Corona als Globalisierungsfolge

von Florian Sander

Corona als Globalisierungsfolge

Eine risikosoziologische Betrachtung

Das Corona-Virus erhitzt nicht nur den betroffenen Körper, sondern auch Gemüter, Emotionen und Debatten. Bei allen zumeist durchaus berechtigten staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie ist es doch durchaus nicht falsch, auch von einer Massenhysterie zu sprechen: Wo Leute (teils unsinnige) Hamsterkäufe tätigen, wo Leute kein anderes Thema mehr kennen, wo Leute schon beim Anblick eines hustenden Menschen zusammenfahren, als hätten sie eine fleischfressende Riesenspinne erblickt, da hat eine Gesellschaft einen neurotischen Zustand erreicht (von dem zumindest Teile von ihr auch schon vorher, mit Blick auf ganz andere Themen, nicht allzu weit entfernt waren). Die etablierten Massenmedien, auch in anderen Themenfeldern schon seit langem kein Garant mehr für sachlich-nüchterne Berichterstattung, spielen das Spiel nicht nur munter mit, sondern befeuern die Panik in teils unverantwortlicher Weise. Reißerische Überschriften, bedrohliche Wissenschaftler- und Politikerzitate, düstere Musik und grelle Bilder, teils geradezu apokalyptische Stimmungsmache à la „Wir werden alle sterben!!!“ sind keine Seltenheit. Das Geschäft mit der Angst blüht – Einschaltquoten, Leserzahlen und Klicks bedeuten Geld.

Gleichwohl gilt: Anlass zur Sorglosigkeit gibt es ebenso wenig. Was für den Einzelnen, für den gesunden Mittzwanziger bis Mittvierziger nur als eine ca. zweiwöchige Erkältungskrankheit daherkommen mag, vermag für Menschen in hohem Alter oder mit chronischer Erkrankung bzw. geschwächtem Immunsystem eine tödliche Gefahr zu werden (was aber eben auch, so viel sollte man stets dazu sagen, in der Vergangenheit und in der Gegenwart genauso auch für die Grippe galt und gilt – über die allerdings derzeit kaum jemand redet). Die Gefahr für diese Bevölkerungsgruppe ist real, ebenso damit auch für das Gesundheitssystem als Ganzes, welchem die Überlastung droht, was dann wiederum dramatische Kettenreaktionen auszulösen vermag. Vor diesem Hintergrund haben teils auch drastische Infektionsschutzmaßnahmen durchaus ihre Berechtigung – selbst wenn der gesunde Normalbürger im Zuge einer Corona-Infektion womöglich mit einem leichten Husten davonkommt.

Ein vernachlässigtes Thema

Soweit nichts Neues. Und doch birgt die jüngste, ohne Übertreibung als global zu bezeichnende Pandemie Eigenschaften in sich, die geeignet sind, vermeintlich sicher gewordene Überzeugungen zu erschüttern und bisher eher im Abseits stehende politische Schlussfolgerungen der Allgemeinheit plausibel zu machen. Eine davon formulierte vor einiger Zeit im Landtag von Nordrhein-Westfalen der gesundheitspolitische Sprecher der dortigen AfD-Landtagsfraktion, der Arzt Martin Vincentz, als er in einer Rede, die derzeit als eine der wenigen besonnen-durchdachten Wortbeiträge zum Thema gewertet werden kann, als Fazit aus der Corona-Krise die Forderung nach Deglobalisierung erhob.

In der Tat: Nicht die zunächst regional begrenzte Corona-Epidemie, wohl aber die globale Corona-Pandemie kann als eine direkte Folge gerade auch der Globalisierung gesehen werden – und damit als Folge eines gesellschaftlichen Wandels, den selbst konservative Kreise bisher noch nicht in ausreichendem Maße problematisiert haben. Problematisiert werden wenn, dann zumeist nur (andere) Folgen eben dieser: Massenmigration, die Transformation Europas zum EU-Superstaat. Die Kritik an der Globalisierung als Ganzes überlässt man unverständlicherweise allzu oft noch der politischen Linken, da man teilweise vor der (auch mit Blick auf globale Finanzkrisen und deren Dynamiken und Kettenreaktionen!) dringend notwendigen Kapitalismuskritik zurückschreckt.

Corona lehrt uns, was uns auch schon die Finanzkrise vor über einem Jahrzehnt hätte lehren sollen: Globalisierung ist ein Problem. Sie ist mit Blick auf Migrationsströme ein Problem, sie ist mit Blick auf das globale Finanzsystem und den globalisierten Kapitalismus ein Problem und sie ist eben auch ein Problem für die Gesundheit der Völker, da sie neue Übertragungs- und Infektionswege herstellt, sie begünstigt, sie beschleunigt. Die endlose Vernetzung und endlose Interdependenz von allem mit allem, die globale, postmoderne Grenzenlosigkeit sowohl in politisch-nationalstaatlichem als auch in technischem Sinne bringt uns in vielen Lebensbereichen handfeste negative bis regelrecht katastrophale Folgen, die die partiellen Vorteile in materieller Hinsicht (günstige Preise für Kleidung und manch andere Dekadenzsymptome der westlichen Konsumgesellschaft) nicht aufwiegen.

