst offen infrage stellten. Dazu gesellten sich eine winzige Minderheit aufrechter Linker und diffuse Gruppen, die man – auch ohne entsprechende Diffamierungen durch den Mainstream zu übernehmen – tatsächlich nur als „Spinner“ bezeichnen kann. All diesen Akteuren ist es zu verdanken, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland überhaupt den März 2020 überlebte und in der Folgezeit eine – sowohl in der Zahl der „Sender“ als auch jener der „Empfänger“ – stetig wachsende demokratische Gegenöffentlichkeit hervorbrachte, die heute zu einer Gegenmacht angewachsen ist, welche der herrschende polit-mediale Machtkomplex sehr ernst nehmen muss.

Da ich mich selbst schon seit dem „Vor-Corona-Zeitalter“ dieser Gegenöffentlichkeit zuordnen kann, sei hier eines angemerkt: „Wir“ sind weder klüger noch moralisch besser als die anderen. Unser Vorteil besteht lediglich in zwei Punkten: Erstens war uns schon vor „Corona“ bewusst, dass die bundesdeutsche Demokratie hochgradig gefährdet war (etwa durch die Ereignisse in Thüringen unmittelbar vor dem Beginn der Corona-Maßnahmen), und vor allem, dass die Politiker und Parteien des polit-medialen Machtkomplexes nicht mit Notwendigkeit im Interesse des deutschen Staatsvolkes handeln (etwa bei der unkontrollierten Masseneinwanderung nach Deutschland 2015ff.). Zweitens besaßen gerade die erwähnten „Spinner“ die richtige Erkenntnis, dass in der Welt des Jahres 2020 die Science-Fiction mehr und mehr die Realität eingeholt, ja teilweise sogar überholt hatte. (Die Begründung dafür kann u.a. dem durchaus Mainstream-kompatiblen Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ des israelischen Historikers Yuval Noah Harari entnommen werden.)

Meine persönliche Herangehensweise ist es, die Corona-Krise als ein vor allem politisches Phänomen zu betrachten, in welchem Haltungen und Interessen der Beteiligten den Gang der Dinge sehr viel stärker bestimmen als Medizin und Virologie. Die Frage nach diesen Haltungen und Interessen ist somit eine Möglichkeit der Annäherung an eine „wahre“ Erklärung der Ereignisse und ihres Zusammenhanges. „Verschwörungstheoretisch“ wird diese Methode aus meiner Sicht erst dann, wenn über Haltungen und Interessen der Verantwortlichen unbegründete und spekulative Annahmen gemacht werden.

Nach diesen notwendigen Vorbemerkungen komme ich nun zum eigentlichen Thema dieses Essays. Die Corona-Maßnahmen bestimmen nunmehr seit fast 18 Monate unser Leben (Allein dies ist übrigens Anlass genug, die Warnungen und Vorhersagen der Gegenöffentlichkeit nicht von Vornherein abzuwerten.), und in dieser Zeit hat sich die Vernebelung schon teilweise gelichtet, die noch im Frühjahr 2020 unsere Wahrnehmung der Lage bestimmte. Es ist nunmehr Zeit für eine Zwischenbilanz, mit der ich einige wahrscheinliche Motive der politisch Handelnden herausarbeiten und für diese Motivlagen auch stichhaltige Begründungen liefern möchte.

Zunächst einmal ist anzumerken, dass schon die politischen Entscheidungen des März 2020 alles andere als „alternativlos“ waren. Schweden, Brasilien, Weißrussland, Tansania und eine Reihe von US-Bundesstaaten gingen von Anfang an anders mit „Corona“ um als etwa Deutschland und Frankreich. Es hat in den genannten Ländern sicherlich mehr Erkrankte und Todesfälle gegeben als bei uns, aber es fanden auch dort nicht jene apokalyptischen Katastrophen statt, die unser polit-medialer Machtkomplex immer noch ankündigt, sollte seine Maßnahmenpolitik nicht befolgt werden. Die bundesdeutschen Corona-Politiker trafen also im Frühjahr 2020 eine eindeutig politische Entscheidung mit der Konsequenz, für den Seuchenschutz notfalls die Selbstzerstörung von Staat, Wirtschaft und Demokratie in Kauf zu nehmen. Diese Selbstzerstörung ist in nunmehr fast 18 Monaten „Corona-Krise“ bereits weit vorangeschritten, aber selbst dies dient nicht als Anlass dazu, den Pandemie-Zustand durch eine gleichfalls politische Entscheidung zu beenden. Der Grund dafür kann eigentlich nur sein, dass man den Zustand von Staat, Wirtschaft und Demokratie schon Anfang 2020 als derart katastrophal bezeichnen musste, dass die Inkaufnahme von Infektionsrisiken als Preis für die Erhaltung des status quo schlichtweg ethisch nicht gerechtfertigt werden konnten. Diese Einschätzung der verantwortlichen Politiker deckt sich übrigens sehr wahrscheinlich mit derjenigen der großen Mehrzahl der deutschen Bevölkerung. Das erklärt wiederum, warum die Proteste etwa der „Querdenker“, welche auf die Rettung von Staat, Wirtschaft und Demokratie vor den Corona-Maßnahmen abzielen, trotz einiger Achtungserfolge niemals zu einem wirklichen Massenphänomen werden konnten.

Der Hauptgrund für diesen – zunächst unverständlich erscheinenden – Selbstzerstörungstrieb liegt meiner Ansicht nach schon in der Weltfinanzkrise von 2007ff. und der daraus resultierenden Eurokrise. Diese Krisen zwangen Wirtschaft und Politik schon vor mehr als zehn Jahren in einen Ausnahmezustand, der seitdem nicht aufgehört hat, weil offensichtlich die politische Handlungsfähigkeit Deutschlands, der EU und sogar der G20-Staaten nicht zu einer wirklichen Lösung der zugrunde liegenden Problematik ausreicht. Die Corona-Krise lieferte dann einen willkommenen Anlass dazu, die Staatsverschuldung und die Flutung der Finanzmärkte mit Zentralbank-Geld nochmals gewaltig auszuweiten und damit den „Weltsystemcrash“ (Max Otte) weiter hinauszuzögern, der ohne „Corona“ höchstwahrscheinlich schon im Laufe des Jahres 2020 eingetreten wäre. Diese Strategie stößt aber in diesen Tagen endgültig an ihre Grenzen, weil die stetig zunehmende (und für den Verbraucher bereits deutlich spürbare) Inflation in einen unauflösbaren Widerspruch mit der, durch die Überschuldung von Staaten, Unternehmen und Privathaushalten bedingten, Notwendigkeit von Null- und Minuszinsen tritt. Das Ende könnte in einem – politisch durchaus gewollten – Verdampfen der globalen Schulden durch Inflation bestehen, das gleichzeitig praktisch die gesamten weltweiten Privatvermögen vernichten würde. Wahrscheinlicher ist eine mildere, aber gleichwohl schmerzhafte Variante, welche das Weltfinanz- und Eurosystem noch kurz vor dem Crash mit Vermögensschnitten in ein neues Gleichgewicht bringen und auf diese Weise wenigstens das Geld der ganz großen Spieler des globalen Kapitalismus zum größten Teil erhalten könnte. Das politische Vorgehen in der Corona-Krise wäre somit als eine Strategie zu verstehen, welche bewusst ein finanzpolitisches Ende mit Schrecken herbeiführt, das sich ohne „das Virus“ und die realwirtschaftlichen Folgen der Corona-Politik weder vermitteln noch rechtfertigen ließe.

Die geschlossene Bank, Gemälde von Eduardo Matania, 1870er Jahre: Der „Weltsystemcrash“ ist nur aufgeschoben!

Es gibt noch mindestens ein zweites nachvollziehbares Motiv für die Corona-Politik: Ich spreche hier zwar nicht von einer „Plandemie“, also von einer bloßen Vortäuschung einer Viruspandemie zum Zwecke einer autoritären Maßnahmen-Politik. Trotzdem ist es eine Tatsache, dass die gesamte Corona-Strategie (zumindest die bundesdeutsche) vorgefertigten Pandemie-Plänen folgt, die schon im Laufe des letzten Jahrzehnts auf der Ebene von Regierungen, internationalen Organisationen und privaten „Sponsoren“ auf einer Reihe von Konferenzen beschlossen wurden (zuletzt übrigens im Oktober 2019 ausgerechnet im chinesischen Wuhan, wo einige Wochen später die reale Pandemie ihren Anfang nahm). Es fällt auf, dass in diesen Plänen von Anfang an die mRNA-Impfungen einen wesentlichen Baustein darstellten, sodass man durchaus zu dem Schluss kommen kann, dass diese Impfungen in den Augen der Verantwortlichen, zumindest teilweise, ein Selbstzweck sind. Dafür spricht vor allem, dass die Forschung an medizinischen Therapien, die auf eine Heilung von Covid-19 abzielen, von Anfang an auf eigenartige Weise vernachlässigt und sogar durch die Verweigerung von Forschungsmitteln für solche Vorhaben unterdrückt wurde. Auch dass die ersten mRNA-Impfstoffe schon wenige Monate nach dem Auftreten der ersten Covid-19-Fälle für klinische Tests zur Verfügung standen, ist ein zumindest eigenartiger Umstand. Es erscheint zunächst als unangemessen „verschwörungstheoretisch“, dass Profite der Pharmaindustrie von „nur“ einigen zehn Milliarden Dollar mit einer veritablen Weltkrise erkauft werden sollten. Das Ganze ergibt aber auf der Grundlage jüngerer Erkenntnisse durchaus Sinn, welche darauf hinweisen, dass zum einen die Impfstoffe nur unter der Bedingung regelmäßiger Auffrischungen (alle sechs Monate oder sogar weniger) wirklich gegen Covid-19 schützen und dass sie zum anderen negative Auswirkungen auf das natürliche menschliche Immunsystem mit sich bringen könnten. Die globale Pharmaindustrie und ihre politischen Verbündeten hätte also mit den Impfungen die Menschheit gleichsam „angefixt“ und auf diese Weise deren Überleben von immer weiteren Spritzen abhängig gemacht, die dann wirklich Profite in Größenordnungen erzeugen, welche ein solches Vorgehen lohnend erscheinen lassen. Gleichzeitig würde ein immenser Druck im Sinne politisch korrekten Verhaltens entstehen, weil die Politik missliebigen Personen ohne weiteres die lebensnotwendigen Injektionen verweigern könnte. Der homo sapiens wäre gleichsam auf die Rolle von Kreaturen der industriellen Massentierhaltung reduziert, die ohne ständige Medikamentengabe sehr schnell massenhaft an Seuchen verenden würden, und eine solche Entwicklung läge durchaus im Sinne der Strategie des Great Reset. Es liegt eine bittere Ironie darin, dass sich unter den medizinisch Verantwortlichen für die Corona-Politik überdurchschnittlich viele Tierärzte(!) befinden, etwa Lothar H. Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Institutes.

Ein drittes Motiv ist weniger plausibel, verdient es allerdings doch, hier erwähnt zu werden: Die Corona-Politik versetzt seit 18 Monaten mittels einer unrealistischen Horrorpropaganda den Großteil der deutschen Bevölkerung in eine Angststarre, die sich natürlich auf jede Form von Konflikten dämpfend auswirkt. Es könnte sein, dass die sich aufschaukelnde innenpolitische Gewaltspirale aus Islamismus, Klima-Apokalyptik, Links- und Rechtsextremismus in den Augen der Verantwortlichen schon im Frühjahr 2020 eine solche Dynamik erreicht hatte, dass – unter dem Vorwand von „Corona“ – gleichsam die Notbremse gezogen werden musste. Gerade im Hinblick auf den politischen Islam erscheint mir diese These als gerechtfertigt: Es ist offensichtlich, dass auf diesem Feld Eskalationen durch religiöse Gewalt und Kriminalität nur noch durch eine Appeasement-Strategie vermieden werden können, welche der islamischen Forderung nach religiös-kultureller Hegemonie immer weiter nachgibt und gleichzeitig jeden „rechten“ Widerstand dagegen mit drakonischen Maßnahmen der Staatsgewalt bekämpft. Dies wurde besonders im Frühjahr 2020 augenfällig, als die durch den „Lockdown“ ausgestorbenen deutschen Städte auf Anweisung der Regierung flächendeckend mit Muezzin-Rufen beschallt wurden, gleichzeitig christliche Ostergottesdienste verboten waren und zusätzlich die Zahl der Prozesse wegen „Volksverhetzung“ gegen Kritiker dieser Zustände, u.a. auf Geheiß des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil drastisch zunahm. Zu diesem innenpolitischen Islam-Appeasement kommt noch die beständige Appeasement-Politik gegenüber dem türkischen Erdogan-Regime hinzu, von welchem sich die Bundesregierung durch den „Türkei-Deal“ von 2016 in der Flüchtlingspolitik völlig abhängig gemacht hat. Es war unter Umständen kein Zufall, dass im März 2020 praktisch parallel zum Absturz in die Corona-Krise Erdogans Türkei die EU mit kriegsähnlichen Handlungen bedrohte, indem sie wochenlang am Evros-Fluss syrische Dschihadisten gegen die griechische Grenze anrennen ließ.

Trotz aller Plausibilität darf jedoch dieses dritte Motiv, also innen- und außenpolitische Beruhigung durch erzwungene Angststarre, in seiner Bedeutung nicht übertrieben werden. Auch den verantwortlichen Politikern musste klar sein, dass eine solche Beruhigung die Gewaltrisiken nur kurzzeitig stoppen konnte, und dass sich danach die Gewaltspirale unvermindert weiterdrehen würde. Die Corona-Politik hat sogar neue Gewaltrisiken erzeugt, weil zum einen die Dialogunfähigkeit der Staates den bislang friedlichen Widerstand der „Querdenker“-Bewegung immer weiter radikalisiert, zum anderen weil gegenwärtig der Konflikt um eine indirekte oder sogar unmittelbare Impfpflicht den schon vorhandenen Spaltungen der Gesellschaft eine weitere hinzufügt, die sogar noch viel tiefgreifender sein könnte als jene.

Hausbemalung einer deutschen Patriotenfamilie: Widerstand ist möglich!

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich eine erschreckende Konsequenz: Ein Erfolg der nationalkonservativen, radikaldemokratischen und „esoterischen“ Widerstandskräfte gegen den in der Corona-Krise endgültig zur Antidemokratie erstarrten Merkelismus würde unvermeidlich dazu führen, dass das Ergebnis einer solchen demokratischen Revolution zunächst nicht nur eine allgemeine Befreiung wäre. Das Volk würde sich nämlich im Moment seines Erfolges sofort einer riesengroßen wirtschaftlichen, medizinischen und innenpolitischen Problematik gegenübersehen, die sich gegenwärtig noch unter der Decke der Corona-Propaganda verbirgt. Die Gegenöffentlichkeit und der demokratische Widerstand müssen dieser Tatsache ins Auge sehen, ohne sich dadurch von ihrem notwendigen Kampf für eine bessere Bundesrepublik und ein besseres Europa abbringen zu lassen.

Unser Titelbild zeigt: „Triumph des Todes“, Gemälde, das der flämische Maler Pieter Bruegel um 1562 schuf.

Dr. Jens Woitas

Jens Woitas, geboren 1968 in Wittingen (Niedersachsen), verheiratet, lebt (mit einigen Unterbrechungen) seit 1970 in Wolfsburg. Abitur 1988, dann Zivildienst und Tätigkeit als Gartenarbeiter. Studium der Physik in Clausthal-Zellerfeld und Tübingen, dann Promotion zum Doktor der Naturwissenschaften in Heidelberg (1999). Wissenschaftlicher Mitarbeiter an astronomischen Forschungsinstituten in Tübingen, Heidelberg und Tautenburg (1995-2005), dann Unternehmensberater. Seit 2011 Erwerbsunfähigkeitsrentner. Von Kindheit an lebhaft an Politik, Geschichte, Literatur und Religion interessiert, Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche und von 2017 bis 2020 Mitglied der Partei DIE LINKE. Neben einer Reihe von Artikeln in astronomischen Fachzeitschriften auch Autor einer autobiographischen Erzählung (Schattenwelten, Mauer Verlag, Rottenburg am Neckar 2009). In den letzten Jahren intensive Beschäftigung mit dem Denken des Neomarxismus und der „Neuen Rechten“ unter Einbeziehung französischer Originaltexte, insbesondere von Alain de Benoist und Jean-Claude Michéa.

Im Lindenbaum Verlag ist soeben das Buch „Revolutionärer Populismus. Das Erwachen der Völker Europas“ von Dr. Jens Woitas erschienen und kann hier bestellt werden: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/revolutionaerer-populismus/

Was schulden wir den Ortskräften unserer Regierung?

von Klaus Kunze

Um von ihrem vollständigen Desaster abzulenken, malen unsere Regierenden das Schicksal der Afghanen jetzt in den düstersten Farben. Für sie und ihre Propagandamedien sind alle Taliban üble Terroristen. Bald würden sie dazu übergehen, alle Frauen in komische Säcke mit Gucklöckern zu stecken, allen Dieben die Hände abzuhacken und alle Schwule von Häusern zu stürzen. Die „Ortskräfte“ der bisherigen deutschen Besatzung stehen scheinbar unmittelbar davor, massakriert zu werden.

Ob die jetzt gemäßigt auftretenden Taliban nur Wölfe sind, die Kreide gefressen haben, oder ob sie begriffen haben, daß sich auf Racheorgien und Unterdrückung kein stabiler Staat bauen läßt, werden wir bald wissen. Unsere Regierung übt sich bereits in der Kunst der Prophetie und leitet aus ihrer schwarzen Prognose ihre „moralische Pflicht“ ab, ins Flugzeug zu packen, wer eben kommt, und ihn nach Deutschland zu verfrachten. Zugleich sind wir weiter denn je entfernt von Abschiebungen verurteilter afghanischer Verbrecher oder abgelehnter Asylbewerber.

Heim ins Reich der Menschenrechte möchte unsere Regierung jetzt möglichst viele “Ortskräfte” und “Vertreter der Zivilgesellschaft” holen. Das sind zwei verschiedenartige Gruppen. Ortskräfte hatten sich als Vertragsarbeiter in deutsche Dienste gestellt, zum Beispiel als Schneider oder Putzhilfen in Unterkünften. Vermutlich tut ihnen jetzt niemand etwas. Für ihr bekanntes Risiko hervorragend bezahlt wurden Sprachmittler, die gewöhnlich weit weg von ihrem Herkunftsort eingesetzt wurden. Wo niemand sie kannte, begleiteten sie die Spitze militärischer Konvois, um bei Bedarf nach dem Weg zu fragen oder mit örtlichen Stammesführern Verbindung aufzunehmen.

Nicht unmittelbar in unseren Regierungsdiensten stand eine schmale Bildungsschicht in Kabul, die westlichen Lebensstil adaptiert hat und ihn als Professor, Fernsehansagerin oder dergleichen propagierte. Aber was schulden wir jenen „Ortskräften“ und den Kabuler Verfechtern westlichen Lebensstils wirklich?

Es gibt kein moralisches Dilemma

Moralphilosophisch liegt nahe, zu halten, was man versprochen hat. Hat aber irgend jemand irgend einem afghanischen Dolmetscher oder Hilfswilligen eine Option zur Auswanderung versprochen? Ich nehme nicht an, so etwas stünde in irgend einem der mit deutscher Gründlichkeit geschlossenen Arbeitsverträge. Also schulden wir es auch nicht.

Der britisch-indische Krieg 1857: Damals wie heute geht es um Selbstbestimmung der Völker und Kulturen. Kollaborateure mit Kolonialisten und Besatzern haben immer einen schweren Stand!

Zwanzig Jahre hat Deutschland sich in Afghanistan als Besatzungsmacht aufgespielt. Einheimische Kollaborateure, die das für einen Dauerzustand gehalten haben mochten, haben auf das falsche Pferd gesetzt. Sie haben objektiv gegen die Selbstbestimmung ihrer eigenen Stämme gehandelt und dafür Geld genommen. Falls jemandem jetzt wirklich der Tod drohen würde, könnte man ihn aus Barmherzigkeit aufnehmen, aber nicht aus moralischer Pflicht. Wir sind nicht verpflichtet, jedem Todgeweihten dieser Erde beizustehen.

Das eigene „moralische“ Verhalten jener Ortskräfte war höchst zweifelhaft. Sie dienten nicht ihrem Vaterland, sondern Besatzungsmächten. Diese wollten, Deutschland vorneweg, die Afghanen umerziehen – “denn heute, da hört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt!” Höre, oh Welt, den globalen Weckruf aus Berlin: “Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Brüder zum Lichte empor!” Das Licht unseres Gutmenschentums sollte über dem ganzen Erdball erstrahlen, und Afghanistan schien ein guter Anfang.

Aus erbitterten Kämpfern für ihre Unabhängigkeit – erst gegen Rußland, dann die USA, wollte man ideologische Gefolgsleute „des Westens“ machen. Sie sollten ihre – uns so fremden – angestammten Sitten, Bräuche, Hoffnungen, Werte und religiöse Gebote ablegen. Statt dessen sollten sie an „die Demokratie“ glauben, „den Humanismus“, an „die Gerechtigkeit“, den Pluralismus, den Genderismus und all die vielen bunten Blümchen auf Gutmenschens Himmelswiese.

Präferenzen “deutscher” Außenpolitik

Die geplante Umerziehung der Afghanen mit allen volkspädagogischen Instrumenten war die Fortsetzung ihrer militärischen Unterwerfung mit anderen Mitteln. Einer mehrheitlich archaischen, patriarchalischen Gesellschaft sollte die Ideologie der westlichen Massengesellschaft übergestülpt werden.

Die Methoden der Umerziehung

Das revolutionäre Frankreich hatte seit 1796 einen deutschen Staat nach dem anderen unterworfen und sich einverleibt. Zugleich verbreitete es seine republikanische Ideologie. Sie behauptete, unter französischer Herrschaft seien die Deutschen jetzt freier als zuvor. Überall wurden Freiheitsbäume errichtet, während in Köln der Dom von Franzosen geplündert und ein Pferdestall aus ihm gemacht wurde. Die umerzogenen neuen deutschen Republikaner schritten bald mit ihren geliebten französischen Besatzern zur Befreiung ganz Europas, bis ihre Überlebenden, dezimiert, verfroren und zerlumpt, aus Rußland zurückwankten.

Die  Umerziehung unterworfener Staaten gehört auch zum Standardrepertoire der USA. Die Phrase „to make the world safe for democracy“ wurde zufälligerweise immer dann angewandt, wenn eine geostrategische Intervention der ideologischen Verbrämung bedurfte. Für Weltmacht, Handelsvorteile oder Bodenschätze wären auch amerikanische Soldaten ungern gestorben. Unter der Fahne eines demokratischen Kreuzzugs hatten sie wenigstens beim Bombardieren ein gutes Gewissen.

