Von der Sehnsucht nach Unvernunft

von Hans Wulsten

Nein, früher war nicht alles besser. Mit „früher“ meine ich nicht 1887, auch nicht 1933 oder gar 1945. Ich denke gerade so an die Zeit um 1975. Da war ich 26 Jahre alt, voller Kraft in den Lenden und voller Ideen im Kopf. Oder umgekehrt.

Es gab noch kein Internet, aber der Verzicht auf Wikipedia, YouPorn, Google und Facebook schmerzte nicht, es gab so viele andere Möglichkeiten, seinen Tag auszufüllen. In der Deutschen Oper konnte man Gundula Janowitz (Sopran) hören, original und nicht auf YouTube, ebenso Wilhelm Kempff (Pianist) in der Philharmonie und in der Komödie am Kurfürstendamm sah man Boy Gobert (daß er schwul war, interessierte keinen Menschen, man mochte ihn jedenfalls) und im Schillertheater Berta Drews, die Mutter von Götz George.

Die Damen der Abonnementhuster trugen Nerz, wenn sie in die Oper gingen und noch mußten sie keine Angst haben, von wildgwordenen Tierrechtsschützern mit Farbe besprüht zu werden. In der Oper selbst gab es noch manierliche Bühnenbilder, das Studium an der HdK (Hochschule der Künste) hatte sich also gelohnt, allenfalls fuhr in Verdis „Macbeth“ mal ein Panzer über die Bühne, aber das waren Ausnahmen. Auf die Bühne gepinkelt wurde jedenfalls nicht, gottlob, da waren die Hamburger schon weiter.

Irgendwann in dieser Zeit tobten auch kleine Gruppen von Systemveränderern durch die City, grölten „Ho-Ho-Ho Chi Minh“ und probten schon mal ihre antiimperialistischen Revolutionen, anschließend aßen sie bei Aschinger am Zoo eine Bierwurst oder Erbsensuppe. „Enteignet Springer“ hatte sich, meiner Erinnerung nach, schon überlebt, die waren halt da, und sind es bis heute. Meistens lügen sie, manchmal schreiben sie nahe an der Wahrheit, Mainstreammedien eben.

Inzwischen flogen auch keine Eier mehr gegen das Amerikahaus in der Hardenbergstraße, alles überlebt sich, und auch die Hüpfer von heute, die sich so wichtig nehmen, sind bald wieder Geschichte, und Marlene, meine siebenjährige Enkeltochter, wird sich ihrer nicht erinnern. Vermutlich hüpfen in 10 Jahren andere Wichtigtuer, und meine Tochter, jetzt 21 und Studentin, lächelt nachsichtig über die Luisas und Gretas und schlägt das nächste Buch auf. An ihrer Vita wird eines Tages nichts zu deuteln sein, insofern ist Annalena ein warnendes Beispiel, bei der Wahrheit zu bleiben, und auch Luisa wird sich eines Tages Fakten stellen müssen und entweder ihr Studium beenden oder bei ALDI an der Kasse sitzen. Obwohl… so Opportunisten wie Joe Kaeser sterben ja nicht aus, vielleicht hat er doch einen ernsthaften Job für sie.

Am Kurfürstendamm eröffneten die ersten Peepshows, damals trugen die Mädels noch Schamhaare, aber nach einer Blütezeit und zahlreichen Drehtellern in der Innenstadt wurden sie weniger, die Peepshows meine ich, Moralapostel nörgelten immer wieder rum, (einige der Gucklochkabinen hielten sich noch 15 Jahre, dann schloß die letzte) die Schamhaare wurden auch weniger, Epilation setzte sich durch, die glattrasierte Muschi war und ist „in“, naja, bis auf so verklemmte Feministinnen, die da meinen, sich durch den Erhalt der Scham- und Achselhaare bereits emanzipiert zu haben.

An der Gedächtniskirche saßen die Gammler, meistens „friedensbewegte“ Wehrdienstverweigerer aus Westdeutschland, oder Kiffer, in jedem Fall Versager, die die Passanten angingen: „Haste ma ne Mark?“ Mangels Toilette pinkelten sie an die Gedächtniskirche, deren Fundamente sich zersetzen und später aufwendig saniert werden mußten. Noch ein paar Jahre später stieß Helga Goetze dazu und ließ sich mit ihrem selbstgemalten Schild „Ficken ist Frieden und Ficken ist wichtig“ bestaunen. Ach je, war Berlin verrucht.