In was für einer Gesellschaft leben wir?

Die Makrosoziologie kennt verschiedene theoretische Ansätze, die sich dem Problemkomplex nähern und sich in einer Beschreibung dessen, das da mit uns, unserer Welt und ihren Gesellschaften passiert, versucht. Und da fängt das Problem auch schon an: Gesellschaften – oder Gesellschaft, also Weltgesellschaft? Leben wir in national umgrenzten Territorialgesellschaften oder in einer großen globalen, nur durch unsere „Planetenbindung“ begrenzten Weltgesellschaft? Man muss kein Soziologe sein, um die politische Brisanz zu erkennen, die in derlei (nicht nur) terminologischen Unterschieden steckt. Je nach Definition des Gesellschaftsbegriffes muss die Frage unterschiedlich beantwortet werden: Definiert man ihn traditionell, d. h. staatsrechtlich bzw. politisch, bleibt Gesellschaft etwas territorial, national und staatlich begrenztes. Sieht man Gesellschaft wie etwa der Soziologe Niklas Luhmann als „Gesamtheit aller Kommunikationen“ an, so ist sie nur als Weltgesellschaft denkbar. Aus der hier und an dieser Stelle dezidiert postulierten politischen Perspektive schließen wir uns der ersteren Stoßrichtung an.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass bestimmte Diagnosen, die aus weltgesellschaftlichen Theorieperspektiven resultieren, deswegen falsch sein müssen. Es war der Soziologe Ulrich Beck, der Mitte der 80er Jahre erstmals das Konzept der Risikogesellschaft präsentiert hat, welches unter dem Eindruck der Tschernobyl-Katastrophe 1986 nochmal besonders gesteigerte Aufmerksamkeit erfuhr. Beck vertrat in diesem Zusammenhang die These, dass wir uns auf „dem Weg in eine andere Moderne“ befinden, die dadurch gekennzeichnet ist, dass wir im Zuge von Aufklärung und technisch-wissenschaftlichem Fortschritt nicht mehr Gott bzw. menschliche Sünden für Katastrophen verantwortlich machen, sondern diese uns selbst zuschreiben und somit die Menschheit selbst in der Verantwortung sehen. Das erst gebiert Risiken und somit Politik, die sich der Minimierung bzw. Eliminierung dieser zu widmen hat, basierend auf eigens dadurch und dafür geschaffenen wissenschaftlichen (Unter-)Disziplinen wie etwa der Statistik.

Die Entgrenzung von Risiken

In einem weiteren Schritt verband Beck diesen Ansatz noch stärker mit der Globalisierungsthematik und postulierte (durchaus treffend) eine Weltrisikogesellschaft, die sich eben auch durch die explizite Globalisierung von Risiken auszeichnet. Heutige globale Risiken sind entgrenzt, also von Nationalstaaten unabhängig geworden. Nicht selten sind sie auch unkontrollierbar, da eben eine globale politische Steuerungsinstanz – also ein (freilich alles andere als wünschenswerter) Weltstaat – fehlt, von einigen wenigen Elementen der Global Governance und der globalen Regulierung durch Weltorganisationen wie etwa UN und WHO abgesehen. Zudem sind sie durch Nichtwissen geprägt: Rasante und schnelle technische Entwicklung schafft eben auch so schnell neue Risiken, dass die Erforschung eben dieser kaum hinterherkommt und auch nicht global koordiniert werden kann. Neues Wissen ist niemals nur neues Wissen, sondern immer auch neues Nichtwissen. Neue Antworten generieren immer auch neue Fragen. Der Mensch wird niemals allwissend sein.

Derjenige Leser, der schnell von Begriff ist, wird hier – neben so manchen anderen echten oder imaginierten globalen Risiken – die Corona-Pandemie plastisch wiedererkennen können. Sie stellt dank Globalisierung nicht nur ein entgrenztes „Weltrisiko“ dar, sondern ist auch nur eingeschränkt kontrollierbar. Zugleich ist das mit ihr noch verbundene Nichtwissen beträchtlich – auch bei den Experten, erst recht aber beim Laien, der nun einmal die gesellschaftliche Mehrheit bildet, aber an der Ausbreitung wie auch an der Betroffenheit durch den Virus den Löwenanteil trägt.

Von Beck stammt das ebenso treffende Bonmot: „Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch.“ Will heißen: Globale Risiken betreffen alle sozialen Schichten fast gleichermaßen. Sicherlich kann, wer Geld hat, sich besser vor den Auswirkungen so mancher Risiken schützen, aber Radioaktivität, Umweltschäden und eben auch Epidemien manchen eben nicht vor gut betuchten Menschen halt. Bei Corona könnte man womöglich sogar noch weiter gehen und vermuten, dass der Virus eventuell eher noch die kosmopolitisch-elitären, im Wohlstand lebenden, viel reisenden Anywheres trifft als die Somewheres, also den bodenständigen, regional verwurzelten „kleinen Mann“. Es ist kein Zufall, dass die Krankheit in nicht geringem Ausmaß auch schon prominente Politiker getroffen hat, die viel reisen, viele Hände schütteln, viele Weltregionen besuchen.

