Die ökologische Ethik – eine konservative Ethik?

von Herbert Gruhl

Die ökologische Ethik – eine konservative Ethik?

Albert Schweitzers philosophisches und theologisches Zentralanliegen war seit 1915 die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. »Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und das des Tieres wie das des Menschen, heilig ist, und er sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt.« Seine Auffassung weicht von der bisherigen christlichen insoweit ab, als er uns allen nicht nur die Verantwortung gegenüber den Mitmenschen, sondern sämtlichen Lebewesen gegenüber auferlegt. Die Verantwortung entspringt der natürlichen Ehrfurcht, die dem Menschen angeboren ist und durch sein tieferes Nachdenken bestätigt wird. Albert Schweitzer war überzeugt, daß diese Ethik sich durchsetzen werde, wenn auch erst nach seinem Tode.

Doch es geht nicht nur um die gesamte lebendige Mitwelt im Raum, die Dimension der Zeit ist ebenfalls einzubeziehen. Damit ist die Frage gestellt, inwieweit eine lebende Generation das Recht hat, unwiderruflich Entwicklungen in Gang zu setzen, die kommende Generationen in ihrer gesamten Existenz gefährden und ihnen andere Entscheidungen unmöglich machen. In der bisherigen Geschichte des Menschen gab es diese Gefahr nicht. Die extreme Fernwirkung ergibt sich derzeit automatisch auf Grund der Strukturen heutiger Technik. Die Entscheidung für die Kernenergie zum Beispiel ist eine Entscheidung für unzählige Generationen; diese werden keinen Nutzen mehr aus dem Atomstrom haben, aber die radioaktiven Abfälle mit allen Komplikationen »erben«, ob sie wollen oder nicht. Dies ist leider nicht der einzige gravierende Bereich. Die im Stile der Industrie arbeitende Landwirtschaft beutet heute die Böden kurzfristig aus, indem sie Chemikalien aller Art einsetzt und damit das Bodenleben abtötet. Die letzten Urwälder der Erde werden in einem atemberaubenden Tempo für einige wenige Ernten geopfert, das Klima wird dadurch langfristig geschädigt, so daß künftige Ernten in noch viel größeren Gebieten ausfallen werden. Die Gewässer bis hin zu den Weltmeeren werden verschmutzt und vergiftet (auch durch Versenken radioaktiver Abfälle), so daß künftige Generationen kaum noch Nahrung aus dem Meer gewinnen werden. Die heutige Energieerzeugung und noch mehr ihre Steigerung entscheidet über Klima und Luftzusammensetzung künftiger Jahrzehnte.

Die lange Kette unserer Vorfahren hat niemals das Leben der Nachfahren so unwiderruflich vorbelastet, wie wir das in wenigen Jahren tun. Ob sie das damals mit Bedacht oder unwissentlich vermieden, bleibt unwichtig. Wir wissen heute, daß wir Unwiderrufliches tun, was die die Wälder rodenden Mittelmeervölker seinerzeit noch nicht wissen konnten. Für uns gilt deshalb das Wort des Philosophen Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799): »Nicht bloß wissen, sondern auch für die Nachwelt tun, was die Vorwelt für uns getan hat, heißt ein Mensch sein.« Das Wesentliche, was wir heute für die Nachwelt tun können und tun müssen, besteht im Unterlassen.

Eine konservative Ethik muß sich heute nach den künftigen Erfordernissen richten – und das werden wieder die gleichen sein, denen der Mensch in seiner ganzen Geschichte nachkommen mußte. Wir müssen einer ökologischen Ethik folgen. Ich verstehe mit Willis Harman unter ökologischer Ethik: »Wenn der Mensch sich mit dem Ganzen der Natur identifiziert, wenn er einsieht, daß er ein Teil der riesigen Gemeinschaft ist, die der Planet und alle seine Lebensformen darstellen, und daß er ein Teil der riesigen evolutionären Prozesse im Ablauf der Zeit ist, dann wird er von einer ökologischen Ethik ergriffen, die sein eigenes Selbstinteresse mit dem der Mitlebenden und der künftigen Generationen und mit allem Leben auf dem Planeten in Verbindung bringt. Eine solche ökologische Ethik erkennt die Grenzen der verfügbaren Naturschätze einschließlich des Lebensraums und begreift, daß der Mensch ein integraler Bestandteil der Natur ist, untrennbar von ihr und den Gesetzen, die sie regieren. Diese Ethik ruft den Menschen auf, in Übereinstimmung mit der Natur zu handeln, indem er die komplexen lebenserhaltenden Systeme des Planeten beschützt, die Rohstoffe haushälterisch verbraucht… Eine solche Ethik ist mehrmals in der Vergangenheit sowohl von alten und modernen Philosophen, von Laotse bis zum Heiligen Franziskus und Mahatma Gandhi gefordert worden. Ihre grundlegenden Aussagen entsprechen den vorwissenschaftlichen Anschauungen vieler sogenannter primitiver Völker. Es ist eine Ethik, die nicht nur durch die modernen wissenschaftlichen Einsichten in die Voraussetzungen eines weiteren menschlichen Lebens auf Erden, sondern auch durch die meisten bekannten kulturellen und religiösen Systeme gestützt wird.« Dies stimmt mit dem Satz des französischen Philosophen

