Die Romantik des Untergangs: Wenn die Sehnsucht nach Stille zum Wunsch nach Stillstand wird.

von Hanno Borchert

Die Romantik des Untergangs: Wenn die Sehnsucht nach Stille zum Wunsch nach Stillstand wird.

Eine Antwort auf Götz Kubitscheks Artikel „Das Eigene“

Götz Kubitschek, Herausgeber des Verlags „Antaios“ und des seit gut 23 Jahren erscheinenden Magazins „Sezession“, hat auf dessen Webseite kürzlich den Artikel „Das Eigentliche“ veröffentlicht. ( https://sezession.de/71236/das-eigentliche) Darin beschreibt er seine Reaktion auf eine Kunstinstallation, die offenbar die Qualen, den Schmutz und den Lärm moderner Maschinen und des Stadtlebens darstellen soll.
Der Text zeichnet ein rauschhaftes, düsteres Bild: die Sehnsucht nach totalem Stillstand, das Verstummen der eigenen Sinne und schließlich das Ende einer modernen Welt, die als unerträgliche Zumutung erscheint. Was der Autor als „einzig wahre Revolution“ bezeichnet, ist bei näherem Hinsehen aber keine politische Befreiung. Es ist die ästhetische Kapitulation vor einer Wirklichkeit, die er nur noch als Zumutung wahrnimmt. Ein Kulturpessimismus, der die Ruhe des Friedhofs mit Erlösung verwechselt.
So radikal sich der Text gibt: Neu ist diese Haltung nicht. Der Autor greift auf einen alten kulturkritischen Fundus zurück. Seine Tradition reicht im deutschen Sprachraum mehr als hundert Jahre zurück und war schon immer von tiefem Mißtrauen gegenüber dem zivilisatorischen Fortschritt geprägt.