Kollektive Neurose durch massenmediale Überreizung

Und noch etwas generiert die Welt(risiko)gesellschaft: Eine massenmediale Globalisierung, welche Kommunikationswege massiv verkürzt und mediale Kommunikation extrem beschleunigt. Und das hat (kollektiv-)psychologische Folgen! Wo Menschen ihre Neuigkeiten nicht mehr maßgeblich aus der gedruckten Zeitung oder der abendlichen Tagesschau erfahren, sondern wo die mal mehr, mal weniger seriösen Informationen – so gut wie unabhängig von der jeweiligen Lokalität – fast in Live-Geschwindigkeit auf „News-Tickern“ online hereintrudeln und diese ebenso in Live-Geschwindigkeit auf (manchmal erzwungenermaßen) omnipräsenten Smartphones rezipiert werden können, da wird nicht nur Aufmerksamkeit und Problembewusstsein gesteigert (das allein wäre ja noch nicht negativ), sondern auch die damit verknüpften Emotionen.

Kollektive Ängste, Panik, Hysterie, auch Hypochondrie, allgemeines Sich-Hineinsteigern in Themen, die, wenn sie akut sind, nahezu 24 Stunden lang die eigene Lebenswelt beherrschen, einem kontinuierlich, wo es nur geht, um die Ohren gehauen werden – all das wirkt auf die Weltrisikogesellschaft geradezu neurotisierend. Es nährt die allgemein wahrgenommene Meinung, mit der Menschheit gehe es im 21. Jahrhundert wieder steil bergab, obwohl so manche Missstände des 20. Jahrhunderts (z. B. die Gefahr eines globalen Atomkrieges) deutlich verringert worden sind und wir in manchen Bereichen durchaus Grund hätten, mehr Optimismus zu wagen. Doch wer sich den ganzen Tag über mit ängstigenden Nachrichten und Aufregern „zuballern“ lässt, wird eben abends nicht als psychisch rundum gesunder, ausgeglichener Mensch ins Bett gehen. Wir befinden uns insofern heutzutage in der skurrilen Situation, dass wir uns vor den selbstgeschaffenen, modernisierungs- und globalisierungsbedingten Risiken aufgrund eben jener Globalisierung noch deutlich mehr ängstigen als wir es womöglich sonst täten. Ein Missstand, an dem wiederum ganz andere Akteure nahezu zeitgleich gut verdienen – neben der Pharmaindustrie insbesondere die Medienkonzerne.

Globalisierungskritik von rechts

In der Gesamtsicht wird deutlich, dass Globalisierung ein Thema ist, das wir in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt haben – gerade auch auf Seiten der politischen Rechten. Dies zu korrigieren wird eine der kommenden Herausforderungen auch für die AfD sein, die momentan in der nicht unerheblichen Gefahr operiert, selbst ein indirektes Opfer der Pandemie zu werden: In Kriegs- wie in Krisenzeiten neigen die Menschen dazu, nach Sicherheit zu streben und die Regierenden zu stützen. Veränderung ist in derlei Phasen tendenziell unerwünscht. Derartige Grundstimmungen werden der politischen Rechten in Deutschland eher schaden als nützen. Hier gilt es vorzusorgen, indem man eigene Alternativen und Lösungen aufzeigt – und indem man die eigene Problemdiagnose artikuliert, deren Inhalt die Altparteien aller Wahrscheinlichkeit nach eifrig kleinreden werden. Die Devise heißt nun: Wir brauchen eine Globalisierungskritik von rechts!

Florian Sander

Florian Sander, M. A., hatte zunächst einen nebenamtlichen Lehrauftrag (2013 – 2015), danach eine hauptamtliche Dozentur (2016 – 2019) an einer Fachhochschule inne, lehrte dort Sozialpsychologie, Soziologie und Politikwissenschaft und arbeitete auch als Verhaltenstrainer. Er ist aktuell Doktorand an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS), Universität Bielefeld.
Von 2009 bis 2014 war er Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Seit 2018 betätigt er sich als Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD NRW sowie als Leiter des Arbeitskreises Kommunalpolitik der AfD Bielefeld, deren stellvertretender Kreissprecher er seit 2019 ist. Er war Autor für den Blog Le Bohémien (2010 – 2017), für das Online-Magazin Rubikon (2017 – 2018) und für die Linke Zeitung (2017 – 2018) und schreibt seit 2018 für das Kultur- und Lifestyle-Magazin Arcadi sowie seit 2019 auch für den Blog des Jungeuropa-Verlags, für die rechtsintellektuelle, vom Institut für Staatspolitik (IfS) herausgegebene Zeitschrift Sezession und für das Zentralorgan des Bundes Deutscher Unitarier e. V., Glauben und Wirken.

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