Otto Strasser – Der linke Nationalsozialist

Günter Bartsch

Otto Strasser – Der linke Nationalsozialist

Auszug

Es gehört zu den einmaligen Besonderheiten Otto Strassers, sowohl gegen die Bayerische Räterepublik als auch gegen den Kapp-Putsch von 1920 gekämpft zu haben. Er war ein Rechter von links und ein Linker von rechts. Wollten sich diese entgegengesetzten Pole in seiner Person versuchsweise ausbalan­cieren?

Otto Strasser war ein Konservativer, aber auch ein Revolutionär. Die bis dahin abstrakte Formel der Konservativen Revolution füllte sich erst durch ihn mit Leben und Spannung.

Er war Nationalist, aber auch Sozialist. So lag es nahe, daß er früher oder später auf den Nationalsozialismus stoßen würde. Allerdings verstand er dar­unter von Anbeginn etwas anderes als Adolf Hitler, nämlich die Nationwerdung des deutschen Volkes auf sozialem Grunde.

Otto Strasser gehörte im Laufe seines politischen Lebens drei verschiede­nen Bewegungen an: der jungkonservativen, in die er durch Moeller van den Bruck eingeführt worden ist; der sozialistischen über die zeitweilige Mitglied­schaft in der SPD; und der nationalsozialistischen, in die er erst durch seinen Bruder Gregor kam.

Aber keiner dieser drei Bewegungen verschrieb er sich ganz. Bei den Jung­konservativen mißfielen ihm die Herrenklubmanieren, bei den Sozialdemo­kraten ihre politische Unentschlossenheit und vermeintliche Vaterlandsblind­heit, bei den Nationalsozialisten eine seltsame Verschwommenheit des sozia­listischen Wollens und der byzantinische Führerkult, schließlich auch der An­tisemitismus.

So wurde Otto Strasser in allen drei Bewegungen zum Außenseiter. Er saß zwischen drei Stühlen und konnte nirgends eine politische Heimat finden. Daraus ist in seinen Charakter ein unsteter Zug eingeflossen. Dem Versuch, sich nach allen Enttäuschungen selbst eine politische Heimat zu schaffen – durch die Kampfgemeinschaft, durch die Schwarze Front und nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich durch die Deutsch-Soziale Union – war jeweils nur für einige Jahre ein gewisser Erfolg beschieden. Deshalb ist es im Grunde kein Verrat gewesen, als er die Deutsch-Soziale Union verließ und wieder auf die Suche ging. Der Tod fand ihn bezeichnenderweise auf einem Kranken­hausflur. Auch als Deutscher hatte er seine Heimat verloren. Luftwurzeln reichten nicht aus, sie wiederzugewinnen.

Doch trotz seiner Randposition war sein Schicksal für viele Menschen re­präsentativ. Für jene, die sich zwar politisch betätigen wollten, aber in kei­ner Partei ganz zu Hause fühlten. Außerdem spiegelten sich in seinem Tun und Denken alle Illusionen, die Hunderttausende und schließlich Millionen Deutsche der NSDAP zuströmen ließen. Doch Otto Strasser sprang schon 1930 ab, als ihm endgültig klar war, welchen Kurs Hitler steuerte. Nun setzte er Freiheit und Leben aufs Spiel, um den Krieg und die voraussehbare Auf­teilung Deutschlands abzuwenden. Mit der Schwarzen Front hat er eine der stärksten und aktivsten Widerstandsorganisationen aufgebaut. Wenn er scheiterte, so sicher auch deshalb, weil seine autoritäre Konzeption der Er­neuerung Deutschlands keine echte Alternative zum NS-Staat enthielt und gegen die Zeitströmung schwamm.

Die Schwarze Front war in ihrem Kern weitgehend identisch mit der Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten. Otto Strasser hat im Nationalsozialismus zeitweilig die Trägerbewegung der deutschen und abend­ländischen Revolution zur Erneuerung überlebter Lebensformen gesehen. Seine Theorie der dreieinigen Bipolarität ist unter allen Revolutionstheorien die außenseiterischste.

