Die Neuvereinigung Deutschlands und die Lehren seit 1989

von Detlef Kühn

Die Neuvereinigung Deutschlands und die Lehren seit 1989

Diesen Beitrag stellte uns Detlef Kühn 1999 zur 10-Jahresfeier des Falls der Berliner Mauer zur Verfügung. Seine Gedanken zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten und den Lehren, die aus der Vorgeschichte und den Irrtümern der damals etablierten Politik gezogen werden sollten, sind unverändert gültig.

Die Wiedervereinigung Deutschlands wurde 1989/90 von der Bevölkerung der DDR gegen den Willen unserer Verbündeten Frankreich und Großbritannien und vor allem auch vieler deutscher Intellektueller und Politiker herbeigeführt. – Auch weiterhin gilt: Politik ist gestaltungsfähig und gestaltungsbedürftig; maßgeblich ist die Interessenlage der Staaten und Völker; die nationalstaatlichen Strukturen bleiben noch für längere Zeit erhalten.

1989 – und die Lehren

In den Massenmedien Deutschlands fehlt es derzeit nicht an Rückblicken auf das Jahr 1989. Dies ist durchaus berechtigt, war es doch ohne Zweifel eines der aufregendsten Jahre dieses Jahrhunderts. Will man historische Parallelen ziehen, so fällt einem noch am ehesten ein ähnlich einschneidendes Ereignis 200 Jahre früher ein – die Französische Revolution 1789.

Wie damals fehlte es auch diesmal im Vorfeld der Ereignisse nicht an Unruhe und mehr oder weniger deutlichen Zeichen an der Wand. Und wie damals wußten nur wenige sie zu deuten oder gar konkrete Schlußfolgerungen aus ihnen zu ziehen. Daß innerhalb nur eines Jahres ein Ereignis wie die Wiedervereinigung Deutschlands stattfinden würde, überstieg die politische Phantasie fast aller Zeitgenossen.

Zeitgeist West

Bei den meisten deutschen Intellektuellen verwundert dies nicht, hatten sie doch gerade beschlossen, nun nicht mehr länger aus ihrem Herzen eine Mördergrube zu machen und dem sowieso ungeliebten Gedanken an eine Wiedervereinigung Deutschlands auch offiziell eine Absage zu erteilen. Durch die Politik konnten sie sich dabei wenigstens teilweise bestätigt fühlen: Die SPD-Führung hatte erst im Sommer 1987 gemeinsam mit den Genossen von der Sozialistischen Einheitspartei ein Papier (je nach Geschmack Streitkultur- oder Ideologie-Papier genannt) erarbeitet, in dem die westdeutsche Opposition die Existenzberechtigung der kommunistischen Partei im anderen Teil Deutschlands nicht mehr in Frage stellte. Eine wichtige Vorarbeit hierfür hatte ein Jahr vorher die Redaktion einer der großen politischen Wochenzeitungen der Bundesrepublik, der „Zeit“ geleistet, als sie offiziell die DDR bereiste und dort eine eindrucksvolle Verbesserungder  wirtschaftlichen und sonstigen Verhältnisse feststellte. Die Bevölkerung sei im wesentlichen zufrieden und der Staatsratsvorsitzende und SED-Generalsekretär ein durchaus populärer Mann.– Folgerichtig hatte auch der deutschlandpolitische Chefdenker der SPD, Egon Bahr, den Rat vergessen, den er 1970 dem sowjetischen Ministerpräsidenten Kossygin erteilt hatte, nämlich keinem Deutschen zu trauen, der die deutsche Frage für erledigt erkläre, er sei entweder dumm oder er lüge. Auch er schwor jetzt für unbegrenzte Zeit dem Gedanken an eine Wiedervereinigung ab.– Unter diesen Umständen wollten natürlich auch die „fortschrittlichen“ Kräfte in der CDU nicht zurückstehen und bereiteten unter ihrem Generalsekretär Geißler für den Bundesparteitag 1988 einen Antrag vor mit der Absicht, das bislang in der Partei offiziell unumstrittene Ziel der Wiedervereinigung zu verwässern. Bundeskanzler Kohl als Parteivorsitzender verhinderte dies letztlich, obwohl auch er ja seit 1982 keine Wiedervereinigungspolitik betrieben hatte. Das Scheitern dieser CDU-Frondeure hat damals die Unionsparteien vor einer riesigen deutschlandpolitischen Blamage bewahrt, die nur ein Jahr später, als die Bevölkerung der DDR an die Tore der Bundesrepublik klopfte, offenkundig geworden wäre. Dennoch: Der Zeitgeist hatte sich erheblich gewandelt. Die SED-Führung hatte ihren größten propagandistischen Erfolg im Westen erzielt. In Regierung und Opposition war man sich weitgehend einig, daß man die DDR um des lieben Friedens willen auf keinen Fall destabilisieren dürfe. Folglich mußte man sie stabilisieren, nicht zuletzt durch finanzielle Zuwendungen in Milliardenhöhe.