Im Fernsehen gab es „Dallas“ und den fiesen „J.R.“ Ewing oder „Starsky und Hutch“, die beiden Darsteller sind heute auch schon 78 Jahre alt. Aber ihre geile rotweiße Karre war die totale Unvernunft. Aber herrlich: Die Kiste war 5,40 m lang und 2,14 m breit und wog leer 2,4 Tonnen. Der Motor, ein 375 PS starker 8 Zylinder soff 20 bis 30 Liter. Egal, der Preis pro Galone war, 10 Jahre später, als ich da war, bei 30 Cent die Gallone, das sind 3,78541 Liter, einfach traumhaft. Ich liebe diese kontrollierte Unvernunft, und ich liebe sie bis heute. Je mehr verboten wird, je mehr an „Gemeinsinn“ und das große „Wir“ appelliert wird, desto mehr bereitet es mir geradezu diebische Freude, alles zu unterlaufen: nun gerade. Das hat nichts mit verschleppter Pubertät zu tun oder Mangel an Reife, immerhin bin ich im Spätherbst meines Lebens und kann auf 3 Ehen, 4 Kinder und 4 Enkel verweisen, denen ich ja (seufz) pädagogisches Vorbild sein muß. Nein, es ist das Aufbegehren gegen pseudoreligiöse Dogmen.

Religion, als vergleichende Religionswissenschaft hat mich immer interessiert. Auf unserer, mit unseren schulpflichtigen Kindern einst unternommenen 1632-Tage-Weltreise war ich in ungefähr 250 Kirchen, Domen, Tempeln und Betstätten. Klar waren wir respektvoll und ruhig und achteten die Würde des Ortes. Aber diesen Klima-CO2-Rassismus-Sexismus-LGBTQ-und-weiß-der-Kuckuck-was-Religionen fehlt es an Würde, an Anstand, an Respekt vor den Lebensentwürfen ihrer Mitmenschen. Es sind Nötiger, die uns per Zwang bekehren wollen, und nur wer sich aufs Fahrrad quält (fällt mir jetzt schwer – Rücken), Tofu frißt, dem Zucker entsagt, dem Pelzmantel sowieso und auf den Knien der ideologischen Neu-Kirche zu Kreuze kriecht, dem wird Ablaß gewährt. Endzeithysterie ist den westlichen Totalitaristen inhärent und wer nicht ergriffen dem letzten Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (Weltklimarat) lauscht, ist ein Ketzer.

Ein Grund, warum ich einerseits zwar Stromsparbirnen im ganzen Haus habe, andererseits aber am Earth-Day alle Lampen anmache. „You get what you pay for“, und ich bezahle den Strom, also kann ich ihn auch verbraten. Und die Heizung läuft so, daß wir uns wohlfühlen. Wenn dann wirklich das Ende nah ist (schon wieder mal…?), dann haben wir wenigstens nicht gefroren.

Damals gab es noch keine Judith Butler und keine Naomi Klein, die nervten, und überhaupt hatten die Feministinnen noch nicht so eine große Klappe. Eine Margarete Stokowski hätte in meiner Firma nicht mal Kunden einen Kaffee servieren dürfen. Ich liebe übrigens Polen, war da etwa 85 Mal, aber ich muß immer zwanghaft ausblenden, daß die Stokowski eigentlich Polin ist, um meine Liebe zu dem Land nicht zu beschädigen. Ritterlichkeit gegenüber Damen war damals dennoch vorhanden, in der Unterschicht eher nicht, aber auch heute interessieren die sich nicht dafür und lesen keine Kolumne der Stokowski. Ich habe meine Nachbarn gefragt, niemand kennt sie. Es beklatschen sich also immer die Gleichgesinnten. Ach übrigens: Natürlich bin ich ein AWM, ein alter weißer Mann, meine Frau, Diplom- Textil-Designerin und 22 Jahre jünger, ist natürlich eine „alte, weiße Frau“, und selbst unsere Kinder, 25 und 21, sind aus Sicht der Zeitgeistschranzen vorzeitig vergreist.

