Globalismus gegen Partikularismus – ein Konflikt bis hin zum Dritten Weltkrieg?

von Dr. Jens Woitas

Globalismus gegen Partikularismus – ein Konflikt bis hin zum Dritten Weltkrieg?

Das unerträgliche menschliche Leid und die Zerstörungen in der Ukraine machen es schwer, überhaupt noch über die Vorgeschichte des russisch-ukrainischen Krieges nachzudenken. Dennoch ist eine solche Perspektive notwendig, weil sich hier noch am ehesten Ansätze für eine friedliche Lösung jenseits der gefährlichen (und leider beidseitigen) Phantasien eines vollständigen Sieges erkennen lassen. In diesem Essay soll eine Frage diskutiert werden, die bislang nur selten gestellt worden ist, aber bei näherer Betrachtung als höchst interessant erscheint. Warum konnte eigentlich nach dem Umbruch von 1989/90 und dem damit verbundenen Ende des Kalten Krieges ein neuer Ost-West-Konflikt entstehen, der sich in unseren Tagen als eine noch schwerere Bedrohung des Friedens in Europa erweist als der alte?

Die Fragestellung selbst impliziert zwei Thesen, die zunächst begründet werden müssen. Erstens handelt es sich beim Ukraine-Krieg wirklich um einen Ost-West-Konflikt und nicht um einen „slawischen Bruderkrieg“, wie man vielleicht annehmen könnte. Für Wladimir Putin ist vor allem der wachsende westliche Einfluss auf die Ukraine zum Kriegsanlass geworden. Deshalb sieht Russlands Strategie auch jetzt schon – über die Ukraine hinaus – USA und NATO als feindliche Mächte an, obwohl direkte Kampfhandlungen auf dieser Ebene (noch) nicht stattfinden. Genauso zielt die westliche Gegenstrategie auf mehr ab, als nur die Verteidigung des ukrainischen Rechtes auf nationale Selbstbestimmung. Sie will, und dies wird sogar offen gesagt, eine nachhaltige Schwächung der russischen Militärmacht, wenn nicht gar einen regime change in Moskau. Zweitens erscheint mir die These, dass die heutigen politischen Spannungen in Europa größer sind als jemals zuvor seit 1945, nicht als übertrieben. Im „alten“ Ost-West-Konflikt wurden nämlich weder die Grenzen der jeweiligen Einflusssphären ernsthaft infrage gestellt noch eine gewaltsame Einwirkung auf die Innenpolitik von Staaten jenseits dieser Grenze versucht. Nach der Kuba-Krise von 1962 blieben Atomwaffen zwar eine latente Bedrohung, aber ihr Einsatz gelangte auf beiden Seiten nicht mehr in den Bereich ernsthafter Absichten. Alles dies ist heute anders. Der Ukraine-Krieg führt automatisch zu einer Verformbarkeit der machtpolitischen Trennlinie zwischen Russland und der NATO, der regime change (entweder in Kiew oder in Moskau) wird von beiden Seiten als legitime Zielsetzung angesehen, und über die Möglichkeit eines Einsatzes von Nuklearwaffen wird mittlerweile mit einer Leichtigkeit gesprochen, die berechtigte Angst erzeugen kann. Im Hinblick auf den Kalten Krieg urteile ich übrigens nicht aus der Perspektive eines „Spätgeborenen“. Meine Kindheit und Jugend spielten sich in unmittelbarer Nähe der innerdeutschen Grenze ab (glücklicherweise auf der westlichen Seite), sodass sowohl die deutsche Teilung als auch die Wiedervereinigung zu Bestandteilen meines damaligen Alltagslebens wurden.