Und wenn man überhaupt noch eine Wiedervereinigung Deutschlands in öffentlicher Rede in Betracht zog, dann war man sicher, daß dies allenfalls im Rahmen einer gesamteuropäischen Einigung von mindestens der Memel bis zum Atlantik möglich und wünschenswert wäre. Damit konnte man dann sicher sein, dieses Problem bis zum Sankt Nimmerleinstag entsorgt zu haben. Nur noch wenige Versprengte in Wissenschaft, Publizistik und Parteien hielten 1989 an der Auffassung fest, daß die Wiedervereinigung auch ruhig zuerst kommen dürfe und damit eine die bisherigen Blöcke übergreifende Einigung vorbereiten könne.

Für sie gab es immer weniger Publikationsmöglichkeiten. Man muß es einmal sagen: Unter den überregionalen Blättern kamen sie nun noch in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“! und in der „Welt“ sowie im..„Rheinischen Merkur“ zu Wort, darüber hinaus (mit geringer Auflage) in „Mut“- oder „wir selbst“, die allerdings von den politisch Korrekten bereits unter Faschismus- oder wenigstens Neutralismus-Verdacht gestellt wurden. Von den elektronischen Medien stand, dank der unbeugsamen Haltung seiner Deutschland-Redaktion, fast nur noch der Deutschlandfunk in Köln zur Verfügung. Das Fernsehen fiel fast vollständig aus.: Rückschauend ist es gelegentlich belustigend, damals fand ich es weniger komisch, zu sehen, welche geistigen Verrenkungen Intellektuelle unternahmen, um die Teilung Deutschlands als historisch zwangsläufig, dauerhaft und vor allem im Interesse des Weltfriedens liegend darzustellen.

wir selbst Nr. 3/1999 . 10 Jahre wir sind ein Volk (mit Artikeln von Richard Schröder, Herbert Ammon, Poul Engberg, Gertrud Höhler, Matthias Koeppel, Präsident Lennart Meri (Estland), Hans Joachim Maaz, Johann Scheringer, Baldur Springmann, Henning Eichberg, Peter Joachim Lapp, Ernst Elitz, Detlef Kühn, Reiner Kunze u.v.a.) die Ausgabe kann für 10 Euro per E-Brief bestellt werden: lindenbaum-verlag@web.de

… und zweitens als man denkt

Manche von ihnen sind in den 90er Jahren mit der selben Präzision und Deutlichkeit damit beschäftigt, in Büchern, Artikeln und Vorträgen darzulegen, warum  dennoch  alles ganz anders gekommen ist,  ja kommen mußte, als sie es prognostiziert hatten. Dabei ist die Anwort auf diese  Frage ganz einfach. Der Fehler lag in der Regel darin, daß man Fakten allein deshalb  für dauerhaft hielt,  weil sie vorhanden waren. Dieser Trugschluß passierte erstaunlicherweise auch und gerade Historikern, die doch eigentlich durch ihre Studien am besten wissen müßten, daß der Volksmund recht hat, wenn er behauptet: „Erstens kommt es anders und zweitens als man- denkt!“ Daß dieser Denkfehler offenbar zeitlos ist, kann man auch jetzt noch jeden Tag in der Zeitung lesen. Noch immer werden Prognosen selbstsicher vorgetragen, die das angeblich bevorstehende weltweite Ende der Nationalstaaten, den Erfolg des Multi-Kulturalismus, die Stabilität des Euro, die Globalisierung und ihre Folgen oder die angebliche Überflüssigkeit einer deutschen Landesverteidigung mangels potentieller Gegner betreffen. Alle diese Prognosen fußen auf der Annahme, daß eine Tendenz schon deshalb unumkehrbar sei, weil sie vorhanden ist. Offenbar kann oder will man nicht aus den vor zehn Jahren gemachten Fehlern lernen.

Selbstbestimmungsrecht – für Deutsche?