Schon um 1900 reagierte die Lebensreformbewegung auf die rasante Industrialisierung und Verstädterung. Schmutz und Enge der Großstädte trieben viele Menschen auf die Suche nach dem vermeintlich „Echten“: Naturheilkunde, Vegetarismus und das Ideal einer unberührten Natur. Teile der Bündischen Jugend übernahmen diese Romantisierung. Damals entsprang die Zivilisationskritik noch vor allem einer jugendlichen Sehnsucht nach Authentizität. Gleichzeitig zeichnete sich bereits eine grundsätzliche Ablehnung der liberal-kapitalistischen Moderne ab.
In der Weimarer Republik wurde aus dieser Skepsis bei vielen Denkern der Konservativen Revolution eine scharfe Kritik an den politischen und kulturellen Grundlagen der Moderne. Sie wandte sich vor allem gegen Liberalismus, Parlamentarismus und eine Gesellschaft, die sie als zunehmend technisiert, rationalisiert und entwurzelt empfanden. Aber auch gegen das, was sie als „Westlertum“, eine zunehmende Verwestlichung Deutschlands, betrachteten.
Für das Verständnis des heutigen Textes ist Friedrich Georg Jüngers „Die Perfektion der Technik“ besonders aufschlußreich. Jünger beschrieb die moderne Technik als seelenloses, unaufhaltsames Räderwerk, das den Menschen vereinnahmt und die Natur ausbeutet. Wenn diese Maschine perfekt läuft, so seine Schlußfolgerung, gibt es innerhalb dieses Systems keinen Ausweg. Rettung kann dann nur noch bedeuten, die Maschine anzuhalten. Genau diesen Impuls beschwört auch der aktuelle Artikel Kubitscheks. Es darf nicht mehr weitergehen.
Diese Denktradition verschwand auch nach 1945 nicht. In den 1970er Jahren kritisierte der wertkonservative Ökologe Herbert Gruhl, Autor von „Ein Planet wird geplündert“, den Glauben an den industriellen Fortschritt. Er sah darin eine systematische Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen. Gruhl begründete den Naturschutz aus einer wertkonservativen, stark bewahrenden und teilweise antimodernen Perspektive.
An diesem Punkt berührt Kubitscheks Kritik ein reales Problem. Die moderne Zivilisation verbraucht Natur nicht nur, sie verbraucht sie in einem Maßstab, der Landschaften verändert, Lebensräume zerstört und Tiere zu Produktionsmitteln macht. Auch der Lärm, die Beschleunigung und die ständige technische Reizüberflutung sind nicht bloß ästhetische Zumutungen. Es gibt gute Gründe, über Grenzen des Wachstums, über den Umgang mit Tieren und über die Zerstörung natürlicher Lebensräume zu sprechen. Die Frage ist nur, was man daraus macht.
In den 1990er Jahren weitete der Milliardär James Goldsmith diese Zivilisationskritik auf die Wirtschaft aus. In seinem Buch „The Trap“ („Die Falle“) warnte er vor einem unregulierten globalen Freihandel. Dieser, so seine These, zerstöre gewachsene soziale Strukturen und gesellschaftliche Traditionen.
Bei aller Radikalität richteten sich diese Kritiken auf konkrete Entwicklungen: auf die Zerstörung von Natur, den Verlust sozialer Bindungen, die Folgen eines entfesselten Wirtschaftens oder den Verlust von Identität. Auch Kubitscheks Kritik nimmt solche Entwicklungen ins Visier. Der entscheidende Unterschied liegt in der Konsequenz. Aus der Kritik an einer zerstörerischen Entwicklung muß nicht der Wunsch nach ihrem vollständigen Stillstand folgen. Genau hier geht der vorliegende Text einen Schritt weiter. Weil die moderne Welt, gespiegelt im Lärm der Kunstinstallation, als häßlich und nicht mehr veränderbar erscheint, gerät nicht mehr die Veränderung, sondern ihr Verschwinden in den Blick.
Damit bekommt die berechtigte Zivilisationskritik eine lebens- und zivilisationsskeptische Wendung. Eine echte Revolution will gestalten und verändern. Sie will Bedingungen schaffen, unter denen Menschen freier leben können. Sie schaut nach vorn.
Die hier beschworene „Revolution“ dagegen baut nichts auf. Sie will vor allem anhalten, was ihr unerträglich geworden ist. Sie sucht den großen, apokalyptischen „Stop-Knopf“. Dahinter steht die Sehnsucht eines Teils der aktuellen sogenannten „neurechten“ Intelligenz, lieber das Ende der gesamten Zivilisation herbeizuwünschen, als sich mit den komplizierten, lauten und oft anstrengenden Problemen einer lebendigen, modernen Gesellschaft auseinanderzusetzen.
Eine Welt mit weniger Lärm, weniger Verbrauch und weniger Zerstörung mag vielleicht wünschenswert sein. Aber sie wäre deshalb noch keine Welt ohne Leid. Und wo nichts mehr lebt, lärmt und sich verändert, gibt es auch nichts mehr zu bewahren, zu gestalten oder zu lieben. Erstrebenswert ist sie meines Erachtens nach aber nicht.

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Hanno Borchert

Hanno Borchert

Hanno Borchert, geb. 1959, Cuxhavener Jung von der Elbmündung. Schon in jungen Jahren wurde durch die Weltenbummelei (Südtirol, Balkan, Skandinavien (u.a. Dänemark-affin), Indien, Iran, Indonesien u.a.) die Beigeisterung für die Sache der Völker geweckt.

Ausgebildeter Handwerkergeselle mit abgeschlossenem Studium der Wirtschaftswissenschaften. Bücherwurm seit Kindheitstagen an, musiziert und malt gerne und beschäftigt sich mit der Kunst des Graphik-Designs.

„Alter Herr“ der schlagenden Studentenverbindung „Landsmannschaft Mecklenburgia-Rostock im CC zu Hamburg“. Parteilos. Ist häufig auf Konzerten quer durch fast alle Genres unterwegs. Hört besonders gerne Bluegrass, Country, Blues und Irish Folk. Großer Fan des leider viel zu früh verstorbenen mitteldeutschen Liedermachers Gerhard Gundermann.

Redakteur der alten wie neuen „wir selbst“, zwischendurch Redakteur der „Volkslust“.

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