Die Mehrheit der Deutschen ist so sehr Produkt der amerikanischen Umerziehung der Nachkriegszeit, daß sie das gar nicht mehr bemerkt. Man hat einen Krieg erst dann gewonnen, wenn in den Schulbüchern der Besiegten steht, wie dankbar die Kinder der Siegermacht sein müssen. Heute lautet unsere übliche Propaganda, Deutschland sei am 8. Mai 1945 befreit worden. So fand man wenig dabei, auch Afghanistan zu „befreien“ und „safe for democracy“ zu machen.

Allerdings waren alle „westlichen Werte“ unserer Umerziehung nach 1945 im Ansatz in Deutschland schon vorhanden, nur nicht mehrheitsfähig. Wir haben uns gern umerziehen lassen, weil die amerikanische Umerziehung nichts importierte, was nicht vor 1933 an geistigen Strömungen auch schon vorhanden war und weil unsere Gesellschaft mit ihrer Massenzivilisation der amerikanischen strukturell glich.

Patriarchalische Stammeskrieger

Völlig anders war und ist die Lage in Afghanistan. Viele der westlich akkulturalisierten oder umerzogenen Hauptstädter sind heute enttäuscht. Anders die Mehrheit:

Es ist wichtig, in die Köpfe und Herzen der Paschtunen vorzudringen: Die Taliban-Bewegung ist in der Tat eine politisch-religiöse Manifestation, die weitgehend zum paschtunischen Universum gehört, wie die ethnische Identität, die Werte, das Organisationssystem und der Glaube ihrer Mitglieder zeigen und beweisen. Da die Taliban wie die Paschtunen an den Paschtunwali (den paschtunischen Weg, auch bekannt als Lebenskodex) glauben – auch wenn sie ihn für ihre eigene Agenda verzerrt und instrumentalisiert haben – versammeln sie sich in Jirga (Versammlung der Ältesten), respektieren Stammesführer (Khans) und praktizieren eine besondere und heterodoxe Form des Islam (Deobandi).

Emanuel Piebroton, La vera ideologia che muove i talebani, 18.8.2021

Die deutschen Medien verkürzen die Weltanschauung der Afghanen auf ihre Schriftreligion. Diese bildet aber nicht die Ursache und Quelle viel tiefer liegender, archaischer Werte:

Die anderen zehn Säulen, die im Laufe der Zeit ebenso wichtig geworden sind wie die ersten drei, sind die Pflicht zur Tapferkeit gegenüber Eindringlingen (turah), die Loyalität gegenüber Familie, Freunden und Stamm (wapa), der Respekt vor dem Nächsten und der Schöpfung (khegara), Respekt vor sich selbst und seiner Familie (pat aw Wyar), Verteidigung der Ehre der Frauen (namus) und der Schwachen (nang), Ritterlichkeit (merana), Verteidigung der Sitten und Gebräuche (hewad), Konfliktlösung durch Schlichtung (jirga) und unerschütterliche Loyalität gegenüber Gott (groh). Der Groh zum Beispiel erklärt, warum die Taliban gegen jede Form der Säkularisierung und den Ausschluß des Heiligen aus dem öffentlichen Leben sind. Nanawatai hingegen erklärt, warum Korangelehrte Polizisten, Soldaten und Regierungsbeamten verzeihen, die bei der ersten (und einzigen) Warnung ihre Waffen niederlegen und die Farbe wechseln. Und die Turah ist die Säule, die die Paschtunen seit der Zeit Alexanders des Großen dazu gebracht hat, ihr Land mit einem Sinn für Selbstaufopferung zu verteidigen, der eher einzigartig als selten ist.

Emanuel Piebroton, La vera ideologia che muove i talebani, 18.8.2021

Es ist der typische Wertekanon einer agrarischen Stammesgesellschaft, wie er vor tausend Jahren auch in Deutschland galt. Der Islam und die Scharia sind nicht der Grund einer solchen Weltanschauung, sondern nur ihre Hülle.

Wer sich unterwirft, der wird geschont. Das stellte in der Mehrzahl der historischen Staaten islamischen Glaubens die Regel dar. Dann muß er freilich kuschen und sich den althergebrachten Gesetzen beugen.

Das schreckliche nyaw aw Badal hingegen ist das Scharnier, das all die Grausamkeiten legitimiert, die die Taliban gegen Feinde begehen, die sich nicht ergeben oder ihren Glauben verleugnen: von der Steinigung bis zum Hängen, von der Folter bis zur Vergewaltigung. Nyaw aw Badal ist der Grund dafür, daß der letzte Präsident der Demokratischen Republik Afghanistan bei lebendigem Leibe gehäutet und anschließend im Zentrum von Kabul erhängt wurde. Nyaw aw Badal erklärt, warum Horden von Afghanen versuchen, das Land zu verlassen, und warum viele andere auf Befehl von Taliban-Gerichten hingerichtet werden, wo es weder Kameras noch Zeugen gibt.

Emanuel Piebroton, La vera ideologia che muove i talebani, 18.8.2021

Kein moralisches Bonbon für unmoralisches Handeln

Die Propaganda, in Afghanistan habe „der Westen“ für „westliche Werte“ gekämpft, war von Anfang an für unsere Innenpolitik bestimmt. Das schließt nicht aus, daß ein paar weltfremde Narren tatsächlich glaubten, mit deutschen Steuermillionen den Afghanen ihren Genderismus beibringen zu können. Aber das strategische, operative Ziel war immer die geostrategische Macht der USA.

Es bildete von Anfang an eine Propagandalüge, der Krieg in Afghanistan hätte einen „Kampf gegen den Terrorismus“ dargestellt. Spätestens nach der Vernichtung der al-Khaida war er das nicht mehr. Der Krieg und die auch deutsche Besatzung war so unmoralisch wie ein Angriffskrieg auf fremden Territorium mit Umerziehung eines Volkes nur sein kann.

In Nibelungentreue schlossen die deutschen Vasallen sich ihm an. Auch von Deutschland ging Krieg aus. Unsere herrschenden Parteien haben uns alle in diesen Krieg hineingezogen. Offenbar wird sie niemand dafür zur Rechenschaft ziehen.

Ob ihre afghanischen Hilfswilligen von ihren Landsleuten jetzt zur Rechenschaft gezogen werden, geht uns nichts an.

Es gibt keine moralische Verpflichtung, unmoralische Handlungen zu belohnen.

Und es gibt nach Kriegsende erst recht keinen Grund mehr, die nach Zigtausenden zählenden Afghanen ohne Asylanspruch in Deutschland zu behalten. Es ist höchste Zeit für einen operativen Schlußstrich unter die düstere Kapitel deutscher Geschichte.

Dieser Artikel erschien auch auf der stets sehr informativen Seite von Klaus Kunze:

Was schulden wir den Ortskräften unserer Regierung?

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Klaus Kunze



Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

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Und das neue Werk von Klaus Kunze: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

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Die wahre Ideologie der Taliban

von Emanuel Pietrobon

Die wahre Ideologie der Taliban

Die Taliban sind nach zwanzig Jahren an die Macht zurückgekehrt, und wenn es nicht zu einer radikalen Wende kommt, beginnt für Afghanistan, Zentralasien und Eurasien eine neue historische Phase. Eine Phase, die nach Ansicht einiger durch eine Rückkehr zur terroristischen Instabilität der frühen 2000er Jahre – der Ära des Krieges gegen den Terror – gekennzeichnet sein könnte, nach Ansicht anderer jedoch große und unvorhersehbare Überraschungen bereit hält: einschließlich einer Stabilisierung des afghanischen Schauplatzes, der als Katalysator für die Verwirklichung der eurasischen Träume Russlands und Chinas und damit für eine beschleunigte Multipolarisierung des internationalen Systems fungiert.

Die Ereignisse der nahen Zukunft werden der einen oder der anderen Seite Recht geben, d.h. denjenigen, die sich vor den Taliban fürchten, oder denjenigen, die sich über ihren Aufstieg freuen. Aber in der Zwischenzeit haben wir bereits einige Elemente, die eine Vorhersage ermöglichen. Wir wissen zum Beispiel, dass die Taliban von Hibatullah Akhundzada nicht auf Selbstbereicherung aus sind, sondern auf internationale Anerkennung. Und wir wissen, dass sie die Legitimität, die ihnen derzeit fehlt, auf verschiedene Weise erlangen möchten: durch eine allgemeine Amnestie für Mitbürger, die mit der Atlantischen Allianz kollaboriert haben, durch die Öffnung für ausländische Investitionen, durch die Einleitung eines Prozesses der nationalen Aussöhnung und nicht zuletzt durch die Errichtung eines (sehr) konservativen, aber nicht-fundamentalistischen politischen Regimes.

Auch hier werden es die Ereignisse der nahen Zukunft sein, die die Qualität der Taliban-2-Proklamationen bestätigen werden oder nicht. Die Taliban-2-Regierung wird ein Regime sein, das im Vergleich zu seinen Vorgängern sozialer zu sein scheint, d.h. geneigt, alle Beziehungen und potentiellen Möglichkeiten zu nutzen, um sein Image zu verbessern. Sicher ist: Sie sind und bleiben Pragmatiker, sie sind und bleiben die mächtigste Manifestation der pakistanischen Geopolitik, und sie sind und bleiben die Sprecher einer ziemlich großen und repräsentativen sozialen Kraft der afghanischen multiethnischen Nation. Anders ist die Unfähigkeit des Westens nicht zu erklären, den Afghanen eine attraktive kulturelle Alternative zu den Korangelehrten zu bieten, deren Ursprünge auf Dost Mohammed Khan (afghanischer Herrscher von 1826 bis 1840) zurückgehen, deren Werte vom paschtunwalischen Ehrenkodex inspiriert sind und deren Auslegung des Islams in den Lehren der Deobandi-Schule wurzeln.

Dost Mohammed Khan (1793-1863)

Die paschtunische Methode

Die Stämme, die das wilde und gebirgige Land Afghanistan bewohnen, leben von Sprichwörtern und Redensarten: Sie sind ihr tägliches Brot, eines ihrer wichtigsten Mittel, um ihre Gefühle, Emotionen und Gedanken auszudrücken. Und wer das ewige und unverständliche Rätsel Afghanistan verstehen will, braucht nur die Sprüche der Menschen zu studieren, die dort leben, insbesondere der Paschtunen.

Denn die Paschtunen sind die dominierende ethnische Gruppe in Afghanistan. Es sind die Paschtunen, die, unnachgiebig, unbeugsam, kämpferisch und stolz, seit der Zeit Alexanders des Großen im Mittelpunkt der Chroniken der europäischen Eroberer stehen. Und es sind die Paschtunen, die, wie es heißt, immer einen Weg finden und selbst wenn sie den Gipfel eines steilen Berges erklimmen immer ein Schwert tragen, um die Ehre des Islam und ihrer Brüder zu verteidigen.

Es ist wichtig, das Denken und Fühlen der Paschtunen zu verstehen: Die Taliban-Bewegung gründet sich auf politischen und religiösen Fundamenten, die weitgehend zum paschtunischen Universum gehören, wie die ethnische Identität, die kulturellen und traditionalen Werte, das Organisationssystem und der Glaube ihrer Mitglieder. Da die Taliban wie die Paschtunen an den Paschtunwali (den paschtunischen Weg, auch bekannt als paschtunischer Lebenskodex) glauben – auch wenn sie ihn für ihre eigene Agenda verzerrt und instrumentalisiert haben –, versammeln sie sich in Jirga (Versammlung der Ältesten), respektieren Stammesführer (Khans) und praktizieren eine besondere und heterodoxe Form des Islam (Deobandi).

In gewisser Weise erinnert das Paschtunwali an den alten albanischen Ehrenkodex, den Kanun, und er basiert auf dreizehn Säulen, von denen drei als grundlegend gelten. Die drei Grundpfeiler sind die Gastfreundschaft gegenüber dem Besucher (melmastia), die Gewährung von Schutz und Unterwerfung gegenüber Feinden, die darum bitten (nanawatai), und die blutige Rache (nyaw aw Badal), die keine Grenzen oder Waffenstillstand kennt.

Die anderen zehn Säulen, die im Laufe der Zeit ebenso wichtig geworden sind wie die ersten drei, sind die Pflicht zur Tapferkeit gegenüber Eindringlingen (turah), die Loyalität gegenüber Familie, Freunden und Stamm (wapa), der Respekt vor dem Nächsten und der Schöpfung (khegara), Respekt vor sich selbst und seiner Familie (pat aw Wyar), Verteidigung der Ehre der Frauen (namus) und der Schwachen (nang), Ritterlichkeit (merana), Verteidigung der Sitten und Gebräuche (hewad), Konfliktlösung durch Schlichtung (jirga) und unerschütterliche Loyalität gegenüber Gott (groh).

Der Groh zum Beispiel erklärt, warum die Taliban gegen jede Form der Säkularisierung und den Ausschluss des Heiligen aus dem öffentlichen Leben sind. Nanawatai hingegen erklärt, warum Korangelehrte Polizisten, Soldaten und Regierungsbeamten verzeihen, die bei der ersten (und einzigen) Warnung ihre Waffen niederlegen und die Seiten wechseln. Und die Turah ist die Säule, die die Paschtunen seit der Zeit Alexanders des Großen dazu gebracht hat, ihr Land mit einem einzigartigen und unbedingten Sinn für Selbstaufopferung zu verteidigen.

Das schreckliche nyaw aw Badal hingegen ist das Scharnier, das all die Grausamkeiten legitimiert, die die Taliban gegen Feinde begehen, die sich nicht ergeben oder ihren Glauben verleugnen: von der Steinigung bis zum Hängen, von der Folter bis zur Vergewaltigung. Nyaw aw Badal ist der Grund dafür, dass der letzte Präsident der Demokratischen Republik Afghanistan bei lebendigem Leibe gehäutet und anschließend im Zentrum von Kabul erhängt wurde. Nyaw aw Badal erklärt, warum eine Vielzahl von Afghanen versuchen, das Land zu verlassen, und warum viele andere auf Befehl von Taliban-Gerichten hingerichtet werden, wo es weder Kameras noch Zeugen gibt.

Der Glaube der Taliban

Der Paschtune, der gewaltige Hirtenkrieger, der im Laufe der Jahrhunderte die Mazedonier, die Briten, die Sowjets und die Amerikaner besiegte und Afghanistan zum Friedhof der Imperien machte, lebt nicht nur nach den ungeschriebenen Regeln des Paschtunwali, sondern auch nach der strikten Befolgung der Diktate der Imame und der Ulema der Deobandi-Schule.

Der Deobandismus (der Islam des Deobandismus beinhaltet eine absolute Antihaltung gegenüber allem Westlichen und Vorislamischen) hat seinen Ursprung in der Zeit der antikolonialistischen Kämpfe im 19. Jahrhundert im heutigen Indien. Ihre Gründer, zu denen Fazlur Rahman Usmani, Mehtab Ali, Nehal Ahmad, Muhammad Qasim Nanautavi und Sayyid Muhammad Abid gehörten, waren der Ansicht, dass die britische Kolonisierung des Subkontinents einen Prozess der Dekadenz der Sitten und Gebräuche mit einer völligen De-Islamisierung als Endergebnis zur Folge haben würde. Ein Szenario, dem die indischen Muslime nur auf eine Weise entkommen konnten: durch die Schaffung eines neuen, strengeren, reineren, ethnozentrischeren und vor allem antiimperialistischeren Islam.

Diese Art von Islam, die der zivilisatorischen Kolonisierung durch die britischen Besatzer widerstehen sollte, wurde in der 1866 in Deoband, Uttar Pradesh, gegründeten Darul Uloom Deoband-Schule geformt, von der sie ihren Namen hat. Beeinflusst vom Hanafismus, Maturidismus und vom Sufismus abgeleiteten Praktiken, lud der Deobandismus die Gläubigen dazu ein, den Islam als den einzigen Glauben der Altvorderen, der Vorfahren (al-salaf al-ṣāliḥīn) zu erleben – was große Ähnlichkeit mit dem Wahhabismus aufweist – und durchlief eine erste Expansionsphase, die bis zum ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts andauerte und sich zwischen Mekka und Kuala Lumpur bewegte.

Im Laufe der Zeit setzten sich jedoch der ethnozentrische Faktor, die Betonung der Rückkehr zu den Ursprüngen und die zentrale Bedeutung des antiimperialistischen Ansatzes gegenüber Universalismus und Mäßigung durch und führten schließlich zu einer Radikalisierung dieser interessanten und faszinierenden deobandistischen Denkschule.

Die Radikalisierung der Deobandi-Lehren ist ein Phänomen, das der Entstehung des Afghanistan-Problems und damit der Mudschaheddin und der Taliban vorausging und zum Teil auch damit einherging. Wurde der Feind zum Zeitpunkt der Gründung durch die Briten repräsentiert, so wurde er im Laufe des Kalten Krieges zur Sowjetunion. Und die Muslime, die den Imperialismus nicht akzeptieren, ob 1979 oder 1866, werden im Deobandismus immer einen Anker finden, an den sie sich klammern können, um der überwältigenden Kraft der Gleichschaltung durch Verwestlichung zu widerstehen und ihren Glauben und ihre Ethnie zu verteidigen.

Letztlich überwanden die Taliban die ethnisch-stammesmäßige Zersplitterung Afghanistans, indem sie sich auf die Bindekräfte der Kultur (Paschtunwali) und Religion (Deobandi) verließen. Diese beiden Faktoren des Zusammenhalts ermöglichten es ihnen einerseits, die Errichtung eines ebenso geschlossenen (paschtunischen) wie offenen (islamischen) Emirats zu legitimieren, und andererseits, die Jahre der euro-amerikanischen Besatzung zu überstehen, indem sie sich in den Bergen und auf dem Lande niederließen und vermehrten, von wo aus sie geduldig die Rückeroberung des gesamten Landes vorbereiteten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „InsideOver“-Seite https://it.insideover.com/politica/i-talebani-oltre-gli-stereotipi-e-le-apparenze.html?

Wir danken Emanuel Pietrobon für die Veröffentlichungserlaubnis.

Emanuel Pietrobon wurde 1992 geboren und schloss sein Studium der internationalen Wissenschaften, der Entwicklungs- und Kooperationswissenschaften an der Universität Turin mit einer experimentellen Arbeit mit dem Titel „Die Kunst des geheimen Krieges“ ab, die sich mit der Schaffung von und der Verteidigung gegen kontrolliertes Chaos befasste. An derselben Universität spezialisiert er sich auf „Area and Global Studies for Development Cooperation – Focus former Soviet world“. Seine Hauptinteressengebiete sind die Geopolitik der Religion, hybride Kriege und die russische Welt, die ihn im Laufe der Jahre zu Studien-, Arbeits- und Forschungsaufenthalten in Polen, Rumänien und Russland geführt haben.
Er schreibt für und arbeitet mit L’Intellettuale Dissidente, Opinio Juris – Law & Political Review, Vision and Global Trends, ASRIE, Geopolitical News. Seine Analysen wurden übersetzt und im Ausland veröffentlicht, z. B. in Bulgarien, Deutschland, Rumänien und Russland.

Der flüchtige Charme des Linksnationalismus

von Winfried Knörzer

Der flüchtige Charme des Linksnationalismus

Der Linksnationalismus vereint Elemente und Denkansätze politischer Richtungen, die gemeinhin als gegensätzlich und inkompatibel erachtet werden. Diese complexio oppositorum verleiht ihm einen hohen geistigen Reiz, der ihn insbesondere für nonkonforme, unkonventionelle Intellektuelle anziehend macht. Ein derartiges Mischwesen wird in der Kunstgeschichte als Chimäre bezeichnet, ein Ausdruck, der in der Alltagssprache nicht zu Unrecht für Gebilde verwendet wird, die den Charakter des Unwirklichen aufweisen. Das Schicksal dieser Fabelwesen ist, daß sie sich, wenn sie durch irgendeinen Zauber sich materialisieren und in der Realität erscheinen, binnen kurzem in Luft auflösen.

Ich will hier nicht abstrakte Deduktionen entwickeln, auch nicht abstreiten, daß eventuell doch anderes möglich sein könnte, sondern nur das analysieren, was sich tatsächlich ereignet hat. Solange man sich im Elfenbeinturm der Theorie aufhält, kann vieles gedacht und geschrieben werden; nur in der politischen Wirklichkeit zeigt sich, welchen Wert eine politische Position besitzt. Man muß von der Tatsache ausgehen, daß links-nationalistische Gruppierungen immer eine kleine Minderheit gewesen sind. Sobald sie sich nicht mehr damit zufriedengaben, irgendwelche Abhandlungen und Traktate zu schreiben, sondern politisch handeln wollten, ereignete sich regelmäßig folgender Vorgang: Im Augenblick der Prüfung wird der Linksnationalismus in ein Scheidewasser getaucht, und die ursprüngliche, aber immer fragile Einheit löst sich auf. Die Bruchstücke des Linksnationalismus werden dann durch die Masse eines größeren Objekts angezogen und gehen in ihm auf. Der Linksnationalismus, zwar hell und glänzend wie ein Komet, erweist sich als zu klein, um selbständig seine Bahn zu ziehen, irgendwann gerät er ins Schwerefeld eines Planeten, taucht in seine Atmosphäre ein und verglüht. Ist die Linke stark genug und ist sie zu einem bestimmten Zeitpunkt, aus welchen Gründen auch immer, in gewisser Hinsicht national orientiert, wird diese den Linksnationalismus anziehen; der historisch häufigere Fall ist freilich der, daß der Linksnationalismus in den Bannkreis der Rechten gerät.1)

Was die erste Möglichkeit betrifft, so möchte ich nur auf den sogenannten Scheringer-Kurs der KPD verweisen. Die KPD war selbst nie wirklich national eingestellt, ihr fehlten hierzu alle Voraussetzungen; ausgestattet mit einem ideologisch wenig originellen und von den Persönlichkeiten her der Souveränität entbehrenden Führungskader, horchte sie stets, wie ein treuer Hund, auf die Stimme ihres Herrn, der KPdSU. Sie spielte die nationalistische Karte allein aus taktischen Gründen aus. Zum einen wollte sie dadurch Verwirrung ins Lager der Gegner tragen, einen Keil in die „konterrevolutionäre Front“ treiben. Zum anderen hatte sich gezeigt, daß sie mit ihren eigenen Kräften, nämlich Teilen der Arbeiterklasse, den großen Umsturz nicht bewerkstelligen konnte. Deshalb suchte sie neue Bündnispartner, teils zur Vergrößerung der Massenbasis, was vor allem ihre Agitation in bäuerlichen (Landvolkbewegung um 1930) und kleinbürgerlichen Kreisen betrifft, teils um wichtige Spezialisten („bürgerliche“ Theoretiker für die Propaganda, Offiziere für den Ausbau der militärischen Organisation) zu rekrutieren. Linke Nationalisten wie Richard Scheringer, Bodo Uhse, Bruno von Salomon, Beppo Römer, die zu der Überzeugung gelangt waren, daß das Bürgertum nicht zur nationalen Rettung beitragen könne, gerieten in den Bannkreis der KPD. Sobald sie sich aber dieser Partei anschlossen, waren sie der Parteilinie unterworfen und die Stimme ihres Nationalismus verhallte, als der Wind wieder drehte und die schwarz-weiß-roten Fahnen in der Dachkammer verstaut worden waren, ungehört in den Büros des Parteiapparates.