In den 70er Jahren gab es eine gewisse Strasser-Nachfolge. Zuerst haben sich Nationalrevolutionäre mit seinem Programm befaßt. Ihnen sind andere Gruppen gefolgt. In Frankreich, England und den Niederlanden bestanden Zirkel, die Otto Strassers Theorie der dreieinigen Bipolarität aufgreifen und weiterdenken wollen. [Aber auch diese Versuche einer linksnationalistischen Neuformierung sind heute bereits Geschichte, Anmerkung des Verlages.]

Rezension von Hermine Brandenburger

Otto Strasser

Hitlers Feind Nr. 1 zwischen Selbst-Stilisierung und Realität

Otto Strasser, der sich in seinen autobiographischen Aufzeichnungen ein bißchen zu sehr als idealistischer Gegenspieler Hitlers, als „Hitlers Feind Nr. 1“ (ebd., S. 374) stilisiert, als Begründer eines Strasserismus gegen den Hitlerismus, ist trotz dieser Vorwürfe eine ungemindert wichtige Persönlichkeit, deren Leben und Wirken einen Einblick in die Zeit des Nationalsozialismus, seines Entstehens und seiner Verwerfungen bietet.

Bei der kritischen Lektüre kommt der aufmerksame Leser nicht umhin zu bemerken, daß viele von Strassers Lebenserinnerungen eines kritischen Blickes bedürfen: „Wenn ich für alle Lügen Otto Strassers 10 Mark bekommen hätte, wäre ich ein reicher Mann!“, sagte ein alter Schwarz-Front-Kämpfer zum Autor der Biographie (vgl. ebd. S. 258). Insbesondere Strassers Erinnerungen an das Zerwürfnis mit Hitler und die von ihm wiedergegebenen Hitler-Gespräche wirken in Teilen unglaubwürdig. Doch gerade angesichts der Anfeindungen nach Kriegsende, die Strasser erleben musste, der Beschimpfungen als Nazi und tätlichen Angriffe mögen seine Bestrebungen, sich als Idealist gegen Hitler darzustellen, verständlich, ja nachvollziehbar erscheinen.

Dies schmälert jedoch nicht den Wert der Biographie, die einen hervorragenden Einblick in das Leben und Wirken des sicherlich gefährlichsten Gegners Hitlers aus den Reihen des Nationalsozialismus bietet. Allein die Vielzahl von Attentatsversuchen auf Otto Strasser, die Ermordung seines Bruders Gregor – möglicherweise als „Stellvertretermord“, weil nur Gregor in greifbarer Nähe, Otto hingegen untergetaucht war – und die Risiken, die Otto Strasser auf sich nahm, um aus dem Ausland heraus weiter gegen Hitler zu opponieren, mögen genügen, um in ihm einen der bedeutendsten nationalen Widerstandskämpfer gegen das Hitler-Regime zu erkennen.

Darüber hinaus vermag das Buch, das das Werk Otto Strassers, seine Theorien und Überzeugungen, detailliert darstellt und in seine Biographie einbindet, ein Verständnis dieser heute so unverständlichen, fernen Zeit vermitteln. Ein Verständnis davon, dass der Nationalsozialismus nicht mit Adolf Hitler gleichzusetzen ist, dass es andere Strömungen gab, die sich nicht durchzusetzen vermochten. „Die Sozialisten verlassen die NSDAP!“, lautete bereits 1930 Strassers Aufruf. Die Verbindung der nationalen mit der sozialen Frage – das war Strassers Anliegen, mit besonderem Augenmerk auf dem Sozialen wohlgemerkt, während der Sozialismus für Hitler programmatisch nie von Bedeutung, sondern nur Mittel zum Zweck auf dem Weg zur Macht war.

Alles in allem ist Günter Bartschs Strasser-Biographie höchst lesenswert – ein kritischer Blick auf Strassers eigene Erinnerungen bleibt jedoch dringend geboten.

Hermine Brandenburger

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