Der Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in Deutschland Ende 1989 war aber noch in anderer Beziehung lehrreich: Es wurde deutlich, wie dünn doch in Wahrheit auch in traditionellen Demokratien wie Frankreich und Großbritannien die Firnis der Akzeptanz der Menschenrechte ist, wenn vermeintlich entgegen stehende nationale Interessen berührt sind. Der französische Staatspräsident Mitterand und die britische Premierministerin Thatcher unternahmen plötzlich energisch Aktivitäten, um die Teilung Deutschlands auch gegen den sich bereits abzeichnenden Wunsch der DDR-Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker, also auch des deutschen Volkes, spielte für sie plötzlich keine Rolle mehr. Man fiel zurück in die traditionelle Politik des „Teile und herrsche“ und scheute sich nicht einmal, die sowjetische Führung zu entsprechenden Schritten gegenüber der DDR aufzuhetzen. Letztlich lag es nur an der schon weit vorangeschrittenen Agonie des Sowjetreichs und der Einsicht Gorbatschows, sowieso nichts mehr verhindern zu können, daß dieser von alten nationalen Verhaltensmustern geprägten Politik unserer Nato-Verbündeten kein Erfolg beschieden war. In der Nato war Verlaß vor allem auf die Amerikaner, die in dem Weiterbestehen der DDR für sich keinen Nutzen entdecken konnten. Auch dies dürfen die Deutschen nicht vergessen. Der Tatsache, daß man auf einen Teil der Nato-Partner 1990 nicht zählen konnte, hat Bundeskanzler Kohl – unnötigerweise, wie ich finde – dadurch Rechnung getragen, daß er, hinter dem Rücken der Wähler, Mitterand als Gegenleistung für die Aufgabe weiteren Widerstandes gegen die Wiedervereinigung die (west-)europäische Währungsunion und das Ende der in Frankreich besonders gefürchteten Deutschen Mark zusagte, für die sich die Menschen in der DDR gerade entschieden hatten.

Jedenfalls kann bis zum Ende des Jahres 1989 in der alten Bundesrepublik von einer aktiven Wiedervereinigungspolitik bei allen Parteien keine Rede sein. Als erster raffte sich am 28. November immerhin Bundeskanzler Kohl mit seiner 10-Punkte-Erklärung auf, wenigstens eine entsprechende gedankliche Perspektive anzudeuten. Damit überraschte er alle anderen Parteien, auch seinen Koalitionspartner FDP. Die Sozialdemokratie als Opposition war noch zögerlicher und bereitete damit ihre Niederlage bei der Volkskammer- und der Bundestagswahl des kommenden James vor. Ihr Parteivorsitzender Lafontaine erklärte sich, laut Egon Bahr, für außerstande, zu sagen, daß er sich über die Wiedervereinigung freue, und Willy Brandt konnte diesen verheerenden Eindruck allein dadurch, daß er darauf hinwies, jetzt wachse zusammen, was zusammen gehöre, bei den Wählern nicht wettmachen. Erst unter dem Druck der demonstrierenden DDR-Bevölkerung auf der Straße fand die damalige Bundesregierung Kohl/Genscher im Frühjahr 1990 zu einer klaren und letztlich erfolgreichen Wiedervereinigungspolitik gegenüber allen Siegermächten des Zweiten Weltkriegs.

Welche Folgen allerdings das dabei verabredete einmalige Experiment haben wird, eine Währungsunion ohne eine einheitliche Wirtschaftspolitik und ohne die politische Union, die praktisch als Ziel erst einmal aufgegeben wurde, zu etablieren, werden die Deutschen und mit ihnen ganz Europa noch zu spüren bekommen. Die Aufweichung der Haushaltskriterien von Maastricht durch Italien und der daraufhin sich prompt nochmals verstärkende Wertverlust des Euro gegenüber dem Dollar durften erst der Anfang sein. Inzwischen fragen sich nicht nur überzeugte Euro-Gegner, wozu das alles letztlich gut sein soll. Nimmt man einen „weichen“ Euro und den zu erwartenden inflatorischen Effekt bewußt in Kauf, um auf diese Weise einen Teil der gigantischen Schulden aller Staaten loszuwerden? Eine derartige Politik müßte letztlich von den Sparern bezahlt werden, deren Geldforderungen weitgehend entwertet wären.

Wie weiter?

Welcher Erkenntnisgewinn läßt sich aus dem aufregenden Jahr 1989 für die Gegenwart und die Zukunft erzielen?

Zuerst einmal der, daß jede deterministische Betrachtungsweise bei der Beurteilung zeitgeschichtlicher Abläufe unangebracht ist. Politik ist auch weiterhin gestaltbar und bleibt damit die Kunst des Möglichen – und Notwendigen, muß man hinzufügen.