Die andere, historisch häufigere Möglichkeit, wird paradigmatisch vom frühen Faschismus verkörpert. Mussolini war vor Beginn des 1. Weltkrieges in der Sozialistischen Partei Italiens der führende Kopf des radikalen, revolutionären Flügels. Schon bald nach Kriegsausbruch befürwortete er einen Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Entente. Italien verhielt sich zu diesem Zeitpunkt neutral, obwohl es nominell mit den Mittelmächten verbunden war. Mussolinis Kriegsenthusiasmus speiste sich noch gar nicht aus eigentlich nationalistischen Motiven, sondern entstammte einer durchaus linken Strategie. Zum einen waren ihm die „reaktionären“ Mittelmächte zuwider, zum anderen aber erhoffte er vor allem, daß durch die kriegsbedingte Verschärfung der innenpolitischen Konstellation sich eine günstige Ausgangslage für den Ausbruch einer Revolution ergeben könnte. Durch seine bellizistische Propa-ganda entfremdete er sich freilich von der pazifistisch orientierten Partei und wurde schließlich ausgeschlossen. Mit einer Gruppe von Gleichgesinnten, den sogenannten Linksinterventionisten, gründete er, mit seiner Zeitschrift „Popolo d’ Italia“ als Zentrum, eine eigene politische Bewegung. Im Laufe der Zeit gewann er noch einige neue Bundesgenossen, die Futuristen (eine zahlenmäßig kleine, aber lautstarke und einflußreiche Gruppe moderner Künstler) und Angehörige von Elitetruppen (die „Arditi“, mentalitätsmäßig und physiognomisch den deutschen Freikorps vergleichbar), mit denen zusammen er im März 1919 den ersten „Fascio“ aus der Taufe hob. Dieser frühe Faschismus wäre – unter dem Stichwort Politsekten und Splitterparteien – als Fußnote in der italienischen Geschichte abgehakt worden, wenn es nicht zu kommunistischen Unruhen gekommen wäre. Um der drohenden kommunistischen Machtergreifung entgegenzutreten, bildeten sich, völlig unabhängig von der Mailänder Zentrale, vor allem auf dem Land lokale fasces,konterrevolutionäre Schutzbünde, die von den Großgrundbesitzern und örtlichen Honoratioren unterstützt und finanziert wurden. Um hier nicht völlig die Kontrolle zu verlieren und in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, sprang Mussolini auf den fahrenden Zug auf, was aber bedeutete, daß er sich einer, von einem völlig anderen Menschenschlag getragenen und von völlig anderen Voraussetzungen ausgehenden Bewegung anpassen mußte. Binnen zweier Jahre hatte sich dadurch der Faschismus völlig gewandelt: aus einer revolutionären, antibürgerlichen, gemäßigt sozialistischen, linksnationalistischen Bewegung war eine konterrevolutionäre, das Bürgertum unterstützende, rechtsnationalistische Partei geworden. Eine ähnliche Entwicklung wie Mussolini machte in Deutschland Ernst Niekisch durch. Beide trafen sich übrigens Mitte der dreißiger Jahre, wobei sie in ihrem Gespräch auch die gemeinsame marxistische Vergangenheit würdigten. Mussolini sagte zu Niekisch: „Nicht wahr, man muß durch die Schule des Marxismus gegangen sein, um ein wahres Verständnis für die politischen Realitäten zu besitzen. Wer die Schule des historischen Materialismus nicht durchschritten hat, bleibt immer nur ein Ideologe.“2) Niekisch hatte in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre – er war zu diesem Zeitpunkt noch sozialdemokratischer Funktionär – eine unorthodoxe, linksnationalistische Konzeption aufgestellt. Die Knechtung Deutschlands durch die bürgerlichen Siegermächte in Gestalt des Versailler Vertrages beeinträchtige unmittelbar die Lebenschancen der deutschen Arbeiterschaft. Das Bürgertum erweise sich als unfähig oder unwillig, gegen diesen Zustand anzukämpfen. Deswegen zog er die Konsequenz, daß der soziale Kampf der Arbeiterklasse mit dem nationalen Befreiungskampf Hand in Hand gehen müsse. Verständlicherweise stieß er mit diesen Vorstellungen in der Sozialdemokratie auf taube Ohren. Auf der Suche nach einer organisatorischen Basis als Transmissionsriemen für seine Ideen wandte er sich zunächst einer national eingestellten Gruppe von Jungsozialisten, dem Hofgeismarkreis, und einer auf Sachsen beschränkten Rechtsabspaltung der SPD, der Altsozialdemokratischen Partei, zu. Beiden Gruppierungen war aber kein langes Leben beschieden. Unter gleichzeitiger Radikalisierung seines Kurses in Richtung eines reinen Nationalismus3) geriet Niekisch immer mehr ins Fahrwasser der authentischen Rechten. Er stützte sich, neben Rechtsintellektuellen wie den Gebrüdern Jünger, Albrecht Erich Günther, Franz Schauwecker, Alfred Bäumler, auf Gruppierungen aus dem Milieu ehemaliger Freikorpsverbände und der bündischen Jugend. Ende der zwanziger Jahre war diese Entwicklung abgeschlossen. Blättert man in den Heften seiner Zeitschrift „Widerstand“, so unterscheidet sie sich, sieht man von der Radikalität des auf die Spitze getriebenen Nationalismus ab, in nichts von anderen typisch rechten Publikationsorganen. Man findet Anzeigen des hauseigenen Widerstandsverlages, in dem Bücher bürgerlich-konservativer Autoren wie Othmar Spann und Wilhelm Stapel veröffentlicht werden. Anzeigen von Kriegserinnerungen und Ludendorff-Büchern, positive Rezensionen von Bismarck-Biographien und rassekundlichen Werken, antipazifistische und antisemitische Glossen, usw.

Entgegen den Behauptungen der in den letzten Jahren populär gewordenen Untersuchungen zum Prozeß des „nation building“ ist von der Ursprünglichkeit einer tiefverwurzelten Liebe zum Eigenen (Autophilie) auszugehen. Dieses gemeinsame Eigene ist im wesentlichen die Heimat. Deren Begriffsumfang variiert naturgemäß. Aufgrund fehlender Verkehrs- und Kommunikationsmöglichkeiten bezog er sich in früheren Zeiten zwangsläufig auf die unmittelbare Umgebung: Sippe, Dorf und Stadt, Landstrich. Erst durch die Fortschritte in Kommunikations- und Verkehrstechnik, aber auch durch den Bedeutungszuwachs abstrakt-idealistischer Sozialisationstechniken, jetzt über die Bildung, nicht mehr durchs unmittelbare Erleben vermittelt, durch das Bewußtwerden sprachlicher, kultureller und geschichtlicher Gemeinsamkeiten wurde die Ausdehnung dieses Heimatgefühles auf das ganze Vaterland im 18. und 19. Jahrhundert ermöglicht. Diese Ausdehnung des ursprünglichen Heimatgefühls auf das ganze Vaterland wird im allgemeinen Patriotismus genannt. Der Patriotismus ist ein noch vorpolitischer Motivationskomplex. Nationalismus entsteht, wenn der Patriotismus politisch wird, sich also als Bewegung gegen innere oder äußere Feinde wendet. Die Unterscheidung Patriotismus/Nationalismus entspricht der von Karl Mannheim getroffenen Unterscheidung von Traditionalismus und Konservativismus. Traditionalismus ist das vorpolitische, gleichsam unbewußte Verhaftetsein an überlieferte Sitten und Gebräuche, Konservativismus die bewußte, politische und kämpferische Bewegung gegen die Moderne.

Dieser ursprüngliche und natürliche Patriotismus gehört zum Wesen des ursprünglichen Menschen, ist Teil seines natürlichen Empfindens. Das natürliche Antriebspotential wird aber immer von darüber gelagerten Tendenzen modifiziert und überformt. Dies kann dazu führen, daß der autophile Partialtrieb sich auf andere Objekte verschiebt, beispielsweise nicht auf die Nation als solche, sondern nur auf die Fußballnationalmannschaft. Je mehr ein Mensch in bestimmte soziale Zusammenhänge eingespannt ist, desto stärker wird sich eine diesbezügliche Gruppensolidarität ausprägen, die dann an die Stelle der ursprünglichen Autophilie tritt. Die Zugehörigkeit zu Parteien oder anderen Gruppierungen ist dann der primäre motivierende Faktor. Hier öffnet sich eine Schere zwischen der sozio-kulturell überformten Gruppensolidarität und der ursprünglichen Autophilie, die sich in einen Interessenskonflikt zwischen dem „Parteigänger“ und dem Durchschnittsbürger zeigt. Besonders deutlich wurde dies während der mitteldeutschen Revolution. Während die Intellektuellen sich an komplizierten und weltfremden Modellen eines „dritten Weges“ berauschten, wollte das Volk die Wiedervereinigung. Ein weiteres, für unseren Zusammenhang noch prägnanteres Beispiel:

Im Frühjahr 1921 besetzten polnische Insurgenten weite Teile Oberschlesiens. Die deutsche Bevölkerung Oberschlesiens wurde von der die Reaktion des Auslands fürchtenden Reichsregierung im Stich gelassen. Gegen den Widerstand der offiziellen Stellen gelang es dennoch Freikorpstruppen, nach Oberschlesien durchzustoßen und den polnischen Angriff zurückzuschlagen. Die Truppenverbände wurden auf ihrer Fahrt nach Oberschlesien durch kommunistische und sozialdemokratische Bahnbedienstete massiv behindert, größeren Einheiten wurden sogar von der SiPo (Sicherheitspolizei) der sozialdemokratischen preußischen Landesregierung der Vormarsch verwehrt. Dagegen kämpften in den oberschlesischen Städten kommunistische und sozialdemokratische Arbeiter Seite an Seite mit den nationalistischen „rechten“ Freikorpssoldaten. Während hier also bei den unmittelbar Beteiligten sich die Autophilie Bahn brach, also das Antriebspotential sich gegenüber der parteimäßigen, soziokulturellen Überformung durchsetzte, überwog bei den Linken im Reichsgebiet die Parteibindung, weil diese ja in ihrem Handeln nicht durch die Bindung an die gefährdete Heimat bestimmt wurden.

Dieses Beispiel „proletarischer Heimatverteidigung“ verdient höchste Bewunderung, als Indiz für das Vorhandensein eines Linksnationalismus taugt es freilich nicht. Der Widerstand gegen die polnische Invasion ist Ausdruck der ursprünglichen Autophilie und nicht Resultat einer dezidiert politischen Einstellung. Wie der Riese Antaios bezieht diese Haltung ihre Kraft aus dem heimischen Boden und sie schwindet darum proportional mit der räumlichen Entfernung vom Ausgangspunkt und zeitlich mit dem Nachlassen der akuten Bedrohung. Dagegen sind die Freikorpssoldaten, die teilweise sogar aus dem fernen Österreich angerückt waren, „echte“ Nationalisten, weil für sie der „Aufbruch der Nation“, unabhängig von Raum und Anlaß, ein ihr Leben bestimmender Hauptmotivationsfaktor ist. Dieser Heimatkampf ist also weder links noch nationalistisch, weil er von Triebkräften motiviert ist, die Motivationsbereichen entstammen, in welche die politischen Unterscheidungen nicht hineinreichen.

Man wird vielleicht gegen diese Ausführungen einwenden, daß es doch durchaus erfolgreiche linksnationalistische Bewegungen gegeben habe, man denke etwa an Kuba und Vietnam, Nasser, die Baath-Partei, evtl, auch an die IRA. Dazu ist folgendes zu sagen:

Erstens ist zu fragen, ob für diese Bewegungen die Nation wirklich die zentrale Bezugsgröße und den höchsten politischen Wert darstellt. Meines Erachtens ist vielmehr in diesen Ländern die sozialistisch-kommunistische Revolution das Entscheidende. Die Nation gibt nur den territorialen Bezugsrahmen für das revolutionäre Projekt an, wobei in einem zweiten Schritt angestrebt wird, das eigene Modell über die Landesgrenzen hinauszutragen (vgl. das bolivianische Experiment Che Guevaras, die Ausdehnung kommunistischer Herrschaft auf Kambodscha und Laos).

Zweitens muß dieser Linksnationalismus im Zusammenhang mit dem antikolonialistischen Befreiungskampf gesehen werden. Um sich von den Kolonialmächten bzw. den von diesen eingerichteten Statthalterregimes zu emanzipieren, gab es zunächst einmal kein anderes zu befreiendes Objekt als die Nation. Zuerst mußte nach außen hin die Souveränität über das eigene Territorium hergestellt werden, um dann im Innern die sozialistische Revolution zu verwirklichen.

Eine solche, für die Dritte Welt charakteristische Konstellation läßt sich nur mit Mühe für die BRD konstruieren. Man würde in grotesker Weise den Sinn für Proportionen verlieren, wollte man die Bundesrepublik ernsthaft und nicht in einem für propagandistische Zwecke durchaus nützlichen, polemisch-metaphorischen Sinn – als Bananenrepublik bezeichnen. Es besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen der kulturellen Kolonisierung (ist nicht bereits dieser Ausdruck schon eine Metapher?) durch McDonald’s und Hollywood und der tatsächlichen Kolonisierung, wie sie im 19. Jahrhundert stattgefunden hat. Jeder hat die Freiheit, statt eines Hamburgers ein Wurstbrot zu essen und statt Spielberg anzuschauen Goethe zu lesen; die Neger aber mußten die britische Flagge grüßen und in den Bergwerken und Plantagen für die weißen Herren schuften. Deshalb ist es originären Linken wie Linksnationalisten auch nie gelungen, dem Volk glaubhaft zu machen, in einer amerikanischen Kolonie zu leben. Diese These, auch wenn sie ein gutes Stück Wahrheit enthält, entspricht weniger den Tatsachen als vielmehr dem Bedürfnis, den befreiungsnationalistischen Impuls auf Deutschland zu übertragen. Man hat eben einfach einen Feind nötig, um sich von etwas befreien zu können. Dies aber ist nur ein reaktiver Nationalismus. Wahrer Nationalismus hingegen besteht aus dem Glauben an die Nation, nicht in der Abgrenzung vom Anderen, sondern im Man-Selbst-Sein, in der Verwirklichung des Eigenen.

Drittens: Weil es in diesen „jungen Staaten“ kein bereits fest etabliertes Parteiensystem gibt, kann der Linksnationalismus gar nicht zwischen den mächtigen Blöcken links und rechts zerrieben werden.

Die Linke und die rechte Einstellung zur Nation unterscheidet sich durch die gegensätzliche Gewichtung des Zweck/Mittel-Verhältnisses. Für die nationalistische Rechte4) ist die Nation immer Zweck und eine sozialistische „linke“ Methodik Mittel zum Zweck (um die Arbeiterschaft in den Staat zu integrieren und eine wahre Volksgemeinschaft zu schaffen bzw. um im Sinne einer „totalen Mobilmachung“ die Wirtschaft dem Willen des Staates zu unterwerfen). Für die Linke dagegen ist die Berufung auf die Nation zumeist nur ein Mittel, um in einer konkreten historischen Situation bestimmte Ziele zu erreichen. Sie geht hierbei von der Frage aus: Wer ist der Hauptfeind, kann er durch ein nationalistisches Engagement wirkungsvoll getroffen werden? Alle ernsthaften linksnationalistischen Unternehmungen haben immer im Umkreis antiimperialistischer Kämpfe stattgefunden: im Ruhrkampf 1923 sollte die Invasion des französischen Imperialismus abgewehrt und während der Nachrüstungsdebatte Anfang der achtziger Jahre entstand eine linke nationalpazifistische Fraktion, um dem amerikanischen Imperialismus Paroli zu bieten. Eine solche Situation, in der die eigene Nation zum Objekt einer fremden imperialistischen Macht wird, eröffnet für die Linken die Möglichkeit einer nationalistischen Orientierung, weil angesichts der Gefahr des Sieges des Imperialismus und der Etablierung massiver und manifest militärisch gestützter Herrschaftsformen, die eine noch drückendere Ausbeutung der heimischen Arbeiterklasse befürchten lassen, das Zusammengehen mit nationalistischen Kräften als das kleinere Übel erscheint.

Auf der Basis dieser Konstellation wäre es durchaus denkbar, „ein Stück Wegs“ (Graf Reventlov) gemeinsam zurückzulegen. Aber diese Konstellation ist nicht mehr gegeben. Die Linke hat die Stoßrichtung gegen Kapitalismus und Imperialismus ad acta gelegt und bekämpft stattdessen im Namen eines moralischen Universalismus den Nationalismus. Die Linke im klassischen Sinne als Repräsentantin der Arbeiterklasse existiert nicht mehr. Vom Arbeiter, den sie einst als einen auf die Erde herabgestiegenen Gott verehrte, spricht sie heute nur noch mit Ausdrücken der Verachtung – er ist für sie zum Stammtischproleten herabgesunken. Die Linke hat mit dem Kapitalismus Frieden geschlossen, sie ist heute integraler Bestandteil eines riesigen „juste milieu“, das die klassische Aufforderung zum „enrichez-vous“ mit dem vergangenheitsbewältigenden, asylbejahenden, etc. Lack einer „Hypermoral“ (A. Gehlen) gewissensentlastend überzieht. In diesem ebenso ökonomistischen wie moralistischen Weltbild finden Kollektivsubjekte, sei dies nun die Nation oder die Arbeiterklasse, keinen Platz mehr. Der Individualismus entkleidet den Menschen von seinen gruppenbezogenen Eigenschaften; in ihrer reinen abstrakten Eigenschaft des Mensch-Seins erscheinen dann alle Menschen als gleich. Für den, der dies glaubt, gibt es keinen prinzipiellen Grund, einen arbeitslosen Deutschen einem hungernden Inder vorzuziehen, da ja beide gleichermaßen Menschen sind. Mit der Aufgabe des Kampfes gegen den Kapitalismus, den die Linke nicht mehr abschaffen, sondern nur noch ökologisch und klientelspezifisch (Privilegierung von Frauen, Homosexuellen, Radfahrern, usw.) einhegen will, ist einer Zusammenarbeit von links und rechts der Boden entzogen worden.

Der Kapitalismus ist die eigentliche internationalistische Kraft, die alle nationalen Besonderheiten auflöst und das Eigene durch ein weltweit gleichförmiges Warenangebot ersetzt. Der moralische Universalismus ist sein ideologischer Reflex. So wie der Kapitalismus die sozialen Beziehungen auf abstrakte Tauschverhältnisse reduziert, so reduziert der moralische Universalismus die historisch tradierte,konkrete Vielfalt des Menschlichen auf ein abstraktes Rechtsverhältnis. Der moralische Universalismus ist die Goldkette, mit der das internationale Kapital die Linke an sich fesselt. Ein Linksnationaler muß diese Kette zerbrechen, um zur Nation zu finden. In den Reihen der Nationalisten wird ihm der deutsche Arbeiter und die „antikapitalistische Sehnsucht“ (Strasser) wiederbegegnen, von dem sich die heutige liberalextremistische Linke verabschiedet hat. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus kann der Kampf gegen den Kapitalismus nur noch von rechts, von einer nationalistischen Position aus vorangetragen werden.

1) Es sind schon unzählige Abhandlungen über die Unterscheidung von links und rechts geschrieben worden. Angesichts der Unmöglichkeit, unumstößliche Unterscheidungsmerkmale zu finden, haben in ihrer Verzweiflung einige den Vorschlag gemacht, die Begriffe „links“ und „rechts“ überhaupt fallenzulassen. Die meisten Menschen scheren sich aber nicht um derartige analytische Schwierigkeiten und verorten ihren eigenen politischen Standort ohne nennenswerte Probleme im Links/Rechts-Schema. Diese Einordnung verdankt sich nicht einer bewußten Verstandestätigkeit – etwa durch den Abgleich mit einer im Kopf gespeicherten Tabelle doktrinärer Aussagen; sondern durch ein gleichsam ästhetisches, begriffsloses Erkennen. Wer beispielsweise politisches Propagandamaterial in einer Fußgängerzone verteilt, wird nicht wahllos alle Passanten ansprechen, sondern nur die, von denen er vermutet, daß sie für die eigene Botschaft empfänglich sein könnten. Teilweise minimale Signale, die Haartracht, Kleidung, Gesichtsausdruck, Gangart aussenden, fügen sich zum Bild eines Persönlichkeitsprofils, dem eine entsprechende politische Einstellung korrespondiert. Mit anderen Worten: Die meisten Menschen wissen bzw. spüren sehr genau, was links und rechts ist, weshalb es für mich keinen Grund gibt, von diesem alltäglichen Verständnis abzuweichen.

2)Ernst Niekisch: Gewagtes Leben. Begegnungen und Begebnisse. Berlin, Köln, 1958, S. 263, Neuauflage im Bublies Verlag.

3)Unter reinem Nationalismus verstehe ich ein Haltung, welche die Nation zum alleinigen und ausschließlichen Kriterium politischen Denkens und Handelns macht und alle anderen Lebensbereiche wie Kultur, Wirtschaft, Ethik, usw. den Erfordernissen des nationalen Gesichtspunktes unterordnet.

4)Es gibt natürlich auch eine internationalistische Rechte, die uns hier aber nicht interessieren muß: der feudale Internationalismus der aristokratischen Standessolidarität (Metternich und die Heilige Allianz), die nationenübergreifende Glaubensgemeinschaft des politischen Katholizismus, der abendländisch-konservative oder neurechte Europamythos.

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Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Die Neuerscheinung im Juni2021: „Farben der Macht“ von Dr. Winfried Knörzer im Lindenbaum Verlag. Hier können Sie es direkt beim Verlag versandkostenfrei bestellen: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/farben-der-macht-der-rechte-blick-auf-die-gesellschaft-der-gleichen-winfried-knoerzer/

Vom Nationalstaat zum Gesinnungsstaat

von Klaus Kunze

Vom Nationalstaat zum Gesinnungsstaat

2013 nahm Merkel bei einer CDU-Wahlparty ihrem Generalsekretär Hermann Gröhe ein schwarz-rot-goldenes Fähnchen aus der Hand. Es sollte nicht mit aufs Bild. Das war kein Ausrutscher der Kanzlerin. Die Funktionärskaste der Union hat sich vom deutschen Volk verabschiedet. Sie macht sich dadurch koalitionskompatibel zu den notorischen Deutschlandhassern linker Parteien.

2013 nahm Merkel ihrem Staatssekretär das Deutschlandfähnchen ab (Bild: ZdF)

„Wenn der Regierung ihr Volk nicht mehr paßt“, hatte schon Berthold Brecht gespottet, könne sie es ja auflösen und sich ein neues auswählen. Diese grausige Satire ist heute Realität und Regierungspolitik. Dabei geht es nicht etwa um das juristische Staatsvolk. Aufgelöst  wird heute dasjenige deutsche Volk, das sich das Grundgesetz als Verfassung 1949 gegeben hat. Das deutsche Volk war schon vor der Verfassung da.

