„Und altes Leben blüht aus den Ruinen.“ Rekonstruktion in Architektur und Kunst seit 1990

Buchbesprechung von Werner Olles

„Und altes Leben blüht aus den Ruinen.“ Rekonstruktion in Architektur und Kunst seit 1990

Der Politikwissenschaftler und Kunsthistoriker Dr. Claus-M. Wolfschlag hat gemeinsam mit dem in Architektur-Bürgerinitiativen engagierten Daniel Hoffmann ein Buch vorgelegt, das sich mit den Architektur-Rekonstruktionen zwischen 1990 und 2020 beschäftigt. Zwar gehört Deutschland trotz der durch den alliierten Luftkrieg und Nachkriegsverschandelungen zerstörten Innenstädte zu den europäischen Ländern mit den meisten Altbauten. Vor allem in Mitteldeutschland findet der Besucher noch zahlreiche Klein- und Mittelstädte, die architektonische Örtlichkeiten aufweisen, die er als schön empfindet.

Doch besonders von jungen Leuten hört man immer wieder, daß viele deutsche Innenstädte ein Defizit an historischer Architektur und somit an urbaner Ästhetik aufweisen. Dies alles ist keineswegs nur die Folge der Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, sondern auch der modernistischen Stadtplanungen in Jahren des Wiederaufbaus.

Tatsächlich ziehen Touristen, Immobilienkäufer oder Mieter historische oder zumindest historisierende Architektur, die sich in gepflegten Zustand präsentiert, modernistischen Neubauten vor. An diesem Punkt setzt die aktuelle Rekonstruktionsbewegung an, indem sie versucht, historische Bauten neu zu errichten. Es ist der Versuch, schöne Orte zu erschaffen und die von mißlungenen Planungen zerstörten Stadtbilder zu heilen.

Johann Wolfgang von Goethe, Geburtshaus Frankfurt am Main –
Alte Ansichtskarte

Die erste Welle der Rekonstruktionsbewegung fand in der unmittelbaren Wiederaufbau-Phase der Nachkriegszeit statt. Doch bereits bei der 1951 fertiggestellten Rekonstruktion des Goethe-Hauses in Frankfurt am Main kam es zum ideologischen Streit. So argumentierte der Links-Katholik Walter Dirks: „Es war kein Versehen, keine Panne der Geschichte, sondern es hat seine Richtigkeit mit diesem Untergang. Deshalb sollte man ihn anerkennen.“ Für den Wiederaufbau sprachen sich hingegen der Philosoph Karl Jaspers und der Nobelpreisträger und Schriftsteller Hermann Hesse aus. Letzterer erinnerte an den vitalen Verlust, „als welch trauriger Krankheitsherd sich die Zerstörung der historischen Städte erweisen wird. Es ist damit nicht nur ein großes, edles Gut vernichtet, eine Menge hoher Werte an Tradition, an Schönheit, an Objekten der Liebe und Pietät zerstört: es ist auch die bildende und durch Bilder erziehende Umwelt der künftigen Geschlechter und damit die Seelenwelt dieser Nachkommen eines unersetzlichen Erziehungs- und Stärkungsmittels, einer Substanz beraubt …“

Eine zweite Welle der Rekonstruktionsbewegung erfolgte nach dem Ende der Wiederaufbauphase ab Mitte der 1970er Jahre, als der immer stärker angewachsene Modernismus bereits überwunden schien. In Frankfurt am Main entstanden bis in die Mitte der 1980er Jahre die postmodernen Giebelhäuser der Saalgasse, die postmoderne Schirn-Kunsthalle und kaum einen Steinwurf entfernt die Fachwerkhäuser der Römerberg-Ostzeile.

Römerberg mit Gerechtigkeitsbrunnen von Joh. Hocheisen und Ostzeile. Die Ostzeile des Platzes wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und in den 1980er Jahren nach alten Vorlagen wieder aufgebaut.

Die dritte große Welle der Rekonstruktionsbewegung setzte dann nach der Wiedervereinigung von 1990 ein. So kam die deutsche Einheit gerade noch rechtzeitig vor dem drohenden Verlust zahlreicher historischer Stadtlandschaften in Mitteldeutschland. Es entwickelten sich von dort aus Impulse zu Rekonstruktionen bedeutender Bauwerke und Ensembles wie beispielsweise durch die „Gesellschaft historischer Neumarkt Dresden“ die sich für eine weitgehende Rekonstruierung des historischen Stadtzentrum des im Zweiten Weltkrieg grausam zerstörten Elbflorenz einsetzte. Die wiederaufgebaute Dresdner Frauenkirche und das vom SED-System gesprengte Berliner Stadtschloß sind Beispiele für den Erfolg von Rekonstruktions-Projekten in den mitteldeutschen Bundesländern.

Frauenkirche am Neumarkt von Südwesten, nachkoloriert, vor 1930

Diese drei Jahrzehnte der sogenannten dritten Welle der Rekonstruktionsgewegung ab 1990 werden im Buch mit einer Fülle an vorgestellten Bauwerken behandelt und auch bildlich dargestellt. Das Buch wendet sich dabei nicht nur an das Fachpublikum, sondern an alle interessierten Bürger, denen damit das Thema der Rekonstruktionen in Deutschland in seiner ganzen Bandbreite nahegebracht wird.

Zwar dominiert bis heute in den Neubausiedlungen „die ornamentlose Gleichförmigkeit“ (Claus-M. Wolfschlag), doch meldete sich Kritik an der modernistischen Architektur und Stadtplanung bereits in den 1960er Jahren, als Wolf Jobst Siedler seine Schrift „Die gemordete Stadt“ veröffentlichte und 1998 schließlich Léon Kriers Werk „Freiheit oder Fatalismus“ auf dem deutschen Buchmarkt erschien. Hinzu kamen viele weitere Bücher, Essays, und Artikel, die mahnende Worte gegen die monströsen Straßenbilder und modernistischen Tendenzen in der Architektur richtete. Wolfschlag ist jedenfalls optimistisch, daß die Dominanz des Modernismus zukünftig keinesfalls so deutlich bleiben muß. Irgendwann werde es zu einer Rebellion der jungen Generation des Hochschul- und Architektenapparates kommen und dadurch eine neue Baukultur entstehen. Eine geistige Revolution der Architektenschaft könne eine neue große Baukultur aus dem Geist der Historie schaffen, um Raum zu schaffen für die Schönheit, „die auch eine spirituelle Huldigung des Lebens ist“ (Wolfschlag). So lautet auch ein Zitat des großen Architekten Léon Krier: „Das Ideal einer schönen Stadt, eines schönen Hauses, von schöner Architektur ist nicht utopisch; Wir alle haben es in der Realität erfahren, und es lebt stark in uns fort. Wir haben dort ein Gefühl von Frieden gefunden, eine Möglichkeit, glücklich zu sein, den Traum von Wohlbefinden. Aus dieser Sicht sind Aufbau und Pflege unserer Heimat die höchsten Ziele menschlichen Strebens. Ein schönes Dorf, ein schönes Haus, eine schöne Stadt kann für uns alle ein Zuhause werden, eine universale Heimat. Wenn wir dieses Ziel aus den Augen verlieren, schaffen wir unser eigenes Exil auf Erden.“

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Werner Olles

Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

Autor der Bücher:

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Grenzgänger des Geistes. Vergessene, verkannte und verfemte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

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Feindberührungen – Wider den linken Totalitarismus!

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