Zweitens: Die verläßlichste Grundlage für die Beurteilung des politischen Handelns von Personen, Staaten und Völkern bleibt auch weiterhin deren Interessenlage. Sie außer acht zu lassen, wäre ein gefährlicher Fehler. Gleiches gilt allerdings auch für die eigenen Interessen, die man deutlich formulieren und für die Partner verständlich darstellen muß, sonst kann man nicht erwarten, ernst genommen zu werden. Gerade die Deutschen haben damit oft Probleme, die auf ihre Partner irritierend wirken. Sie neigen dazu, den Eindruck zu erwecken, als ginge es ihnen nicht in erster Linie um ihre Interessen, sondern vor allem um die (natürlich gute) „Sache“ – seien es der europäische Gedanke, die Menschenrechte in Kurdistan oder die Wiedergutmachung von Unrecht, das Deutsche irgendwann einmal anderen Menschen zugefügt haben. Wenn die deutsche Politik dann doch einmal wagt, z.B. bei den allfälligen Zahlungen auf ihre beschränkten Ressourcen hinzuweisen, weiß man im Ausland leider nie, wann es ihr damit wirklich ernst ist. Dies ist das Gegenteil von Verläßlichkeit und macht die Deutschen auch sonst nicht beliebt.

Drittens: Wir täten gut daran, bei der Gestaltung der europäischen Zukunft von der Weiterexistenz nationalstaatlicher Strukturen auszugehen. Anders ist eine Erweiterung der Europäischen Union derzeit kaum vorstellbar. Weder die Türkei noch die osteuropäischen Nachbarn wollen auf absehbare Zeit in einem gesamteuropäischen Bundesstaat aufgehen. Auch weiterhin ist das „Europa der Vaterländer“ im Sinne de Gaulles das wahrscheinlichste Modell für die Gestaltung der europäischen Zukunft. Es liegt auch im Interesse Deutschlands.

Detlef Kühn

geboren 1936 in Potsdam, seit 1956 Studium der Rechtswissenschaften an der Freien Universtität Berlin, anschließend Referendardienst, 1966-1970 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Geschäftsführer des Arbeitskreises I der FDP-Bundestagsfraktion in Bonn (Außen- und Deutschlandpolitik, Verteidigung, Entwicklungshilfe), 1970-1972 Persönlicher Referent des Staatssekretärs Dr. Hartkopf im Bundesministerium des Innern, 1972-1991 Präsident des Gesamtdeutschen Instituts – Bundesanstalt für gesamtdeutsche Aufgaben, 1990/91 zugleich Verwaltungsdirektor und zuletzt kommissarischer Rundfunkdirektor bei Sachsenradio in Leipzig, 1992-1998 Direktor der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien in Dresden.

Ein One-World-Antifa-Propagandafilm: Der vermessene Mensch

von Thor Kunkel

Ein One-World-Antifa-Propagandafilm: Der vermessene Mensch

Der deutsche Film kommt endlich auf Touren, in Rekordzeit wurde ein Kinofilm über den zweiten, bisher kaum bekannten Völkermord der Deutschen auf die Leinwand gebracht. Der Antifa-Regisseur Kraume, ein selten talentloses Exemplar seiner Zunft, hat wohl als erster laut „Hier, ich mach’s euch!“ geschrien und den Zuschlag bekommen. Entstanden ist ein widerlicher Propagandafilm für Klaus Schwabs nicht mehr ganz so geheime Agenda. „Der vermessene Mensch“ ist natürlich der Deutsche, der nun abgeschafft werden muss, damit alle POCS dieser Welt endlich gleiche Chancen bekommen… Richtig, einen logischen Zusammenhang gibt es nicht, denn der halbherzige Versuch Kaiser Wilhelms, die britischen Imperialisten beim Aufbau ihres KOLONIAL-WELTREICHS zu stören, entspricht etwa Deutschlands 1,8 % am weltweiten CO2-Ausstoss, mit anderen Worten: Komplett irrelevant.

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Zweierlei Rußland

von Dr. Winfried Knörzer

Zweierlei Rußland

Die Sowjetunion unter Breschnew war weniger ein kommunistischer Ideologiestaat als eine bürokratische Diktatur. Man wurde nicht mehr verhaftet, weil man einige Sätze der Marxschen Schriften anders auslegte als die herrschende Lehre, sondern weil man die Staatsführung kritisierte. Rußland unter Putin ist unter einer demokratischen Fassade weitaus stalinistischer als es den Anschein hat. Die späte Sowjetunion und das heutige Rußland sind sich in ihrer relativ ideologiefreien Machtorientierung und in ihrer diktatorischen Verfaßtheit einander ziemlich ähnlich.