Es soll sie nicht überleben, so lautet der Plan. Wer das deutsche Volk als ethnische Größe erhalten möchte, setzt sich nach Ansicht regierungsamtlicher Verfassungsschützer und des OVG Berlin bereits dem absurden Verdacht aus, ein Verfassungsfeind zu sein:

Die vom Verwaltungsgericht erkannte zentrale Zielsetzung des Klägers einer Erhaltung des deutschen Volkes in seiner ethnokulturellen Identität, die er explizit im Grundgesetz verankert sehen wolle, habe er ebenso wenig in Abrede gestellt wie die Feststellung, daß diesem Verständnis der Sache nach ein völkisch-abstammungsmäßiger Volksbegriff zu Grunde liege. Ein solcher Volksbegriff verstoße jedoch gegen die Menschenwürde, denn Art. 1 Abs. 1 GG umfasse die prinzipielle Gleichheit aller Menschen, ungeachtet aller tatsächlich bestehenden Unterschiede.

Pressemitteilung OVG Berlin vom 29.6.2021 zu Beschluß vom 23.6.2021 – OVG 1 N 96/20 –. Vergleiche dazu eingehend hier.

Was man sich an Stammtischen der Union gar nicht vorstellen kann, löst bei Grünen und anderen Linksextremisten Sehnsüchte aus. „Deutschland verrecke!“ schreibt man da zuweilen auf Häuserwände oder Fahnen, unter denen auch Grüne, Gewerkschaftler, Sozialdemokratren und andere „Antifaschisten mitmarschieren. Der deutsche Michel in seiner Stammtischvariante von der Unionsbasis merkt nicht, was geschieht. Es geschieht nämlich zu langsam für sein Wahrnehmungsvermögen.

Dabei ist die Transformierung des deutschen Volkes in eine multikulturelle Bevölkerung in vollem Gange. Sie vollzieht sich im Takt der Generationenwechsel. Die störenden alten weißen Männer sterben weg und werden durch buntgemischten Nachzug ersetzt. Weil ein Rest- oder Kernbestand an Deutschen aber durchaus vorhanden ist, genügt das nicht zur Abschaffung der Deutschen.

Das strategische Ziel der Abschaffer besteht nämlich nicht in einer biologischen Endlösung der deutschen Frage. Sie besteht darin, sich nicht mehr als deutsches Volk zu verstehen.

Die historische Dimension des Geschehens

Um das Geschehen in seiner historischen Dimension richtig zu erfassen und zu analysieren, muß man das Entstehen und Vergehen von Völkern langfristig betrachten. Menschengruppen handelten und handeln nämlich nicht zwangsläufig nach den Regeln einer Abstammungsgemeinschaft, die dem Volksbegriff seit dem 19. Jahrhundert zugrundeliegt.

Es gibt auch andere Modelle. Sie bilden die Vorbilder für die derzeitige Transformation der Deutschen in eine Gesinnungsgemeinschaft. Solchen Kultgemeinschaften gehört nur der Rechtgläubige an. Oswald Spengler hatte vor hundert Jahren ausgiebig nachgewiesen, wie Völker entstanden und untergingen. Sie gingen gewöhnlich nicht durch Ausrottung unter, sondern indem sie sich selbst nicht mehr als Volk verstanden haben. Aus übrig gebliebenen Völkerresten bildeten sich zuletzt Kultgemeinschaften, so wie der Islam sich aus diversen Stammesresten machtvoll formierte.

Arnold Gehlen setzte diese Analyse fort und erkannte den Zusammenhang zwischen den antiken Großreichen wie im Hellenismus und dem Römischen Reich. Dieses ebnete Stammes- und Völkergrenzen ein. Zu seinem Zusammenhalt bedurfte es einer Art globalistischer Ersatzideologie. Sie relativierte die Bedeutung der urwüchsigen Volks- und Stammeszugehörigkeiten. Die Zeit der eigentümlichen Stämme war von Gallien bis Ägypten abgelaufen. Wie heute die Paßdeutschen, vermehrten sich die eingebürgerten Römer und übertrafen endlich die ursprünglichen an Zahl. Die Endphase des Römischen Reiches sah entnationalisierte Bevölkerungen. Die fellachisierten Massen bildeten keine geschichtlichen Subjekte mehr.

Die Nachkommen der alten Völker und Stämme waren dabei keineswegs verschwunden. Ohne eigenen Staat, eigene Sprache, eigenen König und eigene Kultur war aber das Bewußtsein vergangen, unverbrüchlich zusammenzugehören. In ihren Städten vermischten sie sich. Zu kollektivem Handeln waren sie nicht mehr fähig. Statt dessen bildeten sich auf dem Boden des zerfallenden Römischen Reiches religiöse Kultgruppen heraus und stifteten neues Zusammengehörigkeitsgefühl. Spengler machte darauf aufmerksam, wie in den Ostländern des Mittelmeeres von einer Generation zur anderen

die antiken Nationen unvermerkt verlöschen, während das magische Nationalgefühl sich immer mächtiger durchsetzt. Eine Nation magischen Stils ist die Gemeinschaft der Bekenner, der Verband aller, welche den rechten Weg zum Heil kennen und durch das idjma (1) dieses Glaubens innerlich verbunden sind.

Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, S.931. (2)

Bis heute gliedert sich der jetzt islamische Orient nicht in Kollektive, die sich als nationale Abstammungsgemeinschaft verstehen, sondern in teils verfeindete kultische Gemeinschaften.

Die Gemeinschaft der Rechtgläubigen

Die Endlösung der deutschen Frage besteht darin, das Bewußtsein kollektiven Handelns als Volk zu zerstören. Anstelle des nationalen Imperativs soll ein moralischer treten: das kollektive Bekenntnis zu einer Wertegemeinschaft. Ihre moderne Gottheit ist ein abstrakter Mensch an sich. Er trägt mit der “Würde” ein Attribut, das früher nur Gott zugemessen wurde. Aus dieser Idee wird eine kohärente Werteordnung abgeleitet und ergeben sich neue Rituale wie Kniefälle und Kranzniederlegungen und neue Symbole wie die Regenbogenfahne.

Je nach Aspekt mag man die neue Gesinnungsgemeinschaft und ihre Gläubigen als Gutmenschen bezeichnen, als Moralisten, oder auch als Ideologen. Ihr Kult trägt ethnologisch schon alle Merkmale einer Religion: einer „Zivilreligion“. Sie bedarf keines personalen Gottes: Die Buddhisten haben auch keinen. Wie jede Religion kennt sie auch schon ihre Ungläubigen, ihre Ketzer, ihre Verworfenen. Diese teuflischen Unholde nennt sie Nazis.

Um kollektive Interessen in der Welt geltend zu machen, bedarf es nicht unbedingt der Organisationsform einer Nation. Erst in der Neuzeit begann es,

daß dieses oder jenes Kollektiv die Nation und ihre entsprechende Organisationsform als das beste Mittel begreift, um seine Interessen geltend zu machen, wobei freilich ökonomische Interessenpolitik sich wirksam mit nationalistischen Ideologien verbinden könnte. Erscheint wiederum die Nation überholt, so muß sich das Kollektiv erweitern und sich für eine andere Form von politischer Einheit entscheiden.

Panajotis Kondylis, Die Zukunft der Nation, FAZ 26.10.1994.

Tonangebenden Leute zogen aus Deutschlands Zusammenbruch 1945 den Schluß, daß nationales Denken nicht geeignet war, ihre Interessen in der Welt zur Geltung zu bringen. Zielstrebig suchten sie Deutschland in einem supranationalen Europa und einer westlichen Wertegemeinschaft aufgehen zu lassen. Ihre Nachfolger vollenden die Auflösung, indem sie ein ethnisch deutsches Volk zu einer nicht mehr verfassungskonformen Zielsetzung erklären und es in eine multikulturelle Gesellschaft transformieren.

Im Lichte des neuen Multi-Kultus mit seiner Anbetung des Menschen-an-sich versteht sich die Innenpolitik als Ansiedlungs- und Umverteilungsinstrument, damit sich die Multis bei uns auch alle wohl fühlen;  Außenpolitik aber zielt auf ideologische Expansion ab. Auf keiner Auslandsreise läßt ein Minister sich entgehen, weltweit Beachtung der neuen ideologischen Prämissen „einzufordern“, was dann auch gern mit Fördermillionen unterstützt wird.

Abwendung von der Nation

Einer Familie und einem Volk anzugehören, empfand man früher als ethische Verpflichtung, beides zu schützen und zu bewahren. Wie jede Ideologie erzeugt auch die nationale ihre spezifischen Imperative: „Was auch immer werde, steh‘ zu deinem Volk!“

Hambacher Fest 1832: Wofür unsere Vorfahren gekämpft haben, die Einheit und Freiheit unserer deutschen Nation, soll endgültig getilgt werden.

Diese Werte wurden vom neuen Multi-Kult zu Unwerten erklärt. Sie tilgen den Begriff des Volkes aus der Liste der verbindlichen Werte und schaffen damit jenen nationalen Imperativ ab, der unsere Nation zweihundert Jahre lang zusammengehalten hat.

Die po­li­tisch brisante Frage lautet, ob kon­krete Kollektive bereit sind, not­falls un­ter Auf­bie­tung der dazu ge­eigneten Mytho­logeme, sich als Na­tion zu de­fi­nieren und im Na­men dieser Nation zu han­deln, also zu le­ben und zu ster­ben.

Panajotis Kondylis, Die Zukunft der Nation, FAZ 26.10.1994.

Der Multi-Kult beantwortet diese Frage mit einem klaren Nein. Seine Metaphysik ist gänzlich anders. Seine heile Welt ist der Gesinnungsstaat. Er wacht mit seinem Verfassungsschutz darüber, ob die Bürger seinen Werten auch den gehörigen Respekt entgegenbringen. Er stellt es unter Strafe, sein Böses zu „verharmlosen“. Er schafft Schwerpunktstaatsanwaltschaften gegen Anhänger nationaler Imperative und Wertvorstellungen. Solche Leute könnten nämlich die neuen Werte als Unwerte belächeln oder gar hassen und finden sich darum als „Haßkriminelle“ verfolgt. Weil sie sich nicht mehr frei äußern dürfen und gehorchen müssen, wen sie lieben müssen und was sie hassen dürfen, werden sie in absehbarer Zeit ausgeketzert haben. Bürgerliche verstummen am schnellsten. Sie eignen sich nicht als Märtyrer.

Der neue Multi-Kult weist bereits alle unangenehmen Begleiterscheinungen einer Kirche auf. Seine Gläubigen findet er weltweit, seine Ungläubigen aber auch vor seiner eigenen Haustür. Staatsangehörigkeiten und Volkszugehörigkeiten findet er unmaßgeblich: „Kein Mensch ist illegal!“ Wie eine Kirche versteht er sich als – noch inoffizieller – Personenverband der Rechtgläubigen, geeint im Glauben an den guten Menschen an sich. Spengler hat solche Kultgemeinschaften als magische Nation bezeichnet. Die „magische Nation“ verwirft die Abstammung als unterscheidendes Merkmal. (3)Die „magische Nation“ fällt „mit dem Begriff der Kirche schlechthin zusammen.“ (4)

Epochenwechsel

Oswald Spengler war seiner Zeit deutlich voraus, als er das konstruktive Element betonte, dessen eine funktionierende Nation bedarf. Lange vor dem heute modischen Konstruktivismus erkannte er, wo „das Volk“ wohnt: im Kopf der Menschen nämlich, nicht im Blut. Er nannte Völker darum seelische, ein anderer Begriff für konstruktive, Einheiten:

Völker sind weder sprachliche noch politische noch zoologische, sondern seelische Einheiten. (5)

Oswald Spengler

Wir werden Zeugen eines Epochenwechsels, in dem das deutsche Volk aus unserer „Seele“ und unserem Denken verschwinden soll. Begleitet von Masseneinwanderung und dem zahlenmäßigen Schrumpfen der Deutschen wird der Begriff „Deutscher“ auf die Staatsangehörigkeit verengt.

Alle Gruppen und Kollektive existieren nur insoweit und auch nur so­lange, wie sie von den handelnden Gruppenmitgliedern als Kollekti­ve tat­sächlich wahrgenom­men werden. Wenn die Einzelmitglieder der Gruppe aufhören, gruppenbezogen zu handeln, wenn der Wille, die Grup­pe zu bilden und die Gruppe bestehen zu lassen, erlischt, dann erlischt die Gruppe über­haupt. Eine Familie kann sich durch Schei­dung auflösen. Eine politische Partei kann durch Verbot aufge­löst werden. Auch die Mitglieder eines Vol­kes können ihr Volkstum vergessen.

„Völker sind eben nicht Gedanken Gottes, sondern handelnde Kollektive von Einzelmenschen, die im Kol­lektiv handeln wollen und das tatsächlich tun. Wenn der Wille zu ge­meinsamem Handeln und damit zur gemeinschaftlichen Existenz er­lischt, endet das Volk über­haupt. Völker sind nicht Gedanken Got­tes, sondern kol­lektive Gedanken vieler Menschen.

Klaus Kunze, Mut Zur Freiheit, 1995. (6)

Das zum Be­wußt­sein seiner selbst ge­kommene Volk bezeichnet die ro­manische Tra­dition als Nation: Nation sei ein tägliches Plebiszit. Ob eine

“Nation als politische oder auch kulturel­le Einheit erhal­ten bleibt, hängt nicht von ir­gend­ei­ner unwandelbaren Sub­stanz ab, die ihr inne­woh­­nen soll, sondern von den langfristigen Erfor­der­nis­sen der pla­ne­ta­rischen Lage, ge­nau­er: von der Art und Weise, wie die Ak­teure diese Erfordernisse be­greifen und sich darauf ein­stel­len.” (7)

Panajotis Kondylis, Die Zukunft der Nation, FAZ 26.10.1994.

Vorwärts in den Gottesstaat

In einem Gesinnungsstaat leben wir bereits. Was jemand ist, wird von seiner Gesinnung abhängig gemacht. Welcher gesellschaftliche Rang und Stellenwert ihm eingeräumt wird, hängt von seiner Glaubensstärke ab. Abweichler werden nicht geduldet.  Sie werden abgekanzelt und gesellschaftlich geächtet. Die Mikrofone der öffentlichen Aufmerksamkeit bleiben für sie stumm.

Die Klingen des Strafrechts werden bereits gewetzt. Konzerne wie VW entlassen Arbeiter, deren falsche Gesinnung auffällt. An Hauswänden prangen die Parolen und Gebote des neuen Glaubens.

Während sich die Aggressivität von Nationalstaaten zuweilen gegen andere Nationen oder Minderheiten im Innern wandte, steht dem der Gesinnungsstaat in nichts nach. Seine Außenpolitik richtet sich gegen Staaten Ungläubiger. Deren Regierungen nennt er Regime. Wenn sie sich nicht der Rechtgläubigkeit anpassen, setzt es „Sanktionen“: die Methode der moralischen Kanonenbootpoltik.

Andere Länder mit anderen Göttern oder Kulten nennt der Gesinnungsstaat gern „Gottesstaaten“. Die haben zwar auch eine Gesinnung, aber die falsche. Sie huldigen auch, aber zum Beispiel Allah und nicht dem Menschen an sich. Nationalstaaten können friedlich nebeneinander koexistieren. Für jeden Gesinnungsstaat aber ist ein Staat mit anderer Gesinnung ein ewiges Ärgernis, beweist er doch die Realativität und Vergänglichkeit aller Gesinnungen. Gesinnungsstaaten sind nicht friedlich. Sie verwandeln nur die bisherigen Völkerkriege in Bürgerkriege und machen sie dadurch besonders gnadenlos.

Im Innern richtet sich der Verfolgungsdruck erbarmungslos gegen seine eigenen Ungläubigen: Er nennt sie Haßkriminelle oder Verfassungsfeinde. Auch an bunter Gesinnung kann man einheitlich sein. Solange ein Gesinnungsstaat ideologisch nicht in sich homogen ist, gibt er keine Ruhe. Diese Homogenität erzeugt er durch ein ausgeklügeltes System öffentlich-rechtlicher Meinungslenkung, dessen Kosten die Gelenkten selbst zu bezahlen haben, denn Verweigerern droht Gefängnis.

Während ein Nationalstaat sich demokratisch verfassen und umfassende Freiheitsrechte einräumen kann, sind diese dem Gesinnungsstaat wesensfremd. Als störende Elemente werden sie nach und nach hinweginterpetiert. Am Wortlaut des Gesetzes muß man nichts ändern. „Haß ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!“, und was als Haß gilt, entscheiden unsere neuen Gesinnungswächter.

Der Nationalstaat kannte noch das Recht zur Auswanderung. Der Gesinnungsstaat aber tendiert zur Universalität. Vor ihm wird es dereinst global nirgendwo mehr ein Entrinnen geben.


(1) Übereinstimmende Meinung in Glaubensfragen, für den Islam siehe Wikipedia

(2) Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1918 in zwei Bänden, hier zitert nach der einbändigen Ausgabe (Text nach dem Druck von 1923), Anaconda-Verlag 2017, ISBN 978-3-7306-0453-3, S.931 = 2.Band, 2. Kap. III der Erstausgabe..

(3) Oswald Spengler, am angegebenen Ort, S.933.

(4) Oswald Spengler, am angegebenen Ort, S.931.

(5) Oswald Spengler, am angegebenen Ort, S.923.

(6) Klaus Kunze, Mut Zur Freiheit, 1995.

(7) Panajotis Kondylis, Die Zukunft der Nation, FAZ 26.10.1994.

Dieser Artikel erschien auch auf der stets sehr informativen Seite von Klaus Kunze:

Vom Nationalstaat zum Gesinnungsstaat

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Klaus Kunze



Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften wie u. a. die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT

Autor der Bücher:

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Was Volks- und Völkerkunde zur Klimadiskussion beitragen können

von Dr. Christian Böttger

Was Volks- und Völkerkunde zur Klimadiskussion beitragen können

Im Mai 2019 fand unter dem Titel: „Annalena Baerbock vor Ort“ eine Open-Air-Veranstaltung statt. Dort führte die Grünen-Politikerin, in freier Rede und etwas holprig, Folgendes aus:

Ich hab´ letztens gelesen, bei der BBC ist das so, die sagen, unsere öffentlichen Kanäle sind aufgrund von Fakten und Wissenschaft. Und z. B. Klimaleugner werden da in TV-Sendungen überhaupt nicht eingeladen, weil sie sagen: wir argumentieren hier auf der Grundlage von Fakten und wir geben denjenigen, die diese Fakten leugnen, kein Forum. Und ich glaube, daß sollte auch der Standard dann in öffentlichen Medien hier bei uns sein.“ (1)

Diese Einstellung bekräftigte sie noch einmal beim Kongreß des Verbandes der deutschen Zeitschriftenverleger im November des gleichen Jahres. Es dürfte klar sein, daß eine solche Haltung weder im Einklang mit dem Grundgesetz steht, noch mit der vielbeschworenen „Offenen Gesellschaft“ – ein Begriff, den man stets als Offenheit gegenüber Migranten fehlinterpretiert und nicht als Offenheit gegenüber Argumenten und Meinungen versteht, wie er ursprünglich gemeint war. (2) Allerdings ist dieses Postulat von Karl Popper (1902 – 1994) ohnehin nur theoretischer Natur, da jeder Gesellschaft die Tendenz zur ideologischen Geschlossenheit innewohnt. Die aktuellen Entwicklungen in der BRD sind das beste Beispiel dafür. Das betrifft vor allem eben auch die These vom menschengemachten Klimawandel.

Die Annahme, daß der CO2-Ausstoß einen Klimawandel bewirken könnte, ist nicht neu. Schon als Abiturient bin ich mit dieser Frage konfrontiert worden und ich habe dieses Problem damals nicht anders verarbeitet, als die Jünger von Greta Thunberg das heute tun. Ich sehe mich deshalb weit entfernt davon, ein „Klimaleugner“ zu sein, auch wenn mein Wissen heute wesentlich über meine damaligen Erkenntnisse hinausgeht. In einer Jahresarbeit im Fach Biologie schrieb ich 1973 dazu folgendes:

Eine bedeutende Nebenwirkung, die das in der Atmosphäre enthaltene Kohlendioxyd hervorruft, ist die Fähigkeit, den thermischen Zustand der Atmosphäre zu beeinflussen und somit unerwünschte Klimaveränderungen herbeizuführen. Kohlendioxyd besitzt die Fähigkeit, Sonnenstrahlen sehr intensiv zu absorbieren und wie das Glasdach eines Gewächshauses zu wirken. Es kann zwar von Sonnenlicht durchdrungen werden, ist aber nicht in der Lage, infrarote Wärmestrahlung nach außen gelangen zu lassen. Diese Tatsache wurde schon im vorigen Jahrhundert erkannt. Eine Verdopplung der Kohlendioxydmenge in der Atmosphäre würde eine Temperaturerhöhung um ca. 2 Grad C verursachen. Da aber schon eine Temperaturerhöhung von 4 – 5 Grad C die Eismassen der Erde zum Schmelzen bringen würde, könnte eine Erhöhung des Meereswasserspiegels die Folge sein.“ (3)

Im Gegensatz zu heutigen Darstellungen erwähnte ich damals aber noch gegenläufige Tendenzen durch den Ausstoß von industriellem Staub, das Abschirmvermögen des Staubes, der so eine Erdabkühlung begünstigen könnte. Und hinsichtlich des Schmelzens von Gletschern spielt der Staub auch eine Rolle, was die einseitige Sicht auf das CO2 relativiert:

Die Auswirkungen des Staubes können verschiedener Art sein. So ist uns bekannt, daß durch Staubablagerungen auf Gletschergebirgen der Reflexionsgrad vermindert wird, wobei eine stärkere Absorption der Sonnenstrahlen erfolgt. Die Folge davon wäre ein vorzeitiges Schmelzen der Eismassen.“ (4)

Es steht z. B. auch außer Frage, daß die weltweit stattfindenden Urbanisierungstendenzen und die damit einhergehende Schaffung von städtischen Wärmeinseln die Temperatur der unteren Atmosphäre verändert hat – ganz unabhängig vom CO2-Ausstoß.

All diese Sachverhalte spielen heute in der Diskussion gar keine Rolle mehr. Warum, weiß ich nicht. Ich werte das als ein deutliches Zeichen dafür, daß es gar nicht mehr um wissenschaftliche Auseinandersetzung, sondern nur noch um ideologische Selbstbehauptung verschiedenster Interessengruppen geht. Auch andere Tatsachen, wie der natürliche Klimawandel durch die verschiedenen Klimazyklen oder kosmische Strahlung werden nicht mehr erwähnt oder zu einer Randerscheinung erklärt. Die aufgezeigten Zitate belegen jedenfalls, daß ich mich mit diesem Thema schon zu einer Zeit beschäftigt habe, als an Annalena noch gar nicht zu denken war. Die von mir 1973 dargelegten Auffassungen waren damals geradezu „revolutionär“. Heute müßte die Wissenschaft aber schon weiter vorangeschritten sein und könnte neue Zusammenhänge aufzeigen, sollte man meinen.