Wie sind wir also in die gegenwärtig verfahrene Situation gekommen, obwohl der wesentliche Konfliktpunkt des alten Ost-West-Konfliktes spätestens seit dem Ende der Sowjetunion (1991) nicht mehr existiert, nämlich eine erklärte Absicht, der Gegenseite das eigene Staats- und Gesellschaftsmodell aufzuzwingen, im äußersten Fall sogar mit Gewalt? Solange Moskau damals erklärtermaßen an den Vorstellungen von „Weltrevolution“ und „Weltkommunismus“ festhielt, konnte der Westen gar nicht anders, als die UdSSR als zumindest potentiellen Feind zu betrachten. Bei allem Negativen, das man sicher über Wladimir Putin und das heutige Russland sagen kann, gibt es eine solche ideologische Bedrohung aus dem Osten in der Gegenwart mit Sicherheit nicht. Man könnte zwar an die Aussagen russisch-nationaler Ideologen wie Iwan Iljin (1883-1954) oder heute Alexander Dugin denken, die durchaus von einer russischen Vorherrschaft über ein „Eurasien“ von Wladiwostok nach Lissabon sprechen. Selbst in einem solchen Zustand würde allerdings von den west- und mitteleuropäischen Staaten nicht verlangt werden, den „Putinismus“ zu ihrem eigenen politischen System zu erheben. Der neue Ost-West-Konflikt scheint also auf den ersten Blick keinen ideologischen Charakter zu besitzen, sondern sich auf reine internationale Machtpolitik zu beschränken. Das wirft allerdings die Frage auf, warum es in der langen Zeit von 1991 bis 2022 nicht gelungen ist, einen Interessenausgleich zwischen Russland und dem Westen zu finden, der ähnlich wie im alten Ost-West-Konflikt beiden Seiten unüberschreitbare „rote Linien“ gesetzt und somit eine dauerhafte, stabile Friedensordnung in Europa erzeugt hätte. In rein machtpolitischen Fragen ist nämlich praktisch immer ein Kompromiss möglich, wenn beide Seiten ihn wollen. Es ist zunächst kaum ein Grund zu erkennen, warum solch eine Lösung zwischen Russland und dem Westen in den mehr als drei Jahrzehnten zwischen dem Zerfall der Sowjetunion und dem 24. Februar 2022 nicht nur nicht gefunden, sondern auch nicht einmal wirklich gesucht worden ist.