Dagegen unterscheidet sich das Verhalten der bundesrepublikanischen Politik gegenüber diesen beiden Formen sowjetisch/russischer Staatlichkeit grundlegend. Einst strebte man bis zur Selbstverleugnung eine friedliche Koexistenz an, während man heute mit allen Mitteln die Konfrontation vorantreibt. Besonders deutlich tritt dieser Unterschied in der Reaktion auf Manifestationen kriegerischen Expansionismus zutage. Nach dem, von einem zahnlosen Protest begleiteten Einmarsch in Afghanistan setzte man, als sei nichts passiert, die Entspannungspolitik fort. Der Überfall auf die Ukraine aber führte zu Sanktionen und Waffenlieferungen. Warum diese unterschiedliche Haltung gegenüber einem faktisch kaum gewandelten politischen System?

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Die Farbe des Basketballs

Von Mirjam Lübke

Die Farbe des Basketballs

Viel verstehe ich nicht von Basketball, offenkundig geht es darum, das „Runde“ gezielt durch einen Ring zu werfen, aus dem es unten wieder herausfällt, was mir als Sporthasserin ziemlich unproduktiv erscheint. Zwischendrin rennen alle Spieler wild durcheinander und dribbeln den Ball auf den Boden, weil man ihn nicht zu lange festhalten darf. Das sieht, wie ich neidlos anerkenne, schon sehr gekonnt aus. Zudem gehen die Spieler durchaus zivilisiert miteinander um, was ich ebenfalls begrüßenswert empfinde. Und tatsächlich, ich habe ein Bild im Kopf, wie der typische Basketballer aussieht: Ein etwa drei Meter fünfzig großer Afroamerikaner, der sich etwas bücken muss, um den Ball in den Korb zu platzieren und ihn zwischenzeitlich auch einmal geschickt auf dem Zeigefinger rotieren lässt. Dirk Nowitzki entsprach nun nicht diesem Klischee, aber die Amerikaner, welche wohl ähnliche Vorstellungen vom typischen Spieler haben wie ich, sagten anerkennend, er habe einen „pretty fly for a white guy“. Schau einmal an, der sympathische Deutsche kann etwas, was sonst nur Schwarze können, das hat etwas Exotisches. Da staunt man anerkennend. Aber ist das nicht auch ein bisschen rassistisch?

Gerade hat die deutsche Mannschaft in Manila den Weltmeistertitel geholt, mit 83:77 Punkten – das Punktesystem beim Basketball ist ebenfalls äußerst mysteriös gestaltet – und somit der Seele der Sportfans in unserem Land ein wenig Balsam gegönnt. Fußballerfolge wären den meisten zwar willkommener, aber besser der Spatz in der Hand als die Taube im Stadion. Als Held des Spiels nennen die Sportseiten übereinstimmend den Mannschaftskapitän Dennis Schröder, dieser hat aber das Pech, keinen exotischen Namen zu tragen. Das wiederum verhagelt den Multikulti-Fans kräftig die Stimmung. Als wenn es nicht schon schwer genug wäre, fähnchenschwenkende, glückliche Deutsche ertragen zu müssen, ist einer davon auch noch Glücksbringer des Tages. In der woken Welt bedeutet das, dass der nächste Einmarsch in Polen unmittelbar bevorsteht und nur noch durch ein Wunder und Sitzblockaden abgewendet werden kann. 

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Als Habermas den herrschaftsfreien Diskurs beendete. Zum 100. Geburtstag von Ernst Nolte.

von Dr. Florian Sander

Als Habermas den herrschaftsfreien Diskurs beendete. Zum 100. Geburtstag von Ernst Nolte.

Am 23. Januar 2023 wäre der umstrittene – wenn nicht gar umstrittenste – deutsche Historiker Ernst Nolte 100 Jahre alt geworden. Ein Name, der auch für viele, die in keiner Verbindung zu einer Geisteswissenschaft stehen, automatisch mit dem legendären Historikerstreit der 80er Jahre assoziiert wird, in dem sich führende deutsche Intellektuelle um die Auslegung und den geschichtspolitischen Umgang mit dem Holocaust stritten. Die Auseinandersetzung ging weit über eine „normale“ wissenschaftliche Kontroverse hinaus: Es fielen Revisionismus- und sogar Antisemitismus-Vorwürfe, die zur Folge hatten, dass insbesondere Nolte in den Jahren danach bis zu seinem Tod in der Historiker-Gemeinde zusehends isoliert war. Was war geschehen?