Während meines Geschichtsstudiums von 1983 bis 1988 erfuhr ich ganz vage, wie negative Klimaveränderungen zu Völkerwanderungen und Bevölkerungsrückgang geführt haben könnten – und habe mir noch nichts dabei gedacht. Erst als 2010 ein ehemaliger sorbischer Kommilitone von mir, Peter Milan Jahn, seine Dissertation vorgelegt hat, wurde ich mit dem Phänomen der sog. „Kleinen Eiszeit“ konfrontiert. (5) Die politisch ausgerichtete Klimaforschung kennt zwar auch Begriffe wie Römisches Optimum, Mittelalterliche Warmzeit und Kleinen Eiszeit, leugnet allerdings ihre reale Existenz. Wie dies geschieht, kann man auf klimafakten.de ganz gut nachvollziehen. Dort lesen wir:

Erstens war die Mittelalterliche Warmzeit ein eher regionales Phänomen. Zwar gibt es in der Tat Belege dafür, dass damals Teile der Erde (etwa der Nordatlantik) wärmer waren als heute. Diese Erwärmung und der damit verbundene Rückgang des arktischen Eises ermöglichte es beispielsweise den Wikingern, weiter nach Norden zu fahren, als dies vorher denkbar gewesen wäre. Doch gleichzeitig war es an anderen Orten der Erde wesentlich kälter als heute, … Auch weitere Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass es keine Belege gibt für eine weltweite ‚Mittelalterliche Warmzeit‘ – ebenso wenig übrigens wie für eine weltweite ‚Kleine Eiszeit‘, die nach manchen Behauptungen danach stattgefunden haben soll.“ (6)

Diese Darstellungen eint meistens die Vorstellung, die Kleine Eiszeit habe nur partiell und auf der Nordhalbkugel stattgefunden, während es anderswo wärmer war. Doch in den letzten Jahren sind immer mehr Klimaforscher zu dem Ergebnis gekommen, daß die Kalt- und Warmzeiten weltweite Phänomene waren. Bei den Studien für mein Südafrika-Buch (7) bin ich u. a. auf die Forschungsergebnisse des großartigen südafrikanischen Historikers Thomas Huffman (*1944) von der Archäologischen Abteilung der Universität Witwatersrand gestoßen. Mit seinem Handbuch zur südafrikanischen Eisenzeit (200 n. Chr. – 1840) hat er 2007 ein gigantisches Werk von unschätzbarem Wert vorgelegt, an dem heute kein Autor, der zur Geschichte Südafrikas schreibt, vorbeikommt. Anknüpfend an die Forschungsergebnisse (8) des namhaften südafrikanischen Klimaforschers Peter Tyson, (Universität Witwatersrand) gelang es Huffman, die Bedeutung des permanenten Klimawandels für die Prozesse der Migration und Ethnogenese in Südafrika herauszuarbeiten:

Throughout the Iron Age, climatic fluctuations played a significant role in structuring human geography. When EIA people first entered southern Africa, the climate was warmer and wetter than today. Between about AD 700 to 900 the climate was colder and drier than at present, and EIA farmers would have retreated to more optimal areas. The climate became better again sometime during the Middle Iron Age, between AD 900 to 1300. At about AD 1700, however, the ‘Little Ice Age’ reached its nadir, and its impact upon human population was particularly severe.“ (9)

Während der gesamten Eisenzeit spielten Klimaschwankungen eine wichtige Rolle bei der Strukturierung der menschlichen Geographie. Als die Leute der Frühen Eisenzeit zum ersten Mal in das südliche Afrika eindrangen, war das Klima wärmer und feuchter als heute. Zwischen etwa 700 und 900 n. Chr. war das Klima kälter und trockener als heute, und die Landwirte der Frühen Eisenzeit hätten sich in optimalere Gebiete zurückgezogen. Das Klima wurde irgendwann in der mittleren Eisenzeit zwischen 900 und 1300 n. Chr. wieder besser. Um 1700 n. Chr. erreichte die ‚Kleine Eiszeit‘ jedoch ihren Tiefpunkt, und ihre Auswirkungen auf die menschliche Bevölkerung waren besonders gravierend.“ (Übers. C. B.)

Zu diesen gravierenden Auswirkungen gehörte, daß ganze Landstriche (das sog. Highveld) in dieser Zeit von den Bantustämmen weitgehend verlassen wurden und die Buren hier später nachrücken konnten, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, wenn man von der Zufallsbegegnung mit den Matabelestämmen 1837 einmal absieht. Allein der hier dargestellte Sachverhalt zeigt aber unmißverständlich, daß die Annahme, die Kleine Eiszeit habe nur partiell und auf der Nordhalbkugel stattgefunden, nicht stimmen kann. Nach der Darstellung von Huffman/Tyson finden die Klimazyklen der Nordhalbkugel auch in Südafrika ihre Entsprechung. Klimafakten.de scheint mir deshalb keine seriöse Quelle zu sein, auch wenn MDR-Aktuell (Hörfunk) sich auf diese beruft. (10) Eine Institution, die auf alle Fragen eine Antwort weiß und keine Zweifel und Widersprüche mehr kennt, nennt man im allgemeinen Sekte. Der MDR täte gut daran, sich von den „Fake News“ von klimafakten.de, hinter denen eine ominöse private Stiftung steht, zu distanzieren.

Für die nördliche Hemisphäre hat Dr. habil. Harald Kehl, PD an der TU-Berlin, Institut f. Ökologie, 2008 folgende Graphik erarbeitet (11), die Auskunft über das zyklische Auftreten von Optima und Pessima in den letzten 11.000 Jahren gibt:

Aber was bedeuten diese auf- und niedergehenden Kurven ganz praktisch, also mikrohistorisch für das Alltagseben der Völker und Kulturen? Greifen wir die letzten drei Optima heraus, weil sie mit drei kulturellen Entwicklungsschüben in Europa einhergehen. Das erste Optimum, was uns interessieren soll, fällt mit der Blüte der Spätbronzezeit zusammen, die die Lausitzer Kultur, die nordische Bronzezeitkultur und die Urnenfelderkulturen hervorbrachte. Charakteristisch für die Urnenfelderkulturen sind zahlreiche neue Bronzeprodukte. Das beginnt bei einfachen Arbeitsgeräten, geht über filigranen und anspruchsvollen Schmuck bis zu hochwertigen Waffen. Es entstanden gußtechnisch kompliziertere Bronzen. Bronzeschild, Kappenhelm, Lanze und Griffzungenschwert setzten sich jetzt in der Bewaffnung durch. Die Verwendung des von Pferden gezogenen Streitwagens ist durch Fürstengräber bezeugt. Der Pflugbau und die Einführung weiterer Getreidearten wie Roggen und Hafer gehören zu den Verbesserungen der landwirtschaftlichen Produktion. Große, mit Wällen und Gräben befestigte Anlagen – oft auf Höhen – zeugen vom Zusammenschluß der Menschen in größeren Verbänden. (12) Ein Bevölkerungswachstum ist unter diesen Bedingungen naheliegend, so daß es in diesem Zeitabschnitt zu ausgedehnten Wanderzügen kam (z. B. die Wanderungen der Dorer nach Griechenland oder der Italiker nach Italien.). Auch die Prägermanen der nordischen Bronzekultur (Nordischer Kreis), die in engem Zusammenhang mit den anderen Indoeuropäern der Urnenfelderkulturen gesehen werden müssen, waren von dieser kulturellen Blüte betroffen. Das bezeugen zahlreiche Mecklenburger Bodenfunde (Königsgrab von Seddin, Schwerter aus Barkow, bronzene Spiralplattenfibeln aus Plauerhagen usw.). Doch in der späten Bronzezeit, etwa seit dem 9. Jh. v. Chr., setzten gravierende Veränderungen in der Kulturentwicklung ein. Ein stärkerer Rückgriff auf primitive Rohstoffe wie Knochen und Stein ist jetzt im nördlichen Mitteleuropa zu beobachten. (13) Das hat zur Legende von den „primitiven Germanen“ beigetragen. Solche von Lehrern der 1968-Generation in Westdeutschland verbreiteten Legenden sind mir persönlich von Zeitzeugen berichtet worden und noch heute virulent – in Unkenntnis der wahren Zusammenhänge. Wodurch aber war dieser Zeitabschnitt der Bronzezeit und beginnenden Eisenzeit gekennzeichnet? Die obenstehende Graphik gibt uns eine eindeutige Auskunft. Es handelte sich um den Beginn einer schrecklichen Kaltzeit am Ende dieser Periode.

Erst als es um 200 v. Chr. wieder bedeutend wärmer zu werden begann, kam es über vier Jahrhunderte zu einer neuen Blüte der Kulturentwicklung. Die Klimaforschung spricht vom „Römischen Optimum“, auf dessen vielbeachtete Kulturentwicklung ich nicht weiter eingehen muß. Jedenfalls bricht diese Temperaturentwicklung etwa um 200 n. Chr. ab und das Klima wird in der Völkerwanderungszeit etwas rauer und kühler (siehe Graphik). Es kommt zu einem allgemeinen Niedergang der antiken Stadtkultur und Baukunst. Das 6. und 7. Jh. n. Chr. bildeten in kultureller Hinsicht die „dunklen Jahrhunderte“ und erst ab 800 spricht man in der Kulturgeschichte von der „Karolingischen Renaissance“, die den dunklen Jahrhunderten der Völkerwanderungszeit und des Frühmittelalters ein Ende setzte. Der Kulturaufschwung zur Zeit Karls des Großen betraf das Bildungswesen, die Literatur und die Baukunst. Zwischen 900 und 1300 erreichte die „Mittelalterliche Warmzeit“ ihr Optimum. Jetzt wurde es bedeutend wärmer und viele Gletscher schmolzen. Im Berliner Raum wie auch in anderen Gegenden der norddeutschen Tiefebene konnten im Hochmittelalter sogar erfolgreich Wein angebaut werden. Doch vom 15. und vor allem vom 16. Jh. an begann es allmählich kälter zu werden. Gemälde vom 16. und 17. Jh. zeigen zugefrorene Kanäle in den Niederlanden. Das war der Beginn der „Kleinen Eiszeit“.

Der Frage, wie sich u. a. die Kleine Eiszeit mikrohistorisch auf die Kultur und Lebensweise der unteren Volksschichten ausgewirkt hat, ist der sorbisch-wendische Volkskundler Peter Milan Jahn in dem bereits erwähnen gigantischen Werk nachgegangen. Es liefert uns konkrete Einblicke in die an der Neiße gelegene Oberlausitzer Standesherrschaft Muskau an der Wende vom 18. zum 19. Jh. Bekanntheit erlangte die Landstadt durch den Fürsten Hermann von Pückler-Muskau, der mit seinem Landschaftspark als Landschaftskünstler in die Geschichte eingegangen ist. Bad Muskau zählt heute zum amtlichen sorbischen Siedlungsgebiet. Im Mittelpunkt der Arbeit steht das Leben von Hanso Nepila (1766 – 1856), ein wendischer Fronarbeiter aus Rohne. Zu den ausgewerteten Quellen und Dokumenten gehören neben der Autobiographie Nepilas auch alte Chroniken des „Lausitzischen Magazins“, das 1768 sein Erscheinen als wissenschaftliche Zeitschrift begonnen hatte. Ein Meteoriteneinschlag am 16. Februar 1768 bei Lauban in der östlichen Oberlausitz bildete für diese die Veranlassung, ein täglich geführtes Wetterjournal für die Oberlausitz zu publizieren.

Die Wetteraufzeichnungen des Magazins zeigen ein detailliertes Bild. Zunächst fallen ungewöhnliche Kälteeinbrüche im Frühjahr auf, so für 1768, als starke Nachtfröste zu den Eisheiligen die Baumblüte schädigte. Ein ohnehin verregneter Sommer wurde von schweren Gewittern im Herbst abgelöst und im November kam heftiger Frost hinzu, der die Erde ¼ Elle tief frieren ließ. (14)

Obwohl sich der Februar im darauffolgenden Jahr (1769) durchaus vorfrühlingshaft zeigen konnte, war die zweite Märzhälfte eher durch heftige Nachtfröste und Schneegestöber gekennzeichnet. Im Mai regnete es bei empfindlicher Kälte bis zum 12. ununterbrochen, was zu dramatischem Mehltaubefall führte. Eine Gewitterserie beherrschte den Juni. Der von langanhaltenden Niederschlägen geprägten Sommer wurden von heftigen Frösten im Herbst abgelöst. Schnee oft schon Anfang Oktober verhinderte die Aussaat des Roggens. Gewaltig tobende Wirbelstürme im November schlossen sich daran an und ab 16. November lag bereits zu viel Schnee, um die Felder weiter bestellen zu können.

Auch im darauffolgenden frostigen Frühjahr schneite es vom kalendarischen Frühlingsanfang bis Ende März fast ununterbrochen, obwohl es seit Weihnachten überwiegend nur matschig und regnerisch war. Anfang April taute es, von starken Überschwemmungen begleitet, doch schon über Ostern sollte sich das ändern. In der Nacht zu Karfreitag, dem 13. April 1770, erwachte man mit heftigen Schneefällen, die nur von etwas Sonne am Ostersonntag unterbrochen wurden. Danach wurde es trübe und kalt und am 31. Mai so frostig, daß das ganze Gemüse nebst Kartoffeln eingingen. Pünktlich zum Beginn der Getreideernte stellte sich mit Hagel und Gewitter auch noch eine den ganzen Sommer anhaltende Regenzeit ein. Überall in Mitteleuropa stiegen die Getreidepreise. In der Schweiz (Basel) hatte sich schon 1770 der Kornpreis gegenüber 1768 fast verdoppelt. (15) Eine Besserung war nicht in Sicht, denn starke, lang andauernde Regenfälle im Oktober 1770 machten auf eine gute Ernte im darauffolgenden Jahr wenig Hoffnung.

Das Bild im Januar 1771 wurde von ungeheuren Schneegestöbern bestimmt. Starke Temperaturschwankungen folgten im Februar und Ende März setzte eine anhaltende Kältewelle mit starken Schneefällen ein. Die Schneedecke war zu Ostern übersät mit erfrorenen und verhungerten Singvögeln und Hasen. „Die Heidebauern, anstatt mit der Feldbestellung und Sommeraussaat zu beginnen, mußten sich einen Weg zu ihren Kirchen Schaufeln, wenn sie etwas über Ostern hören wollten.“ (16) Naßkalte Witterung um den Gefrierpunkt beherrschte den April. Im Juni regnete es mit einer Ausnahme jeden Tag. Regenschauer und starke Güsse wechselten sich ab. Der wärmste Sommertag war der 2. September und auch im Oktober gestaltete sich das Wetter zur Winteraussaat vielversprechend. Vier Monate lang hatte man nichts als Niederschläge erlebt. Die daraus resultierende Hungersnot erreichte deshalb auch vor der Ernte 1772 ihren Höhepunkt und erfaßte mehr oder weniger ganz Mitteleuropa. Die Produktionsausfälle in der Landwirtschaft bewirkten nicht nur schwere Hungersnöte, sondern auch Säuglinge und Kleinkinder erkrankten unter der extremen Witterung.

Zweimal hintereinander war die Ernte total vernichtet worden. Es kam zu kollektiven Auszügen bettelnder Bauern, aber auch von kleinen Handwerkern und Gewerbetreibenden bereits Ende des Jahres 1771. Auch aus dem Erzgebirge sind solche Scharen von Bettlern bezeugt. Der Weg verlief von der Oberlausitz aus nicht in Richtung Dresden, das von Bettlern aus dem Erzgebirge überlaufen war, sondern in nördliche Richtung. Zuerst ging es nach Cottbus, einer damals Brandenburgischen Exklave in Sachsen, in der ebenfalls wendische Bauern lebten. Aber dort war an eine gute Ernte auch nicht zu denken gewesen. Doch einen Unterschied gab es: „Die preußischen Domänenbauern im Kreis Cottbus wurden über die Kriegsmagazinverwaltung ihres Staates aber viel besser mit Getreide versorgt.“ (17) Seit Februar 1772 lief, von Küstrin aus, die Versorgung für den Kreis Cottbus an. Manches Grenzdorf im Kreis Cottbus mußte durch Wachen regelrecht abgeriegelt werden, um die Hilfesuchenden abzuwehren. Die einzelnen Staaten im Reich ergriffen nun protektionistische Maßnahmen. Bereits im September 1771 war in Sachsen ein Verbot für die Getreideausfuhr ergangen. Etwas später wurde die Einfuhr von Lebensmitteln von Zöllen befreit. In halb Europa begann man die Grenzen dicht zu machen, um eine negative Handelsbilanz zu vermeiden und den jeweiligen Binnenmarkt am Leben zu erhalten. Der Argwohn gegenüber kontinental operierenden Großhändlern wuchs. Ende Februar 1772 sah sich der Rat der Stadt Leipzig gezwungen, eine Anordnung zur Ausweisung von Bettlern zu erlassen. Bis Ostern 1772 waren in den Straßen von Leipzig 3.732 Todesopfer der Hungersnot zu beklagen. In Dresden waren es bis Ostern 6.225 Personen. Das Getreide, das über den Hamburger Hafen nun eintraf, kostete das Dreifache des normalen Preises und war für die Armen unerschwinglich. (18)

Die zurückgebliebenen Familienangehörigen in den Heidedörfern der Lausitz waren am Ende, denn Anfang März 1772 war selbst das Tierfutter von den Bewohnern aufgezehrt. Das Vieh hatten die Fronbauern in den standesherrlichen Forst getrieben, wo es sich selbst dürres Waldgras suchen muße. Das hatte aber zur Folge, daß nicht nur das Brot fehlte, sondern auch Milch, Butter und Käse. Man behalf sich mit dem „Grünen Mus“, das sich im Frühjahr 1772 alle bäuerlichen Einwohner hier teilten. Dieses war weder gesalzen noch gefettet und bestand aus allem frischen knospenden Grünzeug, Blättern von Linden- und Pflaumenbäumen, Hopfen, Hederich, Raps, Kartoffelkraut und Brennnesseln. Die Kinder pflückten Löwenzahn, Pfennigkraut, Sauerampfer und Schafgarbe und formten daraus eßbare Knöllchen. Um den Hunger zu stillen wurde auch eine Art von Brotersatz gebacken, der aus gemahlenen Eicheln, Spreu vom Heidekorn, vom Leinsamen, den Blüten vom Heidekraut und geschnittenem Stroh bestand. (19) Daß in solchen Notzeiten auch Hunde und Katzen als Nahrung dienten, ist verständlich.

Ein besonderes Phänomen jener Zeit kennen Ethnologen von allen Kontinenten. Es wird als „Geophagie“ bezeichnet und bedeutet die kollektive Sitte, bestimmte ton- und salzhaltige Erden zu verzehren. Instinktiv auf diese Weise angegangene Mangelerscheinungen von Salzen und Spurenelementen konnten so ausgeglichen werden. Bei den Heidewenden in der Kleinen Eiszeit ist diese kollektive Sitte nur von Kindern bezeugt: Im Rahmen von gespielten Familienfesten und großen Festmählern formten die Kindergruppen zunächst Kringel und Lebkuchen aus Lehm. Danach „verrührten die Kinder ihre Kreationen mit Wasser, dem sie mitunter frische, helle Holzspäne beimengten und erhielten dann eine Pampe, die sich mit einiger Phantasie wie weißer Mehlbrei mit Milch ansah und tatsächlich essen ließ.“ (20) Dabei erwies sich manches lehmhaltige Material als zu grob, scharf und steinig, so daß es zu Magenbeschwerden kam.

Trotz aller Anlaufschwierigkeiten, die den völlig entkräfteten Lausitzer Fronbauern im Sommer 1772 zu schaffen machten, konnte die Ernte in jenem Jahr vollständig geborgen werden. Auch 1773 war die Ernte gut geraten.

Die Mißernten und Hungersnöte waren zum Glück nicht immer zur gleichen Zeit in Europa aufgetreten. Sie häuften sich lediglich im 16., 17. und 18. Jh. In Frankreich sticht besonders das Jahr 1788 heraus:

Aber die Vorsehung … verhängte im Jahr 1788 eine neue Heimsuchung über Frankreich, die den einzelnen schwerer traf, als der noch so scharfe Steuerdruck und als alle Sorge um den finanziellen Zustand des Staates. Nämlich eine allgemeine Mißernte mit nachfolgender Hungersnot, die das Tohuwabohu der Erregungen und Anklagen auf das leidenschaftlichste vermehrte. … Nicht auf das ernste, mühselige und fast verzweifelte Studium der möglichen Abhilfen waren die allgemeinen Schichten Frankreichs gestimmt, als 1789 die Generalstände in Versailles zusammenkamen. … Nicht auf Hilfsbereitschaft für die die Nation führende Monarchie war diese innerhalb der Etats généraux mitvertretende Erwartung Frankreichs gestimmt, sondern auf Anklage und Beschuldigung, die zum Haß wurden, sobald der Name Marie Antoinettes in Betracht kam, der ‚Autrichienne‘, der ‚Madam Déficit‘. Denn die Königin wurde in ihren Einflüssen auf den König und die Regierung – und in dem Unheil dieser Einflüsse – immerhin weit überschätzt.“ (21)

Der Rest ist bekannt. Am 16. Oktober 1793 bestieg Marie Antoinette, die „Österreicherin“, die eigentlich Maria Antonia hieß, die Guillotine. Der Fränkische Adel folgte ihr nach. Es kam zu einem tiefgreifenden Elitenwechsel. Und wieder fällt die Kaltzeit mit dem Abschluß einer Kultur zusammen. Das Abendland, das mit der Taufe König Chlodwigs 498 in Frankreich seinen Ausgangspunkt genommen hatte, unter Karl dem Großen eine erste Blüte erlebte, beendete in der kleinen Eiszeit seinen Zyklus. Das soll nicht heißen, daß die Kleine Eiszeit die Ursache für die Revolution war, aber sie lieferte den dazu notwendigen Impuls, den revolutionären Elan und eröffnete so die Möglichkeit zum Abschluß des Kulturzyklus, einer ganzen Epoche. Es folgte die „Moderne“, die nur noch ein Surrogat davon war.

Die Kleine Eiszeit endete jedoch nicht abrupt, denn diesbezügliche klimatische „Ausreißer“ gab es noch bis in das 19. Jh. hinein. So kam es im Deutschen Bund 1847 zu 193 bekannten Hungerunruhen. Solche Lebensmittelunruhen häuften sich zwischen 1840 und 1850. Die Kartoffel- und Getreideernte war z. B. in Preußen im Jahr 1846 um 30 – 50% geringer ausgefallen, als in den Vorjahren. In Schlesien ging der Roggenertrag sogar um 60% zurück. Starkregen im April und anschließende Trockenheit waren die Ursache dafür. 1852 entstand Rodolf Virchows Bericht „Die Noth im Spessart“. (22) Diese Not war u. a. darauf zurückzuführen, daß die kalte und nasse Witterung im Jahr 1851 die Kartoffelernte fast völlig ausfallen ließ. Schlechte Getreideernten hatten bereits 1846 und 1847 eine große Teuerung gebracht und wirkten sich auch auf den Spessart aus.