Die Antwort, die ich hier auf diese Frage geben will, ist folgende: Es gibt in der Tat in unserer Gegenwart einen unversöhnlichen ideologischen Gegensatz zwischen Ost und West. Nur geht es dabei weder um die alte Frage „Freiheit oder Sozialismus?“ noch um einen Herrschaftsanspruch irgendeiner russischen Ideologie. Der ideologische Ost-West-Konflikt unserer Gegenwart geht vielmehr hauptsächlich vom Westen aus, und seine Fragestellung ist „Globalismus oder Partikularismus?“. Die Vorstellung von einer universellen Gültigkeit westlich-liberaler Wertvorstellungen erzeugt im Westen, oder zumindest bei den westlichen Eliten, eine Haltung, die nirgendwo mehr auf der Welt eine Abweichung von diesen Wertvorstellungen akzeptiert und damit auch keine Abgrenzung vom globalistischen Wirtschaftsmodell. Gegen diese Haltung hat Russland seit dem Amtsantritt von Präsident Putin (2000) gleich mehrfach „gesündigt“ und ist dadurch von einem machtpolitischen Konkurrenten des Westens zu einem ideologischen Todfeind geworden, der noch in viel größerem Maße gehasst wird als einst die marxistisch-leninistische (und damit von einer ihrem Ursprung nach westlichen Denkweise beherrschte) Sowjetunion. Die Todsünde des heutigen Russland ist zum einen seine auf nationaler Ebene politisch kontrollierte Wirtschaft, die sich der schrankenlosen Globalisierung entzieht. Zum anderen besteht sie darin, dass sich Putins Staatsmodell um Edmund Burkes konservatives „Wertedreieck“ Gott-Familie-Vaterland gruppiert und so in einer radikalen Konkurrenz zum entgrenzten westlichen Liberalismus unserer Zeit steht, der jede Bindung an nur schwer veränderbare menschliche Identitäten – Religion, Nation, Familie, Geschlecht, etc. – rigoros ablehnt und bekämpft. Der neue Ost-West-Konflikt beruht also tatsächlich auf einem tiefgreifenden ideologischen Gegensatz, und dieser Gegensatz ist wahrscheinlich sogar größer als die alte Spaltung zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Soweit der Westen von der global-liberalen, „kalifornischen“ Ideologie beherrscht wird, kann er in der gegenwärtigen Konfliktlage also gar keinen Kompromiss mit Putins Russland suchen. Dies erklärt den zurzeit offensichtlichen Russland-Hass unserer Eliten, die sich kein anderes Kriegsende als einen „Siegfrieden“ mehr vorstellen können und zu diesem Zweck sogar bereit scheinen, ein selbstmörderisches Überschreiten der Nuklearschwelle in Kauf zu nehmen. Mit ein wenig Mut zur „Verschwörungstheorie“ kann man durchaus eine Ereigniskette von den Versuchen, den früheren US-Präsidenten Donald Trump unter Verweis auf eine „Russland-Connection“ zu stürzen, den fragwürdigen Umständen der Ablösung Trumps und dem Versuch einer fast totalen Gleichschaltung der öffentlichen Meinung im Westen im Zuge der Corona-Krise hin zum heutigen Ukraine-Konflikt ziehen. Es wäre in einem solchen Szenario von Anfang an darum gegangen, die US-amerikanische Militärmacht unter den Einfluss der globalistischen „kalifornischen Ideologie“ zu bringen und gleichzeitig im Westen ein Meinungsklima zu erzeugen, dass einem Krieg gegen Russland nicht mehr entgegensteht.

Ein Ansatz zu wirklichem Frieden müsste stattdessen von der Prämisse ausgehen, dass es Russland gestattet sein muss, seiner nicht-westlichen kulturellen Prägung entsprechend zu leben. Dazu wäre es allerdings nötig, dass der Westen von dem Anspruch auf Universalität seiner liberalen Wertvorstellungen abrückt, was kaum denkbar erscheint, weil dieser Universalitätsanspruch ein verfestigtes, ins Weltliche übergegangenes Erbe des westlichen Christentums ist, welches wiederum unserer eigenen Zivilisation zugrunde liegt. Man kann hier auch auf Oswald Spengler verweisen, für den das charakteristische Merkmal des „Abendlandes“, also des westlichen Kulturkreises, das „faustische“ Streben nach Unendlichkeit ist, was es natürlich sehr erschwert, andere Kulturkreise wie den slawisch-orthodoxen als gleichberechtigte Nachbarn anzusehen.

Der ideologische Ost-West-Gegensatz unserer Zeit spiegelt sich in einem machtpolitischen Konflikt, der sehr viel älter ist als sogar die Sowjetunion. Die Seemächte USA und Großbritannien stehen in einem natürlichen Gegensatz zu den Landmächten Deutschland und Russland. Dies erzeugt eine beständige weltpolitische Spannung, die im Ukraine-Konflikt nicht zum ersten Male die Gestalt eines „heißen“ Krieges annimmt. Dass der genannte Gegensatz, den etwa Carl Schmitt in seiner Schrift „Land und Meer“ behandelt, durchaus in der Gegenwart eine Rolle spielt zeigt sich etwa in Äußerungen von George Friedman, einem der führenden außenpolitischen Experten der USA, aus dem Jahr 2015. Friedman zufolge war es schon immer ein strategisches Hauptziel der USA, ein Bündnis der beiden Landmächte Deutschland und Russland zu verhindern, denn „vereint sind sie die einzige Macht, die uns [die Vereinigten Staaten] bedrohen kann“. Man erkennt hier ohne weiteres das gegenwärtige Bestreben der USA wieder, eine deutsch-russische Zusammenarbeit – etwa bei der Energieversorgung mittels der Pipeline Nord Stream 2 um jeden Preis zu verhindern und Deutschland geradezu in eine russlandfeindliche Position zu zwingen.