Der Historikerstreit

Nolte hatte in seinem berühmt gewordenen FAZ-Aufsatz „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ die Frage gestellt, ob nicht der „Klassenmord der Bolschewiki“ das „logische und faktische Prius des Rassenmords der Nationalsozialisten“ und der „Archipel Gulag nicht ursprünglicher als Auschwitz“ gesehen sei. Der Holocaust wird in dieser Sichtweise zu einem nicht-singulären und zu einem in einer historisch-politischen Kausalkette stehenden Ereignis, zu einer Reaktion auf zuvor Geschehenes.

Diese zentralen Thesen, die Nolte später den Vorwurf der Holocaust-Relativierung einbrachten, wurden von ihm an anderer Stelle ergänzt durch die Einschätzung, sowohl der Marxismus als auch der Faschismus seien Reaktionen auf Modernisierungsprozesse gewesen, was den Philosophen Jürgen Habermas, der im Historikerstreit den lautesten Gegenpart zu Nolte bildete, zu der Kritik veranlasste, letzterer differenziere hier eine für ihn nachvollziehbare Intention von den Verbrechen des Nationalsozialismus. Der linksliberale Habermas schloss seinerseits mit dem Bekenntnis zur Bindung Deutschlands an den Westen, welche nur durch die „Schamesröte“ vor dem Hintergrund des Holocausts gewährleistet sei. Dem Historiker Andreas Hillgruber hatte Habermas außerdem Revisionismus sowie die Ablehnung sozialwissenschaftlicher Erklärungsansätze vorgeworfen.

Nun können und sollen an dieser Stelle nicht alle Facetten des – in seinen Thematisierungen und persönlichen wie fachdisziplinären Perspektiven durchaus vielschichtigen – Historikerstreits betrachtet werden. Stattdessen soll ein spezifischer Aspekt herausgegriffen werden, dem sich der Autor dieser Zeilen nicht nur in Form eines Dissertationsprojektes gewidmet hat, sondern der auch gerade vor dem Hintergrund interessant ist, dass Habermas sozialwissenschaftliche Erklärungsansätze vermisst hat, wohingegen aber gerade diese durchaus das Potenzial haben, gravierende Teile seiner eigenen Argumentation gegen Nolte auszuhebeln.

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Wenn der Abgrund zurückblickt

von Boris Blaha

Wenn der Abgrund zurückblickt

Das Bonmot stammt von Nietzsche: „Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“. Wer diesem Blick nicht standhält, kann nicht verstehen, was auf dem Spiel steht. Wenn einer nach 25 Jahren im Ausland heute nach Deutschland zurückkommt, erkennt er sein Land nicht wieder. Im Zug bittet der Schaffner eine Gruppe von Fahrgästen, kurz auf seine weibliche Kollegin aufzupassen, er müsse nach vorne, um die nahende Ankunft in der nächsten Station durchzusagen. Ein Blick in das Gesicht seiner Kollegin verrät: Wenn sie morgens ihren Dienst im Zug antritt, weiss sie nicht, ob sie abends körperlich und seelisch unversehrt nach Hause kommt. Ist man ausgestiegen, empfangen selbst die architektonisch reizvollen Bahnhöfe den Heimkehrer mit dem Charme vermüllter Hinterhöfe, die nach Urin stinken. Die Menschen wirken gehetzt und unwillig, es herrscht eine misstrauische und unterschwellig aggressive Stimmung. Die meisten ziehen die Schultern ein.

Von den Geschäften hat nur noch ein Teil geöffnet. Wer die sinnlosen Corona-Zwangsmaßnahmen gerade noch überstanden hat, kämpft mit Inflation, ausufernder Bürokratie und ideologisch überteuerten Energiekosten. Qualifiziertes Personal ist nicht mehr zu bekommen. Der Wohlfahrtsstaat hat den Markt erfolgreich leergefegt und ein Prekariat herangezüchtet, das mit den eingewanderten Familien-Clans um Reviergrenzen kämpft. Hinweisschilder warnen vor Taschendieben.