Das waren also die Bedingungen, die mit der Kleinen Eiszeit einhergingen. Die Kleine Eiszeit – sie hatte etwa um 1700 ihren Höhepunkt – fällt aber genau mit jenem Zeitabschnitt zusammen, die die Historiker und Klimaforscher als „vorindustrielle Zeit“ bezeichnen. Diese sog. „vorindustrielle Zeit“ endete nach Auffassung eines Forscherteams um Ed Hawkins von der englischen University of Reading zwischen 1720 und 1800. (23) Die Klimaerwärmung wird aber genau seit dieser vorindustriellen Zeit festgestellt. Wenn jedoch als Ausgangspunkt für die Klimaerwärmung die vorindustrielle Zeit und damit die Kleine Eiszeit gewählt wird, ohne daß dieser Sachverhalt in der öffentlichen Debatte Erwähnung findet, dann kann das nicht seriös sein. Ganz natürlich mußte die Temperatur nach der Keinen Eiszeit wieder ansteigen. Das heißt nicht, daß es keinen menschengemachten Anteil am Klimawandel durch CO2-Ausstoß geben könnte. Aber wir wissen nicht, wie hoch dieser ist. Wissen wir aber nicht genau, wie hoch er ist, läßt sich auch kein 1,5 Grad Ziel des Temperaturanstiegs festlegen, denn das Klima läßt sich von uns nicht einstellen wie eine Maschine (mechanistisches Denken). Wir müßten über alle Faktoren und entsprechende Daten verfügen, die das Klima beeinflussen, um hier genaue Aussagen treffen zu können. Monokausal das CO2 dafür verantwortlich zu machen, hat etwas infantiles, denn monokausal denken Einfältige und Kinder. Und so ist es auch nicht zufällig, daß die Bewegung um „Fridays for Future“ aus Kindern besteht. Sie wird dazu noch von einer mittlerweile jungen Frau angeführt, die an einem Asperger-Syndrom leidet. „Gebt den Kindern das Kommando, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Der ganze Vorgang erinnert einen Historiker nicht nur an die Kinderkreuzzüge im Mittelalter, sondern auch an eine Begebenheit aus der südafrikanischen Geschichte. Es geht um ein Mädchen. Ihr Name: Nongqawuse (1841 – 1898). Sie galt als Prophetin und gehörte zum Volk der Xhosa. 1856, da war sie gerade 15 Jahre alt, behauptete sie, von drei Geistern beauftragt worden zu sein, das Volk zur Tötung des gesamten Viehs und zur Vernichtung der Ernte zu veranlassen. Die Geister der Toten würden danach wieder auferstehen (Elementargedanke?) und große gesunde Viehherden aus der Erde auftauchen. Außerdem würden große Felder mit Getreide erntereif erscheinen. Daraufhin wurden tatsächlich ca. 300.000 bis 400.000 Rinder getötet. Nach dem Scheitern der Prophezeiung starben bis zu 50.000 Menschen den Hungertod.

Der Vergleich ist durchaus nicht abwegig. Schon werden Forderungen nach einem Klima-Lockdown laut. Offensichtlich sind Teile unserer Gesellschaft geradezu besessen von der Vorstellung, die deutsche Wirtschaft ruinieren zu müssen. Die Ökonomie als Basis unseres Lebens scheint unsere intellektuellen Eliten kaum noch zu interessieren. Sie schützen die Wölfe mehr als das Nutzvieh. Hätte man das einem Bauern nach einer Zeitreise in die Welt von vor 100 Jahren berichtet, hätte er uns für völlig geistig verwirrt gehalten. Vielleicht hätte er sogar mit seinem Jagdgewehr auf uns geschossen, denn er hätte eine gefährliche, ansteckende und damit um sich greifende Geisteskrankheit in uns vermutet. Und – hätte er so unrecht damit gehabt? Natürlich ist dieses Gehabe um den Wolf ein Ausdruck von romantischer Naturschwärmerei einer übersatten Herrschaftselite, insbesondere des Bildungsbürgertums. Was denn sonst? Lebensmittel stellen keinen zentralen Wert mehr dar. Das kann kein gesunder Zustand für eine Gesellschaft sein.

Innerhalb der „Moderne“ neigt sich jedoch diese spätbürgerliche Phase ihrem Ende. Nicht eine Klimakatastrophe in Richtung immer höherer Temperaturen, sondern eine neue „Kleine Eiszeit“ steht vor der Tür. (24) Klimaforscher rechnen damit, daß etwa 2021, 2030 oder 2050 aufgrund der Verminderung der Sonnenaktivität die nächste Kälteperiode kommt. Wir müssen dann zwar wesentlich mehr heizen, sollen aber aufgrund einer angenommenen menschengemachten Klimaerwärmung wesentlich mehr für die Heizung bezahlen – von Jahr zu Jahr mehr. Eine Rentnerin oder ein Rentner, die z. B. 750 Euro Rente ausgezahlt bekommen, werden das nicht mehr stemmen können. Wohngeld löst das Problem nicht, denn wer größere Ersparnisse hat, bekommt kein Wohngeld, sondern muß von der Substanz zehren. Hier könnte ein riesiges Heer der Unzufriedenen heranwachsen – natürlich nicht nur unter den Rentnern.

Die Frage ist durchaus nicht abwegig: Wird es vielleicht nach Klimaverschlechterungen und ungewöhnlichen Kälteeinbrüchen sogar zu schweren sozialen Unruhen kommen wie ab 1788 in Frankreich? Wir wissen es nicht. Die westlichen Eliten, auch die Eliten der BRD, haben sich auf den menschengemachten Klimawandel festgelegt. Sie könnten sich damit aber auch bis auf die Knochen blamieren, sollte es jetzt zu einer Kleinen Eiszeit kommen. Es gibt nämlich noch andere Erklärungsmuster für Klimaschwankungen. (25)

Erschreckend daran ist – und das hat mich wirklich bis ins Mark erschüttert –, daß das Bundesverfassungsgericht sich in die Klimadiskussion eingemischt hat. (26) Am 24. März 2021 hatten acht Richter unter dem Vorsitz von Stephan Harbarth einstimmig das Urteil zum Klimaschutzgesetz beschlossen. Danach sei der Gesetzgeber bis zum 31. Dezember 2022 verpflichtet, die Fortschreibung der Minderungsziele der Treibhausemissionen für die Zeiträume nach 2030 näher zu regeln. Dabei beziehen sie sich auf den Artikel 20a GG und eine Gesetzgebung, die sich das Ziel gesetzt hat, die Erwärmung der Erde auf deutlich unter 2 Grad Celsius und möglichst auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Hier kommt also wieder das vorindustrielle Niveau ins Spiel, das bekanntlich durch die „Kleine Eiszeit“ geprägt war. Da wir aber nicht wissen, wie hoch der menschengemachte Anteil am Klimawandel ist und welche Faktoren – außer CO2 – noch eine Rolle dabei spielen, können wir auch kein 1,5 Grad Ziel festlegen. Wie bereits ausgeführt: Das Klima ist keine Maschine, an der ich mal eben 1,5 Grad einstellen kann! Der Kenntnisstand der Wissenschaft ist einfach noch viel zu gering, um hier konkrete Ziele definieren zu können.

Und der wissenschaftliche Kenntnisstand ist auch noch viel zu gering, um überhaupt eine Aussage zur Wirkung von CO2 treffen zu können. Einige Klimaforscher haben das getan und werden derzeit heiß diskutiert. (27) Da ich kein Klimaexperte bin, werde ich mich an dieser Diskussion nicht beteiligen. Im Rahmen dieser Abhandlung konnte ich deshalb auch nur die Schnittstellen aufzeigen, wo es Ungereimtheiten gibt und Widersprüche, wo wir belogen werden und um die Früchte unserer harten Arbeit betrogen werden sollen. Es galt, diktatorische Ansätze, die einer „deutschen Unbedingtheit“ (Plessner) zu entspringen scheinen, zu erkennen und zu entlarven. (28) Diktatorische Ansätze, die, wie in der völlig überzogenen deutschen Corona-Politik, einen deutschen Sonderweg darstellen. (29) Dazu kommt: Es geht um Geld, um sehr viel Geld, das der Bürger für die „Klimarettung“ ausgeben soll. Zwar propagieren die Grünen im Wahlkampf eine Klimarettung mit sozialem Ausgleich – das muß man der Ehrlichkeit halber sagen – doch ist eine Durchsetzung solcher Forderungen nicht sehr glaubhaft, weil die Welteliten bereits etwas ganz anderes beschlossen haben.

Das Ziel der Klimapolitik besteht nach meiner Auffassung nämlich gar nicht in der Klimarettung, sondern in der Umverteilung des Weltvermögens. Eine gigantische Umverteilung ist geplant. Diesmal von Nord nach Süd. Das hat bereits 2010 der Chefvolkswirt des Potsdamer Instituts für Klimaforschung, Ottmar Edenhofer im Gespräch sowohl mit der NZZ als auch mit der FAZ offen zugegeben. Zur globalen Verteilung von Emissionsrechten pro Kopf der Bevölkerung meine er: „Das würde eine erhebliche Umverteilung bewirken, vor allem zugunsten von Afrika und Indien“ (30) und „dann ist Afrika der große Gewinner, und es fließt viel Geld dorthin. Das hat für die Entwicklungspolitik enorme Konsequenzen.“ (31) Ganz nebenbei gesagt, Edenhofer war nicht nur für den Weltklimarat aktiv, sondern von 1987 bis 1994 Mitglied des Jesuitenordens. Da wird einiges klar. Das ganze Netzwerk von Verflechtungen aufzuzeigen, dem Edenhofer angehört, kann in diesem Rahmen nicht geleistet werden.

Tatsächlich geht es den intellektuellen Eliten um globale Entwicklungspolitik, eine ökologisch verschleierte Entwicklungshilfe auf unsere Kosten. Hat die Entwicklungshilfe der letzten 50 Jahre, die wesentliche Anteile von Staatshaushalten afrikanischer Staaten subventionierte, schon nichts gebracht, so erhofft man sich jetzt mit der Umverteilung astronomischer Summen durch Klimaabgaben den großen Durchbruch. Daß sich die herrschenden Eliten Afrikas seit der Unabhängigkeit ihrer jeweiligen Länder als völlig unfähig erwiesen haben, hat man bei uns immer noch nicht begriffen. Und was meinen diese „Klimaretter“ eigentlich, woher die Summen für die „erhebliche Umverteilung“ kommen? Wo gewaltige Summen abfließen, muß jemand einen erheblichen Verlust erleiden! Wem eigentlich werden diese Summen weggenommen? Es sind wieder einmal die Armen, die Rentner und der verarmte handwerkliche und kleingewerbliche Mittelstand, die dieses kapitalistische Weltexperiment bezahlen sollen, denn diese Schichten machen den größten Teil der Gesellschaft aus. Der soziale Sprengstoff, der darin verborgen liegt, ist in seiner Wirkung noch gar nicht erkannt.

Was sich hier westliche Intellektuellengehirne ausgedacht haben, Gehirne von Menschen, die sich zeitlebens ausschließlich vom Staat durch extrem hohe Gehälter haben alimentieren lassen, verschlägt einem fast die Sprache. Diese Wissenschaftler tun gerade so, als resultiere unser CO2-Verbrauch aus einem ausschweifenden Luxusleben. Sie schließen von sich auf die gesamte Bevölkerung. Und die ist eben auf fossile Heizmittel angewiesen. Da wir aber als Mittel- und Nordeuropäer im Winter nicht ohne Heizung auskommen können – schon gar nicht in einer neuen „Kleinen Eiszeit“ – würde diese Umverteilung letztendlich zu einer Verarmung von ¾ der Bevölkerung auf Harz IV Niveau führen. Und dieses Niveau müßte dann noch weiter abgesenkt werden. Die Reichen werden sich – wie immer – rauszuwinden verstehen. Ausschließlich die Armen, bzw. ein verarmter Mittelstand werden die Lasten tragen. Darauf muß die Zivilgesellschaft eine klare Antwort finden und die kann nur lauten: So nicht! Jetzt muß ein deutliches „Halt“ gesprochen werden. Der Aufbau einer breiten Volksbewegung aller demokratischen Kräften zur Abwehr von Klimahysterie, globalem Umverteilungswahn und einheimischer Massenarmut ist jetzt das Gebot der Stunde.

Quellen und Anmerkungen

  1. Baerbock, Annalena: „Annalena Baerbock vor Ort“. Open-Air-Veranstaltung 2019
  2. Popper, Karl: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. 1945
  3. Böttger, Christian: Die Gefahren, die durch die Verschmutzung der Atmosphäre entstehen, und ihre Bekämpfung. Jahresarbeit im Fach Biologie (12. Klasse). Berlin 1973, S. 3
  4. Ebenda, S. 4
  5. Jahn, Peter Milan: Vom Roboter zum Schulpropheten. Hanso Nepila (1766 – 1856). Mikrohistorische Studien zu Leben und Werk eines wendischen Fronarbeiters und Schriftstellers aus Rohne in der Standesherrschaft Muskau. Bautzen 2010
  6. https://www.klimafakten.de/behauptungen/behauptung-im-mittelalter-war-es-waermer-als-heute#:~:text=Die%20Mittelalterliche%20Warmzeit%20ist%20hier,in%20S%C3%BCdamerika%20teils%20deutlich%20k%C3%BChler.
  7. Böttger, Christian: Autonomie für die Afrikaanse Nation. Ein Superethnos in Südafrika. Schnellbach 2020
  8. Tyson, P. D. & Lindesay, J. A.: The climate of the last 2000 years in southern Africa. In: The Holocene 2, 1992; Tyson, P. D., Karlen, W., Holmgren, K. & Heiss, G.: The little Ice Age and medieval warming in South Africa. In: South African Journal of Science 96. 2000; Tyson, P. D., Lee-Thorp, J., Holmgren, K. & Thackeray, J. F.: Changing gradients of climate change in southern Africa during the past millennium: implications for population movements. In: Climate Change 52, 2002
  1. Huffman, Thomas N.: Pre-colonial history of Southern Africa. In: South African History online (SAHO) 2010: http://www.sahistory.org.za/article/pre-colonial-history-southern-africa
  2. Matsche, Thomas: Wissenschaftsleugnung und wie man ihr begegnen kann. 5 Methoden, die Laien beim Entlarven von Desinformationen helfen sollen. Sendung vom 04. 06. 2021, 8.53 Uhr; Nach klimafakten.de sollen z. B. Pseudoexperten daran zu erkennen sein, daß sie nicht zitiert oder diskutiert werden. Sie sollen zukünftig mit einem „P“ gekennzeichnet werden. Das ist eine Argumentation, die einfach nur lächerlich ist und an die schlimmsten Phasen der Geschichte erinnert, weil sie Andersdenkende in abwertend gemeinte Kategorien einteilt, um sie aus der Diskussion herauszuhalten. Deutlich sind hierin Anhaltspunkte einer in Entstehung begriffenen Diktatur zu erkennen.
  3. https://www.science-e-publishing.de/project/lv-twk/002-holozaene-optima-und-pessima.htm
  4. Lexikon früher Kulturen, Band 2, Leipzig 1984, S. 368
  5. Die Germanen. Ein Handbuch, Berlin 1983, Band 1, S. 75
  6. Jahn, Peter Milan: a. a. O., S. 142 f.
  7. Ebenda, S. 148
  8. Ebenda, S. 152
  9. Ebenda, S. 162
  10. Ebenda, S. 164 f.
  11. Ebenda, S. 167 f.
  12. Ebenda, S. 171
  13. Ullsteins Weltgeschichte, hrsg. von Prof. Dr. Julius v. Pflugk-Harttung, Bd. Neuzeit 1650 – 1815, Berlin 1905, S. 427
  14. Virchow, Rudolf: Die Noth im Spessart. Eine medicinisch-geographische und historische Skizze. In: Gesammelte Abhandlungen aus dem Gebiet der öffentlichen Medicin und Seuchenlehre, Bd. 1, Berlin 1879
  15. Titz, Sven: Was bedeutet eigentlich „vorindustriell“? In: NZZ-online v. 03. 02. 2017
  16. Odenwald, Michael: Trotz Klima-Erwärmung: Forscher sagen Mini-Eiszeit wie im Mittelalter voraus. In: Fokus Online v. 18. 01. 2019
  17. Miersch, Michael: Ein Physiker erschüttert die Klimatheorie. Welt online vom 14. 12. 2009; siehe auch: Schlesinger, Xaver Philipp: Zwei Studien und Henrik Svensmark contra den menschengemachten Klimawandel. In: der Freitag digital (Blog aus der Community) vom 07. 08. 2019
  18. Schon die Einmischung in die Definition des Volksbegriffs hätte zu einem Aufschrei in der ethnologischen Wissenschaft führen müssen. Das Grundgesetz kennt nämlich durchaus einen ethnischen Volksbegriff, nämlich in Artikel 116 mit dem Begriff der deutschen Volkszugehörigkeit. Der Artikel 116 wurde u. a. geschaffen, um nach dem Zweiten Weltkrieg Menschen, die nie die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen, aber ethnische Deutsche sind, in die Bundesrepublik zu integrieren. Vor 1989 waren das z. B. die Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben und nach 1989 verstärkt die Rußlanddeutschen. Es kann nicht die Aufgabe des Bundesverfassungsgerichtes sein, den Volksbegriff neu zu definieren oder seinen Gebrauch zu reglementieren. Die Wissenschaftsfreiheit muß unantastbar bleiben!
  19. Uhlig, Stephan: Der natürliche Klimawandel. Fakten aus geologischer, archäologischer und astrophysikalischer Sicht. Weltbuch-Verlag 2021
  20. Plessner, Helmuth: Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus. (Erstausgabe 1924) Frankfurt am Main 2018
  21. Auch in der Corona-Politik scheint diese „deutsche Unbedingtheit“ zum Ausdruck zu kommen, vergleicht man die bundesdeutschen Maßnahmen mit denen in Österreich. Wer regelmäßig die österreichische Nachrichtensendung ZiB2 auf 3sat verfolgt, dem wird der Unterschied bewußt: Waren die Geschäfte in Österreich bis zum 24. Dezember geöffnet, um den Geschäftsleuten das Weihnachtsgeschäft noch zu ermöglichen, wurde die BRD 9 Tage vor Weihachten in den harten Lockdown geschickt und damit ein schwerer wirtschaftlicher Schaden angerichtet. Besonders die Textilgeschäfte waren betroffen und mußen ihre Waren der Vernichtung zuführen. Angela Merkel könnte mit ihrer Politik als ein menschliches Sinnbild dieser „deutschen Unbedingtheit“ in die Geschichte eingehen (Merkel und Kurz als Sinnbilder einer Neuauflage des deutschen Dualismus? Diesmal ginge es dann nicht um Vorherrschaft in Deutschland, sondern um Vorbildlichkeit, den besseren Weg in und für Europa). Ihr protestantischer Familienhintergrund liefert die Grundlage dafür. Plessner würde in diesem Zusammenhang auf das Luthertum verweisen, das für die Deutschen im Norden prägend war: „Protestantismus ist die Religion der Konzessionslosigkeit, weil jeder Mensch unmittelbar zu Gott ist, und damit ein Bruch mit der Wirklichkeit.“ Ebenda, a. a. O., S. 20
  22. Im Gespräch: Ottmar Edenhofer: In: FAZ-Net v. 30. 11. 2010
  23. NZZ am Sonntag v. 14. 11. 2010
Dr. Christian Böttger
Dr. Christian Böttger

Dr. Christian Böttger

Christian Böttger, geb. 1954, Facharbeiterausbildung als Gärtner für Zierpflanzenbau mit Abitur 1974, studierte von 1983-1988 Ethnographie, deutsche Geschichte und Volkskunde an der Humboldt-Universität zu Berlin. Danach arbeitete er bis Ende 1991 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Wissenschaftsbereich Kulturgeschichte/Volkskunde am Zentralinstitut für Geschichte (Akademie der Wissenschaften der DDR) an einem Forschungsprojekt auf dem Gebiet der Kulturgeschichte sozialer Reformbewegungen in Deutschland um 1900. Ende 1993 promovierte er an der Humboldt-Universität zum doctor philosophiae. Anschließend war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Lexikonprojekten beschäftigt.

Autor der Bücher:

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Christian Böttger: Ethnos. Der Nebel um den Volksbegriff.

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NEU:

Christian Böttger: Autonomie für die Afrikaanse Nation! Ein Superethnos in Südafrika

Von der Sehnsucht nach Unvernunft

von Hans Wulsten

Nein, früher war nicht alles besser. Mit „früher“ meine ich nicht 1887, auch nicht 1933 oder gar 1945. Ich denke gerade so an die Zeit um 1975. Da war ich 26 Jahre alt, voller Kraft in den Lenden und voller Ideen im Kopf. Oder umgekehrt.

Es gab noch kein Internet, aber der Verzicht auf Wikipedia, YouPorn, Google und Facebook schmerzte nicht, es gab so viele andere Möglichkeiten, seinen Tag auszufüllen. In der Deutschen Oper konnte man Gundula Janowitz (Sopran) hören, original und nicht auf YouTube, ebenso Wilhelm Kempff (Pianist) in der Philharmonie und in der Komödie am Kurfürstendamm sah man Boy Gobert (daß er schwul war, interessierte keinen Menschen, man mochte ihn jedenfalls) und im Schillertheater Berta Drews, die Mutter von Götz George.

Die Damen der Abonnementhuster trugen Nerz, wenn sie in die Oper gingen und noch mußten sie keine Angst haben, von wildgwordenen Tierrechtsschützern mit Farbe besprüht zu werden. In der Oper selbst gab es noch manierliche Bühnenbilder, das Studium an der HdK (Hochschule der Künste) hatte sich also gelohnt, allenfalls fuhr in Verdis „Macbeth“ mal ein Panzer über die Bühne, aber das waren Ausnahmen. Auf die Bühne gepinkelt wurde jedenfalls nicht, gottlob, da waren die Hamburger schon weiter.

Irgendwann in dieser Zeit tobten auch kleine Gruppen von Systemveränderern durch die City, grölten „Ho-Ho-Ho Chi Minh“ und probten schon mal ihre antiimperialistischen Revolutionen, anschließend aßen sie bei Aschinger am Zoo eine Bierwurst oder Erbsensuppe. „Enteignet Springer“ hatte sich, meiner Erinnerung nach, schon überlebt, die waren halt da, und sind es bis heute. Meistens lügen sie, manchmal schreiben sie nahe an der Wahrheit, Mainstreammedien eben.