Damit sind die tieferen Ursachen des neuen Ost-West-Konfliktes beschrieben: Ein tiefgreifender ideologischer Gegensatz zwischen Globalismus und Partikularismus und ein genauso tiefgreifender geopolitischer Gegensatz zwischen den USA und Russland. Die Konfliktlage erscheint in diesem Bild also als hauptsächlich vom Westen her angetrieben. Es wäre aus meiner Sicht allerdings falsch, aus dieser Erkenntnis heraus in der gegenwärtigen Kriegssituation die russische Partei ergreifen zu wollen. Ideologie und Geopolitik können den Ukraine-Krieg zwar erklären, aber sie rechtfertigen nicht Putins radikale Verneinung eines nationalen Selbstbestimmungsrechtes des ukrainischen Volkes, die Zerstörung ukrainischer Städte wie Mariupol, fünfstellige Opferzahlen unter der ukrainischen Zivilbevölkerung und die Herbeiführung einer Massenflucht aus dem Kriegsgebiet, welche die Flüchtlingsströme von 2015/16 in den Schatten zu stellen droht. Man sollte als deutscher Oppositioneller nicht in den falschen Reflex verfallen, allein deshalb für Putin sein zu müssen, weil unsere Regierung gegen ihn ist. Das nationale Selbstbestimmungsrecht des ukrainischen Volkes und dessen kämpferisches Eintreten für eine auf dem Begriff der Nation gründende Demokratie verdienen die Unterstützung gerade nationalkonservativ gesinnter Kräfte im Westen.

Man kann hier sogar noch einen Schritt weitergehen und Hoffnung in der Tatsache finden, dass in dem beschriebenen neuen ideologischen Ost-West-Konflikt auf eigenartige Weise auch die Ukraine auf der Seite des Partikularismus, und nicht des Globalismus, steht. Der Freiheitskampf der Ukrainer knüpft nämlich an die großen bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts an, als eine ganze Reihe von Völkern einen politischen Willen entwickelten, dadurch überhaupt erst zu Nationen wurden und dann – mehr oder weniger erfolgreich – für eine Kombination aus Demokratie und nationaler Selbstbestimmung kämpften. Diese Zielsetzung widerspricht dem heutigen Globalismus und der „kalifornischen Ideologie“ zutiefst. In der offiziellen deutschen Propagierung eines blau-gelben „Ersatznationalismus“ steckt also ein tiefer innerer Widerspruch, der meiner Erwartung nach irgendwann auch in unserer Innenpolitik sichtbar werden muss. Man kann nicht auf Dauer das Streben nach nationaler Selbstbestimmung und einen identitären Volksbegriff in der Ukraine enthusiastisch bejubeln und gleichzeitig diese Werte in Deutschland als staatsfeindlich betrachten. Vielmehr könnte das deutsche Volk diese Dinge am Beispiel der Ukraine für sich selbst wiederentdecken und dann eine Art bürgerliche Revolution gegen den modernen Global-Feudalismus starten, der schon seit geraumer Zeit in unserem Land die Demokratie immer mehr zurückdrängt. Da Ähnliches auch für andere westeuropäische Staaten gilt, könnte die Ukraine in ähnlicher Weise zu einem „Messias der Völker“ werden, wie es Polen in seinem Unabhängigkeitskampf des 19. Jahrhunderts dem Dichter Adam Mickiewicz (1798-1855) zufolge war.

