Agnes Miegel: Winterreise I

von Agnes Miegel

Agnes Miegel: Winterreise I

Es ist gar nicht winterlich in dem großen Garten. In der dünnen, hellen Luft, die jene klare Farblosigkeit zeigt, die charakteristisch ist für die Mark, einer sozusagen verständigen Luft gleich fern von dem perlmuttrigen Nebelhauch Westgermaniens, wie von der eindringlichen bunten Scharfumrissenheit der östlichen Ebene – blauen sanft die Waldhügel der Staatsforst, ziehn silbrige Wolken an dem spitzen roten Kirchturm des großen Dorfs vorbei, das jenseits der großen Felder liegt, deren sammetbraune Schollen der Motorpflug umwirft. Eine blasse Nachmittagssonne läßt das Drahtseil aufblitzen, eine Erdkrume fettig glänzen, letzte Distelflocken und raschelnde Halme am Wegrain silbrig leuchten. Ein leichter Wind, duftend vom Acker, von der smaragdgrünen Wintersaat dahinter, von feuchtem Gras an den Gräben, fährt leise sausend über die verfahlte Wiese und riecht fast nach Frühling, wie er die stiftdünnen Kätzchen am Haselstrauch schaukeln läßt, der hier oben am Rand der Böschung zwischen dem rostbraunen kleinen Buchengestrüpp steht.

Viktor Pucinski (1882-1952) – Fasane in Winterlandschaft

In dem Singen des Windes, dem leicht raschelnden Lärm der welken Blätter, dem Scheuern der Zweige, dem Klang unsrer Schritte auf dem festen Weg, dem Knacken dürren Gehölzes, das unser Fuß trifft, ist ein feiner, leiser andrer Laut gerade noch vernehmbar und wird immer deutlicher ein leises Locken, ein Gleiten, Scharren und Rauschen. Die Nähe von lebendigem, vielfältigem Leben teilt sich irgendwie mit – mit der leisen prickelnden Erregung des Geheimnisses, die das unewig fremde Leben der Kreatur umgibt –, und nun taucht es aus hohem, fahlem Gras, aus Buschwerk und Tannendickicht: ein Heer von Fasanen, die dem gurrenden Locken der Frau folgen, die dort an der dunkelgrünen Tannenwand entlang schreitet und aus der großen, gelben, irdenen Schale gleichmäßig und rasch die hellen Körner auf den Weg streut. Das hübsche, rotbäckige Gesicht ist unbelebt trotz alles Eifers. Ihre raschen und geschickten Bewegungen wirken plump und automatenhaft leer neben dem nuselnden Leben zu ihren Füßen –, der Anmut und Lebhaftigkeit der wunderschönen Vögel, von denen noch die jüngsten und farblosesten ein Wunder an erlesener Herrlichkeit sind, jedes Federchen aufs liebevollste gezeichnet und gelegt. Jeder, der gerade vorbeihuscht und in dem Sonnenlicht zwischen den weißen Birkenstämmen aufglänzt, scheint der allerschönste. Die edeln Jagdfasanen, die so prachtvoll, wie ein Pfeil, davongehen, mit ihrer prunkenden Wildfärbung, dem grünschillernden Blau und dem sanften Braun sind mir die liebsten, sie haben etwas vom Jägerprinzen, und passen besser in diesen nordischen Hain als ihre Brüder, die Gold- und Silberfasanen. So sehr sich diese hier auch behagen: sie bleiben doch die Könige aus dem Morgenland. Der große Goldfasan und seine Söhne sehen aus wie Ramses der Große mit den Seinen – schon die kleinsten Pharaonen zeigen Andeutungen der überwältigend-königlichen Goldhauben mit dem strengen schwarzen Streifenornament, glühen scharlach-, golden- und edelsteinbunt, wie es göttergleichen Priesterfürsten zukommt.
Unendlich hochmütig zieht der Silberfasan seine lichte Schleppe über den grauen Weg – es ist aber wohl die Schwermut des zu vollen Magens, denn er hat sich eben mit der Energie eines wilden Froliers gesättigt. Wenn er vorbeiwandelt, weiß ich, daß er eigentlich Prinz Vollmond, der Sohn der meerentstiegenen stummen Königin ist, den die böse Tochter des besiegten Sultans in einen Vogel verwandelte. Nah erkennt man das dunkelblaue Seidengewand des Prinzen unterm langschleppenden, schwarzgestickten, weißen Mantel, das Orangegefunkel der vier goldenen Schwerter darunter, das silberweiße Nackentuch am Turban überm zornglühenden Antlitz. Ach, und man erkennt noch die hellroten Schuhe aus Samarkand! Wunderschön ist er, und es ist gut, daß das Zauberwort vergessen blieb, das ihn zurückverwandelt. Aber er ist erbärmlich schlechter Laune. Rastlos streicht er vorm Gitter der Volieren auf und ab. Aergern ihn seine allzu vielen Söhne, die so deutlich versprechen, ebenso schön, ebenso lichtstrahlend zu werden wie er? Aergert ihn die Konkurrenz der jungen Goldfasane, die buntflirrende, bei aller Grellheit des Gefieders gedeckte Pracht der schlanken Diamantfasane? Aergert ihn, den Unwiderstehlich-Schönen, die grenzenlose, man darf’s ruhig sagen, stupide Unbeteiligtheit der blankäugigen Hennen hinterm Gitter? Oder ist es einfach sein Temperament, und erkannte die kluge Prinzessin das beizeiten, als sie sich auf eine menschlich so verwerfliche, künstlerisch so einwandfreie Art des morosen Freiers entledigte?
Wie dem auch sei, Prinz Bedes, ich verlasse dich jetzt, denn es weht abendlich durch die Tannen, und die Kiefern drüben auf dem Hügel stehen schwarzgrün und ein bißchen spukig in der allerersten Dämmerung. Aber unten auf dem runden Teich zwischen dem falben Röhricht, dessen große, dunkle Schilfbüschel sich im Wind neigen, liegt fahlgolden und lachsrot der Widerschein des Westhimmels, der an lichten Wolkenstreifen höher und höher steigt, sich zum Rosenschimmer vertieft. Und nun schwirrt es auf, klappernd und rasselnd aus Schilf und Rohr, flattert dunkel vorbei an dem krausen Astgewirr der Erlen: die Enten, fällt mit aufgeregtem Schnattern weit drüben in den glänzenden Wasserspiegel, formt sich von rasender Flucht, Gestrecktheit und Geflatter zur beherrschten Gesetztheit eines festen, schwarzen, schiffsartigen Körpers, dem ein langer, blauer, dreieckiger Kielstreifen durch den apfelblütenen Glanz des Wassers folgt. Und wirkt, drolligste lebendige kleine Flottille, so abwehrend, so feindlich gegen uns Störenfriede wie die Kiefern, wie das Röhricht, wie die Tannenhecke, wie der Nebel, der plötzlich über die fahlen Abhänge zieht und uns vertreibt – aus dem Reich der herbstlichen Natur, die den Menschen nicht mehr duldet in dem Augenblick, wo er ihr nicht mehr mit seiner Arbeit dienen kann!