Den Freundinnen meiner Mutter küßte ich die Hand, sie liebten das und seufzten tief durch. Es war die Generation der Frauen, die Deutschland nach dem Kriege aufgebaut hatte, während die Stokowski-Verschnitte bereits die Zeit und wirtschaftliche Sicherheit hatten, sich „selbst zu finden“. Den wenigsten ist das übrigens gelungen. „Experten“ waren noch keine Quatschköppe und „Aktivist“ kein Beruf. Die Ärzte, Anwälte und Unternehmer, die bei uns zu Gast waren, waren jedenfalls Spezialisten und kannten ihre Materie aus dem FF. Nein, sie waren keine Blender, es waren Männer, es waren Frauen und keine Wesen mit einem stabilisierenden Kleiderbügel im Rücken. Wer da wischi-waschi laberte, wurde gar nicht erst eingeladen, das kam vor, und so ist das bis heute.

Es waren freie Jahre, selbst im geschlossenen West-Berlin. Die Sowjets waren die Sowjets, und auf der anderen Seite der Mauer, irgendwo in den Kasernen, schaute man DDR-Fernsehen. Da hatte man die Wahl zwischen „Willy Schwabes Rumpelkammer“, Volkstanzgruppen aus Baschkortostan oder Karl-Eduard von Schnitzler. Als Westberliner habe ich viel DDR-Fernsehen gesehen, vermutlich einer winzigen Minderheit angehörend. Ich wollte meine Feinde kennen. Das war auch einer der Gründe, warum ich mit einem westdeutschen Zweitausweis zig Mal da drüben rumgondelte und auf den Spuren Fontanes die Mark Brandenburg erkundete. Obwohl, das mit Fontane war etwas später, aber Ostberlin konnte man unsicher machen. Die Herren von der Stasi versuchten, mich zum illegalen Devisentausch zu bewegen, die Geschichte von ihrem Studentendasein war rührend, aber sie hatten alle die gleichen Lederjacken und waren als Studenten zu alt.

Die Sommer waren heiß, die Gewitter gewaltig, die Winter kalt, man nannte das Wetter. Die Regierung erließ Gesetze, aber waren die unvernünftig, unterlief man sie, und der Beifall anderer Genervter war einem sicher. Aber es gab keine gesellschaftliche Ächtung und keinen Ökototalitarismus. Für ein klosettdeckelgroßes Steak auf dem Grill entschuldigte sich niemand. Im Gegenteil, man griff herzhaft zu. 20 Jahre später, als ich öfter in Rußland war, bewunderte ich die russische Mentalität. Die Regierung regierte, und die Bürger machten was sie wollten, so ist das bis heute, leben und leben lassen, bewundernswert. Inzwischen halten die Freunde uns für bekloppt und tatsächlich, von außen gesehen erscheint einem Deutschland als Großklapse. Je weiter man entfernt ist, desto lächerlicher wirkt es. Aus Asien, Neuseeland oder Los Angeles sieht es so winzig aus, wie durch ein umgedrehtes Fernglas geschaut. Bloß unsere Riesenschnauze haben wir immer noch, meinen, andere bei mangelndem Wohlverhalten sanktionieren zu müssen. Größenwahn läßt grüßen. In Rußland, Vietnam oder Ungarn fühle ich mich wohl.

Unsere Nachbarn hießen früher Fritz Schulz oder Karl Meier und nicht Ali, Mohammed oder Aishe. In den Parlamenten machten noch keine Exiliranierinnen, keine Sawsans oder Ceblis auf große Fresse, und nur einige Grüne waren gegen den Ausbau des Autobahnanschlusses an den Berliner Ring nach Hamburg.

Vegetarier gab es, aber extrem selten, etwa so selten wie zweiköpfige Ochsen. Veganer gab es gar keine, niemand wußte was „Gluten“ sind. Es war eine herrliche Zeit, am Ku‘Damm standen an den Vitrinen noch deutsche „Damen“ und warteten auf Kunden und keine Rumäninnen und Bulgarinnen.