Auch wenn dies angesichts der täglichen Schreckensbilder aus der Ukraine noch Utopien sind, kann man trotzdem als nationalkonservativ gesinnter deutscher Oppositioneller einige Hoffnung aus der Erkenntnis ziehen, dass im ukrainisch-russischen Krieg beide Seiten den Partikularismus vertreten und nicht für Globalismus und „kalifornische Ideologie“ kämpfen. Diese Einsicht kann auch dabei helfen, den Riss zu kitten, den der Ukraine-Konflikt zurzeit im „rechten“ politischen Lager erzeugt. Neutralität ist nach dem Gesagten genauso eine legitime Position wie die Unterstützung des ukrainischen Freiheitskampfes. Es sollte aber auch die Befürwortung legitimer russischer Interessen nicht bekämpft werden, solange dabei nicht in einen „Putinismus“ verfallen wird, der am Ende sogar in einem russischen Einmarsch in Deutschland eine Erlösung von der „Corona-Diktatur“ sehen würde. Wer solchen Ideen anhängt, sollte sich einmal bewusst machen, dass sich russische Soldaten in Deutschland kaum anders verhalten würden als zurzeit in der Ukraine. Meine persönliche Zukunftsvision ist ein von US-amerikanischem und chinesischem Einfluss weitgehend freies, selbstbestimmtes Europa der Vaterländer unter Einschluss der Ukraine, verbunden mit der langfristigen Möglichkeit, dass eines Tages auch ein zum Positiven verändertes Russland dieser Völkergemeinschaft angehören kann.

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Dr. Jens Woitas

Jens Woitas, geboren 1968 in Wittingen (Niedersachsen), verheiratet, lebt (mit einigen Unterbrechungen) seit 1970 in Wolfsburg. Abitur 1988, dann Zivildienst und Tätigkeit als Gartenarbeiter. Studium der Physik in Clausthal-Zellerfeld und Tübingen, dann Promotion zum Doktor der Naturwissenschaften in Heidelberg (1999). Wissenschaftlicher Mitarbeiter an astronomischen Forschungsinstituten in Tübingen, Heidelberg und Tautenburg (1995-2005), dann Unternehmensberater. Seit 2011 Erwerbsunfähigkeitsrentner. Von Kindheit an lebhaft an Politik, Geschichte, Literatur und Religion interessiert, Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche und von 2017 bis 2020 Mitglied der Partei DIE LINKE. Neben einer Reihe von Artikeln in astronomischen Fachzeitschriften auch Autor einer autobiographischen Erzählung (Schattenwelten, Mauer Verlag, Rottenburg am Neckar 2009). In den letzten Jahren intensive Beschäftigung mit dem Denken des Neomarxismus und der „Neuen Rechten“ unter Einbeziehung französischer Originaltexte, insbesondere von Alain de Benoist und Jean-Claude Michéa.

Im Lindenbaum Verlag ist unlängst das Buch „Revolutionärer Populismus. Das Erwachen der Völker Europas“ von Dr. Jens Woitas erschienen und kann hier bestellt werden: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/revolutionaerer-populismus/

Ein Kommentar zu “Globalismus gegen Partikularismus – ein Konflikt bis hin zum Dritten Weltkrieg?

  1. „Globalismus gegen Partikularismus- ein Konflikt bis in den dritten Weltkrieg.“