Dieser Beitrag von Agnes Miegel erschien erstmals in der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ (Beilage der Abendausgabe im Januar 1927). Alle Artikel von Agnes Miegel, die von 1926 bis 1932 in dieser Zeitung erschienen sind, wurden von Dr. Helga Neumann und Dr. Manfred Neumann bearbeitet und neu herausgegeben in dem Buch „Wie ich zu meiner Heimat stehe“.

Agnes Miegel: Wie ich zu meiner Heimat stehe. Beiträge in der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ 1926-1932 (Die Neuauflage im Bublies Verlag erscheint im Januar 2023) Vorbestellungen bitte per E-Brief: bublies-verlag@web.de

Zum 1. Oktober 1926 wechselte Agnes Miegel von der „Ostpreußischen Zeitung“ als freie Mitarbeiterin zur „Königsberger Allgemeinen Zeitung“. Ihre Beiträge umfaßten Begebenheiten aus dem Alltag, einfühlsame Natur- und Landschaftsbeschreibungen, interessante Reiseberichte und sachkundige Stadtführungen in ganz Deutschland – Artikel, die nahezu ausnahmslos in der anspruchsvollen Unterhaltungsbeilage der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ erschienen. Ab dem Jahre 1930 ließ Agnes Miegel ihre journalistische Mitarbeit auslaufen. Dennoch meldete sie sich in den Folgejahren immer wieder mit vereinzelten Publikationen bei ihrer Leserschaft zurück.
Erstmals liegen nun ihre feuilletonistischen Texte und Gedichte in Buchform vor. Die Wiederentdeckung dieser wertvollen Zeitungsbeiträge bedeutet für die Literaturwissenschaft eine kleine Sensation, für die Leser und Verehrer Agnes Miegels ein ganz besonderes Erlebnis und Lesevergnügen.

Ein Kommentar zu “Agnes Miegel: Winterreise I

  1. Liebe Redaktion,
    für solche hochwertigen Beiträge könnte ich sie umarmen. Einzigartig. Es ist traurig, daß das Werk von Miegel heute kaum mehr Beachtung findet. Leider auch nicht in konservativen und rechten Milieus. Da fehlt es dann wohl einfach an kulturgeschichtlicher, literaturwissenschaftlicher und generell philosophischer Bildung. Insbesondere auch bei den jungen Menschen.

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