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Das Mordopfer Leistungssport

von Rocco Burggraf

Das Mordopfer Leistungssport

„Der Leon Neugebauer! Hat einen ganz eigenen Weltrekord gebrochen.“ „Persönliche Bestleistung – phantastisch!“ „Olympianorm geknackt.“ „Finaleinzug!“ „In der Qualifikation sah es verdammt gut aus!“ „So hoch ist sie dieses Jahr noch nicht gesprungen!“ „Blickt man auf die Wertung der Plätze 4-8, stehen wir vor China!“

So klingt es, wenn sich deutsche Sportmoderatoren und Journalisten um den hürdenlaufenden deutschen Elefanten im Leichathletik-Stadion zu Budapest herumwinden. Eine Sportstätte, so wurde man nicht müde zu betonen, die ja vor allem errichtet wurde, um „Viktor Orban und seinen geladenen Autokraten eine Bühne zu bieten“. Unglücklicherweise bot sie auch der früheren Leichtathletikmacht Deutschland eine solche. Man mochte in der abendlichen Berichterstattung gar nicht mehr hinsehen, wenn es in den Vorläufen am Feldende regelmäßig gelb leuchtete, die Wurfgeräte vorzeitig zu Boden taumelten, die Staffelstäbe über die Bahn purzelten und die Interviewten hernach ratlos am Mikrofon berichteten, es wäre eben „nicht ihr Tag“ gewesen, und man würde „das nächste Mal wieder angreifen.“

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Zur Mär von der „Behindertenfeindlichkeit“ der AfD: Eine Kritik der schulischen Inklusion

von Dr. Florian Sander

Zur Mär von der „Behindertenfeindlichkeit“ der AfD: Eine Kritik der schulischen Inklusion

Die Aussagen Björn Höckes zur Inklusion (Unterrichtung von Kindern mit Behinderungen an Regelschulen) im „Sommerinterview“ des MDR sind ganz überwiegend in der Presse und in öffentlich-rechtlichen Sendern mit haßerfüllten Kommentaren versehen worden, die regelmäßig in dem Vorwurf gipfelten, es handele sich um einen Angriff auf die Menschenwürde behinderter Menschen. Und Höckes Aussagen, die sich im Parteiprogramm der AfD wiederfinden, seien natürlich „rechtsextrem“ und Ausfluß reiner „Nazi“-Ideologie. Unser Autor Dr. Florian Sander zeigt, daß es sich bei diesen publizistischen Haßorgien um eine eifernde linksgrüne Inklusionsdogmatik handelt, die einer differenzierten und am Wohl behinderter Menschen orientierten wissenschaftlichen Untersuchung des Problems nicht standhält. (wir selbst-Redaktion).

Als der Autor dieser Zeilen – selbst Rollstuhlfahrer – 2016 im Rahmen einer Inklusionsforscher-Tagung einen kritischen Vortrag zur schulischen Inklusion hielt, ließen die hitzigen Reaktionen einiger linksgerichteter Zuhörer (also anderer „Forscher“) nicht lange auf sich warten. Zwischen Empörung, völliger Irritation und Ungläubigkeit schwankend, dass sich da tatsächlich ein Soziologe und Rollstuhlfahrer gegen die schulische Inklusion ausgesprochen hatte (und das auch noch mit wissenschaftlichen Argumenten!), setzte ein Zuhörer an zu der Formulierung: „Aber gerade DU müsstest doch…“ (natürlich gehört das automatische Duzen in diesen Kreisen zum guten Ton). Fußgänger, die Rollstuhlfahrern erzählen wollen, was sie als solche zu denken und zu meinen haben – es gibt wenig, auf das ich allergischer reagiere. Aber auch das ist für linke Gutmenschen typisch: Der Drang, die von ihnen „beschützten“ (umworbenen) Gruppierungen zu bevormunden. Im Anschluss an diese einschlägige, aber sehr typische Erfahrung entschloss ich mich, meine Kritik nochmal schriftlich auszuarbeiten, und veröffentlichte 2017 einen soziologischen Fachartikel zur schulischen Inklusion im Tagungsband der Konferenz. Die folgenden Argumente basieren lose auf den darin enthaltenen Thesen.

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Das Selbstbestimmungsrecht der Völker: neue Druckausgabe der Zeitschrift wir selbst

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker: neue Druckausgabe der Zeitschrift wir selbst

Dem Selbstbestimmungsrecht der Völker haftet der Charme eines modernen, von mitreißendem Elan getragenen, jugendlichen Rechtsprinzips an. Es hat Völker in Aufruhr versetzt, Dynastien zum Wanken und Stürzen gebracht, jahrhundertealten Kolonialreichen die Legitimität und schließlich die Machtbasis entzogen und sie zerbrechen lassen, Imperialisten die Stirn geboten und die Landkarten der Welt revolutionär und dauerhaft verändert.
Und dennoch: Das Selbstbestimmungsrecht der Völker hat Feinde, die an verschiedenen Fronten zum Angriff antreten.

In der aktuellen Ausgabe widmen wir uns in mehreren Beiträgen dem Recht der Völker auf Selbstbestimmung und der Bedeutung volklicher Identitäten ganz allgemein.

wir selbst

Zeitschrift für nationale Identität

Nr. 54/1-2023

Thema: Das Selbstbestimmungsrecht der Völker

Bestellen Sie jetzt die neue Ausgabe der wir selbst!

