Purge Day – realistische Zukunftsvisionen und kathartische Wirkungen

von Dr. Winfried Knörzer

Purge Day – realistische Zukunftsvisionen und kathartische Wirkungen

Viele USA-Reisende berichten oft ein wenig erstaunt, wie verblüffend ähnlich doch die in Hollywood-Filmen gezeigte Lebenswirklichkeit den tatsächlichen Verhältnissen ist. Darum verdient das Aufkommen neuer Filmthemen eine gewisse Aufmerksamkeit, weil sie ein Hinweis auf neue gesellschaftliche Entwicklungen sein könnten.

In den letzten Jahren hat sich ein neues kleines Subgenre in der Schnittmenge zwischen Horror, Thriller und Science Fiction etabliert, das im Titel auf einen sogenannten Purge Day Bezug nimmt. Diese Filme spielen in einer nicht näher bestimmten, nahen Zukunft, in der das Ausmaß der Gewalt massiv zugenommen hat. Um die Gewalttätigkeiten einzugrenzen hat man eine Institution, den Purge Day, geschaffen, um ihr ein kathartisches Ventil zu verschaffen. An einem Tag im Jahr werden die Gesetze außer Kraft gesetzt: jeder kann straflos beliebige Verbrechen incl. Mord begehen. Die weitere Filmhandlung kreist dann zumeist darum, wie sich eine Familie in ihrem verbarrikadierten Haus gegen die eindringenden Mordbrenner zur Wehr setzt.

THE PURGE Trailer

Man muß kein Soziologe sein, um in diesem Subgenre einen Reflex der die USA endemisch heimsuchenden Unruhen (zumeist rassischer Art) zu erkennen. Wie in diesen Filmen bleiben die bei diesen Unruhen begangenen Straftaten großenteils ungeahndet, was die Vermutung nahelegt, daß gleichfalls die kathartische Wirkung einer temporären Suspendierung des Rechtszustandes billigend in Kauf genommen wird. Die Diskrepanz zwischen dem Maximum an verbrecherischer Gewalt und Minimum an Strafverfolgung ist wirklich erstaunlich. Es scheint gewissermaßen eine Vereinbarung zu existieren: Ihr könnt euch austoben, wenn ihr anschließend auf politische Forderungen verzichtet, und wir lassen euch bei euren Plünderungen unbehelligt.

Da sich diese Aufstände häufig an umstrittenen, als rassistisch interpretierten Handlungen polizeilicher oder sonstiger staatlicher Organe entzünden, wird eine politische Motivation unterstellt. Doch der politisch problematische Anlaß ist nur der Auslöser für einen elementaren Gewaltausbruch, der einer tieferen Schicht als der des Politischen entspringt. Diese Ausschreitungen entbehren einer politischen Führung ebenso wie klaren politischen Forderungen. Nachdem die Meute sich ausgetobt hat, verlischt das Strohfeuer der Rebellion, und es kehrt wieder Ruhe ein, als sei nichts geschehen.

Die Unruhen sind ein realer Purge Day, an dem eine politische Problematik zur Entladung in Form gewalttätiger Eruptionen kommt, was der Notwendigkeit enthebt, diese Problematik einer wirklichen politischen Lösung zuführen zu müssen. Man akzeptiert die Schäden, weil man weiß, daß eine Lösung unmöglich ist. Eine Lösung könnte nur darin bestehen, die Gesellschaft so umzubauen, daß deren tragende Säulen zerstört werden, was ein viel höherer Preis wäre als die gelegentliche Zulassung einer rechtsfreien Phase.

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Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

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