Die Ukraine und die Klärung deutscher Interessen

Ein Meinungsbeitrag von Hanno Borchert

Die Ukraine und die Klärung deutscher Interessen

Große Teile der politisch-medialen Klasse in diesem Land haben offensichtlich den Bezug zur Realität verloren und möchten ein nicht wehrfähiges Deutschland, dessen Nicht-Wehrfähigkeit gerade diese politisch-mediale Klasse mehrerer Generationen maßgeblich zu verantworten hat, nicht nur mittelbar wie bislang, sondern nun unbedingt unmittelbar an dem Krieg in der Ukraine beteiligt sehen. Schwere Waffen zu liefern wäre unsere sittlich-moralische Pflicht, wird auf allen Kanälen in schrillsten Tönen mit zunehmender Intensität deklamiert. Quasi nach dem Motto „Es walte Gerechtigkeit, und wenn die Welt zugrunde geht“, scheint hier eine Kriegslüsternheit sich Bahn zu brechen. Jedes Augenmaß geht wohl verloren. Wer zur Besonnenheit mahnt, wird einfach in übelst-dreister Weise der Kriegsunterstützung Putins bezichtigt oder als dummer Pazifist verunglimpft.

Hier folgt man einem primitiven Gut-Böse-Denken, welches aber der Komplexität des Konflikts im Osten niemals gerecht werden kann. Das aber ist von den lautstarken Moralisten und Sesselhelden in Politik und Medien wohl auch nicht beabsichtigt.

Doch bei aller Tragik des Krieges, es geht für Deutschland zuvorderst darum, „die deutschen Interessen zu klären – nicht die westlichen, nicht die russischen, nicht einmal die ukrainischen“, wie es der Historiker Karlheinz Weißmann kürzlich in der Jungen Freiheit schrieb. Sich in eine direkte Konfrontation mit Rußland zu begeben, kann niemals im deutschen Interesse liegen. Allein unsere Geschichte sollte das lehren.

Für Europa wäre die Ukraine mit Blick darauf, den Kontinent politisch neu zu definieren und zu positionieren, langfristig gesehen ein großer Gewinn. Nicht nur aus geopolitischer Sicht. Europa neu zu denken, ohne EU, in Äquidistanz zu den USA, zu Rußland und in zunehmendem Maße auch zur Volksrepublik China – und ohne irgendwelche eurasischen Träumereien à la Alexander Dugin.

Die Vision eines selbständigen, sowohl wirtschaftlich als auch militärisch starken Europas, unabhängig von der NATO, geprägt durch eine einmalig reiche kulturelle Vielfalt seiner Völker samt ihrer nationalen Identitäten, das aus eigener Stärke und eigenem Wollen heraus bestimmt, mit wem man warum welche Beziehungen unterhält. Ein freiheitliches und solidarisches Europa, welches keinerlei imperiale Gelüste hegt. Europa vereint unter dem Motto: „Wir selbst sein“!

Von dieser Warte aus gesehen läge es tatsächlich in deutschem und gesamteuropäischem Interesse, eine sowohl von Rußland, China als auch dem „Westen“ unabhängige Ukraine zu fördern und das ukrainische Volk jetzt in seinem Kampf gegen Putin und damit in seinem Streben zur neuen Nation mit Augenmaß zu unterstützen.

Hanno Borchert

Hanno Borchert, geb. 1959, Cuxhavener Jung von der Elbmündung. Schon in jungen Jahren wurde durch die Weltenbummelei (Südtirol, Balkan, Skandinavien, Indien, Iran, Indonesien u.a.) die Beigeisterung für die Sache der Völker geweckt.

Ausgebildeter Handwerkergeselle mit abgeschlossenem Studium der Wirtschaftswissenschaften. Bücherwurm seit Kindheitstagen an, musiziert und malt gerne und beschäftigt sich mit der Kunst des Graphik-Designs. Freischaffend.

„Alter Herr“ der schlagenden Studentenverbindung „Landsmannschaft Mecklenburgia-Rostock im CC zu Hamburg“. Parteilos. Ist häufig auf Konzerten quer durch fast alle Genres unterwegs. Hört besonders gerne Bluegrass, Country, Blues und Irish Folk. Großer Fan des leider viel zu früh verstorbenen mitteldeutschen Liedermachers Gerhard Gundermann.