134 Seiten, Format: DIN A4, jetzt lieferbar!!!

Inhaltsverzeichnis

  • Siegfried Bublies: Das Selbstbestimmungsrecht der Völker
  • Professor Dr. Alfred de Zayas, Interview von Bernd Kallina: Das Recht auf Selbstbestimmung ist zugleich das individuelle und kollektive Recht auf Identität
  • Dr. Henning Eichberg: Wer von den Völkern nicht reden will, soll von den Menschen schweigen.
  • Interview mit Gudrun Kofler (FPÖ): „Das Recht auf die deutsche Muttersprache in Süd-Tirol ist in Gefahr“
  • Klaus Kunze: Volk oder Willensnation? Die Krise der Nationalstaatlichkeit
  • Hans Becker von Sothen: Völker oder Imperien? Der antiimperialistische Charakter des Nationalen. Von der totalitären Versuchung des Weltstaats und der Weltkulturen
  • Martin Sichert (MdB): Das Schicksal der Jesiden zeigt:  Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist elementar für den Erhalt des Friedens
  • Dr. Uwe Sauermann: Das Jesidentum – die älteste monotheistische Religion
  • Dr. Christian Böttger: Die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts in Kärnten1920 und ihre Bedeutung für die Gegenwart
  • Generalmajor a. D. Gerd Schultze-Rhonhof: Selbstbestimmungsrecht der Völker nach dem Ersten Weltkrieg
  •  Rolf Stolz: Selbst bestimmen, was Selbstbestimmung ist
  • Prof. Dr. Felix Dirsch: Der Volksbegriff im Wandel der abendländischen Tradition
  • Dr. Florian Sander: Universalismus oder Partikularismus: eine globale Systemfrage – mehr als „nur“ Geopolitik
  • Prof. Dr. Heinz Theisen: Russland ist der Täter, der Westen der Verursacher
  • Dr. Henning Eichberg: Ethnopluralismus – eine antikoloniale Begriffsgeschichte: Völker, hört die Signale
  • Dr. Christian Böttger: Die russische Ethnos-Theorie– Kultur versus Ethnos
  • Alexander Heumann: Die Ukraine und das Völkerrecht – Geographie und Geschichte als Schicksal: „What matters are people, not states“
  • Alain de Benoist: Wir ersticken an negativer Moral
  • Dr. Winfried Knörzer: Linksnationalismus – Traumgebilde und historische Realität
  • Heinz-Siegfried Strelow: Ein „Rückblick“ auf die Natur, Buchbesprechung des Werkes von Rolf Peter Sieferle
  • Autoren dieser Ausgabe

Die beiden Druckausgaben des Jahres 2022 unserer Zeitschrift sind auch noch erhältlich:

Cem, auf dem Weg zur Gailtalerin auf der Sattelalm. Eine Politsatire

von Claudio Michele Mancini

Cem, auf dem Weg zur Gailtalerin auf der Sattelalm. Eine Politsatire

„Hollerödiljöö, wie schallt es von der Höh…,“ in den Kopf drängt sich der berühmte Songtext Der Watzmann ruft von Wolfgang Ambros, wenn sich „Türken-Cem“ im zünftigen Bayern-Outfit, knorrigem Schäferstock, Fernglas und Wanderstiefeln aufmacht zur 1.100 Meter hoch gelegenen Sattelalm. 

Hoch droben im Sudelfeld, dort warten Alm-Öhi, der Gaisenpeter und die Gailtalerin „mit den feurroten Unterröcken“. Dort, am umwölkten Gipfel will er die ultimativen, grünen Stimmen für seine Wahl sichern.

Man weiß nicht, ob man weinen oder lachen soll, wenn sich unser Landwirtschaftsminister Cem Özdemir mit einem zufälligen Schnappschuss und mit einem „Griasts euch“ an die Bauern seines Landes wendet, und ihnen zeigt, was er doch für ein „gstandenes Mannsbild“ ist. Das Foto soll den in sich ruhenden Politiker zeichnen, so, wie er wirklich ist. Einer, der mit sich und der schroffen Bergwelt eins ist, der selbstbewusst das bayerische Kulturerbe zu schätzen weiß, in dem das Leben früher von harter Arbeit und Entbehrungen geprägt war. Nur gut, dass er nicht auch den bayerischen Königsjodler ins Tal gejauchzt hat.

Copyright BMEL/Photothek
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