Nigeria kannte man nur vom Atlas, Somalia auch und Messer dienten dazu Brot oder Braten zu schneiden und nicht Passanten abzustechen. Dennoch war Deutschland aufgeschlossen. Man hatte sich an die österreichischen Piefkes gewöhnt und mit ihnen Freundschaft geschlossen, man fuhr gerne nach Dänemark, auch wenn die Sprache einer Halskrankheit glich und niemand beschwerte sich darüber, daß man an der Grenze seinen Paß vorzeigen mußte. Die dänischen Ferienhäuser wurden in einem Katalog angeboten (Dansk Feriehuset), sie wurden „Villa“ genannt, aber die Betten waren meist so schlecht, daß man nach dem Urlaub zum Wirbelsäulenspezialisten mußte. Dafür konnte man in der Ostsee baden, und der Strand war nicht von Verschleierten besetzt.

Natürlich war nicht alles besser, es gab noch kein DUODART gegen das Wachsen der Prostata und Psychiater, Psychologen und andere Menschenverhunzer hatten sich noch nicht vermehrt wie die Pilze nach dem Regen. Klar gab es Bekloppte, schon immer, aber inzwischen liegt das halbe Volk auf der Couch. Besonders hat es die Zugewanderten erwischt, die haben halt „Kriegsschäden“, genannt „Traumata“.

Schön, daß meine Eltern nicht so traumatisiert waren, obwohl komplett ausgebombt. Mein Vater jedenfalls hatte schnell das Pfadfindermesser gegen das Skalpell getauscht, und wenn er Leute aufschnitt, dann um sie zu heilen.

Alle, die wir kannten, waren gegen die Nazis, gegen die Kommunisten auch. Die Kommunisten arbeiteten bei der Reichsbahn der DDR und wählten die Sozialistische Einheitspartei Westberlins, und die Nazis kauften die National-Zeitung von Gerhard Frey. Es war der bekloppte Bodensatz, den es in jeder Gesellschaft gibt. Man nahm sie wahr, ging aber zur Tagesordnung über ohne sich ständig in Rassismusgeschrei zu üben. Das dauerhafte Abnudeln von Selbstverständlichkeiten kannten wir nur aus dem Osten, die Wortklaubereien, Spruchtransparente und Ergebenheitsadressen reizten zum Lachen. Heute lacht niemand mehr, bierernst nimmt man bei Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und der Regenbogenwindel Haltung an, alles ist furchtbar todernst, und wehe Du machst Zoten oder Witze.

Dafür konnten sich die Juden recht sicher fühlen, unser Freund Reuven, einziger Überlebender seiner vergasten Familie, später Mitbegründer der EL-Al, wußte nichts von Angriffen zu berichten, er riß Judenwitze, die mir die Schamröte ins Gesicht trieben, aber er durfte das, und wir hörten lieber zu, machten aber selbst nie mit, wir sind ja Deutsche. Einem Juden kann man Antisemitismus schlecht vorwerfen. Die Plastiktaschen nannten wir „jüdisches Taxi“, später „Türkenkoffer“, Reuven auch und niemand fühlte sich diskriminiert.

Die Kinder (aus erster Ehe) bekamen, als sie alt genug waren, eine Cowboyausrüstung, wie ich, ihr Vater, sie auch bekommen hatte, und klar wurden mit dem Meuchelpuffer reihenweise „Indigene“ (so sagt man heute) umgelegt. Die Indigenen nannten wir Indianer, waren gleichaltrig und wenn sie vom Indianerspiel genug hatten, gingen die Cowboys nach „oben“ und schauten „Lassie“. Im Kinderhaus, das hatte meine erste Frau ausgesucht, zogen sich die Kinder nackt aus, bemalten sich mit Farbe, die Kindergärtnerinnen rauchten, quatschten und tranken Kaffee, und ich wurde stinksauer. Von der Summerhill-Pädagogik hatte ich nie viel gehalten, und ich vermißte in Alexander Sutherland Neill’s Pädagogik die Anleitung zum Erlernen von Selbstdisziplin. Also zogen wir die Bremse, die Linken ließen ihre Brut weiterhin in Kreuzberger Kinderläden versauen, und vermutlich sind deren Enkel heute bei der Antifa. Wir erzogen unsere Kinder frei, pluralistisch und nicht prüde, aber an den Werten Respekt, Anstand und Rücksichtnahme orientiert. Toleranz war auch ein Wert, er meinte den Umgang mit dem Nächsten, aber keine Gießkanne, die jeden Idioten bewässern sollte.