Henri Bergson (1849-1941) überein: »Wir wollen also dem Wort Biologie den sehr weiten Sinn geben, den es haben sollte, den es vielleicht einmal erhalten wird, und abschließend sagen: alle Ethik ist biologischer Natur.«

Im krassen Gegensatz zu diesen Notwendigkeiten stehen die gegenwärtig herrschenden Systeme in Ost und West. Sie haben die Welt in einen solch hohen Grad der Gefährdung hineingeführt, daß jetzt eine Ethik der Bewahrung und Vorbeugung statt des Fortschritts und der Vervollkommnung dringend notwendig geworden ist. Der Philosoph Hermann Lübbe sieht neue Verpflichtungen der Politik: »Konservativ ist, der Katastrophenvorbeugung Priorität gegenüber einer Politik der Verwirklichung von Utopien einzuräumen… Konservativ ist schließlich die Kultur der Trauer über schätzenswerte Unwiederbringlichkeiten. Hier wird die Borniertheit zersetzt, die Verluste zu Gewinnen verklärt.. ,« Der Philosoph Robert Spaemann treibt den Gedanken weiter: »Nur wenn der Mensch heute die anthropozentrische Perspektive überschreitet und den Reichtum des Lebendigen als einen Wert an sich zu respektieren lernt, nur in einem wie immer begründeten religiösen Verhältnis zur Natur wird er imstande sein, auf lange Sicht die Basis seiner Existenz zu sichern Der anthropozentrische Funktionalismus zerstört am Ende den Menschen selbst.«

Daß sich die Verantwortung des Menschen jetzt auf den Zustand der gesamten Biosphäre auszudehnen hat, ergibt sich schlicht und einfach aus der Ausweitung seiner Macht, die sich als Macht der Zerstörung manifestiert. Angesichts dieser absoluten Forderungen erweisen sich die angeblich »konservativen« und »christlichen« Parteien der Nachkriegszeit als verantwortungslos. Sie sind bar jeder Ethik, von Religion ganz zu schweigen, es sei denn, man lasse die Ökonomie als Religion gelten. Sie fuhren ein gespenstisches Spektakel auf, das sich jetzt seinem Ende zuneigt, wenn es auch hier und da noch einmal auflebt. Obwohl die Wachstumstheorie, welche dieser Politik zugrunde liegt, gegen die Naturgesetze verstößt, sind noch alle Regierungen von diesem Wahn besessen. Die politischen Kräfte in den meisten Ländern der Welt dienen weiterhin der mechanistischen Weltauffassung.

Überall wird am babylonischen Turm weitergearbeitet, wenn auch teilweise nur noch aus Angst vor den Folgen einer Baueinstellung. »So kommt es zu den Lähmungen, die gerade unsere Meinungsführer und Politiker produzieren. Nirgends wird ein solcher Verdrängungsdruck von den Menschen ausgeübt, wie bei Entscheidungen, die fundamentale Veränderungen bewirken.« Dies schrieb der protestantische Bischof Hans-Otto Wölber zur Weihnacht 1979 und führte weiter aus: »Wenn wir also die alten Geschichten richtig verstehen, dann müßten wir in Richtung auf die Arche handeln und nicht in Richtung auf den Turmbau. Das heißt: Unser Forschen und unsere Technik müßten der Idee der Bewahrung und nicht der Idee der Ermöglichung unterworfen werden. Solange jemand etwas bewirkt und nicht übersieht, ob es schützt, bewahrt, fordert, schont… soll er moralisch disqualifiziert sein. Es bedarf eines neuen kategorischen Imperativs. … Das Mysterium der Schöpfung verlangt von uns eine neue Ethik im Rahmen des technischwissenschaftlichen Wahrheitsbewußtseins. Niemals soll der funktionale Fortschritt unser höchster Wert sein. Partiell wird es wohl um eine asketische Kultur gehen, also um Übereinkünfte angesichts von Grenzen. Unsere Sympathie für diese Erde sollte jedenfalls unsere Demut und unsere Verzichte einschließen. Auch müßte etwas dabei sein vom franziskanischen Ideal: Alle Kreatur ist Bruder und Schwester.«