Inzwischen flogen auch keine Eier mehr gegen das Amerikahaus in der Hardenbergstraße, alles überlebt sich, und auch die Hüpfer von heute, die sich so wichtig nehmen, sind bald wieder Geschichte, und Marlene, meine siebenjährige Enkeltochter, wird sich ihrer nicht erinnern. Vermutlich hüpfen in 10 Jahren andere Wichtigtuer, und meine Tochter, jetzt 21 und Studentin, lächelt nachsichtig über die Luisas und Gretas und schlägt das nächste Buch auf. An ihrer Vita wird eines Tages nichts zu deuteln sein, insofern ist Annalena ein warnendes Beispiel, bei der Wahrheit zu bleiben, und auch Luisa wird sich eines Tages Fakten stellen müssen und entweder ihr Studium beenden oder bei ALDI an der Kasse sitzen. Obwohl… so Opportunisten wie Joe Kaeser sterben ja nicht aus, vielleicht hat er doch einen ernsthaften Job für sie.

Am Kurfürstendamm eröffneten die ersten Peepshows, damals trugen die Mädels noch Schamhaare, aber nach einer Blütezeit und zahlreichen Drehtellern in der Innenstadt wurden sie weniger, die Peepshows meine ich, Moralapostel nörgelten immer wieder rum, (einige der Gucklochkabinen hielten sich noch 15 Jahre, dann schloß die letzte) die Schamhaare wurden auch weniger, Epilation setzte sich durch, die glattrasierte Muschi war und ist „in“, naja, bis auf so verklemmte Feministinnen, die da meinen, sich durch den Erhalt der Scham- und Achselhaare bereits emanzipiert zu haben.

An der Gedächtniskirche saßen die Gammler, meistens „friedensbewegte“ Wehrdienstverweigerer aus Westdeutschland, oder Kiffer, in jedem Fall Versager, die die Passanten angingen: „Haste ma ne Mark?“ Mangels Toilette pinkelten sie an die Gedächtniskirche, deren Fundamente sich zersetzen und später aufwendig saniert werden mußten. Noch ein paar Jahre später stieß Helga Goetze dazu und ließ sich mit ihrem selbstgemalten Schild „Ficken ist Frieden und Ficken ist wichtig“ bestaunen. Ach je, war Berlin verrucht.

Im Fernsehen gab es „Dallas“ und den fiesen „J.R.“ Ewing oder „Starsky und Hutch“, die beiden Darsteller sind heute auch schon 78 Jahre alt. Aber ihre geile rotweiße Karre war die totale Unvernunft. Aber herrlich: Die Kiste war 5,40 m lang und 2,14 m breit und wog leer 2,4 Tonnen. Der Motor, ein 375 PS starker 8 Zylinder soff 20 bis 30 Liter. Egal, der Preis pro Galone war, 10 Jahre später, als ich da war, bei 30 Cent die Gallone, das sind 3,78541 Liter, einfach traumhaft. Ich liebe diese kontrollierte Unvernunft, und ich liebe sie bis heute. Je mehr verboten wird, je mehr an „Gemeinsinn“ und das große „Wir“ appelliert wird, desto mehr bereitet es mir geradezu diebische Freude, alles zu unterlaufen: nun gerade. Das hat nichts mit verschleppter Pubertät zu tun oder Mangel an Reife, immerhin bin ich im Spätherbst meines Lebens und kann auf 3 Ehen, 4 Kinder und 4 Enkel verweisen, denen ich ja (seufz) pädagogisches Vorbild sein muß. Nein, es ist das Aufbegehren gegen pseudoreligiöse Dogmen.

Religion, als vergleichende Religionswissenschaft hat mich immer interessiert. Auf unserer, mit unseren schulpflichtigen Kindern einst unternommenen 1632-Tage-Weltreise war ich in ungefähr 250 Kirchen, Domen, Tempeln und Betstätten. Klar waren wir respektvoll und ruhig und achteten die Würde des Ortes. Aber diesen Klima-CO2-Rassismus-Sexismus-LGBTQ-und-weiß-der-Kuckuck-was-Religionen fehlt es an Würde, an Anstand, an Respekt vor den Lebensentwürfen ihrer Mitmenschen. Es sind Nötiger, die uns per Zwang bekehren wollen, und nur wer sich aufs Fahrrad quält (fällt mir jetzt schwer – Rücken), Tofu frißt, dem Zucker entsagt, dem Pelzmantel sowieso und auf den Knien der ideologischen Neu-Kirche zu Kreuze kriecht, dem wird Ablaß gewährt. Endzeithysterie ist den westlichen Totalitaristen inhärent und wer nicht ergriffen dem letzten Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (Weltklimarat) lauscht, ist ein Ketzer.

Ein Grund, warum ich einerseits zwar Stromsparbirnen im ganzen Haus habe, andererseits aber am Earth-Day alle Lampen anmache. „You get what you pay for“, und ich bezahle den Strom, also kann ich ihn auch verbraten. Und die Heizung läuft so, daß wir uns wohlfühlen. Wenn dann wirklich das Ende nah ist (schon wieder mal…?), dann haben wir wenigstens nicht gefroren.

Damals gab es noch keine Judith Butler und keine Naomi Klein, die nervten, und überhaupt hatten die Feministinnen noch nicht so eine große Klappe. Eine Margarete Stokowski hätte in meiner Firma nicht mal Kunden einen Kaffee servieren dürfen. Ich liebe übrigens Polen, war da etwa 85 Mal, aber ich muß immer zwanghaft ausblenden, daß die Stokowski eigentlich Polin ist, um meine Liebe zu dem Land nicht zu beschädigen. Ritterlichkeit gegenüber Damen war damals dennoch vorhanden, in der Unterschicht eher nicht, aber auch heute interessieren die sich nicht dafür und lesen keine Kolumne der Stokowski. Ich habe meine Nachbarn gefragt, niemand kennt sie. Es beklatschen sich also immer die Gleichgesinnten. Ach übrigens: Natürlich bin ich ein AWM, ein alter weißer Mann, meine Frau, Diplom- Textil-Designerin und 22 Jahre jünger, ist natürlich eine „alte, weiße Frau“, und selbst unsere Kinder, 25 und 21, sind aus Sicht der Zeitgeistschranzen vorzeitig vergreist.

Den Freundinnen meiner Mutter küßte ich die Hand, sie liebten das und seufzten tief durch. Es war die Generation der Frauen, die Deutschland nach dem Kriege aufgebaut hatte, während die Stokowski-Verschnitte bereits die Zeit und wirtschaftliche Sicherheit hatten, sich „selbst zu finden“. Den wenigsten ist das übrigens gelungen. „Experten“ waren noch keine Quatschköppe und „Aktivist“ kein Beruf. Die Ärzte, Anwälte und Unternehmer, die bei uns zu Gast waren, waren jedenfalls Spezialisten und kannten ihre Materie aus dem FF. Nein, sie waren keine Blender, es waren Männer, es waren Frauen und keine Wesen mit einem stabilisierenden Kleiderbügel im Rücken. Wer da wischi-waschi laberte, wurde gar nicht erst eingeladen, das kam vor, und so ist das bis heute.

Es waren freie Jahre, selbst im geschlossenen West-Berlin. Die Sowjets waren die Sowjets, und auf der anderen Seite der Mauer, irgendwo in den Kasernen, schaute man DDR-Fernsehen. Da hatte man die Wahl zwischen „Willy Schwabes Rumpelkammer“, Volkstanzgruppen aus Baschkortostan oder Karl-Eduard von Schnitzler. Als Westberliner habe ich viel DDR-Fernsehen gesehen, vermutlich einer winzigen Minderheit angehörend. Ich wollte meine Feinde kennen. Das war auch einer der Gründe, warum ich mit einem westdeutschen Zweitausweis zig Mal da drüben rumgondelte und auf den Spuren Fontanes die Mark Brandenburg erkundete. Obwohl, das mit Fontane war etwas später, aber Ostberlin konnte man unsicher machen. Die Herren von der Stasi versuchten, mich zum illegalen Devisentausch zu bewegen, die Geschichte von ihrem Studentendasein war rührend, aber sie hatten alle die gleichen Lederjacken und waren als Studenten zu alt.

Die Sommer waren heiß, die Gewitter gewaltig, die Winter kalt, man nannte das Wetter. Die Regierung erließ Gesetze, aber waren die unvernünftig, unterlief man sie, und der Beifall anderer Genervter war einem sicher. Aber es gab keine gesellschaftliche Ächtung und keinen Ökototalitarismus. Für ein klosettdeckelgroßes Steak auf dem Grill entschuldigte sich niemand. Im Gegenteil, man griff herzhaft zu. 20 Jahre später, als ich öfter in Rußland war, bewunderte ich die russische Mentalität. Die Regierung regierte, und die Bürger machten was sie wollten, so ist das bis heute, leben und leben lassen, bewundernswert. Inzwischen halten die Freunde uns für bekloppt und tatsächlich, von außen gesehen erscheint einem Deutschland als Großklapse. Je weiter man entfernt ist, desto lächerlicher wirkt es. Aus Asien, Neuseeland oder Los Angeles sieht es so winzig aus, wie durch ein umgedrehtes Fernglas geschaut. Bloß unsere Riesenschnauze haben wir immer noch, meinen, andere bei mangelndem Wohlverhalten sanktionieren zu müssen. Größenwahn läßt grüßen. In Rußland, Vietnam oder Ungarn fühle ich mich wohl.

Unsere Nachbarn hießen früher Fritz Schulz oder Karl Meier und nicht Ali, Mohammed oder Aishe. In den Parlamenten machten noch keine Exiliranierinnen, keine Sawsans oder Ceblis auf große Fresse, und nur einige Grüne waren gegen den Ausbau des Autobahnanschlusses an den Berliner Ring nach Hamburg.

Vegetarier gab es, aber extrem selten, etwa so selten wie zweiköpfige Ochsen. Veganer gab es gar keine, niemand wußte was „Gluten“ sind. Es war eine herrliche Zeit, am Ku‘Damm standen an den Vitrinen noch deutsche „Damen“ und warteten auf Kunden und keine Rumäninnen und Bulgarinnen.

Nigeria kannte man nur vom Atlas, Somalia auch und Messer dienten dazu Brot oder Braten zu schneiden und nicht Passanten abzustechen. Dennoch war Deutschland aufgeschlossen. Man hatte sich an die österreichischen Piefkes gewöhnt und mit ihnen Freundschaft geschlossen, man fuhr gerne nach Dänemark, auch wenn die Sprache einer Halskrankheit glich und niemand beschwerte sich darüber, daß man an der Grenze seinen Paß vorzeigen mußte. Die dänischen Ferienhäuser wurden in einem Katalog angeboten (Dansk Feriehuset), sie wurden „Villa“ genannt, aber die Betten waren meist so schlecht, daß man nach dem Urlaub zum Wirbelsäulenspezialisten mußte. Dafür konnte man in der Ostsee baden, und der Strand war nicht von Verschleierten besetzt.

Natürlich war nicht alles besser, es gab noch kein DUODART gegen das Wachsen der Prostata und Psychiater, Psychologen und andere Menschenverhunzer hatten sich noch nicht vermehrt wie die Pilze nach dem Regen. Klar gab es Bekloppte, schon immer, aber inzwischen liegt das halbe Volk auf der Couch. Besonders hat es die Zugewanderten erwischt, die haben halt „Kriegsschäden“, genannt „Traumata“.

Schön, daß meine Eltern nicht so traumatisiert waren, obwohl komplett ausgebombt. Mein Vater jedenfalls hatte schnell das Pfadfindermesser gegen das Skalpell getauscht, und wenn er Leute aufschnitt, dann um sie zu heilen.

Alle, die wir kannten, waren gegen die Nazis, gegen die Kommunisten auch. Die Kommunisten arbeiteten bei der Reichsbahn der DDR und wählten die Sozialistische Einheitspartei Westberlins, und die Nazis kauften die National-Zeitung von Gerhard Frey. Es war der bekloppte Bodensatz, den es in jeder Gesellschaft gibt. Man nahm sie wahr, ging aber zur Tagesordnung über ohne sich ständig in Rassismusgeschrei zu üben. Das dauerhafte Abnudeln von Selbstverständlichkeiten kannten wir nur aus dem Osten, die Wortklaubereien, Spruchtransparente und Ergebenheitsadressen reizten zum Lachen. Heute lacht niemand mehr, bierernst nimmt man bei Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und der Regenbogenwindel Haltung an, alles ist furchtbar todernst, und wehe Du machst Zoten oder Witze.

Dafür konnten sich die Juden recht sicher fühlen, unser Freund Reuven, einziger Überlebender seiner vergasten Familie, später Mitbegründer der EL-Al, wußte nichts von Angriffen zu berichten, er riß Judenwitze, die mir die Schamröte ins Gesicht trieben, aber er durfte das, und wir hörten lieber zu, machten aber selbst nie mit, wir sind ja Deutsche. Einem Juden kann man Antisemitismus schlecht vorwerfen. Die Plastiktaschen nannten wir „jüdisches Taxi“, später „Türkenkoffer“, Reuven auch und niemand fühlte sich diskriminiert.

Die Kinder (aus erster Ehe) bekamen, als sie alt genug waren, eine Cowboyausrüstung, wie ich, ihr Vater, sie auch bekommen hatte, und klar wurden mit dem Meuchelpuffer reihenweise „Indigene“ (so sagt man heute) umgelegt. Die Indigenen nannten wir Indianer, waren gleichaltrig und wenn sie vom Indianerspiel genug hatten, gingen die Cowboys nach „oben“ und schauten „Lassie“. Im Kinderhaus, das hatte meine erste Frau ausgesucht, zogen sich die Kinder nackt aus, bemalten sich mit Farbe, die Kindergärtnerinnen rauchten, quatschten und tranken Kaffee, und ich wurde stinksauer. Von der Summerhill-Pädagogik hatte ich nie viel gehalten, und ich vermißte in Alexander Sutherland Neill’s Pädagogik die Anleitung zum Erlernen von Selbstdisziplin. Also zogen wir die Bremse, die Linken ließen ihre Brut weiterhin in Kreuzberger Kinderläden versauen, und vermutlich sind deren Enkel heute bei der Antifa. Wir erzogen unsere Kinder frei, pluralistisch und nicht prüde, aber an den Werten Respekt, Anstand und Rücksichtnahme orientiert. Toleranz war auch ein Wert, er meinte den Umgang mit dem Nächsten, aber keine Gießkanne, die jeden Idioten bewässern sollte.

Und ja, ich war Sexist, bin ich immer noch, mir gefallen halt schöne Frauen, knackige Ärsche und tiefe Dekolletés. Was mich aber nicht ermuntert, unhöflich oder abschätzend zu Frauen zu sein, im Gegenteil. Meiner Frau und ihren Freundinnen mache ich Komplimente, keine plumpen, aber gelegentlich schon, ähm, aus der Sicht eines Mannes und nicht aus der Perspektive eines geschlechtslosen Weicheis – Diverse kennen wir gar nicht. Ritterlichkeit und Erziehung sind etwas aus der Mode gekommen, und tatsächlich mußte ich mir schon anhören, im Restaurant, wenn eine SIE aufstand und ich auch in die Höhe schnellte, „Warum stehen Sie denn auf?“

Nun ja. Alle meine Frauen sind was geworden, was ziemlich „Gutes“, also erfolgreich, übrigens ganz ohne Quote. Aber sie haben auch keine Quatsch- und Laberfächer studiert, sondern eben was Handfestes oder Kreatives, etwas, was man Beitrag zur Gesellschaft nennen kann.

Wenn wir uns verabredeten, nahmen wir das Schnurtelefon und, so schön und praktisch das Handy auch ist, wenn man dann zusammen war, schauten einem die Frauen noch in die Augen und nicht auf das Telefon. Und sie redeten mehr, ich meine, sie waren kommunikativer, zugewandter. Das war, bevor sie den ganzen Verbalmüll als Sprachnachricht quatschten und nach 2 Minuten ohne Blick auf den Screen Schweißausbrüche bekommen. Whatsapp, Twitter und Konsorten sind Drogen, machen süchtig. Hier zu lesen bereichert weder die Bildung noch mehrt es das Wissen, im Gegenteil, es infantilisiert und preßt einen zum Opfer des Zeitgeistes.

Shitstorm gab es nicht, wenn man jemandem die Meinung geigen wollte, schaute man ihm oben in die Augen und trat ihm unten gegen das Schienbein. Das half, nicht immer, aber manchmal, die Kontrahenten waren nicht anonym, sie zeigten Gesicht. Denunzianten gab es auch, die hämmerten ihr Wissen in die Schreibmaschine und verpfiffen Bekannte, über die sie sich geärgert hatten, ans Finanzamt. Das Anscheißen mag der Deutsche, es stabilisiert sein Selbstwertgefühl, läßt ihn seinen

Minderwertigkeitskomplex vergessen, damals wie heute, ganz unabhängig von der technischen Entwicklung.

Dennoch: Unter dem Strich hatten wir mehr Freiheiten, konnten ungezügelter sagen, was wir wollten, frei von der Leber weg, und die Gefahr, gegen den Zeitgeist zu verstoßen, war relativ gering. Unkonventionelle Ansichten wurden bewundert, waren sie gut begründet, setzte man sich mit ihnen auseinander. Geächtet wurde niemand, politisch inkorrekt gab es nicht (Selbst der SEW-wählende Nachbar war akzeptiert, Nationalzeitungsleser kannten wir nicht), und es gab einen Minimalkonsens, was Respekt, Höflichkeit und Achtung betraf.

Die Grünen waren für die Natur, die Konservativen konservativ und keine „Rechten“, es gab eine vernünftige Opposition und keine gleichgeschaltete Parteiensoße, austauschbar und geschmacklos wie Fertiggerichte.

Schwule waren schwul, und ob das gut war oder nicht, es war IHRE Sache. Jedenfalls war das keine „nationale“ Angelegenheit, keine Symbolpolitik und der Regenbogen war nach einem Gewitter am Himmel, und an seinem Ende wartete der Goldtopf und er hing nicht als Windel am Arm von Fußballspielern.

Alle meine 3 Frauen waren bzw. sind Ausländerinnen und meine Kinder zur Hälfte, die aus erster Ehe leben im Ausland, die Enkel auch. Die jetzigen Kinder sind mit 25 und 21 in 50 Ländern gewesen, oft monatelang und sprechen 3 Sprachen fließend. Aber die Exfrauen und die „aktuelle“, die seit 28 Jahren an meiner Seite ist, sind Ausländerinnen aus unserem Kulturkreis, sie haben sich integriert, sprechen akzentfrei die deutsche Sprache. Sie habe nie Forderungen gehabt, schon gar nicht an den deutschen Aufnahmestaat, waren weder renitent oder auf ihre „kulturelle Andersartigkeit“ pochend. Traumatisiert waren und sind sie auch nicht, und alle unsere Freunde, die ganz ähnliche Gemischtehen führen, teilen letztlich unseren ethnopluralistischen Standpunkt, daß eine Masseneinwanderung kontraproduktiv ist.

Auf unseren uferlosen Reisen fanden wir die verschiedenen Ethnien mit ihren kulturellen Eigenheiten interessant, für die Bildung anregend, einfach toll, so wie sie da waren – wo sie waren, also in ihren Ländern. Das hat unsere ethnopluralistische Auffassung gefestigt, aber sie ist kein Dogma. Für Ehen (keine Scheinehen), für Wissenschaftler, Unternehmer, Künstler etc. muß es Ausnahmen geben, also für alle, die etwas mitbringen, frei sind von Forderungen, Traumata und einem Schock Gören, Cousins und anderen Clanmitgliedern.

Nachdem ich in insgesamt 67 Ländern war, mit meiner Familie in 50, oft monatelang, weiß ich Deutschland zu schätzen. In seiner landschaftlichen Vielfalt, in seiner infrastrukturellen Perfektion, seiner architektonischen Abwechslung, seiner, aus der Geschichte der 247 Fürstentümer herrührenden musikalischen, literarischen, künstlerischen Unterschiedlichkeit. Geistesleben, Wissenschaft, alles WAR überragend, Inspirationen gibt es auch heute noch, wenn auch eher vereinzelt. Wenn ich aufwache, bin ich dankbar dafür, HIER geboren worden zu sein und nicht in

Somalia, im Jemen oder Tasmanien. Deutschland hatte viele Stürme auszuhalten, denken wir zum Beispiel an die Reformation, von den Kriegen will ich gar nicht reden. Nur mit der Nomenklatur und den Medien hadere ich, hadern wir, die Tendenz ist zunehmend. Ab und zu schaue ich etwas neidisch nach Ungarn, wir haben da 7 Monate gelebt, Junior 2 Jahre studiert, Orbán tut etwas für SEIN Land. Beneidenswert.

In jedem Fall war damals die Gesellschaft noch nicht so infantil, es gab keine Hüpfer und die Großfressen waren für ernsthafte Konzernlenker noch keine Gesprächspartner. Und je mehr wir als Gesellschaft degenerieren und uns selbst unserer Würde berauben, desto mehr habe ich Sehnsucht nach praktizierter Unvernunft. Vögeln ohne Ökogedanken, Fernsehen ohne Haltungsheinis, den

Achtzylinder treten, ohne an Emissionen denken zu müssen. Auch in den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts war nicht alles besser, aber der sittliche, intellektuelle und charakterliche Verfall hat sich fliehkraftartig beschleunigt. Im Gegensatz zu den Versprechen der Politik und Medien ist von den „Zuwandernden“, also den Okkupanten, keine Erneuerung zu erwarten. Nicht nur Deutschland, ganz Europa, das Europa der Vaterländer, schlittert in eine zerstörerische Dekadenz. Nehmen wir ein Beispiel: Hitlers Gehirnwäsche der Deutschen dauerte 12 Jahre, seit 1968, dem Anfang des Desasters, sind 53 Jahre vergangen, 2 Generationen, und die Gehirnwäsche, die Entdeutschung, die pseudoreligiöse Verkitschung ist unumkehrbar. Bad Times ahead.

Heute stelle ich mit Entsetzen fest, daß man, sofern man sich nicht politisch zu weit aus dem Fenster hängt (nicht jeder will das, nicht jedem ist das gegeben) in den postsozialistischen Ländern freier und ungezwungener leben kann, die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung vielfältiger sind als bei uns, im dekadenten Westen. Das betrifft auch und gerade Rußland, was ich sehr gut kenne und nach Jahren in den USA (wir kennen 50 Staaten bestens bis auf Alaska) stelle ich mit Bedauern fest, daß die „Europäisierung“, also die „Sozialdemokratisierung“ der Amerikaner, mit Forderungen, Erwartungshaltungen an den Staat etc. geradezu groteske Formen angenommen hat und von den ursprünglichen amerikanischen Werten, der Unkonventionalität und der Improvisationsfähigkeit wenig übrig geblieben ist. Sehr schade.

Kommen wir zurück zu Starsky und Hutch und wie sie im Gran Torino (Tomate mit Streifen) durch das fiktive Bay City heizen. Nicht über alle Gags kann man heute lachen, auch Humor wandelt sich.