Und ja, ich war Sexist, bin ich immer noch, mir gefallen halt schöne Frauen, knackige Ärsche und tiefe Dekolletés. Was mich aber nicht ermuntert, unhöflich oder abschätzend zu Frauen zu sein, im Gegenteil. Meiner Frau und ihren Freundinnen mache ich Komplimente, keine plumpen, aber gelegentlich schon, ähm, aus der Sicht eines Mannes und nicht aus der Perspektive eines geschlechtslosen Weicheis – Diverse kennen wir gar nicht. Ritterlichkeit und Erziehung sind etwas aus der Mode gekommen, und tatsächlich mußte ich mir schon anhören, im Restaurant, wenn eine SIE aufstand und ich auch in die Höhe schnellte, „Warum stehen Sie denn auf?“

Nun ja. Alle meine Frauen sind was geworden, was ziemlich „Gutes“, also erfolgreich, übrigens ganz ohne Quote. Aber sie haben auch keine Quatsch- und Laberfächer studiert, sondern eben was Handfestes oder Kreatives, etwas, was man Beitrag zur Gesellschaft nennen kann.

Wenn wir uns verabredeten, nahmen wir das Schnurtelefon und, so schön und praktisch das Handy auch ist, wenn man dann zusammen war, schauten einem die Frauen noch in die Augen und nicht auf das Telefon. Und sie redeten mehr, ich meine, sie waren kommunikativer, zugewandter. Das war, bevor sie den ganzen Verbalmüll als Sprachnachricht quatschten und nach 2 Minuten ohne Blick auf den Screen Schweißausbrüche bekommen. Whatsapp, Twitter und Konsorten sind Drogen, machen süchtig. Hier zu lesen bereichert weder die Bildung noch mehrt es das Wissen, im Gegenteil, es infantilisiert und preßt einen zum Opfer des Zeitgeistes.

Shitstorm gab es nicht, wenn man jemandem die Meinung geigen wollte, schaute man ihm oben in die Augen und trat ihm unten gegen das Schienbein. Das half, nicht immer, aber manchmal, die Kontrahenten waren nicht anonym, sie zeigten Gesicht. Denunzianten gab es auch, die hämmerten ihr Wissen in die Schreibmaschine und verpfiffen Bekannte, über die sie sich geärgert hatten, ans Finanzamt. Das Anscheißen mag der Deutsche, es stabilisiert sein Selbstwertgefühl, läßt ihn seinen

Minderwertigkeitskomplex vergessen, damals wie heute, ganz unabhängig von der technischen Entwicklung.

Dennoch: Unter dem Strich hatten wir mehr Freiheiten, konnten ungezügelter sagen, was wir wollten, frei von der Leber weg, und die Gefahr, gegen den Zeitgeist zu verstoßen, war relativ gering. Unkonventionelle Ansichten wurden bewundert, waren sie gut begründet, setzte man sich mit ihnen auseinander. Geächtet wurde niemand, politisch inkorrekt gab es nicht (Selbst der SEW-wählende Nachbar war akzeptiert, Nationalzeitungsleser kannten wir nicht), und es gab einen Minimalkonsens, was Respekt, Höflichkeit und Achtung betraf.

Die Grünen waren für die Natur, die Konservativen konservativ und keine „Rechten“, es gab eine vernünftige Opposition und keine gleichgeschaltete Parteiensoße, austauschbar und geschmacklos wie Fertiggerichte.

Schwule waren schwul, und ob das gut war oder nicht, es war IHRE Sache. Jedenfalls war das keine „nationale“ Angelegenheit, keine Symbolpolitik und der Regenbogen war nach einem Gewitter am Himmel, und an seinem Ende wartete der Goldtopf und er hing nicht als Windel am Arm von Fußballspielern.