Redakteur der alten wie neuen „wir selbst“, zwischendurch Redakteur der „Volkslust“.

3 Kommentare zu „Die Ukraine und die Klärung deutscher Interessen

  1. Kurz und gut: So ist es! Im Moment bin ja so dankbar für Stimme in diesem Sinne. Andererseits, wenn ich mich so im Freundes- und Bekanntenkreis umhören, dann frage ich mich, wie es zu diesen Ergebnissen bei den Meinungsumfragen kommt… Das ich den Scholz – punktuell – mal zustimme, wer hätte das gedacht…

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  2. Gleich weit entfernt von den eurasischen Träumereien eines Alexander Dugin bin auch von den Europa-Phantasien Hanno Borcherts. Ganz abgesehen von der Frage wieso ausgerechnet die durch und durch korrupte und chauvinistische Ukraine für Europa „ein großer Gewinn“ wäre – failed states wie Albanien, Kosovo, Nord-Mazedonien, Moldawien, Griechenland, Spanien etc. füttern wir als Mäzen doch wohl schon genug durch – gehört ja wohl auch Rußland,, das gerade erfolgreich dabei ist, die auch mit deutscher Hilfe seine acht Jahre von der kriminellen ukrainischen Führung terrorisierten Leute im Donbas zu befreien, zum großen Teil zu Europa.
    Nichts gegen Visionen, aber ein europäisches „Wir“ gibt es nicht und wird es auch nie geben. Wie auch, was haben ein Isländer und ein Sizilianer für Gemeinsamkeiten beziehungsweise gemeinsame Interessen. Europa ist kein Großraum, hat keinen Hegemon, nicht einmal tendenzielle Hegemonität, ist demographisch und militärisch am Ende, läßt sich ohne Gegenwehr von Abermillionen raumfremder Invasoren aus Asien und Afrika überrennen, und so steht zumindest im Westen dieses Kontinents die Dekadenz in voller Blüte. Wie auch immer: „Europa kann sich nur im Kriege vereinigen“ (George Sorel). Und selbst der wird für uns böse enden! Also bitte nicht ständig das längst widerlegte Blochsche Prinzip Hoffnung bemühen, sondern vieimehr realistisch die Lage erkennen und mit den Beständen rechnen. Und da sieht es nun mal sehr trübe aus!

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  3. Die Vision eines selbständigen, sowohl wirtschaftlich als auch militärisch starken Europas, unabhängig von der NATO, geprägt durch eine einmalig reiche kulturelle Vielfalt seiner Völker samt ihrer nationalen Identitäten, das aus eigener Stärke und eigenem Wollen heraus bestimmt, mit wem man warum welche Beziehungen unterhält. Ein freiheitliches und solidarisches Europa, welches keinerlei imperiale Gelüste hegt. Europa vereint unter dem Motto: „Wir selbst sein“
    So wird hier eine Europautopie entworfen.
    Aber: 1. Rußland gehört zu Europa. Es wurde erst durch die Gründung der EU und der NATO ausgeschlossen aus Europa,weil die westeuropäische EU/NATO von Anfang an ihre Osterweiterung anvisierte, alle osteuropäischen Länder in die kapitalistische Welt zu reintegrieren und Rußland auszuschließen als zu mächtig für ein Land in diesem Europa.
    2. Die westeuropäischen Staaten verband nur die gemeinsame Feindschaft gegen den Osten, seit dem dieser Feind besiegt ist, revitalisieren sich die Konkurrenzen zwischen den EU-Staaten. So ist es kein Zufall, daß die gegen Rußland beschlossenen Boykotte Deutschland am meisten schädigen.Das Feindbid „Putin“ soll nun die sich zersetzende EU und die NATO revitalisieren und das gelingt nun auch mit dem erfreulichen Nebenergebnis, die deutsche Wirtschaft zu schädigen aus Sicht der Wirtschaftskonkurrenz der anderen EU- Staaten.
    3. Deutschland gehört zwar zum Abendland, kulturell aber nicht zu Westeuropa, das jetzt angloammerikanisch dominierte. (Vgl Thomas Mann: Unpolitische Betrachtungen) Unser Platz geopolitisch wie kulturell wäre in der Mitte Europas mit guten Beziehungen zu Rußland zu beidseitigem Nutzen und der Absteckung der jeweiligen Interessensräumen.

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