Immerhin konnten die noch Sätze raushauen, ohne sie jedes Mal vorher auf „Correctness“ abklopfen zu müssen, und in der Zeit trat auch kein Anzugträger später vor die Kamera, um einen Rückzieher zu machen. Wie es ja überhaupt erstaunlich ist, daß die „Geistesgrößen“ unserer Zeit, in Politik, Medien und Wirtschaft heute etwas sagen und es morgen zurückziehend bedauern. Vorher denken ist nicht mehr. Kann es sein, daß in den 70igern ein Rückgrat noch der Starrachse eines Torino glich und nicht aus Silicon war? Klar, die Autos hatten eine schlechte Straßenlage, waren unökonomisch, gefährlich und nichts für eine deutsche Büroklammer mit Ärmelschonern. Aber sie waren geil, unvernünftig geil. Alle diese Karren hatten ein tolles Design und sahen nicht aus wie ein Stück Flutschseife, so wie die heutigen Autos, die sich alle ähneln. (Ich weiß wovon ich rede, meine Frau ist Designerin).

Der Gran Torino kommt auch im gleichnamigen Film mit Clint Eastwood vor. Übrigens ist der Film ein gutes Beispiel dafür, daß man letztlich auch mit ausländischen Nachbarn in Harmonie und Frieden leben kann. Aber auch Walt Kowalski wurde natürlich nie gefragt, ob er diese Nachbarn überhaupt haben will. Die historisch gewachsene US-Multikulturalität unterscheidet sich eben deutlich von der europäischen Durchmischung. Deutschland war immer ein Land verschiedener Stämme, aber verbunden durch eine Sprache. In den USA habe ich oft Einwohner getroffen, die kein Wort Englisch konnten und sich auch nicht bemühten, so wie die anatolischen Nachbarn hier. Ausnahmen bestätigen die Regel. In der 11. Klasse meiner Tochter waren vor 2 Jahren 80 Prozent Nichtdeutsche, sie sprachen immerhin gebrochen Deutsch, gottlob nicht gegendert.

Der FORD GRAN TORINO steht auch für ein untergegangenes Lebensgefühl, für eine Zeit, als man noch an die Zukunft glaubte. Daß wir den vom Club of Rome prognostizierten Weltuntergang längst als Panikmache erkannt und überlebt haben, sollte uns zu denken geben. Auch das kann man aus der Geschichte lernen.

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P.S: Natürlich kaufe ich mir hier in Deutschland keinen FORD GRAN TORINO…….obwohl…..naja, bis dahin muß es ein DieCast Modell im Maßstab 1:18 tun. Also rauf auf die drehbare Käseplatte, zwei dunkle Kissen dahinter und fertig ist die Illustration.

©, Juni 2021, H.W.

Fotos: Hans Wulsten

Wir danken Hans Wulsten für die Veröffentlichungsgenehmigung.

„Hans Wulsten stammt aus Berlin, war Unternehmer, hat die halbe Welt bereist, schöpft aus Erfahrungen, sieht sich als radikal-paläolibertär und in der Tradition der Österreichischen Schule. Wulsten ist seit 25 Jahren glücklich mit der Russin Svetlana verheiratet und hat mir ihr zwei Kinder.“

Die junge Generation in Deutschland in Gefahr: Schulden und Hypotheken für unsere Nachkommen.

von Generalmajor a.D. Schultze-Rhonhof

Die junge Generation in Deutschland in Gefahr: Schulden und Hypotheken für unsere Nachkommen.

Das Pech der jungen Generation

Junge Leute in Deutschland stolpern heute unvorbereitet und uninformiert in eine sehr riskante Zukunft. Es ist dies erstens die hoch-riskante Zukunft unserer Euro-Währung, die seit den EZB-Finanzmanövern nicht mehr ausreichend gedeckt ist. Ein nicht mehr unwahrscheinlicher Kollaps der europäischen Schuldenblase und ein anschließender Zusammenbruch der Währung könnten die Ersparnisse und die Altersvorsorge der heute jungen Deutschen durchaus noch zu ihrer Lebenszeit auf ein Minimum zusammenschmelzen lassen. Und die „Vergemeinschaftung“ der Schulden aller Eurostaaten kann die heute Studierenden, die jungen Meisterinnen und Meister und Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer dereinst die Früchte ihrer heutigen Aufbauarbeit kosten. Es ist zweitens die nicht beendete Masseneinwanderung von mehrheitlich nicht integrationsfähigen Menschen aus der Dritten Welt. Diese Einwandererflut wird in Folge der dortigen Bevölkerungsexplosion absehbar auch kein Ende finden. Und es ist drittens der reale Verlust des Selbstbestimmungsrechts der Deutschen. Die schrittweise und schon laufende Übertragung unserer Parlamentsrechte und Regierungsaufgaben auf die Instanzen und Behörden der EU und der Verlust der Stimmenmehrheit im eigenen Land führen uns in nur wenigen Generationen dorthin. Die drei Themen Sicherung unserer Geldes und Vermögens, Beendigung der Masseneinwanderung und Behauptung des Selbstbestimmungsrechts werden von den etablierten Parteien und den Medien derzeit mit populären Themen wie Klimarettung, Digitalisierung, Corona und Gerechtigkeit aus den Wahlkämpfen herausgehalten.

Wenn Sie meine Begründungen im Einzelnen interessieren, lesen Sie bitte weiter.

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Der transzendente Wald

von Klaus Kunze

Der transzendente Wald

Der grüne Gott

In ohnmächtiger Wut verteidigen linke Rodungsgegner Forsten wie den Hambacher Forst und vormals manchen anderen. Für nüchtern rechnende Planer schlagen sie ihre Schlachten gegen die Polizei ohne Sinn und Verstand.

Dabei haben sie einen rechten literarischen Vorgänger. Der ostpreußische Kriegsheimkehrer Ernst Wiechert hatte 1922 in der Romangestalt des Henner Wittich sein Alter Ego geschaffen. Hauptmann Wittich war im Felde ein harter Hund. Er kehrt der modernen Welt mit ihrer mechanisierten Menschenvernichtung den Rücken und zieht sich in seinen ostpreußischen Urwald zurück. Wer sich unbefugt hineinwagt, riskiert sein Leben.

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Menschenwürde und der Atomisierungstotalitarismus der Mitte

von Florian Sander

Menschenwürde und der Atomisierungstotalitarismus der Mitte

Der Begriff der Menschenwürde in seiner verfassungsrechtlichen und politischen Bedeutung

Die Menschenwürde ist in aller Munde. Genau genommen war sie dies schon seit Gründung der Bundesrepublik – rekurriert doch eben immerhin Artikel 1 des Grundgesetzes auf jene „Würde des Menschen“ und hebt sie in einen verfassungsrechtlichen Rang höchster Priorität und größtmöglicher Bedeutung. Abseits dieser besonderen Rolle der Schutzfunktion für den Menschen in all seinen im Nachhinein vom Grundgesetz verbrieften Freiheitsrechten ist sie aber mit fortschreitender linksgrüner Transformation des gesellschaftlichen Grundkonsenses der Bundesrepublik seit den 90er Jahren bis heute immer mehr auch zu einem explizit politischen Begriff ausgebaut worden, der nicht mehr, wie zuvor noch verfassungsrechtlich gedacht, dazu dient, eine gemeinsame Ausgangsbasis, einen gemeinsamen Nenner, ein Fundament, ein Grundgerüst für den politischen Wettbewerb in der Demokratie zu schaffen, sondern mit dem aktiv Politik gemacht wird, mit dem politische Programme implementiert, ja mit dem sogar der politische Feind (nicht mehr: Gegner) bekämpft werden soll. Die Menschenwürde ist ein politischer Kampfbegriff geworden – basierend auf der Macht moralischer Aufladung.

Gummibegriff repressiver Staatspraxis

Einer besonderen Beliebtheit erfreut sich der Begriff jüngst bei den Gutachtern des Verfassungsschutzes, die – freilich in politischem Auftrag – danach trachten, der AfD, ihrer Jugendorganisation JA und dem mittlerweile aufgelösten Flügel sowie mehreren Landesverbänden und einzelnen Politikern der Partei eine gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gerichtete Haltung zu unterstellen. Die Tatsache, daß hierfür ein skandalträchtiger Wechsel an der Spitze des Inlandsgeheimdienstes nötig wurde, zeigt bereits eindrücklich, daß es sich bei dem Schritt hin zur Beobachtung mindestens von Teilen der Partei und ihrer Untergliederungen und ihrer „Verdachtsfall“-Einstufung um eine explizit politische und eben nicht um eine „administrative“ oder „rational-verwaltungstechnische“ Entscheidung handelt.

Besonders aufschlußreich sind hier oftmals die herangezogenen Begründungen, die in den gutachterlichen Beurteilungen als Legitimation für die staatliche Repression gegen die verbliebene Oppositionspartei herhalten müssen. Besonders sticht hier immer wieder der Verweis auf „die Menschenwürde“ hervor, welche durch diese oder jene Positionierung oder Äußerung eines AfD-Politikers verletzt werde. Ein AfD-Vertreter übt polemisch-überspitzte Kritik am politischen Gegner, wie er insbesondere zu Wahlkampfzeiten in der politischen Auseinandersetzung seit jeher bei allen Parteien üblich ist? Eine Verletzung der „Menschenwürde“ dieses oder jenen Altparteien-Politikers. Eine AfD-Untergliederung wendet sich dagegen, soziale Transferleistungen welcher Art auch immer an Ausländer auf dem gleichen Niveau zu halten wie solche an deutsche Staatsbürger? Eine Verletzung „der Menschenwürde“, da ja jeder Mensch vom Staate gleich zu behandeln sei. So läßt sich das Spiel ewig fortführen.

Überspitzt gesprochen könnte man prognostizieren: Will ein AfD-Politiker demnächst einen islamistischen Terroristen ausweisen lassen, so ist auch das dann schließlich eine Verletzung der „Menschenwürde“ des besagten Islamisten, der ja schließlich einen Anspruch darauf habe, im rechtsstaatlichen Verfahren nicht anders behandelt zu werden als deutsche Staatsbürger. Der Begriff der Menschenwürde ist – in seiner politischen Verwendung – allzu oft eine Art Gummibegriff, der so derart interpretationsbedürftig ist, daß ihn jeder im Sinne seiner jeweiligen politischen Ideologie drehen und kneten kann, wie er möchte. Grund genug, sich an dieser Stelle in einer soziologischen Betrachtung des Begriffes zu versuchen, um etwas mehr Klarheit zu schaffen.

Wahrnehmung durch Kontrast

Was „würdig“ ist und was nicht, ist in der Regel eine Frage der Kommunikation und der befriedigten oder eben nicht befriedigten sozialen Rollenerwartungen – an andere wie auch an sich selbst. Die soziologische Bedeutung von Würde läßt sich am ehesten dadurch erschließen, daß wir fragen, was wir als „unwürdig“ oder gar „würdelos“ betrachten. Stellen wir diese Frage, so bemerken wir schnell, daß uns „Würdelosigkeit“ oder eine „unwürdige Existenz“ (beide Begriffe beinhalten bloß unterschiedliche normative Positionierungen zu ein- und demselben sozialen Phänomen – ersterer ist verurteilend, letzterer mitleidig) immer da begegnen, wo soziale Selbstdarstellungen misslingen, sei es gegenüber anderen oder sei es vor einem selbst, aber geboren aus den Maßstäben der sozialen Umwelt.

Armut empfinden wir für gewöhnlich erst dann als Unglück, wenn sie eine gesellschaftliche Ausnahme darstellt. Wenn in der Gesellschaft jedermann arm ist, ist es „normal“, also innerhalb der sozialen Norm, und auch kein Unglück mehr. Begegnen Menschen aus wohlhabenden Industriestaaten zum ersten Mal den Lebensverhältnissen in einem Entwicklungsland – sei es nun als Touristen, in einem Freiwilligendienst oder in anderen Zusammenhängen – so ist oftmals die Überraschung darüber groß, „wie glücklich“ doch „diese Menschen dort“ sind, trotz der großen Armut, während einem daheim, im verregneten Deutschland, angeblich nur missmutige Gesichter und Freudlosigkeit begegneten. Einstufungen wie diese sind nicht nur geboren aus der für Deutsche typischen Idealisierung alles Fremden bei gleichzeitiger Aburteilung des komplexbeladenen Eigenen, sondern enthalten durchaus einen wahren Kern. Und dieser Kern resultiert eben daraus, daß dort, wo „es jedem gleich schlecht geht“, weniger Unglück vorherrscht als dort, wo es den einen gut und den anderen schlecht geht. Die Relation erst schafft die Glücks- oder Unglückswahrnehmung.

Aus dieser Relation heraus wird das Bedürfnis nach Würde geboren. Wer in einem selbstgebauten Haus aus Pappkartons in einer brasilianischen Favela lebt, der wird dies nicht als menschenunwürdige Existenz empfinden, solange es seiner sozialen Umwelt ebenso geht. Erst das Ungleichheitsempfinden schafft die Wahrnehmung und Kategorisierung als menschenunwürdig. Menschenwürde ist ein Begriff, der sozialen Zurechnungen entspringt – und eben kein absoluter, der einen objektiv gegebenen oder gar gottgewollten Zustand beschreibt. Das, was „menschenwürdig“ ist und was nicht, wird determiniert durch soziale Rollenerwartungen.

Gelingende Selbstdarstellung im Rahmen sozialer Rollen

Der Mensch spielt normalerweise dutzende soziale Rollen (sofern er nicht tagelang allein in Quarantänen und Heimarbeit sitzt – derartige, wenn auch monatelange „Ausnahmesituationen“ blenden wir an dieser Stelle einmal theoriepragmatisch aus). Auf gesellschaftlicher Ebene sind wir Arbeitnehmer, Sohn oder Tochter, Vater oder Mutter, Patient, Kunde, Wähler, Sportler, Zeuge, Künstler, Gemeindemitglied, Leser / Zuschauer und vieles mehr. Auf organisationaler Ebene mal Chef, mal Untergebener, mal Kunde, mal Leistungserbringer; auf Gruppen-Ebene mal Freund, mal Feind, mal Moderator; auf Interaktionsebene mal Gesprächspartner, mal Zuhörer oder Beobachter. Die Liste ließe sich fortführen.

An diese sozialen Rollen gekoppelt sind soziale Rollenerwartungen, die wiederum aus sozialen Normen geboren werden. Wir wissen, daß wir als Patient in der Regel erst im Wartezimmer sitzen. Wir wissen, daß wir als Kunde in der Schlange warten müssen und uns nicht vordrängeln dürfen. Wir wissen insbesondere, wie wir uns in unseren (beruflichen oder sonstigen) Leistungsrollen zu verhalten haben. Über die mit dem Erwachsenwerden eintretende Reaktions- und Stimulus-Differenzierung lernen wir, die eine Rolle von der anderen zu trennen; also zu wissen, daß wir uns im einen sozialen System anders benehmen müssen als im anderen, daß wir uns etwa im Beruf anders kleiden als auf dem Sofa und so weiter. Gelingt diese Differenzierung, genügen wir den sozialen Rollenerwartungen und der sozialen Norm, und es gelingt auch die soziale Selbstdarstellung. Gelingt sie nicht, ist unsere Würde geschädigt: Wir sind schlimmstenfalls „gedemütigt“ oder „entwürdigt“ – aus Sicht anderer oder aus unserer eigenen Sicht. Würde ist also nicht objektiv gegeben, sondern wird uns sozial zugeschrieben (vgl. Nettesheim 2005: 91ff.). Sie ist Gegenstand und Resultat sozialer Konstruktion, nicht naturrechtlich-ontologisch vorgegeben (vgl. Böckenförde 2004: 1223).

Kann ein Gesetz etwas für unantastbar erklären, was sozial zugerechnet wird und nicht objektiv gegeben ist? Im soziologischen Sinne: Nein. Nichts bewahrt uns im Zweifel vor Entwürdigung, sei es nun vor uns selbst oder vor anderen – auch nicht der demokratische Staat, denn er kann niemals überall sein, wo wir kommunizieren. Ein Staat kann mit dieser Problematik nun jedoch unterschiedlich umgehen. Aus der liberalen Herangehensweise heraus verstünde er die Menschenwürde – letztendlich und lediglich – als Begrenzung seiner selbst, als Abwehrrecht. Artikel 1 hieße demnach faktisch: „Die Würde des Menschen ist für den Staat unantastbar.“ Hierauf basierte das Rechtsstaatsprinzip.

Dabei allerdings blieb es nicht, sondern die Menschenwürde im grundgesetzlichen Sinne wird zugleich auch als Leistungsrecht verstanden, welches den Staat dazu verpflichtet, Dritte von der Verletzung der Menschenwürde abzuhalten und hierfür entsprechende politische und rechtliche Schritte zu veranlassen. An diesem Punkt begegnet der Staat seiner ihm selbst gesetzten Unmöglichkeit, die aus einem zugrundeliegenden Egalitarismus herrührt. Da ausdrücklich „alle Menschen“ – und eben nicht nur: alle Staatsbürger – adressiert werden (vgl. ebd. 2004: 1222), müssen alle jederzeit in gleicher Weise beglückt werden, egal wer sie sind und vor allem: woher sie kommen. Der Nationalstaat verunmöglicht sich in dieser Auslegung letztendlich selbst, denn wenn jeder, der kommt, unter Berufung auf Artikel 1 genauso behandelt werden soll wie Staatsbürger, führt dies unweigerlich irgendwann zu seiner selbstverschuldeten Überlastung und damit zum Zusammenbruch. So wird die verfassungsrechtliche Menschenwürde in der politischen Praxis zur Paradoxie, denn wo irgendwann kein Staat mehr ist, da kann auch keiner mehr die Menschenwürde schützen.

Menschenwürde in rechtssoziologischer Perspektive

Rechtssoziologisch betrachtet ist das Prinzip der Menschenwürde vergleichbar mit einer Einrichtung der strukturellen Kopplung des politischen Systems und des Rechtssystems, mittels derer sich beide Funktionssysteme wechselseitig beobachten können – mittels derer sie sich aber auch selbst beobachten können (vgl. Luhmann 1990: 201ff.; Luhmann 1995: 440-495; Luhmann 2002: 372-406; Luhmann 2018: 92-120). Das politische System in der funktional differenzierten Gesellschaft weiß (u. a.) durch das Menschenwürde-Prinzip, wie weit es mit seinen politischen Steuerungsambitionen gehen darf und wie weit nicht, während das Rechtssystem (u. a.) durch es weiß, ab wann es dem politischen System Grenzen aufzuzeigen hat. Zugleich ist es aber eben auch die Anleitung zum politischen Programm, also zu konkreten politischen Schritten, welche die Rolle einer bloßen verfassungsrechtlichen Schranke weit überschreiten und dem liberalen Gerüst der Bundesrepublik damit eine kräftige egalitäre Lackierung hinzufügen.

Die verbindende Klammer zwischen den beiden vermeintlichen Polen „Liberalismus“ und „Egalitarismus“, die deren Distanz zum konservativen Wertegerüst besonders vor Augen führt, ist die des Individualismus, welcher sich im Menschenwürde-Prinzip ganz besonders drastisch ausdrückt. Denn dort, wo der Staat verpflichtet ist, jedermanns soziale Selbstdarstellung zu akzeptieren und zu schützen, so wie sie ist (vgl. Nettesheim 2005: 92), ja wo er sogar Dritte mit aller Macht dazu veranlassen muß, dies zu tun, und sie vor dem Anzweifeln dessen abhalten muß, da kann mit einiger Berechtigung eine Art „individualistischer Totalitarismus“ attestiert werden. Das Individuum wird in eine Position des nicht mehr Anzweifelbaren erhoben – sei es nun in seinem sozialen Status oder in seiner sexuellen Identität. Nichts soll das Individuum mehr aufhalten dürfen in der postmodern-neoliberalen Gesellschaft – nicht nationalstaatliche Grenzen, nicht gesellschaftliche Sitten, Konventionen und Institutionen, ja nicht einmal von der Natur selbst gesetzte Grenzen und Grundgerüste (wie etwa die beiden Geschlechter).

Entpolitisierung, Atomisierung, Anomie

Doch wo das Individuum alles ist, da ist das Kollektiv nichts: Kollektive Identitäten und Einheiten, kollektive Interessen, wie sie eigentlich grundlegend sind für jede funktionierende Gesellschaft (und damit relevant für jeden Staat), Gemeinschaft, Religion, Familie und Nation müssen dadurch letztlich gezwungenermaßen in den Hintergrund treten bis schließlich ganz verschwinden. Durch den liberal-egalitär-universalistischen Individualismus werden althergebrachte Institutionen und übergeordnete Bindungen atomisiert, was letztlich zur Entpolitisierung (vgl. Schmitt 2015: 33) und damit zur anomischen (vgl. Durkheim 1983) Gesellschaft führt, die durch nichts mehr zusammengehalten wird, sondern in Vereinzelung zersplittert, die aber zugleich zur globalisierten Weltgesellschaft ausgedehnt wird, die aus hyperindividualisierten Konsumenten besteht, aber jegliche kollektive Identitäten negiert hat. Die besondere Tragik einer solche Entwicklung besteht darin, daß sie nicht nur jeglicher rechten Vorstellung zuwiderläuft, sondern im Endeffekt auch klassischen linken Utopien – zugunsten eines digitalisierten, anonymisierten, seelenlos-kosmopolitischen, globalen Neoliberalismus, getragen von „Big Tech“ und „Woke Capital“.

Es läge insofern nicht nur im Interesse der politischen Rechten, sondern auch der – klassischen, also nicht liberalen – politischen Linken, dem sanften Atomisierungstotalitarismus der Mitte die Forderung nach einem neuen Recht auf kollektive Identität entgegenzustellen, welches zum Schutz menschlicher Grundbedürfnisse nach sozialer Einbettung Rechnung trägt. Es kann und sollte unsere politische wie verfassungsrechtliche Aufgabe sein, eine solche Entwicklung couragiert und engagiert voranzutreiben.

Literatur

Böckenförde, Ernst-Wolfgang (2004). Bleibt die Menschenwürde unantastbar? In: Blätter für deutsche und internationale Politik 10/2004. S. 1215-1227.

Durkheim, Emile (1983). Der Selbstmord. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Luhmann, Niklas (1990). Verfassung als evolutionäre Errungenschaft. In: Rechtshistorisches Journal 9/1990. S. 176-220.

Luhmann, Niklas (1995). Das Recht der Gesellschaft (1. Aufl.). Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Luhmann, Niklas (2002). Die Politik der Gesellschaft (1. Aufl.). Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Luhmann, Niklas (2018). Die Gesellschaft der Gesellschaft (Bd. I) (10. Aufl.). Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Nettesheim, Martin (2005). Die Garantie der Menschenwürde zwischen metaphysischer Überhöhung und bloßem Abwägungstopos. In: Archiv des öffentlichen Rechts 130, 2005. S. 71-113.

Schmitt, Carl (2015). Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien (9., korr. Auflage). Berlin: Duncker & Humblot.

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Florian Sander

Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD in NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er schrieb u. a. für ‚Le Bohémien‘, ‚Rubikon‘, ‚Linke Zeitung‘, den ‚Jungeuropa‘-Blog und ‚PI News‘, ist inzwischen Autor für ‚Arcadi‘, ‚Sezession‘, ‚Glauben und Wirken‘, ‚Wir selbst‘ und ‚Konflikt‘ und betreibt den Theorieblog ‚konservative revolution‘.