Alle meine 3 Frauen waren bzw. sind Ausländerinnen und meine Kinder zur Hälfte, die aus erster Ehe leben im Ausland, die Enkel auch. Die jetzigen Kinder sind mit 25 und 21 in 50 Ländern gewesen, oft monatelang und sprechen 3 Sprachen fließend. Aber die Exfrauen und die „aktuelle“, die seit 28 Jahren an meiner Seite ist, sind Ausländerinnen aus unserem Kulturkreis, sie haben sich integriert, sprechen akzentfrei die deutsche Sprache. Sie habe nie Forderungen gehabt, schon gar nicht an den deutschen Aufnahmestaat, waren weder renitent oder auf ihre „kulturelle Andersartigkeit“ pochend. Traumatisiert waren und sind sie auch nicht, und alle unsere Freunde, die ganz ähnliche Gemischtehen führen, teilen letztlich unseren ethnopluralistischen Standpunkt, daß eine Masseneinwanderung kontraproduktiv ist.

Auf unseren uferlosen Reisen fanden wir die verschiedenen Ethnien mit ihren kulturellen Eigenheiten interessant, für die Bildung anregend, einfach toll, so wie sie da waren – wo sie waren, also in ihren Ländern. Das hat unsere ethnopluralistische Auffassung gefestigt, aber sie ist kein Dogma. Für Ehen (keine Scheinehen), für Wissenschaftler, Unternehmer, Künstler etc. muß es Ausnahmen geben, also für alle, die etwas mitbringen, frei sind von Forderungen, Traumata und einem Schock Gören, Cousins und anderen Clanmitgliedern.

Nachdem ich in insgesamt 67 Ländern war, mit meiner Familie in 50, oft monatelang, weiß ich Deutschland zu schätzen. In seiner landschaftlichen Vielfalt, in seiner infrastrukturellen Perfektion, seiner architektonischen Abwechslung, seiner, aus der Geschichte der 247 Fürstentümer herrührenden musikalischen, literarischen, künstlerischen Unterschiedlichkeit. Geistesleben, Wissenschaft, alles WAR überragend, Inspirationen gibt es auch heute noch, wenn auch eher vereinzelt. Wenn ich aufwache, bin ich dankbar dafür, HIER geboren worden zu sein und nicht in

Somalia, im Jemen oder Tasmanien. Deutschland hatte viele Stürme auszuhalten, denken wir zum Beispiel an die Reformation, von den Kriegen will ich gar nicht reden. Nur mit der Nomenklatur und den Medien hadere ich, hadern wir, die Tendenz ist zunehmend. Ab und zu schaue ich etwas neidisch nach Ungarn, wir haben da 7 Monate gelebt, Junior 2 Jahre studiert, Orbán tut etwas für SEIN Land. Beneidenswert.

In jedem Fall war damals die Gesellschaft noch nicht so infantil, es gab keine Hüpfer und die Großfressen waren für ernsthafte Konzernlenker noch keine Gesprächspartner. Und je mehr wir als Gesellschaft degenerieren und uns selbst unserer Würde berauben, desto mehr habe ich Sehnsucht nach praktizierter Unvernunft. Vögeln ohne Ökogedanken, Fernsehen ohne Haltungsheinis, den

Achtzylinder treten, ohne an Emissionen denken zu müssen. Auch in den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts war nicht alles besser, aber der sittliche, intellektuelle und charakterliche Verfall hat sich fliehkraftartig beschleunigt. Im Gegensatz zu den Versprechen der Politik und Medien ist von den „Zuwandernden“, also den Okkupanten, keine Erneuerung zu erwarten. Nicht nur Deutschland, ganz Europa, das Europa der Vaterländer, schlittert in eine zerstörerische Dekadenz. Nehmen wir ein Beispiel: Hitlers Gehirnwäsche der Deutschen dauerte 12 Jahre, seit 1968, dem Anfang des Desasters, sind 53 Jahre vergangen, 2 Generationen, und die Gehirnwäsche, die Entdeutschung, die pseudoreligiöse Verkitschung ist unumkehrbar. Bad Times ahead.