Unter den Gesichtspunkten der Ökologie und der Ethik angesichts der biologischen und psychologischen Folgen für den Menschen ergibt sich für die derzeitige Wirtschaftsweise des Menschen ein verheerendes Urteil. Wenn man auch noch ihren höchst mangelhaften ökonomischen Nutzen in die Bewertung einbezieht, dann dürfte das bevorstehende Ende des totalitären ökonomischen Zeitalters keinen Schrecken verbreiten. Katastrophal ist vielmehr die Tatsache, daß die fatale Politik des ökonomischen Überflusses mit aller Gewalt weiterbetrieben wird.

Wir stellen diesen Beitrag des ökologisch-konservativen Vordenkers Herbert Gruhl zur Diskussion. Sind die Grundannahmen Gruhls heute angesichts der aktuellen Energiekrise noch zutreffend? Stellen die weltweiten Migrationsströme, die demographischen Entwicklungen, neue technische Entwicklungen, Hungerkatastrophen und die Kriege in Europa und der Welt neue Herausforderungen dar, die sich mit einer konservativen ökologischen Ethik überhaupt bewältigen lassen? Wir freuen uns auf eine rege Diskussion.

Herbert Gruhl (1921-1993)

Herbert Gruhl (geboren 1921 in Gnaschwitz, Kreis Bautzen, gestorben 1993 in Regensburg). Nach Volksschule und Landwirtschaftlicher Fachschule vier Jahre in der Landwirtschaft tätig. 1941-1946 Wehrdienst und Kriegsgefangenschaft. 1947 Abitur als Schulfremder. Studium der Geschichte, Germanistik und Philosophie an der Humboldt-Universität und an der Freien Universität Berlin. 1957 Promotion mit einer Arbeit über Hugo von Hofmannsthal. Tätigkeiten in der Wirtschaft. Ab 1961 Angestellter in der elektronischen Datenverarbeitung.

1954 Eintritt in die CDU. 1961-1973 Stadtrat in Barsinghausen. 1969-1980 Mitglied des Deutschen Bundestages; Vorsitzender der Arbeitsgruppe für Umweltvorsorge der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Maßgeblich beteiligt an der Umweltgesetzgebung jener Jahre. Mitarbeit in verschiedenen Umweltverbänden. 1975 Veröffentlichung des Buches »Ein Planet wird geplündert – Die Schreckensbilanz unserer Politik«. Gesamtauflage: 345 Tausend. Aufgrund der im Buch dargelegten Erkenntnisse verließ Herbert Gruhl im Juli 1978 die CDU und vertrat seine ökologischen Auffassungen als fraktionsloser Abgeordneter im Deutschen Bundestag bis 1980. Seine weitere politische Tätigkeit führte zur Gründung der Ökologisch-Demokratischen Partei und ab 1990 zu der parteiunabhängigen Organisation „Unabhängige Ökologen Deutschlands“.

2 Kommentare zu „Die ökologische Ethik – eine konservative Ethik?

  1. Ein anregende Predigt
    Da predigte nun eine Aktivistin einer Tierschutzorganistion Albert Schweizers „heiliges Leben“, daß der Mensch jedes Tier zu achten, zu respektieren habe als eine Manifestation des Lebens, das heilig sei. Beeindruckt von solcher tiefschürfenden Lebenskompetenz bat ich um einen Rat in einer diffiziellen Problematik: Mein Hund hat Flöhe. Dürfte ich jetzt die Flöhe töten, um den Hund von diesen Plagegeistern zu befreien oder müßte ich aus Respekt vor dem heiligen Leben der Flöhe diese leben lassen? Die so Angefragte explodierte vor Wut- könnten Blicke töten, weilte ich nicht mehr unter den Lebenden. Ernsthaft: Wenn alles Leben heilig ist, gleich heilig, dann gibt es für dies Hundeproblem keine Lösung!

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  2. In gewisser Weise scheint mir Gruhl ein Malthusianer zu sein. Doch beide, Malthus wie Gruhl beziehen in ihren Ausführungen nicht die immerwährenden gesellschaftlichen wie sozialen Veränderungen noch technologische Neuerungen mit ein bzw. lassen diese bewußt außen vor. Das macht die Sache kompliziert. So mag es durchaus anregend sein, Gruhl zu lesen, ob er aber dazu beitragen kann, für eine künftige lebenswerte Zukunft Impulse zu setzen, möchte ich doch arg bezweifeln.

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