    Jens Woitas liefert hier eine sehr gute Analyse darüber worum es bei dem Konflikt in der Ukraine in Wirklichkeit geht. Das Arbeiten in Form von Fragen ist gut und viele davon werden teilweise auch mit großer Sachkenntnis beantwortet. Dies aber nicht bei allen aufgeworfenen Fragen. Antworten werden nicht immer gegeben oder aber nur unvollständig.
    Gleich zu Beginn: „Warum konnte eigentlich nach dem Umbruch von 1989/90 und dem damit verbundenen Kalten Krieges ein neuer Ost-West-Konflikt entstehen, …?“
    Der Einmarsch in die Ukraine gibt weder eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage noch wird dadurch der noch oder wieder bestehenden (neue) „Ost-West-Konflikt“ für jedermann deutlich gemacht. Gerade die Ereignisse des NATO-Beitritts von Finnland und Schweden zeigen dies. Um der Aktualität gerecht zu werden hätte Woitas zumindest dieses Ereigniss in seiner Analyse behandeln müssen. Die tatsächlichen Ursachen sind aber in der NATO-Osterweiterung seit 1990 zu sehen und stellten immer einen „Konflikt bis in den dritten Weltkrieg“ dar! Weiter sind sie auch eine Ursache dafür, dass es in der aktuellen Gegenwart keine Möglichkeiten zur Konfliktlösung gefunden werden konnte. Das war schon einmal anders, hier nenne ich den Duktus der deutschen Ostpolitik ab 1972 „Annäherung durch Entspannung“ und den „KSZE-Prozess“ ab 1975. Auch könnte man die Installierung der G 8 Runde nennen. Man kam zusammen und hat Gegensätze in den Auffassungen besprochen der Wille für Lösungen war vorhanden. That`s over.
    Man kann natürlich auch in diesen Geschehnissen ein perfides imperialistisches Manöver des Westens sehen, aber das lassen wir hier einmal!
    Auch wenn dann der Essay wohl zu lang geworden wäre, ist eine Erklärung der „tiefgreifenden ideologischen und geopolitischer Gegensätze“ der aktuellen Lage nur zu verstehen, wenn der genannte Kontext Berücksichtigung findet.
    Völlig unpassend finde ich die Behauptung, „der Freiheitskampf der Ukraine knüpft nämlich an die großen bürgerlichen Revolutionen des 18. Und 19. Jahrhundert an…“ Mir ist nicht bekannt wo und wann sich ukrainische politische Positionen jemals darauf bezogen haben? Gut, dass Sie hier nicht noch weiter zurück gegangen sind, etwa bis zum Kiewer Rus. Es ist unverständlich warum viele National-Konservative hier den Ursprung der ukrainischen Nation sehen wollen. Es ist eine unhaltbar Legende auf die der Wir Selbst Autor, Christian Böttger, in dieser Zeitschrift eine umfassende Antwort gegeben hat. Auch später kann schwerlich von einer einheitlichen ukrainischen Nation gesprochen werden. Ab wann bestand diese, 1918, 1921, 1939? Welche Regionen gehören dazu und wollen dies auch in der bestehenden Form, die ehemals habsburgischen/polnischen Gebiete; die Oblaste Donez und Lugansk? Fragen auf die die Geschichte später noch Antworten geben wird.
    Zum letzten Absatz des Essays: Zustimmung dafür, dass eine Erlösung von all den zu erduldenden Zumutungen in unserem Land in einem Einmarsch Russlands nicht zu sehen sind. Die Zukunftsvision auf ein „freies, selbstbestimmtes Europa der Vaterländer unter Einschluss der Ukraine…, später auch Russland“ ist erstrebenswert. Hier tut sich aber für mich die entscheidende Frage auf. Wer und wo sind die politischen Kräfte die uns dabei voranbringen und der Vision zum Sieg verhelfen. In Deutschland sehe ich keine einzige politische Kraft die dazu fähig wäre, schon gar nicht bei der national konservativen Rechten. Bei allen politischen Kräften fehlen die programmatischen Voraussetzungen. Der politische Wille ist nicht vorhanden. Veränderungen in diese Richtung können allenfalls durch einen Anstoß von außen auf einen Weg gebracht werden. Dieser muss politisch derartig gravierend sein, dass seine Wirkungskraft vielen Menschen unseres Volkes die Illusion für die herrschende politischen Heilideologien nimmt und Glaube und Hoffnung an eine selbstbestimmte Zukunft gibt. Eine Antwort darauf was dies sein könnte, habe ich leider nicht. Es muss sicher kein Einmarsch sein.

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