Heute stelle ich mit Entsetzen fest, daß man, sofern man sich nicht politisch zu weit aus dem Fenster hängt (nicht jeder will das, nicht jedem ist das gegeben) in den postsozialistischen Ländern freier und ungezwungener leben kann, die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung vielfältiger sind als bei uns, im dekadenten Westen. Das betrifft auch und gerade Rußland, was ich sehr gut kenne und nach Jahren in den USA (wir kennen 50 Staaten bestens bis auf Alaska) stelle ich mit Bedauern fest, daß die „Europäisierung“, also die „Sozialdemokratisierung“ der Amerikaner, mit Forderungen, Erwartungshaltungen an den Staat etc. geradezu groteske Formen angenommen hat und von den ursprünglichen amerikanischen Werten, der Unkonventionalität und der Improvisationsfähigkeit wenig übrig geblieben ist. Sehr schade.

Kommen wir zurück zu Starsky und Hutch und wie sie im Gran Torino (Tomate mit Streifen) durch das fiktive Bay City heizen. Nicht über alle Gags kann man heute lachen, auch Humor wandelt sich.

Immerhin konnten die noch Sätze raushauen, ohne sie jedes Mal vorher auf „Correctness“ abklopfen zu müssen, und in der Zeit trat auch kein Anzugträger später vor die Kamera, um einen Rückzieher zu machen. Wie es ja überhaupt erstaunlich ist, daß die „Geistesgrößen“ unserer Zeit, in Politik, Medien und Wirtschaft heute etwas sagen und es morgen zurückziehend bedauern. Vorher denken ist nicht mehr. Kann es sein, daß in den 70igern ein Rückgrat noch der Starrachse eines Torino glich und nicht aus Silicon war? Klar, die Autos hatten eine schlechte Straßenlage, waren unökonomisch, gefährlich und nichts für eine deutsche Büroklammer mit Ärmelschonern. Aber sie waren geil, unvernünftig geil. Alle diese Karren hatten ein tolles Design und sahen nicht aus wie ein Stück Flutschseife, so wie die heutigen Autos, die sich alle ähneln. (Ich weiß wovon ich rede, meine Frau ist Designerin).

Der Gran Torino kommt auch im gleichnamigen Film mit Clint Eastwood vor. Übrigens ist der Film ein gutes Beispiel dafür, daß man letztlich auch mit ausländischen Nachbarn in Harmonie und Frieden leben kann. Aber auch Walt Kowalski wurde natürlich nie gefragt, ob er diese Nachbarn überhaupt haben will. Die historisch gewachsene US-Multikulturalität unterscheidet sich eben deutlich von der europäischen Durchmischung. Deutschland war immer ein Land verschiedener Stämme, aber verbunden durch eine Sprache. In den USA habe ich oft Einwohner getroffen, die kein Wort Englisch konnten und sich auch nicht bemühten, so wie die anatolischen Nachbarn hier. Ausnahmen bestätigen die Regel. In der 11. Klasse meiner Tochter waren vor 2 Jahren 80 Prozent Nichtdeutsche, sie sprachen immerhin gebrochen Deutsch, gottlob nicht gegendert.

Der FORD GRAN TORINO steht auch für ein untergegangenes Lebensgefühl, für eine Zeit, als man noch an die Zukunft glaubte. Daß wir den vom Club of Rome prognostizierten Weltuntergang längst als Panikmache erkannt und überlebt haben, sollte uns zu denken geben. Auch das kann man aus der Geschichte lernen.

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P.S: Natürlich kaufe ich mir hier in Deutschland keinen FORD GRAN TORINO…….obwohl…..naja, bis dahin muß es ein DieCast Modell im Maßstab 1:18 tun. Also rauf auf die drehbare Käseplatte, zwei dunkle Kissen dahinter und fertig ist die Illustration.

©, Juni 2021, H.W.

Fotos: Hans Wulsten

Wir danken Hans Wulsten für die Veröffentlichungsgenehmigung.

„Hans Wulsten stammt aus Berlin, war Unternehmer, hat die halbe Welt bereist, schöpft aus Erfahrungen, sieht sich als radikal-paläolibertär und in der Tradition der Österreichischen Schule. Wulsten ist seit 25 Jahren glücklich mit der Russin Svetlana verheiratet und hat mir ihr zwei Kinder.“

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